Kaynbock – Idioten

"Was?! Du kennst das nicht? Sekun­de, ich such' dir das mal raus." Und schon öff­net sich die Plat­ten­kis­te. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man redet über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal ob von einem Song, einem:einer Künstler:in oder einem Album – mit dem man nicht so recht etwas anzu­fan­gen weiß. Und plötz­lich hagelt es Lob­prei­sun­gen, Hass­ti­ra­den oder Anek­do­ten. Gera­de dann, wenn der:die Gesprächspartner:in ins Schwär­men ver­fällt und offen zeigt, dass ihm:ihr das The­ma wich­tig ist, bit­tet man nicht all­zu sel­ten um eine Kost­pro­be. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Per­son so sehr am Her­zen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Her­zen liegt: Ein Aus­zug aus der Musik, mit der wir etwas ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns berührt. Ein Griff in unse­re Plat­ten­kis­te eben.

 

Songs über die Lie­be gibt es wie Sand am Meer – ob nun im Rap oder in ande­ren Gen­res. Vie­le Künstler:innen schei­tern dabei an der Grat­wan­de­rung, genau die rich­ti­ge Men­ge an Emo­tio­nen ein­flie­ßen zu las­sen. Zu viel Kitsch oder über­trie­be­ne Idea­li­sie­rung und man ver­liert das Inter­es­se. Zu wenig Gefüh­le? The­ma ver­fehlt. Einer der weni­gen Songs die­ser Art, die ich gleich­zei­tig füh­len und ernst neh­men kann, ist "Idio­ten" von Kayn­bock.

Das Sze­na­rio ist eigent­lich ein ganz bana­les, das vie­len ver­traut sein könn­te: eine Bezie­hung, die in die Brü­che gegan­gen ist. Jedoch nicht, weil man sich nicht geliebt hat, son­dern weil man an sich selbst und dem Ein­mi­schen drit­ter Per­so­nen geschei­tert ist. Gefolgt von der Erkennt­nis, dass man sich als Men­schen den­noch schätzt und auf irgend­ei­ner Ebe­ne zwangs­läu­fig wie­der zuein­an­der fin­den wird. Ins­be­son­de­re des­we­gen, weil am Ende "Freund­schaft grö­ßer alles" ist. Zumin­dest zunächst, ohne zu viel vor­weg zu neh­men. Das für mich Aus­schlag­ge­ben­de ist, dass all das ohne Kli­schees und blu­mi­ge Wor­te aus­kommt, die ver­su­chen, grö­ßer zu sein als das, was sie beschrei­ben sol­len. Kai holt mich mit sei­nem Song­wri­ting statt­des­sen auf ande­re Wei­se ab, näm­lich indem er mich durch Zei­len wie "'Willst du 'n Foto oder was?' Ich lach': 'Nee'" ein­fach zum Schmun­zeln bringt. End­gül­tig gecatcht bin ich dann durch das Saxo­phon im Instru­men­tal von Kai und Den­nis. Letz­te­rer ergänz­te den eigent­li­chen Solo­künst­ler Kayn­bock zu die­ser Zeit zu einem Duo.

"Idio­ten" ist der run­des­te Lie­bes­song, den ich ken­ne, weil er genau das rich­ti­ge Maß Emo­tio­na­li­tät mit­bringt. Zwar ist er über die Jah­re immer mal von mei­nem Radar ver­schwun­den, aber dann doch wie­der aus dem Nichts auf­ge­taucht und an die Spit­ze mei­ner per­sön­li­chen Play­lists geklet­tert. Auch wenn er gera­de Platz für ande­re Songs macht, mache ich mir über­haupt kei­ne Sor­gen, dass er frü­her oder spä­ter wie­der auf­taucht und mich genau­so fas­zi­niert wie beim ers­ten Hören.

(Micha­el Collins)