Nic Knatterton

Nic Knat­ter­ton – ein Künst­ler­na­me, bei dem man­che schmun­zeln und viel­leicht auch an die gleich­na­mi­ge Comic­fi­gur den­ken mögen. Doch Nic Knat­ter­ton ist mehr als Namens­vet­ter eines Comic­de­tek­tivs. Er ist Rap­per, Künst­ler, Vater und The­ra­peut. Sein musi­ka­li­scher Wer­de­gang ist geprägt von der Zusam­men­ar­beit mit unter­schied­lichs­ten Musi­kern. Dazu zäh­len meh­re­re Alben mit sei­ner Frau und die Zeit bei der Anti Alles Akti­on. Nach zahl­rei­chen gemein­schaft­li­chen Pro­duk­tio­nen hat er sich nun ent­schie­den, wie­der ein Solo-​Album zu releasen. Mit "Schnit­ze­rei­en auf einer Park­bank" zeigt der Künst­ler, dass er auch ohne gro­ße media­le Prä­senz sei­ne Lei­den­schaft – das Rap­pen – wei­ter­hin ver­folgt und sich selbst treu bleibt. Im Inter­view spra­chen wir mit ihm über Ver­än­de­run­gen im deut­schen Rap, den Unter­schied zwi­schen Rap und Graf­fi­ti als Aus­drucks­form und das Gefähr­li­che an Ver­schwö­rungs­theo­ri­en.

MZEE​.com: Das Ers­te, was mir bei dir auf­fiel, war dein Künst­ler­na­me – da muss­te ich direkt an den fik­ti­ven Meis­ter­de­tek­tiv den­ken. Wel­che Ver­bin­dung hast du zu der gleich­na­mi­gen Comic­fi­gur?

Nic Knat­ter­ton: Als ich klein war, hat mei­ne Tan­te mich immer so genannt. Als ich Anfang der 90er ange­fan­gen habe, zu rap­pen und zu free­sty­len, habe ich oft schnell gerappt, also Doubletime-​Passagen. Das nann­te man damals noch nicht so. Für mich war es halt schnel­les Geknat­ter. Da hat es ganz gut gepasst, die­sen Künst­ler­na­men zu wäh­len. Ganz am Anfang war mir nicht wirk­lich bewusst, dass es die­se Comic­fi­gur gibt. Mitt­ler­wei­le habe ich auch mal ein paar Comics von dem gele­sen.

MZEE​.com: Du bist in ver­schie­de­nen Kunst- und Aus­drucks­for­men tätig, bei­spiels­wei­se Graf­fi­ti. Was kannst du damit aus­drü­cken, was dir mit Rap nicht gelingt?

Nic Knat­ter­ton: Ich male mitt­ler­wei­le über­haupt kein Graf­fi­ti mehr. Ich habe damals im Prin­zip par­al­lel damit ange­fan­gen, so 1993 bis 1994. Hier in Aachen gab's über­haupt kei­ne Rap­mu­sik. Wir haben ab und zu im Park ein biss­chen gefree­stylt. Das Haupt­ding war eher Graf­fi­ti. Da war ich dann auch in der Sze­ne, bis ich 23 war. Das ist 16 Jah­re her. Es hat schon einen ande­ren Cha­rak­ter. Gera­de ille­ga­les Graf­fi­ti bringt ganz ande­re Hor­mo­ne und Adrenalin-​Ausstöße mit sich, als auf einer Büh­ne zu ste­hen. Man muss vor­sich­tig sein und auf­pas­sen. Das ist ja etwas ande­res, als wenn man irgend­wo gebucht ist, sei­nen Kram macht, wie­der geht und im End­ef­fekt nichts ver­bro­chen hat. Ich habe fünf Kin­der, lebe hier mit mei­ner Frau, da bin ich mit dem lega­len Weg mitt­ler­wei­le ganz zufrie­den. Auch wenn ich es total bewun­derns­wert fin­de, wenn Leu­te in mei­nem Alter immer noch raus­ge­hen und Züge rocken. (lacht) Es gibt ja hier in Aachen noch eini­ge, mit denen ich damals ange­fan­gen hab', die jetzt ihren ganz nor­ma­len Job machen und trotz­dem noch jedes Wochen­en­de irgend­wo­hin fah­ren. Davor habe ich wirk­lich Respekt. Die, die mir ein­fal­len, haben aller­dings auch kei­ne Kin­der. Ich weiß' nicht, ob das mit ein­fließt. Ich hät­te ein biss­chen Schiss, mit einem Bein im Knast zu ste­hen – das wäre mir zu tur­bu­lent.

MZEE​.com: Einem Text auf dei­ner Web­site lässt sich ent­neh­men, dass du "zurück­ge­blie­be­nen Rap" mit dei­nen eige­nen Wert­vor­stel­lun­gen beein­flus­sen willst. Was genau ist mit "zurück­ge­blie­ben" gemeint?

Nic Knat­ter­ton: Ach, das ist eher ein Satire-​Text. Den habe ich nicht selbst geschrie­ben und der ist schon uralt, aber es wür­de ja auch heu­te noch zu die­sem Trap-​Zeug pas­sen. Das kommt jetzt ein biss­chen von oben her­ab. Ich find', das hat natür­lich sei­ne Daseins­be­rech­ti­gung und Leu­te, die das ger­ne hören möch­ten, sol­len sich dar­über freu­en. Mein größ­ter Sohn, der hört eigent­lich nur Capi­tal Bra und so Autotune-​Gedudel – irgend­wie machen es sich die Leu­te mit der Kunst manch­mal ein biss­chen ein­fach. Das ist immer der glei­che Flow und am Ende ist mehr Kopie als Kunst vor­han­den. Wobei ich da auch nicht so drauf rum­rei­ten will, weil die­se For­mu­lie­rungs­wei­se etwas Über­heb­li­ches hat.

MZEE​.com: Dir geht es also viel­mehr um das Gene­ri­sche und dar­um, dass nach einem Sche­ma gear­bei­tet wird als um eine sti­lis­ti­sche Aus­rich­tung? 

Nic Knat­ter­ton: Genau, Musik nach Sche­ma F. Das heißt nicht, dass das alles schlecht ist. Fato­ni oder Juse Ju machen ja Trap-​lastiges Zeug, das find' ich total geil. Sachen von Edgar Was­ser oder LGo­o­ny kann ich mir auch gut anhö­ren. Da merkt man, hier hat sich jemand damit aus­ein­an­der­ge­setzt und ver­sucht, das zu inter­pre­tie­ren. Wür­de man die­sen Ansatz kom­plett weg­las­sen, gäbe es über­haupt kei­ne HipHop-​Musik. Die lebt ja immer davon, Sam­ples zu ver­wen­den. Das war damals ein neu­er Style, die­se Dipset-​Welle … Auch schon bestimmt zehn bis zwölf Jah­re her, als plötz­lich alle so rap­pen muss­ten. Das war eine Mode­er­schei­nung wie jetzt die­ses gan­ze Autotune-​Zeug. Trotz­dem kamen super­gei­le Sachen bei raus wie zum Bei­spiel Sna­ga und Pil­lath, das habe ich sehr ger­ne gehört. Es kommt immer drauf an, wie das inter­pre­tiert wird und wie viel eige­ner Anteil mit drin­steckt. Es gibt so viel Musik – das habe ich bei der Pro­mo für das Album gemerkt. Wenn ich vor 15 Jah­ren ein Album raus­ge­bracht habe, hat schon jemand eine Review geschrie­ben. Man brauch­te sich gar nicht wirk­lich viel drum zu küm­mern. Jetzt haben wir die gro­ße Prom­o­agen­tur – machee­te aus Ber­lin – mit ein­ge­schal­tet und es ist sehr, sehr müßig, in den Medi­en prä­sent zu sein. Was natür­lich auch dar­an liegt, dass es unglaub­lich viel Musik gibt, die zumin­dest mei­nen per­sön­li­chen Geschmack nicht trifft.

MZEE​.com: Wür­dest du sagen, dass du durch dei­nen ältes­ten Sohn Rap auch ein biss­chen anders wahr­nimmst? Siehst du dadurch Kom­po­nen­ten, die dir vor­her nicht auf­ge­fal­len sind?

Nic Knat­ter­ton: Ja, ich krie­ge zumin­dest noch was mit. Ich hör' mir das an und ver­su­che, zu ver­ste­hen, was er dar­an gut fin­det. Inso­fern schon, weil ich sonst mit die­ser Musik wahr­schein­lich über­haupt kei­nen Kon­takt hät­te. Also, ich wür­de irgend­wo mit­krie­gen, dass es das gibt, ich krie­ge das ja auch in mei­ner Pra­xis mit. Die gan­zen Kids reden natür­lich davon. Aber viel inter­es­san­ter fin­de ich es bei­spiels­wei­se, wenn er mir Battle-​Zeug von Leu­ten zeigt, die ich sonst nie­mals gehört hät­te. Dar­über habe ich zum Bei­spiel GRee­eN ken­nen­ge­lernt. Jetzt ver­kauft der auch sei­ne Plat­ten. Den höre ich mir noch an. Da bin ich dann, hof­fe ich, offen genug, sowas zu über­neh­men. Das ist natür­lich eher Pop­mu­sik, aber das kann ich mir ganz gut geben.

MZEE​.com: Du arbei­test eng mit dei­ner Frau Johan­na zusam­men – ihr habt gemein­sam vier Alben auf­ge­nom­men. Wird eure Musik beson­ders durch eure enge Bezie­hung beein­flusst?

Nic Knat­ter­ton: Die Zeit, in der wir zusam­men Musik gemacht haben, hat unglaub­li­chen Ein­fluss dar­auf genom­men. Johan­na hat frü­her auch mal ein biss­chen gerappt, aber nur, weil ich halt gesagt habe: "Komm, schreib doch mal 'ne Stro­phe." Ich woll­te das mal aus­pro­bie­ren, aber ihr Ding sind eher gesun­ge­ne Hooks und Background-​Gesang. Sowas hat­te ich vor­her noch gar nicht ver­sucht. Eine lan­ge Zeit haben wir gemein­sam die Musik und die Beats aus­ge­wählt. Das ging in so eine Rich­tung, dass man etwas Melo­diö­se­res damit machen konn­te. Sie ist auch immer mit auf die Kon­zer­te gefah­ren, bis unser Sohn Mio da war. Den haben wir sogar noch mit­ge­nom­men, meis­tens in Antifa-​Schuppen, irgend­wel­che AZs, die über Deutsch­land und Öster­reich ver­teilt sind. Je mehr Kin­der wir hat­ten, des­to anstren­gen­der ist das gewor­den, bis sie irgend­wann gesagt hat, sie spielt kei­ne Kon­zer­te mehr mit. Sie hat noch eine Zeit lang Auf­nah­men gemacht und mein­te schließ­lich, das wäre jetzt nicht mehr ihr Ding. Sie macht immer noch ihren Kram, spielt Kla­vier und so. Johan­na kommt aus einer klas­si­schen Ecke. Als ich sie ken­nen­ge­lernt hab', war sie zar­te 17 Jah­re alt und hat gewis­ser­ma­ßen noch nie Rap­mu­sik gehört. Sie ist bei mir in die­se Antifa-​Rap-​Ecke rein­ge­stol­pert als behü­te­tes Mäd­chen. Das war schon ganz span­nend, was dar­aus für Musik erwach­sen konn­te, weil ich mit die­sem klas­si­schen Zeug bis dato nichts zu tun hat­te. Das war eine super­tol­le Zeit, in der wirk­lich schö­ne Songs ent­stan­den sind. Auf der ande­ren Sei­te fand ich es total span­nend, nach die­ser Zeit neue Sachen aus­zu­pro­bie­ren. Ich muss­te auch über­le­gen, wie ich live wei­ter­ma­chen will. Ich bin anschlie­ßend eine Zeit lang mit ver­schie­de­nen Freun­den als Back Up-​MCs durch die Gegend gereist. Seit drei Jah­ren habe ich eine Band, die mit mir Kon­zer­te spielt – mit einem Saxo­phon, einem Schlag­zeug und Background-​Sängern. Das konn­te wahr­schein­lich nur ent­ste­hen, weil die­se Pha­se mit Johan­na zu Ende war. Sonst hät­te ich wahr­schein­lich ein­fach so wei­ter­ge­macht, wie ich es gewohnt war. Die alten Songs wer­den jetzt durch die ande­ren Musi­ker unter­schied­lich inter­pre­tiert. Mit Funk- und Ska-​Elementen, die von ihnen umge­setzt wer­den – damit bin ich ganz zufrie­den. Nach die­ser Geschich­te war ich aber auch froh, das aktu­el­le Album ein­fach mal allei­ne machen zu kön­nen. Selbst zu über­le­gen, wel­che Beats ich neh­me, kei­ne Kom­pro­mis­se schlie­ßen zu müs­sen. Ein­fach die Hook so zu schrei­ben, wie es mir gefällt und im End­ef­fekt ein Album zu machen, das ich mir selbst gut anhö­ren kann. Ohne gro­ße Abspra­chen mit ande­ren Musi­kern tref­fen zu müs­sen, so berei­chernd das sonst bestimmt sein mag.

MZEE​.com: Wie bereits von dir ange­deu­tet, bist du ein alter Hase in der deut­schen Rap­sze­ne. Warst du Rap im Lau­fe der Jahr­zehn­te immer treu oder gab es auch mal eine Zeit, in der du gedacht hast, dass die Musik nicht mehr zu dir passt?

Nic Knat­ter­ton: (über­legt) Es gab schon immer mal wie­der musi­ka­lisch depres­si­ve Epi­so­den, sag' ich mal vor­sich­tig … Aber ich war nie so weit, die Musik an den Nagel zu hän­gen. Eher so, dass ich über­legt habe: "Ergibt es Sinn, dar­über mei­nen Selbst­wert regu­lie­ren zu wol­len?" Nach dem Mot­to: Ich muss Kon­zer­te spie­len und wenn ich nicht jeden Monat min­des­tens ein Kon­zert spie­le, dann kann ich mei­ne Iden­ti­tät nicht mehr über das Rapper-​Dasein defi­nie­ren. Das ist manch­mal ganz schön anstren­gend, wenn man nicht irgend­wann in einer Posi­ti­on ist wie die Anti­lo­pen Gang oder Ähn­li­che, in der es ein­fach von allei­ne rollt und man auch merkt, dass es Sinn ergibt. Wie vie­le Leu­te machen in mei­nem Alter noch immer Musik, obwohl sie nie wirk­li­chen Erfolg damit hat­ten? Ich ken­ne da rela­tiv weni­ge. Die meis­ten machen das eine Zeit lang, ein paar krie­gen dann Ange­bo­te und kön­nen davon leben und die ande­ren hören meis­tens irgend­wann auf. Inso­fern ist das natür­lich eine anstren­gen­de Sache, neben Beruf und Fami­lie immer wei­ter Musik zu machen. Es ist einer­seits ein Aus­gleich, ande­rer­seits auch ganz schön viel Zeit, die dabei drauf­geht. Da habe ich mich immer wie­der gefragt: "Soll ich nicht lie­ber angeln oder tan­zen gehen oder sowas?" (lacht) Aber das war nie so ver­lo­ckend, dass ich das in die Tat umge­setzt hät­te.

MZEE​.com: Gibt es denn noch ande­re Sachen, die dich inter­es­sie­ren oder rei­zen?

Nic Knat­ter­ton: Inter­es­sie­ren und rei­zen total, aber ich kann nichts ande­res. In mei­ner Jugend fand' ich Break­dance super­span­nend. Ich habe das nie selbst gemacht, aber Freun­de von mir. Die haben frü­her so mit 14, 15, 16 aktiv getanzt. Irgend­wann ging das nicht mehr, weil sie chro­ni­sche Seh­nen­schei­den­ent­zün­dun­gen hat­ten. Die sind zum Bei­spiel zu Graf­fi­ti gewech­selt, weil das kör­per­lich leich­ter mög­lich war. Ich selbst bin künst­le­risch mitt­ler­wei­le nur noch in dem Rap­ding aktiv. Mein ältes­ter Sohn Mio, von dem ich eben bereits gespro­chen hab', macht Break­dance bei Sugar Rae. Das ist der Tanz­leh­rer von Juli­en Bam, einem You­Tuber, der auch aus Aachen kommt. (lacht) Das fin­det Mio natür­lich span­nend, bei der Berühmt­heit tan­zen zu ler­nen.

MZEE​.com: Du warst unter ande­rem im Umfeld der Anti Alles Akti­on aktiv, aus der die Anti­lo­pen Gang ent­stan­den ist. Inwie­fern hat die­se Zeit dei­nen musi­ka­li­schen Wer­de­gang geprägt?

Nic Knat­ter­ton: Genau­so wie die ande­ren musi­ka­li­schen Pha­sen in mei­nem Leben auch. Das war ja damals kei­ne fes­te Crew, son­dern eher ein Zusam­men­schluss von Künst­lern. Da sind gute Songs ent­stan­den. Ich habe immer ger­ne mit Tobi, Kol­ja, Dani­el und Jakob (Anm. der Red.: Panik Pan­zer, Kol­jah, Dan­ger Dan & NMZS) Musik gemacht. Es war aller­dings im End­ef­fekt für mich eine rela­tiv anstren­gen­de Zeit, weil ich immer das Gefühl hat­te, bestimm­te Din­ge ablie­fern zu müs­sen. Dadurch habe ich mich unter Druck gesetzt. Ich glau­be, dass das auch von mir aus­ging. Ich will das nicht auf die Jungs von damals schie­ben, aber ich hat­te halt die­sen Druck: "So, die haben einen Song mit dem und dem poli­ti­schen The­ma gemacht, da will ich auch eine Stro­phe drü­ber schrei­ben. Jetzt muss ich mich aber anstren­gen und mir dazu irgend­was aus dem Kopf drü­cken." Obwohl das viel­leicht zu die­sem Zeit­punkt gar nicht so meins war. Als die­se Zeit vor­bei gewe­sen ist, war es nicht so ein­fach für das Selbst­wert­ge­fühl im Sin­ne von: "Oh, jetzt wer­den die berühmt und ich tucker' hier immer noch rum." Inso­fern war es schwie­rig, aber auch recht ent­las­tend, weil ich die­sen Druck nicht mehr hat­te und viel frei­er in mei­nem Aus­druck und mei­nen Gestal­tungs­for­men wer­den konn­te. In einer Grup­pe kriegst du immer sehr direkt Feed­back: "Aber das klingt ja ein biss­chen lasch, kannst du da nicht etwas mehr Aggres­si­on rein­ste­cken?" Okay, neh­me ich das noch mal auf: "Oh, aber der Reim am Ende, da geht doch noch ein biss­chen was Krea­ti­ve­res." Beson­ders Jakob war sehr streng, was zum Bei­spiel Tech­nik angeht. Der hat eben super­gei­le Musik gemacht. Da hat es sich schon gelohnt, per­fek­tio­nis­tisch zu sein.

MZEE​.com: Hast du noch Kon­takt zu Leu­ten von damals oder ist das im Sand ver­lau­fen?

Nic Knat­ter­ton: Eher Zwei­te­res. Irgend­wann war Fato­ni mal in Aachen und ich war auch da. Tobi war eben­falls dort und wenn wir uns sehen, ist alles schön. Wir begrü­ßen uns, quat­schen ein biss­chen, aber dar­über hin­aus haben wir kei­nen Kon­takt.

MZEE​.com: In dem Song "Aluhut" rappst du über Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. Was ist dei­ner Mei­nung nach das Gefähr­lichs­te dar­an?

Nic Knat­ter­ton: Das Gefähr­lichs­te ist ver­mut­lich die­se all­ge­mei­ne Gesell­schaft­s­taug­lich­keit, also dass es so kon­form ist, bestimm­te For­men von Ver­schwö­run­gen für wahr zu hal­ten. Es muss jetzt nicht mal um Chem­trails oder Ech­sen­men­schen gehen, das fängt ja schon viel frü­her an. Wenn Pro­jek­tio­nen gemacht wer­den, da fängt häu­fig der struk­tu­rel­le Anti­se­mi­tis­mus an: die bösen Leu­te, die oben in Ban­ken oder den gro­ßen Fir­men sit­zen und für unser Leid ver­ant­wort­lich sind. Wenn man eine Men­schen­grup­pie­rung für das eige­ne Leid ver­ant­wort­lich macht, weil man es halt ansons­ten nicht mehr aus­hält. Die­se Gedan­ken­gän­ge sind ja viel gesell­schafts­kon­for­mer, als wenn man ande­res abge­dreh­tes Zeugs schwa­felt. Ich kenn' auch in mei­nem Umkreis eini­ge, die sol­ches Gedan­ken­gut haben und das fin­de ich auf Dau­er schon schwie­rig, weil der Sprung zum rich­ti­gen Anti­se­mi­tis­mus oft nicht mehr weit ist.

MZEE​.com: Was denkst du, wie man jun­ge Men­schen am bes­ten über unsi­che­re Quel­len auf­klä­ren kann?

Nic Knat­ter­ton: (über­legt) Das ist eine gute Fra­ge. Wenn ich das raus­fin­de, mel­de ich dar­auf ein Patent an, glau­be ich. Mit mei­nen Kin­dern und in der Pra­xis mit den jun­gen Pati­en­ten spre­che ich natür­lich indi­vi­du­ell dar­über, aber ich glau­be, wenn man schon halb drin hängt, wird jede Auf­klä­rung als Lüge ange­se­hen und somit ist es rela­tiv schwie­rig. Es müss­te schon frü­her anfan­gen, was aber auf­grund die­ser hohen Medi­en­dich­te unglaub­lich schwer ist. Ich glau­be, dass gute Bezie­hun­gen und auf­klä­ren­de, ehr­li­che Gesprä­che und eine Bin­dungs­si­cher­heit mit dazu bei­tra­gen, dass es gar nicht mehr nötig sein muss, sich über spal­te­ri­sche Pro­jek­tio­nen zu schüt­zen. Das hat ja auch etwas mit Ängs­ten zu tun. Wenn man ver­ängs­tigt ist und denkt "Oh, der Kli­ma­wan­del, die Welt geht unter" und was weiß ich was, dann sucht man Erklä­run­gen für das Leid, das tat­säch­lich da ist. Das ist ja die Gefahr bei den meis­ten Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. Irgend­wo gibt es zumin­dest einen wah­ren Kern, ein gewis­ses Leid, das nicht in Ord­nung ist. Das war selbst vor dem drit­ten Reich so. Da gab es eine Wirt­schafts­kri­se, die Leu­te waren arbeits­los und wenn man es selbst nicht aus­hält, muss ein Ver­ant­wort­li­cher gesucht wer­den. Viel­leicht wäre es ein Weg, den Leu­ten schon früh das rich­ti­ge Rüst­zeug mit­zu­ge­ben, dass sie psy­chisch so sta­bil sind, dass das nicht mehr not­wen­dig ist. Aber das ist natür­lich eine Uto­pie, das ist mir schon klar.

MZEE​.com: Deutsch­spra­chi­gem Rap wird immer wie­der nach­ge­sagt, ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche Inhal­te zu ver­brei­ten oder anti­se­mi­ti­sches Gedan­ken­gut zu stär­ken. Wie stufst du zum Bei­spiel bei dei­nem Sohn das Gefähr­dungs­po­ten­zi­al ein, dass er etwas hört und unre­flek­tiert auf­neh­men könn­te?

Nic Knat­ter­ton: Hm. Rap ist ja immer ein Spie­gel von dem, was ansons­ten los ist. Bei Capi­tal Bra habe ich das jetzt noch nicht so gehört, aber ich höre das halt auch nicht viel, ehr­lich gesagt. (lacht) Ich habe vor Jah­ren bei Haft­be­fehl davon mit­be­kom­men – die bösen Leu­te in den Ban­ken, die Rothschild-​Theorie und so wei­ter. Das hat­te Mio damals eben­falls gehört und kam damit an. Das war im End­ef­fekt posi­tiv, weil wir dar­über spre­chen konn­ten, was es mit die­sen Ver­schwö­run­gen in Bezug auf die Rothschild-​Familie auf sich hat, die ja eine Grund­la­ge für Anti­se­mi­tis­mus sein kön­nen. Dar­aus ist ein gutes Gespräch erwach­sen. Was es auf lan­ge Sicht bei ihm bewirkt, das weiß ich nicht. Aber ich mache mir schon ein biss­chen Sor­gen. Auch, weil die­se Bla­sen durch Soci­al Media immer enger wer­den. Wenn man sich in bestimm­ten Berei­chen bewegt, bekommt man nur noch das Glei­che mit. Ich bin da zum Bei­spiel sehr vor­sich­tig, Mio hat jetzt noch kein Insta­gram, Face­book oder sonst was. Wir krie­gen immer Ärger von ihm, aber wir war­ten lie­ber noch, bis er etwas älter ist. Es ist natür­lich nur ein Pseu­do­schutz. Er kriegt das alles trotz­dem in der Schu­le mit und die Kids hören die­se Musik. Jeman­dem bestimm­te The­men vor­zu­ent­hal­ten, ist auf Dau­er eigent­lich auch nicht sin­nig.

MZEE​.com: Neben der poli­ti­schen Ori­en­tie­rung sind dei­ne Tex­te auch von dei­ner Lebens­wei­se geprägt. Vege­ta­ris­mus und eine links-​politische Ein­stel­lung wer­den in sozia­len Medi­en oft dis­ku­tiert – wirst du häu­fig damit kon­fron­tiert?

Nic Knat­ter­ton: Wenn Johan­na und ich vor ein paar Jah­ren in irgend­ei­nem AZ gespielt haben, hieß es immer wie­der: "Ein paar Stra­ßen wei­ter ver­sam­meln sich irgend­wel­che Faschos, die wol­len unse­re Ver­an­stal­tung spren­gen, lass mal dahin­ge­hen und uns dage­gen­stel­len." (über­legt) Wirk­lich was pas­siert ist zum Glück nie. Das hing natür­lich nicht allei­ne mit mei­ner Musik zusam­men, aber ich wur­de ja gebucht, weil ich sol­che The­men behan­delt habe. Und das fand ich manch­mal schon ein biss­chen beängs­ti­gend. Beim letz­ten Release, auf dem auch der "Aluhut"-Track zu fin­den ist, gab es sehr vie­le Hass­kom­men­ta­re und sowas wie: "Ach, du steckst doch mit denen unter einer Decke." Das hat mir eher bestä­tigt, wie wich­tig es ist, auf sol­che The­men auf­merk­sam zu machen, weil genau das die­se Ver­wir­rung ist, die aus die­sen Ver­schwö­rungs­theo­ri­en spricht. Ich hab' auf dem neu­en Album ver­sucht, kla­re State­ments in einer ver­ständ­li­che­ren Spra­che aus­zu­drü­cken. Trotz­dem neh­men sowohl mei­ne Hal­tung, mei­ne poli­ti­schen State­ments als auch mei­ne bud­dhis­ti­sche Ein­stel­lung Ein­fluss auf die Musik. Wenn ich einen Song wie "Aluhut" einem Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker ins Gesicht rap­pe, machen die Leu­te natür­lich eher dicht. Eigent­lich habe ich nichts bewirkt, außer viel­leicht die Leu­te zu erfreu­en, die sowie­so schon mei­ner Mei­nung sind. Wenn ich das mit einer Wort­wahl ver­su­che, die nicht so pole­misch auf den Punkt gebracht ist, hat es etwas von einer Art tro­ja­ni­schem Pferd. Bestimm­te Inhal­te wir­ken dann viel­leicht erst ein biss­chen spä­ter, ohne dass die Abwehr sofort hoch­ge­fah­ren wird, weil man das Gefühl hat, der Typ will mir was.

MZEE​.com: In dem Song "Auf Honig­süß folgt Bit­ter­gall" the­ma­ti­sierst du den unaus­weich­li­chen Tod und die Sinn­lo­sig­keit des Seins. Was bewegt dich dazu, trotz einer sol­chen Sicht­wei­se Künst­ler zu sein?

Nic Knat­ter­ton: Also, ich wür­de gar nicht sagen, dass ich trotz die­ser Sicht­wei­se ein Künst­ler sein kann, son­dern viel­leicht gera­de des­we­gen. Die­se Sicht­wei­se klingt erst mal trau­rig. Der Song drückt eigent­lich etwas Bud­dhis­ti­sches aus, ohne dass ich die gan­ze Zeit auf die­sen Ter­mi­ni rum­rei­ten muss. Das ist der ein­zi­ge Song mit Johan­na. Zu wis­sen, das Leben ist irgend­wann zu Ende, gibt zumin­dest mir eher die Kraft, dar­auf zu ach­ten, was wirk­lich wich­tig ist. Ich kann eh nicht steu­ern, wie lan­ge ich hier noch rum­lau­fe. Aus die­sem Grund muss ich doch schau­en, was ich jetzt gera­de dar­aus machen kann. Wenn aus sol­chen Gedan­ken Kunst ent­steht, die ja nicht nur bei mir, son­dern gene­rell häu­fig aus einem Leid resul­tiert. Wie bei einer Lotus­blü­te, die aus dem Schlamm her­aus­wächst. Dann kann am Ende etwas Schö­nes dar­aus wer­den wie ein Lotus. Wir haben das Wis­sen, dass alles endet und ver­su­chen daher, unser Leben für uns und ande­re gut zu gestal­ten. Denn nur, wenn es ande­ren gut geht, kann ich mich auch wohl­füh­len. Im End­ef­fekt ist es so, dass die­ses Wis­sen um die Ver­gäng­lich­keit eher das Poten­ti­al im Jetzt för­dert.

MZEE​.com: Eine unge­sun­de Hal­tung zum The­ma Hilfs­be­reit­schaft sprichst du auf "Hel­fer­syn­drom" an. Dazu haben wir dir ein Zitat von Gali­leo Gali­lei mit­ge­bracht: "Man kann einen Men­schen nichts leh­ren, man kann ihm nur hel­fen, es in sich selbst zu ent­de­cken." – Wür­dest du dich dem anschlie­ßen?

Nic Knat­ter­ton: Defi­ni­tiv. Das ist ganz mei­ne Sicht­wei­se, hun­dert­pro­zen­tig. Dar­um geht's ja in dem Song. Die­ses Gefühl, über­trie­ben zu hel­fen, auch wenn es gera­de gar nicht gewollt wird, dient eher zur Selbst­be­weih­räu­che­rung und ent­steht aus ego­is­ti­schen und ego­zen­tri­schen Moti­ven. Freud hat eine ähn­li­che Meta­pher benutzt, dass eine Psy­cho­ana­ly­se sowas wie Heb­am­men­ar­beit ist. Es geht nicht dar­um, etwas Neu­es zu schaf­fen, das der Pati­ent vor­her nicht hat­te, also ihm eine Gesun­dung ein­zu­pflan­zen. Son­dern dar­um, alles frei­zu­schau­feln und dabei zu sein, wenn der Pati­ent ent­deckt, dass er eigent­lich schon immer gesund war. Da lässt sich wie­der der Bogen zur bud­dhis­ti­schen Sicht­wei­se schla­gen. Jedem Wesen wohnt eine Buddha-​Natur inne. Die Wesen sind gera­de nur nicht in der Lage, zu erken­nen, wie kost­bar und reich­hal­tig das Dasein und das Leben eigent­lich ist. Die Auf­ga­be als Hel­fer, Psy­cho­the­ra­peut, Sozi­al­ar­bei­ter oder auch nur als guter Freund ist es, dem Gegen­über dazu zu ver­hel­fen, dass es checkt, wie toll das eigent­lich alles ist. Das passt ja sehr gut zu die­ser Aus­sa­ge.

MZEE​.com: Das ist schon ein klas­si­sches Sozialarbeiter-​Ding – Hil­fe zur Selbst­hil­fe.

Nic Knat­ter­ton: Genau, rich­tig. Es ist ja auch eine Anknüp­fung an mei­nen Song "Sozi­al­ar­bei­ter im Son­nen­schein". Da woll­te ich erzäh­len, was ich beruf­lich so erle­be. Jetzt mache ich aber selbst gar kei­ne Sozi­al­ar­beit mehr, son­dern bin nur noch in der Pra­xis und dar­aus ist der Song ent­stan­den. Es ist sozu­sa­gen der zwei­te Teil von "Sozi­al­ar­bei­ter im Son­nen­schein".

MZEE​.com: Zum Abschluss: Was ist dei­ne Moti­va­ti­on dahin­ter, ande­ren Men­schen mit dei­nen Wer­ten und dei­ner Musik zu hel­fen?

Nic Knat­ter­ton: (über­legt) Ich habe das Gefühl, dass vie­le Men­schen in die­ser Ver­ir­rung, über die wir eben gespro­chen haben, völ­lig gefan­gen sind. Man ist auf­grund sei­ner Neu­ro­sen so über­schüt­tet mit dem gan­zen All­tags­scheiß. Ich eben­so, ich neh­me mich da nicht raus … Natür­lich bin auch ich irgend­wo von mei­nen Neu­ro­sen gesteu­ert, aber des­we­gen bin ich sehr dank­bar, wenn ich einen Super­vi­sor habe, der mir sagt: "Okay, guck mal, da sind dei­ne Punk­te, schau doch noch mal hin." Nicht, weil das etwas Neu­es ist, son­dern weil es mir hilft, viel­leicht einen blin­den Fleck zu erken­nen. Und ja, das ist mei­ne Moti­va­ti­on, den Leu­ten, die ich errei­chen kann – sei es mit Musik, mit mei­ner Arbeit oder ein­fach als Mensch – inso­fern nütz­lich zu sein, dass es denen viel­leicht einen Tick bes­ser in ihrem Leben gehen kann. Und genau­so wün­sche ich mir das auch von mei­nen Mit­men­schen.

(Kira Fech­ner und Jens Paep­ke)
(Fotos: Nic Knatterton/​PR)