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Interview

Friederike Häuser – ein Gespräch über Graffiti und Politik

"Die Zugäng­lich­keit von Infor­ma­tio­nen obliegt im digi­ta­len Raum sehr vie­len Fak­to­ren wie Algo­rith­men. Der öffent­li­che Raum ist aber Gemein­gut." – Frie­de­ri­ke Häu­ser im Inter­view über die Sicht­bar­keit von Graf­fi­ti, dar­aus resul­tie­ren­de poli­ti­sche Mög­lich­kei­ten und den wis­sen­schaft­li­chen Blick darauf.

Graf­fi­ti, wie wir es heu­te ken­nen, ist eine Kul­tur, deren Anfän­ge bereits bes­tens doku­men­tiert wur­den – von TAKI 183 über den ers­ten euro­päi­schen Who­le­train in Mün­chen bis zu sämt­li­chen Mar­tha Cooper-​Fotos von viel­sei­ti­gen Kunst­wer­ken. Doch das Sprü­hen von Schrift­zü­gen und Bil­dern im öffent­li­chen Raum ist natür­lich mehr als nur eine Mal­tech­nik. Seit jeher ist es eine Aus­drucks­form, ein poli­ti­sches Mit­tel und eine Form des Pro­tests. Quel­len gibt es dazu mehr als genug, aber die Wis­sen­schaft hat sich bis­her sehr wenig damit befasst. Und genau das führ­te zu unse­rem Gespräch mit Frie­de­ri­ke Häu­ser. Seit 2021 hat sie zwei Sam­mel­bän­de der Rei­he "Hip­Hop Stu­dies" mit wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten zum The­ma Graf­fi­ti her­aus­ge­ge­ben. In die­sem Jahr erschien der zwei­te Teil "Graf­fi­ti und Poli­tik", um den sich unser Gespräch dreht. Das Buch – mit Arbei­ten von Alex­an­der Cro­me, Michl-​Felix Bierl, Sophie Bru­de­rer, Tho­mas Cham­bers, Sophie Erman, Harald Hinz, Ila­ria Hop­pe, Lau­ra Maria Lint­zen, Anika Manschwe­tus, Berit Mer­la, Ores­tis Panga­los, Igor Pono­sov, Jef­frey Ian Ross und einem Vor­wort von Kri­poe – gab sie mit Graffiti-​Aktivist Robert Kal­ten­häu­ser gemein­sam her­aus. Sowohl der Sam­mel­band als auch unser Gespräch grei­fen eini­ge Fra­gen rund um die poli­ti­schen Aspek­te von Graf­fi­ti auf: Wie kämpft man um den öffent­li­chen Raum? Wie kann eine Stadt Street Art ästhe­tisch regu­lie­ren? Und wel­che Rol­le spielt Eigen­tum eigent­lich in unse­rer Jus­tiz? Frie­de­ri­ke Häu­ser beant­wor­te­te all unse­re Fra­gen und erklär­te zudem, wie ihr per­sön­li­cher Weg zwi­schen die­sen The­men verlief.

MZEE​.com: Zunächst wür­de mich dein per­sön­li­cher Wer­de­gang zwi­schen Graf­fi­ti und Poli­tik inter­es­sie­ren: Warst du bereits ein poli­ti­scher Mensch oder bist du durch die Graffiti-​Szene poli­ti­siert worden?

Frie­de­ri­ke Häu­ser: Graf­fi­ti war bei mir immer schon prä­sent und ich bin damit auf­ge­wach­sen, weil es in der Fami­lie und im Freun­des­kreis The­ma war. Irgend­wann habe ich dann eine Haus­durch­su­chung mit­er­lebt und das war schon ein Moment, in dem ich – auch wenn ich noch sehr jung war und ein weni­ger aus­ge­präg­tes poli­ti­sches Ver­ständ­nis hat­te – gemerkt habe, wie krass das ist. Da wird eine Fami­lie früh­mor­gens mega erschreckt und offen­sicht­lich besteht da ein enor­mes Straf­be­dürf­nis. Wenn ein jun­ger Mensch durchs Dorf zieht und mit einem Edding oder einer Dose eine Wand beschmiert, ist das schein­bar Grund genug für die Poli­zei, sowas Extre­mes zu machen. Ab dem Punkt war ich dann schon näher an Graf­fi­ti inter­es­siert und bin auch noch mal anders rein­ge­wach­sen. Selbst aktiv zu wer­den ist als Frau aber auch noch mal ein ande­res The­ma … war es zumin­dest für mich. Ich bin zwar damit auf­ge­wach­sen und hat­te auch weib­li­che Vor­bil­der, aber trotz­dem dach­te ich, dass es nicht zur Debat­te steht, dass ich selbst male. Ich hat­te damals eher eine außen­ste­hen­de Funk­ti­on – ich durf­te auf­pas­sen und unter­stüt­zen. Das war alles eine sehr sub­ti­le Poli­ti­sie­rung, aber im Nach­hin­ein eigent­lich eine sehr deut­li­che. Denn bis heu­te beschäf­ti­ge ich mich dem­entspre­chend mit sol­chen Fra­gen: Wie­so wird Graf­fi­ti so hart bestraft? Wie wird inner­halb und außer­halb der Sze­ne bestraft? Wie sind die poli­ti­schen Dyna­mi­ken in der Sze­ne? Wie wird Männ­lich­keit kon­stru­iert und wie wer­den damit auto­ma­tisch ande­re Geschlech­ter ausgeschlossen?

MZEE​.com: Und wie kam es schluss­end­lich zu dem Her­aus­ge­ben von Text­samm­lun­gen zu die­sen Themen?

Frie­de­ri­ke Häu­ser: Ich habe mit­be­kom­men, dass Mar­tin See­li­ger und Marc Diet­rich Her­aus­ge­ber der Rei­he "Hip­Hop Stu­dies" wer­den und habe auf­grund des­sen, dass sie sich eher mit Rap beschäf­ti­gen, gefragt, ob in ihrem Ver­ständ­nis auch Graf­fi­ti dazu­ge­hört. Sie mein­ten, im Prin­zip ja, aber sie hät­ten nicht unbe­dingt Ahnung davon. Des­halb haben sie mir ange­bo­ten, das selbst zu machen – so bin ich da rein­ge­rutscht. Ich habe wäh­rend­des­sen gemerkt, wie wich­tig mir das auch ist. Graf­fi­ti fin­det nicht viel in der Wis­sen­schaft statt und ist dann auch immer in der glei­chen Ecke zu fin­den: in der Jugend­so­zio­lo­gie. Also der gesam­te Blick ist dar­auf beschränkt, dass das rebel­li­sche Jugend­li­che machen. Dar­über hin­aus gibt es nur noch Fra­gen wie: "Ist das Kunst oder kann das weg?"

MZEE​.com: Ich muss­te bei der Recher­che lei­der auch fest­stel­len, dass es wirk­lich weni­ge wert­vol­le Sach­tex­te zu Graf­fi­ti gibt – gera­de auf Deutsch.

Frie­de­ri­ke Häu­ser: Der Wert die­ser gan­zen Sub­kul­tur muss nach wie vor ver­stan­den wer­den. Vor allem die Viel­fäl­tig­keit und dass es so viel mehr ist als Kunst oder Zer­stö­rung. Graf­fi­ti ist natür­lich auch noch nicht beson­ders alt und die Wis­sen­schaft braucht Zeit, um hin­ter­her­zu­kom­men. Momen­tan sind wir auf Erzäh­lun­gen ange­wie­sen, die es auch zu Genü­ge gibt, aber das ist natür­lich eine sehr ein­ge­schränk­te Art, sich ein Bild zu machen, weil wir Erfah­run­gen als Wirk­lich­keit wer­ten. Das mag ich an der Wis­sen­schaft: Sie ist – so gut es geht – objek­tiv. Das sind kei­ne indi­vi­du­el­len Erzäh­lun­gen von Män­nern in den meis­ten Fäl­len, son­dern beob­acht­ba­re Fak­ten und nach­voll­zieh­bar. Dadurch nähern wir uns eher der Wirk­lich­keit an. Wir ken­nen ja die gan­zen Graffiti-​Bücher. Das sind Mono­gra­phien ein­zel­ner Künst­ler. Das ist auch total wert­voll und schön, aber der Blick, der uns gezeigt wird, ist dann dar­auf beschränkt und eher eine Idee der Wirk­lich­keit. In den USA sieht das natür­lich ein biss­chen anders aus, da ist die Wis­sen­schaft schon weiter.

MZEE​.com: In dem Sam­mel­band wird immer wie­der die Fra­ge auf­ge­wor­fen, ob über­haupt jedes Graf­fi­ti poli­tisch ist. Wie siehst du das?

Frie­de­ri­ke Häu­ser: Für mich per­sön­lich ist Graf­fi­ti per se poli­tisch, aber ich weiß, dass da die Mei­nun­gen aus­ein­an­der gehen. Ich dif­fe­ren­zie­re aber auch ger­ne zwi­schen poli­tisch und poli­tisch moti­viert. Natür­lich ist es bei einer gro­ßen Anzahl von Sprüher:innen so, dass sie ein­fach malen wol­len und nicht aktiv im Kopf haben, dass sie eine poli­ti­sche Pra­xis inten­die­ren, indem sie Eigen­tum beschä­di­gen. Aber ich den­ke, dass Graf­fi­ti nie frei von poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen ist. Das Beschä­di­gen von Eigen­tum ist viel­leicht nicht aktiv wil­lent­lich, aber man scheißt halt dar­auf. Die­se Wer­te­re­ge­lung, dass Eigen­tum geschützt wer­den und sau­ber blei­ben muss, ist einem also egal in dem Moment. Dazu kom­men die poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen, die die Ent­wick­lung von Graf­fi­ti präg­ten: Auf­grund der Schul­den­kri­se und des Umzugs der wei­ßen Mit­tel­schicht in die Vor­or­te im New York der spä­ten 60er und frü­hen 70er sind Men­schen zwi­schen zer­fal­le­nen Häu­sern und in einer Stadt, um die sich nicht mehr geküm­mert wur­de, zurück­ge­blie­ben. Egal, ob des­we­gen oder nicht, das ist der poli­ti­sche Rah­men, in dem Graf­fi­ti ent­stan­den ist. Und der ist nun mal relevant.

MZEE​.com: Kön­nen auch Auf­trags­ar­bei­ten poli­tisch sein?

Frie­de­ri­ke Häu­ser: (lacht und zögert) Street Art als eine teil­le­ga­li­sier­te Abwand­lung von Graf­fi­ti kann poli­tisch sein und eine deut­li­che poli­ti­sche Mes­sa­ge rüber­brin­gen. Des­we­gen hat ja zum Bei­spiel auch Bank­sy so eine Popu­la­ri­tät erfah­ren. Aber Auf­trags­ar­bei­ten sehe ich kri­tisch. Ich kann mich gera­de auch an kein sol­ches Bei­spiel erinnern.

MZEE​.com: Mir fällt gera­de auch nur eins ein: In Mün­chen haben Won ABC und Loo­mit ein Graf­fi­ti in Geden­ken an Georg Elser an eine ziem­lich gro­ße Haus­wand gemalt. Neben den bei­den waren dar­an eini­ge Fir­men betei­ligt – unter ande­rem die Stadt­spar­kas­se München.

Frie­de­ri­ke Häu­ser: Ich habe wit­zi­ger­wei­se mal bei einem Graffiti-​Vortrag in Mün­chen ein Georg Elser-​Shirt getra­gen. Das hät­te mir ja auch mal jemand erzäh­len kön­nen! Aber ja, das ist auf jeden Fall ein gutes Bei­spiel für eine poli­ti­sche Auf­trags­ar­beit. Mir ist gera­de auch noch ein zwei­tes ein­ge­fal­len: Es gab in Han­no­ver mal ein Fes­ti­val, das von Von­o­via gespon­sert wur­de. Ein Kol­lek­tiv hat sich nicht an die Vor­ga­ben gehal­ten und den Akti­en­kurs von Von­o­via und wie er immer wei­ter steigt abge­bil­det – also den Auf­trag­ge­ber und sein Wir­ken auf Gen­tri­fi­zie­rungs­pro­zes­se kri­tisch betrach­tet. Dadurch, dass es media­le Auf­merk­sam­keit bekom­men hat, gibt es das immer noch. Aber man muss bei die­sem The­ma natür­lich trotz­dem dif­fe­ren­zie­ren und reflek­tie­ren: Wer erteilt aus wel­chen Grün­den und mit wel­cher Moti­va­ti­on einen Auf­trag? Das hat in den sel­tens­ten Fäl­len einen kri­tisch betrach­ten­den und nicht von Kom­merz gelei­te­ten Hin­ter­grund. Die Sze­ne und ihre Codes wer­den meist instru­men­ta­li­siert, um mit ästhe­ti­scher Regu­lie­rung ech­tes Graf­fi­ti zu ver­hin­dern. Irgend­wann hat man erkannt, dass man, anstatt dage­gen vor­zu­ge­hen, die­se Kul­tur für sich wert­voll machen soll­te. Da geht es um die Ver­wert­bar­keit einer Kul­tur, die eigent­lich nichts mit Ver­wert­bar­keit zu tun hat. Ein tou­ris­ti­sches Poten­zi­al wird genutzt, um anspre­chen­de­re Vier­tel auf­zu­zie­hen, wäh­rend man so tut, als wür­de man die Kunst wert­schät­zen. Aber eigent­lich gilt die­ser Wert nur mone­tär – dadurch, dass es ein brauch­ba­rer Spot für eine Stadt wird. Krea­ti­vi­tät bedeu­tet aber Frei­heit. Ich ver­ur­tei­le kei­ne Sprüher:innen, die das machen, wir müs­sen alle Geld ver­die­nen. Aber ich wün­sche mir schon, dass sie das reflek­tier­ter machen.

MZEE​.com: Denkst du, dass Men­schen, denen tra­di­tio­nel­le poli­ti­sche Kanä­le kei­ne Stim­me geben, Van­da­lis­mus im öffent­li­chen Raum – zum Bei­spiel für The­men wie Gen­tri­fi­zie­rung – als Pro­test nut­zen können?

Frie­de­ri­ke Häu­ser: Der Aspekt der Räu­me ist hier sehr wich­tig: Die Zugäng­lich­keit von Infor­ma­tio­nen obliegt gera­de im digi­ta­len Raum sehr vie­len Fak­to­ren wie Algo­rith­men. Der öffent­li­che Raum ist aber für alle da und Gemein­gut. Das, was man dort sehen oder auch nicht sehen kann, kann uns alle beein­flus­sen. Zum Bei­spiel in der Art, wie wir poli­tisch den­ken oder auch für poli­ti­sche The­men sen­si­bi­li­siert sind. Des­we­gen kann Graf­fi­ti eine Form von Aus­druck und Sicht­bar­keit sein. Im öffent­li­chen Raum fin­det eine Form der Aus­hand­lung bestimm­ter The­men statt – und das kann die Riva­li­tät von Fuß­ball­ver­ei­nen oder kön­nen poli­ti­sche Aus­sa­gen sein. Will zum Bei­spiel eine poli­ti­sche Lin­ke Men­schen über­zeu­gen, spielt auch Graf­fi­ti eine Rolle.

MZEE​.com: Soll­te es bei die­ser Form der Mei­nungs­äu­ße­rung Tabu­zo­nen wie Kran­ken­häu­ser oder Kin­der­gär­ten geben?

Frie­de­ri­ke Häu­ser: Ich habe neu­lich bei einem Spa­zier­gang auf einem Fried­hof eine Wand mit Tags gese­hen und mich auch gefragt, ob das ein okay­er Ort dafür ist. Ich habe aber kei­ne ein­deu­ti­ge Ant­wort dar­auf. Weil ich den­ke, dass das einer indi­vi­du­el­len Beur­tei­lung unter­lie­gen kann. Eigent­lich hat das für mich kei­ne Gren­zen und Kran­ken­häu­ser sind ein gutes Bei­spiel dafür: Erst mal hat man den Gedan­ken, dass dort kran­ke Men­schen lie­gen, deren Leben geret­tet wer­den müs­sen. Und des­halb soll­te man die­sen Ort in Frie­den las­sen. Wenn man es poli­tisch betrach­tet, wer­den Kran­ken­häu­ser aber immer mehr pri­va­ti­siert. Das heißt: Die Orte, an denen es um das Leben und die Gesund­heit von Men­schen geht, funk­tio­nie­ren nach kapi­ta­lis­ti­schen Grund­re­geln. Sie wol­len Gewinn machen und sind Unter­neh­men. War­um soll­te ich das schüt­zen und davor zurück­schre­cken? Ich den­ke, man kann in Ein­zel­fäl­len immer wie­der hin­ter­fra­gen, war­um man die­se mora­li­schen Beden­ken hat, wie­so man die­se Gren­zen fühlt und ob man sie nicht doch über­schrei­ten kann.

MZEE​.com: Wenn wir also Graf­fi­ti als Akt der frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung betrach­ten: Inwie­fern kann die Ent­fer­nung davon somit als Zen­sur gese­hen wer­den? Wer­den dadurch Mei­nun­gen unterdrückt?

Frie­de­ri­ke Häu­ser: Ja, voll. Ich woh­ne zum Bei­spiel in einem Vier­tel, in dem Gen­tri­fi­zie­rung eine gro­ße Rol­le spielt. Jetzt ist das ein soge­nann­tes krea­ti­ves Vier­tel, aus dem vie­le Men­schen weg­zie­hen muss­ten. Es gibt sehr viel Graf­fi­ti, aller­dings lega­li­sier­tes und in Auf­trag gege­be­nes Graf­fi­ti, mit dem Geld ver­dient wur­de. In mei­ner Nähe gibt es einen Laden, der andau­ernd neu gestri­chen wird, weil sich anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche und kom­mu­nis­ti­sche Zei­chen und Aus­sa­gen an der Außen­wand wie­der­fin­den. Das emp­fin­de ich schon als eine Art von Zen­sur, weil es ein­deu­tig kri­ti­sche Posi­tio­nen zu dem sind, was in der Gegend pas­siert. Das ist ein Kampf von Oben gegen Unten, der dort aus­ge­foch­ten wird. Das Unten soll­te aber ein genau­so gro­ßes Mit­tei­lungs­recht haben.

MZEE​.com: Harald Hinz beschäf­tigt sich in dem Text "Graf­fi­ti in der DDR am Bei­spiel von Kunst­wer­ken im Bezirk Dres­den" mit der Fra­ge, wel­chen Unter­schied es macht, wenn ein Graf­fi­ti in einer Demo­kra­tie oder in einer Dik­ta­tur an einer Wand ange­bracht wird – vor allem in Bezug dar­auf, wie es instru­men­ta­li­siert wer­den kann. Was sind dei­ne Gedan­ken dazu?

Frie­de­ri­ke Häu­ser: Harald Hinz betreibt hier Grund­la­gen­for­schung und die­ser Bei­trag ist noch­mals ein Beleg dafür, dass Graf­fi­ti nie frei von poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen ist. Das sieht man auch an der Arbeit von Igor Pono­sov, in der es um Street Art in Russ­land geht. Das sind so spe­zi­el­le Bedin­gun­gen, die dar­auf ein­wir­ken, ob und wie du im öffent­li­chen Raum künst­le­risch han­deln darfst. Ich fän­de es mal inter­es­sant, in eine Stadt zu gehen, von der man nicht viel weiß und zu der man kei­ne Vor­an­nah­men hat – ob man wohl anhand der Zei­chen auf der Stra­ße ein­schät­zen kann, wo man sich eigent­lich befin­det und wel­ches Mind­set die Men­schen haben, die dort leben? Wenn man es schafft, sich dar­auf ein­zu­las­sen, kann man sicher ganz viel dar­in erkennen.

MZEE​.com: Auch der Begriff des Eigen­tums ist eine Fra­ge des Sys­tems, in dem man sich befin­det. Inwie­weit ist die Auf­leh­nung gegen Eigen­tum also auto­ma­tisch eine Auf­leh­nung gegen das bestehen­de System? 

Frie­de­ri­ke Häu­ser: Ob man die­se Inten­ti­on, wie vor­her schon erwähnt, wirk­lich hat oder nicht: Es ist die­ses Zei­chen. Eigen­tum ist das Pri­vi­leg einer klei­nen Schicht. Die meis­ten Men­schen haben das nicht. Im Prin­zip sind die Inter­es­sen der Rei­chen auch in unse­rem Straf­recht prio­ri­siert, aber es wird auf alle ange­wandt. Wir haben es ver­in­ner­licht und es ist ganz nor­mal, dass Eigen­tum geschützt wer­den muss. Im Straf­recht ist die Rede davon, dass man Eigen­tum ver­let­zen kann. Letzt­end­lich ist das eine Ver­mensch­li­chung von Mate­ri­al. Des­halb fin­de ich es wich­tig, das immer wie­der zu hin­ter­fra­gen. War­um sol­len wir etwas schüt­zen, das für so vie­le Men­schen Nach­tei­le mit sich bringt? Eigen­tum und Reich­tum näh­ren sich an Aus­beu­tung derer, die das für sich nicht bean­spru­chen. Das soll­te man nicht normalisieren.

MZEE​.com: Es fällt mir schwer zu ver­ste­hen, wie man einer­seits so han­deln kann, als wäre der öffent­li­che Raum All­ge­mein­gut und befreit von Eigen­tum, ande­rer­seits aber nicht tole­riert, dass eige­ne Pie­ces über­malt wer­den. Kannst du mir die­se Logik viel­leicht ein wenig näherbringen?

Frie­de­ri­ke Häu­ser: Eine Sub­kul­tur bezeich­net man dann so, wenn sich eine Grup­pe von den Regeln der Gesamt­ge­sell­schaft abwen­det, das heißt aber nicht, dass sie nicht ihre eige­nen Regeln hat. Kri­mi­nel­le Motor­rad­clubs gel­ten zum Bei­spiel auch sozio­lo­gisch als Sub­kul­tur, wen­den sich also vom Regel­werk der Gesell­schaft ab, aber sie haben für sich ein noch kom­ple­xe­res Regel­werk auf­ge­baut. Eins, das auch Bestra­fun­gen vor­sieht, wenn man dage­gen ver­stößt. In der Graffiti-​Szene ist das ver­gleich­bar und das Cros­sen wird halt als regel­haf­te Reak­ti­on auf gewis­ses Ver­hal­ten ein­ge­setzt. Erst mal ist das natür­lich ein Wider­spruch, des­we­gen ist es auch wich­tig, das auf­zu­bre­chen. Ich glau­be, ein Groß­teil die­ser Regeln ist ent­stan­den, weil die Sze­ne männ­lich domi­niert ist. Ganz viel von dem, was sie aus­macht, baut auf Kon­kur­renz, Wett­be­werb und Gewalt auf. Gewalt auch im Sin­ne von Durch­set­zen der Regeln. Es ist nicht so ein­fach, das auf­zu­bre­chen. Aber es gibt genug Leu­te, die das inzwi­schen reflek­tie­ren. Vie­les ist im Wan­del und das fin­de ich sehr schön.

MZEE​.com: In der Arbeit von Alex­an­der Cro­me über Raum­kampf wird dar­auf ein­ge­gan­gen, dass Graf­fi­ti als etwas eher Lin­kes gele­sen wird. Meinst du, der Graffiti-​Szene wird mehr Links­sein zuge­schrie­ben, als sie eigent­lich innehat?

Frie­de­ri­ke Häu­ser: (über­legt) Ich glau­be, man kann nicht sagen: "Graf­fi­ti ist …" Es kann alles sein – eine Samm­lung aus ver­schie­de­nen Ein­stel­lun­gen, Moti­va­tio­nen und Mind­sets. Das exis­tiert par­al­lel. Es gibt eine poli­tisch lin­ke, poli­tisch rech­te und poli­tisch ver­dros­se­ne Sze­ne. Des­we­gen ver­or­te ich Graf­fi­ti auch nicht unbe­dingt in der Sub­kul­tur. Theo­re­tisch kann man das machen, aber das spie­gelt für mich nicht wirk­lich die Rea­li­tät wider. Man kann auch mit einer Dose unter­wegs sein und kom­plett auf die­se Sze­ne scheißen.

MZEE​.com: Lass uns das abschlie­ßen. Da du dich trotz­dem in unse­rem Gespräch immer wie­der auf eine Sze­ne bezo­gen hast – zumin­dest eine, in der du dich bewegst: Wel­chen poli­ti­schen Wan­del soll­te die Graffiti-​Szene dei­ner Mei­nung nach selbst durchlaufen? 

Frie­de­ri­ke Häu­ser: Ach, eigent­lich wün­sche ich mir vor allem, dass die­ses Alt­ba­cke­ne – man könn­te auch sagen: das Hän­gen­ge­blie­be­ne oder viel­leicht Aus­schlie­ßen­de – ein Ende fin­det. Wenn wir in der Rap- oder Graffiti-​Szene immer nur die glei­chen fünf männ­li­chen Stars angu­cken, kom­men wir nicht wei­ter. Ihre Erzäh­lun­gen sind manch­mal gut, wich­tig und gehö­ren dazu, aber das ist nur ein klei­ner Teil des Gro­ßen. Auch in den Dis­kus­sio­nen rund um den 50. Geburts­tag von Hip­Hop tau­chen ver­ein­zelt Arti­kel auf, die erzäh­len, wel­che Frau­en von Anfang an dabei waren – sowohl im Rap als auch im Graf­fi­ti. Zusätz­lich wur­den sie nicht nur nicht sicht­bar gemacht, son­dern zum Teil aus­ra­diert. Weil Män­ner immer wie­der als Gali­ons­fi­gu­ren her­vor­ge­ho­ben wur­den und ihre Prä­senz ein­fach mehr gefei­ert wird, sie mehr gehört und gese­hen wer­den. Sie haben so eine Prio­ri­tät, dass alles drum­her­um weg­fällt. Das ist aber kein Auto­ma­tis­mus, es ist gesell­schaft­lich so gewollt. Das ist das Gute an der jet­zi­gen Zeit, in der sehr viel reflek­tiert wird: Die­se Din­ge wer­den deut­lich gemacht. Am Ende ist es wich­tig, den poli­ti­schen Wan­del sicht­bar zu machen.

(Yas­mi­na Rossmeisl)