FELLY – ein Gespräch über die Nacht

Wer FELLY schon ein­mal auf einer Büh­ne gese­hen hat, weiß: Der Mann hat Ener­gie. Er schreit, er springt, er lässt alles raus. Im nor­ma­len Leben steht mir aller­dings ein über­ra­schend ruhi­ger, bedach­ter Typ gegen­über. Er hat eine nahe­zu sanf­te Aus­strah­lung, wenn da nicht eine gewis­se Küh­le wäre, die erst im Lau­fe unse­res Gesprächs ein wenig ver­fliegt. In sei­nem von den Drun­ken Mas­ters pro­du­zier­ten Debüt "FELLY" hat er nun – nach eini­gen Party-​Bangern wie "Jawoll Alder" oder "DICH MAG KEINER" – all die­se Facet­ten und somit auch eine per­sön­li­che­re Sei­te von sich gezeigt. Von den Aben­den der "bro­ken Boys in einer rei­chen Stadt" nimmt er einen bis in die Tie­fen der Nacht mit, die bei ihm seit vie­len Jah­ren von einer Angst­stö­rung geprägt sind. Doch was hält die Nacht im All­ge­mei­nen für uns bereit? Sie ist durch­zo­gen von Kon­tras­ten – ohren­be­täu­bend laut oder mucks­mäus­chen­still, bene­belnd oder Klar­heit brin­gend, vol­ler Angst oder Frie­den, durch­zo­gen von Selbst­zer­stö­re­ri­schem oder Acht­sam­keit. Um all die­se Facet­ten zu beleuch­ten, tra­fen wir uns in einem Münch­ner Lokal zum Inter­view und stell­ten fest, dass ein Gespräch über die Nacht einer­seits und Pathos ande­rer­seits sehr nah bei­ein­an­der­lie­gen. So erzähl­te mir FELLY von einer Ein­sam­keit, die ihn lan­ge beglei­te­te, sei­nem feh­len­den Stolz auf Erfol­ge und einer oft selbst­zer­stö­re­ri­schen Demut. Und zu guter Letzt spra­chen wir – dem Pathos sei Dank – über Träu­me, die ihn seit sei­ner Kind­heit begleiten.

Trig­ger­war­nung: In die­sem Inter­view wer­den Angst­stö­run­gen und Panik­at­ta­cken sowie ihre kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen und damit ein­her­ge­hen­den Emo­tio­nen the­ma­ti­siert. Wenn Euch die­se Beschrei­bun­gen trig­gern könn­ten, soll­tet Ihr hier viel­leicht nicht weiterlesen.

MZEE​.com: Dein Debüt-​Album "FELLY" spielt in der Nacht und beleuch­tet all ihre Facet­ten. Ich den­ke mal, du bist grund­sätz­lich eher ein Nachtmensch? 

FELLY: Das ist von mei­ner Stim­mung abhän­gig, aber ich füh­le mich auf jeden Fall wohl in der Nacht – mit allem, was sie einem bie­ten oder eben nicht bie­ten kann. Sie ist ein Exit. Ich habe oft viel zu tun und genie­ße, wie ruhig alles ist, wenn ich nachts mit dem Hund raus­ge­he. Wie einen jedes Geräusch über­rascht. Tags­über wür­de einem das nie auf­fal­len. Das fin­de ich sehr span­nend. Ich schrei­be auch gern nachts.

MZEE​.com: Weißt du also eher die ruhi­ge als die lau­te Sei­te der Nacht zu schätzen?

FELLY: Ich mag das Lau­te auch sehr ger­ne. Ich mei­ne, ich habe mir gera­de einen Whis­key Sour bestellt. (schmun­zelt) Die letz­ten zwei Jah­re waren natür­lich nicht so davon geprägt wie nor­ma­ler­wei­se. Vor Coro­na war ich viel in Clubs, um mit den Jungs dort zu spie­len oder ein­fach fei­ern zu gehen … und mich unter­be­wusst viel­leicht ein biss­chen taub zu machen. Voll­gas und mit Pie­pen in den Ohren ein­schla­fen. Das fin­det zwar alles in der Nacht statt, aber eigent­lich ist für mich die Nacht, wenn man raus­geht und ein­fach nichts ist. Glück­li­cher­wei­se hat der Mensch irgend­wann das Feu­er und spä­ter die Elek­tri­zi­tät gefun­den, wes­we­gen wir immer den Tag simu­lie­ren kön­nen. Aber prin­zi­pi­ell ist es stock­dun­kel, wenn du dich jetzt in einen Wald stellst. Und das Bedroh­li­che, das du als Kind wahr­ge­nom­men hast, öff­net jetzt die Arme und du kannst sein, was du willst. Manch­mal ist das eben auch ein kom­plet­tes Abschießen.

MZEE​.com: "Sip­pen Ice-​Cube-​Bianco-​Schorle, Glo­cken­bach", "Triff mich nass­ge­schwitzt Sonn­tag­nacht im BLITZ", "Drei­ßig Calls ver­passt, ich geh' Kip­pen kau­fen, Rei­chen­bach". – Du sprichst in dei­nen Songs über eini­ge Orte in Mün­chen. Was macht das Münch­ner Nacht­le­ben für dich aus? 

FELLY: Das Münch­ner Nacht­le­ben ist prin­zi­pi­ell nur das, was du dar­aus machst. Es gibt kaum Clubs, die immer gleich funk­tio­nie­ren. Wenn man von Mün­chen nichts weiß, hier­her­kommt und irgend­wo fei­ern geht, wird man dort ver­mut­lich auch blei­ben. Man kann sich nicht so gut trei­ben las­sen. Das ist nicht wie in Ber­lin. Dort gibt es eine Welt, in die du ein­tauchst und die mit dir macht, was sie will. Mei­ne Freun­de von Radio 80000 haben die letz­ten Jah­re immer wie­der Par­tys ver­an­stal­tet. Das war Fami­lie. Es hängt viel an den Leu­ten und wie authen­tisch du als Veranstalter:in dei­ne Idee rüber­bringst. In irgend­ei­nen Club zu gehen, um zu fei­ern und mög­lichst viel Koh­le aus­zu­ge­ben, ist für mich kein Nacht­le­ben. Das ist ein­fach Kon­sum zu einer ande­ren Uhr­zeit. Aber über das Münch­ner Nacht­le­ben wird dir wahr­schein­lich jeder eine ande­re Geschich­te erzählen.

MZEE​.com: Fei­ern und nachts unter­wegs zu sein, ist für vie­le gleich­be­deu­tend mit Frei­heit. Was engt dich außer­halb der Nacht ein? Und wenn Fei­ern Frei­heit bedeu­tet: Was ist am nor­ma­len Leben unfrei? 

FELLY: (über­legt) Ich glau­be, das ist für jeden unter­schied­lich, aber man geht schon unter im All­tag. Je älter man wird und je mehr Ver­ant­wor­tung man hat, des­to mehr Leich­tig­keit geht ver­lo­ren. Man muss oft für ande­re mit­den­ken, hat Exis­tenz­ängs­te – da spielt sich ganz viel ab. Es gibt, viel­leicht auch aus Zeit­grün­den, manch­mal kei­nen Platz dafür, fern­ab von "Ich muss Geld ins Haus brin­gen" zu exis­tie­ren. Ich habe die­se Sei­ten auch und ich mag es auch, dis­zi­pli­niert zu sein, kom­ple­xe Vor­gän­ge zu ver­ste­hen und ande­ren Din­ge zu erklä­ren. Ich mer­ke aller­dings, sobald ich in die­sem Kor­sett ste­cke, dass ich vie­le Kom­pro­mis­se machen muss. Und das muss ich nicht, wenn ich fei­ern bin oder ein­fach nachts raus­ge­he, um durch­zu­at­men. Das ist jedoch auch nur eine gespiel­te Frei­heit, weil es am nächs­ten Tag wie­der los­geht. Aber es ist die kur­ze Sprit­ze Adre­na­lin. Coro­na und die gan­ze Zeit zu Hau­se zu sein, fand ich total schlimm. Home Office war am Anfang geil, letz­ten Endes hat­test du jedoch nach ein paar Wochen das Gefühl, dass du auf der Arbeit schläfst und sie jetzt auch noch bestimmt, was du zu Hau­se machst.

MZEE​.com: Es macht ver­mut­lich einen Unter­schied, ob man zu Hau­se krea­tiv arbei­tet oder einem "nor­ma­len" Job nachgeht. 

FELLY: Voll. Ich bin ein flei­ßi­ger Typ, ich habe mein Leben lang gear­bei­tet. Wäh­rend mei­nes Stu­di­ums war ich nicht in der Uni, son­dern hat­te vier fuck­ing Jobs. Ich wur­de dazu erzo­gen, flei­ßig zu sein. Aber manch­mal merkst du ein­fach, dass dein Kör­per dir sagt, dass es nicht mehr geht. Du brauchst die­se Frei­hei­ten und die Tat­sa­che, nicht dar­über nach­den­ken zu müs­sen. Wäh­rend Coro­na war das qua­si unmög­lich, weil man immer erreich­bar war, es gab viel mehr Bespre­chun­gen, jeder woll­te was von einem. Ich hat­te da noch Glück, weil ich nach der Arbeit ins Stu­dio gefah­ren bin. Da war ich unter der Woche bis zwei oder drei Uhr und am nächs­ten Tag muss­te ich um sie­ben für die ers­ten Calls auf­ste­hen. Mir war das ein­fach wich­tig, ich habe das gebraucht. Es geht dabei wahr­schein­lich oft um die Zeit, die einem durch Din­ge geraubt wird, die auf kur­ze oder lan­ge Sicht kei­nen Unter­schied machen, dich in dem Moment jedoch sehr belas­ten. Die­se Zeit kannst du nicht wie­der rein­ho­len. Ich stel­le mir ger­ne die Fra­ge, ob ich alles noch mal genau­so machen wür­de, wenn ich könn­te. In klei­nen Situa­ti­on, aber auch im gro­ßen Gan­zen. Und wenn dann die Ant­wort "Nein" lau­tet, ist das schon ein sehr unan­ge­neh­mes Gefühl.

MZEE​.com: Pas­siert dir das oft? 

FELLY: Jein. Ich bin schon der Mei­nung, dass es kei­ne rich­ti­gen und fal­schen Ent­schei­dun­gen gibt, doch natür­lich hat jeder Din­ge in sei­nem Leben, bei denen er denkt: "Da gewöh­ne ich mich schon dran. Das wird schon wie­der." Es wird aber nicht bes­ser und man zieht viel zu spät den Ste­cker. Klar, das wür­de man dann nicht noch mal machen. Ich hät­te wahr­schein­lich schon vie­les anders machen kön­nen, sol­len oder müs­sen. Aber im gro­ßen Gan­zen bin ich eigent­lich zufrieden.

MZEE​.com: Ist Fei­ern gehen für dich dann auch eine Flucht aus so etwas? 

FELLY: (zögert) Schon. Ich weiß nicht, war­um. Viel­leicht ist es die lau­te Musik oder die Tat­sa­che, dass immer jemand da ist. Man muss über die schlech­ten oder belas­ten­den Din­ge im Leben nicht so nachdenken.

MZEE​.com: Die eige­nen Gedan­ken wer­den von etwas ande­rem übertönt. 

FELLY: Voll. Und wenn du ein psy­chi­sches Han­di­cap hast, fin­dest du dabei einen Aus­weg. Es geht auch nicht dar­um, zu trin­ken. Du hast ein­fach ein Medi­um, in dem das nicht exis­tent ist. Egal, was pas­siert. Das Wort "Flucht" ist sehr pla­ka­tiv, aber ich arbei­te sehr viel, stres­se mich in alles rein und will alles sel­ber machen. Das ist auch eine Art von Flucht.

MZEE​.com: Glaubst du, du hast etwas Selbst­zer­stö­re­ri­sches in dir? 

FELLY: Ich habe mir noch nie gedacht: "Heu­te schie­ße ich mich kom­plett ab, damit ich alles ver­ges­se." Das ist ein Side Effect. Es wird einem erst bewusst, wenn man dar­über spricht. Aber selbst­zer­stö­re­risch im Sin­ne von Über­ar­bei­tung bin ich schon. Wenn man etwas nicht tut, hat man ent­we­der die Angst, dass man irgend­et­was ver­säumt oder man denkt, man wäre einen Schritt wei­ter, wenn man mehr gemacht hät­te. Das ist ein stän­di­ger Kreis­lauf. Ich bin ein­fach hart zu mir. Ich mer­ke auch immer wie­der, dass ich sehr zur Demut erzo­gen wur­de. Ande­re Leu­te wür­den in gewis­sen Momen­ten sagen: "Woah, schau, was ich hab'." Aber ich kann nicht stolz sein. Das letz­te Mal, dass ich stolz war, war wahr­schein­lich, als ich in der Schu­le in Mathe­ma­tik eine Eins bekom­men habe. Klar sagt man, dass man auf das Album oder ein bestimm­tes Kon­zert stolz ist. In der Situa­ti­on fühlt sich das gut an, aber sonst … Wenn ich das ändern könn­te, wür­de ich es ändern. Ich glau­be, vie­le Leu­te, die sehr erfolg­reich sind, ken­nen Stolz – oder all­ge­mein die meis­ten Men­schen. Ich weiß auch, wie er sich anfüh­len wür­de und ich wür­de ihn erken­nen, wenn er da wäre, doch ich habe ihn nicht. Damit zer­stört man sich auf lan­ge Sicht wahr­schein­lich schon irgendwie.

MZEE​.com: Du bist also sehr angetrieben. 

FELLY: Ich wür­de sagen, ich bin ein sehr angst­ge­trie­be­ner Mensch. Ich habe ein­fach Angst vor der Tat­sa­che, dass mich mei­ne Geis­ter ein­ho­len. Das ist schon sehr prä­sent. Ich kämp­fe dage­gen an, mache immer wei­ter und blei­be nicht ste­hen, damit die­ser Moment nicht kommt. Man rennt davor weg. Und natür­lich habe ich auch Exis­tenz­ängs­te. Was ist, wenn alles weg ist? Was mache ich hier über­haupt? Was ist Kunst wert? Ver­kau­fe ich mich unter Wert? Wie lan­ge kann ich damit leben, dass die Musik nichts ist, das mei­ne Rech­nun­gen bezahlt? Wenn das nicht der Fall ist, geht die Roman­tik schnell ver­lo­ren, und dann musst du so fest dar­an glau­ben, dass dir das nichts aus­macht. Das ist oft schwie­rig, aber aktu­ell bin ich roman­ti­scher denn je.

MZEE​.com: Du sprichst auf dem Album sehr berüh­rend und ehr­lich über dei­ne Angst­stö­rung, Schlaf­stö­run­gen und Panik­at­ta­cken. Hast du inzwi­schen einen Weg gefun­den, damit umzugehen? 

FELLY: Ja, schon. Ich ste­he dann ein­fach auf und bewe­ge mich. Was ich nicht mache, ist in den Spie­gel zu gucken. Es war schon schlim­mer, aber momen­tan habe ich es rela­tiv gut im Griff. Das ist schwie­rig in Wor­te zu fas­sen. Die Rou­ti­ne ist wahr­schein­lich schon hilf­reich. In den meis­ten Fäl­len hat man irgend­ei­nen Bewe­gungs­ab­lauf, etwas, das man sich anschaut – man geht eine rau­chen oder hört den immer glei­chen Song. Das ist für vie­le Men­schen der Exit. Doch wenn es hart auf hart kommt, bringt das auch nichts. Ich habe mich dem in den letz­ten Mona­ten mehr gestellt. Das war und ist sehr schlimm. Das ist schmerz­haft, denn es ist irra­tio­nal. Es kann alles sein, aber grund­sätz­lich ist es nichts. Es ist nur ein Gefühl. Allein die Tat­sa­che, dass ein Gefühl so viel mit dir machen kann, ist unfass­bar span­nend und ver­stö­rend. Man ist macht­los. Daher wäre es ver­mes­sen von mir zu sagen, ich hät­te es unter Kon­trol­le. Aber ich kann es bes­ser kanalisieren.

MZEE​.com: Es ist immer schwie­rig, in Bezug auf sol­che The­men Rat­schlä­ge zu geben. Aber kannst du Men­schen, die auch an einer Angst­stö­rung lei­den, etwas ans Herz legen? 

FELLY: Jeder Mensch ist unter­schied­lich. Alles, was dich beglei­tet, ist kom­plett indi­vi­du­ell. Es war für mich ein sehr schlim­mer Schritt, als ich mein­te zu rea­li­sie­ren, dass mir nie­mand dabei hel­fen kann und ich kom­plett allei­ne damit bin. Aber das stimmt nicht. Es gibt Leu­te, die sich damit aus­ken­nen. Es ist lei­der immer noch ein gro­ßer Strugg­le, jeman­den zu fin­den, bei dem man sich öff­nen kann, weil es schon schwie­rig ist, über­haupt einen The­ra­pie­platz zu bekom­men. Aber sprich auch mit dei­nen Freun­den und dei­ner Fami­lie dar­über. Ich habe das selbst erlebt. Die Din­ge haben sich immer wie­der­holt, ich habe zu den Leu­ten immer das Glei­che gesagt: "Hey, mir geht es voll schei­ße." Du kannst es ja nicht erklä­ren, weil es kom­plett irra­tio­nal ist. Sei ehr­lich zu den Men­schen um dich rum und behand­le das nicht nur mit dir selbst. Natür­lich ist auch der Umgang mit sich selbst sehr wich­tig, aber wenn du es allein nicht schaffst, fin­de jeman­den, der dir damit hilft. Und ver­lie­re nie die Hoff­nung, dass es so jeman­den gibt. Denn die Per­son gibt es. Viel­leicht ist es auch die Per­son, von der du es am wenigs­ten erwar­test. Mach nicht den Feh­ler, das nur mit dir selbst aus­zu­ma­chen. Ich selbst war aller­dings nie beim The­ra­peu­ten und habe nie Anti­de­pres­si­va genom­men, ich habe mich kom­plett selbst therapiert.

MZEE​.com: Gibt es einen bestimm­ten Grund, war­um du nie zur The­ra­pie gegan­gen bist? 

FELLY: Heu­te wür­de ich es viel­leicht tun, aber das ist ein sehr gro­ßer Luxus. Als ich 18 war und das ange­fan­gen hat, gab es bei uns ein­fach einen Ste­reo­typ für Leu­te, die einen Schat­ten haben. Die sind halt in die Anstalt gekom­men. Davor hat­te ich die größ­te Angst der Welt. Und mit die­sem Mind­set bekommt man natür­lich Panik, dass sie dich ruhig­stel­len und dein gan­zes Leben vor­bei ist. Du bist 18, hockst in irgend­ei­ner Zel­le rum, drehst kom­plett durch und das Ein­zi­ge, was sie machen, ist, dir etwas zu geben, damit sie dich unter Kon­trol­le haben. Davor hat­te ich so unfass­ba­re Angst. Des­we­gen konn­te ich mich nie über­win­den. Die­se Exis­tenz­lo­sig­keit und das feh­len­de Bewusst­sein für einen selbst wur­de über die Zeit bes­ser. Man hat viel dar­über gespro­chen und hat­te Erfolgs­er­leb­nis­se. Manch­mal den­ke ich mir auch, dass es gut war, dass all der Schmerz, der damit ver­bun­den war, und all das Schlim­me pas­siert ist, weil das so ein unfass­bar kras­ser Selbst­fin­dungs­pro­zess war. Ich war bei null und muss­te mich wie­der­fin­den und neu erfin­den. Ich habe aber auch eine Mil­li­on Mal dar­über nach­ge­dacht, was wäre, wenn ich den letz­ten Zug nicht genom­men hät­te. Ich will wie­der in mei­nem Bett auf­wa­chen, über die Eins in Mathe nach­den­ken und total stolz sein. Das gibt es halt nicht mehr und damit muss man leben. Dafür gibt es vie­le ande­re Din­ge, für die man sehr dank­bar sein kann, weil man sich selbst so tief ken­nen­ler­nen konn­te. Also nein, ich habe kei­nen Tipp. Außer: Hab kei­nen fal­schen Stolz, das ist ganz nor­mal und das haben ganz vie­le Men­schen. Ich kann mich noch dar­an erin­nern, als ich das ers­te Mal gehört habe, dass jeman­dem das Glei­che pas­siert ist wie mir. Das war das ers­te Mal nach Mona­ten, dass ich einen rich­ti­gen Gefühls­aus­bruch hat­te. Ich habe mich nicht mehr allein gefühlt.

MZEE​.com: Es ist sicher­lich ein sehr kras­ses Gefühl, wenn man so etwas über einen lan­gen Zeit­raum so tief in sich trägt und dann merkt, dass da jemand ist, der das nach­voll­zie­hen kann. 

FELLY: Das Schlimms­te für mich war die­se Ein­sam­keit. Das ist Arbeit. Du musst Men­schen rein­las­sen und akzep­tie­ren, dass du einen Knacks hast. Jeder hat irgend­ei­nen Knacks. Es gibt nicht die­ses Ide­al­bild eines gesun­den Men­schen. Es wäre schlimm, wenn es das gäbe. Es kann natür­lich auch Pha­sen geben, in denen man nie­man­den zum Reden hat. Als ich nach Mün­chen gekom­men bin, hat­te ich nie­man­den. Da war ich am Peak und habe wegen mei­nes beschis­se­nen Stu­di­ums in Dach­au gelebt. Im gefühlt käl­tes­ten Win­ter mei­nes Lebens in fuck­ing Dach­au, weil ich kei­ne Woh­nung gefun­den habe. Ich war ein nerv­li­ches Voll­wrack in einem Stu­di­um, bei dem ich mir vom ers­ten Tag an dach­te: "Was mache ich hier? Ich bin so dumm." Da muss­te ich mich ein­fach durchkämpfen.

MZEE​.com: Befeu­ern Geld­sor­gen denn sol­che Ängste? 

FELLY: Ja, klar. Sobald es wirk­lich exis­ten­zi­ell wird und die Gefahr besteht, dass du plötz­lich wirk­lich viel Geld in die Hand neh­men musst, aber eigent­lich nichts hast, befeu­ert das die­se Ängs­te schon. Aber ich habe wahr­schein­lich noch einen guten Teil Lebe­mann in mir und kann da ein biss­chen drauf schei­ßen. Geld kommt und Geld geht. Ich habe schon von Nudeln mit pas­sier­ten Toma­ten gelebt. Nicht mit Ketch­up, das habe ich mir nicht ange­tan! (lacht) Umso mehr Geld man hat, umso mehr Geld gibt man aus. Jetzt, wo man die Wei­chen schon gestellt hat, ist das kal­ku­lier­ba­rer. Da kommt nur das Finanz­amt und gibt dir eine Blut­grät­sche. Ich könn­te wahr­schein­lich mehr Geld auf dem Kon­to haben, aber dafür will ich zu viel von die­ser Welt sehen.

MZEE​.com: Wovon träumst du? 

FELLY: Im Zusam­men­hang mit dem, wor­über ich davor gespro­chen habe, ist es tat­säch­lich, ein­fach glück­lich zu sein. Also, Momen­te zu haben, in denen ich zwei­fels­frei glück­lich bin. Für eine lan­ge Zeit. Und damit mei­ne ich eine Minu­te. Oder die­sen Moment zu haben, in dem man wirk­lich durch­schnau­fen kann, stolz ist und der Wahn­sinn inne­hält. Und natür­lich so pla­ka­ti­ve Träu­me wie, dass ich auf dem splash! vor voll vie­len Leu­ten spie­len will. Ich will eine eige­ne Tour spie­len. Ich träu­me, dass Coro­na vor­bei ist und von einem who­le­so­me Moment, in dem man merkt, dass sich alles, was man über die Jah­re erle­ben muss­te, in Luft auflöst.

MZEE​.com: Vie­le Men­schen haben einen Traum, der sie seit der Kind­heit über einen lan­gen Zeit­raum ver­folgt. Hast du das auch?

FELLY: Einen Alb­traum, ja. Jetzt nicht mehr so oft, aber ich habe sehr oft geträumt, dass ich in einen Tun­nel ren­ne und hin­ter mir eine Kugel kommt, der ich nicht aus­wei­chen kann. Es geht berg­ab, die Kugel kommt immer näher, über­rollt mich und ich wache schweiß­ge­ba­det auf. Ein Traum im Sin­ne einer Vor­stel­lung: Ich habe seit mei­ner Kind­heit die Sicher­heit in mir, dass ich berühmt oder reich oder so wer­de. Irgend­was wird aus mir. Das ist so tief und auch irra­tio­nal. Aber das habe ich, seit­dem ich ein Kind bin.

MZEE​.com: Warst du denn schon als Kind jemand, der im Ram­pen­licht ste­hen wollte? 

FELLY: Ich den­ke, ja. Wenn der Moment da ist, bin ich auf jeden Fall eine Ram­pen­sau. Abseits der Büh­ne bekom­me ich das auch oft zu hören und fra­ge mich, was eigent­lich mit mir los ist, wenn ein Schein­wer­fer auf mich scheint. Aber das ist die voll­kom­me­ne Frei­heit. Da gibt es bei mir kei­ne Gren­zen, außer viel­leicht mei­ne Stimmbänder.

MZEE​.com: Fin­den sehn­süch­ti­ge Men­schen oft Gefal­len an der Nacht? Was denkst du? 

FELLY: Ja, ich glau­be schon. Es gibt in der Nacht alles und nichts. Und wenn du ein sehn­süch­ti­ger Mensch bist, gibt es so viel Interpretations- und Hand­lungs­spiel­raum, dass du dei­ne Sehn­süch­te auch erfül­len kannst oder zumin­dest so viel davon wahr ist, dass es dich wei­ter catcht.

MZEE​.com: Also wür­dest du dich auch als sehn­süch­ti­gen Men­schen bezeichnen? 

FELLY: Ich seh­ne mich schon sehr nach einer Frei­heit, nach einer Gewiss­heit, dass alles gut ist. Das Schlimms­te ist ja oft, dass man sich, wenn man mit sol­chen Sachen wie ich zu kämp­fen hat, selbst sagt, dass alles gut ist. Das ist das Schlimms­te, was du sagen kannst. Natür­lich weißt du, dass das alles nur ein Gefühl oder Ein­bil­dung ist. Aber die­ser Satz lässt Emo­tio­na­li­tät gar nicht zu. Du musst es umge­hen. Also ja, ich glau­be schon, dass ich ein sehn­süch­ti­ger Mensch bin. Das ist viel­leicht nicht unbe­dingt Sehn­sucht, aber ich habe auch so ein unheim­li­ches Inter­es­se dar­an, was es noch alles gibt. Wer bin ich? Wo ist die Gren­ze? Und die Nacht kann fern­ab der Ratio­na­li­tät des Tages funk­tio­nie­ren, sodass man sehr viel Spiel­raum für all das hat.

(Yas­mi­na Rossmeisl)
(Fotos von Sant­ia­go Loess­lein Pul­i­do und Patrick Catford)