Niko Hüls

Deutschrap-​Journalismus. Schon über das Wort lässt sich strei­ten. Die einen mei­nen, "rich­ti­ger" Jour­na­lis­mus im deut­schen Rap exis­tie­re doch gar nicht. Außer­dem kön­ne ja jeder selbst bes­se­re Arti­kel schrei­ben als "die­se Prak­ti­kan­ten". Die ande­ren fin­den, jeder, der im deut­schen Rap jour­na­lis­ti­sche Tätig­kei­ten aus­führt, sei auch ein Jour­na­list. Die nächs­ten füh­ren auf: Ja, im deut­schen Rap sind Redak­teu­re unter­wegs – aber kei­nes­falls Jour­na­lis­ten. Zusam­men­fas­sen lässt sich: Fast jeder hat zumin­dest eine Mei­nung dazu. Aber wie steht es um die Mei­nung der Jour­na­lis­ten selbst? Denn die hat kaum jemand mal gefragt. Und so star­tet unse­re neue Serie – eine klei­ne Inter­view­rei­he mit aktu­ell rele­van­ten und akti­ven Jour­na­lis­ten der deut­schen Rap­sze­ne. Dabei möch­ten wir dar­über reden, war­um die Deutschrap-​Medien von so vie­len Sei­ten – auch von der der Künst­ler – immer wie­der unter Beschuss ste­hen und wie die Jour­na­lis­ten die­se Sei­ten­hie­be per­sön­lich emp­fin­den. Wir bespre­chen, wie ein­zel­ne Jour­na­lis­ten ihren Platz in der Rap­sze­ne wahr­neh­men und ob deut­scher Rap­jour­na­lis­mus in Gossip-​Zeiten noch kri­tisch ist. Wir möch­ten erfah­ren, ob sie die Sze­ne noch unter dem Kultur-​Begriff ver­ste­hen oder das Gan­ze für sie aus­schließ­lich ein Beruf (gewor­den) ist. Es kom­men Fra­gen auf, ob es ver­ein­bar ist, in die­sem Auf­ga­ben­be­reich Geld zu ver­die­nen und wie der aktu­el­le Deutschrap-​Journalismus und sei­ne Ent­wick­lung gese­hen wird. Und: Wie steht es über­haupt um die Ent­wick­lung der Rap­sze­ne an sich? Das und vie­les mehr wer­den wir in über zehn Inter­views bespre­chen, in wel­chen es ver­ständ­li­cher­wei­se immer nur um einen Teil­be­reich die­ser gro­ßen The­men­welt gehen kann. Die­ses Mal unter­hiel­ten wir uns mit einem der Urge­stei­ne der Sze­ne: Niko Hüls. Der Geschäfts­füh­rer und Chef­re­dak­teur der BACKSPIN ist seit 2002 als Jour­na­list in der deut­schen Rapland­schaft tätig und ver­folg­te somit sowohl die Ent­wick­lung der Künst­ler als auch der HipHop-​Medien aus nächs­ter Nähe. Neben zahl­rei­chen Repor­ta­gen und Gesprä­chen zeich­net er mit dem "epi­schen Inter­view" mit Fler außer­dem für Deutschrap-​History ver­ant­wort­lich. Wir spra­chen mit Niko über die Ent­wick­lung des deut­schen Rap-​Journalismus, seit­dem er ein Teil davon ist, und das Ver­hält­nis von Rap­pern und Jour­na­lis­ten. Außer­dem ging es um ein mög­li­ches "Ster­ben der Medi­en", die Dis­kus­si­ons­kul­tur in Social Media und vie­les mehr.

MZEE​.com: Du bist seit 2002 als Jour­na­list für die BACKSPIN und ande­re For­ma­te tätig. Wor­in unter­schei­det sich der heu­ti­ge Rap-​Journalismus in dei­ner Wahr­neh­mung am meis­ten von dem damaligen?

Niko Hüls: Es sind die 18 Jah­re, die seit­dem ver­gan­gen sind. Aus dem heu­ti­gen Blick­win­kel betrach­tet waren sowohl der Jour­na­lis­mus als auch die Sze­ne nai­ver. Es gab weni­ger Erfah­run­gen, was das Busi­ness und die Außen­wir­kung angeht und außer­dem weni­ger Höhen und Tie­fen. Genau­so gab es weni­ger Geschrei und Neben­kriegs­schau­plät­ze. Damals ging es wirk­lich um Mucke und nicht um die The­men drumherum.

MZEE​.com: Wür­dest du sagen, dass der Rap-​Journalismus ama­teur­haf­ter war?

Niko Hüls: Ama­teur­haft klingt nega­tiv. Man muss es eher so beschrei­ben, dass noch mehr aus Pas­si­on und Lie­be pas­siert ist – von allen Sei­ten. Vie­le Künst­ler, auch die, die damals groß waren, haben alles nur für die Kul­tur und die Musik gemacht. Selbst die Begin­ner hät­ten mor­gen wie­der in irgend­ei­nem Jugend­zen­trum gespielt. Die jour­na­lis­ti­sche Sei­te war sehr nah dran. Zunächst waren es eher Fan­zines, die sich über die Jah­re eman­zi­piert haben.

MZEE​.com: Hat die jour­na­lis­ti­sche Distanz manch­mal gefehlt?

Niko Hüls: Nee, im Gegen­teil. Es ging für die Jour­na­lis­ten weni­ger um Pro­fi­lie­rung oder Reich­wei­te. Du hast für ein Heft geschrie­ben und wuss­test nicht, wer das liest. Irgend­wann hast du über Ver­kaufs­zah­len oder auf Ver­an­stal­tun­gen ein Feed­back bekom­men, aber natür­lich viel weni­ger als jetzt. Ich glau­be, dass das ein ent­schei­den­der Unter­schied zu heu­te ist. Dass alles so feed­back­ge­trie­ben wur­de, hat viel­leicht dazu geführt, dass For­ma­te weni­ger jour­na­lis­tisch gedacht wur­den und es zu einer Art Abwärts­spi­ra­le in Bezug auf feh­len­de Distanz und den jour­na­lis­ti­schen Ansatz gekom­men ist.

MZEE​.com: Fin­dest du, dass in der jet­zi­gen Bericht­erstat­tung manch­mal etwas zu sehr abge­kum­pelt wird?

Niko Hüls: Es geht nicht ums Abkum­peln. Ich habe noch nie in mei­nem Leben mit Rap­pern Par­ty­näch­te gefei­ert oder ver­sucht, mega­cool mit denen zu sein. Aber ich woll­te immer auf sie ein­ge­hen. Das mache ich bis heu­te und wer­de ich immer so machen. Ich woll­te nie mit einer klar gezo­ge­nen Gren­ze und Distanz ein­fach nur Fra­gen stel­len. Mei­ne Stär­ke als Repor­ter ist es, nah ran­zu­kom­men. Das schaf­fe ich nur, indem ich den Leu­ten von Her­zen das Gefühl gebe, dass ich sie ver­ste­he oder zumin­dest ver­ste­hen will. Wie vie­le Jour­na­lis­ten hät­ten in den 2000ern oder 2010ern mit Celo & Abdi oder Haft­be­fehl ein paar Tage in Frank­furt ver­bracht, um sie zu ver­ste­hen? Und sie haben mich ver­stan­den und akzep­tiert, weil ich bereit war, in ihre Welt abzu­tau­chen und nicht von außen ver­sucht habe, mit der Pin­zet­te kurz den Vor­hang hoch­zu­he­ben, um dahin­ter zu schau­en. Von daher ist der direk­te Kon­takt zu den Künst­lern der Kern mei­ner Arbeit. HipHop-​Journalismus hat da in mei­nen Augen auch etwas mehr dehn­ba­re Mas­se. Trotz­dem gibt es einen, häu­fig mora­li­schen, Punkt, an dem du zumin­dest nach­ha­ken musst und Din­ge nicht durch­win­ken darfst. Wenn das nicht pas­siert, fin­de ich das schon immer sehr schade.

MZEE​.com: Denkst du denn, dass pro­ble­ma­ti­sche Äuße­run­gen zu häu­fig durch­ge­wun­ken werden?

Niko Hüls: Ich habe ein Pro­blem mit Pau­scha­li­sie­run­gen. Du kannst HipHop- oder auch Video­jour­na­lis­mus nicht pau­schal bewer­ten. Das ist so, als wür­dest du sagen, BILD, SPIEGEL, ZEIT und die BRAVO sei­en das Glei­che. Nein, sind sie nicht. Es gab schon immer Facet­ten. Auch frü­her gab es star­ke Jour­na­lis­ten im Hin­ter­grund, die aber kei­ne Gesich­ter waren. Es gab immer Leu­te, die gute Doku­men­ta­tio­nen gemacht und kri­ti­sche Fra­gen gestellt haben. Ich glau­be aber außer­dem, dass Hip­Hop sich in einem Pro­zess befin­det. Hip­Hop tes­tet immer Gren­zen aus und es wur­de immer extre­mer. Wenn mir jemand sagt, dass ich der 187 Stras­sen­ban­de kri­ti­scher gegen­über­tre­ten müss­te, ant­wor­te ich, dass der­je­ni­ge sich mei­ne Inter­views mit ihnen von frü­her anse­hen soll. Schon damals habe ich mit den Jungs über ihr Frau­en­bild und ande­re The­men gespro­chen. Nur, weil das Jah­re spä­ter ein The­ma für die Gesell­schaft gewor­den ist, wird geschrien, dass alles zu unkri­tisch sei. Auf der ande­ren Sei­te ist es für den gesell­schaft­li­chen Pro­zess wich­tig und gut, dass es immer mehr neue und jun­ge Jour­na­lis­ten gibt, die Bock auf Hip­Hop haben und ver­su­chen, das aus einem ande­ren Blick­win­kel zu betrach­ten. Nur so kommst du wei­ter. Ich glau­be nicht, dass es der rich­ti­ge Weg ist, Rap in eine gesell­schaft­li­che Nor­mung zu packen. Aber es ist gut und wich­tig, von allen Sei­ten drauf zu gucken und zu meckern.

MZEE​.com: Gibt es für dich Äuße­run­gen und Über­zeu­gun­gen, auf­grund derer du Inter­views mit Künst­lern voll­stän­dig ablehnst?

Niko Hüls: Ja, da gibt es ganz kla­re Gren­zen. Es gibt Grün­de dafür, dass ich bestimm­te Sachen in der Ver­gan­gen­heit nicht gemacht habe. Das geht in alle Rich­tun­gen, von gesell­schaft­lich dis­ku­ta­bel bis hin zu szenein­tern kri­tisch zu sehen. An irgend­ei­ner Stel­le wird es aber inhalt­lich schwam­mi­ger. Das sind die The­men, die Rap von Beginn an mit prä­gen und seit Kur­tis Blow oder N.W.A. da sind, wie bei­spiels­wei­se das Frau­en­bild. Die müs­sen klar dis­ku­tiert wer­den. Man darf an der Stel­le aber nicht die Lebens­rea­li­tät der Künst­ler ver­ges­sen. Das ist nie eine Ent­schul­di­gung, aber man muss es von bei­den Sei­ten betrach­ten. Du wirst einen gro­ßen Rap­per, der sexis­ti­sche Tex­te schreibt, nicht dadurch ändern, dass du ihn can­celst. Das hat noch nie funk­tio­niert. Es sorgt nur dafür, dass sei­ne Fans noch mehr hin­ter ihm ste­hen, dafür gibt es 50 Bei­spie­le. Des­halb den­ke ich, dass der Dia­log meist der rich­ti­ge Weg ist, auch wenn es manch­mal schmerz­haft ist. Klar ist aber: Kein Fuß breit dem Faschismus.

MZEE​.com: Du hast zuletzt in einem Panel auf dem Reeperbahn-​Festival mit Rola, Fionn Birr und Ami­na­ta Bel­li über ein mög­li­ches Ster­ben der Rap­me­di­en dis­ku­tiert. Weni­ger als ein Ster­ben der Bericht­erstat­tung fin­det eine Ver­schie­bung statt, oder? Hin zu Pod­casts, frei­en Jour­na­lis­ten mit eige­nen Kanä­len und Arti­keln in der "nor­ma­len" Musikpresse.

Niko Hüls: Das ist sehr kom­plex. Ich fin­de nach wie vor, dass es ein Medi­enst­er­ben gibt. Es inter­es­siert die Leu­te immer weni­ger, was ein Medi­um über Kunst sagt, wenn es kein Pro­fil hat. Bis heu­te defi­nie­ren sich sehr vie­le Redak­tio­nen über das Medi­um. Dafür sind die JUICE, die SPEX oder die GROOVE Bei­spie­le. Die­se Medi­en gal­ten in ihrer Sze­ne als Instanz für Geschmack und Mei­nung. Aber das inter­es­siert die Leu­te nicht mehr. Die wol­len wis­sen, was du als Jour­na­list sagst. Wenn du es schaffst, dir einen Namen zu machen, hören sie dir zu. Dann hat Jour­na­lis­mus auch eine Rele­vanz. Mein Mus­ter­bei­spiel dafür ist Linus Volk­mann, der ehe­ma­li­ge stell­ver­tre­ten­de Chef­re­dak­teur der INTRO. Der hat es über die Jah­re geschafft, als Per­sön­lich­keit wahr­ge­nom­men zu wer­den. Er war etwas edgy, auch ger­ne mal ein biss­chen drü­ber, aber er hat dafür gesorgt, dass die Leu­te mit ihm eine Mei­nung ver­bin­den. Ob sie die tei­len oder nicht, ist ein ande­rer Punkt. Dazu kommt die zwei­te Ebe­ne, die einen Juri Stern­burg oder euch bei MZEE beschreibt. Für wen machst du das? Machst du es für die brei­te Mas­se und willst HipHop-​Deutschland erklä­ren, was pas­siert? Aus der Sicht­wei­se inter­es­siert es nie­man­den. Wenn du dich aber klar als ein Spe­cial Interest-​Magazin im Hip­Hop ver­stehst, dann hast du Rele­vanz. Und das machen ja alle. Vie­le Pod­casts und Autoren las­sen sich so ein­ord­nen. Ich bin ein gro­ßer Ver­fech­ter des HipHop-​Gedankens. Damit mei­ne ich kei­nen Raum vol­ler Graf­fi­ti und Break­dance. Das war die Ver­pa­ckung für alles. Es geht um das Mind­set: zu machen, wor­auf man Bock hat. Ich weiß, ich kann es. Du lässt mich nicht, also mache ich. Und das zeigt sich in mei­nen Augen auch in den ver­schie­de­nen For­ma­ten im HipHop-​Journalismus. Wie­so gibt es denn allein in der HipHop-​Szene fünf bis zehn rele­van­te Pod­casts? Wie­so gibt es 20 Autoren, die über­all einen Namen haben und gefragt sind, obwohl die Sze­ne sie teil­wei­se nicht wirk­lich wahr­nimmt? Es geht immer um den Blick­win­kel, von dem aus man das "Ster­ben der Medi­en" betrachtet.

MZEE​.com: Rap ist so groß wie nie. Er ist in der Mit­te der Gesell­schaft und auch in der Wahr­neh­mung ande­rer Medi­en ange­kom­men. Reicht es nicht aus, wenn Jour­na­lis­ten dort oder im Feuil­le­ton über Rap schreiben? 

Niko Hüls: Da gibt es wie­der meh­re­re Sei­ten. Du kannst Rap nicht pau­schal beschrei­ben. Natür­lich schrei­ben die grö­ße­ren Medi­en über Lore­da­na, Bushi­do und Capi­tal Bra. Aber keins die­ser Medi­en schreibt dar­über, wie toll die neue Döll-​EP ist.

MZEE​.com: Es gibt ja aber auch alter­na­ti­ve Maga­zi­ne wie DIFFUS, die sol­che Relea­ses abbilden.

Niko Hüls: Ja, aber das ist wie­der Spe­cial Inte­rest, das ist nicht Main­stream. Die drei Grup­pen hast du: die gro­ßen Medi­en, Spe­cial Interest- oder Kul­tur­me­di­en und HipHop-​Medien. Vie­le HipHop-​Journalisten haben ja ein Liebe-​Hass-​Verhältnis zur Sze­ne, die kön­nen die Schei­ße nicht mehr lei­den und trotz­dem lässt sie sie nicht los. Gleich­zei­tig ist eine gro­ße Exper­ti­se da, sodass dif­fe­ren­ziert dar­über geschrie­ben wird. Es ist kei­ne ein­heit­li­che Mas­se. An jeder Stel­le kön­nen Exper­ten sit­zen. Es ist nicht mehr so wie frü­her, dass außer­halb der HipHop-​Medien nur Leu­te sit­zen, die kei­ne Ahnung haben. Aber es gibt immer noch genug Jour­na­lis­ten, die nicht ver­ste­hen, was in der Sze­ne pas­siert. Und das geht bis zu den größ­ten Künst­lern. Du kannst auch einen Capi­tal Bra nicht auf­grund von zwei Nach­rich­ten ver­ur­tei­len, das geht nicht.

MZEE​.com: Du bist also der Mei­nung, dass HipHop-​Medien wei­ter eine wich­ti­ge Rol­le spielen.

Niko Hüls: Ich glau­be, es wird sie nach wie vor geben müs­sen. Da kom­men wir zurück zum Anfang des Inter­views: Wenn du frü­her über Rap geschrie­ben hast, hast du das aus Pas­si­on und nicht für Geld gemacht. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem sich HipHop-​Medien ent­schei­den müs­sen, was sie machen möch­ten. Wenn DEINUPDATE ger­ne die BILD-​Zeitung sein möch­te – cool, dann macht ihr genau das. Und auf der ande­ren Sei­te gibt es Leu­te, die fünf­sei­ti­ge Text-​Interviews ins Inter­net stel­len, weil sie wis­sen, dass auch das bestimm­te Men­schen interessiert.

MZEE​.com: Durch Social Media müs­sen sich Künst­ler heu­te nicht mehr in klas­si­sche Interview-​Situationen bege­ben. Sie kön­nen auch ein­fach eine Fra­ge­run­de auf Insta­gram veranstalten.

Niko Hüls: Da unter­schei­den sich gro­ße Künst­ler auch von­ein­an­der. Wenn du lan­ge erfolg­reich blei­ben willst, brauchst du Pro­fil. Das schaffst du nicht dadurch, dass du dei­nen Fol­lo­wern nur das Bild von dir prä­sen­tierst, das du ger­ne hät­test. Son­dern dadurch, dass du dich in Dis­kus­sio­nen setzt und dir Fra­gen stel­len lässt, die dich von einer ande­ren Sei­te beleuch­ten. Nur dann wirst du grö­ßer. Fler ist ein Mus­ter­bei­spiel dafür. Ohne die Anzahl an Inter­views hät­test du nicht so vie­le Punk­te über ihn erfah­ren, die dazu füh­ren, dass du ihn magst oder eben nicht. In der Rie­ge der zehn Gro­ßen geben wahr­schein­lich aktu­ell sie­ben kei­ne Inter­views, weil sie kei­nen Bock dar­auf haben. Alles, was du hast, ist ihre Musik. Das ist auch so gewollt. Aber dadurch wird es irgend­wann limi­tiert. Dadurch, dass Fler so ist, wie er ist, kann er sich seit 20 Jah­ren immer wie­der neu erfin­den. Das gilt eben­so für Kool Savas, Sido, Mar­te­ria oder Casper, für jeden aus die­sen Genera­tio­nen. Ein Künst­ler wie Haft­be­fehl wäre in mei­nen Augen der Größ­te der Deka­de gewor­den – nicht nur für Kri­ti­ker, son­dern auch für die Mas­se –, wenn er noch mehr Pro­fil zuge­las­sen hät­te. Er will es nicht – cool. Er ist, wie er ist, und die Leu­te lie­ben ihn dafür. Aber ich glau­be, dass er trotz der bra­chi­als­ten Bret­ter, die Deutschrap in den letz­ten zehn Jah­ren gehört hat, nicht der­je­ni­ge mit zehn Nummer-​eins-​Singles ist, liegt dar­an, dass er nicht so viel von sich öffent­lich preis­ge­ge­ben hat.

MZEE​.com: Kom­men wir ein­mal zu dir per­sön­lich. Ich habe das Gefühl, dass du in öffent­li­chen Dis­kus­sio­nen oft ver­suchst, sehr neu­tral zu blei­ben. Hast du nicht manch­mal das Bedürf­nis, dei­ne Mei­nung bezie­hungs­wei­se dei­nen Stand­punkt zu vertreten?

Niko Hüls: Gut beob­ach­tet. Ich mache das ganz bewusst. Wenn in der Twitter-​Bubble irgend­je­mand ganz auf­ge­regt der Mei­nung ist, dass es einen Skan­dal gibt und alle ein State­ment set­zen müs­sen, wird man oft gefragt, war­um man sich nicht äußert. Da ticke ich anders. Ich muss nicht über­all immer wie­der sagen, wo ich ste­he. Wenn man mich kennt, weiß man das. Dann weiß man auch, was ich über bestimm­te Din­ge den­ke. Ich muss das nicht stän­dig erzäh­len, nur um mich dar­über zu pro­fi­lie­ren. Das ist für mich ein ganz gro­ßes Pro­blem auf Social Media: Twit­ter ist Aus­ru­fe­zei­chen und nicht Fra­ge­zei­chen. Du musst die gan­ze Zeit schrei­en und State­ments set­zen. Wenn ein The­ma ganz ein­fach vom logi­schen Men­schen­ver­stand betrach­tet mora­lisch ver­werf­lich ist, muss ich das doch nicht noch mal sagen. Ich kom­me eher sofort in den Fra­ge­mo­dus. Bei jedem The­ma fra­ge ich mich: War­um ist das eigent­lich so? Ich will ver­ste­hen, wie 360 Grad aus­se­hen. Das war frü­her so und das ist heu­te so. Natür­lich führt das zu einer gewis­sen Neu­tra­li­tät. Aber wenn man mir zuhört, neh­me ich auch Stel­lung, zum Bei­spiel im BACKSPIN Pod­cast. Es gibt vie­le The­men, die du weder in 280 Zei­chen auf Twit­ter noch in zwei gespro­che­nen Sät­zen erklä­ren kannst. Also neh­me ich mir den nöti­gen Raum ein paar Tage spä­ter im Pod­cast, wenn sich alle etwas beru­higt haben und wir uns ver­nünf­tig unter­hal­ten kön­nen. Dadurch habe ich nicht weni­ger eine Hal­tung als die­je­ni­gen, die sofort losschreien.

MZEE​.com: Du hast vor­hin ange­spro­chen, dass man als Jour­na­list heu­te ein Gesicht haben und eine Mei­nung ver­tre­ten soll­te, um erfolg­reich zu sein. Ist das aus einer idea­lis­ti­schen Sicht auf den Jour­na­lis­mus, der eigent­lich neu­tral sein soll­te, nicht problematisch?

Niko Hüls: Da kom­men wir wie­der zum Medi­enst­er­ben und gene­rell der Art und Wei­se, wie heu­te Nach­rich­ten kon­su­miert wer­den. Was machen die Leu­te denn? Die wol­len durch­ge­hend schnell und kurz infor­miert wer­den. Bezie­hungs­wei­se wol­len sie gar nicht unbe­dingt infor­miert wer­den, son­dern vor allem eine eige­ne Mei­nung haben. Frü­her hat nie­man­den inter­es­siert, was Tho­mas, 17, aus Castrop-​Rauxel gesagt hat. Im Inter­net kann er 30 Likes dafür bekom­men, jeman­den zu belei­di­gen. Das geht fünf Stu­fen wei­ter, wenn du als Jour­na­list da stehst und eigent­lich neu­tral sein musst. Das ist ja rich­tig. Ich glau­be aber, dass die Ent­wick­lung der media­len Nut­zung und das Medi­enst­er­ben dazu füh­ren, dass es wich­tig ist, dass öffent­li­che Prot­ago­nis­ten Hal­tung zei­gen. Das ist der ent­schei­den­de Fak­tor. Du kannst Akti­vist wer­den, das fin­de ich auch gut. Es gibt in der Sze­ne genü­gend Leu­te, die ten­den­zi­ell Akti­vis­ten sind. Wenn du für ein The­ma brennst, soll­test du das machen. Du kannst trotz­dem zurück­kom­men und dei­nen Job als Jour­na­list machen, da habe ich über­haupt kei­ne Bedenken.

MZEE​.com: Unter dem YouTube-​Video zum Panel, über das wir vor­hin gespro­chen haben, fin­den sich vie­le Kom­men­ta­re, die die poli­ti­sche Hal­tung der "woken HipHop-​Medienelite" kri­ti­sie­ren. Nimmst du ein Pro­blem mit rech­ten Ten­den­zen in der deut­schen Rapland­schaft wahr?

Niko Hüls: Dass es unter dem Panel so einen Rant gab, hat­te ver­schie­de­ne Grün­de. Aber ja, die­ses Publi­kum ist immer lau­ter gewor­den. Ich muss dabei an Jan Delay den­ken: "Ich möch­te nicht, dass ihr mei­ne Lie­der singt!" Frü­her stan­den die außen, heu­te ist Hip­Hop so groß, dass sie mit dabei sind.

MZEE​.com: Unab­hän­gig von die­sen eher sinn­lo­sen Kom­men­ta­ren den­ke ich, dass es natür­lich zu Kon­flik­ten füh­ren kann, wenn vie­le Redak­ti­ons­mit­glie­der in HipHop-​Medien bei­spiels­wei­se einen aka­de­mi­schen Hin­ter­grund haben und aus eben­die­ser Sicht berich­ten. Da sind wir wie­der bei den Lebensrealitäten.

Niko Hüls: Abso­lut und das geht schon frü­her los. Hast du als Jour­na­list Lust, über Rap zu schrei­ben, der am Bal­ler­mann läuft oder ist das nicht dei­ne Welt? Das ist die simp­le Vari­an­te davon. Ein Stu­di­um ist ein sehr gefähr­li­cher Ein­stieg, um über Stra­ßen­rap zu reden. Du hast nicht mit zehn Jah­ren ange­fan­gen, mit Dro­gen­dea­lern am Block zu chil­len. Du hast wahr­schein­lich kei­ne allein­er­zie­hen­de Mut­ter gehabt, die vier Kin­der durch­brin­gen muss­te und die du vor ihrem gewalt­tä­ti­gen Ex-​Freund ver­tei­di­gen muss­test. Du muss­test nicht mit Hartz IV über den Tag kom­men und hast nicht mit zwölf ange­fan­gen, zu klau­en, damit du auch die Din­ge hast, die du bei den Kin­dern in der Schu­le siehst, die spä­ter stu­diert haben. Die­se ver­schie­de­nen Lebens­rea­li­tä­ten darf man nicht unter­schät­zen. Ich kann eine gewis­se Wut des­halb nach­voll­zie­hen. An bestimm­ten Stel­len fin­de ich sie über­trie­ben. Die aktu­el­le Dis­kus­si­on ist von bei­den Sei­ten nach­voll­zieh­bar. Das Pro­blem ist, dass wir ein­an­der gar nicht zuhö­ren wol­len. Da sind wir wie­der bei Twit­ter und Aus­ru­fe­zei­chen. Alle wol­len nur schrei­en. Ent­we­der bist du mei­ner Mei­nung oder gegen mich. So funk­tio­niert die Welt gera­de. Wenn du nicht bereit bist, kurz Luft zu holen und zu ver­su­chen, die ande­re Sei­te zu ver­ste­hen, wirst du das nicht ändern.

MZEE​.com: Denkst du, dass wir Kom­men­ta­ren auf You­Tube oder in Social Media zu viel Auf­merk­sam­keit zukom­men las­sen? Die Mehr­heit der Men­schen kom­men­tiert ja gar nicht im Internet.

Niko Hüls: Ich wür­de das nicht unter­schät­zen. Die­se Men­schen sind da. Es gibt ein Inter­view von Richard David Precht mit Rezo, in dem die­ser von sei­nen Live­streams erzählt. Er sagt, dass dort teil­wei­se 50 000 Men­schen ein The­ma aus­dis­ku­tie­ren, das gesell­schaft­lich für sie eine Mega­re­le­vanz hat, die Öffent­lich­keit aber einen Scheiß inter­es­siert. Das heißt nicht, dass es kein The­ma ist. Wir haben mitt­ler­wei­le so vie­le Parallel-​Blasen, dass wir nicht den Feh­ler machen dür­fen, YouTube-​Kommentare und Ähn­li­ches nicht ernst zu neh­men. Das ist ja das Gefähr­li­che dar­an. Wir hat­ten es schon vor­hin: Tho­mas, 17, aus Castrop-​Rauxel fin­det im Inter­net jetzt 500 ande­re, die genau­so den­ken und beschränkt sind wie er. Das ist doch der Grund, war­um es auf ein­mal Telegram-​Gruppen vol­ler Ver­schwö­rungs­theo­rien mit tau­sen­den Fol­lo­wern gibt.

MZEE​.com: Gibt es einen Punkt, an dem es für dich kei­nen Sinn ergibt, auf die­se Sicht­wei­sen einzugehen?

Niko Hüls: Ich habe vor eini­gen Jah­ren im For­mat "STRASSENWAHL" Rap­per und Poli­ti­ker zusam­men­ge­bracht. Unter ande­rem Bushi­do und Bea­trix von Storch, einer der größ­ten Feh­ler mei­ner Kar­rie­re. Ich habe gemerkt, dass der Dis­kurs, den ich mir in mei­ner nai­ven Welt gewünscht habe, dort nicht funk­tio­niert. Die­se Erkennt­nis hat dazu geführt, dass ich bestimm­te The­men nicht mehr auf­ma­che. Du kommst da nicht durch. Was willst du jeman­dem sagen, der dir allen Erns­tes erzählt, dass die "Eli­te" Blut von Kin­dern trinkt, die von UNICEF geschlach­tet wer­den? Wo willst du da anfangen?

MZEE​.com: Ich möch­te mit dir noch über ein ande­res The­ma spre­chen. Du bist laut Web­site Geschäfts­füh­rer der Agen­tur KINGSTYLES, die unter ande­rem Video­pro­duk­tio­nen anbie­tet. Unter den ehe­ma­li­gen Kun­den fin­den sich die 187 Stras­sen­ban­de und Ban­ger Musik. Kam es zu Inter­es­sens­kon­flik­ten mit dei­ner jour­na­lis­ti­schen Arbeit?

Niko Hüls: Wir machen schon lan­ge nichts mehr für 187 oder Ban­ger Musik. Ich habe in den ers­ten Jah­ren, 2004 bis 2006, Künst­ler bera­ten und zum Bei­spiel Bonez MC bei sei­nen ers­ten Relea­ses in die­ser Form beglei­tet. Dann habe ich aber selbst gemerkt, dass ich das nicht kann und will, weil es zu Inter­es­sens­kon­flik­ten kommt und es Gren­zen gibt, die man nicht über­schrei­ten darf. Du kannst nicht bei­des machen, es geht nur das eine oder ande­re. Für Ban­ger Musik haben wir mal ein Maga­zin pro­du­ziert. Des­halb ste­hen sie auf die­ser Sei­te. Aber ich habe in den letz­ten 15 Jah­ren nie­mals PR für irgend­wel­che Künst­ler gemacht. In kei­ner Form. Ich ver­su­che, die Wel­ten mit­ein­an­der zu ver­bin­den. Wenn Agen­tu­ren mit dem The­ma Hip­Hop arbei­ten möch­ten, ist es mir lie­ber, dass sie mit mir dar­über spre­chen, als wenn sie von außen ver­su­chen, das zu ver­ste­hen. Das gilt genau­so für Medi­en, die ein Inter­es­se dar­an haben, über Hip­Hop zu berich­ten. Da ver­su­che ich, für Hip­Hop die rich­ti­ge Bot­schaft zu senden.

MZEE​.com: Die Inter­views wir­ken auch nicht so, als wür­det ihr in einer geschäft­li­chen Bezie­hung zuein­an­der stehen.

Niko Hüls: Es geht um Respekt. Die sehen, dass ich Jour­na­list bin und sagen, dass ich ihnen jede Fra­ge der Welt stel­len kann. Weil sie mir ver­trau­en und wis­sen, dass ich ver­su­che, sie zu ver­ste­hen. Ich bin nicht deren Freund und will es auch nicht sein. Aber ich will ein respekt­vol­les Ver­hält­nis zu ihnen haben. Das ist mir wich­tig und ich den­ke, dass die­se Din­ge des­halb funktionieren.

MZEE​.com: Letz­te Fra­ge: Wie siehst du es all­ge­mein, wenn Jour­na­lis­ten par­al­lel zu ihrer Bericht­erstat­tung ande­ren Pro­jek­ten nachgehen?

Niko Hüls: Ich glau­be, es ist ein schma­ler Grat, HipHop-​Journalismus zu machen, wenn man es als wirt­schaft­li­che Grund­la­ge für sein Leben sieht. Des­halb kann ich es zu hun­dert Pro­zent nach­voll­zie­hen, wenn man sei­ne Exper­ti­se nutzt, um Geld zu ver­die­nen. Das machen ande­re Leu­te auch. Wenn du ein guter Leh­rer bist, kannst du dane­ben Semi­na­re über gutes Leh­ren geben. Und wenn du ein guter HipHop-​Journalist bist, spricht nichts dage­gen, dei­ne Exper­ti­se an ande­rer Stel­le zu mone­ta­ri­sie­ren. Solan­ge du selbst für dich in dei­nen mora­li­schen Gren­zen damit umge­hen kannst, mach das. Ich bin zum Glück viel brei­ter auf­ge­stellt und füh­re eine Medi­en­agen­tur mit Kun­den und Pro­jek­ten in ver­schie­dens­ten Gen­res weit über die Gren­zen von Hip­Hop hin­aus. Dar­um bin ich da nicht so abhän­gig, aber kann den­noch vie­le Pro­jek­te, auch in Ver­bin­dung mit Hip­Hop, durch­füh­ren. Doku­men­ta­tio­nen wie "Back 2 Tape" sind in dem Umfang nicht ohne die Unter­stüt­zung einer gro­ßen Mar­ke wie Por­sche mög­lich. Wir waren vier Wochen lang mit einem zehn­köp­fi­gen Team in Euro­pa unter­wegs, um über Hip­Hop zu berich­ten. Aber es ging nicht dar­um, dass ich drei­mal pro Aus­ga­be "Por­sche" sage. Die hat­ten Lust, mit mir zusam­men­zu­ar­bei­ten. Ich konn­te mei­ne Ideen ein­brin­gen und machen, was ich will. Ich muss mit einer Mar­ke im Gleich­ge­wicht zusam­men­ar­bei­ten kön­nen, ohne dass sie sich zu sehr in den Vor­der­grund drängt, um ihre eige­ne Agen­da durch­zu­drü­cken. Auf die­se Wei­se gibt dir das einen Raum, um Kul­tur abzu­bil­den. Sol­che Pro­jek­te mit Hal­tung und Posi­tio­nie­rung anzu­neh­men, ist doch eine gute wirt­schaft­li­che Grund­la­ge, um auf der ande­ren Sei­te dei­ner Pas­si­on nach­zu­ge­hen und so über Hip­Hop zu berich­ten, wie du es möchtest.

(Alex­an­der Hollenhorst)
(Fotos von Mar­kus Schwer)