Frauen in der HipHop-​Welt – über die Arbeit von Mona Lina

Bis heu­te sieht sich die Sze­ne häu­fig mit der Fra­ge kon­fron­tiert, ob es über­haupt "ernst­haft" Frau­en im Hip­Hop gibt. Für vie­le Fans scheint es "hin­ter" Lore­da­na, Shirin David oder Juju nicht viel zu geben. Dass dies nicht zutrifft, sehen wir bereits an eini­gen Rap­pe­rin­nen, die in den letz­ten Jah­ren auch ohne Mainstream- oder Char­ter­fol­ge Teil der Sze­ne wur­den. Mona Lina bie­tet ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, sich die­sen zumeist unter­re­prä­sen­tier­ten Frau­en zu wid­men. Dabei ist fest­zu­hal­ten, dass die sexis­ti­schen Ten­den­zen und die Unter­re­prä­sen­ta­ti­on von Frau­en im Hip­Hop nicht von unge­fähr kom­men. Genau hier setzt die Arbeit von Mona Lina an. Doch wer oder was ver­birgt sich hin­ter Mona Lina? Was macht ihre Arbeit so beson­ders und wich­tig? Und war­um sind sexis­ti­sche Ten­den­zen gera­de in der HipHop-​Welt zu beob­ach­ten?

 

Wer oder was steckt dahin­ter?

Mona Lina ist längst nicht nur der Künst­ler­na­me einer ein­zel­nen Per­sön­lich­keit, son­dern Teil einer gan­zen Rei­he von Pro­jek­ten rund um Hip­Hop. Eine Per­son lässt sich damit aller­dings stets in Ver­bin­dung brin­gen: Lina Burg­hau­sen. Man könn­te sie fast als moder­nen Tau­send­sas­sa der deut­schen HipHop-​Szene beschrei­ben. Sie selbst bringt min­des­tens das "Lina" in Mona Lina und nutzt die­sen Namen auch als DJ und für ihren eige­nen Instagram-​Account. Außer­dem ist sie unter ande­rem Autorin, Blog­ge­rin und Musik-​Promoterin. Den ers­ten beruf­li­chen Kon­takt mit der deut­schen HipHop-​Szene hat­te sie bereits 2008 als Chef­re­dak­teu­rin des ehe­ma­li­gen Online-​Magazins Rap​S​pot​.de. Dort führ­te sie Inter­views mit Rap­pern aus aller Welt, wel­che zum Teil auch in Video­form auf You­Tube abruf­bar sind. Par­al­lel schrieb sie unter ande­rem für das RHYME Maga­zin oder den Byte.FM-Blog als freie Jour­na­lis­tin. Ihr Mas­ter­stu­di­um im Fach Medi­en und Musik been­de­te sie pas­sen­der­wei­se mit der Arbeit "Afri­ka Bam­baa­taas Hip­Hop? Selbst­ver­ständ­nis einer hybri­den kul­tu­rel­len Sze­ne".

2013 wur­de dann zum Start­punkt, um die Sze­ne "von der ande­ren Sei­te" zu beein­flus­sen – mit­hil­fe der Grün­dung ihrer PR-​Agentur Mona Lina. Dort arbei­te­te sie bereits mit eini­gen HipHop-​Künstlern wie zum Bei­spiel Fiva, Galv, Hasz­ca­ra, Masta Ace oder Pöbel MC. Auch neben der klas­si­schen PR-​Arbeit gibt es bei Mona Lina eini­ges zu ent­de­cken. So star­te­te Lina Burg­hau­sen 2017 zum Bei­spiel die Akti­on "Women with Atti­tu­de", bei der eine Künst­le­rin ein gra­tis PR-​Paket gewin­nen konn­te. Letzt­lich gab sie aller­dings nicht nur der dama­li­gen Gewin­ne­rin Mrs. Marp­le eine Platt­form, son­dern wür­dig­te mit Blog­bei­trä­gen auch eini­ge ande­re Bewer­be­rin­nen. Bis heu­te steht sie für eine Art HipHop-​Aktivismus, der den Fin­ger in die Wun­de legt, zum Bei­spiel im Kampf gegen Sexis­mus. Die­se Ver­mi­schung aus Lie­be zur Kunst und Kri­tik an szenein­ter­nen Pro­ble­ma­ti­ken ist nicht nur ein­zig­ar­tig, son­dern stößt auch vie­len Künst­lern und schein­ba­ren HipHop-​Fans übel auf. Doch war­um ist das so?

Wie funk­tio­niert Pro­mo im Rap? Lina erklärt es uns! - Inter­view Hip­Ho­p­Hand

 

"Frau­en, die rap­pen – wer braucht denn sowas?!"

Selbst­ver­ständ­lich las­sen sich pro­ble­ma­ti­sche Aspek­te von Kunst und Kul­tur auch auf gesamt­ge­sell­schaft­li­che Phä­no­me­ne zurück­füh­ren. Die berühm­te Argu­men­ta­ti­on – oder fast schon Aus­re­de – "Kul­tur als Spie­gel der Gesell­schaft" greift in die­sem Fall lei­der etwas zu kurz. Sicher­lich ist der Sexis­mus im Hip­Hop als Abbild eines gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Pro­blems zu betrach­ten sowie sämt­li­che ande­re Dis­kri­mi­nie­rungs­for­men wie zum Bei­spiel Ras­sis­mus oder Homo­pho­bie. Auch inner­halb der HipHop-​Kultur und ins­be­son­de­re in ihrer Ent­ste­hungs­pha­se las­sen sich etwai­ge Ursa­chen für sexis­ti­sche Ten­den­zen fin­den, die die­se des­halb trotz­dem nicht legi­ti­mie­ren. Spe­zi­ell von außen wird die Frau­en­feind­lich­keit von Rap­pern des­we­gen vie­le Jah­re als eines der Haupt­the­men von Rap­mu­sik betrach­tet.

Einer der Grün­de liegt ver­mut­lich in der sozia­len Kon­stel­la­ti­on, aus der sich die HipHop-​Kultur ursprüng­lich ent­wi­ckel­te. Vie­le Sozi­al­wis­sen­schaft­ler beschrei­ben die sozia­len Gege­ben­hei­ten inner­halb der soge­nann­ten "Unter­schicht" als grund­le­gend anders im Ver­gleich zu sons­ti­gen Gesell­schafts­klas­sen und -schich­ten. Die Stadt­so­zio­lo­gie konn­te bereits in den 1970er und 1980er Jah­ren eini­ge Pro­ble­me in meh­re­ren ame­ri­ka­ni­schen Städ­ten auf­zei­gen: Die Unter­schicht* leb­te stets in "eige­nen" Bezir­ken, die sowohl räum­lich als auch bau­lich deut­lich von ande­ren sozia­len Schich­ten abge­grenzt und zu unter­schei­den waren. Dabei waren die­se Bezir­ke oft­mals weit außer­halb des Stadt­zen­trums ange­sie­delt und wirk­ten auf die Bewoh­ner rein optisch enorm per­spek­tiv­los. Gera­de die ame­ri­ka­ni­sche Unter­schicht trifft es in die­sem Bereich dop­pelt schwer, denn die jahr­zehn­te­lan­ge Ras­sen­tren­nung in den USA, die sich auch in den Stadt­bil­dern wider­spie­gelt, wirkt bis heu­te nach. So sind die meis­ten Ange­hö­ri­gen der Unter­schicht Schwar­ze Per­so­nen, die neben ihrer sozi­al schwa­chen Situa­ti­on auch noch indi­vi­du­el­lem und struk­tu­rel­lem Ras­sis­mus unter­lie­gen. Beson­ders die Bronx von New York, also der offi­zi­el­le Geburts­ort der HipHop-​Kultur, ist ein Bei­spiel für die pre­kä­re sozia­le Situa­ti­on in den USA.

Spe­zi­ell in Tei­len der afro­ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur war es üblich, dass Frau­en das Fami­li­en­ober­haupt waren, auch weil vie­le Fami­li­en gänz­lich ohne Vater aus­kom­men muss­ten. Aus die­ser sozia­len Kon­stel­la­ti­on ergab sich das soge­nann­te "Shit tal­king", also das sym­bo­li­sche Ernied­ri­gen der Frau, da sich vie­le Män­ner in ihrem Stolz und ihrer "eigent­lich" hege­mo­nia­len Rol­le gekränkt und ein­ge­schränkt fühl­ten. Außer­dem war obs­zö­ne Spra­che schon zuvor ein gro­ßer Teil afro­ame­ri­ka­ni­scher Kul­tur und Lite­ra­tur, wobei hier ange­merkt wer­den muss, dass die Obs­zö­ni­tä­ten in die­sem Zusam­men­hang nicht spe­zi­ell gegen ein Geschlecht gerich­tet waren, son­dern von allen genutzt und somit von nahe­zu allen Gesell­schafts­mit­glie­dern akzep­tiert und ver­stan­den wur­den.

Der Ursprung der sexis­ti­schen Spra­che inner­halb der afro­ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur liegt his­to­risch sogar noch wei­ter zurück. Das soge­nann­te "play­ing the dozens" war eben­falls eine kul­tu­rel­le Prak­tik, die über­wie­gend durch Afro­ame­ri­ka­ner bereits zu Zei­ten der Skla­ve­rei im 18. Jahr­hun­dert geprägt wur­de. Im Prin­zip ist es eine Art Vor­läu­fer des heu­ti­gen Batt­ler­aps: Über­wie­gend Jugend­li­che lie­fer­ten sich einen offe­nen ver­ba­len Schlag­ab­tausch, wobei die Belei­di­gun­gen zumeist zu Las­ten der weib­li­chen Ver­wandt­schaft des Geg­ners gin­gen. Ins­be­son­de­re die Mut­ter des Kon­tra­hen­ten wur­de zur Ziel­schei­be für wahl­lo­se Behaup­tun­gen und Sprü­che. Bis heu­te ist der Aus­ruf "Yo Mama" bezie­hungs­wei­se "Dei­ne Mut­ter" fest ver­an­kert, wenn es dar­um geht, jeman­den zu dis­sen. "Your mama look like she's been in the dry­er with some rocks, with the big bust nose suck­ing dirt out of socks", heißt es unter ande­rem in dem Track "Ya Mama" von The Phar­cy­de.

The Phar­cy­de - Ya Mama (Offi­cial Music Video)

Ein wei­te­res Pro­blem: Die sexis­ti­sche und gewalt­ver­herr­li­chen­de Spra­che wur­de welt­weit teils als ein fes­ter Bestand­teil der HipHop-​Kultur betrach­tet. So wur­den unter ande­rem ursprüng­lich afro­ame­ri­ka­ni­sche Sprach­bil­der kul­tu­rell ent­kon­tex­tua­li­siert und ange­eig­net,  um den eige­nen Hel­den nach­zu­ei­fern. Ein ande­res Bei­spiel ist hier der Gebrauch des N-​Worts. Der Begriff wur­de bis Mit­te der 2000er auch in Deutsch­land häu­fig von nicht-​Schwarzen Rap­pern in Songs ver­wen­det, weil er schein­bar einen gro­ßen Teil der adap­tier­ten Kul­tur aus­mach­te.

Lei­der repro­du­zier­ten und ver­brei­te­ten vie­le HipHop-​Künstler bis heu­te einen Männ­lich­keits­kult und damit zumeist ver­bun­den eine Geschlech­ter­hier­ar­chie, in der Frau­en Män­nern unter­ge­ord­net sind. Schon Ende der 70er Jah­re setz­te sich der Ste­reo­typ des männ­li­chen Rap­pers durch, der sich ganz allein aus den Fän­gen des Ghet­tos befreit und damit selbst­er­mäch­tigt. "Der Rap­per" schaff­te es, sich als Ide­al und Vor­bild durch­zu­set­zen und dabei sub­til patri­ar­cha­li­sche Struk­tu­ren und Sym­bo­le zu eta­blie­ren. Eines der ers­ten Sub­gen­res war der Pimp-​Rap, der sich Mit­te der 80er Jah­re gro­ßer Beliebt­heit erfreu­te. Frau­en wer­den als "Bitch" beti­telt und die­nen in Musik­vi­de­os ledig­lich der Ästhe­tik, wäh­rend Rap­per sich über ihre sexu­el­le Über­le­gen­heit äußern und mit Sta­tus­sym­bo­len prah­len. Snoop Dogg, LL Cool J, Ice-​T oder Slick Rick las­sen sich alle irgend­wo in die Kate­go­rie der Pimp-​Rapper ein­ord­nen und sind damit längst nicht die ein­zi­gen Künst­ler, die eine männ­lich domi­nier­te Geschlech­ter­hier­ar­chie reprä­sen­tie­ren.

Die­se Hal­tung vie­ler Künst­ler und HipHop-​Fans ist aller­dings fast schon para­dox und iro­nisch. Denn die mitt­ler­wei­le offi­zi­el­le Geburts­stun­de der HipHop-​Kultur wäre ohne eine Frau gar nicht zustan­de­ge­kom­men: Cin­dy Camp­bell lud zu einer Par­ty am 11. August 1973 ein, auf der ihr älte­rer Bru­der DJ Kool Herc auf­leg­te und dabei den Break­beat kre­ierte. Auch Rap­pe­rin­nen sind aktiv, seit­dem Rap ein Teil der HipHop-​Kultur wur­de. Trotz­dem gibt es bis heu­te HipHop-​Hörer, die weib­li­che MCs als Per­so­nen beti­teln, die ja nichts mit Hip­Hop zu tun hät­ten und sicher vie­les könn­ten, aber nicht rap­pen. Dies ist nicht nur aus femi­nis­ti­scher Sicht eine erschre­cken­de Hal­tung. Eine Kul­tur, die ursprüng­lich einer unter­drück­ten Min­der­heit eine Stim­me gab und gibt, soll­te ver­stan­den haben, dass Aus­schlüs­se auf­grund von äuße­ren Merk­ma­len kei­ne Legi­ti­mi­tät besit­zen. Oder anders gesagt: Wer sich gegen eine Form der Dis­kri­mi­nie­rung ein­setzt und par­al­lel eine ande­re Rand­grup­pe ver­ach­tet, han­delt enorm wider­sprüch­lich.

 

365 Fema­le* MCs

Bis heu­te fin­den eine Viel­zahl an Sexis­ten, Machos und Chau­vi­nis­ten in der HipHop-​Szene ihren Platz. Das Pro­blem: Wäh­rend sexis­ti­sche Künst­ler zumin­dest teil­wei­se von ande­ren Rap­pern und HipHop-​Medien deut­li­che Kri­tik ern­ten, sind Fans oft nicht bereit, sich kri­tisch mit dem Werk ihrer Ido­le aus­ein­an­der­zu­set­zen. Auf die­sen Miss­stand lässt sich immer wie­der hin­wei­sen, auch wenn der Lern­ef­fekt bei den meis­ten Hörern enorm gering bleibt. Viel­leicht las­sen sich eini­ge HipHop-​Fans aber wenigs­tens musi­ka­lisch davon über­zeu­gen, dass Kli­schees wie "Frau­en kön­nen nicht rap­pen" nicht zutref­fend sind.

Der kon­kre­te Anlass für den Start von 365 Fema­le* MCs schlägt genau in die­se Ker­be. Im Sep­tem­ber 2018 war Lina Burg­hau­sen als Zuschaue­rin bei einem Panel des Ree­per­bahn Fes­ti­vals von und mit Fler, der eine gute Drei­vier­tel­stun­de gemein­sam mit Niko BACKSPIN über die Mar­ke "Fler" sprach. Kurz vor Ende des Panels ergriff sie dann das Mikro­fon und kon­fron­tier­te Fler mit den sexis­ti­schen Ten­den­zen im Deutschrap und der Unter­re­prä­sen­ta­ti­on weib­li­cher MCs, nach­dem die­ser unter ande­rem von dem Pro­blem der "Emanzen-​Schiene" in Deutsch­land sprach. Auch unter dem dazu­ge­hö­ri­gen Video des Panels der BACKSPIN befand sich eine gan­ze Samm­lung sexis­ti­scher Kom­men­ta­re, spe­zi­ell gerich­tet an "die Frau am Ende". Die­se Situa­ti­on brach­te Lina Burg­hau­sen end­gül­tig zu dem Ent­schluss, eben genau an der Pro­ble­ma­tik – der Unter­re­prä­sen­ta­ti­on von Frau­en im Hip­Hop – anzu­set­zen und das 365 Fema­le* MCs-​Projekt zu star­ten.

Das Kon­zept könn­te auf den ers­ten Blick kaum simp­ler sein und ist trotz­dem ori­gi­nell umge­setzt: Lina Burg­hau­sen begann am 01. Novem­ber 2018, ein Jahr lang jeden Tag eine Rap­pe­rin in ihrem Blog vor­zu­stel­len. Der ers­te Blog­ein­trag galt der ame­ri­ka­ni­schen Rap­pe­rin Sa-​Roc. Die Blog­rei­he wird auch heu­te noch fort­ge­setzt. Offen­sicht­lich gibt es doch mehr nen­nens­wer­te Rap­pe­rin­nen, als der ein oder ande­re HipHop-​Chauvinist wahr­ha­ben möch­te. In den Bei­trä­gen wer­den die Rap­pe­rin­nen dann mög­lichst kom­pakt vor­ge­stellt. Es fin­den sich Infos zu der bis­he­ri­gen Kar­rie­re, dem Sound­bild, der Her­kunft oder ein Aus­blick auf zukünf­ti­ge Pro­jek­te. Außer­dem sind fast alle Ein­trä­ge mit ein­falls­rei­chen Titel­bil­dern ver­se­hen, zumeist gestal­tet von talen­tier­ten Illus­tra­to­rin­nen wie Vanes­sa Sei­fert. Zusätz­lich wird das Gan­ze visu­ell durch ein pas­sen­des Musik­vi­deo der jewei­li­gen Rap­pe­rin unter­stützt. So kön­nen sich Besu­cher der Sei­te gleich selbst einen Ein­druck von der Musik machen.

Schon seit län­ge­rer Zeit schrei­ben meh­re­re Redak­teu­re die Blog­ein­trä­ge. Zum einen, weil Lina Burg­hau­sen seit jeher an sämt­li­chen Bau­stel­len gleich­zei­tig arbei­tet und zum ande­ren, um einer zu ein­sei­ti­gen Gestal­tung der Sei­te vor­zu­beu­gen. Ganz lässt sich die­ser Umstand nicht ver­mei­den, da die Her­kunft der Blog­be­trei­be­rin nun mal Deutsch­land ist. Dem­entspre­chend bezie­hen sich die meis­ten Bei­trä­ge auf Künst­le­rin­nen aus den USA, Deutsch­land und Groß­bri­tan­ni­en. Das liegt auch an der kul­tu­rel­len Sozia­li­sa­ti­on Deutsch­lands, denn seit den 60ern wird über­wie­gend eng­lisch­spra­chi­ge Musik kon­su­miert, wäh­rend sich in den letz­ten Jah­ren ver­mehrt Jugend­li­che deut­schem Rap zuwen­den. Trotz­dem fin­den sich auf der Sei­te mitt­ler­wei­le Rap­pe­rin­nen aus über 45 Län­dern und von jedem Kon­ti­nent.

Die Sei­te der 365 Fema­le* MCs bil­det ein enorm brei­tes musi­ka­li­sches Spek­trum ab – egal, ob man nun eine bestimm­te Spra­che, ein beson­de­res Sound­bild, eine spe­zi­el­le Epo­che oder kon­kre­te Inhal­te fei­ert. Wer sei­ne musi­ka­li­schen Vor­lie­ben also wei­ter­hin nur vom Geschlecht anstatt von Qua­li­tät abhän­gig macht, ver­schließt sich einem rie­si­gen Teil­be­reich der welt­wei­ten HipHop-​Szene. Und ein­fa­cher kann man die Suche nach weib­li­chen Alter­na­ti­ven im Hip­Hop wirk­lich nicht gestal­ten. Dies bemerk­ten auch eini­ge Ver­an­stal­ter und Medi­en, die den Blog mitt­ler­wei­le zum Buchen von Rap­pe­rin­nen und zur Recher­che über Künst­le­rin­nen nut­zen. Wer aller­dings kei­ne Lust auf eine Suche nach Rap­pe­rin­nen hat oder kei­ne Hin­ter­grund­in­fos benö­tigt, kann auch ein­fach auf die Spotify-​Playlist "365 Fema­le* MCs" zugrei­fen. Die­se wird regel­mä­ßig geup­datet und ent­hält einen Quer­schnitt der Epo­chen und Sound­bil­der des glo­ba­len HipHop-​Kosmos. Lina Burg­hau­sen wur­de Ende 2019 nicht ohne Grund für 365 Fema­le* MCs mit dem "Inter­na­tio­nal Music Jour­na­lism Award" aus­ge­zeich­net. Die Aus­zeich­nung ist ein Zei­chen dafür, dass die Arbeit rund um 365 Fema­le* MCs sehr wich­tig ist, da sexis­ti­sche Aus­wüch­se in der deut­schen HipHop-​Szene bis heu­te tief ver­wur­zelt sind. Erst im Juli ver­öf­fent­lich­te der SPIEGEL eine umstrit­te­ne "Daten­ana­ly­se von Sexis­mus im Deutschrap". Die­se ist zwar teil­wei­se unvoll­stän­dig und nicht wirk­lich trans­pa­rent, da unter ande­rem nicht offen­ge­legt wur­de, nach wel­chen sexis­ti­schen Begrif­fen kon­kret gesucht wur­de, trotz­dem zeigt sie auf, wie häu­fig sexis­ti­sche Spra­che immer noch Teil deut­scher Rap­mu­sik ist. Die­sen Miss­stand gilt es, als Rap­sze­ne zunächst zu erken­nen, um ihn dann in Zukunft gemein­sam ver­än­dern zu kön­nen.

 

365XX – was bringt die Zukunft? 

Mitt­ler­wei­le schrei­ben wir das Jahr 2020. In Deutsch­land gibt es end­lich meh­re­re Fema­le MCs, die auch im Main­stream statt­fin­den und einen gewis­sen Bekannt­heits­grad erreicht haben. Juju, Lore­da­na, Shirin David oder Nura sind nur ein paar Namen, die bereits eini­ge Jah­re auf einem Pop-​Level agie­ren kön­nen. Trotz­dem bil­den die genann­ten Künst­le­rin­nen längst nicht die gesam­te Brei­te ab. "Dahin­ter" tum­meln sich etli­che Fema­le MCs, die zwar den meis­ten HipHop-​Medien und Fans ein Begriff sind, dar­über hin­aus aller­dings kaum statt­fin­den. Bereits Ebow, Ace Tee, Hai­y­ti oder Anti­fuchs las­sen sich weder inhalt­lich noch sound­tech­nisch mit­ein­an­der ver­glei­chen. Trotz­dem bekom­men sie alle den Stem­pel "Frau­en­rap" ver­passt, der dann auch noch zu ihrem schein­bar ein­zi­gen und wich­tigs­ten Merk­mal erklärt wird. Genau hier liegt das Pro­blem: Oft­mals wird von der einen Aus­nah­me­künst­le­rin gespro­chen, die doch "halb­wegs hör­ba­ren" Rap machen wür­de. Dass die­ser Stem­pel allein in den letz­ten Jah­ren sämt­li­chen Rap­pe­rin­nen ver­passt wur­de, zeigt, dass die­se Bezeich­nung nicht zutref­fend ist. Es liegt allein an den Hörern, Fema­le MCs nicht mehr kate­go­risch aus­zu­schlie­ßen und ihnen die­sel­be Platt­form wie ihren männ­li­chen Kol­le­gen zu gewäh­ren.

Die P - Ange­sagt (prod. by Big Roo)

Lina Burg­hau­sen arbei­tet mit all ihren Pro­jek­ten dar­an, mehr öffent­li­che Platt­for­men für Frau­en im Rap zu schaf­fen. Bis heu­te erhal­ten vie­le Fema­le MCs in der Musik­in­dus­trie, zum Bei­spiel bei Labels oder Agen­tu­ren, eine Son­der­rol­le, die ihre Arbeit nicht gera­de erleich­tert. Anfang 2020 grün­de­te Lina Burg­hau­sen gemein­sam mit dem bel­gi­schen Inde­pend­ent­la­bel [PIAS] das All-​Female-​Label "365XX", um der Son­der­rol­le als Frau inner­halb von Label­struk­tu­ren ent­ge­gen­zu­wir­ken. Dort fun­giert sie nun als A&R-Managerin. Ihr ers­tes Signing: Die P. Ihre ers­te Ver­öf­fent­li­chung auf dem neu­en Label kam bereits Ende Mai auf den Markt. Natür­lich könn­te man jetzt kri­ti­sie­ren, dass durch die Label-​Idee die­se Son­der­rol­le "der Frau im Rap" wei­ter repro­du­ziert wird. Lina Burg­hau­sen ist sich die­ser para­do­xen Schwie­rig­keit durch­aus bewusst, wird ihre Arbeit aller­dings wei­ter­hin in die­se Rich­tung len­ken. Und zwar so lan­ge, bis die Not­wen­dig­keit nicht mehr gege­ben ist, bewusst ver­mehrt für Fema­le MCs Platt­for­men zu schaf­fen.

*Anmer­kung der Redak­ti­on: Der Begriff "Unter­schicht" steht inner­halb der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten zu Recht in der Kri­tik, da er zumeist nega­tiv kon­no­tiert ver­wen­det wird und somit stig­ma­ti­sie­rend sein kann. Gene­rell wird die Idee eines sozia­len Schich­tungs­mo­dells kri­tisch beur­teilt. Wir nut­zen die­sen Begriff hier ledig­lich, um zu ver­deut­li­chen, in wel­cher sozia­len Situa­ti­on sich die ange­spro­che­nen Gesell­schafts­mit­glie­der befin­den. Es ist nicht unse­re Absicht, mit die­sem Begriff Per­so­nen zu ver­ur­tei­len oder zu dis­kri­mi­nie­ren.

(Alec Weber)
(Titel­bild von Jani­na Stef­fes)