DAS NEU – ein Gespräch über die Zukunft

Auf mei­nem Laptop-​Bildschirm sehe ich yan0sh und ven­quist. Sie sit­zen gemein­sam in einem Raum, der sehr gemüt­lich scheint. Ver­traut und herz­lich mit­ein­an­der, denn sie sind Freun­de und Mit­be­woh­ner. Abseits davon sind sie auch zwei der vie­len Mit­glie­der von DAS NEU – einer Com­mu­ni­ty, die gemein­sam Songs releast, bei denen zwi­schen Lie­be und Digi­ta­li­sie­rung oft ein Hauch Dys­to­pie mit­schwingt. Doch das soll erst der Anfang sein. Im Ver­lauf unse­rer Unter­hal­tung haben sie mich ver­ste­hen las­sen, dass es bei DAS NEU nicht nur um Zukunfts­vi­sio­nen, son­dern auch um Offen­heit geht. Dar­um, dass Men­schen einen inspi­rie­ren kön­nen. Und dar­um, dass man neue Mög­lich­kei­ten schafft und bis an die Gren­zen des bereits Mög­li­chen geht. Aber kann man das Musik­ge­schäft noch groß revo­lu­tio­nie­ren? Geht das mit Musik, die für sich allei­ne steht, womög­lich gar nicht mehr? Nicht nur dar­über haben sie mit mir phi­lo­so­phiert: Wir haben zudem den Ver­such gewagt, die Gegen­wart zu skiz­zie­ren, um von dort aus einen Blick in die Zukunft zu werfen.

MZEE​.com: DAS NEU besteht aus vie­len Men­schen, deren Kon­stel­la­ti­on vari­iert. Außer­dem ver­steht ihr euch als Com­mu­ni­ty, in die über kurz oder lang Per­so­nen von außen und Fans in den musi­ka­li­schen Pro­zess inte­griert wer­den sol­len. Wie kann man sich das vorstellen? 

yan0sh: Da gibt es meh­re­re Mög­lich­kei­ten. Wir haben das Glück und Pech zugleich, dass das Kern­team in unter­schied­li­chen Städ­ten in Nordrhein-​Westfalen wohnt und dem­entspre­chend sowie­so viel übers Inter­net arbei­tet. Des­we­gen bie­tet es sich an, dass man Leu­te dazu holt und einen krea­ti­ven Aus­tausch mög­lich macht.

ven­quist: Wir haben DAS NEU zu viert gegrün­det, aber es hat sich rela­tiv zügig so ent­wi­ckelt, dass Freund:innen Bock hat­ten, dar­an mit­zu­ar­bei­ten. Des­halb haben wir uns von vorn­her­ein nicht limi­tiert. Mitt­ler­wei­le wol­len wir es auf die Spit­ze trei­ben und pro­gres­siv den­ken. So ein Discord-​Kanal – wie wir ihn betrei­ben – kann sich ja mit der Zeit immer wei­ter fül­len. Wenn genü­gend Leu­te dabei sind, könn­te man zum Bei­spiel Songwriting-​Prozesse trans­pa­rent gestal­ten, sodass man von einer Open-​Source-​Sache spre­chen kann.

yan0sh: Ich habe ein biss­chen den Traum, dass sich dar­über Leu­te ken­nen­ler­nen und con­nec­ten und etwas ganz unab­hän­gig von uns ent­steht. Aber das ist wirk­lich Zukunfts­mu­sik. Das ist der roman­ti­sche Gedan­ke, den man mit so einem Pro­jekt vor sich her­trägt. Grund­sätz­lich geht es aber erst mal dar­um, wel­che Mög­lich­kei­ten einem die Tech­nik und die sozia­len Tools gera­de bie­ten, das Gan­ze ein biss­chen aus­zu­rei­zen und zu schau­en, wohin uns das führt.

MZEE​.com: Habt ihr das Gefühl, dass eine sol­che Her­an­ge­hens­wei­se in Zukunft unser Ver­ständ­nis für Musik prä­gen könn­te und häu­fi­ger wird? 

yan0sh: Es ist ja nicht so, dass wir das Rad neu erfin­den oder Vorreiter:innen für irgend­et­was sind. Das exis­tiert bereits und ist auch kei­ne klei­ne Bub­ble, wenn man sich zum Bei­spiel ansieht, wie Twitch und auch Musik und Twitch zusam­men funk­tio­nie­ren. Des­halb kann ich mir schon vor­stel­len, dass das in Zukunft ein wich­ti­ges Tool für Künstler:innen wird. Das Peak-​Beispiel dafür ist das Album "How I'm Fee­ling Now" von Char­li XCX aus dem letz­ten Jahr. Ihre Fans konn­ten sechs Wochen Input über alle mög­li­chen Kanä­le schi­cken und ihr dann beim Schaf­fens­pro­zess zugu­cken. Dar­an kann man sehr gut erken­nen, wie krea­ti­ve Pro­zes­se durch Inspi­ra­tio­nen von außen durch eine Grup­pe pas­sie­ren kön­nen. Grund­sätz­lich fängt man Inspi­ra­tio­nen immer durch sei­ne Umwelt ein. Also war­um nicht die Leu­te mit­ein­be­zie­hen, die die eige­ne Umwelt bilden?

ven­quist: Es gibt die­se Netflix-​Serie: "Song Explo­der". An sich fin­de ich es super span­nend, einen Ein­blick in Schaf­fens­pro­zes­se von Künstler:innen zu krie­gen. Aber ich habe immer das Gefühl, dass so getan wird, als wären das alles Genies, die von der Muse geküsst wur­den. Man sitzt zusam­men in die­sem Raum, dann packt einen der spi­ri­tu­el­le Geist und nur so kann man Musik schrei­ben. Ich fän­de es schö­ner, wenn man allen Leu­ten ein biss­chen an die Hand geben könn­te, selbst krea­tiv zu wer­den. Wenn man so einen Aus­tausch auf einer Platt­form wie Dis­cord schafft, wür­de ich das schon als zukunfts­träch­tig anse­hen. Man muss nur gucken, wie die Musik dann letzt­end­lich ver­öf­fent­licht wird.

MZEE​.com: Da stellt sich natür­lich die Fra­ge, ab wel­chem Punkt Credits ein The­ma wer­den: Wem gibt man wel­che und wem nicht? Ab wie viel Input ist es gerecht­fer­tigt, dass ein Fan, der an einem Pro­jekt betei­ligt war, Credits bekommt? 

yan0sh: Man möch­te natür­lich nie an einen Punkt gera­ten, an dem man die krea­ti­ve Ener­gie sei­ner Fans aus­saugt und das für sich ver­ein­nahmt. Das wäre das Schlimms­te, das pas­sie­ren könn­te. Man soll­te auf Augen­hö­he agie­ren und den Leu­ten, die sich dar­an betei­li­gen, auch die Mög­lich­keit geben, Teil der Ver­öf­fent­li­chung zu sein. Alle reden immer von Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zes­sen: "Man muss sich ja nur bei einem Ver­trieb anmel­den und dann kann man sei­ne Musik bei Spo­ti­fy hoch­la­den." Das hört sich so schön ein­fach an. Du brauchst aber schon eine gewis­se Lob­by. Und wenn man das gemein­sam für mehr Leu­te rea­li­sie­ren kann, wäre das eine ganz tol­le Sache.

MZEE​.com: Fin­det ihr, dass in der deut­schen Rap­sze­ne die Mög­lich­kei­ten der Digi­ta­li­sie­rung inno­va­tiv aus­ge­schöpft werden? 

yan0sh: Das ist schwer zu beant­wor­ten, weil die deut­sche Rap­sze­ne so klein­tei­lig ist und in vie­len ver­schie­de­nen Bub­bles statt­fin­det. Ich glau­be, es gibt eini­ge, die das wirk­lich gut machen. Das Mus­ter­bei­spiel dafür ist Ahzum­jot, der unter ande­rem vie­le Twitch-​Livestreams macht, bei denen er zusam­men mit jun­gen Produzent:innen Beats baut. Er nutzt das schon wahn­sin­nig am Zahn der Zeit. Grund­sätz­lich kann das aber auf jeden Fall noch mehr wer­den in der Sze­ne. Mir kommt häu­fig die Par­ti­zi­pa­ti­on zu kurz. Man hat das Gefühl, dass man alles von allen sieht, aber die Leu­te sich kaum betei­li­gen kön­nen. Das könn­te man viel­leicht in die ande­re Rich­tung brin­gen, um einen Pool von Ein­flüs­sen zu kreieren.

MZEE​.com: Wenn man das mal auf die Musik an sich bezieht: Wer macht gera­de inno­va­ti­ven Sound?

yan0sh: Ich per­sön­lich fin­de es schwie­rig, von "inno­va­ti­ver Musik" zu spre­chen, weil ich glau­be, dass es die Para­me­ter schon fast nicht mehr her­ge­ben, wirk­lich inno­va­ti­ve Musik zu machen. Ein guter Song muss für mich auch nicht inno­va­tiv sein. Aber wenn man mich fragt, was ich zur­zeit auf­re­gend und span­nend fin­de: Das The Armed-​Album war krass. Das ist auf das Gen­re bezo­gen sogar inno­va­tiv, weil da Fusi­ons­ar­beit betrie­ben wird. The Armed ist ein Hard­core Punk-​Kollektiv aus Kali­for­ni­en, das um einen Pro­du­zen­ten her­um geschart ist. Es ist nicht ganz klar, wer dazu­ge­hört und wer nicht. Für ihr aktu­el­les Album haben sie Hard­core Punk und sehr viel Hyper­pop mit digi­ta­lem Cha­os ver­mengt. Die­se gan­ze Hyperpop-​Bubble ist viel­leicht ein Stück Musik­kul­tur, das im Moment schon neue Strän­ge auf­macht. Nicht mal zwangs­läu­fig dadurch, dass die Musik ori­gi­nell ist, son­dern dadurch, dass sie so viel zusam­men­fügt, das ursprüng­lich nicht zusam­men­ge­hört hat. Das ist die maxi­ma­le Col­la­ge, wenn man so will.

ven­quist: Mir fällt noch das Play­boi Carti-​Album ein … Das fand ich auf­re­gend und span­nend. Allein, wie er bei sei­ner Live­show eine Cyberspace-​Welt kre­iert hat. Er selbst war mit Leu­ten da, die alle Goth-​Industrial-​mäßig aus­sa­hen und ihn in Blö­cken beglei­tet haben. Und dann kommt sei­ne Trap-​Musik dazu. Die Musik ist nicht neu und inno­va­tiv, aber der Kos­mos, in dem sie statt­fin­det, ist span­nend zu beob­ach­ten. Ich glau­be, that's the way to go.

yan0sh: Ästhe­tik ist ein wich­ti­ges Sprach­rohr gewor­den. Es wird immer wich­ti­ger, dadurch eine Ver­or­tung zu schaf­fen und Musik mul­ti­me­dia­ler zu den­ken anstatt nur in Songs.

MZEE​.com: Es erge­ben sich auch immer wie­der neue Ver­mark­tungs­mög­lich­kei­ten für Musik. Fynn Klie­mann hat vor ein paar Wochen 100 Jin­gles als ein­zel­ne Kunst­wer­ke in Form von NFTs ver­stei­gert. Könn­te so etwas stel­len­wei­se Strea­ming ablö­sen und was wür­de das für die Kunst bedeuten? 

ven­quist: Das könn­te sicher­lich eine Mög­lich­keit sein. Das ist eine rie­si­ge Chan­ce, man muss es nur umwelt­be­wusst gestal­ten. NFTs sind unfass­bar res­sour­cen­ver­brau­chend. Des­we­gen fand ich es ein biss­chen wider­sprüch­lich, dass Fynn Klie­mann der Ers­te war, der die­sen Hype mit­ge­gan­gen ist. Sonst pro­du­ziert er ja immer nur das, was auch ver­braucht wird, wie mit sei­nen Alben zum Bei­spiel. Aber an sich könn­te das eine Opti­on sein.

yan0sh: Es stellt sich aber auch da die Fra­ge, wie man Men­schen dazu bewegt, für ein­zel­ne Ton­trä­ger Geld aus­zu­ge­ben. Ich weiß nicht, ob das Spo­ti­fy ver­drängt, nur weil es eine fai­re­re Metho­de ist, Leu­te zu bezah­len. Es könn­te nur funk­tio­nie­ren, wenn sich ganz vie­le Labels und Künstler:innen dar­auf eini­gen, nicht mehr im Strea­ming statt­zu­fin­den und die­sen Rück­schritt der Ver­füg­bar­keit zu gehen. Dadurch fän­de eine arge Ein­schrän­kung im Ver­hal­ten der Konsument:innen statt. Daher weiß ich nicht, ob sich das durch­set­zen wür­de, selbst wenn es markt­taug­lich umge­setzt wird. Aber es kann immer smar­te Leu­te geben, die die Mög­lich­kei­ten, die hin­ter die­ser Tech­no­lo­gie ste­cken, so gut ver­markt­bar machen, dass es sowohl auf Sei­te der Produzent:innen als auch auf der der Nutzer:innen einen Annä­he­rungs­ver­such gibt.

MZEE​.com: Die Fra­ge ist auch, wie limi­tiert Musik sein soll­te. Eigent­lich fin­de ich es eine schö­ne Errun­gen­schaft unse­rer Zeit, dass Musik für den Groß­teil der Men­schen zugäng­lich ist. Man kann sich ver­schie­dens­te Songs anhö­ren und krea­ti­ven Input holen, selbst wenn man nicht so viel Geld hat. Es soll­te aber selbst­ver­ständ­lich auch für Kunst­schaf­fen­de ren­ta­bel sein.

ven­quist: Die indi­vi­du­el­le Krea­ti­vi­tät för­dert das auf jeden Fall. Es müss­te eine Lösung geben, mit der Musik für alle ver­füg­bar bleibt, aber die Leu­te, die sie ver­öf­fent­li­chen, pas­send bezahlt wer­den. Und das kann eigent­lich nur funk­tio­nie­ren, wenn Label und Medi­um – in dem Fall Spo­ti­fy – eine ver­nünf­ti­ge Lösung fin­den. Aber danach sieht es aktu­ell nicht aus, denn Spo­ti­fy macht wei­ter­hin Minus und die Labels sind wahr­schein­lich nicht bereit, ihre Vor­rei­ter­rol­le so schnell abzu­ge­ben. Die wol­len schließ­lich Gewinn machen.

MZEE​.com: Ich möch­te ger­ne noch über euer Logo spre­chen. Das ist ein Auge – ange­lehnt an Geor­ge Orwells "1984", in dem es um eine Dys­to­pie der völ­li­gen Über­wa­chung der Men­schen durch den Staat geht. Das Auge steht für den "Big Bro­ther", der alles sehen kann. Wenn man das auf die Rea­li­tät und auch eure Musik über­trägt, ist dann nicht viel­mehr die digi­ta­le Gesell­schaft der poten­zi­el­le "Big Brother"? 

yan0sh: In einem unse­rer Tex­te haben wir das Pan­op­ti­kum – die­ses run­de Gefäng­nis, bei dem einer alles über­wa­chen kann – ganz bewusst zum Ver­gleich ver­wen­det. Das Inter­es­san­te dar­an ist, dass mitt­ler­wei­le jede:r gleich­zei­tig eine:r der Wärter:innen und eine:r der Insass:innen ist. Dadurch ent­steht eine ganz selt­sa­me Dyna­mik. Das führt, glau­be ich, dazu, dass sich die Art von Pose, wie man sie aus Pop kennt, und Auf­rich­tig­keit, wie man sie viel­leicht aus Nicht-​Pop kennt, zu einem Kon­strukt ver­mengt haben. Das, was man von sich selbst im Inter­net dar­stellt, wird dadurch Teil der Per­sön­lich­keit. Je nach Per­son ent­ste­hen aus Per­so­nen Kunst­fi­gu­ren und aus den Kunst­fi­gu­ren wie­der Rück­be­zü­ge auf die Per­so­nen. Das formt Gesell­schaft auf eine sehr inter­es­san­te Art und Wei­se, von der ich noch nicht weiß, wie ich das lang­fris­tig fin­den soll.

ven­quist: Ich habe letz­tens das Buch "Digi­ta­ler Kapi­ta­lis­mus" von Phil­ipp Stab gele­sen, in dem genau das ange­spro­chen wird. Es gibt vie­le Men­schen, die in den sozia­len Medi­en Geor­ge Orwell zitie­ren … Lei­der meis­tens kom­plett falsch. "Man darf nichts mehr sagen", "Die Mei­nungs­frei­heit wird ein­ge­schränkt", "Wir sind bald bei 1984", "Ihr habt doch alle Geor­ge Orwell gele­sen" – die haben aber alle Infos und Daten frei zugäng­lich in ihren Pro­fi­len. Ich habe nicht das Gefühl, dass viel Bewusst­sein dafür da ist, wie mäch­tig die Kon­zer­ne sind, die unse­re Daten sam­meln und wie sehr man sich selbst ausliefert.

yan0sh: Wir spie­len das Spiel ja auch mit. Wir sind alle sehr begeis­tert von Pop als sub­ver­si­ves Mit­tel, aber das ist in der Art und Wei­se eigent­lich nicht mehr mög­lich – vor allem inner­halb der Pop­kul­tur. Natür­lich ste­hen wir erst am Anfang und krat­zen häu­fig sehr pla­ka­tiv an der Ober­flä­che. Da muss man über­le­gen, wie man die­sen Geist, durch den wir die in unse­rer Grup­pe geteil­te Lie­be für Pop­kul­tur gefun­den haben, noch ins Jetzt über­set­zen und aktu­el­le Ereig­nis­se künst­le­risch und trotz­dem pop­kom­pa­ti­bel umset­zen kann.

MZEE​.com: Wie wich­tig ist es euch denn, eine poli­ti­sche Mes­sa­ge mit euren Hörer:innen zu teilen? 

ven­quist: Also, wir sind schon alle sehr poli­tisch … Da gibt es immer die Dis­kus­si­on, ob man das in die Musik mit­nimmt. Unse­re Songs sol­len nicht dezi­diert poli­tisch sein, wir als Per­so­nen aber umso mehr. Das muss für uns nicht in ers­ter Linie in den Songs statt­fin­den, weil wir auch Sor­ge haben, dass Leu­te dadurch abge­schreckt oder gelang­weilt sind. Das kann man doof fin­den, aber so funk­tio­niert es viel­leicht in der Unter­hal­tungs­in­dus­trie. Wir wol­len mit dem DAS NEU-​Account auf Din­ge auf­merk­sam machen, weil uns das schon ein sehr gro­ßes Anlie­gen ist. Man kann von Pop hal­ten, was man will. Letzt­end­lich ist es aber immer noch ein sehr mas­sen­taug­li­ches Phä­no­men. Die Unter­hal­tungs­in­dus­trie ist ein rie­si­ges Ven­til, um Men­schen zu errei­chen. Das darf man nicht außer Acht las­sen und birgt natür­lich auch Ver­ant­wor­tung. Wich­tig ist, dass man als Per­son benen­nen kann, was einen stört. Um ein Bei­spiel zu nen­nen: Die Grup­pe Pro­vinz hat kürz­lich den Song "Hym­ne gegen euch" raus­ge­bracht. Ich fand das so scha­de, denn es wur­de groß auf­ge­zo­gen: "Pro­vinz wird jetzt poli­tisch." Und dann ist das ein nichts­sa­gen­der Track. Gegen wen rich­tet sich der denn? Dar­auf erwar­te ich eine Ant­wort. Wenn die Song­zei­len das nicht her­ge­ben, hof­fe ich, dass er es wenigs­tens im Inter­view schafft, zu sagen, was ihn stört. Und dann kommt nur so eine Wischiwaschi-​Antwort: "Das sind all die, die auf uns rum­tre­ten." Das könn­te ein:e AfD-Politiker:in genau­so sagen. (lachen) Ich lie­be zum Bei­spiel, wie Disar­star das macht. Dafür musst du aber, glau­be ich, auch die Per­son als Rapper:in sein und das könn­ten wir als Grup­pe gar nicht verwirklichen.

yan0sh: Das schei­tert schon dar­an, dass unser Sän­ger und Tex­ter noch in kei­nem Inter­view oder vor der Kame­ra auf­ge­tre­ten ist. Allei­ne dadurch fehlt viel­leicht die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­per­son, das Sprach­rohr. Aber es ist ja auch eine sehr bewuss­te Ent­schei­dung, das immer wie­der zu zerstreuen.

ven­quist: Grund­sätz­lich kann man sagen: Es ist unfass­bar wich­tig, poli­tisch zu sein. Wahr­schein­lich wich­ti­ger denn je, zumin­dest zu mei­ner Leb­zeit. Ob das wirk­lich in der Musik statt­fin­den soll …

yan0sh: … ist eine indi­vi­du­el­le Ent­schei­dung. Nura zum Bei­spiel schafft es gut, sehr unmit­tel­bar wie­der­zu­ge­ben, wo die Pro­ble­me sit­zen. Genau, wie es Disar­star macht. Zusätz­lich haben sie eine wahn­sin­ni­ge Reich­wei­te. Sol­che Songs tra­gen zur Poli­ti­sie­rung von jun­gen Leu­ten bei. Selbst, wenn sie nicht mit dem über­ein­stim­men, was da gesun­gen oder gerappt wird, kann das trotz­dem ein Ein­stieg in ein The­ma sein.

MZEE​.com: Kol­lek­ti­ve Gedan­ken­gän­ge und Iden­ti­tä­ten gan­zer Grup­pen sind gera­de gro­ßer Bestand­teil des öffent­li­chen Dis­kur­ses. Das Indi­vi­du­um spielt dabei eine klei­ne­re Rol­le. Wo könn­ten dabei die Schwä­chen lie­gen und was könn­te sich dar­aus – posi­tiv wie nega­tiv – entwickeln?

ven­quist: Bei Kol­lek­tiv­be­we­gun­gen wird ger­ne als nega­ti­ver Aspekt genannt, dass das Indi­vi­du­um weg­fällt. Aber man sieht in der His­to­rie, dass nur Mas­sen­be­we­gun­gen es geschafft haben, wirk­lich etwas zu errei­chen. Zum Bei­spiel, wenn es um das Frau­en­wahl­recht oder die Rech­te von Arbeiter:innen ging. Ich bin der Auf­fas­sung, dass das indi­vi­du­el­le Bestre­ben hin zu einem bes­se­ren Leben nur im Kol­lek­tiv ver­wirk­licht wer­den kann. So etwas wie Iden­ti­täts­po­li­tik sehe ich zum Bei­spiel nicht als schäd­lich an, auch wenn immer so getan wird, als wäre das ein Teil der Can­cel Cul­tu­re. Wenn man auf indi­vi­du­el­le Schick­sa­le und geschicht­li­che indi­vi­du­el­le Iden­ti­tä­ten schaut, lässt sich das sehr gut mit einem eman­zi­pa­to­ri­schen Gedan­ken zusam­men­brin­gen. Aber ich kann mir gut vor­stel­len, dass es schwie­rig ist, so etwas zu ver­mit­teln, gera­de wenn es um digi­ta­le Pro­zes­se geht.

MZEE​.com: Auf der ande­ren Sei­te gibt es die gro­ße unde­fi­nier­ba­re Mas­se der Querdenker:innen. Auch da geht es nicht mehr wirk­lich um Indi­vi­du­en, son­dern eine Grup­pe von Men­schen, die als rechts wahr­ge­nom­men wird. 

ven­quist: Ich habe mir letz­tens eine SPIEGEL TV-​Reportage zu der Demo in Kas­sel ange­schaut und war wirk­lich baff, was sich da für Alli­an­zen bil­den. Da waren die Rechts­ex­tre­men und plötz­lich war da die Grup­pe "Trans­gen­der for Free­dom" – und die lau­fen wirk­lich Sei­te an Sei­te. Es ist für mich unvor­stell­bar, dass das geht. Durch die pan­de­mi­sche Lage und die­ses Querdenker:innentum kom­men die auf ein­mal zusam­men. Viel­leicht muss man dann erst recht schau­en, wie die iden­ti­täts­po­li­ti­sche Her­kunft ist, um deut­lich zu machen, dass es Unsinn ist, dass die zusam­men rumlaufen.

yan0sh: Fir­men wie Deme­ter zum Bei­spiel haben auch irgend­was von Bhak­di und die­sen gan­zen Schwurbler:innen auf ihrer Home­page publi­ziert – das ist so krass. Eini­gen Men­schen, die eigent­lich das Rich­ti­ge den­ken wol­len, wird es auch schwer gemacht, das alles aus­ein­an­der­zu­drö­seln. Ich kann ver­ste­hen, dass die dann viel­leicht irgend­wann anfan­gen, mit­ge­ris­sen zu wer­den und Blöd­sinn zu glau­ben. Das ist brand­ge­fähr­lich. Auch die Geschich­te mit dem Docks und Gro­ße Frei­heit 36 sind für mich nur ein wei­te­res Bei­spiel dafür, dass sich durch die­se Son­der­la­ge, in der wir uns befin­den, unfass­bar kras­se Kon­fron­ta­tio­nen auf­tun, mit denen man sonst nie gerech­net hätte.

MZEE​.com: Um einen Satz aus "1984" zu zitie­ren: "Kein Gefühl war mehr rein, denn alles war mit Angst und Hass ver­mischt." – Ist das etwas, auf das wir zusteuern? 

yan0sh: Angst kann man als Begriff sehr weit grei­fen. Das, was über Jahr­zehn­te im letz­ten Jahr­hun­dert als Dys­to­pie sti­li­siert wur­de, hat sich in ver­än­der­ter Form nach und nach ver­wirk­licht. Es hat sich her­aus­ge­stellt, dass Sys­te­me kor­rum­piert wer­den kön­nen. Des­we­gen kann ich mir schon vor­stel­len, dass ein gewis­ses Angst­ge­fühl oder ein Gefühl der Macht­lo­sig­keit gegen­über einer nicht greif­ba­ren Zukunft bei vie­len Men­schen vor­han­den ist. Auch dadurch, dass wir mitt­ler­wei­le an einem Punkt sind, an dem ein gro­ßer Teil unse­res sozia­len Lebens – gera­de im ver­gan­ge­nen Jahr – digi­tal abläuft. Das ist am Ende eine neue Form von Rea­li­tät. Dem­entspre­chend sehe ich da schon Angst. Hass ist aber ein Begriff, der, glau­be ich, nur punk­tu­ell passt. Die bei­den funk­tio­nie­ren für mich nicht neben­ein­an­der, weil das eine das ande­re viel­leicht auch bedingt.

ven­quist: Bei Hass wäre ich auch ein biss­chen vor­sich­tig. Unsi­cher­hei­ten und Unge­wiss­hei­ten sind schon vor Coro­na immer grö­ßer gewor­den, was auch viel mit der immer grö­ßer wer­den­den Sche­re zwi­schen Arm und Reich zu tun hat. Und dann kommt halt eine Pan­de­mie, die die­se Pro­zes­se noch poten­ziert. Da kann ich es auf eine gewis­se Art und Wei­se nach­voll­zie­hen, wenn den Men­schen die Ver­nunft abhan­den­kommt, man sich allei­ne gelas­sen fühlt und durch­dreht. Trotz­dem darf das nie ein Grund dafür sein, mit Men­schen auf die Stra­ße zu gehen, die rechts­ex­trem sind und wirk­lich wol­len, dass hier die Demo­kra­tie abge­schafft wird – und dabei irgend­et­was von einer der­zei­ti­gen Dik­ta­tur schwafeln.

MZEE​.com: Lasst uns zu guter Letzt noch ein biss­chen posi­ti­ver wer­den: In Orwells Roman ist Lie­be die trei­ben­de Kraft des Wider­stands. Auch in eurer Musik spielt sie eine zen­tra­le Rol­le. Ist so rich­tig zu lie­ben in der heu­ti­gen Gesell­schaft ein Akt der Ableh­nung eines bestehen­den Zustands? 

yan0sh: Wir hat­ten in den letz­ten Wochen inten­si­ve Gesprä­che über Erich Fromms "Die Kunst des Lie­bens". Er hat ver­sucht, zu ergrün­den, wie Zwi­schen­mensch­lich­keit authen­tisch mög­lich ist. Auch, wie man sich selbst auf eine authen­ti­sche und mög­lichst unge­fil­ter­te Art und Wei­se lie­ben kann.

ven­quist: Der Grund­ge­dan­ke ist, dass der Mensch gene­rell abge­trennt ist, weil die Gesell­schaft das her­gibt. Des­we­gen will man dazu­ge­hö­ren, gese­hen wer­den und sich ver­voll­stän­di­gen. Und Lie­be ist ein Akt, der dazu führt, dass man nicht mehr abge­trennt ist. Je weni­ger Lie­be statt­fin­det und je käl­ter die Gesell­schaft wird, des­to mehr sind die Men­schen von­ein­an­der abge­trennt und des­to weni­ger besteht die Chan­ce, dass sie soli­da­risch han­deln. Das lässt sich aktu­ell sehr gut beob­ach­ten. Wäh­rend am Anfang der Pan­de­mie alle bereit waren, Hil­fe zu leis­ten, Abstand zu hal­ten und Mund­schutz zu tra­gen, habe ich jetzt das Gefühl, dass wir ein biss­chen ver­kom­men sind. Da ste­hen die Leu­te im Super­markt plötz­lich wie­der eng hin­ter mir und schnau­fen mir in den Nacken.

yan0sh: Mein Gedan­ke dazu ist, dass wir unter­ein­an­der immer mehr eine gewis­se Distanz auf­bau­en. Es kann sein, dass ich ein­fach an die fal­schen Leu­te gera­te, aber so rich­tig auf­rich­ti­ge Zwi­schen­mensch­lich­keit kann sehr anstren­gend und for­dernd sein. Lie­be ist immer for­dernd, auf allen Ebe­nen und in alle Richtungen.

ven­quist: Wir sind auf allen Ebe­nen im Leben mitt­ler­wei­le so ratio­nal gewor­den … Die­ser Opti­mie­rungs­wahn, der den Men­schen umtreibt. Man neigt nicht mehr dazu, Sachen just for fun zu machen. Alles will per­fekt abge­wo­gen sein. Und das haben wir mit der Lie­be auch gemacht. Spä­tes­tens ab dem Moment, an dem man Men­schen wie eine Ware durch Dating-​Apps kon­su­miert hat. Damit möch­te ich Dating-​Apps nicht per se schlecht­re­den. Bei vie­len mei­ner Freund:innen hat es zu unfass­ba­rem Glück geführt. Aber die Tat­sa­che, dass da Lie­be wie eine Ware gehand­habt wird, zeigt ja nur, dass wir uns eigent­lich von dem Gefühl des auf­rich­ti­gen Füreinander-​da-​Seins ent­fernt haben, statt uns unse­ren ehr­li­chen Gefüh­len hinzugeben.

yan0sh: Gleich­zei­tig fin­de ich digi­ta­le Lie­be aber auch wahn­sin­nig toll, weil man nicht lokal limi­tiert auf die Leu­te ist, die man bei sich in der Stadt trifft.

ven­quist: Das stimmt. Als ich mich damals in dem Dörf­chen, in dem ich groß gewor­den bin, ein­sam gefühlt habe, habe ich mich auch durch Foren geklickt. Es muss ja noch nicht mal die eine Per­son sein, die man liebt, son­dern ein­fach Gleich­ge­sinn­te. Obwohl man dach­te, man ist in sei­nem Mikro­kos­mos der:die Ein­zi­ge, der:die Bloc Par­ty hört oder so. (lacht)

yan0sh: Ich glau­be, es ist sehr schwer, auf den Punkt zu brin­gen und eine sehr weit­rei­chen­de und sich durch alles zie­hen­de Ent­wick­lung, die da statt­fin­det. Ich fin­de es ein­fach schön, das die nächs­ten Deka­den mitzuerleben.

ven­quist: Ich habe Hoff­nung, dass die Mensch­heit das hinkriegt.

yan0sh: Wir wer­den gera­de sehr, sehr, sehr pathe­tisch. (lacht)

MZEE​.com: Ich habe das Gefühl, dass vie­le um mich her­um gera­de das Bedürf­nis nach etwas Ech­tem haben – ech­ten Emo­tio­nen, ech­tem Ken­nen­ler­nen und ech­ter Lie­be. Auch wenn das viel­leicht kit­schig klin­gen mag. Nehmt ihr das ähn­lich wahr? 

ven­quist: Da bin ich voll bei dir. Man ver­misst es ein­fach, unter Leu­te zu gehen und dort viel­leicht jeman­den zu tref­fen, den man noch nicht kann­te. Man ist ja momen­tan gezwun­gen, in sei­nem inners­ten Cir­cle zu blei­ben. Die­se Club-​Abende, an denen man nicht weiß, was einen erwar­tet und plötz­lich trifft man eine Per­son, die einen begeis­tert … Das fehlt mir per­sön­lich schon sehr. Es muss ja gar nicht die gro­ße Lie­be sein, son­dern ein­fach neue Men­schen. Men­schen, bei denen man denkt: "Wow, die geben mir grad rich­tig was." Das fehlt mir mit am meisten.

yan0sh: Es ist viel­leicht ein biss­chen despek­tier­lich, wenn man das so sagt, aber dadurch, dass man jetzt ein Jahr inten­sivs­ten Kon­takt mit den­sel­ben Leu­ten hat­te, ist man auch satt von gewis­sen Zustän­den und Men­schen. Des­we­gen kann ich mir schon vor­stel­len, dass eine neue Auf­rich­tig­keit und eine inti­me Nähe eine Rol­le spie­len. Und dass das auch an ein neu­es Ent­de­cken gekop­pelt ist. Das hängt mit Sicher­heit auch mit dem aktu­el­len Zustand zusammen.

(Yas­mi­na Rossmeisl)
(Fotos von Pierre Laporté)