T9

Doz9 und Tor­ky Tork war Nor­ma­les schon immer zu lang­wei­lig. Statt im All­tags­trott im Ber­li­ner Stu­dio fest­zu­hän­gen, suchen der schöns­te Mann im Raum und der Lieb­lings­pro­du­zent dei­nes Lieb­lings­un­ter­grund­rap­pers die Inspi­ra­ti­on für ihre Plat­ten fast immer im Aus­land. Sti­lis­tisch las­sen sich Doz und Tor­ky in Deutsch­land ohne­hin nur schwer mit ande­ren Künst­lern ver­glei­chen. Die Pro­mo­pha­se für das nächs­te Release "Maestro/​Antipop" begann bereits vor der Ver­öf­fent­li­chung der Vor­gän­ger­plat­te "Plas­tik aus Gold", indem die ers­te Sin­gle für das vier­te Album vor dem Erschei­nen des drit­ten Albums aus­ge­kop­pelt wur­de. "Maestro/​Antipop" soll den T9-​Sound mani­fes­tie­ren und wei­ter­ent­wi­ckeln, wäh­rend es gleich­zei­tig mit den vor­he­ri­gen Wer­ken bre­chen will. Im Inter­view spra­chen wir mit den bei­den über den Ent­ste­hungs­pro­zess des neu­en Releases, dar­über, war­um sie auf ihren eige­nen Alben ger­ne mit ande­ren Pro­du­zen­ten zusam­men­ar­bei­ten sowie über diver­se Mög­lich­kei­ten, Musik zu kon­su­mie­ren. Außer­dem ging es um Lo-​Fi-​Beat-​Tutorials, ein klei­nes Miss­ver­ständ­nis mit Trett­mann und dar­um, wel­cher Rap­per von Doz' Musik Psy­cho­sen bekommt.

MZEE​.com: In unse­rem letz­ten Inter­view haben wir dar­über gespro­chen, wie­so ihr bis­her nur rela­tiv kur­ze Plat­ten mit einer Lauf­zeit von um die 30 Minu­ten ver­öf­fent­licht habt. Auf "Maestro/​Antipop" fin­den sich ins­ge­samt 18 Tracks. Wie ist es zu die­ser Umstel­lung gekom­men?

Doz9: Die ers­ten bei­den Plat­ten und ihr For­mat sind dar­aus ent­stan­den, dass wir immer irgend­wo­hin gefah­ren sind und die Alben in Ses­si­ons auf­ge­nom­men haben. "Plas­tik aus Gold" haben wir im Stu­dio auf­ge­nom­men, aber die­sen Cha­rak­ter bei­be­hal­ten. Die­ses Mal haben wir uns ein­fach Zeit gelas­sen und tat­säch­lich direkt, nach­dem "Plas­tik aus Gold" fer­tig war, am neu­en Album gear­bei­tet. So sind wir dann die Tracks auch auf ver­schie­de­ne Wei­sen ange­gan­gen und haben mal über Kon­zep­te nach­ge­dacht.

MZEE​.com: Woher kam der Sin­nes­wan­del?

Doz9: Mich per­sön­lich nervt es ein biss­chen, dass die letz­ten drei Alben andau­ernd in ein Ver­hält­nis zuein­an­der gestellt wer­den. Natür­lich ist es immer die glei­che Kom­bi von uns bei­den, die Optik der Cover mit dem Han­dy war gleich. Es bie­tet sich schon an, die Alben in einen Zusam­men­hang zu stel­len. Aber eigent­lich sol­len sie gar nicht mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den, weil sie alle ihre eigen­stän­di­ge Geschich­te haben. Ich will das aber nie­man­dem vor­wer­fen, weil ich wahr­schein­lich genau­so vor­ge­hen wür­de. Davon woll­ten wir uns ein­fach lösen. Aller guten Din­ge sind drei wir woll­ten nicht wie­der irgend­wo hin­fah­ren und ein vier­tes Album in die­ser Rei­he machen.

MZEE​.com: Auf den letz­ten Plat­ten gab es nur ver­ein­zel­te Tracks, die einem mehr oder weni­ger offen­sicht­li­chen inhalt­li­chen Leit­fa­den folg­ten. Gibt es auf dem neu­en Album mehr davon?

Doz9: Teil­wei­se ja, teil­wei­se genau das Gegen­teil. Mehr kann ich momen­tan nicht sagen. (grinst)

MZEE​.com: Die ers­ten zwei Sin­gles zu eurem mitt­ler­wei­le vier­ten Album waren schon län­ger ver­öf­fent­lich­te Songs – ihr habt das schon als "nach­hal­tig­keits­stif­ten­de Album-​Promo" beti­telt. Wie genau ist die­se Idee eigent­lich ent­stan­den?

Doz9: Dar­um, ein­fach als Konter-​Kultur. Nor­ma­ler­wei­se musst du nach irgend­wel­chen Regeln spie­len, um Anschluss zu fin­den und bla. Aber man kann mit die­sen Regeln auch spie­len, sie trans­for­mie­ren oder auch … dis­rup­tie­ren. (lacht)

Tor­ky Tork: Fremd­wort! (lacht)

Doz9: Im End­ef­fekt haben wir's gemacht, weil wir's kön­nen. Es ist halt ein coo­ler Move, vor dem drit­ten Album die ers­te Sin­gle vom vier­ten Album her­aus­zu­brin­gen.

MZEE​.com: Wuss­tet ihr damals schon, wie das vier­te Album klin­gen wird?

Doz9: Das kann man so nicht sagen, die Akti­on war jetzt kein tota­les Kal­kül. Aber es ist auch nicht so, dass der ers­te Track nichts mit dem Fla­vour des neu­en Pro­jek­tes zu tun hat. Das ist schon alles bün­dig.

MZEE​.com: Wart ihr wäh­rend des Ent­ste­hungs­pro­zes­ses wie­der unter­wegs?

Doz9: Mehr­mals. Unter ande­rem waren wir in Wien, dann am Vie­litz­see direkt um die Ecke vom Wohn­sitz von Wla­di­mir Kami­ner. Wir waren in Indi­en, auch wenn wir da nicht unbe­dingt Musik gemacht haben, aber dort haben wir Vide­os gedreht. Und die Erfah­rung ist, glau­be ich, indi­rekt auch ins Pro­jekt ein­ge­flos­sen.

MZEE​.com: Inwie­fern spie­gelt sich Wien in der Plat­te wider?

Doz9: Es spie­gelt sich in der Bril­lanz der Künst­ler, die dort woh­nen, wider.

Tor­ky Tork: Genau. Ich hab' ja schon län­ger eine Bezie­hung zu Wien und auch eine Zeit lang dort gewohnt. Sehr lie­be Freun­de von dort sind Pro­du­zen­ten, Sän­ger und Rap­per. Mit denen haben wir Mucke gemacht. Es geht weni­ger um den Ort als um die Leu­te, die da woh­nen. Wir haben drei Din­ger mit Fid Mel­la gemacht. Wandl hat gesun­gen, pro­du­ziert und Sachen ein­ge­spielt, Jamin hat gesun­gen. Eigent­lich waren wir für einen Gig da und im End­ef­fekt sind drei rich­tig coo­le Songs dar­aus ent­stan­den. Die sind zum einen total "T9", zum ande­ren aber voll anders, weil sie bei­spiels­wei­se in Mel­las Stu­dio ent­stan­den sind. Die waren alle ein­fach am Start. Einen hal­ben Tag vor unse­rem Abflug sind Wandl und Jamin bei­de noch vor­bei­ge­kom­men und wir haben noch einen Song gemacht.

MZEE​.com: Wandl hät­te man auf eurer Plat­te nicht unbe­dingt erwar­tet – passt aber echt gut, wenn man dar­über nach­denkt.

Doz9: Tor­ky ist halt bru­tal offen, was Koope­ra­tio­nen angeht. Der kann mit jedem Beat­schrau­ber zusam­men­ar­bei­ten und es ist für eine Band­struk­tur wie unse­re eine inter­es­san­te Sache, nicht nur Rap­per zu fea­turen, son­dern auch Pro­du­zen­ten. Tor­ky kann sich dadurch voll ent­wi­ckeln. Mit Wandl macht er den Sound, mit Suff Dad­dy einen ande­ren und mit mir oder Audio88 wie­der etwas voll­kom­men ande­res. War­um soll man so eine Eigen­schaft nicht nut­zen? Des­halb haben wir die­ses Mal echt vie­le Produzenten-​Features auf der Plat­te.

Tor­ky Tork: Das war auch der Ansatz. "Maestro/​Antipop" besteht übri­gens ins­ge­samt aus zwei Plat­ten, die gemein­sam funk­tio­nie­ren und sich ergän­zen. Das sind das vier­te und das fünf­te Album. Es sind auch super vie­le Songs. (lacht)

Doz9: Das wür­de heu­te eigent­lich kei­ner mehr machen.

Tor­ky Tork: Eigent­lich machst du ja nur noch Sin­gles und so. Aber wir woll­ten dies­mal irgend­wie etwas Grö­ße­res, Vol­les machen. Audio hat uns gesagt, dass wir uns mal Zeit las­sen sol­len. Wir haben drei Jah­re hin­ter­ein­an­der Alben releast …

Doz9: Er hat halt auch Recht gehabt.

Tor­ky Tork: … du kannst dann nicht das vier­te direkt hin­ter­her­bal­lern. Die eine Plat­te folgt die­sem bis­he­ri­gen T9-​Zyklus schon, die ande­re ist ein biss­chen anders. Aber im End­ef­fekt sind das auch ein­fach nur wir. Es ist jetzt nicht so, dass wir Yin und Yang erfun­den haben, aber wir haben es viel­leicht etwas ver­sucht.

MZEE​.com: Habt ihr die Songs auch anders struk­tu­riert, was bei­spiels­wei­se die Län­ge oder Hooks angeht?

Doz9: Teil­wei­se. Auf dem einen Album ja, auf dem ande­ren eher nicht. Wir haben ver­sucht, uns bei der einen Plat­te rela­tiv stark am ers­ten Album zu ori­en­tie­ren und ganz roughen, sport­li­chen Rap auf expe­ri­men­tel­len Beats zu machen. Und beim zwei­ten …

Tor­ky Tork: Oh Gott, wie du das gesagt hast! Wie häss­lich! (lacht) Wie ein Leh­rer!

Doz9: (lacht) Beim zwei­ten Album sind wir halt noch einen Schritt wei­ter als bei "Plas­tik aus Gold" gegan­gen. Da haben wir auch schon viel mit kon­tem­po­rä­rer Musik gespielt, was die Geschwin­dig­kei­ten und so wei­ter betrifft. Wir woll­ten auf jeden Fall die Dich­te an Songs mit einem Leit­fa­den auf einer Plat­te erhö­hen.

MZEE​.com: Wie lässt sich dann zusam­men­fas­send der Unter­schied zu den drei Vor­gän­ger­al­ben beschrei­ben? Auch, wenn wir die­se ja nicht im Zusam­men­hang betrach­ten wol­len … 

Doz9: Die las­sen sich schon alle in Ver­bin­dung brin­gen, weil die sich ja auch gegen­sei­tig refe­ren­zie­ren. Ich trans­for­mie­re ja auch ger­ne alte Zei­len zu neu­en. Wenn die ers­ten drei Alben die Aus­bil­dung waren, sind die neu­en die Meis­ter­prü­fung. So kann man das sagen.

MZEE​.com: Wie steht es eigent­lich um euer Hör­ver­hal­ten – hört ihr noch vie­le kom­plet­te Alben oder eher ein­zel­ne Songs und eige­ne Play­lists?

Tor­ky Tork: Ich ver­su­che schon, Alben zu hören. Ich fin­de lei­der irgend­wie kei­ne rich­tig gei­len Play­lists. Nichts gegen Modus Mio, aber …

Doz9: Play­lists sind auch was für Unin­spi­rier­te. Aller­dings kön­nen die­se Emp­feh­lun­gen, die einem anhand der Musik, die man selbst hört, gemacht wer­den, ganz frucht­bar sein.

Tor­ky Tork: Ich find's irgend­wie noch nicht geil genug. Aber viel­leicht hab' ich nur noch nicht den Dude gefun­den, der den­sel­ben Geschmack hat wie ich.

MZEE​.com: Wenn man ein biss­chen sucht, gibt's schon auch ganz gute Lis­ten. Vor allem ist es inter­es­sant, dass Instru­men­tals und Beats teil­wei­se sehr vie­le Streams haben, weil sie in die­sen gan­zen LoFi-​Study-​Listen gefea­turet wer­den.

Tor­ky Tork: Ich hab' manch­mal das Gefühl, ich müss­te mei­ne gan­zen alten Beats noch­mal aus­gra­ben. (grinst) Sor­ry, aber der meis­te Kram ist halt echt Easy Lis­ten­ing. Das ist für mich nichts Beson­de­res.

Doz9: Ey, ich könn­te mei­ner Mut­ter zei­gen, wie man sol­che Beats macht.

Tor­ky Tork: Okay, das ist jetzt schon har­tes Geha­te. (lacht) Aber zu einem gewis­sen Punkt ist es so. Natür­lich gibt es da auch Jungs, die krass talen­tiert sind und gei­le Sachen machen. Aber für "tuto­ri­al how to make Lo-​Fi beats" gibt es schon echt lus­ti­ge Such­ergeb­nis­se. Es gibt so ein gei­les Tuto­ri­al dazu. In die­sen Beats sind ja immer so Wasser-​Sounds – und in die­sem Tuto­ri­al geht der Typ ein­fach pis­sen und sam­plet sei­ne Pis­se. (lacht) Das hat mir Bluesta­eb geschickt, der ist auch so ein rich­ti­ger Lo-​Fi-​Hater.

MZEE​.com: Das war natür­lich auch die Moti­va­ti­on für dich, dein ers­tes Instrumental-​Album noch mal zu releasen …

Tor­ky Tork: Nein, nein. (grinst) HHV woll­te das noch­mal auf Vinyl brin­gen. Doz hat mich auch gefragt, ob ich mich nicht für mei­ne alten Beats schä­me. Die sind halt echt 12, 13 Jah­re alt. Ich hab' die damals mit dem Cinch-​Kabel aus der MPC raus­ge­bounct, das war's halt. Kein Mix, kein Mas­ter. Das war rich­tig LoFi, weil's nicht bes­ser ging.

MZEE​.com: Doz, könn­test du dir vor­stel­len, so alte Songs noch­mal zu releasen?

Doz9: Es gibt ja die "Need for Weed"-Alben, die immer noch gehört wer­den. Ich steh' da schon zu, aber ich wür­de es nicht re-​releasen.

MZEE​.com: Kannst du dir das noch anhö­ren?

Doz9: Ich hör' mei­ne eige­ne Musik eigent­lich gene­rell fast nie außer­halb des Ent­ste­hungs­pro­zes­ses.

Tor­ky Tork: Ich auch nicht, zumin­dest nicht mei­ne alte Musik. Aber als ich die Plat­te jetzt noch­mal gehört hab', fand ich sie schon geil. Das war ein­fach so ein Gefri­ckel. Ich hab' damals krass viel Zeit damit ver­bracht, Sam­ples auf der MPC zu zer­schnip­peln. Was für eine Arbeit das war, wie lan­ge das gedau­ert haben muss! (grinst) Aber hät­te ich zu der Zeit gerappt und das auf­ge­nom­men, könn­te ich mir das heu­te wahr­schein­lich auch nicht mehr anhö­ren.

Doz9: Ja, Rap ist da noch mal was ande­res.

Tor­ky Tork: Vor allem, wenn man früh anfängt, Tex­te zu ver­öf­fent­li­chen, sind die eben oft noch jung und wild. Alle sie­ben Jah­re ver­än­dert sich dann dein Gehirn und du wirst qua­si ein ande­rer Mensch. Und dann bist du plötz­lich ein Erwach­se­ner und fragst dich, war­um du die Mut­ter von XY bum­sen woll­test und was mit dir los war.

MZEE​.com: Wenn wir über Ver­än­de­rung und Kon­stanz spre­chen: Es ist ja auch bei­des mög­lich. Man kann sich bei­spiels­wei­se musi­ka­lisch und auch ein­stel­lungs­tech­nisch ver­än­dern, aber den­noch eine gewis­se Grund­ein­stel­lung der Musik­in­dus­trie oder der Her­an­ge­hens­wei­se an Musik gegen­über behal­ten. Da fal­len mir bei­spiels­wei­se Yas­sin und sei­ne neue Plat­te ein.

Doz9: Also, wir haben kein Auto­tu­ne ver­wen­det. (lacht) Wir haben noch gar nicht über Auto­tu­ne gere­det!

Tor­ky Tork: Es gibt da auf jeden Fall wie­der einen Unter­schied zwi­schen den Tex­tern und den Men­schen, die Musik machen. Als Tex­ter sagst du ja wirk­lich etwas. Doz schreibt im Grun­de genom­men ein gan­zes Buch, wenn er ein Album macht. Die­se Ver­än­de­rung kannst du natür­lich über die Jah­re mit­le­sen.

Doz9: Du posi­tio­nierst dich viel mehr. Aber wir sind schon … erwach­se­ner gewor­den. (lacht) Nein, tat­säch­lich wür­de ich nicht sagen, dass wir jetzt bei­spiels­wei­se krass erwach­sen gewor­den sind, wenn wir über die­sen "Minds­hift" reden. Irgend­wer hat unse­re Musik auch mal als "grown men rap" bezeich­net.

MZEE​.com: Es ist sowie­so ver­wun­der­lich, in wel­che Schub­la­den Acts so gesteckt wer­den. "Stu­den­ten­rap" hab' ich über euch auch schon gehört, weil es so ver­kopft wäre.

Doz9: Wir wur­den auch schon mit Soo­kee zusam­men gebucht. (grinst) Dilem­ma hat immer gesagt, er krie­ge von mei­ner Musik Psy­cho­sen oder so.

Tor­ky Tork: Das ist die Head­line. (lacht)

Doz9: Das, was für man­che die gro­ße Bar­rie­re ist, um Zugang zu fin­den, ist für ande­re das Inter­es­san­te an der Musik. Die mögen es dann, dass man immer etwas Neu­es ent­de­cken kann. Dafür wur­de Den­de­mann frü­her gefei­ert. Das war das Coo­le an ihm, du konn­test die Mucke hören und dir den­ken: "Ah, krass, jetzt hab' ich das und das ver­stan­den" und so wei­ter. Sol­che nach­hal­ti­gen Tex­te sind heu­te die Bar­rie­re dazu, Erfolg zu haben. Also, was heißt nach­hal­tig? Ich erklä­re nie­man­dem die Welt, aber die Tex­te sind eben sehr refe­ren­zi­ell und ver­schlüs­selt und es kann auch Spaß machen, die zu ent­schlüs­seln.

MZEE​.com: Am erfolg­ver­spre­chends­ten ist es ja aktu­ell, dei­nem Track den Namen eines Fuß­bal­lers zu geben und die­sen mög­lichst oft zu wie­der­ho­len.

Doz9: Es ist momen­tan eigent­lich ein echt guter Zeit­punkt, um eine künst­li­che Intel­li­genz für gene­ri­sche Rap­tex­te zu pro­gram­mie­ren. Du brauchst ein gewis­ses Set­up an Refe­ren­zen wie Fuß­ball­spie­lern, Mode­la­bels und viel­leicht noch Models und Rolex­mo­del­len. Dazu packst du dann noch ein paar Lifestyle-​Schemes oder so.

MZEE​.com: Dann pro­gram­miert man noch ein paar Flows ein …

Doz9: Genau, die sind halt "Lele­le". Es ist ein­fach alles so mega gene­risch. Also, teil­wei­se kommt dabei ja auch wirk­lich coo­le Mucke her­aus.

MZEE​.com: Wobei das ja auch 'ne Ana­lo­gie zu 90-​bpm-​Boom bap ist. Da klingt auch vie­les gleich.

Doz9: Hm … ja, klar. Aber wenn du die 90er Jah­re her­an­ziehst, war das schon krass vari­an­ten­reich. Du kannst jetzt nicht Out­kast mit Onyx ver­glei­chen oder Wu-​Tang mit Big­gie.

Tor­ky Tork: Aber es ist aktu­ell in dem Sin­ne auch vari­an­ten­reich, weil es eben alle Vari­an­ten gibt. Es gibt ja selbst den 90er-​Jahre Boom bap noch.

Doz9: Und zwar viel bes­ser als vor­her.

Tor­ky Tork: Der läuft voll durch. Selbst die Beats von vor zehn Jah­ren funk­tio­nie­ren noch. Jeder hat sei­ne eige­ne Schie­ne.

MZEE​.com: Die­se Parallel-​Entwicklung gibt's auf jeden Fall. Aktu­ell bekom­men ja Leu­te wie Ulys­se, Haze oder Kwam.E durch­aus viel Auf­merk­sam­keit, indem sie eine Oldschool-​Schiene fah­ren.

Doz9: Kwam.E ist ultra­cool. Der hat ein­fach die Ener­gie. (lacht) Der hat auf jeden Fall ver­stan­den, wie das funk­tio­niert, das muss man dem echt las­sen. Bei Ulys­se ist es genau das Glei­che. Und bei Haze ist es wie­der­um noch­mal was ande­res, aber der hat auch ver­stan­den, wie man's macht. Du merkst ein­fach: Das sind Stra­ßen­jungs, die aber auch Fans sind und sich mit Hip­Hop befasst haben. Die machen das nicht nur, weil es gera­de cool ist, son­dern sind durch eine Schu­le gegan­gen. Ich glau­be nicht, dass Haze' Label ein­fach so Alte Schu­le Records heißt, da steckt schon etwas dahin­ter.

MZEE​.com: Ich habe euch noch ein Zitat mit­ge­bracht, das mich an eure Musik erin­nert. Der deut­sche Schrift­stel­ler Sig­mund Graff sag­te mal: "Jedes Kunst­werk ist eigent­lich eine Skiz­ze, die erst durch unse­re Fan­ta­sie voll­endet wird." – Wür­det ihr sagen, dass das eure Her­an­ge­hens­wei­se an Musik gut beschreibt?

Doz9: Ja. "Ich mal' 'ne Skiz­ze und du darfst sie aus­ma­len" ist ja auch eine Line von mir. Es liegt alles im Auge des Betrach­ters. Wenn du in mei­nen Tex­ten Sachen fin­den möch­test, steht dir alles offen – auch Kri­tik­punk­te. Das kann Fluch und Segen sein.

Tor­ky Tork: Es steht oft kein Kon­zept dahin­ter. Es ist ein­fach der Vibe – wenn es sich rich­tig anfühlt und alles gesagt ist, ist alles gesagt. Wir sind auf jeden Fall nicht die Typen, die am Ende des Songs noch drei­mal die Hook wie­der­ho­len. Das ist im Rap noch total krass ver­brei­tet. Ich hab' gera­de 'ne Plat­te mit C.S. Arm­strong aus den USA gemacht. Die Songs gehen auch immer ganz kurz los, bau­en sich wild auf, dann gibt's einen Break­down, es geht noch­mal los und dann klingt der Track aus. So sind wir bezie­hungs­wei­se bin ich sowie­so immer. Die Rap­per haben mir frü­her gesagt, dass ich nicht stän­dig so lan­ge Intros pro­du­zie­ren soll, wenn das Intro län­ger als der gan­ze Song war. Aber für mich gehört das total dazu. Ich fand es frü­her scha­de, dass es das im Hip­Hop nicht so gab. Das war natür­lich auch ein tech­ni­sches Pro­blem, weil du mit den Sam­plern nicht so kras­se Arran­ge­ments machen konn­test. Du hat­test halt nur zwei Sekun­den Sample-​Zeit und hast des­halb die­se super simp­len Beats gemacht, in denen nichts pas­siert ist. Heut­zu­ta­ge gibt es ja kras­se Mög­lich­kei­ten und dadurch wer­den die Beats, was die Arran­ge­ments, Melo­di­en und so wei­ter angeht, immer kom­ple­xer.

MZEE​.com: Ein lan­ges Intro kann einem Song auch viel geben.

Doz9: Es ist nur live anstren­gend. (grinst) Aber eigent­lich ist es geil. Es ebnet qua­si das Büh­nen­bild für dich.

MZEE​.com: Das kann ja auch die Erwar­tungs­hal­tung des Hörers stei­gern. Du war­test gespannt dar­auf, was gleich im Song bezie­hungs­wei­se Part pas­siert.

Doz9: Ich glau­be, bei der ers­ten T9-​Platte war das Intro der längs­te Track. (lacht)

MZEE​.com: Wir kom­men lang­sam zum Ende des Inter­views und ich wür­de ger­ne noch Fol­gen­des von euch wis­sen: Was wünscht ihr euch für deut­schen Rap 2019?

Tor­ky Tork: Boah, fuck. Für so eine Fra­ge brau­che ich immer einen hal­ben Nach­mit­tag.

Doz9: Ich wün­sche mir, dass ich in Zukunft mit einem Hub­schrau­ber zum Auf­tritt flie­ge. Das wün­sche ich mir für Deutschrap. (lacht) Nee, ich fin­de, Deutschrap geht in eine ver­dammt gute Rich­tung. Klar, es gibt den gan­zen Schmutz, aber der Unter­grund ist so stark. Guck dir die Tape­fa­brik an. Das ist total wich­tig. Leu­te wie wir, für die sich nor­ma­ler­wei­se kein Schwein inter­es­siert, sind da Head­li­ner. Und die Leu­te fei­ern das, die kom­men an und wol­len Fotos machen und so. Ich kann mit sowas gar nicht umge­hen, weil ich das nicht ken­ne. Das ist auch der Beweis dafür, wie exis­tent der Unter­grund ist. Es gibt einen Hau­fen Künst­ler, die da sind, auch wenn sie nicht gebucht wer­den. Da gibt es so vie­le kras­se Leu­te, egal, wel­chen Sound du pum­pen willst. Es ist total viel­sei­tig und ent­wi­ckelt und ver­netzt sich echt cool.

Tor­ky Tork: Ich glau­be, es gibt ein paar rich­tig inter­es­san­te Künst­ler, die man noch nicht wirk­lich sieht. Auf allen mög­li­chen Wel­len wird so viel gesen­det, dass man Schwie­rig­kei­ten hat, durch das Dickicht zu gucken. Man will die Sachen ja auch zwei-, drei- oder zwan­zig­mal hören. Ich wün­sche mir, dass man die Leu­te, die rich­tig geil sind, mehr sieht. Dafür fehlt mir noch ein biss­chen das Medi­um. Frü­her hat­test du halt den Plat­ten­la­den, irgend­wel­che Blogs oder dei­nen Facebook-​Feed. Und da hast du es auf jeden Fall mit­be­kom­men, wenn der Künst­ler, dem du folgst, etwas pos­tet. Jetzt ist halt alles gesteu­ert. (grinst) Dadurch ver­liert man die Über­sicht.

MZEE​.com: Das ist ja auf der gan­zen Welt mitt­ler­wei­le mehr oder weni­ger so. Die­se natür­li­che Limi­ta­ti­on gibt es in der Art nicht mehr, was eben posi­ti­ve und nega­ti­ve Aspek­te mit sich bringt.

Tor­ky Tork: Genau. Ich fin­de aber auch, dass es sehr gei­le Ent­wick­lun­gen gibt. Sowohl in die­ser super moder­nen, trap­pi­gen als auch in die­ser total under­groun­di­gen Rich­tung. Ich freue mich dar­auf, wenn bestimm­te Hypes dem­nächst mal vor­bei sind und was dann kommt auf die nächs­te Wel­le. (grinst) Viel­leicht ist die dann auch wie­der eine Melan­ge aus irgend­was. Das ist ja eigent­lich immer so. Gera­de kamen vie­le Dancehall-​Vibes durch RAF, 187, Tret­ti und so wei­ter …

Doz9: KMN darfst du da auf kei­nen Fall ver­ges­sen. Das ist echt dope, Alter. Für das, was die machen, ist das rich­tig gut. Ich zieh' mir fast alles von denen rein. Es ist fas­zi­nie­rend, dass die ein­fach aus Dres­den kom­men und in Dres­den kein Schwanz über die redet, obwohl die so krass groß sind. (lacht) Ich fin­de, dass die die­sen Sound echt mit­ge­prägt haben. Die sind schon so lan­ge dabei und haben ein­fach ver­stan­den, wie man das macht.

MZEE​.com: Lasst uns zum Abschluss noch ein biss­chen über Gos­sip quat­schen. 2015 hast du auf einem Track die­se Spit­ze gegen Trett­mann gesetzt: "Ein Herz für säch­si­sche Frau­en – keins für Trett­mann." Hat sich dar­an eigent­lich etwas geän­dert?

Doz9: Mich haben echt vie­le Leu­te auf die Zei­le ange­spro­chen, auch aus Musi­ker­krei­sen. (lacht) Da hab' ich gemerkt, dass Tret­ti das irgend­wie mit­be­kom­men und mir echt übel genom­men hat. Kann ich aber voll ver­ste­hen, wenn mich jemand in so einem Kon­text erwäh­nen wür­de, wür­de ich mich viel­leicht auch auf­re­gen. Wir ken­nen uns gar nicht.

Tor­ky Tork: Ich hab' ihn mal ken­nen­ge­lernt.

Doz9: Die haben auch schon mal dar­über gespro­chen. Im End­ef­fekt kann ich jetzt alles erklä­ren, wie ich will, aber tat­säch­lich hab' ich das ganz anders gemeint, als es rüber­kam. Der Grund­ge­dan­ke war ein­fach nur, Props an säch­si­sche Frau­en zu geben, ich hab' ja auch 'ne säch­si­sche Freun­din. Trett­mann hat ja frü­her als Ron­ny Trett­mann säch­si­schen Reg­gae gemacht. Mei­ne Rela­ti­on dazu war, dass ich es mir jeden Tag geben kann, wenn mei­ne Freun­din Säch­sisch redet, aber Ron­ny Trett­mann auf Säch­sisch war jetzt nicht so sehr meins. Wobei ich das alles ken­ne, von Anfang an. "Ich will dich grät­sche­ne" und so. Ich hab' das auch gefei­ert.

Tor­ky Tork: (singt) "Mädsche­ne, ich will dich grät­sche­ne!" (grinst) Wir haben das rauf und run­ter gehört, als Trett­mann noch nie­mand kann­te. In der Album­pro­duk­ti­on zu "R.I.F.F.A." auf Tene­rif­fa zum Bei­spiel, mor­gens zum Früh­stück. (singt erneut) "Mädsche­ne, ich will dich grät­sche­ne!" Wir sind eigent­lich super Fans. Die Line war nur auf die­sen Dia­lekt bezo­gen. Aber dadurch, dass der Typ halt in sei­nem eige­nen Laby­rinth lebt, wo du ihn mal erwischst und mal nicht, ist das total falsch ver­stan­den wor­den. Wir haben das alles aber schon geklärt. Ich hab' neu­lich zusam­men mit Tret­ti gespielt und er kam zu mir. Wir hat­ten mit­be­kom­men, dass er das echt kacke fand. Ich hab's ihm erklärt. (grinst)

Doz9: Das war ja lan­ge vor sei­nem Hype. Und ich muss sagen, dass sein Album echt 'ne Inspi­ra­ti­on ist. Der ist so lan­ge dabei und hat so vie­le Höhen und Tie­fen erlebt. In dem Alter dann sein gro­ßes Album zu machen und voll den Zahn der Zeit zu tref­fen, ohne sich zu ver­stel­len – das ist 'ne ver­dammt star­ke Leis­tung.

(Alex­an­der Hol­len­horst)
(Foto von Jero­me Reich­mann)