Deutscher Rap und Politik – zwangsläufig verbunden?

Kunst und Poli­tik sind seit jeher mit­ein­an­der ver­bun­den. Die Geis­ter schei­den sich jedoch an dem Punkt, an wel­chem dar­über dis­ku­tiert wird, wel­che kon­kre­te Form die­se Ver­bin­dung annimmt. Wäh­rend die einen in Kunst ledig­lich ein Abbild bestehen­der poli­ti­scher Ver­hält­nis­se sehen, ist es für ande­re eine Mög­lich­keit, mög­lichst kon­trä­re Posi­tio­nen zum Sta­tus quo aus­zu­drü­cken. Manch eine:r wür­de sogar so weit gehen, Kunst als Vor­rei­te­rin und zen­tra­le Instanz von poli­ti­schen Ver­än­de­run­gen oder Revo­lu­tio­nen zu betrach­ten. Hier­zu gesel­len sich Debat­ten um die Fra­ge, ob Kunst ledig­lich bestehen­de Macht­ver­hält­nis­se und Hier­ar­chien stär­ke, wenn davon aus­ge­gan­gen wird, dass sowohl das Aus­üben als auch das Ver­ste­hen von Kunst häu­fig durch enor­me Pri­vi­le­gi­en bedingt ist.

Im Fal­le der HipHop-​Kultur ist jedoch bereits his­to­risch eine ein­deu­ti­ge Ver­bin­dung mit poli­ti­schen Fak­to­ren gege­ben. Hip­Hop – als afro­ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur – hat eine poli­ti­sche Aus­rich­tung, die sich unter ande­rem als anti­ras­sis­tisch sowie antik­las­sis­tisch und dem­entspre­chend "links" beschrei­ben lässt. Inner­halb die­ses Kon­tex­tes besteht auch eine gewis­se Ver­ant­wor­tung für alle Betei­lig­ten, die­se poli­ti­sche Grund­ein­stel­lung eben­falls zu über­neh­men. Ins­be­son­de­re, weil sie sich die­se Kul­tur aneig­nen, denn vie­le deut­sche HipHop-Akteur:innen sind mit Pri­vi­le­gi­en aus­ge­stat­tet, die den afro­ame­ri­ka­ni­schen Kolleg:innen seit jeher meist nicht zur Ver­fü­gung ste­hen. Rap-​Songs müs­sen zwar nicht immer expli­zit poli­ti­sche The­men behan­deln, eine grund­sätz­lich lin­ke Hal­tung soll­te bei hie­si­gen Akteur:innen und Fans jedoch vor­han­den sein, da die­se eben bereits ein Teil der adap­tier­ten HipHop-​Kultur ist. Dass dies nicht immer der Fall ist, zeigt zum Bei­spiel das irr­sin­ni­ge Auf­tau­chen von rech­ter Rap-​Musik. Trotz­dem gab es in den letz­ten drei­ßig Jah­ren enorm vie­le Künstler:innen, die sich ver­schie­dens­ten poli­ti­schen The­men sehr expli­zit in Tracks gewid­met haben. Ein klei­ner Teil die­ser poli­ti­schen Songs nimmt uns nun mit auf eine chro­no­lo­gi­sche Rei­se zwi­schen 1992 und 2021. Auf die­sem Weg fin­den sich zudem stets spe­zi­el­le poli­ti­sche Situa­tio­nen, die kon­tex­tua­li­siert wer­den müssen.

 

1992: Advan­ced Che­mi­stry – Fremd im eige­nen Land

"Ich habe einen grü­nen Pass mit einem gol­de­nen Adler drauf" oder "Kein Aus­län­der und doch ein Frem­der", sind Zei­len, die ver­mut­lich jeder Rap-​Fan im Ohr hat, wenn er an "Fremd im eige­nen Land" denkt. Advan­ced Che­mi­stry erschaf­fen 1992, mit ihrem ver­mut­lich bekann­tes­ten Track, eine anti­ras­sis­ti­sche Hym­ne. Torch und Lin­gu­ist neh­men in ihrer ers­ten Stro­phe all­tags­ras­sis­ti­sche Phä­no­me­ne aufs Korn, um in der drit­ten Stro­phe den Bogen zur deut­schen Gesetz­ge­bung zu span­nen. "In der Fern­seh­sen­dung die Wie­der­ver­ei­ni­gung. Anfangs hab' ich mich gefreut, doch schnell hab' ich 's bereut." Par­al­lel wird das Bestehen von Ras­sis­mus nicht nur tole­riert, son­dern auch poli­tisch aktiv geför­dert. Rela­tiv kon­kre­te Bei­spie­le dafür lie­fert Toni-​L in der zwei­ten Stro­phe. So geht es um die Aus­wir­kun­gen des Asyl­rechts und den media­len Umgang damit. Zudem pran­gert er an, war­um Gastarbeiter:innen, die "seit den 50ern" mit­ver­ant­wort­lich für den Wirt­schafts­auf­bau sei­en, noch immer am Ran­de der deut­schen Gesell­schaft leben würden.

Auch das Intro des Songs trägt bereits eine poli­ti­sche Mes­sa­ge. Zu hören ist ein Nach­rich­ten­spre­cher, wel­cher über Vor­fäl­le von rech­ter Gewalt in Rostock-​Lichtenhagen berich­tet. Gemeint sind hier die rechts­ex­tre­men Anschlä­ge auf die Zen­tra­le Auf­nah­me­stel­le für Asyl­be­wer­ber und ein Wohn­heim für ehe­ma­li­ge viet­na­me­si­sche Vertragsarbeiter:innen im August 1992. Die­se wer­den als der "Höhe­punkt" rechts­ex­tre­mer Gewalt nach dem zwei­ten Welt­krieg betrach­tet. Nicht nur, weil meh­re­re hun­dert Rechts­ex­tre­me dar­an betei­ligt waren. Zudem leis­te­ten auch die zustän­di­gen staat­li­chen Stel­len kei­ne Prä­ven­ti­ons­ar­beit, um die Bewohner:innen des soge­nann­ten Son­nen­blu­men­hau­ses zu schüt­zen. Statt­des­sen wur­den Poli­zei und Feu­er­wehr bei ihrem Ein­satz von tau­sen­den Schau­lus­ti­gen behin­dert, über­lie­ßen schließ­lich ins­be­son­de­re die viet­na­me­si­schen Bewohner:innen ihrem Schick­sal und rück­ten ab. In Kom­bi­na­ti­on mit der Hin­ter­grund­ge­schich­te des Intros von "Fremd im eige­nen Land" erhält auch die Text­pas­sa­ge bezüg­lich der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung eine tie­fe­re Bedeu­tung. Denn fast alle staat­li­chen Ver­ant­wort­li­chen des ZAst in Rostock-​Lichtenhagen wur­den zuvor aus West­deutsch­land nach Ros­tock – in die ehe­ma­li­ge DDR – ver­setzt. Zum Zeit­punkt der rechts­ex­tre­men Anschlä­ge sind vie­le von ihnen "nach Hau­se" in den Wes­ten gefah­ren und haben sich dem­entspre­chend nicht um die Pro­ble­ma­ti­ken rund um das Son­nen­blu­men­haus gekümmert.

Kofi Yak­po ali­as Lin­gu­ist beschreibt 2004 unter ande­rem, dass das Nut­zen des Begriffs "afro-​deutsch" im Track eine enorm poli­ti­sche Schlag­kraft hat. Denn eine pseudo-​ethnische Defi­ni­ti­on des Deutsch­seins wird mit­hil­fe einer sol­chen Selbst­be­zeich­nung von Schwar­zen Deut­schen ad absur­dum geführt und unter­bun­den. "Deutsch­sein" soll näm­lich – auch laut der Initia­ti­ve Schwar­ze Deut­sche – eine inklu­si­ve Dimen­si­on erhal­ten, wel­che eben alle Men­schen, die in Deutsch­land leben, ein­schließt. Lin­gu­ist ist auch der­je­ni­ge, der eine Brü­cke zwi­schen der Arbeit der ISD und "Fremd im eige­nen Land" schlägt. Denn bereits im Musik­vi­deo des Tracks offen­bart sich eine Ver­net­zung migrantisch-​gelesener Jugend­li­cher, die es in die­ser Form und Grö­ße medi­al noch nicht gege­ben hat. Spe­zi­ell Torch und Lin­gu­ist neh­men immer wie­der an Ver­an­stal­tun­gen des ISD teil, um sich mit ande­ren Afro-​Deutschen zu tref­fen und unter ande­rem poli­tisch aus­zu­tau­schen und zu vernetzen.

#Advan­ced­Che­mi­stry x Fremd im eige­nen Land HD (#360records)

 

1997: Freun­des­kreis – Leg dein Ohr auf die Schie­ne der Geschichte

In die­sem Track ver­bin­det Max Her­re sei­ne eige­ne Lebens­ge­schich­te mit etwai­gen poli­ti­schen Gescheh­nis­sen der Mensch­heits­ge­schich­te. Sei­ne Erzäh­lung beginnt, wie könn­te es anders sein, in sei­nem Geburts­jahr 1973. In die­sem Jahr begann jedoch nicht nur das Leben von Max Her­re in Stutt­gart. Auf der ande­ren Sei­te der Welt kam es zeit­gleich zu einem poli­ti­schen Macht­wech­sel, der an Grau­sam­keit und Bru­ta­li­tät kaum zu über­bie­ten war. Am 11.09.1973 nahm sich der zuvor demo­kra­tisch gewähl­te Prä­si­dent von Chi­le, Sal­va­dor Allen­de, das Leben, nach­dem unter ande­rem ein Luft­waf­fen­an­griff auf den Prä­si­den­ten­pa­last im Zuge eines Put­sches gestar­tet wur­de. "C.I.A., Chi­le ist ame­ri­ka­nisch" heißt es im Freundeskreis-​Track und ver­deut­licht, wer mit­ver­ant­wort­lich für den Putsch ist. Denn die C.I.A. unter­stütz­te den Putsch in einer ver­deck­ten Ope­ra­ti­on sowohl poli­tisch als auch finan­zi­ell und betrach­te­te dies als Punkt­ge­winn im Kal­ten Krieg. In Chi­le wur­de nach dem erfolg­rei­chen Putsch eine Mili­tär­dik­ta­tur unter der Füh­rung von Augus­to Pino­chet errich­tet. Die­ser Dik­ta­tur fie­len etli­che Men­schen­le­ben zum Opfer. Die meis­ten Schät­zun­gen gehen von etwa 3 000 bis 4 000 Per­so­nen aus, die aus "poli­ti­schen" Moti­ven ermor­det wur­den. Geschickt erwähnt Max Her­re in der ers­ten Stro­phe aber auch den Bür­ger­krieg in Kam­bo­dscha zwi­schen 1970 und 1975. Und lie­fert damit ein Bei­spiel dafür, dass Gräu­el­ta­ten nicht aus­schließ­lich von kapi­ta­lis­ti­schen Mäch­ten betrie­ben wer­den. In Kam­bo­dscha star­ben beim Geno­zid durch die maoistisch-​nationalistische – also sozia­lis­tisch ange­hauch­te – Bewe­gung der Roten Khmer ver­mut­lich weit über 2 000 000 Men­schen zwi­schen 1975 und 1979.

Wäh­rend Max in den 1980ern ein "ABC-​Schütze" in der Schu­le wur­de, ent­fach­te par­al­lel ein welt­wei­ter Macht­streit um ABC-​Waffen – also ato­ma­re, bio­lo­gi­sche und che­mi­sche Waf­fen. Die­ser zog spe­zi­ell in Euro­pa enor­me Auf­merk­sam­keit auf sich, zwang aber auch vie­le Men­schen in per­ma­nen­te Lebens­ge­fahr. 1986 kam es dann zur größ­ten Atom­ka­ta­stro­phe der Welt im Atom­kraft­werk Tscher­no­byl. Tscher­no­byl war damit 1986 die ers­te Kata­stro­phe, die auf der Inter­na­tio­na­len Bewer­tungs­ska­la für nuklea­re Ereig­nis­se auf Stu­fe 7 – also als kata­stro­pha­ler Unfall – ein­ge­ord­net wur­de. Dies bedeu­tet, dass eine erheb­li­che Frei­set­zung radio­ak­ti­ver Stof­fe statt­ge­fun­den hat. Die­se Frei­set­zung for­der­te sowohl direkt als auch indi­rekt etli­che Men­schen­le­ben und sorg­te für ver­schie­dens­te gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gun­gen, wie zum Bei­spiel die Strah­len­krank­heit und Schilddrüsenkrebs.

Mit 18 wur­de Max Her­re dann zum Anti­fa "mit Intifada-​Schal und Army-​Parka" und betont in der drit­ten Stro­phe noch ein­mal die Wich­tig­keit, sich stets mit Min­der­hei­ten und Unter­drück­ten zu soli­da­ri­sie­ren und dabei eine pazi­fis­ti­sche Grund­ein­stel­lung zu bewah­ren. Die letz­te Stro­phe endet mit der Zei­le und dem Titel des Tracks "Leg dein Ohr auf die Schie­ne der Geschich­te", die Pimf 2020 erneut auf­greift und dem Freundeskreis-​Song eine neue Ver­si­on ver­passt. In die­ser nutzt Pimf einen ähn­li­chen Auf­bau wie das Ori­gi­nal und erzählt eben­falls eine chro­no­lo­gi­sche Geschich­te. Die­se beginnt im August 1992 beim Son­nen­blu­men­haus in Rostock-​Lichtenhagen und schil­dert eine Viel­zahl rechts­ex­tre­mer Ver­bre­chen in Deutsch­land. Auch Gold­ro­ger ver­wen­de­te 2014 die Idee und Beat-​Elemente des Freundeskreis-​Tracks – im Zuge des Moment Of Truth-​Turniers vom splash! Mag – für einen Remix. In die­sem rappt er unter ande­rem über die deut­sche Wie­der­ver­ei­ni­gung, die Ereig­nis­se des 11. Sep­tem­ber 2001 und die Nukle­ar­ka­ta­stro­phe von Fuku­shi­ma 2011 – stets mit Ein­wür­fen zu sei­ner per­sön­li­chen Lebensgeschichte.

 

2001: Bro­thers Kee­pers – Adria­no (Letz­te Warnung)

In der Nacht vom 10. auf den 11. Juli 2000 wur­de der Fami­li­en­va­ter Alber­to Adria­no von drei Neo­na­zis in Des­sau zusam­men­ge­schla­gen und starb nur weni­ge Tage spä­ter an sei­nen Ver­let­zun­gen im Kran­ken­haus. Der Vor­fall ist längst nicht der ers­te, der deut­lich zeigt, dass Deutsch­land ein enor­mes Pro­blem mit einem spe­zi­ell Anti-​Schwarzen-​Rassismus hat. Aber der Tod von Alber­to Adria­no und der dar­auf­fol­gen­de Pro­zess für die Täter erhielt eine enor­me media­le Auf­merk­sam­keit, die ähn­li­che Vor­fäl­le zuvor nie erhal­ten hatten.

Im Zuge des media­len Echos und, um die Pro­ble­ma­tik hin­ter dem Mord län­ger­fris­tig im gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Dis­kurs zu ver­an­kern, ent­schlos­sen sich die BPoC-​Künstler Ade Ban­tu, Torch und D-​Flame, einen Ver­ein zu grün­den. Zu den "Bro­thers Kee­pers" sind bereits nach kur­zer Zeit etli­che wei­te­re BPoC-​Künstler dazu­ge­sto­ßen, dar­un­ter Samy Delu­xe, Afrob, Den­yo, Gen­tle­man und Sekou von Freun­des­kreis. Mit den Ein­nah­men gemein­sa­mer Kon­zer­te wur­den Opfer von rechts­ex­tre­mer Gewalt und auch Initia­ti­ven gegen Rechts­ex­tre­mis­mus unter­stützt. Bereits 2001 erschien dann ihr mit Abstand erfolg­reichs­ter Song "Adria­no (Letz­te War­nung)", pro­du­ziert von DJ Desue. Die Sin­gle ver­kauf­te sich über 200 000-​mal und hielt sich meh­re­re Wochen in den deut­schen Charts – trotz des eigent­lich radio­un­ty­pi­schen Themas.

2018 erhielt der Song eine neue Ver­si­on im Zuge des SamTV Unplug­ged von Samy Delu­xe. Von der ursprüng­lich rie­si­gen Beset­zung waren hier neben Samy nur noch Afrob, Torch, Den­yo und Xavier Naidoo dabei. Die­se wur­den von Mega­loh kom­plet­tiert. Er und Samy Delu­xe aktua­li­sier­ten den Track mit neu­en Stro­phen, die sich the­ma­tisch per­fekt in die ursprüng­li­che Ver­si­on ein­glie­dern. "Rech­te Poli­tik gefällt den rech­ten Wäh­lern, rech­te Poli­zis­ten hel­fen rech­ten Tätern", heißt es unter ande­rem in Mega­lohs Stro­phe. Einen dunk­len Schat­ten auf die­sen gran­dio­sen Song wirft ledig­lich die Ent­wick­lung des Man­nes, der für die Hook zustän­dig ist: Xavier Naidoo. Der Sän­ger drif­tet bereits seit eini­gen Jah­ren ins rech­te Milieu ab, spielt Kon­zer­te auf min­des­tens frag­wür­di­gen Ver­an­stal­tun­gen und koope­riert mit Musiker:innen, die sich selbst als rechts bezeich­nen. Außer­dem ver­brei­tet der Mann­hei­mer – unter ande­rem in Tele­gramm­grup­pen – Ver­schwö­rungs­my­then und zwei­felt an der Exis­tenz von rech­ter Gewalt. Lei­der ist Ade Ban­tu eines der weni­gen Mit­glie­der der Bro­thers Kee­pers, die sich ein­deu­tig von Xavier Naidoo distan­zie­ren. 2020 ver­öf­fent­licht er ein State­ment im Namen der Bro­thers Kee­pers, in dem er ver­deut­licht, dass unter ande­rem Ras­sis­mus und rech­te Gewalt nach wie vor in Deutsch­land exis­tie­ren. Zudem stellt er klar: "Wer Rechts­ex­tre­mis­mus als 'Fake News' abtut und Ver­schwö­rungs­theo­rien ver­brei­tet, ver­hält sich ver­ant­wor­tungs­los und respekt­los gegen­über allen Men­schen, die Opfer von rech­ter Gewalt wer­den und gewor­den sind."

Samy Delu­xe feat. Torch, Xavier Naidoo, Afrob, Mega­loh & Den­yo - Adria­no (SaMTV Unplugged)

 

2009: K.I.Z – Selbstjustiz

K.I.Z sind Teil einer Rei­he von Künstler:innen, die ihre poli­ti­schen Bot­schaf­ten ger­ne mal sub­til und mit viel Humor ver­brei­ten, dabei aber trotz­dem rela­tiv ein­deu­tig Posi­ti­on bezie­hen. So auch im Track "Selbst­jus­tiz". In der ers­ten Stro­phe nimmt Nico geschickt typi­sche Argu­men­ta­ti­ons­ket­ten von soge­nann­ten Bür­ger­weh­ren aufs Korn: "Ich hol' Kat­zen vom Baum und helf' alten Leu­ten über die Stra­ße, reit' mit Las­so durch die Hood und neh­me Kin­der gefan­gen!" Mit­te der 2000er waren ver­mut­lich über 4 000 Neo­na­zis in soge­nann­ten Kame­rad­schaf­ten orga­ni­siert. Ihr Vor­teil: Kame­rad­schaf­ten oder ähn­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­for­men waren zu die­sem Zeit­punkt vor Ver­bo­ten und der Unter­bin­dung von Ver­net­zun­gen wei­test­ge­hend geschützt. Nico schließt sei­nen Part mit der Zei­le "Den deut­schen Pass kriegst du erst, wenn du Kai­ser Wil­helm salu­tierst" ab. Dies ist ein ein­deu­ti­ger Sei­ten­hieb in Rich­tung Ein­bür­ge­rungs­test, in dem es unter ande­rem dar­um geht, Fra­gen zur deut­schen Geschich­te zu beant­wor­ten. Tarek bezieht sich im zwei­ten Part eben­falls auf die Bür­ger­weh­ren und stellt fest, dass die­se Grup­pie­run­gen längst nicht die ein­zi­gen pro­ble­ma­ti­schen bezie­hungs­wei­se rech­ten Umfel­der in Deutsch­land sei­en. Und so gleicht, laut ihm, auch die Poli­zei einer Gang, wäh­rend die Poli­tik Mafia-​ähnliche Struk­tu­ren offen­bart. In der Hook stel­len die Rap­per dann fest, dass die Welt voll mit Ver­rück­ten sei. Sie bie­ten jedoch auch eine mög­li­che Lösung an: So wür­den die K.I.Z-Richter in Zukunft Selbst­jus­tiz üben und dem­entspre­chend die Hel­den einer gerech­ten Welt sein.

In den 2000ern schien es aber auch posi­ti­ve poli­ti­sche Ver­än­de­run­gen zu geben, denn "end­lich kann Oba­ma die Wei­ßen ver­skla­ven". Barack Oba­ma wur­de 2008 zum ers­ten nicht-​Weißen Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten gewählt. Fast zeit­gleich zur Wahl in den USA fand eine der größ­ten Finanz­kri­sen aller Zei­ten statt. In die­sem Zusam­men­hang krie­gen auch Ban­kiers von K.I.Z ihr Fett weg: "Acker­mann, du Arsch­loch." An die­ser Stel­le ist Josef Acker­mann gemeint, der als allei­ni­ger Vor­sit­zen­der des Vor­stands der Deut­schen Bank AG maß­geb­lich an der Finanz­kri­se mit­be­tei­ligt war. Maxims Vor­schlag, um die­se "Kri­se" zu ver­hin­dern: Holt euch das Geld von den Ban­ken. Damit die­se es nicht wei­ter­hin von "den Armen neh­men und den Rei­chen schen­ken". Zudem stellt er die soge­nann­ten Ret­tungs­pa­ke­te infra­ge, von denen oft ledig­lich die bereits ver­sorg­ten Fir­men­chefs pro­fi­tier­ten, wäh­rend klei­ne­re Arbeitnehmer:innen häu­fig ent­we­der Gehalts­sen­kun­gen oder sogar Kün­di­gun­gen hin­neh­men muss­ten. Auch wenn der Song iro­ni­sche Ele­men­te und Über­spit­zun­gen kom­bi­niert, so blit­zen doch immer wie­der ein­deu­tig poli­ti­sche State­ments von K.I.Z auf, die sich spe­zi­ell auf die Zeit der 2000er beziehen.

 

2017: Ebow – Asyl

Der über­wie­gen­de Teil künst­le­ri­schen Out­puts von Ebow ist ver­mut­lich der Inbe­griff eines Poli­ti­kums. Die gebür­ti­ge Münch­ne­rin setzt sehr bewusst dar­auf, ihrem musi­ka­li­schen Werk stets einen poli­ti­schen Rah­men zu ver­pas­sen. Das bedeu­tet nicht, dass all ihre Songs expli­zit poli­ti­sche The­men behan­deln. Eine min­des­tens laten­te Posi­tio­nie­rung lässt sich jedoch fast immer her­aus­hö­ren. Spe­zi­ell ihr Ein­satz für migran­ti­sche und quee­re Com­mu­ni­tys ist hier auf­fäl­lig. Das Beson­de­re: Ihre poli­ti­schen Bot­schaf­ten ver­mit­telt sie zwar sehr ein­deu­tig und kon­kret, prä­sen­tiert die­se aber häu­fig mit einer Battlerap-​Attitude, die in die­ser Form ein­zig­ar­tig ist. Dies geschieht auch auf dem Track "Asyl".

2015 und 2016 ließ sich spe­zi­ell in Deutsch­land ein kla­rer Rechts­ruck fest­stel­len. Haupt­ur­sa­che dafür war die soge­nann­te "Flücht­lings­kri­se". Der Begriff ist nicht nur unschön. Hin­ter ihm ver­birgt sich auch eine Ideo­lo­gie, die men­schen­feind­li­cher kaum sein könn­te. So wer­den Ursa­che und Wir­kung in Bezug auf Flucht ver­dreht und Flüch­ten­de als Sün­den­bö­cke und Verursacher:innen ihrer eige­nen Situa­ti­on dar­ge­stellt. Nutznießer:innen die­ser Situa­ti­on waren unter ande­rem die rechts­ex­tre­me Orga­ni­sa­ti­on Pegi­da und die erst drei Jah­re zuvor gegrün­de­te Par­tei Alter­na­ti­ve für Deutsch­land. 2016 waren ihre Haupt­the­men dann ins­be­son­de­re die "Flücht­lings­kri­se" und Migra­ti­on in Kom­bi­na­ti­on mit einer zu befürch­ten­den "Isla­mi­sie­rung des Abend­lan­des". Dies führ­te dazu, dass die Par­tei wei­te­ren Zulauf von rech­ten Wähler:innen erhielt und dadurch unter ande­rem in etli­che Lan­des­par­la­men­te ein­zie­hen konn­te. Alex­an­der Gau­land bezeich­ne­te die "Flücht­lings­kri­se" sogar dreist und men­schen­feind­lich als "Geschenk" für sei­ne Partei.

Ebow nimmt in ihrem Track sehr bewusst eine beob­ach­ten­de Rol­le ein und begrüßt ihre "Brü­der und Schwes­tern", die in Deutsch­land ankom­men. Dabei umkurvt sie geschickt die von rech­ten Orga­ni­sa­tio­nen und Par­tei­en genutz­ten Begriff­lich­kei­ten und stellt statt­des­sen die Situa­ti­on der Geflüch­te­ten in den Mit­tel­punkt. Ihre "Brü­der und Schwes­tern" sind ange­kom­men an einem Ort, der ihnen im Opti­mal­fall eine Per­spek­ti­ve, Sicher­heit und auch eine neue Hei­mat bie­ten soll­te. Statt­des­sen kom­men sie aber in einem Land an, dass ledig­lich auf den ers­ten Blick eine Per­spek­ti­ve und Sicher­heit bie­tet. Oder um es mit den Wor­ten von Ebow zu sagen: "Ange­kom­men im Wil­den, Wil­den Wes­ten." Und tat­säch­lich ist die­ser Ver­gleich nicht son­der­lich weit hergeholt.

Der Wil­de Wes­ten: Im Ame­ri­ka des 19. Jahr­hun­derts waren es die aus Euro­pa stam­men­den Einwander:innen, die die indi­ge­ne Bevöl­ke­rung ins­be­son­de­re in den Süd­staa­ten durch Gewalt ver­dräng­ten und das schein­ba­re "Recht des Stär­ke­ren" durch­setz­ten. 2015 und 2016 waren es hin­ge­gen wei­te Tei­le der deut­schen Bevöl­ke­rung, die den Immigrant:innen das Leben zur Höl­le mach­ten. Will­kom­mens­kul­tur und Frem­den­feind­lich­keit waren zwei ste­ti­ge Beglei­ter der Asylbewerber:innen in Deutsch­land, doch über­wog zu die­ser Zeit das Aus­maß an Frem­den­feind­lich­keit ein­deu­tig. Brand­an­schlä­ge auf Geflüch­te­ten­un­ter­künf­te und rech­te Gewalt gegen­über Asyl­su­chen­den war nicht nur Rea­li­tät, son­dern wur­de teil­wei­se sogar als "Nor­ma­li­tät" hin­ge­nom­men. Hin­zu­ka­men Ver­än­de­run­gen im Bereich des Asyl­rechts, sowohl in Deutsch­land als auch auf euro­päi­scher Ebe­ne, die es Asyl­su­chen­den zusätz­lich erschwer­ten, dau­er­haft Fuß zu fas­sen. Denn auch die büro­kra­ti­schen Hür­den auf dem Weg zu einem erfolg­rei­chen Asyl­an­trag gli­chen der Unüber­sicht­lich­keit des Wil­den Wes­tens. "Der Antrag ging ver­lo­ren. Der Antrag kam nie an. Ein Kind ist gestran­det. Ohne Namen, ohne Land." Ebow kommt in ihrem Track zu dem Schluss, dass Geflüch­te­te nur dann akzep­tiert wür­den, wenn sie in irgend­ei­ner Form dem kapi­ta­lis­ti­schen und dem­entspre­chend pro­fit­ori­en­tier­ten Sys­tem Deutsch­lands die­nen: "Ver­giss dei­ne Wer­te. Mach Geld oder ster­be." Ebow offen­bart mit "Asyl" die zyni­schen Züge west­li­cher Gesell­schaf­ten: Denn Men­schen flie­hen vor Krie­gen und Kri­sen nach Euro­pa. Also in Län­der, die die­se Krie­ge und Kri­sen zumeist mit­ver­ant­wor­ten und sogar an ihnen ver­die­nen. Par­al­lel wer­den die Asylant:innen unter ande­rem aus ras­sis­ti­schen Moti­ven von vie­len Men­schen nicht akzep­tiert und als "Ursprung allen Übels" betrach­tet. Es bleibt erschre­ckend, wie groß der Anteil der deut­schen Gesell­schaft – spe­zi­ell im Hin­blick auf die deut­sche Geschich­te – ist, der rech­te Ideo­lo­gien unter­stützt oder zumin­dest tole­riert. Nicht zuletzt die­ser Umstand macht auch aus Ebow selbst eine Künst­le­rin, die immer wie­der mit Anfein­dun­gen und der dau­er­haf­ten Gefahr rech­ter Über­grif­fe zu kämp­fen hat.

 

2021: Roger Rekless – Planspiel

Ebow ist längst nicht die ein­zi­ge Künst­le­rin, die ihren künst­le­ri­schen Out­put mit poli­ti­schem Akti­vis­mus ver­bin­det. Ähn­li­ches gilt unter ande­rem für den Rap­per Roger Rekless. Denn auch unab­hän­gig von sei­ner Musik ist er enorm aktiv – Stich­wort: "Rekless tut Din­ge". Hier­zu zäh­len unter ande­rem sei­ne anti­ras­sis­ti­sche Arbeit als Autor und als Podcast-​Host für "Talk Black - Leben trotz Ras­sis­mus". Dazu gesellt sich sei­ne Koope­ra­ti­on mit Goldei­mer – zur Pro­duk­ti­on von anti­ras­sis­ti­schem Klo­pa­pier, durch des­sen Ver­kauf unter ande­rem Spen­den für die Ama­deu Anto­nio Stif­tung und den ISD gene­riert wer­den – sowie sein Ein­satz in der offe­nen Jugend­ar­beit und für das Goethe-​Institut. Fast bei­läu­fig leiht er sei­ne Stim­me neben eini­gen ande­ren Sprecher:innen dem Hör­spiel "Saal 101", das sich mit der Auf­ar­bei­tung des NSU-​Prozesses befasst.

Im Sep­tem­ber 2021 erscheint sein Song "Plan­spiel" nur weni­ge Tage vor der Bun­des­tags­wahl in Deutsch­land. Die­ser Ver­öf­fent­li­chungs­zeit­punkt ist ver­mut­lich sehr bewusst aus­ge­wählt, denn der gesam­te Track behan­delt The­men und Pro­ble­me, die auf poli­ti­scher Ebe­ne obers­te Prio­ri­tät haben soll­ten. Bereits in der Beschrei­bung des Musik­vi­de­os heißt es: "Wenn wir begrei­fen, dass wir unse­re Welt aktiv for­men kön­nen, dann kön­nen wir es nicht hin­neh­men, dass man­che Men­schen es wie eine Art Plan­spiel sehen." Ein kla­rer Fin­ger­zeig auf poli­ti­sche Entscheider:innen, die ihre Macht nut­zen und ihre Ent­schei­dun­gen tref­fen, als wür­den die­se kei­ne rea­len Aus­wir­kun­gen auf ande­re Men­schen und den Pla­ne­ten im All­ge­mei­nen haben.

"Als wir noch sag­ten 'Baby­lon', klang das alles so dys­to­pisch." Mit "Baby­lon" ist hier nicht aus­schließ­lich die his­to­ri­sche und theo­lo­gi­sche Stadt gemeint, son­dern vor allem ihre pop­kul­tu­rel­le Bedeu­tung: ein Ort des Exils und der Ver­skla­vung oder sogar das "Zen­trum des Bösen". Spe­zi­ell durch Reggae-​Musik – unter ande­rem von Bob Mar­ley – wird die­ses Bild geprägt und eta­bliert. Dabei wird sich aber auch immer wie­der auf real exis­tie­ren­de Pro­ble­ma­ti­ken bezo­gen, wie zum Bei­spiel Ver­skla­vung. Für die Rasta­fa­ri aus Jamai­ka steht der Begriff sogar expli­zit für das west­li­che Gesell­schafts­sys­tem, wel­ches von Kor­rup­ti­on und Unter­drü­ckung durch­zo­gen ist. Dies sind Bil­der und The­men, die auch in "Plan­spiel" auf­ge­grif­fen werden.

"In Moria drän­gen sich Mеn­schen anein­an­der." Das Flücht­lings­la­ger Moria auf der grie­chi­schen Insel Les­bos ist einer der Orte, der das mensch­li­che und poli­ti­sche Ver­sa­gen – ins­be­son­de­re von Euro­pa – offen­bart. In dem Lager, wel­ches für nicht mal 3 000 Per­so­nen aus­ge­legt ist, leb­ten 2020 über 20 000 Men­schen. Die­se Situa­ti­on war bereits men­schen­un­wür­dig, wur­de im Sep­tem­ber 2020 jedoch durch einen Groß­brand noch­mals dys­to­pi­scher. Über Nacht wur­den etwa zwei Drit­tel der Bewohner:innen obdach­los. Eine Situa­ti­on, die zuvor auf poli­ti­scher Ebe­ne und von ver­schie­dens­ten Par­tei­en und Instan­zen hät­te längst ver­hin­dert wer­den müs­sen. Doch statt­des­sen wur­den Stim­men, die einen bes­se­ren Umgang mit Geflüch­te­ten for­der­ten, igno­riert und NGOs, wel­che sich für unter ande­rem See­not­ret­tung ein­set­zen, als "ille­ga­le Schlep­per­fir­men" abgestempelt.

Rekless ver­knüpft spe­zi­ell in der zwei­ten Stro­phe die Zusam­men­hän­ge zwi­schen dem Leid "ande­rer" und dem Han­deln ein­zel­ner Pri­vat­per­so­nen. "Kei­ne Lie­be für den unbe­kann­ten Frem­den. Immer Glei­che unter Glei­chen, nicht mit unbe­kann­ten Hän­den. Außer bei der Klei­dung, die du trägst. Den Schu­hen und dem Cap, der Kar­re und dem mobi­len Gerät." In einer Zeit, in wel­cher die Glo­ba­li­sie­rung in immer grö­ßer wer­den­den Schrit­ten vor­an­schrei­tet, stellt sich das Sys­tem des Kapi­ta­lis­mus ger­ne als ein Sys­tem dar, in dem alle in Form klei­ner Zahn­rä­der arbei­ten und auch alle pro­fi­tie­ren und qua­si "mit­wach­sen" kön­nen. Dass dies nicht der Fall ist, ist längst bekannt. Ins­be­son­de­re in den Sozial- und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten besteht ein Kon­sens dar­über, dass Kapi­ta­lis­mus zwangs­läu­fig zu noch mehr Ungleich­heit, Aus­schluss und Macht­kon­zen­tra­ti­on führt. Rekless' Zei­len zie­len hier jedoch sehr bewusst auch auf ein­zel­ne Per­so­nen. Zu sel­ten reflek­tie­ren Men­schen ihren Kon­sum von Klei­dung, Autos oder Smart­pho­nes. Das Hin­ter­fra­gen eige­ner Hand­lun­gen und Über­le­gun­gen dar­über, wel­che Kon­se­quen­zen das eige­ne Han­deln für "den unbe­kann­ten Frem­den" hat, müss­ten jedoch eine wesent­lich grö­ße­re Rol­le spielen.

Das "Plan­spiel" endet mit dem erneu­ten Ver­weis auf die dys­to­pi­schen Zustän­de unse­rer Zeit. Zuneh­mend kommt es zu Kri­sen und Krie­gen. Ins­be­son­de­re in Euro­pa ver­schließt man davor nicht nur die Augen und miss­ach­tet das eige­ne Ver­schul­den, son­dern schließt auch die Gren­zen und über­lässt unzäh­li­ge Men­schen ihrem eige­nen Schicksal.

Roger Rekless - Plan­spiel (Offi­cial Video)

 

Sta­tus Quo – wo deut­scher Rap ste­hen sollte

Roger Rekless erin­nert mit "Plan­spiel" dar­an, dass alle Men­schen auf irgend­ei­ne Wei­se mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Die­ser Umstand reicht bereits, um zu ver­ste­hen, dass auch Rap-​Musik kein in sich und nach außen hin abge­schlos­se­nes Sys­tem ist, wel­ches kei­ne Berüh­rungs­punk­te mit ande­ren sozia­len oder poli­ti­schen Berei­chen hat. Hin­zu­kommt der – bereits erwähn­te – his­to­ri­sche Kon­text, in wel­chem die HipHop-​Kultur ent­stan­den ist und wel­cher eine gewis­se Grund­hal­tung von Akteur:innen in die­sem Feld qua­si vor­aus­set­zen soll­te. Dem­entspre­chend ist es nicht ver­wun­der­lich, dass auch in die­sem Jahr etli­che poli­ti­sche Rap-​Songs auf­tau­chen, unter ande­rem von Audio88 & Yas­sin, Dan­ger Dan, Disar­star, Euni­que, Fato­ni & Edgar Was­ser, Jalil, KAFVKA, Main Con­cept, MC Rene, MC Smook, Mäd­ness, Nura oder Sugar MMFK. Auch in der Ver­gan­gen­heit gab es stets Künstler:innen, Songs und gan­ze Alben, die sich expli­zit poli­ti­schen The­men gewid­met haben. Die hier aus­ge­wähl­ten Songs stel­len ledig­lich eine Speer­spit­ze poli­ti­scher Rap-​Tracks in Deutsch­land der letz­ten drei­ßig Jah­re dar.

Trotz­dem sind die­se expli­zit poli­ti­schen Künstler:innen nur die eine Sei­te der Medail­le. Auf der ande­ren Sei­te tum­meln sich etwai­ge Akteur:innen, die den Ursprung und Kern der HipHop-​Kultur bewusst igno­rie­ren, umdeu­ten oder nicht ken­nen. Anders lässt sich etwa die Ent­ste­hung einer rech­ten Rap-"Szene" nicht erklä­ren. Aber auch ande­re Rapper:innen, die sich selbst als "nicht oder unpo­li­tisch" beschrei­ben oder durch enor­me Poli­tik­ver­dros­sen­heit glän­zen, ver­ges­sen, dass auch die­se Hal­tung poli­tisch ist und eine Mes­sa­ge aus­strahlt. Umso wich­ti­ger erscheint der Ein­satz ande­rer HipHop-Künstler:innen, die zudem häu­fig neben ihrer Kunst akti­vis­tisch unter­wegs sind und dem­entspre­chend ihre Fans und Follower:innen mit­rei­ßen kön­nen. Rap und Poli­tik sind letzt­lich wesent­lich enger mit­ein­an­der ver­bun­den, als es eini­ge Rapper:innen und Hörer:innen wahr­ha­ben wol­len. Zudem hat Hip­Hop einen enor­men Vor­teil gegen­über eini­gen ande­ren Kunst­for­men: Schließ­lich kön­nen Men­schen aus nahe­zu allen gesell­schaft­li­chen Sphä­ren par­ti­zi­pie­ren. Dem­entspre­chend haben spe­zi­ell Rapper:innen das Poten­zi­al, Men­schen ver­schie­dens­ter sozia­ler Her­künf­te poli­tisch anzu­re­gen oder sogar zu politisieren.

(Alec Weber)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)