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Interview

kid kapri – ein Gespräch über jugendliche Leichtigkeit

"Ich glau­be nicht, dass die Welt heu­te beson­ders kaputt ist. Frü­her ist doch auch schon viel Schei­ße pas­siert, nur bekom­men wir heu­te ein­fach viel mehr davon mit." – kid kapri im Inter­view über die Fol­gen des Inter­nets in Bezug auf Zukunfts­ängs­te sei­ner Generation.

"Wo ist nur die Leich­tig­keit geblie­ben?", fragt man sich von Zeit zu Zeit, wenn man nost­al­gisch an die eige­ne Jugend zurück­denkt. Wie unbe­schwert kam einem das Leben doch vor, wie sor­gen­frei erschien die Gegen­wart und wie auf­re­gend die Zukunft? "Das Ende der Leich­tig­keit" – so titel­te auch der SPIEGEL 2021 in einer Foto­se­rie über jun­ge Men­schen in Zei­ten der Corona-​Pandemie. Die The­se: Den Jugend­li­chen war das abhan­den­ge­kom­men, was das Jung­sein aus­macht. Tat­säch­lich scheint es die Gene­ra­ti­on Z, also die­je­ni­gen, die um die Jahr­tau­send­wen­de gebo­ren wur­den, nicht ein­fach zu haben. Erst gab es Lock­downs statt Par­tys, dann brach 2022 ein Krieg in Euro­pa aus, und über allem schwebt die dro­hen­de Kli­ma­kri­se. Kann die­se Gene­ra­ti­on über­haupt so etwas wie jugend­li­che Leich­tig­keit emp­fin­den? Unser Gesprächs­part­ner ver­sucht, die­ses Gefühl mit sei­nem unbe­schwer­ten, melo­di­schen Trap­sound über Musik bei sei­nen Hörer:innen zu wecken. Außer­dem ist er der Beweis dafür, wie schnell es im Rap manch­mal geht: So kann es pas­sie­ren, dass man als jun­ger Artist 30 Minu­ten vor Abga­be sei­nes ers­ten Releases merkt, dass man noch gar kei­nen Künst­ler­na­men hat. In sei­nem Fall fiel die Wahl nach einer kur­zen Brainstorming-​Session auf den Namen kid kapri. Im Inter­view spra­chen wir mit dem 21-​Jährigen neben sei­nem rasan­ten Start als Rap­per unter ande­rem über das Jung­sein und Erwach­sen­wer­den, das Lebens­ge­fühl sei­ner Gene­ra­ti­on sowie Zukunfts­plä­ne und -ängste.

MZEE​.com: Was bedeu­tet es für dich, jung zu sein?

kid kapri: Das bedeu­tet für mich vor allem, dass einem ganz vie­le Mög­lich­kei­ten offen­ste­hen. Der größ­te Vor­teil am Jung­sein ist, dass du Zeit hast. Du kannst vie­le Sachen aus­pro­bie­ren und ler­nen, wie das Leben funk­tio­niert. Man hat die Chan­ce, rich­tig viel über sich selbst her­aus­zu­fin­den. Dazu gehört auch, dass mal etwas schief­läuft. Trotz­dem muss man immer alles aus­pro­bie­ren, das ist mei­ner Mei­nung nach das Wich­tigs­te. Im End­ef­fekt ärgert man sich sonst über Din­ge, die man nicht gemacht hat, und dar­über, dass man nie her­aus­fin­den konn­te, was pas­siert wäre. Irgend­wann ist das Kapi­tel Jugend näm­lich vor­bei. Dann bist du erwach­sen und musst bes­ser auf das Leben vor­be­rei­tet sein. Ich glau­be, die Frei­hei­ten, die du in der Jugend hast, wer­den dann immer weniger.

MZEE​.com: Denkst du, die Ein­stel­lung, so vie­les wie mög­lich aus­zu­pro­bie­ren und alle Frei­hei­ten zu nut­zen, ist eine Beson­der­heit dei­ner Gene­ra­ti­on? Ich habe das Gefühl, älte­re Men­schen tun sich manch­mal etwas schwer damit, wenn Jün­ge­re nicht direkt von der Schu­le in eine Aus­bil­dung oder ein Stu­di­um star­ten und danach sofort ins Arbeits­le­ben übergehen.

kid kapri: Ich glau­be schon, dass die Leu­te frü­her genau­so ihre Frei­hei­ten aus­ge­lebt haben. Als mein Vater 18 war, ist er mit dem Motor­rad oder per Anhal­ter durch halb Euro­pa gefah­ren. Das Beson­de­re an mei­ner Gene­ra­ti­on ist etwas ande­res. Wir wer­den durch das Inter­net und sozia­le Medi­en stän­dig damit kon­fron­tiert, wie unglaub­lich vie­le Mög­lich­kei­ten in der Welt auf uns war­ten. Jeder teilt 24/​7, was er macht, und zeigt damit ande­ren, was sie theo­re­tisch errei­chen kön­nen. Das war frü­her anders. Da wur­dest du durch das Fern­se­hen oder irgend­wel­che Maga­zi­ne zwar auch mit vie­len Mög­lich­kei­ten kon­fron­tiert, aller­dings wur­de dir nie so kon­kret vor Augen gehal­ten, wie man bestimm­te Din­ge wirk­lich schaf­fen kann und was alles mög­lich ist. Des­halb war es frü­her viel­leicht ein­fa­cher, sich auf einen Weg fest­zu­le­gen und zu sagen: "Das ist der rich­ti­ge Plan für mei­ne Zukunft."

MZEE​.com: Wer sich mit dir beschäf­tigt, erhält den Ein­druck, dass du sehr unbe­schwert an die Din­ge ran­gehst und dir ungern vor­ab zu vie­le Plä­ne oder Gedan­ken machst. Wür­dest du das so unterschreiben?

kid kapri: Eigent­lich gehe ich an vie­le Din­ge schon eher bedacht ran. Ich bin all­ge­mein ein sehr vor­sich­ti­ger Mensch. Des­halb habe ich auch oft selbst Pro­ble­me damit, neue Din­ge aus­zu­pro­bie­ren, und fra­ge mich: "Was ist, wenn das nicht klappt?" Aber die Auf­ga­be, das her­aus­zu­fin­den, nimmt dir nie­mand ab, dafür bist du ganz allein ver­ant­wort­lich. Natür­lich gehört oft Glück dazu, aber wenn ich eines gelernt habe, dann dass man kei­ne Angst vor dem Leben haben darf. Ich weiß, wie es ist, wenn man gar nichts hat und jedes Mal sehen muss, wie man am Ende des Monats über die Run­den kommt. Das ist kein schö­nes Leben, weil man sich nicht mehr frei fühlt. In die­ser Zeit mei­nes Lebens habe ich gemerkt, dass ich mich mehr trau­en muss. Es ist dein eige­nes Leben und du hast selbst in der Hand, wie weit du kommst. Also mach ein­fach und schau, was dar­aus wird. Genau das ver­ste­he ich unter Leichtigkeit.

MZEE​.com: Ist Geld für dich ein Schlüs­sel zum Glück?

kid kapri: Ohne Geld kannst du nicht frei leben, das ist ein­fach so. Natür­lich gibt es Men­schen, die mit wenig Geld gut klar­kom­men. In mei­ner Fami­lie hat das eben­falls funk­tio­niert. Man lernt dann bei­spiels­wei­se, die klei­nen Din­ge im Leben wert­zu­schät­zen. Aber es belas­tet einen auch. Vor allem in jun­gen Jah­ren ver­gleicht man sich viel mit ande­ren. Ich habe gemerkt, dass es einem eine gewis­se Frei­heit ver­leiht, sich kei­ne Gedan­ken oder Sor­gen über finan­zi­el­le Pro­ble­me machen zu müs­sen. Wenn ich mal eine Fami­lie habe, möch­te ich die­ses Level errei­chen. Als Mul­ti­mil­lio­när wür­de ich wahr­schein­lich am liebs­ten noch für mei­ne Freun­de und mei­ne kom­plet­te Fami­lie sor­gen. Es wäre doch mega­schön, wenn man Leu­te aus einer finan­zi­el­len Abhän­gig­keit her­aus­ho­len kann. Aber es ist nicht mein Ziel, mit einem Pri­vat­jet her­um­zu­flie­gen. Ich fin­de, man darf sich nur wegen Geld nicht über ande­re stel­len und muss immer die Nor­ma­li­tät und vor allem Men­schen, die viel weni­ger haben, im Hin­ter­kopf behal­ten. Aber Din­ge wie eine Woh­nung oder ein Auto, also die­ser "ein­fa­che" Luxus, sind schon wich­tig für mich. Wenn ich eine Fami­lie habe, sol­len mei­ne Kin­der sich über sol­che Sachen kei­ne Sor­gen machen müs­sen und nie das Gefühl haben, etwas nicht machen zu kön­nen, weil wir dafür kein Geld haben. Davon abge­se­hen ist Gesund­heit noch sehr wich­tig. All das bringt dir nur etwas, wenn du und dei­ne Fami­lie gesund sind.

MZEE​.com: Am Anfang unse­res Gesprächs sag­test du, dass das Kapi­tel "Jugend" und die damit ein­her­ge­hen­den Frei­hei­ten irgend­wann vor­bei sind. Ab wann beginnt dei­ner Mei­nung nach der Ernst des Lebens?

kid kapri: Für mich per­sön­lich war das nach mei­nem Abitur. Da hat­te ich zum ers­ten Mal kei­nen gere­gel­ten Tages­ab­lauf mehr. Ich bin jeden Tag um 14 Uhr auf­ge­stan­den, habe gekifft und teil­wei­se gar nichts gemacht. Da habe ich gemerkt, dass ich mir jetzt selbst einen Plan machen muss. Die gesam­te Schul­zeit über ist dein Tages­ab­lauf von ande­ren vor­ge­schrie­ben. Neben der Schu­le ste­cken dich dei­ne Eltern in irgend­ei­nen Sport­ver­ein und du hast wei­te­re gere­gel­te Rou­ti­nen. Nach dem Abi habe ich mich zum ers­ten Mal gefragt: "Was mache ich jetzt eigent­lich?" Du kannst natür­lich ein, zwei Jah­re chil­len oder rei­sen gehen und die Welt ent­de­cken. Es war aber unklar, ob das finan­zi­ell für mich mög­lich ist. Mei­ne Eltern woll­ten, dass ich anfan­ge, Bewer­bun­gen zu schrei­ben. Aber ich wuss­te gar nicht, wofür ich mich bewer­ben soll. Ich habe über­legt, zu stu­die­ren, dann woll­te ich ein Prak­ti­kum machen, dann habe ich im Lager gear­bei­tet. Da habe ich gemerkt, dass es das bes­te Gefühl über­haupt ist, selbst ver­dien­tes Geld aus­zu­ge­ben. Es war aber nicht leicht, gute Jobs zu fin­den, das hat mich depri­miert. Das Ende der Geschich­te war ganz lus­tig und spon­tan. Ich stand in einem Moment in mei­nem Zim­mer und dach­te: "Boah, eigent­lich müss­te man ein­fach Rap­per sein. Könn­te ich das?"

MZEE​.com: Ich woll­te dich sowie­so als Nächs­tes fra­gen, wann die Musik in dein Leben getre­ten ist.

kid kapri: Das war vor ziem­lich genau zwei Jah­ren. Da habe ich zum ers­ten Mal etwas auf­ge­nom­men. Mein Bru­der und Flo­ri­da Jui­cy ken­nen sich seit Ewig­kei­ten und haben schon frü­her zum Spaß Musik auf­ge­nom­men. Ich fand das rich­tig cool und hat­te Musik all­ge­mein immer in mei­nem Her­zen. Es gibt Vide­os aus mei­ner Kind­heit, in denen ich Sido nach­rap­pe oder so tue, als wäre ich ein Kan­di­dat bei DSDS. Aber ich hat­te bis dahin nie dar­an gedacht, selbst Musik zu machen. Dann habe ich mich mit ein paar Homies zusam­men­ge­setzt und ein­fach mal einen Song geschrie­ben. Den habe ich Flo­ri­da Jui­cy gezeigt und er mein­te: "Voll nice, komm mal ins Stu­dio und lass uns das rich­tig machen." Das hat mir zu Beginn sehr gehol­fen. Flo­ri­da Jui­cy macht seit zehn Jah­ren Musik und hat mir bei­gebracht, wie man Tex­te schreibt. Ich muss­te das alles erst ein­mal ler­nen. Wir haben dann drei Songs auf­ge­nom­men. Einen davon, "Cré­mant auf Eis", haben wir raus­ge­bracht. Es lief auf Anhieb gut und der Song ist in der Play­list "Deutschrap Brand­neu" gelan­det, womit ich nie­mals gerech­net hät­te. Auch für mein Umfeld in mei­ner Hei­mat­stadt Bre­men war das sehr über­ra­schend, glau­be ich. Die haben sich gefragt: "Wo kommt das denn auf ein­mal her? Der Typ war doch gera­de noch in der Schu­le und hat irgend­wel­che Sachen auf sei­nen Tisch gekrit­zelt." Aber mei­ne Freun­de fan­den es cool und haben mich dar­in bestärkt, mehr zu machen. Also habe ich mich hin­ge­setzt und das getan. Ins­ge­samt ist es schon eine ver­rück­te Sto­ry, aber ich habe das Gefühl, es soll­te so sein.

MZEE​.com: War das der Punkt, an dem du ent­schie­den hast, dass Musik dein Plan für die Zukunft ist?

kid kapri: Der Punkt, an dem es sich end­gül­tig dahin ent­wi­ckelt hat, war, als ich wirk­lich heart­bro­ken war. Es ging mir eine Zeit lang rela­tiv schei­ße. Um da her­aus­zu­kom­men, habe ich mich mit mei­nem Bru­der hin­ge­setzt und einen Zukunfts­plan gemacht. Das wür­de ich jedem jun­gen Men­schen emp­feh­len. Man muss sich fra­gen: "Wer bin ich? Was habe ich bis jetzt erreicht? Was sind mei­ne Stär­ken und Schwä­chen? Wie kann ich mich noch ent­wi­ckeln?" Wir haben alles auf­ge­schrie­ben, am Ende sind es fünf Sei­ten über mich gewor­den. Da stand bei­spiel­wei­se, dass ich in einem Jahr in einem Café in Ber­lin sein möch­te und am Lap­top etwas für mein Stu­di­um machen will. In zwei Jah­ren woll­te ich in einer Alt­bau­woh­nung am Schreib­tisch sit­zen und 50 Cent hören. Mei­ne Musik hat auch eine Rol­le in die­sem Plan gespielt. Ich habe über­legt: "Was ist, wenn Rap irgend­wann zum Haupt­the­ma wird? Viel­leicht habe ich in einem Jahr sie­ben Songs releast und einen Sony-​Deal." Ich habe mir vor­ge­nom­men, das zu ver­fol­gen und mei­ne Gedan­ken und Gefüh­le zu Musik zu machen. Eine Woche spä­ter habe ich "Mosa­ik" geschrie­ben. Ein Jahr spä­ter hat­te ich sie­ben Songs releast, einen Sony-​Deal und saß in einer Alt­bau­woh­nung. Man muss sei­ne Zukunft mani­fes­tie­ren, dann macht man die Din­ge auto­ma­tisch und sie funk­tio­nie­ren irgend­wie. Dass es so schnell ging, muss ich auch erst noch rea­li­sie­ren. Aber ich hat­te anschei­nend gutes Karma.

MZEE​.com: Du bist Teil der Gen Z. Vie­le aus dei­ner Gene­ra­ti­on sehen sich schon in jun­gen Jah­ren dazu gezwun­gen, auf die Stra­ße zu gehen und bei­spiels­wei­se auf die Gefah­ren des Kli­ma­wan­dels auf­merk­sam zu machen. Kann die Gen Z ihre Jugend noch genau so unbe­schwert genie­ßen wie jun­ge Men­schen vor zehn oder zwan­zig Jahren?

kid kapri: Das ist schwie­rig zu beant­wor­ten. Ich glau­be, ein The­ma, das uns stark beein­flusst, ist das Inter­net. Ich habe eine rich­ti­ge Hass­lie­be dazu. Wir leben in einer Zeit, in der wir alles, was auf der Erde geschieht, sofort erfah­ren. Wenn in der Tür­kei ein schlim­mes Erd­be­ben pas­siert, wis­sen wir das fünf Minu­ten spä­ter. In den 80ern war das anders, da hast du ein­fach weni­ger mit­be­kom­men. Ich glau­be nicht, dass die Welt heu­te beson­ders kaputt ist. Frü­her ist doch auch schon viel Schei­ße pas­siert, nur bekom­men wir heu­te viel mehr davon mit. Wir haben einen rie­si­gen Input an Infor­ma­tio­nen. Vie­le sind mit die­sem Durch­ein­an­der im Kopf über­for­dert, weil sie nicht gegen jedes Pro­blem etwas tun kön­nen. Des­halb machen sich die Men­schen mehr Sor­gen um die Zukunft. Dann kamen sol­che Kri­sen wie die Corona-​Pandemie dazu, in der man mit sei­nen Gedan­ken ein­ge­sperrt war und sich die­se noch mehr in die Köp­fe fra­ßen. Natür­lich ist es wich­tig, als Gesell­schaft so etwas wie das The­ma Kli­ma­wan­del stär­ker zu behan­deln. Bei eini­gen ent­ste­hen dadurch aller­dings Sor­gen, in Zukunft in ihrer Frei­heit beraubt zu sein. Das Inter­net ist dabei ein ver­stär­ken­der Fak­tor und ein wich­ti­ger Grund dafür, war­um jun­ge Men­schen nicht mehr unbe­schwert durchs Leben gehen kön­nen und Zukunfts­ängs­te bekommen.

MZEE​.com: Machst du dir auch manch­mal Sor­gen um die Zukunft?

kid kapri: Ich habe super­viel Angst vor der Zukunft. Ich hät­te selbst nicht gedacht, wie viel auf der Welt pas­siert. Als Kind merkt man das nicht, weil man ande­re Din­ge im Kopf hat. Aber ich bin jetzt 21 und ein erwach­se­ner Mensch, dem bewusst ist, was auf der Erde abgeht. Natür­lich macht das einem Angst. In den Nach­rich­ten heißt es: "Hier war ein Erd­be­ben mit vie­len Toten, dort flie­gen fünf Spionage-​Ballons über Nord­ame­ri­ka, von denen kei­ner weiß, wo sie her­kom­men, und in der Ukrai­ne ist wei­ter­hin Krieg." Die Men­schen che­cken gar nicht mehr, was der Sinn ihres eige­nen Lebens ist. Wie ich immer gut aus so was raus­kom­me, ist, im Hier und Jetzt zu blei­ben. "Die Zukunft" gibt es an sich ja gar nicht, sie ist nur erdacht. Es ist nur eine Vor­stel­lung, denn du kannst sie nicht vor­her­sa­gen. Des­we­gen musst du dich dar­auf fokus­sie­ren, was du in die­ser Sekun­de tun kannst. Es macht kei­nen Sinn, sich in sei­nem Bett zu ver­an­kern und Sor­gen zu machen, dass sowie­so alles den Bach run­ter­geht. Du musst das Bes­te aus dei­ner Situa­ti­on her­aus­ho­len. Das heißt aber nicht, dass man nur nach dem größ­ten Nut­zen für sich selbst sucht.

MZEE​.com: Du meinst, man muss sich auf sich selbst fokus­sie­ren, aber darf gleich­zei­tig nicht ego­is­tisch werden.

kid kapri: Genau. Man muss das Bes­te zum Woh­le aller aus einer Situa­ti­on her­aus­ho­len. Die­ses Gefühl habe ich bei­spiels­wei­se mit Musik. Musik ist für mich wie The­ra­pie, in der ich mei­ne per­sön­li­chen Gedan­ken und Pro­ble­me ver­ar­bei­te. Und plötz­lich schrei­ben mir frem­de Leu­te: "Mir geht es gera­de rich­tig schei­ße, aber mit dei­ner Musik füh­le ich mich etwas bes­ser." Dann den­ke ich mir: "Krass, ich kann nicht nur mir selbst, son­dern auch ande­ren hel­fen." Das ist ein gutes Gefühl.

MZEE​.com: In der Pop­kul­tur ist Retro-​Ästhetik gera­de beliebt. Das reicht vom 80er Jahre-​Charme bei "Stran­ger Things" bis hin zu 2000er-​Samples im deut­schen Rap. Glaubst du, die Jugend roman­ti­siert ver­gan­ge­ne Jahrzehnte?

kid kapri: Ja, das kann man so sagen. Vie­le haben einen bestimm­ten Ein­druck von der Welt frü­her und wün­schen sich das zurück. Wenn ich bei­spiels­wei­se alte Vide­os sehe, in denen Jugend­li­che durch eine ame­ri­ka­ni­sche High­school lau­fen, habe ich auch das Gefühl, dass es damals mehr Mit­ein­an­der gab. Es wirkt so, als wür­de nicht jeder nur an sich den­ken, so als ob alle viel offe­ner und mehr sie selbst wären. Heut­zu­ta­ge wird durch sozia­le Medi­en sehr viel über­ein­an­der geur­teilt und alle haben eine Art per­fek­te Norm im Kopf, wie man zu sein hat. Das war frü­her, glau­be ich, anders. Du hast nicht den gan­zen Tag auf Insta­gram gechillt und geguckt, was ande­re machen, son­dern hast ein­fach dein eige­nes Ding gemacht. Genau danach seh­nen sich vie­le heu­te. Es depri­miert näm­lich, stän­dig nur zu sehen, was man theo­re­tisch sein könn­te und was ande­re haben. Am Ende ver­suchst du, jemand zu sein, der du gar nicht sein kannst, und das zer­stört dich.

MZEE​.com: Dei­ne Songs han­deln zum einen von Unbe­schwert­heit und sor­gen­frei­en Par­ty­näch­ten, gleich­zei­tig schwingt jedoch auch immer eine Melan­cho­lie und Sehn­sucht nach mehr mit. Wür­dest du sagen, die­ser Gegen­satz beschreibt die Gefühls­la­ge dei­ner Generation?

kid kapri: Ja. Die meis­ten ver­su­chen, das Bes­te aus ihrem Leben zu machen und es zu genie­ßen. Gleich­zei­tig fra­gen sie sich andau­ernd, ob sie gera­de das Rich­ti­ge tun oder ob sie über­haupt so unbe­schwert durchs Leben gehen dür­fen. Man macht sich bei­spiels­wei­se vie­le Gedan­ken um Bezie­hun­gen aller Art, sei es beim The­ma Lie­be oder Freund­schaft. Die Melan­cho­lie kommt immer wie­der, weil jun­ge Men­schen stän­dig hin­ter­fra­gen und ihre Situa­ti­on mit ande­ren ver­glei­chen. Dar­aus muss man einen Aus­weg fin­den, denn am glück­lichs­ten bist du, wenn du dich selbst akzep­tierst und auf­hörst, dich zu vergleichen.

MZEE​.com: Du bist mitt­ler­wei­le von dei­ner Hei­mat­stadt Bre­men nach Ber­lin gezo­gen. Dort trifft man auf eine gan­ze Rei­he jun­ger Rapper:innen, die zwar teils sehr unter­schied­li­che Musik machen, von außen betrach­tet jedoch gut ver­netzt zu sein schei­nen. Was bringt es dir per­sön­lich, ein Teil die­ser "Ber­lin New Wave" zu sein?

kid kapri: Ich bin hier auch schon ein biss­chen ver­netzt und habe eini­ge kras­se Leu­te ken­nen­ge­lernt. Mit XAVER habe ich bei­spiels­wei­se neu­lich zwei Songs gemacht, wovon einer bestimmt bald raus­kommt. Apsi­lon ist auch super­cool. Ich mag, dass die Leu­te hier sehr sie selbst sind und ihren Cha­rak­ter selbst­be­wusst nach außen tra­gen. Die wis­sen ein­fach genau, was sie wol­len. Ich glau­be, das hat viel mit der Stadt zu tun. Mei­ne Freun­din kommt aus Ber­lin und bei ihr mer­ke ich das auch immer wie­der. Wer hier auf­wächst, sieht viel mehr als anders­wo, weil es hier so eine gro­ße Men­ge ver­schie­de­ner Men­schen gibt. Du wirst in Ber­lin selbst­be­wuss­ter, weil du lernst, dass es kein Schwein juckt, wer du bist oder wie du aus­siehst, wenn du durch die Stra­ßen läufst. Das gewöhnst du dir mit der Zeit an und hörst selbst auf, dich zu sehr auf ande­re Men­schen zu fokus­sie­ren. Ber­li­ner sind außer­dem ziem­lich abge­här­tet, das mer­ke ich auch bei mei­ner Freun­din. Ich den­ke mir teil­wei­se: "Du kannst doch jetzt nicht nachts um drei Uhr mit der U-​Bahn fah­ren." Aber für sie ist das nor­mal. Das ist für mich der Vibe die­ser Stadt. Vie­le sind davon am Anfang ein­ge­schüch­tert und ver­su­chen, sich irgend­wo dran­zu­hän­gen und vie­les aus­zu­pro­bie­ren, bevor sie ihre eige­ne Per­sön­lich­keit fin­den. Des­halb kann es sich hier auch sehr ober­fläch­lich anfüh­len. Für mich war Ber­lin zu Beginn sehr unge­wohnt. Wenn du in Bre­men das Haus ver­lässt, triffst du stän­dig Men­schen, die du kennst. Du machst dir die gan­ze Zeit Gedan­ken dar­über, wie du aus­siehst und wie ande­re dich sehen. In Ber­lin bin ich anfangs durch die Stra­ßen gelau­fen und habe jeden Men­schen ange­guckt. Aber irgend­wann habe ich gemerkt, dass gar kei­ner zurück­guckt. Wenn da ein Typ auf Stel­zen rum­läuft, macht der auch nur sein Ding. Leben und leben las­sen. Was die­se The­men angeht, ist es ein unbe­schwer­tes Leben in Ber­lin. Das mag ich.

MZEE​.com: Auf dem Song "357" rappst du: "Hab' auch vie­les ver­bockt, glaub mir, jeder macht mal Feh­ler." – Was war das Dümms­te, das du je aus jugend­li­chem Leicht­sinn her­aus ange­stellt hast?

kid kapri: Das war all­ge­mein, viel für ande­re zu machen und dabei nicht auf mich selbst zu ach­ten. Das hat teil­wei­se schwie­rig geen­det für mich. Ich habe gemerkt, dass ich erst mal mit mir selbst im Rei­nen sein muss. Erst dann kann ich bei­spiels­wei­se ande­ren Leu­ten mei­ne Lie­be schen­ken. Das hät­te ich in der Ver­gan­gen­heit bes­ser machen kön­nen, aber damit wären wir wie­der bei unse­rem Anfangs­the­ma. Das sind Feh­ler, die man machen muss, um dar­aus zu ler­nen. Wich­tig ist nur, dass man auch ein­sieht, was man falsch gemacht hat. Man­che wol­len das nicht und machen die glei­chen Feh­ler immer wie­der. Ich bin auch kein per­fek­ter Mensch und wer­de ver­mut­lich wei­ter­hin man­che Sachen falsch machen oder mit Leu­ten anders umge­hen, als ich eigent­lich will. Man lernt sein gan­zes Leben lang dazu. Aber man soll­te die Chan­ce nutz­ten, sich schon in jun­gen Jah­ren damit aus­ein­an­der­zu­set­zen und an sich zu arbei­ten. Dann ist das Leben unbe­schwer­ter, als wenn man einen Sta­pel Pro­ble­me vor sich her­schiebt, der einen irgend­wann einholt.

(Enri­co Gerharth)
(Fotos von Chris­ti­an Wasen­mül­ler und Jonas Scharf)