Moop Mama

Mit Künst­lern über Poli­tik zu spre­chen, kann ernüch­ternd sein. Das kann gera­de in der deut­schen Rap­sze­ne dar­an lie­gen, dass der Gesprächs­part­ner höchst frag­wür­di­ge Aus­sa­gen tätigt. Oder aber dar­an, dass man über die sel­ben gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen spricht wie im vor­he­ri­gen Inter­view, wel­ches zwei Jah­re zurück­liegt – Ent­wick­lun­gen, die man damals, wohl zu vor­sich­tig, "Ten­den­zen" nann­te. Trotz allem Enga­ge­ment dage­gen, auch von Bands wie Moop Mama, wird ras­sis­ti­sches und ander­wei­tig dis­kri­mi­nie­ren­des Gedan­ken­gut in Deutsch­land und Euro­pa immer prä­sen­ter, salon­fä­hi­ger und regel­mä­ßig laut aus­ge­spro­chen. Rap­per Keno und Trom­pe­ter Men­zel Mutz­ke erklär­ten uns im Inter­view, war­um sie sich als Band poli­tisch enga­gie­ren und auch pri­vat die Stim­me erhe­ben. Außer­dem spra­chen wir über die Effek­te von Soci­al Media auf unse­re Gesell­schaft und die Wer­be­maß­nah­men der deut­schen Poli­zei. 

MZEE​.com: Wenn eine zehn­köp­fi­ge Band ihrem Album einen so "ego­zen­tri­schen" Namen wie "ICH" gibt, stellt sich natür­lich erst­mal die Fra­ge, wie ihr die­ses "Ich" defi­niert. Hat da jeder von euch sei­ne eige­ne Vor­stel­lung, oder ist es ein kol­lek­ti­ves "Ich"?

Keno: Es ist schon das kol­lek­ti­ve "Ich" gemeint, aber natür­lich soll­te der Titel auch eine gewis­se Ver­wun­de­rung aus­lö­sen. Jeder, der uns kennt, weiß, dass es bei uns nie nur um eine Per­son geht, son­dern um das gro­ße Gan­ze. Es geht um ein inte­gra­ti­ves "Ich", das für eine Viel­zahl von Per­spek­ti­ven steht, die ein End­ergeb­nis erzeu­gen. Musi­ka­lisch funk­tio­nie­ren wir ja als Zehn-​Mann-​Monster. Dazu ist es auch als Kom­men­tar gedacht, dass unser Album eben nicht so ein Ego-​Ding ist, son­dern vie­le Iden­ti­tä­ten unter einem Dach ver­eint.

MZEE​.com: Als Kom­men­tar lässt sich auch der Track "Hier bin ich" mit Fato­ni ver­ste­hen. Seht ihr einen Trend hin zu mehr Ego­is­mus in der Gesell­schaft?

Men­zel: Auf jeden Fall. Ich den­ke, das sieht jeder … aber es betei­ligt sich ja auch jeder dar­an, so wie bei­spiels­wei­se Insta­gram genutzt wird. Wobei man das ja auch für total gei­le Sachen ver­wen­den kann, konn­te man bei Face­book ja auch …

Keno: Find' ich gut, dass du von Face­book in der Ver­gan­gen­heit sprichst. (lacht)

Men­zel: Man kann echt coo­le Sachen damit machen und Leu­te inspi­rie­ren, aber die Selbst­dar­stel­lung ist schon omni­prä­sent und nervt wahn­sin­nig.

Keno: Ich würd' die gesell­schaft­li­che Ebe­ne und das "Hier bin ich"-Ding gar nicht so krass mit­ein­an­der ver­knüp­fen. In dem Song geht's natür­lich um Soci­al Media und auch irgend­wie um bei­de Sei­ten. Ich fin­de nicht, dass der Track das nur kri­ti­siert. Er zeigt auf, dass man selbst mit­ten­drin ist und das Gefühl kann, den­ke ich, jeder nach­voll­zie­hen. Das ist ein­fach ein zwei­schnei­di­ges Schwert. Ton­is Stro­phe gibt dem Gan­zen ja noch­mal eine ganz ande­re Rich­tung, was ich sehr cool fin­de. Ohne den Part könn­te man den Song halt so ver­ste­hen, dass wir Insta­gram ein­fach doof fin­den, was ich nicht unter­schrei­ben wür­de. So gibt es meh­re­re Per­spek­ti­ven. Die gesell­schaft­li­che Ebe­ne wür­de ich davon tren­nen. Unse­re Gesell­schaft beschäf­tigt sich mei­ner Mei­nung nach gera­de sehr stark mit Iden­ti­tät. In Deutsch­land stellt sich die Fra­ge, was die deut­sche Iden­ti­tät ist. Es gibt Men­schen, die die ger­ne öff­nen und dar­un­ter mehr als bis­her zusam­men­fas­sen wol­len. Ande­re sind eben ego­is­tisch und "Ame­ri­ca First"-mäßig drauf. Und weil sich die­se Punk­te so extrem gegen­über­ste­hen, ist die Zeit gera­de auch so schwie­rig.

MZEE​.com: Auf der ande­ren Ebe­ne haben Insta­gram und Co. ver­mut­lich schon einen Effekt auf das gesell­schaft­li­che Zusam­men­le­ben, in Hin­blick dar­auf, dass jeder noch mehr dar­auf ach­tet, wie er selbst wahr­ge­nom­men wird und so wei­ter …

Keno: Ja, das hat hun­dert­pro­zen­tig einen Effekt auf unser täg­li­ches Ver­hal­ten. Auf der einen Sei­te ist es so eine "Ich"-Zentriertheit, dass man stän­dig sein eige­nes Gesicht in die Kame­ra hält. Auf der ande­ren Sei­te bricht das aber auch schon wie­der. Es ist ja qua­si eine Truman-​Show für die gan­ze Gesell­schaft. Natür­lich gibt es ein­zel­ne You­Tuber und Instagram-​Stars, die extrem prä­sent sind, aber das Phä­no­men, sehr viel von sich selbst öffent­lich zur Schau zu stel­len, führt ja auch dazu, dass der Ein­zel­ne gar nicht mehr so wich­tig ist. Im End­ef­fekt kannst du so fast jedem ins Schlaf­zim­mer gucken, was es irgend­wie auch wie­der weni­ger stran­ge und gefähr­lich macht.

MZEE​.com: Für mich klingt das eigent­lich ziem­lich dys­to­pisch und "Big Brother"-mäßig.

Keno: Okay, "weni­ger gefähr­lich" kann man viel­leicht strei­chen. (lacht) Aber ich tue mich ehr­lich gesagt schwer damit, das zu bewer­ten. Es ist eine Ver­än­de­rung, die sicher gute und schlech­te Sei­ten hat. Genau die­sen Stem­pel "Prä­di­kat Gefähr­lich!" will ich da eben nicht drauf­drü­cken.

Men­zel: Das wäre in unse­rer Posi­ti­on auch ein biss­chen heuch­le­risch. Wir nut­zen Soci­al Media ja genau­so als Tool wie fast jede ande­re Band.

MZEE​.com: Was sagt ihr zu den Aus­sa­gen von Kanye West, der vor­ge­schla­gen hat, Fol­lo­wer­zah­len und ähn­li­che Sta­tis­ti­ken bei Insta­gram aus­zu­blen­den, um den "Wert" eines Men­schen nicht mehr an Zah­len zu mes­sen?

Keno: Das ist auf jeden Fall ein inter­es­san­ter Gedan­ke. Props an Kanye. (lacht) Das ist die Art von unkon­ven­tio­nel­len Gedan­ken, die ich ger­ne häu­fi­ger von ihm hören wür­de. Da hat er schon weit­aus düm­me­re Din­ge gesagt. Das hät­te bestimmt einen inter­es­san­ten Effekt. Die Fra­ge ist, ob man hin­ten­rum immer noch den Wer­be­kun­den zei­gen könn­te, dass man Mil­li­ar­den Fol­lo­wer hat, um das Geld ein­zu­strei­chen.

Men­zel: Ich den­ke auch, allein aus dem Grund wird das wohl nie­mals pas­sie­ren.

Keno: Im End­ef­fekt ist es ja auch der Sinn der Sache.

MZEE​.com: Kanye setzt das ein­fach durch, wenn er Prä­si­dent wird.

Keno: Es sind span­nen­de Zei­ten. Viel­leicht unter­stützt ihn Trump dann. (grinst)

MZEE​.com: Apro­pos Kanye: Der ers­te Track eures aktu­el­len Albums ist eine Refe­renz an sei­nen Track "Black Skin­head". Kri­ti­ker wer­fen Künst­lern in sol­chen Fäl­len ger­ne mal vor, bei ande­ren abzu­kup­fern. Ihr seid aber wei­ter­hin offen dafür, sol­che Din­ge auf­zu­grei­fen und euer eige­nes Ding dar­aus zu machen.

Keno: Wir haben an dem Track im Stu­dio lan­ge rum­pro­biert, weil wir vie­le ver­schie­de­ne Vor­stel­lun­gen davon hat­ten, wie er klin­gen kann. Der Rhyth­mus und die Ästhe­tik von "Black Skin­head" haben uns da defi­ni­tiv sehr inspi­riert und der Song ist auf jeden Fall eine Refe­renz, ja.

Men­zel: Manch­mal kann man sich gegen sol­che Inspi­ra­tio­nen auch gar nicht wirk­lich weh­ren. Man fragt sich schon ab und zu, ob man das gera­de eigent­lich darf und ob es cool ist. Aber im End­ef­fekt inter­pre­tie­ren wir die Melo­die dann eben doch total anders, von daher …

Keno: Sowas pas­siert ja immer wie­der. Es kommt auch drauf an, woher die Inspi­ra­ti­on kommt. Wenn wir von Anfang an das Ziel hät­ten, einen Song so wie einen ande­ren klin­gen zu las­sen, wür­de ich mich dabei wohl schlecht füh­len. In dem Fall zum Bei­spiel hat uns unser Text und unse­re Rhyth­mik an Kanyes Track erin­nert. Dann haben wir den gehört und Din­ge ein­flie­ßen las­sen, da sind die Gren­zen ein­fach flie­ßend. Wir sam­plen ja nicht oder so. Dadurch, dass wir die Sachen live pro­du­zie­ren und auf­neh­men, ist auch noch­mal eine Ebe­ne dazwi­schen, die ver­hin­dert, dass die Gren­ze zwi­schen Refe­renz und Kopie zu sehr ver­schwimmt.

MZEE​.com: Die Sin­gle "Molo­tow" dreht sich um die unglei­che Lie­be zwi­schen einem Poli­zis­ten und einer Demons­tran­tin. Ich den­ke, es ist recht klar, auf wel­cher Sei­te der Demo ihr ste­hen wür­det, wenn ich bei­spiels­wei­se an euer Kon­zert im Ham­ba­cher Forst den­ke. Habt ihr das Gefühl, dass die Poli­zei und Men­schen, die sich für etwas ein­set­zen, immer wei­ter aus­ein­an­der­drif­ten?

Keno: Das ist für mich das Schwie­ri­ge an dem Song. Die Inspi­ra­ti­on dafür war die mensch­li­che Ebe­ne zwi­schen den bei­den. Es ist auch nicht nur ein poli­ti­sches Bild, son­dern eine Dar­stel­lung einer Bezie­hung an sich: Der Kampf zwi­schen Auto­no­mie und dem Sicher­heits­be­dürf­nis oder ande­ren, per­sön­li­chen Din­gen. Wenn man den Song aber auf eine poli­ti­sche Ebe­ne bezieht, ist es schwie­rig, her­aus­zu­le­sen, wie ich bei­spiels­wei­se den­ke. Da fällt das Mensch­li­che ja eigent­lich weg. Der Poli­zist auf einer Demons­tra­ti­on agiert dort ja in sei­ner Funk­ti­on als Teil eines staat­li­chen Organs. Da gel­ten mei­ner Mei­nung nach ganz ande­re Maß­stä­be. Die Mes­sa­ge des Songs, dass sich am Ende alle lieb haben, ist ein biss­chen uto­pisch und blau­äu­gig. Also, ich fin­de sie rich­tig, aber es ist eine Wunsch­vor­stel­lung. Kurz nach­dem der Song raus­ge­kom­men ist, stand ich in Ham­burg am Bahn­hof und hab' 'ne Poli­zei­wer­bung gele­sen. Da dach­te ich kurz, dass wir die­sen Song nie­mals hät­ten machen dür­fen. (lacht) In der Wer­bung hat ein schwar­zer Cop in so ame­ri­ka­ni­scher Film­äs­the­tik 'nen täto­wier­ten Typen direkt vor der Ham­bur­ger David­wa­che auf eine Motor­hau­be gepresst. Dabei stand irgend­ein Hash­tag von wegen "#hand­fest" oder "#knall­hart".

MZEE​.com: So ähn­lich wie die Wer­be­kam­pa­gnen der Bun­des­wehr.

Keno: Genau, eine ähn­li­che Ästhe­tik. "Cool, wir haben Waf­fen! Wir neh­men Leu­te fest!" Ich stand da, glau­be ich, zehn Minu­ten rum, hab' die­ses Pla­kat für mich aus­ein­an­der­ge­nom­men und bin zum Schluss gekom­men, dass dar­an echt alles falsch ist. Zum einen wur­de die­se Quo­ten­viel­falt dar­ge­stellt, die in dem Job sicher nicht die Rea­li­tät ist, auch wenn ich mich da jetzt weit aus dem Fens­ter leh­ne. Und gleich­zei­tig benut­zen sie die­ses kras­se Vor­ur­teil, dass der täto­wier­te Typ wie­der etwas ange­stellt hat und auf die Motor­hau­be geknallt wird. Des­halb ist der Cop dann der Coo­le. Da ver­schwin­det bei mir jede Sym­pa­thie und jedes Ver­ständ­nis. Wenn ein öffent­li­ches Organ so arbei­tet, fra­ge ich mich, wel­che Leu­te die damit anspre­chen. Wenn die dort­hin kom­men sol­len, weil sie dann Leu­te auf die Motor­hau­be knal­len oder eine Waf­fe zücken kön­nen, ist doch klar, wer sich da im End­ef­fekt mel­det. Bestimmt nicht die Men­schen, die Poli­zist wer­den wol­len, um ande­ren zu hel­fen oder auf Demos dees­ka­lie­rend zu wir­ken. Son­dern die, die es geil fin­den, 'ne Waf­fe in der Hand zu haben und jeman­dem Hand­schel­len anzu­le­gen. Die Poli­zei soll­te eine Rol­le ein­neh­men, die uns alle schützt. Und wenn die Rea­li­tät anders aus­sieht, ist das ein Pro­blem.

MZEE​.com: Ich habe auch das Gefühl, dass eini­ge Poli­zis­ten bei Kri­tik von außen direkt in eine Art Schutz­hal­tung gehen und nichts auf ihr "Team" kom­men las­sen. Gleich­zei­tig gibt es sicher auch unge­recht­fer­tig­te Kri­tik. Da sind die Fron­ten auf bei­den Sei­ten teil­wei­se ver­här­tet, was nicht all­zu för­der­lich ist.

Men­zel: Du bist als Poli­zist bestimmt total pis­sed, wenn am Ham­ba­cher Forst der Wald gero­det wird und du von RWE den Auf­trag bekom­men hast, da die Leu­te raus­zu­ho­len. Dann gehen die noch auf dich los, beschimp­fen dich den gan­zen Tag und eigent­lich fin­dest du es auch total schei­ße, was du da machen musst. Die Poli­zis­ten, die wir am Ham­ba­cher Forst ken­nen­ge­lernt haben und die uns kon­trol­liert haben, waren unglaub­lich net­te Typen. Die haben uns erzählt, dass sie da eigent­lich kei­nen Bock drauf haben.

Keno: Da liegt ja das Pro­blem, die sind eben nicht wirk­lich als Men­schen dort. Die kön­nen nett sein, aber agie­ren eben als Teil die­ses Organs, das etwas durch­set­zen soll, das an ande­rer Stel­le ent­schie­den wor­den ist. Und es wird woan­ders ent­schie­den, ob das okay ist oder nicht.

Men­zel: Ich den­ke, dass sich da eben auch Frust auf­baut und des­halb Vie­len lei­der die Siche­rung durch­brennt. Ich will das über­haupt nicht ver­tei­di­gen, aber ich den­ke, dass das von außen nicht so leicht zu beur­tei­len ist.

MZEE​.com: Könn­tet ihr in eine ähn­li­che Situa­ti­on wie die Prot­ago­nis­ten in "Molo­tow" gelan­gen? Oder wart ihr sogar schon mal in so einer Bezie­hung?

Keno: Wie gesagt, der Song zeich­net für mich ein sehr all­ge­mei­nes Bild. Das lässt sich auf ganz vie­le Bezie­hun­gen über­tra­gen, in denen ich schon war, nicht nur auf Lie­bes­be­zie­hun­gen. Für mich gilt das sogar bis hin zur Bezie­hung zu einem selbst. Ich weiß, dass ich bei­de Sei­ten in mir tra­ge: Ich hab' einen star­ken Frei­heits­drang und den Drang, ganz viel über den Hau­fen zu wer­fen und ein­fach aus­zu­stei­gen. Gleich­zei­tig will ich natür­lich dazu­ge­hö­ren und habe ein Sicher­heits­be­dürf­nis. Das sind ja mensch­li­che Grund­ei­gen­schaf­ten, die mit­ein­an­der kämp­fen. Auf der Bezie­hungs­ebe­ne war ich schon in ähn­li­chen Situa­tio­nen. Eine Freun­din von mir ist total anders als ich und geht mit Din­gen voll­kom­men anders um. Da kommt es dann zu Streit, aber wenn man sich traut, sich gemein­sam damit aus­ein­an­der­zu­set­zen, kann das total berei­chernd sein.

MZEE​.com: Das stimmt. Man hat ver­mut­lich genug Men­schen um sich her­um, die die glei­che Mei­nung ver­tre­ten, wie man selbst.

Keno: Wit­zi­ge Anek­do­te dazu: Im Video zu dem Song schlüp­fen wir ja in Poli­zei­uni­for­men. Ich hab' frü­her mal Kung Fu gemacht und von da ein paar Leu­te akqui­riert, die sich eben ein biss­chen bewe­gen kön­nen. Dar­un­ter war auch eine Kung Fu-​Meisterin aus mei­ner alten Schu­le, die uns erzählt hat, dass sie tat­säch­lich mit einem Cop zusam­men ist. (lacht) Und sie ist ziem­lich links und häu­fig auf Demos unter­wegs. Das fand ich krass, weil es gezeigt hat, dass die Idee des Songs nicht so irre­al ist. Von daher fin­de ich die Aus­sa­ge des Tracks auch rich­tig. In der mensch­li­chen Bezie­hung zu einem gleich­wer­ti­gen Gegen­über oder in der Fami­lie liegt ja eigent­lich die größ­te Chan­ce, sol­che Gegen­sät­ze zu über­win­den. Wenn du es schaffst, auf so einer emo­tio­na­len Ebe­ne eine Ver­bin­dung zu schaf­fen, kannst du auch Gren­zen über­schrei­ten, die unüber­wind­bar erschei­nen. Du bist ja qua­si gezwun­gen bezie­hungs­wei­se gewillt, einen Kom­pro­miss zu fin­den.

MZEE​.com: Auch wenn der Track all­ge­mein auf Bezie­hun­gen anwend­bar ist, bie­tet er auf jeden Fall Nähr­bo­den für poli­ti­sche Dis­kus­sio­nen. Den habt ihr auch schon in der Ver­gan­gen­heit gelie­fert. Wie wich­tig ist es euch, poli­tisch Posi­ti­on zu bezie­hen und Dis­kus­sio­nen anzu­sto­ßen?

Men­zel: Wir ent­de­cken auf jeden Fall immer mehr, dass wir die Mög­lich­keit haben, etwas zu sagen. Wir kön­nen, ohne jeman­dem weh zu tun, das machen, was wir ger­ne tun. Im Ham­ba­cher Forst konn­ten wir Leu­ten das Gefühl geben, dass sie unter­stützt wer­den. Das war eine krass rüh­ren­de Erfah­rung, weil die sehr emo­tio­nal auf uns reagiert haben. Die haben teil­wei­se geweint und sich irr­sin­nig bedankt. Dabei machen wir nur Musik und die beset­zen seit sechs Jah­ren die­sen Wald und sind krass. Das hat uns auf jeden Fall dar­in bestärkt, so etwas häu­fi­ger zu machen. Es ist so ein­fach, sei­ne Mei­nung zu äußern. Uns fol­gen eben eini­ge Leu­te und das wol­len wir ger­ne nut­zen. Ich find's auch scha­de, dass vie­le Künst­ler mit grö­ße­rer Reich­wei­te das nicht machen. Ich weiß nicht, ob die Angst haben, Fans zu ver­grau­len.

MZEE​.com: Da gibt's natür­lich meh­re­re Sicht­wei­sen. Ich per­sön­lich fin­de es super, wenn sich Künst­ler wie zum Bei­spiel bei "#wirs­ind­mehr" in Chem­nitz öffent­lich posi­tio­nie­ren. Man kann aber natür­lich auch den Stand­punkt ver­tre­ten, dass es nicht die Pflicht der Künst­ler ist, das zu tun, nur weil sie in der Öffent­lich­keit ste­hen.

Men­zel: Aber man bricht sich doch kei­nen Zacken aus der Kro­ne. Ich versteh's nicht wirk­lich.

Keno: Gut, auf der ande­ren Sei­te kann man eben kei­nen dazu zwin­gen. Bei man­chen Leu­ten bin ich auch echt froh drum, dass sie sich nicht äußern. Ande­re sagen etwas und du denkst nur, dass sie doch bit­te die Klap­pe hal­ten sol­len.

Men­zel: Das stimmt auch.

Keno: Das muss jeder für sich selbst beur­tei­len. Aber man soll­te schon wis­sen, dass man eine gewis­se Ver­ant­wor­tung hat, wenn man ein gro­ßes Publi­kum hat. Das wäre zumin­dest mein Wunsch. Wir hat­ten nie die bewuss­te Agen­da, eine poli­ti­sche Band zu sein. Ich hab' mich anfangs sogar dage­gen gewehrt und nicht ver­stan­den, war­um Leu­te das so sehen. Ich fand‘s eigent­lich absurd, weil wir nicht beson­ders poli­tisch oder Akti­vis­ten sind. Wir haben eben ein paar Mal bei ver­schie­de­nen Sachen mit­ge­macht. Aber von Mal zu Mal wächst auch unser Ver­ständ­nis davon, was man errei­chen kann und wel­che Rol­le wir in dem Gan­zen spie­len kön­nen. Gleich­zei­tig wächst viel­leicht auch das Bedürf­nis, es wie­der zu tun, wenn du merkst, dass du Men­schen unter­stüt­zen kannst.

MZEE​.com: Es ist viel­leicht sogar beson­ders sinn­voll, wenn man es als Band macht, die kei­nen bestimm­ten poli­ti­schen Stem­pel auf­ge­drückt hat. So kann man mög­li­cher­wei­se eher Men­schen mit ver­schie­de­nen Ein­stel­lun­gen errei­chen.

Keno: Schon, aber im End­ef­fekt ist unse­re Hörer­schaft auch rela­tiv homo­gen. Selbst bei Sachen, bei denen wir mit Gegen­wind gerech­net haben, kommt da sehr, sehr wenig.

MZEE​.com: Ich hab's zumin­dest bei Mar­te­ria gese­hen, der wegen sei­nes Enga­ge­ments bei "#wirs­ind­mehr" durch­aus Gegen­wind in sei­ner ja sehr gro­ßen Hörer­schaft bekom­men hat. Wobei man sich dann eben auch fragt, wie man über­haupt die Musik hören kann.

Keno: Da muss man auf jeden Fall an sehr vie­len Stel­len weg­hö­ren, um nicht zu mer­ken, dass Mar­te­ria kein Nazi ist. (grinst) Das ist ja auch die Schwie­rig­keit. Wir wer­den in der Öffent­lich­keit jetzt bei­spiels­wei­se im Ver­gleich zu Fei­ne Sah­ne Fisch­fi­let nicht als son­der­lich kon­tro­vers wahr­ge­nom­men. Die wer­den so in die links­ra­di­ka­le Ecke gesteckt, sol­che Leu­te iden­ti­fi­zie­ren sich dann damit und ande­re has­sen sie. Das ist 'ne kon­tro­ver­se Posi­ti­on und die löst eine bestimm­te Art von Dis­kus­si­on aus. Wir wer­den eher so mit­tig, aus­glei­chend und lieb wahr­ge­nom­men … man muss sich eben sei­ner Rol­le bewusst sein. Wir zum Bei­spiel sind natür­lich in den Ham­ba­cher Forst gefah­ren, um die Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten dort zu unter­stüt­zen. Das war klar. Und nichts­des­to­trotz konn­ten wir vor Ort ein posi­ti­ves Gefühl erzeu­gen, obwohl wir die­se Men­ge an Leu­ten, die direkt an der Poli­zei­front stan­den, zum Aus­ras­ten gebracht haben. Es war nicht aggres­si­ons­ge­la­den oder so, son­dern eher eine net­te Stim­mung. Irgend­je­mand hat auch ein Gespräch zwi­schen zwei Cops belauscht. Als wir da über die Bar­ri­ka­den in den Wald geklet­tert sind, hat der eine wohl zum ande­ren gesagt: "Hey, ich hab' gehört, Moop Mama kommt!" (lacht) Auch das ist ja irgend­wie eine Mög­lich­keit.

MZEE​.com: In unse­rem letz­ten Inter­view haben wir im Zusam­men­hang mit dem Track "Meer­men­schen" über die Flücht­lings­si­tua­ti­on und den poli­ti­schen Umgang mit ihr gespro­chen. Da ging es vor allem dar­um, dass häu­fig nicht über Men­schen, son­dern über Zah­len gere­det wird. Ich habe das Gefühl, dass sich die­se Ent­wick­lung in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren noch ver­stärkt hat und auch Ein­zug in die Mit­te gefun­den hat. Wie seht ihr das das?

Men­zel: Irgend­wie ist es auch auf ein­mal klar, dass wir "so vie­le" auf jeden Fall nicht noch ein­mal auf­neh­men. Das war vor zwei Jah­ren über­haupt nicht klar. Das stimmt schon.

Keno: Du hast auf jeden Fall Recht, dass das ein Effekt von die­ser gan­zen Skan­da­li­sie­rung ist. Es geht ja auch um Wor­te, dar­um, wie Sachen gesagt wer­den, und wer sich traut, was zu sagen. Da ist es offen­sicht­lich, dass man mitt­ler­wei­le unge­straft oder unhin­ter­fragt Din­ge sagen kann, die vor zehn Jah­ren noch die Alarm­glo­cken hät­ten läu­ten las­sen. Ein­fach men­schen­ver­ach­ten­des Zeug und wider­li­che Spra­che. Par­al­lel dazu wird die gesell­schaft­li­che Spal­tung immer extre­mer. Die ande­re Sei­te wächst ja auch. Aber das Schlim­me ist eben, dass der gan­ze rechts­po­pu­lis­ti­sche Scheiß über die ver­gan­ge­nen Jah­re so viel Auf­merk­sam­keit bekom­men hat, dass die sich wahr­schein­lich die Hän­de rei­ben und sich dar­über freu­en, was sie ver­ur­sacht haben. Die Gegen­sei­te ist lei­der ein biss­chen dif­fus und kann sich nur schwer dage­gen­stel­len. Das ist ein­fach die Natur der Sache, wenn man dif­fe­ren­zier­ter über Din­ge nach­denkt. Das macht es schwe­rer, sich hin­ter irgend­wel­che Slo­gans zu stel­len.

MZEE​.com: Es fällt auf jeden Fall oft schwer, in die­sem Kon­text posi­tiv zu den­ken. Im Umgang mit Rechts­po­pu­lis­ten wirkt halt oft jede Opti­on falsch und noch scheint kein Lösungs­an­satz in Sicht.

Men­zel: Man hat das Gefühl, die gewin­nen die gan­ze Zeit.

MZEE​.com: Auch wenn sie natür­lich in kei­ner Wei­se die Mehr­heit sind.

Men­zel: Aber es wird auf jeden Fall mehr. Die AfD ist ja im Deutsch­land­trend im Sep­tem­ber erst­mals die zweit­stärks­te Kraft gewe­sen. Das hät­te man sich vor zwei Jah­ren nicht vor­stel­len kön­nen. Ich fin­de das furcht­bar. Es sind ja offen­sicht­lich ganz rech­te Typen dabei und das weiß mitt­ler­wei­le auch jeder, der einen Fern­se­her oder Inter­net hat. Dass das trotz­dem die zweit­stärks­te Par­tei wer­den könn­te, fin­de ich unfass­bar krass.

Keno: Ich hab' für mich Ent­schei­dun­gen getrof­fen. Was die Band angeht, ist der Wunsch grö­ßer gewor­den, sich immer wie­der zu posi­tio­nie­ren und klar zu sagen, wo man steht. Ich den­ke, dass das aktu­ell sehr wich­tig ist. Außer­dem wol­len wir im Hin­ter­kopf behal­ten, wen wir jeweils vor uns haben und was wir dann sagen. Ich grüb­le auch noch dar­über und wäre sehr froh über Input. Ich hab' mich schon mit vie­len Leu­ten dar­über unter­hal­ten. Unser Publi­kum mag uns eh schon und kann sich mit unse­ren meis­ten Gedan­ken iden­ti­fi­zie­ren. Was ist dann der nächs­te Schritt? Wel­che Inhal­te muss man trans­por­tie­ren, damit man gemein­sam etwas bewe­gen kann? Per­sön­lich fan­ge ich ein­fach da an, wo ich bin. Ich füh­re mitt­ler­wei­le häu­fi­ger Grund­satz­dis­kus­sio­nen, auch in mei­nem enge­ren Umfeld. Das gan­ze The­ma "Ras­sis­mus", das auch in die Mit­te der Gesell­schaft ragt, baut ja auf etwas auf. Und zwar dar­auf, dass sich die wenigs­ten Men­schen wirk­lich damit aus­ein­an­der­ge­setzt haben, son­dern immer nur für sich gesagt haben: "Ich bin doch kein Nazi.". Das sagt aber eben auch der Typ, der die gan­ze Zeit Nazi-​Sachen sagt. Das sind so plat­te Slo­gans. Ich stell' auch in mei­nem enge­ren Kreis fest, dass sich Leu­te mit den betref­fen­den The­men nie aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Wenn jemand einen dum­men, ras­sis­ti­schen Witz reißt oder einen sexis­ti­schen Spruch bringt, dann sage ich ein­fach etwas. Und wenn das zu einer Dis­kus­si­on führt, zieh' ich mir den Schuh auch an. Ich sehe das mitt­ler­wei­le ein­fach als Ver­pflich­tung an, weil Igno­ranz der Boden für Ras­sis­mus und ande­re Dis­kri­mi­nie­rung ist.

MZEE​.com: Wir kom­men lang­sam zum Ende. Moop Mama exis­tiert mitt­ler­wei­le seit mehr als neun Jah­ren. Wenn ihr zurück­blickt: Was war für euch das High­light in die­ser Zeit?

Men­zel: Wir hat­ten jetzt am Frei­tag ein wahn­sin­nig gei­les Kon­zert in Bielefeld-​Bethel, an einer Schu­le für behin­der­te Men­schen. Das war für mich und ich glau­be, auch für vie­le ande­re, ein ech­tes High­light, weil wir da so viel Lie­be bekom­men haben. Wir haben schon mit­tags auf dem Schul­hof gespielt und dann kam her­aus, dass die Schü­ler dort seit einem hal­ben Jahr Moop Mama durch­neh­men. Die kann­ten alle unse­re Namen, wuss­ten, was wir spie­len und haben über unse­re Tex­te gespro­chen. Es gab noch 'ne klei­ne Pres­se­kon­fe­renz und ein Meet and Greet, bei dem die Kin­der uns Fra­gen gestellt haben. Bei den ers­ten Num­mern vom Kon­zert hat­te ich echt ein biss­chen Angst, dass ich heu­len muss, weil es so schön war. (schmun­zelt) Wir hat­ten an ver­schie­de­nen Stel­len des Abends alle mal einen Kloß im Hals und waren total glück­lich. Das ist für mich ein sehr aktu­el­les und ich den­ke, auch blei­ben­des High­light. Und jetzt kommt Keno mit irgend­et­was Ober­fläch­li­chem. (lacht)

Keno: Du hast jetzt die emo­tio­na­le Lat­te natür­lich ziem­lich hoch­ge­setzt. Ich fin­de es super­schwer, sowas fest­zu­ma­chen. Für mich gibt es immer wie­der total hef­ti­ge Situa­tio­nen. Das hat meis­tens mit Leu­ten und Reak­tio­nen zu tun, wenn wir live spie­len. Du merkst, dass du etwas gemacht hast, das bei irgend­je­man­dem mega ankommt. Auf der letz­ten Tour haben wir die Show immer mit "Meer­men­schen" begon­nen und danach "Kom­pli­ze" gespielt. Der ist sowas wie ein Lieb­lings­song von mir, weil ich zu dem eine sehr emo­tio­na­le Ver­bin­dung habe. In der Stu­dio­ver­si­on sum­me ich da am Anfang so ein biss­chen rum. Als wir den dann live gespielt haben, haben die Leu­te die­se Summ-​Melodie dann mit­ge­sun­gen. Das war für mich ein tota­ler Flash und da sind mir auch ein wenig die Trä­nen in die Augen geschos­sen.

MZEE​.com: Damit kom­men wir zur letz­ten Fra­ge. Das Video zum Track "Kapu­ze" zeigt, wel­che Super­kräf­te ein Kapu­zen­pul­li dem Trä­ger ver­lei­hen kann. Wenn ihr euch selbst eine Super­kraft aus­su­chen könn­tet: Wel­che wäre das?

Men­zel: Puh, die Fra­ge ist geil, aber da muss ich erst­mal in mich gehen … Ich wür­de ger­ne in mich gehen kön­nen! (alle lachen) Das wäre rich­tig cool. Ich war vor Kur­zem in "Incredi­bles 2" und ich lie­be den Film so sehr. Der ist unglaub­lich krea­tiv. Hat nur indi­rekt mit der Fra­ge zu tun, aber den musst du dir anschau­en. (lacht) Ich hab' dann mit mei­ner Freun­din am nächs­ten Tag dar­über gere­det, wel­che Super­kraft wir am liebs­ten hät­ten und das war echt schwer zu ent­schei­den.

Keno: Es gibt natür­lich vie­le gei­le. Aber ich glau­be, ich wür­de so etwas Klas­si­sches neh­men. Dass ich wie bei "Stran­ger Things" den Kopf bewe­ge, es macht "Knack!" und irgend­wer ist tot. (lacht) Aber, um mal etwas krea­ti­ver zu sein: Es gibt so einen Comic, in dem jemand immer Leu­te slappt, wenn sie rich­tig dum­me Sachen sagen. Die Super­kraft hät­te ich ger­ne. Immer, wenn jemand irgend­ei­nen dum­men Scheiß sagt, kann ich ihm eine rein­hau­en.

Men­zel: Aber das ist doch kei­ne Super­kraft. Mach das doch ein­fach so mal.

Keno: Nein, ich könn­te über­all gleich­zei­tig sein und Back­pfei­fen ver­tei­len. (lacht)

Men­zel: Von Trump zu Kanye und zurück.

Keno: "Slavery was a choi …" Batz! Ich wär' immer da, kurz bevor der Satz zu Ende gespro­chen ist. Damit die­ses Scheiß­prin­zip, dass etwas da ist, wenn es ein­mal aus­ge­spro­chen wird, nicht mehr funk­tio­niert. Dann erwischt man die Leu­te auch zu einem Zeit­punkt, an dem man sie noch nicht umbrin­gen muss. (grinst)

(Alex­an­der Hol­len­horst)
(Fotos von Felix Baab)