Conny & Pimf

Con­ny und Pimf sind zwei Frei­geis­ter par excel­lence: Die bei­den Künst­ler haben sich von kon­ven­tio­nel­len Erwerbs­tä­tig­kei­ten gelöst, gehen ihren Lei­den­schaf­ten nach und ver­wirk­li­chen sich dabei selbst. Vor die­sem Hin­ter­grund ist es wenig ver­wun­der­lich, dass wir unse­ren eigent­li­chen Inter­view­ter­min ver­schie­ben muss­ten, da sich Pimf spon­tan dazu ent­schied, ein paar Tage in Däne­mark zu ver­brin­gen. Ein neu­er Ter­min lies sich jedoch pro­blem­los fin­den und so plau­der­ten wir weni­ge Tage spä­ter über die unter­schied­lichs­ten The­men. Auch wenn die Kollabo-​EP "Stadt­land­flucht" der eigent­li­che Grund für unse­re Unter­hal­tung war, spra­chen wir aus­ge­dehnt über Sehn­süch­te und die gemein­sa­men Inter­es­sen der zwei Rap­per. Aus aktu­el­lem Anlass unter­hiel­ten wir uns eben­falls über die Tren­nung von Kunst­werk und der dahin­ter­ste­hen­den Pri­vat­per­son. Im Gespräch stell­te sich außer­dem her­aus, wie sich Con­ny und Pimf zur Debat­te rund um R. Kel­ly posi­tio­nie­ren.

MZEE​.com: Ich habe euch ein Sprich­wort aus dem spä­ten 19. Jahr­hun­dert mit­ge­bracht: "Man flieht vor dem Rauch und stürzt in die Flam­me." Was sind eure ers­ten Gedan­ken dazu?

Pimf: Con­ny, du bist doch unser Phi­lo­soph, oder nicht?

Con­ny: Mega­de­ep. (über­legt) Also, deutsch­un­ter­richts­mä­ßig wür­de ich das jetzt natür­lich so inter­pre­tie­ren, dass man vor Sym­pto­men oder dem allen Anschein nach nahen­den Unheil flieht und erst dadurch in das eigent­li­che Unheil stürzt. Fin­de ich auf jeden Fall ziem­lich deep, gefällt mir eigent­lich ganz gut. Könn­te ich viel­leicht in einer geup­date­ten Ver­si­on auch irgend­wann mal rap­pen. Ich glau­be, dass vie­le Leu­te vor Sachen flie­hen wol­len, sich dann aber letz­ten Endes noch tie­fer rein­be­ge­ben. Was ist das, vor dem man flüch­tet? Ist das über­haupt eine Sache, vor der man flüch­ten kann? Die The­men, mit denen wir uns auf der Plat­te beschäf­ti­gen, sind ja vie­le Din­ge, die ein­fach in dir drin sind. Vor inne­ren Kon­flik­ten zu flie­hen, ist immer so eine Sache. Wenn jemand mit einem Mes­ser auf dich zukommt, kannst du in eine Rich­tung flüch­ten und sobald du weg­ge­lau­fen bist, ist die Bedro­hung und damit das gan­ze The­ma weg. Wenn du aber vor Lie­bes­kum­mer, Tren­nungs­schmerz oder Depres­si­on flüch­test, ist das etwas ande­res. Da ist die Fra­ge, ob das über­haupt final mög­lich ist. Des­we­gen ist es natür­lich ein sehr pas­sen­des Zitat und ich gehe davon aus, dass du es auch des­halb aus­ge­wählt hast. (lacht)

MZEE​.com: Viel­leicht besteht da ein Zusam­men­hang. Pimf, möch­test du auch noch etwas dazu sagen?

Pimf: Ich fin­de, dass eine Flucht kei­ne ziel­ge­rich­te­te Fort­be­we­gung ist. Man flüch­tet sich ja auch oft ins Unge­wis­se. Ich weiß jetzt nicht, in wel­chem Zusam­men­hang die­ses Zitat gedroppt wur­de, aber bei mir ist das so: Ey, ich flie­he erst mal und schaue dann, ob ich in die Flam­men gestürzt oder irgend­wie an die fri­sche Luft gekom­men bin. Jede Flucht hat etwas Unge­wis­ses und das fin­de ich reiz­voll. Man weiß nicht genau, wo man lan­det. Im schlech­tes­ten Fall sind es halt die Flam­men und im Ide­al­fall ist es die Frei­heit, die Luft oder was auch immer.

MZEE​.com: Laut eurem Pres­se­text ist die Flucht auch der inhalt­li­che Schwer­punkt von "Stadt­land­flucht". Wie ver­bin­det euch bei­de die­ses The­ma?

Pimf: Wir haben uns jetzt nicht im Vor­feld irgend­wie Gedan­ken dar­über gemacht, wo der gemein­sa­me Nen­ner sein soll. Das kam alles im Nach­hin­ein, durch den Titel und auch im Schaf­fens­pro­zess. Wir haben bei­de gemerkt, dass wir rela­tiv ähn­lich an ver­schie­de­ne Songs, Struk­tu­ren, The­men und Inhal­te her­an­ge­hen und uns in einer Lebens­pha­se befin­den, in der man flüch­tet … (über­legt) Wobei, flüch­ten ist viel­leicht etwas zu hart aus­ge­drückt, aber man bricht zu neu­en Ufern auf und hadert auch damit. Ich glau­be, das ist in der Musik unser kleins­ter gemein­sa­mer Nen­ner.

Con­ny: Ich wür­de sagen, das passt. Wir hat­ten irgend­wann die­sen Titel, der als fixe Idee da war und hat­ten das Gefühl, dass es gut passt. Ich lebe ja in Köln, kom­me ursprüng­lich aus Düs­sel­dorf und hat­te schon immer ein Fai­ble für die­ses Großstadt-​Ding. Jonas (Anm. d. Red.: bür­ger­li­cher Vor­na­me von Pimf) war dage­gen schon immer in Hof­geis­mar. Wir haben uns über die­ses VCB- und VBT-​Ding ken­nen­ge­lernt, bei einer Jam. Als wir uns das ers­te Mal unter­hiel­ten, haben wir fest­ge­stellt, dass mei­ne Mut­ter aus einem klei­nen Dorf direkt neben Hof­geis­mar kommt. Da gab es direkt eine kras­se Ver­bin­dung und wir sind mehr ins Gespräch gekom­men, dann auch in Kon­takt geblie­ben und …

Pimf: Darf ich kurz unter­bre­chen? Wir haben uns mor­gens um halb sechs sturz­be­trun­ken in irgend­ei­nem Köl­ner Hotel ken­nen­ge­lernt. Man war eigent­lich über­haupt nicht mehr dazu in der Lage, irgend­je­man­den ken­nen­zu­ler­nen oder irgend­was zu behal­ten. Aber dann spa­zier­te Con­ny dort irgend­wie vor­bei und wir kamen bei­de über­haupt nicht dar­auf klar, dass sei­ne Mut­ter aus der Nähe von Hof­geis­mar kommt. Das war so ein Flash, dass es dann einen kras­sen Ein­druck hin­ter­las­sen hat und wir irgend­wie zwei Stun­den da geses­sen und gequatscht haben. Jetzt darfst du auch wei­ter­ma­chen. Sor­ry, woll­te nur mal ein biss­chen dra­ma­ti­sie­ren hier.

Con­ny: Als wir uns das ers­te Mal getrof­fen haben und man sich in Ruhe ken­nen­ge­lernt hat, wur­de schon klar, dass ich ein ziem­li­cher Stadt­mensch bin und Jonas jemand, der auch ger­ne bei sich in der Hei­mat ist und das in sei­ner Musik zele­briert und the­ma­ti­siert. Des­halb gab es die­ses Stadt- und Land-​Ding schon. Dann haben wir ers­te Songs zusam­men gemacht und am Anfang viel über das The­ma Rei­sen gespro­chen. Die letz­ten Rei­sen, die ich gemacht habe, die letz­ten Rei­sen, die er gemacht hat. Er ist ja auch durch den Fuß­ball immer super­viel unter­wegs. Ich war zu der Zeit ganz oft mit einem Kum­pel unter­wegs, weil wir bei­de irgend­wie so auf dem Flash waren, die Welt zu sehen. Das war ein super­in­ter­es­san­ter und gemein­sa­mer Punkt. Die Songs, die wir dann erst mal gemacht haben, ohne so einen the­ma­ti­schen Fokus, haben dann am Ende trotz­dem zusam­men­ge­passt. War eigent­lich eine schö­ne Sache.

MZEE​.com: Für das Video zur Sin­gle "King of Queens" seid ihr gemein­sam nach Lon­don gereist. Inwie­fern reprä­sen­tiert die Stadt die Stim­mung des Songs?

Pimf: Da gab es natür­lich meh­re­re Fak­to­ren, teils auch eher unro­man­ti­sche, wie zum Bei­spiel, dass Lon­don halt güns­tig zu errei­chen ist. (lacht) Öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck to the ful­lest. Es stand unter ande­rem noch Buka­rest in der enge­ren Aus­wahl, letzt­end­lich wur­de es dann Lon­don. Con­ny hat das sehr pas­send gesagt: Lon­don ist gera­de im Win­ter eine sehr ver­reg­ne­te, tris­te, graue Stadt. Wir haben dann ja auch nicht an der Them­se oder dem Big Ben gedreht, son­dern in den, ich sage jetzt mal, lang­wei­li­gen oder unspek­ta­ku­lä­re­ren Vor­or­ten. Die haben die Stim­mung des Songs rich­tig geil ein­ge­fan­gen, fin­de ich. Kom­bi­niert mit der Jah­res­zeit, dem Großstadt-​Ding, aber ohne die rie­si­gen Hoch­häu­ser, son­dern mit die­sen Vorort-​Blocks und den etwas abge­fuck­te­ren Sachen. Das war stim­mungs­tech­nisch genau das Rich­ti­ge. Wir hat­ten vor­her nicht das Rie­sen­kon­zept oder Dreh­buch, son­dern waren eher auf gute Shots und Stim­mung aus.

MZEE​.com: Gene­rell geht es auf "Stadt­land­flucht" inhalt­lich unter ande­rem um Lie­be, Frus­tra­ti­on, Ängs­te und Sehn­süch­te, was ja zu die­sen Sze­ne­ri­en passt. Was ist eure größ­te Sehn­sucht im Leben?

Con­ny: Es ist schwie­rig, das auf eine gro­ße Sehn­sucht her­un­ter­zu­bre­chen, bezie­hungs­wei­se fest­zu­le­gen, wie weit man das abs­tra­hie­ren möch­te. Mein Leben hat sich inso­fern ein biss­chen ver­än­dert, dass ich vor etwas mehr als einem Jahr mei­nen ganz nor­ma­len Nine-​to-​five-​Job als Pro­gram­mie­rer und Ent­wick­ler an den Nagel gehängt habe und mich aktu­ell nur dem Schrei­ben wid­me. Roma­ne, Novel­len, Thea­ter das alles möch­te ich ger­ne schrei­ben. Hier und da habe ich bereits damit ange­fan­gen, aber es ist schon so, dass der Fokus ein­deu­tig auf der Musik liegt. Das spannt mich natür­lich sehr ein, des­we­gen kann ich jetzt nicht sagen, dass in drei Mona­ten noch mein Roman her­aus­kommt. Schön wär's, aber so ist es lei­der nicht. (lacht) Ich habe mich viel damit beschäf­tigt, mich selbst irgend­wie zu ver­wirk­li­chen und mir Fra­gen zu stel­len: "Was bist du denn über­haupt sel­ber? Ist arbei­ten gehen und am Wochen­en­de ver­su­chen, mög­lichst viel Leben in 48 Stun­den zu pres­sen, über­haupt das, was du bist und sein möch­test? Kann ich mein Leben anders gestal­ten und am Ende das Gefühl haben, dass ich wirk­lich mehr ich bin?" Des­we­gen wür­de ich momen­tan sagen, dass mei­ne gro­ße Sehn­sucht dar­in liegt, einen Weg zu fin­den, mich selbst zu ver­wirk­li­chen. Auf eine Art und Wei­se, bei der es nicht not­wen­dig ist, so viel Arbeit zu machen, die nichts mit mir zu tun hat. Im Moment habe ich das Glück, dass ich mir viel Erspar­tes ange­legt habe und neben­bei als Pro­gram­mie­rer immer so klei­ne Jobs machen kann, die es mir ermög­li­chen, einen für mich sehr, sehr ange­neh­men Lebens­stil zu haben und mich trotz­dem kom­plett etwas zu wid­men, bei dem ich das Gefühl habe, mich ver­wirk­li­chen zu kön­nen. Das ist gera­de so mein gro­ßes Ding. Irgend­wie.

Pimf: Also, ich mache das ja schon ein biss­chen län­ger so. Ich glau­be, es sind schon sechs Jah­re ver­gan­gen, seit­dem ich nicht "ver­nünf­tig" arbei­te, son­dern eher von Musik, Luft und Lie­be lebe. Die­se Selbst­ver­wirk­li­chung ist da natür­lich auch bei mir ein Rie­sen­the­ma und es ist immer alles irgend­wie ein Hust­le. Man muss sich häu­fig erklä­ren, recht­fer­ti­gen und kämp­fen, damit man über die Run­den kommt. Ich ste­he oft mor­gens auf und fra­ge mich: "Wor­auf hast du heu­te Bock? Was willst du machen?" Und neu­lich dach­te ich mir, dass ich Bock habe, mit dem Auto nach Däne­mark zu fah­ren und mir ein paar gei­le Tage zu machen. Ich habe halt die­se Mög­lich­keit, Con­ny hat sie auch. Du hast viel­leicht einen Nine-​to-​five, aber wir als West- bezie­hungs­wei­se Mit­tel­eu­ro­pä­er haben alle Mög­lich­kei­ten der Welt und schöp­fen sie viel zu sel­ten aus. Ich dis­ku­tie­re ganz oft mit mei­ner Freun­din oder mei­nen Eltern dar­über. Ich bin jetzt zwei­ein­halb Tage in Däne­mark gewe­sen und mei­ne Mut­ter sagt immer: "Das lohnt sich nicht!" Natür­lich ist es dumm, zehn Stun­den da hoch­zu­fah­ren und zwei Tage spä­ter wie­der zehn Stun­den zurück­zu­fah­ren, aber es ist bes­ser, als es nicht zu machen. Viel wird vor sich her­ge­scho­ben, aber ich bin halt so einer, der dann sagt: "Ey, komm, scheiß drauf, ich mach' das jetzt ein­fach!" Und dadurch mache ich super­viel. Es dreht sich dann immer sehr um Fuß­ball und Rei­sen, das ist auch ein Stück weit eine Flucht aus mei­nem All­tag her­aus. Die Decke fällt mir auf den Kopf und ich fah­re dann irgend­wo­hin, gucke Fuß­ball, erle­be ande­re Kul­tu­ren und Men­schen. Wenn ich eine Woche hier Zuhau­se bin, seh­ne ich mich danach, unter­wegs zu sein und abge­fuckt und stres­sig irgend­wo durch die Welt zu rei­sen. Wenn ich dann unter­wegs bin, freue ich mich sehr auf mein Zuhau­se und auf die Ruhe, die hier in mei­nem Kaff herrscht. Das, was man nicht hat, will man ja immer. Das ist die Kom­bi­na­ti­on mei­ner zwei gro­ßen Sehn­süch­te.

MZEE​.com: Das ist schon span­nend und zugleich ambi­va­lent.

Pimf: Mega. Es geht natür­lich voll weg von dem, was die meis­ten Leu­te hier so trei­ben und es ist auch schwer nach­voll­zieh­bar, was das Ziel ist. Mei­ne Fami­ly kriegt auch immer voll den Rap­pel, wenn ich die gan­ze Zeit so Aktio­nen rei­ße. Ich habe zum Bei­spiel ges­tern Abend spon­tan einen Flug nach Mon­te­ne­gro gebucht und bin dann ein­fach drei, vier Tage in Mon­te­ne­gro und Alba­ni­en unter­wegs. Und alle dre­hen schon wie­der durch und fra­gen sich, was die Kacke soll. (über­legt) Aber ja, ich habe die Zeit und die Mög­lich­keit dazu, also mache ich das ein­fach.

MZEE​.com: Con­ny, du rappst auf eurem Intro "Kön­nen Wol­len" über "das Züng­lein an der Waa­ge zwi­schen Con­stan­tin und Con­ny". Ihr seid zwar bei­de für authen­ti­sche Tex­te bekannt, hier scheint es aber eine Dif­fe­renz zwi­schen Künst­ler und Pri­vat­per­son zu geben. Wo ver­läuft für euch die Gren­ze?

Con­ny: Voll lan­ge waren Con­stan­tin und Con­ny getrennt. Es ist so, wie ich es in der Zei­le sage: Auf der Arbeit haben mich alle Con­stan­tin genannt, ich habe mich auch als Con­stan­tin vor­ge­stellt. Dann kom­me ich nach Hau­se, ich fah­re ins Stu­dio oder in den Pro­be­raum, tref­fe mich am Wochen­en­de mit Leu­ten, mit denen ich Mucke mache und dann fängt eben das Conny-​Sein erst an. Zum Zeit­punkt, als ich zu Jonas gefah­ren bin und wir die­se Songs gemacht haben, war das auch ein gro­ßes The­ma. Zu der Zeit hat­te ich den Job bereits auf 80% redu­ziert, also nur vier Tage die Woche gear­bei­tet, und bin dann immer von Frei­tag bis Sonn­tag zu Jonas gefah­ren. Bei der Selbst­ver­wirk­li­chung gibt es natür­lich die Fra­ge: Will man das hun­dert­pro­zen­tig deckungs­gleich wer­den las­sen? Ich weiß nicht, ob ich das möch­te. Ich fin­de es eigent­lich gut, dass es noch immer eine gewis­se Gren­ze gibt. Aber das macht natür­lich auch gewis­ser­ma­ßen den Reiz aus, dass man damit ein biss­chen spielt. In den nächs­ten Songs, die raus­kom­men, fin­den sich vie­le Zei­len und Pas­sa­gen, die super­nah an mir dran sind, aber nicht immer zu 100% wirk­lich auch so pas­siert sind. Ich fin­de es eigent­lich voll inter­es­sant, ein biss­chen damit zu spie­len. An wel­chen Stel­len lässt man das deckungs­gleich wer­den? An wel­chen Stel­len lässt man sich einen gewis­sen Puf­fer? Wenn ich immer nur das schrei­ben wür­de, was auch wirk­lich pas­siert, dann wür­de ich irgend­wann an einen Punkt kom­men, an dem ich über das Ein­kau­fen rap­pen müss­te. Ich glau­be, dass man es immer grö­ßer und klei­ner wer­den las­sen muss, das Züng­lein an der Waa­ge.

Pimf: Bei mir sind die Inhal­te mei­ner Musik rela­tiv deckungs­gleich mit mei­ner Pri­vat­per­son. Da ist nur sehr wenig Fik­ti­on. Vor allem in mei­nem Pri­vat­le­ben ist es mir aber wich­tig, dass ich dann sage: "Jetzt bin ich Jonas. Es geht jetzt nicht um mei­ne Musik." Es gibt immer wie­der die­se typi­schen Situa­tio­nen: "Yo, du bist doch Rap­per. Jetzt rapp mal was!" In dem Moment bin ich aber nicht Pimf, son­dern Jonas. Vor allem in sol­chen Situa­tio­nen fin­de ich es wich­tig, eine klei­ne Sepa­rie­rung drin zu haben.

MZEE​.com: Das ist defi­ni­tiv eine sti­lis­ti­sche Gemein­sam­keit bei euch, auch wenn natür­lich jeder dabei für sich steht. Wor­in seht ihr eure Stär­ken als Duo?

Pimf: Kei­ne Ahnung. Wenn du mich fragst, was allein mei­ne Stär­ke ist, dann wüss­te ich das schon nicht. (lacht) Das müs­sen ande­re beur­tei­len, oder?

Con­ny: Das sehe ich auch so, das müss­te eher jemand von außen sagen. Aber wie du schon sagst: Wir haben da eine sti­lis­ti­sche Ähn­lich­keit, die uns auch ver­bin­det und wegen der wir über­haupt Bock haben, mit­ein­an­der Mucke zu machen. Ich fin­de es voll inter­es­sant, die­se bei­den Aspek­te neben­ein­an­der auf einem Track zu hören. Auf dem letz­ten Song auf der Plat­te, "Einer von den Guten", sagt Jonas, dass er mei­nen Part viel lie­ber mag als sei­nen eige­nen. Ich sehe das genau anders­rum. Ich fei­er' sei­nen Part extrem ab, da ist so eine kras­se Ehr­lich­keit drin. Manch­mal ist es so, dass man Sachen ein­fach run­ter­ge­schrie­ben hat und die sich zufäl­lig gereimt haben. Das Kras­se ist: "Einer von den Guten" ist kom­plett auf den­sel­ben Reim geschrie­ben, das muss also noch mehr Absicht als sonst gewe­sen sein. Trotz­dem habe ich bei Jonas' Part das Gefühl, als wür­de er es mir ein­fach erzäh­len und nicht vor­rap­pen. Ein The­ma zu neh­men und zwei Leu­te zu haben, die sti­lis­tisch ähn­lich über sowas rap­pen, kann natür­lich lang­wei­lig sein. Aber ich fin­de es bei uns voll inter­es­sant, weil wir doch eine ande­re Art haben, über Din­ge zu spre­chen. Die Art und Wei­se, wie wir dar­über reden wol­len – näm­lich ehr­lich – und die Grund­emo­ti­on sind gleich. Das ist geil. Es sind zwei Per­spek­ti­ven, aber mit der glei­chen Inten­ti­on.

Pimf: Meis­tens sind Kol­la­bos ja auch so Din­ger, bei denen auf die Kacke gehau­en wird. Es pas­siert sel­ten, dass zwei Leu­te sich zusam­men­set­zen und deepe und per­sön­li­che Songs machen. Ich fin­de es krass, wie ähn­lich unse­re musi­ka­li­schen Her­an­ge­hens­wei­sen sind, dafür dass wir so kom­plett unter­schied­li­che Typen sind. Das ist ein Kollabo-​Ding und es wird nicht ein ein­zi­ges Mal rep­re­sen­tet, sexis­ti­sche Kack­schei­ße oder sonst was gela­bert. (lacht) Und das ist ja eigent­lich eher so ein typi­sches Kollabo-​Album. MoTrip und Ali As sind das bes­te Bei­spiel. MoTrip macht allei­ne irgend­wel­che deepen Songs und mit Ali As haut er auf die Kacke. Die sind dann wohl zusam­men im Stu­dio und machen Turn Up oder Par­ty und wir sit­zen halt da wie beim The­ra­peu­ten und erzäh­len uns gegen­sei­tig irgend­wel­che Sachen, aus denen dann Songs ent­ste­hen.

MZEE​.com: Euch kennt man ja ursprüng­lich auch aus so einer "Auf die Kacke hauen"-Richtung, wenn man an eure Battleturnier-​Zeit denkt. Habt ihr ab und an Lust, auch mal wie­der rich­tig aus­zu­tei­len?

Pimf: Ich abso­lut gar nicht, ehr­lich gesagt. Für mich war das eher so ein Aus­flug, in den ich rein­ge­rutscht bin. Das ist über­haupt nicht mei­ne Art und reizt mich aktu­ell nicht. Das war damals irgend­wie geil und auch eine gute Zeit, aber ich habe sowohl davor als auch rela­tiv strai­ght danach schon wie­der ruhi­ge­re Musik gemacht, das fin­de ich inter­es­san­ter.

Con­ny: Ich habe zusam­men mit einer Köl­ner Crew Pro­jekt Gum­mi­zel­le und mit Elm­äx eine sechs Song star­ke EP zusam­men­ge­schus­tert. Das ist ein biss­chen rap­pi­ger, da sind weni­ger deepe Sachen drauf, eher ein biss­chen Gefle­xe. Das reicht mir dann aber auch schon wie­der. Die nächs­ten Conny-​Solo-​Sachen sind auf jeden Fall wie­der ziem­lich viel Kon­zept­kram und deep. Das nächs­te Plot-​Ding wird eine super­po­li­ti­sche Plat­te wer­den. Ab und zu kommt die Lust dar­auf, etwas Leich­te­res zu machen, also schon auf, aber län­ger als zwei Tracks kann ich das eigent­lich nicht machen.

MZEE​.com: Pimf, auch wenn du eigent­lich gar kei­ne Lust hast aus­zu­tei­len, hast du im März 2019 einen pro­vo­kan­ten Tweet ver­öf­fent­licht: "Mein WhatsApp-​Verhalten ist wie Deutschrap-​Alben. Ich mach' immer zwei Minu­ten Sprach­nach­rich­ten, aber eigent­lich ist nach zehn Sekun­den alles gesagt. Rest ist nur dum­mes Geschwa­fel." Was meint ihr, war­um haben Rap­per oft eine Abnei­gung gegen­über ihrem eige­nen Gen­re und wie begrün­det ihr das bei euch?

Pimf: Ich fin­de Deutschrap prin­zi­pi­ell nicht schei­ße. Gera­de in letz­ter Zeit, mit der Diver­si­tät und allem, gibt es sehr viel gei­len Deutschrap und ich höre das aktu­ell auch wie­der sehr ger­ne. Man darf mei­nen Tweet natür­lich nicht auf die Gold­waa­ge legen, das ist auch mit einem Augen­zwin­kern gemeint. (lacht) Das, was an gei­lem Zeug dazu­ge­kom­men ist, ist natür­lich in glei­chem Maß auch an Müll dazu­ge­kom­men. Es ist immer ein­fach, sich im eige­nen Gehe­ge zu ärgern. Beim Fuß­ball ärgern sich die Fans auch unter­ein­an­der, die sagen ja nicht, dass die Basketball-​Fans kacke sind. Man gräbt da so in sei­nem eige­nen Metier.

Con­ny: Ich kann dir da eigent­lich gar kei­ne Begrün­dung geben. Pas­siert das auch inner­halb des Pop-​Genres? Ich glau­be, es hat oft was mit Authen­ti­zi­tät zu tun. Die meis­ten Rap­per wür­den ja von sich selbst sagen, dass sie sehr authen­ti­sche Mucke machen. Wel­cher Rap­per sagt schon, dass er kom­plett erfun­de­ne Musik macht? Elm­äx zum Bei­spiel sagt als ers­tes über Rap, dass es ein Gen­re ist, das immer super­per­sön­lich und ehr­lich ist. Viel­leicht fühlt man sich des­we­gen auch ein biss­chen auf den Schlips getre­ten und denkt sich: "Ich habe hier jetzt krass mein Herz aus­ge­schüt­tet, das ist mein Leben, mein Life, Alter. Ich packe hier mein Leben rein und du rappst auf irgend­wel­chen Shisha-​Beats über Autos. Was soll das? Das ist über­haupt nicht real!"

MZEE​.com: Abnei­gung gibt es in der Musik­bran­che auch an ganz ande­ren Stel­len: Könnt ihr die Musik von Künst­lern genie­ßen, auch wenn sie schreck­li­che Taten began­gen haben? Auf "Kön­nen Wol­len" erwähnt Con­ny bei­spiels­wei­se, dass er R. Kel­ly hört.

Con­ny: Ey, ich sage dir ganz ehr­lich – wenn die­se Plat­te erst etwas spä­ter raus­ge­kom­men wäre, hät­te ich die­se Zei­le auch gepiept. Es gibt tat­säch­lich auf die­sem eben ange­spro­che­nen Plot- und Gummizelle-​Tape einen Song, auf dem Elm­äx auch R. Kel­ly sagt und da haben wir es gepiept. Die "Stadtlandflucht"-Platte ist ein­fach schon län­ger fer­tig und abge­ge­ben, des­we­gen ist das jetzt so. Dass wir es auf dem ande­ren Tape zen­siert haben, fin­de ich auch rich­tig. Du hast viel­leicht von die­ser "Mute R. Kelly"-Aktion mit­be­kom­men, das unter­stüt­ze ich. Ich fin­de es rich­tig und wich­tig, dass sol­che The­men in die Öffent­lich­keit kom­men und sol­che Künst­ler kei­ne Platt­form mehr bekom­men. Des­we­gen ist es ein biss­chen schwie­rig, weil ich mit die­ser Zei­le genau in einer Transition-​Phase gelan­det bin.

MZEE​.com: Ich fin­de das The­ma sehr span­nend, weil ich immer wie­der unter­schied­li­che Mei­nun­gen zu der Tren­nung von Pri­vat­per­son und Künst­ler höre. Bei Micha­el Jack­son ist das ja eine ganz ähn­li­che Geschich­te.

Con­ny: Mei­ne Zei­le hat eigent­lich auch nichts mit R. Kel­ly als Per­son zu tun, ich rap­pe ja "Ich höre R. Kel­ly und schaue trau­rig auf die Zei­ger der Uhr". Ich bezie­he mich da eigent­lich nur auf die Zei­le "If I could turn back the hands of time". Ich höre R. Kel­ly nicht, weil ich trau­rig bin, es geht nur um die­sen Song und das damit ver­bun­de­ne Gefühl, sich zu wün­schen, die Zeit zurück­dre­hen zu kön­nen. Im Fall von "Kön­nen Wol­len" ist das sozu­sa­gen, noch mal von vor­ne zu begin­nen und die­se Ent­schei­dung: "Wer­de ich Künst­ler oder nicht?" Trotz­dem ist es aber mei­ner Mei­nung nach nicht mehr mög­lich, die­se Per­son irgend­wie ein­zu­bau­en ohne die­se trau­ri­ge Lega­cy, die sie letzt­end­lich hin­ter­lässt, mit ein­zu­be­zie­hen. Des­we­gen bin ich der Mei­nung, dass ich ihn für zukünf­ti­ge Pro­jek­te nicht mehr ein­bin­den möch­te.

MZEE​.com: Pimf, das ist zwar nicht dei­ne Zei­le, aber wie stehst du all­ge­mein zu die­ser Pro­ble­ma­tik?

Pimf: Es klingt alles logisch und nach­voll­zieh­bar, was Con­ny sagt. Ich war aller­dings nie ein R. Kelly-​Hörer und bin auch ganz froh dar­über. Ich weiß nicht, mir ist jetzt gera­de nie­mand ein­ge­fal­len, bei dem es mich betrifft, was die­ses Zusam­men­spiel von Pri­vat­per­son und Musik angeht. Hast du noch irgend­wel­che kon­kre­ten Bei­spie­le im Kopf?

MZEE​.com: XXXTen­ta­ci­on hat bei­spiels­wei­se sei­ne Ex-​Freundin miss­han­delt.

Pimf: Ja … (über­legt) Schwie­ri­ge Geschich­te. Ich war nie der kras­ses­te Fan, aber die­ses "17"-Album fand ich schon sehr gut. Da muss ich zuge­ben, dass da schon ein, zwei Songs immer wie­der durch mei­ne Play­list rotie­ren. Es kommt, glau­be ich, immer dar­auf an, wie eng man mit dem Künst­ler ver­bun­den war. Ich war jetzt nie­mand, der XXXTen­ta­ci­on über Jah­re hin­weg gehört und sei­ne kom­plet­te Ent­wick­lung und sein Schaf­fen erlebt hat. Für mich kam der halt und ich fand den ganz cool, dann berührt einen das nicht so krass, wie bei Künst­lern, die einen über Jah­re hin­weg prä­gen. Ich ver­ste­he zum Bei­spiel abso­lut kei­nen Spaß bei die­ser Absztrakkt-​Geschichte. Ich war nie der größ­te Fan, aber bei die­sen gan­zen rech­ten, wut­bür­ger­li­chen Paro­len hört für mich der Spaß auf. Bei R. Kel­ly bin ich froh, dass ich nie der größ­te Fan war, denn ich traue­re der Musik jetzt nicht hin­ter­her.

MZEE​.com: Wenn man kei­nen Bezug zum Künst­ler hat, nimmt einem das ja auch gewis­ser­ma­ßen die Ent­schei­dung ab.

Pimf: Genau, da kann man das ein­fach schei­ße fin­den und die Musik kann einem dann genau­so egal sein wie vor­her. (lacht)

MZEE​.com: Nach­dem wir jetzt viel über belas­ten­de Din­ge in der Musik­bran­che gespro­chen haben, möch­te ich noch über etwas Posi­ti­ves reden. Was hat euch in unse­rer Rap­sze­ne zuletzt eine Freu­de berei­tet?

Pimf: Das Tua-​Album, das Döll-​Album, das Yassin-​Album. Da sind in die­sem Jahr schon sehr vie­le coo­le und span­nen­de Alben raus­ge­kom­men. Ich habe das Gefühl, dass wir, was gei­le Deutschrap-​Alben angeht, rela­tiv sta­bil in das Jahr gestar­tet sind. Das kam mir die letz­ten Jah­re auf jeden Fall nicht so vor.

Con­ny: Ich habe auch viel an dem Tua-​Album gemocht, das Yassin-​Album hat mir auch sehr gut gefal­len. Auf die Fatoni-​Platte freue ich mich krass. Ich glau­be, die wird sehr nice wer­den. Ich habe das Gefühl, es pas­siert grund­sätz­lich viel. Zum Bei­spiel fol­ge ich der splash! Mag-​Chefredakteurin Miri­am Davoud­van­di auf Twit­ter und sie hat auch super­vie­le femi­nis­ti­sche The­men auf der Agen­da. Sal­wa Houm­si ist auch bei vie­len Sachen am Start. Ich habe das Gefühl, dass, obwohl auf der einen Sei­te sehr viel sexis­ti­scher und mate­ria­lis­ti­scher bezie­hungs­wei­se kapi­ta­lis­ti­scher Kram durch die Shisha-​Playlisten auf unse­re Tele­fo­ne gespült wird, gleich­zei­tig auch durch Künst­le­rin­nen wie Ebow oder Hasz­ca­ra etwas ganz ande­res pas­siert. Viel­leicht bedingt sich das auch gegen­sei­tig ein biss­chen. Dazu gehö­ren auch Waving the Guns, die sehr poli­ti­sche Musik machen. Auf der einen Sei­te kann man natür­lich sagen: "Boah krass, Shisha-​Playlist über­nimmt das Land!" Aber auf der ande­ren Sei­te rücken ganz vie­le ande­re Sachen immer wei­ter in mei­nen Wahr­neh­mungs­be­reich und ich habe voll Bock dar­auf, noch mehr Künst­ler aus die­ser Rich­tung zu ent­de­cken und ken­nen­zu­ler­nen.

(Jens Paep­ke)
(Fotos: Urban Tree)