Der Plot & Projekt Gummizelle

Nach den Ohr­wür­mern "Video­mu­sik" und "Auf Null" bewei­sen Der Plot und Pro­jekt Gum­mi­zel­le mit ihrer abwechs­lungs­rei­chen EP "Stimmt so" erneut, wie gut sie musi­ka­lisch mit­ein­an­der har­mo­nie­ren. Ob bekannt durch Videobatt­le­tur­nie­re oder Auf­trit­te mit Rap­grö­ßen aus Ame­ri­ka – bei­de Crews haben sich ihren Platz in der HipHop-​Szene strei­tig gemacht. Nach­dem es lan­ge Zeit still um sie war, tre­ten sie mit ihrer von ver­schie­de­nen Ein­flüs­sen gepräg­ten Musik nun zurück ans Mic. Zwi­schen ihren gera­de ver­öf­fent­lich­ten und noch bevor­ste­hen­den Pro­jek­ten war es uns mög­lich, mit drei­en der vier Rap­per ein anre­gen­des Gespräch über ihre freund­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit, die all­ge­gen­wär­ti­ge The­ma­tik des Rau­sches im Rap und selbst­in­iti­ier­te Zen­sur als poli­ti­sches State­ment zu spre­chen.

MZEE​.com: Auf dem Cover eurer EP sieht man den Titel "Stimmt so" in einem auf­ge­bro­che­nen Glück­skeks lie­gen. Was ist der dümms­te Spruch, der bei euch je in einem Glück­skeks stand?

Niels: Ich war mal mit mei­ner dama­li­gen Freun­din bei einem Thai-​Imbiss und wir haben uns Glück­skek­se geholt. Sie mein­te, dass bei mir bestimmt voll die Schei­ße drin steht, aber der Spruch lau­te­te "Dein Leben wird sehr erfolg­reich ver­lau­fen." Das war mein größ­tes Erfolgs­er­leb­nis mit Glück­skek­sen, aber an die dum­men Sprü­che kann man sich meis­tens nicht erin­nern.

Kgee: Seit­dem läuft's bei Niels.

CONNY: Ich weiß es ehr­lich gesagt auch nicht mehr, aber für die Foto­ses­si­on mit die­sen Glück­skek­sen muss­ten wir eini­ge auf­bre­chen, um sie für das Cover zu dra­pie­ren. Wir haben uns über vie­le Sprü­che tot­ge­lacht. Ich kann mal nach­schau­en. Ich habe irgend­wann besof­fen einen Glück­skeks in unse­re WhatsApp-​Gruppe geschickt.

Niels: Ich samm­le in mei­nem Porte­mon­naie die guten Sprü­che. Ich hole die mal raus.

CONNY: Ach, du hast die alle noch? Groß­ar­tig!

Niels: Ja, ich hebe die­se Zet­tel seit besag­tem Spruch aber­gläu­bisch auf. Hier steht zum Bei­spiel: "Mit ihren Argu­men­ten sind Sie unschlag­bar." oder "Der Gesun­de weiß nicht, wie reich er ist."

MZEE​.com: Bedeu­ten dir die­se Sprü­che also tat­säch­lich etwas?

Niels: Ich habe schon bestimm­te Ticks. Wenn ich zum Bei­spiel ein Fuß­bal­ler wäre, wür­de ich mir den rech­ten Schuh immer zuerst bin­den. Aber ich den­ke nicht, dass mein Leben davon abhängt. Man tut gut dar­an, sich die­se Sprü­che ab und zu ins Gewis­sen zu rufen, wür­de ich sagen.

MZEE​.com: Im Rah­men des Releases habt ihr eine Spotify-​Playlist erstellt. In die­sem Zusam­men­hang bezeich­net ihr eure Musik als "Ger­man Lauch Rap". Was kann man sich dar­un­ter vor­stel­len?

Kgee: Lei­der ist Max nicht da, der hat die gemacht. Wir haben wäh­rend der Pro­duk­ti­on mit vie­len EP-​Titeln gear­bei­tet und der Favo­rit war ganz lan­ge "Fokus auf den Lauch". Weil wir viel­leicht nicht wie die typi­schen Straßenrap-​Gangster aus­se­hen, sind wir auf "Ger­man Lauch Rap" gekom­men. Das ist die nächs­te gro­ße Strö­mung nach Trap und Stra­ßen­rap. Wir brin­gen den Lauch­rap zurück. Hard­core Edi­ti­on. (lacht)

Niels: Unse­re WhatsApp-​Gruppe hat sogar ein "Fokus auf den Lauch"-Cover.

CONNY: Wir bekom­men auch mit, was in der rest­li­chen Deutschrap­sze­ne ange­sagt ist und es fällt einem natür­lich auf, dass man nicht gera­de die tren­digs­te Mucke macht. Da fragt man sich schon mal: Ist das jetzt Back­pack­rap? Ist das Stu­den­ten­rap? Was machen wir da eigent­lich? Irgend­wann kommt man dann auf die Deut­schen­wit­ze und da taucht zwangs­läu­fig der Lauch auf. In die­ser Sup­pe haben wir uns ganz wohl gefühlt, des­we­gen hat­ten wir "Fokus auf den Lauch" im Blick. Das hat­te Max in der Benen­nung der Play­list zele­brie­ren wol­len, er war näm­lich ziem­lich trau­rig, dass es nicht die­ser Titel gewor­den ist. (lacht)

MZEE​.com: Gibt es auch ein ame­ri­ka­ni­sches Pen­dant zum "Ger­man Lauch Rap"?

Kgee: Logic ist auf jeden Fall "Ame­ri­can Lauch Rap"!

CONNY: Wie heißt denn noch mal der Typ, der die­ses kras­se Video mit dem Gehirn hat­te?

Kgee: Lil Dicky?

CONNY: Ja genau, Lil Dicky! Der ist auf jeden Fall auch rich­ti­ger Lauch­rap.

Niels: Asher Roth ist auch zu ein­hun­dert Mil­lio­nen Pro­zent Lauch­rap!

Kgee: Und Masta Ace! Wir haben fest­ge­stellt: Wenn man Eng­lisch ler­nen will, hört man sich alte Masta Ace-​Texte an. Der spricht rich­tig kla­res und deut­li­ches Schul­eng­lisch. Das hat schon auch so den Lauchs­wag.

CONNY: Mit den Leu­ten sehen wir uns auf jeden Fall auf einer Stu­fe. Das ist genau unse­re Kra­gen­wei­te.

MZEE​.com: Beim Plot sind laut eige­nen Aus­sa­gen alle Mit­glie­der an Ent­schei­dun­gen betei­ligt und mit Pro­jekt Gum­mi­zel­le sind zwei wei­te­re Per­so­nen dazu­ge­kom­men. Euer Pres­se­text betont, dass ihr kei­ne Kom­pro­mis­se gemacht habt. Lief die Zusam­men­ar­beit aus­nahms­los unbe­schwert ab?

Niels: Zuerst haben wir uns nur zu viert – also CONNY, Max, Kgee und ich – getrof­fen und es sind ein oder zwei Songs aus einer Idee ent­stan­den. Man merkt schon an die­sem Lauch­ding, dass wir erst mal nur rumal­bern und viel lachen, bevor Musik gemacht wird. Was den krea­ti­ven Pro­zess und den Ent­schluss angeht, eine EP zu machen, hat­te jeder eine gewis­se Kom­pe­tenz. Dafür bekam der­je­ni­ge sozu­sa­gen die Hoheit, wie zum Bei­spiel Max für das Video. Gott sei Dank konn­ten wir alle viel zurück­tre­ten. Die Songs waren teil­wei­se zu lang und wir haben gemerkt, dass nicht jedes Mal alle vier einen 16er rap­pen kön­nen. Sonst wären die alle vier Minu­ten lang gewor­den. Des­we­gen hat einer ange­fan­gen zu sagen: "Komm, schmeiß mich ein­fach von dem Song run­ter. Mein Part ist sowie­so nicht so geil." Das hat dann eine Wel­le der Beschei­den­heit aus­ge­löst und jeder hat einen Part von einem Song gekickt. Dem­entspre­chend konn­ten wir uns in vie­len Punk­ten ziem­lich schnell arran­gie­ren.

Kgee: Das war sowie­so das Cre­do bei der gan­zen Musik­ma­che­rei. Bei vier Rap­pern muss jeder sein Ego ein biss­chen zurück­neh­men und man muss schau­en, was für den Song am bes­ten ist.

CONNY: Wich­tig viel­leicht zum Ver­ständ­nis: Wenn wir hier von "Der Plot" spre­chen, sind nur Elm­äx und ich gemeint. Unse­re Band­jungs waren in die­sem Fall nicht am Pro­jekt betei­ligt.

MZEE​.com: Also hat­te jeder sein Spe­zi­al­ge­biet, bei dem er den Ton ange­ge­ben hat und die ande­ren haben sich zurück­ge­nom­men?

CONNY: Zum einen ja, aber wir waren auch ein­fach glück­lich, wenn sich einer von uns um eine bestimm­te Sache geküm­mert hat. Wir haben alle viel um die Ohren und es ist lei­der vor­bei mit dem schö­nen Stu­den­ten­le­ben und jeden Tag bis zwölf Uhr pen­nen kön­nen. Des­we­gen war ich zum Bei­spiel rich­tig hap­py, dass ich mit dem Video nichts am Hut hat­te. Im Gegen­satz zu frü­her hat sich nur die Fra­ge gestellt, wem man Geld über­wei­sen muss, damit es recht­zei­tig fer­tig wird. Die Grund­struk­tur und Stim­mung war jedem sehr wich­tig, aber da waren wir uns schnell einig, in wel­che Rich­tung es geht.

Kgee: Das hat auch nur funk­tio­niert, weil wir schon sehr lan­ge gut befreun­det sind und uns auf Augen­hö­he begeg­nen. Wenn sich jemand um etwas geküm­mert hat, muss­te man nicht nach­ha­ken und konn­te dem ande­ren ver­trau­en. Wir sind alle Men­schen, die ungern Sachen aus der Hand geben, wenn wir nicht wis­sen, ob das gut gemacht wird. Aber jetzt war es sehr befreit.

MZEE​.com: Die Kom­pro­miss­lo­sig­keit aus dem Pres­se­text macht sich auch in eurem Video bemerk­bar: Ihr habt kei­nen kon­kre­ten Song aus­ge­kop­pelt, son­dern ver­schie­de­ne Parts der EP zusam­men­ge­schnit­ten. War­um habt ihr euch dafür ent­schie­den?

CONNY: Wir haben recht lan­ge über­legt, zu wel­chem Song wir ein Video dre­hen wol­len. Es gibt von der Kom­bi­na­ti­on Plot und Pro­jekt Gum­mi­zel­le bereits zwei älte­re Musik­vi­de­os und das sind eher klas­si­sche Street­vi­de­os, in denen wir durch die Stadt lau­fen und in die Kame­ra rap­pen. Wir woll­ten nicht noch mal das Glei­che machen. Dar­auf­hin habe ich mit Max zusam­men­ge­ses­sen, der das mit dem Video ger­ne über­neh­men woll­te, da er sich beruf­lich in Rich­tung Film ent­wi­ckelt. Wir haben gebrain­stormt und vie­le gute Ide­en gehabt, so hat sich das her­aus­kris­tal­li­siert. Aller­dings woll­ten wir nur ein Video machen und hat­ten des­we­gen die Über­le­gung, bei die­ser "Stimmt so"-Attitüde zu blei­ben und vier Vide­os in einem zu machen.

Kgee: Das war auf jeden Fall eine super­in­no­va­ti­ve Idee.

CONNY: Wir hat­ten ein biss­chen Angst, dass es ein Video-​Snippet wird. Das konn­ten wir ver­mei­den, indem wir uns eine Sto­ry dazu über­legt haben. Max fängt an, in die­sem Capi­tal Bra- und Juju-​Setting zu rap­pen und wird dann von Pro­jekt Gum­mi­zel­le ent­führt. Das Gan­ze endet nach einem Dro­gen­trip in einem Unfall. So haben wir in die The­men­welt der Plat­te ein­ge­führt.

MZEE​.com: Der Track "Toter Win­kel" hat es nicht in das Video geschafft. Dar­auf beschwert ihr euch dar­über, im musi­ka­lisch toten Win­kel zu lie­gen und das, obwohl man immer mehr Mög­lich­kei­ten hat, Infor­ma­tio­nen zu bezie­hen. Habt ihr das Gefühl, dass die Men­schen immer weni­ger Freu­de dar­an haben, neue Din­ge zu ent­de­cken?

CONNY: Es besteht natür­lich die Gefahr der Reiz­über­flu­tung. Die Leu­te bekom­men so vie­le Infor­ma­tio­nen ange­bo­ten, dass häu­fig die Zeit fehlt, die­se in der Tie­fe zu che­cken. Das bedeu­tet gera­de im Zeit­al­ter der Play­lists, dass man viel­leicht einen Song hört, den man gut fin­det, aber sich den Künst­ler nicht noch mal im Detail anhö­ren wird. Dadurch kann man vie­le ein­zel­ne Streams gene­rie­ren, aber das kon­ver­tiert nicht direkt in neue, fes­te Hörer. So ist es, glau­be ich, mit vie­len Infor­ma­tio­nen, die gestreut wer­den. Die Leu­te schnap­pen etwas auf, aber die wenigs­ten wer­den sich das The­ma in der Tie­fe rein­zie­hen. Das kann auf poli­ti­scher Ebe­ne pas­sie­ren, wie das in mei­nem Part fokus­siert wird, oder aber auch auf musi­ka­li­scher Ebe­ne, wie es Niels und Max anspre­chen.

Niels: "Toter Win­kel" war der ers­te Song, den wir gemacht haben, da war rich­tig Druck auf dem Kes­sel. Es gab auch die Über­le­gung, den als ers­te Sin­gle aus­zu­kop­peln, aber wir hat­ten Angst, wie die Realness-​Polizei rüber­zu­kom­men, auch wenn wir vie­le Men­schen in unse­rem Alter damit abge­holt hät­ten. Uns allen war bei die­sem Release extrem wich­tig, nicht wie die ver­bit­ter­ten HipHop-​Opas zu klin­gen. Um das zu ver­mei­den, haben wir uns auch dazu ent­schie­den, das Video so abwechs­lungs­reich zu gestal­ten. Das ent­hält erns­te, wit­zi­ge und neu­mo­di­sche Ele­men­te.

MZEE​.com: The­ma­tisch knüpft ihr auf der EP immer wie­der an das The­ma Rausch an. Fin­det ihr es bedenk­lich, dass Dro­gen und Alko­hol im Rap oft glo­ri­fi­ziert wer­den und sel­ten reflek­tiert dar­über gespro­chen wird?

Kgee: Im Groß­teil des Main­stream­raps sind das immer noch Fil­me, glau­be ich. Man darf das alles nicht so ernst neh­men. Ein Action­film the­ma­ti­siert das genau­so, da muss die Refle­xi­on auch beim Kon­su­men­ten statt­fin­den. Es gibt natür­lich die "Ich ver­ti­cke mein Koka­in am Block"-Platten, aber das nutzt sich auch für Jugend­li­che irgend­wann ab. Ich glau­be, dass älte­re Men­schen, die dazu kei­nen Zugang haben, eine viel grö­ße­re Gefahr dar­in sehen, als eigent­lich vor­han­den ist. Die Kids fan­gen des­we­gen nicht alle an, Koks zu ver­ti­cken. Wir haben zum Bei­spiel den Track "Gib mir Rausch" geschrie­ben, da wir alle schon Erfah­run­gen damit gesam­melt haben. Es gibt dann im Video aber auch auf der Meta­ebe­ne die sozi­al­kri­ti­sche Kom­po­nen­te, dass man auf Dro­gen bes­ser nicht Auto fah­ren soll­te, weil sonst Unfäl­le pas­sie­ren.

Niels: Ich fin­de, das ein super­schwie­ri­ges The­ma. Einer­seits ist es bedenk­lich, wenn mir 20-​jährige Mädels erzäh­len, dass sie ihr Abitur auf Rita­lin geschrie­ben haben, weil sie es sonst nicht geschafft hät­ten. Ich habe mein Stu­di­um auch durch­ge­kriegt, ohne ein­mal Speed oder Rita­lin zu neh­men. Auf der ande­ren Sei­te war uns aber auch klar, dass es nicht nach erho­be­nem Zei­ge­fin­ger klin­gen soll, wenn wir dar­über spre­chen. Es soll­te einen iro­ni­schen Touch haben und nicht kri­tisch rüber­kom­men. Es ist, glau­be ich, wich­tig zu sagen, dass coo­le Musik nicht ent­steht, weil man Dro­gen nimmt. In dem Moment fühlt es sich viel­leicht inten­si­ver an, aber wirk­lich nach­hal­ti­ge Kunst ent­steht durch Arbeit und Krea­ti­vi­tät. Das hat eigent­lich nichts mit Rausch zu tun.

Kgee: Das ist aller­dings kein The­ma von Rap, son­dern eher ein gesell­schaft­li­ches Pro­blem. Es gibt auch ande­ren Rap, der das nicht the­ma­ti­siert, aber der fin­det kaum in den Medi­en statt, weil sich Gewalt, Sex und Dro­gen immer noch bes­ser ver­kau­fen. Ich fin­de es auch bedenk­lich, wenn in jedem zwei­ten Song über Lean gerappt wird und sich Jugend­li­che Hus­ten­saft mit Spri­te rein­kip­pen. Um sich danach mit Wod­ka aus dem Leben zu schie­ßen, weil sie das in irgend­wel­chen Gangsterrap-​Videos gese­hen haben.

CONNY: Es wäre grund­sätz­lich wich­tig, eine Gesprächs­kul­tur zu schaf­fen, in der es mög­lich ist, ernst­haft über sol­che The­men zu reden, ohne direkt ver­lacht zu wer­den. Da geht es nicht nur um die Pro­ble­ma­tik "Dro­gen", son­dern auch um eine frau­en­ver­ach­ten­de Atti­tü­de oder schwu­len­feind­li­che Sprech­wei­se, um Bei­spie­le zu nen­nen. Es gibt genug Leu­te, die auf Soci­al Media-​Plattformen immer wie­der State­ments pos­ten, aber in der Musik selbst pas­siert das doch eher sel­ten. Wenn wir in der Lage sein wol­len, eine inhalt­lich wert­vol­le Dis­kus­si­on zu füh­ren, ist es hin­der­lich, sich erst Gedan­ken machen zu müs­sen, ob es pein­lich rüber­kommt, dar­über zu reden. Wenn man sich gemein­sam hin­set­zen wür­de, um einen Text zu schrei­ben und einer vor­schlägt, über die nega­ti­ven Fol­gen von Tabak und Alko­hol zu rap­pen, wür­de man sich nur fra­gen, wie das geht, ohne dabei pein­lich zu sein. Und solan­ge die­se Fra­ge vor­an­steht, wird in den wenigs­ten Fäl­len eine sinn­vol­le Aus­ein­an­der­set­zung statt­fin­den, den­ke ich.

MZEE​.com: Ihr habt recht, gesell­schaft­lich wird es oft als pein­lich wahr­ge­nom­men, wenn dar­über gespro­chen wird. Ein Bei­spiel dafür ist die "Kenn dein Limit"-Kampagne. Trotz­dem gibt es für Rap­per ein gro­ßes Poten­zi­al, mit ihrer Musik jun­ge Men­schen auch im Bezug auf die­se The­men zu errei­chen.

Niels: Da stim­me ich dir zu, aber das kann, glau­be ich, nur auf einem Mac Miller-​Niveau pas­sie­ren. Damit das jemand ernst zu neh­mend machen kann, muss er selbst abge­stürzt sein. Nur ein Rap­per, der sel­ber von Lean abhän­gig war, könn­te einen Song dar­über machen, wie dich so ein Opi­at fickt und genau­so kaputt­macht wie Hero­in. Ein Rap­per, der erklärt, dass er kei­ne Musik mehr machen konn­te, weil er so in die­sem Rausch gefan­gen war. Das wür­de nie­mals funk­tio­nie­ren, wenn der 35-​Jährige, der sein Leben lang nur Alko­hol getrun­ken und zwei Joints geraucht hat, dar­über eine Debat­te anfängt. Dann kommt näm­lich sowas wie "Kenn dein Limit" dabei her­aus, über­trie­ben gesagt.

Kgee: Die Angst vor dem Zei­ge­fin­ger ist bei Rap­pern, glau­be ich, immer da, das ist schwer raus­zu­krie­gen. Es gab irgend­wann einen Tweet von Bonez MC, bei dem er ganz klar geschrie­ben hat, wie schei­ße das alles ist. Er mein­te, dass das über­züch­te­te Gras para­no­id und das Koks dann alles nur noch schlim­mer mache und dass er am liebs­ten damit auf­hö­ren wür­de. Kei­ne Ahnung, wo das her­kam, aber das war real und damit hat er bestimmt mehr Leu­te erreicht als irgend­wel­che Medi­en­leu­te mit so einer hip­pen Anti-​Drogenkampagne in der Schu­le. Ich habe mir auch schwer vor­stel­len kön­nen, dass die bei Jugend­li­chen greift, dafür war das nicht genug auf deren Level. Das haben Men­schen über 40 kon­zi­piert, die nicht mehr ver­ste­hen, wie man Kids anspricht.

CONNY: Grund­sätz­lich wür­de ich mir auch wün­schen, dass man nicht wie $ick von "Shore, Stein, Papier" kom­plett durch die Hero­in­ab­hän­gig­keit gelau­fen sein muss, um in einer Debat­te mit­spre­chen zu kön­nen, in der es um Prä­ven­ti­on geht. Das mein­te ich auch mit der Gesprächs­kul­tur. Es ist häu­fig so, dass die­se Auto­ri­täts­ar­gu­men­te gefor­dert wer­den. Da sind wir schnell bei einem Chris­ti­an Lind­ner, der ein Umweltwissenschaftler-​Diplom for­dert, um über die eige­ne Zukunft zu spre­chen. Das ist auch nicht die rich­ti­ge Basis, um mit­ein­an­der zu reden. Natür­lich hat es einen ganz ande­ren Impact, wenn ich mir einen Song von Mac Mil­ler anhö­re und über Dro­gen nach­den­ke, weil das viel näher dran ist und der das alles erlebt hat, ich will das gar nicht schmä­lern. Aber an vie­len Stel­len win­ken die Men­schen zu schnell ab, weil der Gegen­über das nicht selbst erlebt hat und des­we­gen kei­ne Ahnung haben soll. Bei­de Sei­ten müs­sen sich ein­an­der annä­hern und sich gemein­sam an einen Tisch set­zen. Dann könn­ten Men­schen, die sol­che Kam­pa­gnen machen, mit Leu­ten, die sol­che Pro­ble­me hat­ten, zusam­men­ar­bei­ten.

Niels: Ich habe neu­lich ein Bausa-​Video gese­hen, in dem er dar­über spricht, nicht mit dem Trin­ken auf­hö­ren zu kön­nen, auch wenn das natür­lich wie­der kit­schig ver­packt war.

CONNY: Es ist auch ein Unter­schied, ob jemand sowie­so schon prä­sent ist und dann sein Inners­tes preis­gibt, um die Hörer noch mehr zu errei­chen. Auf die­sem Level sind wir als Künst­ler nicht mal ansatz­wei­se. Wenn wir das machen, wür­de es dar­an kein Inter­es­se geben.

MZEE​.com: Ein Song, auf dem ihr die­ses The­ma behan­delt, heißt "Nein, Dan­ke!". Elm­äx rappt auf die­sem eine Line, in der ein Name gepiept wird. Wir haben euch ein Zitat von Hein­rich Hei­ne dazu mit­ge­bracht: "In den Zei­tun­gen wur­den die von den Zen­so­ren bean­stan­de­ten Stel­len durch Stri­che ange­deu­tet. Lud­wig Bör­ne nann­te sie Lei­chen­stei­ne." – Fin­det ihr, dass selbst­in­iti­ier­te Zen­sur ein gutes Mit­tel ist, um Men­schen oder The­men bewusst kei­ne Platt­form zu bie­ten?

CONNY: An der Stel­le wird der Name R. Kel­ly zen­siert, der gera­de im Radio läuft. Max hat­te die­se Zei­le geschrie­ben, weil das für ihn ein Som­mer­ge­fühl zum Aus­druck gebracht hat. Als wir die Plat­te fer­tig gemacht haben, gab es aller­dings die Kam­pa­gne "#MuteR­Kel­ly". Das The­ma war gera­de groß in den Medi­en und es ging viel um den Pro­zess. Max und ich haben dar­über gere­det, wie wir mit die­ser Stel­le umge­hen wol­len. Für uns war sei­nen Namen zu muten eine Mög­lich­keit, um unse­re Soli­da­ri­tät mit die­ser Kam­pa­gne aus­zu­drü­cken. Wir fin­den, dass die­ser Künst­ler in den Medi­en nicht mehr statt­fin­den soll­te und somit konn­ten wir im Klei­nen unse­ren Teil dazu bei­tra­gen. Auf mei­ner EP mit Pimf habe ich zufäl­li­ger­wei­se auch eine Zei­le gerappt, in der R. Kel­ly vor­kommt. Obwohl die Plat­ten mit nur zwei Wochen Abstand releast wur­den, war "Stadt­land­flucht" schon viel frü­her beim Abmi­schen und somit hat­te ich kei­ne Mög­lich­keit, das noch zu ändern oder ein­zu­grei­fen, sonst hät­te ich das eben­falls gemacht. Auch wenn wir nur für die wenigs­ten ein sicht­ba­res State­ment gesetzt haben, war das eine poli­tisch rele­van­te Ent­schei­dung, die wir für uns getrof­fen haben.

Kgee: Wenn man im Video genau hin­sieht, gibt es einen klei­nen Hin­weis. Das Logo von der "#MuteRKelly"-Kampagne ist in dem Moment auf Max' Mund zu sehen.

Niels: Wir haben schon dar­über dis­ku­tiert. Ich habe dafür plä­diert, dass wir es drin las­sen. Ers­tens ver­su­che ich immer, Bei­spie­le zu ver­wen­den, die nach­hal­tig sind und für mich war in dem Moment klar, dass gera­de eine Wel­le auf R. Kel­ly her­ein­bricht. Wenn man aber den Song in zwei Jah­ren hört, wird sich nie­mand sofort dar­an erin­nern, war­um wir das gemu­tet haben. Und zwei­tens steht die Zei­le, unab­hän­gig davon, was R. Kel­ly vor­ge­wor­fen wird, für ein Gefühl, das Max beschreibt. Dem­entspre­chend ist für mich die Ankla­ge und die Beschrei­bung, dass er im Radio läuft, von­ein­an­der zu tren­nen. Ich habe das ein­mal so ange­spro­chen. Max und Con­ny waren aber dafür, das zu muten und da es Max' Part ist, war natür­lich auch klar, dass ich damit über­stimmt bin.

MZEE​.com: Ihr woll­tet hier ein bewuss­tes poli­ti­sches State­ment set­zen, aber die Ent­schei­dung, sich gegen R. Kel­ly zu stel­len, wird vom Hörer nicht unbe­dingt bemerkt. Was für einen poli­ti­schen Impact hat das dann?

Kgee: Der Song ist zeit­los. Man kann da immer den neu­es­ten #MeToo-​Skandalrapper ein­fü­gen. In fünf Jah­ren kommt ja eh der Nächs­te. Das ist sozu­sa­gen der "Lei­chen­stein" in der Text­skiz­ze. (lacht) Nein, es kann ja auch einen Dis­kurs anre­gen, wenn Leu­te rät­seln müs­sen. Viel­leicht recher­chiert jemand und fin­det es durch das Video raus.

CONNY: Eine gute Freun­din hat mal zu mir gesagt, dass die Beschwö­rung der Stär­ke einer Frau zugleich auch immer die Beschwö­rung ihrer Schwä­che sei. Wenn ich also stän­dig her­vor­he­be, dass eine gewis­se Frau stark ist, impli­ziert das, dass es etwas Beson­de­res ist, weil Frau­en eigent­lich die Schwa­chen wären. Ich fin­de, da ist ein ähn­li­cher Mecha­nis­mus vor­han­den. Der Ansatz die­ser Kam­pa­gne ist, die­se Per­son ein­fach nicht mehr statt­fin­den zu las­sen. Aber wenn ich die gan­ze Zeit dar­über dis­ku­tie­re, die­se Per­son nicht statt­fin­den zu las­sen, fin­det sie trotz­dem statt. Ich den­ke, die Idee dahin­ter ist, die­sen Künst­ler ein­fach kom­plett stumm zu schal­ten, sodass er nicht mehr vor­han­den ist. Sonst hal­te ich ihn am Leben.

Kgee: Da kann ich mich nur anschlie­ßen. Und wenn das bedeu­tet, dass in letz­ter Instanz der Hörer nicht ver­steht, was in die­ser Zei­le statt­fin­det, dann ist das so. Ich spie­le auch kei­ne R. Kelly-​Songs mehr, wenn ich auf­le­ge.

CONNY: Du stellst aber auch kein Schild dane­ben, auf dem steht, dass Kgee heu­te Abend kein R. Kel­ly auf­legt. Das wäre ja bescheu­ert. (lacht)

Niels: Man kann das auch gut als Stil­mit­tel ver­wen­den. Kgee und ich haben beim Durch­hö­ren unse­rer Dis­ko­gra­phie fest­ge­stellt, dass wir mit den Jah­ren immer weni­ger erklä­ren in unse­ren Tex­ten. Das liegt auch an der heu­ti­gen Zeit und dar­an, dass durch das Inter­net so vie­le Infor­ma­tio­nen ver­füg­bar sind. Frü­her hät­te ich zum Bei­spiel nie über das Odo­ni­en gerappt, weil nur ein Bruch­teil der Leu­te, die in Köln fei­ern gehen, das Odo­ni­en ken­nen. Im Zwei­fels­fall wird aber jemand goo­geln und her­aus­fin­den, was das ist. Das ist dann wie ein Über­ra­schungs­ei. Wenn ein Künst­ler so etwas in einem Song ver­steckt und ich das her­aus­fin­de, habe ich noch mal eine ande­re Bezie­hung zu die­sem Lied. Das fin­de ich gut.

MZEE​.com: Ist für euch Zen­sur von außen ver­tret­bar? Wel­che Gren­zen hat sie für euch?

Niels: Ich habe das Gefühl, dass weni­ger zen­siert wird als frü­her. Das viel grö­ße­re Pro­blem ist, dass Leu­te nicht mehr in den Dia­log mit­ein­an­der tre­ten. Das ist auch eine Art von Zen­sur, aber das geht zu weit, weil das jetzt wie­der so poli­tisch wird. Aber selbst, wenn ein Album auf dem Index lan­den wür­de, könn­te man es noch irgend­wo im Inter­net fin­den.

CONNY: Das macht das Gan­ze nur noch inter­es­san­ter. Wich­tig ist, dass eine sinn­vol­le Bericht­erstat­tung über sol­che Inhal­te statt­fin­det, damit Leu­te, die nicht so vie­le Gedan­ken in sol­che Tex­te gesteckt haben, dabei unter­stützt wer­den, eine Mei­nung dazu zu fin­den.

MZEE​.com: Fin­det ihr, dass der HipHop-​Journalismus das gut hin­be­kommt?

CONNY: Nach mei­nem Gefühl wer­den die News kür­zer. Mir wird immer wie­der der ALL GOOD-​Podcast von Jan Wehn ans Herz gelegt, weil in dem eine Aus­ein­an­der­set­zung mit sol­chen Inhal­ten in der Tie­fe statt­zu­fin­den scheint. Ich habe lei­der noch nicht rein­ge­hört und auch schon län­ger nicht mehr die JUICE gele­sen. Kann sein, dass in man­chen Medi­en aus­rei­chend dar­über gere­det wird, ich habe das aber nicht mit­be­kom­men. Viel­leicht habe ich aber auch nur etwas ver­passt.

Niels: Das ist nicht mal den Medi­en oder Inhalts­ma­chern vor­zu­wer­fen, son­dern den jewei­li­gen Platt­for­men. Wenn ich über eine Stun­de ein Inter­view mit einem Künst­ler füh­re, ist genug Platz um tief­grün­di­ge­re Sachen zu bespre­chen. In einem lan­gen Tua-​Interview fin­den wahr­schein­lich tie­fe­re The­men Platz als in einem lan­gen Fler-​Interview – da fin­det Fler statt, um das an einem Kli­schee fest­zu­ma­chen. Das Fler-​Interview bekommt wahr­schein­lich 300 000 Klicks, aber das Tua-​Interview ver­mut­lich höchs­tens 30 000 Klicks. Ich bekom­me bei You­Tube auch nur Fler rein­ge­spielt, weil durch unse­re Like- und Algo­rith­mus­kul­tur nur das wahr­ge­nom­men wird, was am lau­tes­ten ist. Dadurch wer­den die Peaks immer aus­drucks­stär­ker und die The­sen und das Bespro­che­ne müs­sen immer radi­ka­ler sein, damit sie Gehör fin­den. Die Medi­en beu­gen sich dem auch nur.

MZEE​.com: In sol­chen For­ma­ten wird mit den Künst­lern vor allem über The­men gespro­chen, mit denen sie sich bereits beschäf­ti­gen. Natür­lich wird da nicht eine Stun­de mit Gzuz über Sexis­mus gere­det.

Niels: Wäre aber geil.

CONNY: Wir haben sogar eine Gzuz-​Referenz auf der Plat­te. Max sagt auf "Toast Hawaii": "Was zur Höl­le soll Toco­tro­nic sein?" Das basiert auf einer Instagram-​Story von Gzuz, in der er einen Zei­tungs­ar­ti­kel über sich selbst liest. Das ist die­ses High­le­vel an Igno­ranz, das ein­fach per­fekt für die­sen Song war, der der Inbe­griff davon ist.

MZEE​.com: Ganz nach Batt­le­ma­nier habt ihr eini­ge Refe­ren­zen auf der Plat­te und im Video. Neben Gzuz wird zum Bei­spiel auch Kay One erwähnt. Hät­tet ihr an gewis­sen Stel­len im Nach­hin­ein lie­ber einen ande­ren Namen genannt, der aktu­el­ler ist?

Kgee: Klar, das könn­te man end­los so wei­ter­füh­ren, aber eine EP ist immer eine Moment­auf­nah­me. Zu der Zeit war es eben das.

CONNY: Es wäre ein­fach gewe­sen, einen Stich gegen einen Mero oder Eno zu machen und damit auch aktu­ell zu sein, aber damit käme auch ganz schnell die Gefahr, zu ver­bit­tert und nei­disch auf deren Hype zu wir­ken.

Kgee: Man macht sich beim Schrei­ben auch kei­ne gro­ßen Gedan­ken, was man für Namen nennt. Das ist eine Moment­auf­nah­me und dann lan­det halt Kay One auf einem Track.

(Jens Paep­ke & Yas­mi­na Ross­meisl)
(Fotos: Fre­de­ric Fisch)