Roger Rekless

Roger Rekless ist ein viel­be­schäf­tig­ter Mann. Neben sei­nem Haupt­job als Rap­per ist er auch als Pro­du­zent, DJ, Radio-​Moderator, Festival-​Host und mitt­ler­wei­le sogar als Buch­au­tor tätig. Unter­hält man sich mit ihm, wun­dert es einen kaum, dass er sich nicht auf eine Tätig­keit fest­le­gen möch­te. Denn der Münch­ner spru­delt nur so vor Ener­gie und hat eine Men­ge zu sagen. Dass er es jedoch nicht immer leicht hat­te, wird nicht nur beim Lesen sei­nes Sach­buchs "Ein Neger darf nicht neben mir sit­zen" deut­lich, das er kürz­lich unter sei­nem bür­ger­li­chen Namen David Mayon­ga ver­öf­fent­lich­te und sei­ne Erfah­run­gen mit Ras­sis­mus behan­delt. Auch in sei­ner Musik – so opti­mis­tisch und von Grund auf posi­tiv sie ober­fläch­lich betrach­tet auch erschei­nen mag – gibt er immer wie­der Ein­bli­cke in sein mit­un­ter tur­bu­len­tes Innen­le­ben. Eben­so tut er das auf sei­nem neu­en Album "Über die Natur der Din­ge". Mit uns unter­hielt sich Roger offen über sei­ne ver­gan­ge­nen Erfah­run­gen mit Depres­si­on und das schö­ne Gefühl nach dem Über­win­den einer depres­si­ven Epi­so­de. Außer­dem ging es in unse­rem Gespräch unter ande­rem um römi­sche Phi­lo­so­phie und die Par­al­le­len, die zwi­schen dem Musik­ma­chen und Sport­trei­ben bestehen.

MZEE​.com: Dein neu­es Album heißt "Über die Natur der Din­ge". Was genau willst du mit dem Titel aus­drü­cken? Auf mich wirkt er sehr ambi­va­lent.

Roger Rekless: Es mag viel­leicht so klin­gen, aber eigent­lich ist es eine Remi­nis­zenz an "Über die Natur der Din­ge" von Lukrez, der ein Schü­ler von Epi­kur war. Ich mag den Dude irgend­wie. Der war Phi­lo­soph im alten Grie­chen­land und alle haben ihn geha­tet, weil er gesagt hat, das Leben sei grö­ßer als alle Vor­stel­lun­gen von Gott­hei­ten und dass das Uni­ver­sum grö­ßer sei, als es sich die Leu­te vor­stel­len könn­ten. Das waren Ide­en, die so weit weg waren, dass sie kei­nem getaugt haben und kei­ner Bock auf sie hat­te. Des­we­gen ist der lan­ge unter dem Radar geflo­gen. Und irgend­wie fin­de ich mich in die­sem Prin­zip total wie­der. Auch ich kämp­fe mit mei­nen Dämo­nen und depres­si­ven Epi­so­den. Ich bin immer wie­der ganz lan­ge weg vom Gesche­hen gewe­sen. Des­halb fand ich das total geil. "Über die Natur der Din­ge" war tau­sen­de Jah­re ver­schol­len und wur­de dann von einem ita­lie­ni­schen Dude in irgend­ei­ner Klos­ter­bi­blio­thek in Deutsch­land wie­der­ent­deckt. Bei mir ist Maniac sozu­sa­gen der ita­lie­ni­sche Gelehr­te, der mich wie­der­ent­deckt und mir aus einer depres­si­ven Epi­so­de her­aus­ge­hol­fen hat. Wir woll­ten eigent­lich nur eine EP machen, aber dann wur­de so viel dar­aus, dass ich gedacht habe: "Hey, das ist doch genau wie bei Lukrez und sei­nem Manu­skript." Nicht in dem Sin­ne, dass ich das als genau­so wich­tig emp­fin­de. Lukrez' Schrif­ten waren ein unfass­bar wich­ti­ger Anstoß für die Renais­sance. Aber ich habe in die­sem Pro­zess mei­nen eige­nen Wert erkannt. Des­we­gen woll­te ich das Album so nen­nen. Es ist qua­si mein per­sön­li­ches "Über die Natur der Din­ge".

MZEE​.com: Hast du wei­te­re Remi­nis­zen­zen an Lukrez' Werk in dei­ne Tex­te ein­flie­ßen las­sen oder wen­dest du ledig­lich den Titel meta­pho­risch auf dei­ne eige­ne Situa­ti­on an?

Roger Rekless: Es kommt schon immer mal wie­der ein biss­chen durch. In dem Sin­ne, dass ich die Lie­be als eines der wich­tigs­ten Güter hoch­hal­te oder die Obrig­keit kri­ti­sie­re. Da bin ich ganz in der Schu­le von Epi­kur und Lukrez. Ich grei­fe auch eini­ge Phi­lo­so­phen auf, die etwas spä­ter kamen und krie­ge­ri­scher waren – wie etwa Machia­vel­li. Das geschieht aber auch von Lukrez' und Epi­kurs Stand­punkt aus. Es zieht sich schon ein biss­chen durch, wenn auch eher punk­tu­ell. Das Über­grei­fen­de ist tat­säch­lich eher die­ser Spi­rit, den ich in mir selbst ver­spü­re.

MZEE​.com: Kom­men wir mal auf die Pro­duk­ti­on des Albums zu spre­chen, die Maniac über­nom­men hat. Hast du dich auch an der Sound­ent­wick­lung und Ent­ste­hung ein­zel­ner Beats betei­ligt? Schließ­lich bist du ja selbst auch Pro­du­zent bezie­hungs­wei­se Instru­men­ta­list.

Roger Rekless: Eigent­lich habe ich Achim (Maniacs bür­ger­li­cher Name, Anm. der Redak­ti­on) über­haupt nicht rein­ge­re­det. Er hat mir Beats geschickt und ich war so: "Ja, sau geil!" Ich glau­be, ich habe nur bei dem Song mit Keno noch eine Synthie-​Bassline dazu­ge­spielt. Sonst hat Achim alles allei­ne gemacht. Du musst dir das wie eine musi­ka­li­sche The­ra­pie vor­stel­len. Ich bin aus die­ser depres­si­ven Epi­so­de raus­ge­kom­men und konn­te end­lich wie­der am nor­ma­len Leben teil­neh­men. Das woll­te ich für mich per­sön­lich fei­ern und habe Maniac des­halb gefragt, ob er nicht Bock hät­te, mir Beats zu schi­cken, um eine EP zu machen. Da mein­te er direkt: "Logo, Oida! Da schick' i dir Ban­ger, Oida!" Das Kras­se war, dass es mir in die­sen Nach­we­hen der depres­si­ven Epi­so­de trotz allem immer mal wie­der schlecht ging. Das ist unge­fähr so, als hät­te man eine rich­tig kras­se Grip­pe gehabt. Da bist du auch nicht sofort wie­der fit. Über die­sen Zeit­raum hat mich Achim immer wie­der völ­lig locker und unprä­ten­ti­ös gefragt, wie es mir geht. Ich habe dann geant­wor­tet, dass es ein biss­chen schwer ist und ich kämp­fen muss – und sofort hat­te ich zwei neue Beats in der Inbox! (schmun­zelt) Das hat mich so krass abge­lenkt und ich konn­te dadurch alles, was mich bewegt und auf­ge­wühlt hat, auf­schrei­ben. Das war echt der Wahn­sinn und die bes­te The­ra­pie über­haupt. Vie­le der Songs, die am Anfang ent­stan­den sind, haben wir aber nicht mit auf das Album genom­men, weil die noch sehr von mei­nen Erleb­nis­sen aus der Zeit geprägt sind. Die waren sehr düs­ter. Der ein­zi­ge davon, der es den­noch auf das Album geschafft hat, ist "X (Über die Natur der Din­ge)" – der Titel-​Track, mit dem das Album auch beginnt. Ich fin­de, man merkt das auch, wenn man den hört. Der ist viel wüten­der als alle ande­ren und hat die­se Wut auf die eige­ne Ver­zweif­lung mit drin. Kha­lil, einer mei­ner bes­ten Kum­pels, mein­te, ich müs­se den unbe­dingt mit drauf­neh­men. Also habe ich Maniac den Song geschickt, um zu schau­en, was er dar­aus macht. Wir haben sechs oder sie­ben ver­schie­de­ne Ver­sio­nen davon gemacht, bis die dabei war, die jetzt auf dem Album ist. Der Typ hat mich ein­fach kom­plett ver­stan­den. Das hat­te ich wirk­lich sel­ten bis­her. Wir muss­ten so wenig über die Arran­ge­ments der Songs, über Breaks oder sonst irgend­was dis­ku­tie­ren, weil wir die­se Din­ge exakt gleich hören. Teil­wei­se habe ich beim Auf­neh­men, wenn ich einen Beat hat­te, der nur aus einem Loop besteht, selbst mei­ne Pau­sen so rein­ge­schnit­ten, wie ich es cool fän­de. Da gab es nie Dis­kus­sio­nen, weil er die genau­so gesetzt hät­te. Oder anders­rum: Er setzt, nach­dem ich auf­ge­nom­men habe und selbst kei­ne gesetzt habe, Breaks in den Beat. Die höre ich mir dann an und sage: "Ja, genau so hät­te ich es auch gemacht!" (lacht) Das war wirk­lich geil. Ich ver­traue Maniac ein­fach zu 100 Pro­zent. Auch wenn er mir mal dazu gera­ten hat, eine Stro­phe weg­zu­las­sen, da sie für den Song nicht nötig sei, habe ich ihm voll­kom­men ver­traut. Bei ande­ren hät­te ich mich da beschwert, aber bei ihm nicht. Das war für mich der abso­lu­te Wahn­sinn.

MZEE​.com: Du hast jetzt schon rela­tiv viel und offen von dei­ner zurück­lie­gen­den Depres­si­on erzählt. Auf "Raus aus der Dun­kel­heit" rappst du: "Ich mach' gleich wie­der Cash. Aber nicht mit Mucke, des bleibt lie­ber des, was mich raus­holt aus der Tie­fe, nicht dahin ent­lässt." Was sagst du dazu, dass oft behaup­tet wird, eine Depres­si­on wir­ke sich posi­tiv auf künst­le­ri­sches Schaf­fen aus?

Roger Rekless: Das ist defi­ni­tiv so. Ich glau­be, es gibt kei­nen ech­ten Künst­ler, der ohne depres­si­ve Epi­so­den durchs Leben geht. Anders wür­de es gar kei­nen Sinn machen. Es ist natür­lich nicht so, dass ich sage: "Cool, ich find's voll geil, dass ich da immer wie­der durch­ge­hen muss!" Und ich muss auch ganz ehr­lich zuge­ben, dass ich es erst jetzt geschafft habe, damit rich­tig umzu­ge­hen – zum Bei­spiel mit den gan­zen unter­schied­li­chen The­ra­pie­an­sät­zen. Die geben dir auf eine gewis­se Art und Wei­se eine emo­tio­na­le Grund­la­ge, bei der du dich – gezwun­ge­ner­ma­ßen – selbst spürst. Dar­aus kannst du defi­ni­tiv Stoff für dei­ne Tex­te zie­hen. Ich konn­te für mich aber am meis­ten Inspi­ra­ti­on aus dem Über­win­den der Depres­si­on zie­hen. Es ist nicht die­ses Tief­schwar­ze, Sämig-​Teerige, einen Run­ter­zie­hen­de, aus dem man Inspi­ra­ti­on zieht, son­dern das Gefühl, das ent­steht, wenn man sich da wie­der raus­ge­kämpft hat. Ich fin­de es wich­ti­ger, über das Raus­kämp­fen als über das Drin­ste­cken zu rap­pen. Wenn du wirk­lich da drin­steckst, ist das nichts, das man besin­gen will – zumin­dest ist das bei mir so. Ich fin­de nicht, dass ganz vie­le Leu­te hören müs­sen, wie schlecht es mir geht. Ich fin­de es viel coo­ler, die Leu­te, die selbst unter einer Depres­si­on lei­den, an das Gefühl zu erin­nern, das man hat, wenn man gera­de durch eine Epi­so­de gegan­gen ist. Wenn du am Ende bist und es gera­de raus­ge­schafft hast, ist das ein biss­chen so, als wärst du rich­tig viel geschwom­men. Dein gan­zer Kör­per gibt dir dann zu ver­ste­hen, dass er nicht mehr kann. Du ziehst dei­ne letz­ten Bah­nen und schleppst dich mit letz­ter Kraft aus dem Becken raus. Du kannst dich nicht mal mehr am Becken­rand hoch­zie­hen. Du schaffst es gera­de noch, dich mit dem Ober­kör­per irgend­wie über die Flie­sen aus die­sem Becken zu zie­hen. So fühlt es sich für mich an, wenn ich aus so einer Epi­so­de kom­me. Dann lie­ge ich aber an der Sei­te vom Pool und bin in Sicher­heit. Und die­ses kur­ze Gefühl, wenn du total fer­tig, aber in Sicher­heit bist, möch­te ich ver­mit­teln. Ich hof­fe, dass das bei Leu­ten, die es schon ein­mal aus einer Depres­si­on her­aus­ge­schafft haben, ankommt. Viel­leicht mer­ken aber auch die­je­ni­gen, die so etwas zum ers­ten Mal erle­ben, dass es ein Danach gibt. Es gibt eben noch weit­aus mehr als die Depres­si­on – auch, wenn es sich in dem Moment so anfühlt, als wäre es nicht so, und man sich selbst nur noch auf die­se Dun­kel­heit redu­ziert.

MZEE​.com: Mir ist auf­ge­fal­len, dass du zwar über das The­ma "Depres­si­on" sprichst, es aber kei­nes­wegs über­the­ma­ti­sierst. Das Album hat jeden­falls einen sehr posi­ti­ven Grund­ton.

Roger Rekless: Ja, genau. Des­we­gen haben wir auch vie­le Songs nicht aufs Album genom­men, die kurz nach der Epi­so­de ent­stan­den sind. Es wäre sonst viel zu düs­ter gewor­den. Das war ein­fach nicht das, was ich woll­te. Es ist voll schön, dass du das so emp­fun­den hast, weil ich zwar eine posi­ti­ve Grund­stim­mung erzeu­gen, aber den­noch ab und an anspre­chen woll­te, wo das her­kommt. Es soll­te jeden­falls kein gro­ßes Kla­ge­lied wer­den.

MZEE​.com: Es ist ja kein Geheim­nis, dass du neben Hip­Hop auch in ande­ren Gen­res unter­wegs bist – zum Bei­spiel mit dei­ner Hardcore-​Band GWLT. Woher kommt die­se gleich­mä­ßig aus­ge­präg­te Lei­den­schaft für auf den ers­ten Blick so unter­schied­li­che Gen­res?

Roger Rekless: Ich habe nie wirk­lich in Genre-​Grenzen gedacht. Ich fing wegen mei­ner Mum an, Musik zu hören. Die hat­te alte Soul-​Platten, zum Bei­spiel von Al Green oder den Four Tops. Ich fand es schon als Kind geil, wenn sie das auf­ge­legt hat. Spä­ter hat sie mir oft Mix­tapes von DJs aus Mün­chen gege­ben. Da habe ich dann zum ers­ten Mal Rap gehört. Das waren Sachen wie Salt-​N-​Pepa, LL Cool J oder Eric B & Rakim. Ich fand die­ses rhyth­mi­sche Gere­de total cool. (lacht) Gleich­zei­tig kam "Razor's Edge" von AC/​DC raus. Ende der 80er war das voll mein Ding. Dar­über kam recht schnell Punk dazu. Als ich dann auch ein biss­chen Eng­lisch konn­te, waren Punk und Hip­Hop das­sel­be für mich. Das waren bei­des jun­ge, wüten­de Musik­rich­tun­gen, die ver­such­ten, gegen das Estab­lish­ment zu sein und die Zustän­de zu ver­än­dern. Das fand ich total geil. Klar, die einen haben das mit Gitar­ren gemacht und die ande­ren mit Drums und Sam­ples, aber die Inten­ti­on dahin­ter war für mich exakt die glei­che. Des­we­gen habe ich das nie tren­nen kön­nen und immer Punk, Metal und Rap gehört. Dann kam "Bring the Noi­se" von Anthrax und Public Ene­my raus und ich war so: "Yes! Geil! Genau des muss doch 'zam­kom­men!" Spä­ter kam dann der Sound­track von "Jud­ge­ment Night" raus, auf dem immer eine Metal-​Band mit einer Rap-​Band einen Song hat­te, was auch ein­fach groß­ar­tig ist. Ich hat­te so gehofft, dass dann vie­le groß­ar­ti­ge Crossover-​Sachen ent­ste­hen – und genau das Gegen­teil ist pas­siert. (lacht) Rage Against the Machi­ne ist in mei­nen Augen das Ein­zi­ge, das dann noch kam und auch geil war. Danach gab es nur noch so Geschich­ten wie Limp Bizkit, was mir ein­fach zu stumpf war. Lus­ti­ger­wei­se habe ich durch die­se Ent­täu­schung dann Jazz für mich ent­deckt. (lacht) Da hat sich wie­der ein neu­es Feld auf­ge­tan. Des­we­gen bin ich jetzt auch so breit auf­ge­stellt. Ich lie­be das, weil du Musik immer auf "gut" oder "schlecht" run­ter­bre­chen kannst. Genre-​Grenzen braucht man ein­fach nicht. Chil­ly Gon­za­les – ein gro­ßer Pia­nist, den ich ham­mer­geil fin­de – habe ich mal gefragt, wie das für ihn ist, weil er sich auch zwi­schen allen mög­li­chen Gen­res bewegt. Er hat mir dann geant­wor­tet, dass er das Den­ken in Gen­res viel zu kurz gedacht und dumm fin­det. Es sperrt dich nur ein und limi­tiert dich. Ich habe ihm da vol­ler Ehr­furcht Recht gege­ben. Es ist wirk­lich egal, was du für Mucke machst. Mach sie ein­fach, so gut du kannst, und mach vor allem dein eige­nes Ding. Anfang des Jah­res war ich mit Moop Mama auf Tour. Da habe ich wie­der gemerkt, wie schön es ist, wenn man einen breit­ge­fä­cher­ten Musik­ge­schmack hat und sich dabei nicht ein­engen lässt. So hast du ein­fach viel mehr Ein­flüs­se und kannst dich super aus­tau­schen. Du ent­deckst immer wie­der neue Künst­ler und Instru­men­ta­lis­ten, die dir vor­her noch fremd waren. Das ist echt cool.

MZEE​.com: Es steht also sicher­lich außer Fra­ge, dass du dich auch in Zukunft musi­ka­lisch aus­to­ben wirst?

Roger Rekless: Oh yeah, auf jeden Fall!

MZEE​.com: Auch beruf­lich willst du dich offen­sicht­lich nicht auf eine Sache beschrän­ken. Du bist nicht nur Rap­per und Sän­ger, son­dern auch DJ, Pro­du­zent und mitt­ler­wei­le Buch­au­tor. Zudem arbei­test du als Mode­ra­tor beim Jugend­ra­dio PULS und hast schon das Splash! mode­riert. Wie bekommst du all die­se Tätig­kei­ten unter einen Hut?

Roger Rekless: Also frü­her habe ich es nicht wirk­lich unter einen Hut gebracht. (lacht) Da habe ich ganz viel ver­plant und ver­ges­sen. Mitt­ler­wei­le hel­fen mir mei­ne Frau und mein Manage­ment aber dabei. Was die Orga­ni­sa­ti­on betrifft, wür­de ich das allei­ne sicher nicht schaf­fen. Aber wenn man zwei Leu­te hat, die einen dar­auf hin­wei­sen, was man alles auf dem Plan hat, dann geht es eigent­lich ganz gut. Ich wür­de jedem, der mehr machen will, emp­feh­len, dass er struk­tu­rier­ter ran­geht als ich. (lacht) Ich habe auch pro­biert, mich mal auf ein­zel­ne Sachen zu kon­zen­trie­ren. Mein Pro­blem ist nur, dass mich so viel inter­es­siert und mir so viel Spaß macht. Um Erfolg in die­ser Welt zu haben, ist es natür­lich geil, wenn du dich auf eine Sache kon­zen­trierst. Dann fokus­siert sich alles, was du tust, dar­auf. Aber irgend­was in mir sperrt sich dage­gen. Ich habe kei­nen Bock dar­auf, alles Mög­li­che aus­zu­schal­ten und nicht in mein Leben zu imple­men­tie­ren, nur damit ich eine Sache vor­wärts brin­ge. Damit füh­le ich mich am Ende des Tages nicht wohl. Mir macht es viel mehr Spaß, mal da und mal da rein­zu­schnup­pern. Je weni­ger ich davon kann, des­to bes­ser. Neue Sachen anzu­fan­gen und zu ler­nen, macht mir ein­fach irre Spaß. Viel­leicht auch, weil das die schwie­rigs­te Zeit ist. Bis man mal irgend­et­was an den Start gebracht hat, dau­ert es halt. Wenn ich etwas geschafft habe, ist es für mich immer voll der Gewinn. PULS ist ein gutes Bei­spiel. Ich habe bei dem Jugend­ra­dio ange­fan­gen und bin dann zu Bay­ern 2 und Bay­ern 3 rüber­ge­gan­gen. Das ist schon echt cool als Mode­ra­tor, der eigent­lich kei­ner ist und anfangs kei­ne Ahnung von jour­na­lis­ti­scher Arbeit hat­te. In mei­nem ers­ten Jahr habe ich mir immer stun­den­lang Infor­ma­tio­nen rein­ge­zo­gen, um irgend­wie in die­ser Welt klar­zu­kom­men. (lacht) Das fand ich schon cool und es macht mir auch immer noch Spaß. Ich habe mir jedoch selbst gesagt – und das war auch total gut –, dass ich die Musik immer in das Zen­trum stel­len möch­te. Vor­her habe ich halt immer alles Mög­li­che gemacht und es war nie so klar, was das Haupt­ding ist. Bist du jetzt Mode­ra­tor oder haupt­säch­lich Musi­ker? Oder Pro­du­zent? Oder Wri­ter für ande­re? Jetzt kann ich sagen: Ich bin in aller­ers­ter Linie Musi­ker und von da aus pas­sie­ren die gan­zen ande­ren Sachen. Auch das Buch hät­te ich nicht geschrie­ben, wenn ich nicht der wäre, der ich bin. Es ist gut, dass da schon ein struk­tu­rel­ler Wan­del pas­siert ist, der dabei hilft, das Gan­ze durch­zu­zie­hen. Ich weiß jetzt ein­fach, was im Zen­trum steht.

MZEE​.com: Kannst du denn aus dei­ner Musi­ker­kar­rie­re beson­ders viel zie­hen, das dir bei den ande­ren Tätig­kei­ten hilft? Befruch­tet sich das viel­leicht auch gegen­sei­tig?

Roger Rekless: Auf jeden Fall. Mir ist jetzt erst so rich­tig bewusst gewor­den, dass das eine wich­ti­ge Quer­ver­bin­dung ist. Ich habe am Anfang immer ver­sucht, alles Neue auch wirk­lich neu zu leben und zu erle­ben – zum Bei­spiel, als wir GWLT gegrün­det haben. Klar, ich habe schon immer Metal, Hard­core und Punk gehört. Aber selbst als Front­mann einer Band auf der Büh­ne zu ste­hen, ist noch mal was ganz ande­res. Als wir ange­fan­gen haben, konn­te ich noch nicht mal schrei­en, geschwei­ge denn live damit auf­tre­ten. Bei unse­rer aller­ers­ten Pro­be haben wir drei Songs gespielt und danach war mei­ne Stim­me weg. (lacht) Da habe ich mich natür­lich gefragt, wie wir es jemals schaf­fen sol­len, eine Stun­de live zu spie­len. Es wur­de dann immer leich­ter, je mehr ich mich auf das kon­zen­triert habe, was ich eh schon bei mei­ner Rap-​Show mache. Als ich gecheckt habe, dass ich die ruhi­gen Pas­sa­gen auch voll­kom­men ruhig per­for­men und genie­ßen kann, ging es plötz­lich viel leich­ter. Ich war auf ein­mal viel weni­ger ange­spannt und habe viel leich­ter durch­ge­hal­ten. Nach­dem wir zwei­mal mit der Band auf Tour waren, hat­te ich kei­ne Pro­ble­me mehr mit der Stim­me. Es war schon cool, zu mer­ken, dass man qua­si von sich selbst zeh­ren kann. (schmun­zelt) Es befruch­tet sich defi­ni­tiv gegen­sei­tig. Auch im Bezug aufs Radio, wo ich regel­mä­ßig free­style. Es hilft natür­lich immens, wenn man als Mode­ra­tor impro­vi­sie­ren kann. Bei Bay­ern 3 kann man ja auch anru­fen und mir Wör­ter vor­schla­gen, die ich dann live in einem Free­style im Radio ver­wen­de. Für ganz vie­le Hörer, die sonst kei­nen gro­ßen Bezug zu Hip­Hop haben, ist es total irre, dass sich jemand spon­tan Rei­me aus­denkt, die eine Geschich­te erzäh­len und schlüs­sig sind – mit so vie­len Vor­ga­ben und inner­halb kür­zes­ter Zeit. Es freut mich so krass, dass man Leu­te mit so etwas begeis­tern kann. Ich fin­de, das ist tat­säch­lich noch auf eine gewis­se Art eine hand­werk­li­che Kunst. Free­style ist qua­si Kunst­hand­werk. (lacht) Es ist schön, dass ich das Leu­ten, die sonst gar nichts damit zu tun hät­ten, über einen eher unkon­ven­tio­nel­len Weg näher­brin­gen kann.

MZEE​.com: Du hat­test auch mal einen Pod­cast zum The­ma Kampf­sport, den du gemein­sam mit dem Boysetsfire-​Bassisten Robert Ehren­brand mode­riert hast. Gibt es für dich Par­al­le­len zwi­schen Sport und Musik, zum Bei­spiel in Bezug auf die Aus­wir­kun­gen, die bei­des auf die Psy­che haben kann?

Roger Rekless: Total. Ich selbst mache ja Bra­zi­li­an Jiu Jitsu und neh­me auch an Wett­kämp­fen teil. Der Kampf­sport ist dem Musik­ma­chen in so vie­len Berei­chen gleich. Man kann sich bei bei­dem hin­ter nichts ver­ste­cken. In der Musik kannst du viel­leicht ein Image auf­bau­en. Das kann man schon machen, aber ich bin da nicht der Typ für. Mei­ne Musik ist tat­säch­lich sehr nah an mir dran, was es mir auch ein biss­chen erschwert, damit umzu­ge­hen. Denn wenn jemand die Musik kri­ti­siert, kri­ti­siert er damit auch auto­ma­tisch mich als Men­schen. Ich muss noch ler­nen, da ein wenig beson­ne­ner zu reagie­ren und nicht gleich ver­letzt zu sein. Beim Kampf­sport bist du auch immer du selbst. Du kannst dir den­ken: "Yeah, ich bin der Kras­ses­te!" Aber dann musst du eben auf die Mat­te und für die fünf Minu­ten, die die Run­de geht, bewei­sen, dass das auch wirk­lich der Fall ist – oder dich zumin­dest halb­wegs ver­tei­di­gen. Dann merkst du oft­mals schnell, dass es nicht hin­haut. Viel­leicht ist der ande­re zum Bei­spiel tech­nisch viel stär­ker als du. Das, was einem da psy­chisch wider­fährt, die­ses Spü­ren der eige­nen Unzu­läng­lich­keit und Unter­le­gen­heit, ist wahn­sin­nig gut. Und zwar des­we­gen, weil es ja im Leben genau­so ist. Die­ses Gefühl, dass man gegen jeman­den nicht ankommt, spürt man halt genau­so beim Beginn einer depres­si­ven Epi­so­de. Man merkt, dass der Moment über­schrit­ten ist, an dem man allei­ne nicht mehr raus­kommt. Mir hat der Sport des­we­gen gehol­fen, weil man die­sen Punkt im Trai­ning natür­lich viel häu­fi­ger erreicht. Im Jiu Jitsu ist es so prak­tisch: Du brauchst nur zwei­mal abklop­fen und sofort ist die Situa­ti­on auf­ge­löst und du fängst wie­der von vor­ne an. Im Wett­kampf hast du dann natür­lich ver­lo­ren, aber im Trai­ning kannst du sofort wei­ter­ma­chen. Das hat mir so krass dabei gehol­fen, mit den Epi­so­den bes­ser klar­zu­kom­men. Ich weiß, dass ich es selbst in der Hand habe. Ich kann jeder­zeit abklop­fen sozu­sa­gen. Wenn ich der­ma­ßen Angst um mich und mein Leben habe, kann ich mich sofort sta­tio­när behan­deln und mir hel­fen las­sen. Die­ser Gedan­ke tut wahn­sin­nig gut. Ich glau­be, das kann man erst zuge­ben, wenn man die­ses Gefühl bereits häu­fi­ger hat­te. Am Anfang kam eine The­ra­pie für mich zum Bei­spiel gar nicht infra­ge. Da habe ich mir noch gesagt: "Nee, das kann ich nicht. Ich bin jetzt schon so tief drin. Ich kann das doch nicht ein­fach irgend­ei­nem Frem­den erzäh­len. Das wäre ja voll anstren­gend. Ich ken­ne mich selbst schließ­lich am bes­ten und bin reflek­tiert." Man denkt dann ein­fach sehr viel. Aber beim Kampf­sport hast du eben kei­ne Zeit, groß­ar­tig nach­zu­den­ken. Du kannst dir natür­lich den­ken: "Wenn der das macht, dann mache ich das." Aber auf ein­mal macht es eben "Bumm" und plötz­lich ist alles anders. Man geht mit sich selbst und sei­ner eige­nen psy­chi­schen Kon­sti­tu­ti­on ein­fach ein biss­chen lie­be­vol­ler um. Man gesteht sich dann viel eher ein, dass es einem nicht gut geht, und akzep­tiert das auch. Dadurch bekommt man das Gefühl, selbst etwas mehr die Kon­trol­le zu haben, und lässt sich nicht mehr so ein­fach über­rol­len. In unse­rem Pod­cast haben wir in ein oder zwei Fol­gen auch mal über Depres­si­on gere­det. Da hat Robert mir erzählt, dass er sich gar nicht vor­stel­len kann, wie das so ist. Ich habe ihm dann erzählt, wie das bei mir ist und dass Jiu Jitsu mir dabei gehol­fen hat, ein biss­chen bes­ser damit klar­zu­kom­men. Dar­auf­hin haben sich eine Men­ge Leu­te gemel­det, die sich dar­über gefreut haben, dass das The­ma ange­spro­chen wur­de. Eini­ge davon waren nicht mal Kampfsport-​Enthusiasten. Die konn­ten aber den­noch etwas damit anfan­gen. Es freut mich, wenn ich auf die­se Art Leu­ten dabei hel­fen kann, selbst bes­ser mit dem The­ma klar­zu­kom­men. Ich bin gera­de Pur­ple Belt gewor­den und habe da qua­si einen zwei­ten Schwung Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl bekom­men. Ich bin mitt­ler­wei­le rela­tiv weit in die­sem Sport gekom­men und habe dem­nächst auch ein paar Tur­nie­re. Es wird inter­es­sant, da zu figh­ten und zu schau­en, was mit die­sem neu­en Gür­tel um die Hüf­ten so pas­sie­ren wird. (schmun­zelt) Mitt­ler­wei­le habe ich auch selbst damit ange­fan­gen, Leu­te zu trai­nie­ren. Für mich ist das eine ganz neue Art, mit der Depres­si­on umzu­ge­hen. Frü­her haben sich Trai­ner oft­mals so dar­ge­stellt, als wären sie die Über­men­schen und hät­ten auf alles eine Ant­wort – die­se Bruce Lee-​Film-​Trainer sozu­sa­gen, die dir immer genau sagen, wie alles läuft. Aber Gott sei Dank ist es heu­te ja nicht mehr so. Es ist ein­fach klar, dass nie­mand alles weiß. Ich fin­de es ein­fach schön, dass ich mit mei­ner Art ande­ren durch das Klar­kom­men auf der Mat­te auch etwas über das Klar­kom­men im Leben bei­brin­gen kann. Auf Tour trai­nie­ren wir auch häu­fi­ger. Keno und ich boxen – genau wie die Mädels von der Tech­nik. Denen zei­ge ich immer ein biss­chen was, das ist ganz cool. (lacht)

MZEE​.com: Abschlie­ßend wür­de ich ger­ne noch mal auf dei­ne Free­styles, die du regel­mä­ßig in Live-​Videos bei PULS gekickt hast, zu spre­chen kom­men. Ver­rätst du uns, was der schwie­rigs­te bezie­hungs­wei­se absur­des­te Vor­schlag war, den du bis­lang bekom­men hast?

Roger Rekless: (lacht) Defi­ni­tiv das Wort "Eichel­kä­se", das mir von Sha­hak Shapi­ra vor­ge­schla­gen wur­de! Ich habe das Wort gele­sen und zunächst gar nicht gese­hen, wer das geschrie­ben hat. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich es ein­ge­baut habe, aber ich habe es tat­säch­lich ver­wen­det. Eine Woche dar­auf hat Sha­hak mich ange­ru­fen und mein­te: "Ganz ehr­lich, du bist der bes­te Rap­per! Wer es schafft, das Wort 'Eichel­kä­se' in einen Free­style ein­zu­bau­en, ist ein­fach der bes­te …" Das hat mich total gefreut. Ich behaup­te das jetzt auch von mir selbst: "Hey, ich bin der bes­te Rap­per, weil ich 'Eichel­kä­se' ein­ge­baut habe!" (lacht)

(Stef­fen Bau­er)
(Foto 1 von Phil­ipp Wulk & Foto 2 von Simon Geis­ber­ger)