Johann Voigt

Deutschrap-​Journalismus. Schon über das Wort lässt sich strei­ten. Die einen mei­nen, "rich­ti­ger" Jour­na­lis­mus im deut­schen Rap exis­tie­re doch gar nicht. Außer­dem kön­ne ja jeder selbst bes­se­re Arti­kel schrei­ben als "die­se Prak­ti­kan­ten". Die ande­ren fin­den, jeder, der im deut­schen Rap jour­na­lis­ti­sche Tätig­kei­ten aus­führt, sei auch ein Jour­na­list. Die nächs­ten füh­ren auf: Ja, im deut­schen Rap sind Redak­teu­re unter­wegs – aber kei­nes­falls Jour­na­lis­ten. Zusam­men­fas­sen lässt sich: Fast jeder hat zumin­dest eine Mei­nung dazu. Aber wie steht es um die Mei­nung der Jour­na­lis­ten selbst? Denn die hat kaum jemand mal gefragt. Und so star­tet unse­re neue Serie – eine klei­ne Inter­view­rei­he mit aktu­ell rele­van­ten und akti­ven Jour­na­lis­ten der deut­schen Rap­sze­ne. Dabei möch­ten wir dar­über reden, war­um die Deutschrap-​Medien von so vie­len Sei­ten – auch von der der Künst­ler – immer wie­der unter Beschuss ste­hen und wie die Jour­na­lis­ten die­se Sei­ten­hie­be per­sön­lich emp­fin­den. Wir bespre­chen, wie ein­zel­ne Jour­na­lis­ten ihren Platz in der Rap­sze­ne wahr­neh­men und ob deut­scher Rap­jour­na­lis­mus in Gossip-​Zeiten noch kri­tisch ist. Wir möch­ten erfah­ren, ob sie die Sze­ne noch unter dem Kultur-​Begriff ver­ste­hen oder das Gan­ze für sie aus­schließ­lich ein Beruf (gewor­den) ist. Es kom­men Fra­gen auf, ob es ver­ein­bar ist, in die­sem Auf­ga­ben­be­reich Geld zu ver­die­nen und wie der aktu­el­le Deutschrap-​Journalismus und sei­ne Ent­wick­lung gese­hen wird. Und: Wie steht es über­haupt um die Ent­wick­lung der Rap­sze­ne an sich? Das und vie­les mehr wer­den wir in über zehn Inter­views bespre­chen, in wel­chen es ver­ständ­li­cher­wei­se immer nur um einen Teil­be­reich die­ser gro­ßen The­men­welt gehen kann. Unser dies­ma­li­ger Gesprächs­part­ner Johann Voigt arbei­tet als frei­er Jour­na­list in Wien und Ber­lin. Sei­ne Refe­ren­zen rei­chen von der JUICE über Das Wet­ter und DIE ZEIT bis zum Musik­ex­press und zur Süd­deut­schen Zei­tung. Sei­nen meist beach­te­ten Arti­kel ver­öf­fent­lich­te er aller­dings bei der VICE: Gemein­sam mit Paul Schwenn recher­chier­te er ver­deckt in Kol­le­gahs Alpha Mentoring-​Programm. Im Inter­view spra­chen wir mit Johann über den Arti­kel und die fol­gen­de Dis­kus­si­on, das inves­ti­ga­ti­ve Poten­zi­al von HipHop-​Medien, das Sach­ver­ständ­nis von Feuilleton-​Redakteuren und den Umgang mit Künst­lern, die pro­ble­ma­ti­sche Inhal­te ver­mit­teln.

MZEE​.com: Die SPIEGEL-​Reportage über Gangs­ter­rap in Deutsch­land hat für viel Auf­re­gung in der Sze­ne und auch unter Jour­na­lis­ten gesorgt. Du hast auf Twit­ter geschrie­ben, dass du nicht ganz ver­ste­hen kannst, war­um. Kannst du das aus­füh­ren?

Johann Voigt: Mich hat der Text ein biss­chen getrig­gert. Ich fand vie­le Stel­len nicht gut und ich ver­steh' die Kri­tik dar­an. Es ist teil­wei­se von oben her­ab for­mu­liert. Die­ses Clan-​Thema wur­de auf­ge­grif­fen, was ich unnö­tig fin­de, weil es weni­ge Bele­ge für die kon­kre­ten Bezie­hun­gen zwi­schen soge­nann­ten Clans und Rap­pern gibt. Aber ich den­ke trotz­dem nicht, dass man den Arti­kel per se abwer­ten muss. Es ist ein okay recher­chier­ter Text für eine Ziel­grup­pe, die sich mit Rap nicht aus­kennt. Ich weiß nicht, ob man das unbe­dingt als Gangsterrap-​Titelstory hät­te auf­ma­chen müs­sen. Aber ich fin­de, es wur­de zumin­dest gut erklärt, wie viel Geld man mit Rap ver­die­nen kann und wie die wirt­schaft­li­chen Struk­tu­ren dahin­ter aus­se­hen. RAF Camo­ra erzählt das alles recht aus­führ­lich und dadurch lie­fert er einen guten Ein­blick. Die gan­ze Auf­ma­chung hat mich gestört. Gera­de, dass Gzuz auf dem Cover ist, obwohl die genau wis­sen, dass er eine frag­wür­di­ge Per­son ist und man jemand ande­ren hät­te neh­men kön­nen. Gzuz wur­de ja auch nicht inter­viewt. Aber ich fand den Text nicht so schlimm und pein­lich, wie es dar­ge­stellt wur­de.

MZEE​.com: Für die VICE hast du dich zusam­men mit Paul Schwenn in Kol­le­gahs Alpha Mentoring-​Gruppe ein­ge­schleust und die kru­den Machen­schaf­ten dort mit­auf­ge­deckt. Wie hast du die Reak­tio­nen dar­auf erlebt?

Johann Voigt: Das gro­ße Medi­en­echo hat mich über­rascht. Vie­le Leu­te haben unse­re Recher­chen auf­ge­grif­fen und die Dis­kus­si­on ging über die Rap­sze­ne hin­aus. Das hat für mich bestä­tigt, dass das The­ma rele­vant ist. Ziem­lich läs­tig und ner­vig waren die recht­li­chen Schrit­te, die sowohl von Kol­le­gahs Anwäl­ten als auch von denen der Bau­lig Con­sul­ting GmbH ein­ge­lei­tet wur­den. Die Bau­ligs kamen auch im Text vor, weil sie in das Alpha Mentoring-​Programm invol­viert waren. Wir muss­ten uns mit sehr vie­len Abmah­nun­gen rum­schla­gen. Als wir dach­ten, die Arbeit ist getan, muss­ten wir also noch mal jedes Detail unse­rer Recher­che bele­gen, um zu zei­gen, dass recht­lich alles dicht ist. War es am Ende auch. Das Ein­zi­ge, was wir ändern muss­ten, war eine Alters­an­ga­be, das fand ich ganz lus­tig.

MZEE​.com: Was hat sich aus der Recher­che am meis­ten bei dir ein­ge­brannt?

Johann Voigt: Am eigen­ar­tigs­ten fand ich es, wie ernst Kol­le­gah das alles genom­men hat. Er steht tat­säch­lich hin­ter all dem Quatsch, den er da ver­brei­tet. Mit wel­cher Über­zeu­gung er Sachen erzählt hat, wie dass der Satan wirk­lich exis­tie­re … Es gab jeman­den im Mentoring-​Programm, der sehr anfäl­lig für Ver­schwö­rungs­theo­rien war und einen ent­spre­chen­den YouTube-​Kanal auf­bau­en woll­te. Des­sen Vor­ha­ben hat Kol­le­gah in einem sei­ner "Boss-​Calls" als inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus bezeich­net. Sol­che Din­ge hat er mit vol­ler Über­zeu­gung gesagt. Ansons­ten fand ich die Coaching-​Mechanismen weird: die­se kras­se Selb­st­op­ti­mie­rung bis zum geht nicht mehr und die Ver­spre­chun­gen, dass du erfolg­reich wirst. Nur, weil du an die­sem Pro­gramm teil­nimmst, wird das aber sicher nicht pas­sie­ren.

MZEE​.com: Ich fand es ganz beru­hi­gend, dass Kol­le­gah sein unfass­bar teu­res Live-​Event absa­gen muss­te, weil das dann doch nicht genug Leu­te bezah­len woll­ten.

Johann Voigt: Inter­es­sant ist ja, dass das Men­to­ring par­al­lel dazu schon geplant wur­de. Kol­le­gah hat dann groß­spu­rig gesagt, dass er sei­nen Fans die Abzo­cke­rei von Dirk Kreu­ter, mit dem er das damals gemein­sam machen woll­te, nicht antun wol­le. Gleich­zei­tig lief schon die Ent­wick­lung sei­nes Alpha Men­to­rings, was ja ein ähn­li­ches Prin­zip ver­folgt – es ist ein teu­rer Spaß.

MZEE​.com: Für wie gefähr­lich hältst du Kol­le­gahs Ein­fluss, gera­de auf jun­ge Men­schen?

Johann Voigt: Man kann das nicht auf jun­ge Men­schen per se bezie­hen. Es gibt sicher vie­le Leu­te, die reflek­tiert sind und Kol­le­gah hören, sich aber nicht so sehr von ihm beein­flus­sen las­sen. Aber wir haben gese­hen, dass es auch sehr devo­te Fans gibt, die ihm alles abneh­men, blind hin­ter­her­lau­fen und das, was er ver­kör­pert, abfei­ern. Und das ist ein sehr neo­li­be­ra­les Welt­bild, in dem es um Selb­st­op­ti­mie­rung, die angeb­lich ech­te Männ­lich­keit und einen gestähl­ten Kör­per geht. Frau­en sind da nicht viel wert. Dass die­sem Boss-​Ding vie­le fol­gen, fin­de ich bedenk­lich. Durch die sub­ti­le Ver­mitt­lung die­ser Inhal­te in Kol­le­gahs Musik und in sei­nem Buch wer­den selt­sa­me Rol­len­bil­der repro­du­ziert. Außer­dem fin­de ich die Ver­schwö­rungs­the­ma­ti­ken gefähr­lich, an die er glaubt. In Doku­men­ta­tio­nen auf dem Felix Blume-​Channel lässt er immer wie­der durch­bli­cken, dass nichts sei, wie es scheint. Sei­ne Fans glau­ben dann viel­leicht eher dem, was der Star Kol­le­gah sagt. Dazu kom­men Din­ge wie Kol­le­gahs Posi­tio­nie­rung zum Israel-​Palästina-​Konflikt, sein Anti­se­mi­tis­mus oder sei­ne "Afrika-​Doku". Er spricht davon, dass er da hin­fah­ren und es selbst in die Hand neh­men müs­se, in einem afri­ka­ni­schen Land eine Schu­le auf­zu­bau­en, weil man Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen nicht ver­trau­en kön­ne. Das lässt er alles auf Leu­te los, die sich mit sol­chen The­men viel­leicht nicht beschäf­tigt haben und im schlech­tes­ten Fall nach­hal­tig dadurch geprägt wer­den. Das hal­te ich für gefähr­lich und es ist wich­tig, dass jemand etwas dage­gen sagt. Kol­le­gah behaup­tet Sachen, die nicht stim­men.

MZEE​.com: Braucht es von­sei­ten der Rap-​Medien mehr inves­ti­ga­ti­ve Inhal­te wie eure Recher­che?

Johann Voigt: Ich wür­de mir wün­schen, dass es mehr sol­cher Geschich­ten gibt. Mir ist egal, ob das HipHop-​Medien machen oder DER SPIEGEL. Ich fin­de es wich­tig, dass es pas­siert. Ich glau­be auch nicht, dass man viel Ahnung von Musik haben muss, um einen Arti­kel wie den über Kol­le­gah zu schrei­ben. Man soll­te eher wis­sen, wie man recher­chiert und es braucht finan­zi­el­le Mit­tel und eine gute Rechts­ab­tei­lung. Das ist wich­ti­ger, als zu wis­sen, wann Afri­ka Bam­baa­taa irgend­wel­che Tracks ver­öf­fent­licht hat oder wann wel­ches "Zuhäl­ter­tape" von Kol­le­gah erschie­nen ist. Ich glau­be nicht, dass es den alt­ein­ge­ses­se­nen HipHop-​Medien mög­lich sein wird, sol­che Arti­kel umzu­set­zen. Sie sind zu ver­wur­zelt in der Sze­ne und es feh­len ihnen die finan­zi­el­len Mit­tel und die Man­power.

MZEE​.com: Fin­dest du es denn all­ge­mein wich­tig, dass es noch klas­si­sche HipHop-​Medien gibt?

Johann Voigt: Solan­ge jemand die Sachen liest oder anschaut, ist ja ein Inter­es­se da und dann hat das Ange­bot auch eine Rele­vanz. Es braucht die­se Medi­en sicher, um Din­ge, die in der Sze­ne pas­sie­ren, ein­zu­ord­nen und über Sachen zu schrei­ben, die nicht über­all statt­fin­den. Es braucht sie, um musi­ka­li­sche Ent­wick­lun­gen zu erklä­ren, die span­nend sind. DIE ZEIT wird mir nicht erklä­ren, was UK Drill ist, aber ich fin­de es trotz­dem wich­tig, dass das gemacht wird. Sie soll­ten auch Din­ge kri­ti­sie­ren und ein­ord­nen, die unter dem Radar flie­gen, bei­spiels­wei­se, wenn ein Absz­trakkt völ­ki­sche und rech­te Tex­te rappt. Das fin­det woan­ders nicht statt. Ich fin­de aber nicht, dass nur bei HipHop-​Medien Leu­te arbei­ten, die sich mit Hip­Hop aus­ken­nen und Exper­ti­se haben. Das The­ma ist mitt­ler­wei­le so groß, so vie­le sind davon geprägt und ken­nen sich damit krass aus, sodass die Szene-​Medien das nicht mehr für sich gepach­tet haben.

MZEE​.com: Ich glau­be, manch­mal gibt es auch von Konsumenten-​Seite noch so ein "Wir gegen die"-Mindset. Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass zum Bei­spiel ein ZEIT-​Redakteur eh kei­ne Ahnung von Rap hat.

Johann Voigt: Den Vor­wurf fin­de ich affig. Bevor man sich aus Prin­zip über einen Arti­kel auf­regt, soll­te man sich anschau­en, wer den geschrie­ben hat. Dann bestä­tigt sich die Annah­me ent­we­der und das ist ein Typ, der seit 50 Jah­ren über Rock schreibt und jetzt mal das neue Haftbefehl-​Album zer­rei­ßen woll­te. Da ist die Kri­tik sicher berech­tigt. Oder es ist eben jemand, der sich seit Ewig­kei­ten mit die­ser Musik aus­ein­an­der­setzt und das auch gut macht, aber nicht bei der JUICE oder hip​hop​.de ange­fan­gen hat. Der hat statt­des­sen ein Volon­ta­ri­at bei der Lokal­zei­tung gemacht und schreibt jetzt für den SPIEGEL. Mal so rum­ge­spon­nen. Die­ses "Wir gegen die" fin­de ich nicht gut. Es funk­tio­niert nicht mehr, sich als geschlos­se­ne und rebel­li­sche Sub­kul­tur dar­zu­stel­len und abzu­kap­seln. Hip­Hop ist abso­lu­ter Main­stream.

MZEE​.com: Was gefällt dir an deut­schem Rap-​Journalismus und was fin­dest du nicht gut?

Johann Voigt: Die Ent­wick­lung von hip​hop​.de fin­de ich sehr posi­tiv. Die machen rich­tig gute Arbeit. In den Inter­views ist mir manch­mal ein biss­chen zu viel "Bro"-Atmosphäre, aber sie holen die rele­van­ten Leu­te ran. Sie inter­view­en Capi­tal, Ufo, Miami Yaci­ne und so wei­ter und das nicht stun­den­lang und bes­ser­wis­se­risch, son­dern ein­fach strai­ght up in 30 Minu­ten. In ihren ande­ren Video­for­ma­ten ord­nen sie viel ein und dis­ku­tie­ren. Auf der Web­site schrei­ben sie über rele­van­te The­men, sowohl aus Deutsch­land als auch aus den USA. Sie bil­den mit Abstri­chen das, was musi­ka­lisch pas­siert, ziem­lich gut ab und geben einen Über­blick dar­über, was man als Hip­Hop zusam­men­fas­sen kann. Ich find's komisch, dass Leu­te hip​hop​.de noch so abwer­ten. Die bou­le­var­des­ke Schie­ne fah­ren sie seit einer Wei­le nicht mehr. Ande­re Medi­en machen das in ihrer Nische auch gut: Jan Wehn mit dem ALL GOOD-​Podcast, Kevin von der BACKSPIN mit sei­nem Pod­cast, die JUICE und so wei­ter und so fort. Jedes Medi­um hat gute For­ma­te und bedient sei­ne Nische. Mich stört aber, dass es nur weni­ge gute Tex­te über Rap in den HipHop-​Medien gibt. Ich hab' das Gefühl, dass zu wenig an Tex­ten gear­bei­tet und auf Qua­li­tät geach­tet wird. Am meis­ten stört mich aber die Ver­knüp­fung von Journalist*innen mit der Musik­in­dus­trie. Die ist unum­gäng­lich für HipHop-​Medien. Vie­le Medi­en sind auf Kon­tak­te, Geld oder Gefal­len ange­wie­sen, um zu über­le­ben. Die­se Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­se fin­de ich bedenk­lich. Dadurch ist eine wirk­lich unab­hän­gi­ge Bericht­erstat­tung nie zu hun­dert Pro­zent mög­lich. Ich fin­de, es wäre dann aber das Min­des­te, bestimm­te Ver­knüp­fun­gen zwi­schen Medi­en und Musik­in­dus­trie trans­pa­ren­ter offen­zu­le­gen. Dann kön­nen alle ent­schei­den, was sie davon hal­ten.

MZEE​.com: Du hast dich bei Twit­ter dar­über auf­ge­regt, dass 070 Shake in der SZ und im SPIEGEL als "Emo-​Rap" beti­telt wur­de. Wie nimmst du all­ge­mein das Sach­ver­ständ­nis für Rap im Feuil­le­ton wahr?

Johann Voigt: Die Leu­te, die dar­über schrei­ben, haben meis­tens Ahnung. Es gibt mitt­ler­wei­le viel Akzep­tanz für Rap in den Redak­tio­nen. Trotz­dem haben man­che kei­ne Lust dar­auf, sich damit zu beschäf­ti­gen, müs­sen es aber, weil es ein rele­van­tes The­ma ist. Die Arti­kel sehen dann dem­entspre­chend aus. Dann pas­sie­ren komi­sche Sachen wie die 070 Shake-​Geschichte. Das hat mich getrig­gert, obwohl es natür­lich wenig bringt, sich so dar­über auf­zu­re­gen. Es hät­te aber nur drei Klicks gebraucht, um zu ver­ste­hen, war­um Shake eben kei­nen Emo-​Rap macht. Ich hat­te das Gefühl, die Autoren haben das ein­fach vom Rol­ling Stone in den USA abge­schrie­ben. Manch­mal beob­ach­te ich auch eigen­ar­ti­ge Gewich­tun­gen in Musik­me­di­en. Es wird gefühlt jede Band, die bei Staats­akt (Anm. d. Red.: Label mit Sitz in Prenz­lau­er Berg) releast, abge­bil­det, aber Mero oder Lore­da­na nicht, obwohl die eine kras­se­re pop­kul­tu­rel­le Rele­vanz haben. Ich fin­de nicht, dass man sie igno­rie­ren kann, auch wenn es den Leu­ten nicht gefällt oder sie es nicht ernst neh­men. Es fehlt eini­gen etwas der Blick dafür, was man abbil­den soll­te.

MZEE​.com: Du bist ein poli­tisch inter­es­sier­ter und auf­ge­schlos­se­ner Mensch. Wie schwie­rig macht es das für dich teil­wei­se, Rap-​Musik zu kon­su­mie­ren? Wie stehst du zum Kon­zept der Tren­nung von Künst­ler und Pri­vat­per­son?

Johann Voigt: Die­se Tren­nung fin­de ich gera­de bei Rap­pern, die immer auf ihrer Real­ness behar­ren, komisch. Die posen ja damit rum, dass alles echt sei, was sie erzäh­len. Dann kom­men die – bezie­hungs­wei­se die Fans – an und schie­ben alles auf die Kunst­fi­gur. Das ergibt für mich kei­nen Sinn. Das bedeu­tet wie­der­um, dass sich jeder genau über­le­gen muss, was er sich anhört und unter­stützt. Ich per­sön­lich hand­ha­be es so, dass ich schon sehr vie­les allein aus Inter­es­se anhö­re. Natür­lich kei­nen Nazi-​Rap. Aber ande­re Sachen kann ich nur kri­ti­sie­ren und bewer­ten, wenn ich sie auch ken­ne. Was sie im Pri­va­ten hören, soll­ten alle mit sich aus­ma­chen. Ein ande­rer Punkt ist, ob man die­se Inhal­te an die Öffent­lich­keit bringt. Also ob man dar­über schreibt, die Musik auf­legt oder pro­ble­ma­ti­schen Künstler*innen eine Büh­ne gibt, ohne ihre Posi­tio­nen zu hin­ter­fra­gen. Das wür­de ich nicht machen.

MZEE​.com: Hältst du es für sinn­voll, mit Künst­lern über pro­ble­ma­ti­sche Inhal­te zu spre­chen? Oder soll­te dem kei­ne Platt­form gege­ben wer­den?

Johann Voigt: Es kommt dar­auf an, wor­um es geht. Bei Ras­sis­mus oder Nazi-​Rap gibt es kei­ne Dis­kus­si­ons­grund­la­ge. Die­se Leu­te soll­ten nicht statt­fin­den. Ansons­ten ist es fall­ab­hän­gig. Haft­be­fehl zum Bei­spiel hat ja Lines gebracht, die anti­se­mi­ti­sche Res­sen­ti­ments und Ver­schwö­rungs­theo­rien bedie­nen. Er wur­de dar­auf unter ande­rem von Oli­ver Polak ange­spro­chen und hat sich dazu zumin­dest geäu­ßert, sich erklärt und davon distan­ziert. Das fand ich gut. Jetzt bringt er sol­che Lines hof­fent­lich nicht mehr. Er hat sich der Dis­kus­si­on gestellt und so reagiert, wie man mei­ner Mei­nung nach auf Kri­tik reagie­ren soll­te. Und es gibt natür­lich auch Rap­per, die mit 17 oder 18 Jah­ren bekannt wer­den, eine lan­ge Kar­rie­re haben und sich der Kri­tik stel­len müs­sen, die ihren alten sexis­ti­schen oder homo­pho­ben Tex­ten ent­ge­gen­ge­bracht wird. Ich fin­de es aber wich­tig, das Früh­werk von dem zu tren­nen, was sie spä­ter machen. Man soll­te sie nicht dar­an mes­sen, was sie als aggres­si­ve Teen­ager gesagt haben und ihnen des­we­gen eine Platt­form ver­wei­gern. Man­che Leu­te hau­en aber kon­se­quent irgend­ei­ne Schei­ße raus und stel­len sich kei­ner­lei Kri­tik, wie es bei 187 der Fall ist. Die haben nie die Not­wen­dig­keit gese­hen, sich zu ent­schul­di­gen oder irgend­was zu tun. Es scheint wirk­lich deren Mind­set zu sein. Offen­bar ste­hen sie hin­ter allem, was sie sagen. Da weiß ich nicht, ob das statt­fin­den muss, wenn die sich nicht mal ent­spre­chen­den Fra­gen stel­len wol­len.

MZEE​.com: Wie stehst du dem Kon­zept der Plat­ten­kri­tik gegen­über? Brau­chen wir und die Leser sie heu­te noch?

Johann Voigt: Im klas­si­schen Sin­ne der Kauf­emp­feh­lung sind sie natür­lich unnö­tig. Das ist auch kein guter Grund, um eine Kri­tik zu schrei­ben. Ich fin­de es zumin­dest bei eini­gen Alben trotz­dem rele­vant, sie in einen Kon­text zu set­zen und ein­zu­ord­nen. Wenn Kanye eine neue Plat­te ver­öf­fent­licht, fin­de ich es wich­tig, dass vie­le Leu­te das bespre­chen, genau­so bei ande­ren rele­van­ten Künstler*innen. Ich weiß aber nicht, ob man jedes Untergrund-​Deutschrap-​Release bespre­chen muss. Für mich wird es immer dann wich­tig, eine Kri­tik zu schrei­ben, wenn die Plat­te für die Pop-​Musik, kul­tu­rell, poli­tisch oder auf eine ande­re Art rele­vant ist. Dann gibt es eine Ebe­ne, auf der man das ein­ord­nen kann. Dabei soll­te es aber nicht so viel um rol­len­de Hi-​Hats gehen, son­dern dar­um, was gesagt wird.

MZEE​.com: Was moti­viert dich wei­ter­hin dazu, über Rap zu schrei­ben?

Johann Voigt: Auf jeden Fall nicht das Geld. (lacht) Ich bin Fan die­ser Musik. Ich hab' Lust, mich damit zu beschäf­ti­gen. Musi­ka­lisch ent­wi­ckelt sich so viel. Rap zehrt von allen ande­ren Gen­res und ist per­ma­nent im Wan­del. Es pas­siert immer etwas. Das ist ja auch zeit­ge­mäß, alles ver­än­dert sich extrem schnell. Das spie­gelt der Sound wider und das fin­de ich wie­der­um gut. Außer­dem trig­gern mich ein­fach vie­le Sachen inner­halb der soge­nann­ten Rap­sze­ne im nega­ti­ven Sin­ne. Ich habe dann das Bedürf­nis, das anzu­spre­chen und ein­zu­ord­nen. Aber haupt­säch­lich bin ich ein Musik-​Fan. Und des­halb inter­es­siert es mich mehr, über Musik zu schrei­ben als über Land­wirt­schaft. Kann ich irgend­wel­che Sachen drop­pen, die ich gera­de gut fin­de? Shou­tout an das neue Album von Dig­Dat, das ist so ein UK Drill-​Typ, den ich sehr gut fin­de. 645AR ist auch sehr span­nend.

(Alex­an­der Hol­len­horst)
(Foto 2 von Wild.lights_)