Lord Folter

Wer den Namen Lord Fol­ter zum ers­ten Mal hört, wird ihn nicht unbe­dingt mit Rap­mu­sik in Ver­bin­dung brin­gen. Auch wenn es sich bei ihm zwei­fels­frei um einen Rap­per han­delt, bricht sei­ne Musik genau­so wie das von ihm gewähl­te Pseud­onym die Kon­ven­tio­nen des Gen­res. Der in Düs­sel­dorf leben­de Künst­ler bezeich­net sich selbst als "Ant­ago­nist der Her­zen" und "Prot­ago­nist der Schmer­zen" – eine Cha­rak­te­ri­sie­rung, die sich glei­cher­ma­ßen in sei­ner Klang­äs­the­tik und Lyrik abzeich­net. Für unser Inter­view tra­fen wir uns in einem kal­ten Kel­ler­raum vol­ler alter Sofas, des­sen größ­te Wand durch ein gewal­ti­ges Gemäl­de von einer idyl­li­schen Wald­land­schaft geziert wur­de. Ein Ort, der ähn­lich vie­le Dis­kre­pan­zen wie die Musik des Rap­pers auf­weist. Dort spra­chen wir mit Lord Fol­ter über sei­ne musi­ka­li­schen Anfän­ge, die künst­le­ri­sche Ent­wick­lung und aktu­el­le Pro­jek­te. Außer­dem befrag­ten wir den Kunst­stu­den­ten über das Ver­hält­nis von Musik und frei­er Kunst.

MZEE​.com: Du bist trotz meh­re­rer Releases noch ein ziem­li­cher Geheim­tipp. Um dich ein wenig ein­ord­nen zu kön­nen: Gab es bestimm­te Künst­ler oder Künst­le­rin­nen, durch die du mit Rap sozia­li­siert wur­dest?

Lord Fol­ter: Als Kind auf jeden Fall Emi­nem, aber das darf man eigent­lich gar nicht sagen. Ich bin 92er Jahr­gang, Aggro Ber­lin und Bushi­do waren mei­ne ers­ten Kon­tak­te mit deut­schem Rap. An den M.O.R.-Sachen bin ich kom­plett vor­bei­ge­schwappt und habe das im Nach­hin­ein wie­der­holt. "Elec­tro Ghet­to" oder "Car­lo Cokxxx Nut­ten II", da erin­ne­re ich mich noch dran. "Nie ein Rap­per" höre ich heu­te noch ab und zu, auch wenn man den Typen nicht ger­ne unter­stüt­zen mag.

MZEE​.com: Man nimmt dich ja in einer ganz ande­ren Rich­tung wahr, bei­spiels­wei­se in Ver­bin­dung mit Azu­demSK. Waren das auch die Leu­te, die du dann selbst gepumpt hast?

Lord Fol­ter: Azu­demSK ist ja eigent­lich erst recht spät gekom­men. Wir haben uns vor zwei Jah­ren in Sie­gen auf der Schieß­stand Jam ken­nen­ge­lernt, davor habe ich auch schon zwei Jah­re Kon­zer­te gespielt und Mucke gemacht. Man ver­bin­det mich häu­fig mit ihm, weil es wahr­schein­lich der bekann­tes­te Künst­ler ist, mit dem ich kol­la­bo­riert habe. Aber wir wol­len natür­lich Joe Space nicht ver­ges­sen. Das war eigent­lich der ers­te Kol­la­bo­ra­teur, bei dem ich mich dar­auf ein­ge­las­sen habe, eine Plat­te zu machen.

MZEE​.com: Dei­ne Musik klingt auf jeden Fall eher nach Unter­grund, wenn man es so bezeich­nen möch­te. Aggro Ber­lin hört man da nicht so viel raus.

Lord Fol­ter: Aggro war damals ja auch noch Unter­grund. (grinst) Ich rap­pe teil­wei­se schon sehr aggres­siv, vor allem live. Wahr­schein­lich wür­de man es am ehes­ten in die Con­scious Rap-​Ecke stel­len, was ich aber irgend­wie ner­vig fin­de. So nach dem Mot­to: "Der macht sich Gedan­ken um irgend­was, der braucht bestimmt total lan­ge und ist voll roman­tisch." Es gibt vie­le Inter­pre­ta­ti­ons­wei­sen und ich wür­de schon sagen, dass ich ein aggres­si­ver MC bin, auch wenn man das auf Plat­te nicht mehr hört. Aber klar, es ist Untergrund-​Rap.

MZEE​.com: In Gen­res packen ist immer etwas ner­vig, aber vie­le brau­chen das den­noch.

Lord Fol­ter: Klar, man kann dar­über kurz erklä­ren, wor­an man über­haupt ist, wenn man jeman­dem bei­spiels­wei­se neue Musik zeigt oder dar­über spricht. Man braucht es aber nicht, um die Musik am Ende zu bewer­ten.

MZEE​.com: In unse­rem For­mat "MZEE Tape" nann­test du vor­wie­gend aus­län­di­sche Tracks, dafür aber sound­tech­nisch ziem­lich breit gefä­cher­te. Wenn du deut­sche Musik emp­fiehlst, han­delt es sich meis­tens eher um Rap aus dem Boom bap-​Kontext. Macht die Spra­che da für dich einen kla­ren Unter­schied?

Lord Fol­ter: Die Argo­nau­tiks zum Bei­spiel. (Lord Fol­ter zieht sei­nen Pul­li hoch und zeigt ein Argonautiks-​Shirt) Die haben ein kras­ses Album raus­ge­hau­en! Da war ich echt geflasht. Aber im All­ge­mei­nen: Was soll ich machen? Soll ich mir irgend­ein Gen­re aus­su­chen? Ich ver­su­che mal, irgend­wie zu erklä­ren, wie das zustan­de kommt. Ich fin­de, es macht eigent­lich nur Sinn, dass jemand, der in einer Sze­ne steckt, gar nichts kon­su­miert, was in die­ser Sze­ne statt­fin­det. Du suchst dir auto­ma­tisch Kon­kur­ren­ten, ver­gleichst dich und so wei­ter. Das mache ich schon oft genug. Ich inter­es­sie­re mich ein­fach für eng­lisch­spra­chi­ge Musik, ich bin damit irgend­wie groß gewor­den, ohne viel dar­über nach­zu­den­ken, eng­li­sche Rap­tex­te zu schrei­ben. Die im Tape erwähn­ten Songs waren ein­fach Sachen, die mich die­ses Jahr wirk­lich geflasht haben. Letz­tes Jahr wäre es viel­leicht auch etwas Deut­sches gewe­sen, da habe ich aber die­ses Jahr nichts gehabt.

MZEE​.com: Wenn ich Rap auf Deutsch höre, ist es auch viel aus die­ser spe­zi­el­len Rich­tung, aber fast sämt­li­che ande­re Musik, die ich höre, ist auf Eng­lisch.

Lord Fol­ter: Ich höre auch ger­ne fran­zö­si­schen Rap. Da gibt es rich­tig gute Sachen. Ichon bei­spiels­wei­se hat wirk­lich gei­le Musik raus­ge­bracht, der macht jetzt so Vaporwave-​Kram, aber ist auch ein gei­ler MC. Oder die La Base-​Jungs aus Biel, das ist kras­ser fran­zö­sisch­spra­chi­ger Rap aus der Schweiz. Rich­tig üble Gs, die müsst ihr euch anhö­ren. La Base und Tru Comers, da geht es wirk­lich um Fla­vour. Die haben so ein Zün­geln, ein Kau­der­welsch. Der Sound ist ein­fach krass, die hät­te ich letz­tes Jahr bei dem MZEE Tape genannt. (lacht)

MZEE​.com: Bevor du begon­nen hast zu rap­pen, hast du in Punk-​Bands gespielt. Unter wel­chem Namen warst du damals aktiv?

Lord Fol­ter: Da war ich auch schon mit ihm hier unter­wegs. (zeigt auf DJ Sex) Das war schon fast Cross­over. Es war ziem­lich hart, irgend­was zwi­schen Punk und Post-​Hardcore. Wir hat­ten aber kei­nen Namen. Wir haben ein Jahr geprobt, wirk­lich jede Woche bei einem Kol­le­gen, der unser Drum­mer war. Der Vater hat­te eine Musik­schu­le und die hat­ten da Pro­be­räu­me. Wir hat­ten einen rich­tig fähi­gen Schlag­zeu­ger, DJ Sex hat Gitar­re mit der Loop-​Station gespielt, sehr vir­tu­os. Habt ihn auf dem Schirm, DJ Sex. Und Mal­te, der heu­te Bass bei Annen­May­Kan­te­reit spielt, war dabei, ist dann aller­dings ins Aus­land gegan­gen. Das alles hat sich dann nach und nach auf­ge­löst.

MZEE​.com: War­um habt ihr in dem Zeit­raum nichts releast?

Lord Fol­ter: Na ja, wenn du einen mise­ra­blen Sän­ger wie mich hast … (über­legt) Ich habe halt gute Tex­te geschrie­ben, aber ich konn­te immer bes­ser brül­len als sin­gen. Den­noch hat­te ich den Anspruch, zu sin­gen und es hat­ten alle immer sehr ver­schie­de­ne Ide­en. Dann ging der ers­te, ich habe mein Stu­di­um abge­schlos­sen, bin nach Düs­sel­dorf, er ist nach Köln gegan­gen. Es hat sich ein­fach aus­ein­an­der geformt und es hat uns gereicht, das ein­fach nur für uns zu machen.

MZEE​.com: War das dann für dich der Grund, mit dem Rap­pen zu begin­nen?

Lord Fol­ter: Auf jeden Fall, weil ich ein­fach kei­ne Musi­ker um mich her­um hat­te und mir einen Weg gesucht habe, Musik machen zu kön­nen. Ich habe immer Tex­te schrei­ben wol­len und kann­te im dama­li­gen Stu­di­um einen Typen, der ein Mikro­fon zu Hau­se hat­te. Ich wur­de zu ihm ein­ge­la­den und wir haben sofort in einer Nacht einen Track geschrie­ben. Das war direkt ein Dou­ble­ti­mer mit so einem Splatter-​Part. (lacht) Dann habe ich ein­fach immer bei dem auf­ge­nom­men und irgend­wann bin ich in Köln mit den Jungs in Kon­takt gekom­men, also mit Atvanz, der auch auf der Brach-​EP pro­du­ziert hat. Und so ging es ein­fach irgend­wie wei­ter.

MZEE​.com: Und das waren auch dei­ne ers­ten rich­ti­gen Rap-​Versuche?

Lord Fol­ter: Ich habe vor­her viel­leicht drei Songs auf­ge­nom­men, die aber nie ver­öf­fent­licht wur­den, die kennt man nicht. Danach habe ich die Brach-​EP auf­ge­nom­men und raus­ge­hau­en.

MZEE​.com: Wir haben schon über ver­schie­de­ne Sti­le gespro­chen. Gibt es noch ande­re Gen­res, die dich als Künst­ler beson­ders rei­zen?

Lord Fol­ter: R'n'B fin­de ich super­geil. Frü­her habe ich immer so ganz schä­bi­gen R'n'B gehört, Oma­ri­on und sowas. Ich fand die­se kit­schi­gen Melo­di­en ganz geil. Aber ich fin­de es halt auch gut, wenn es nicht die­se pop­pi­ge Instru­men­tie­rung hat. Wobei das bei­spiels­wei­se Frank Oce­an gut macht. Er hat pop­pi­ge Instru­men­tals, will R'n'B sin­gen, hat aber gar nicht die Stim­me, um der per­fek­te R'n'B-Sänger zu sein. Er bedient dabei in einem Cross­over meh­re­re Gen­res, das macht es so span­nend. Mitt­ler­wei­le ist es bei mir zu einem Inter­es­se für Musik gewech­selt. Eigent­lich wür­de ich mich gar nicht auf einem Rap-​Festival sehen, son­dern auf einem Musik-​Festival. Es wird alles offe­ner und das ist auch super­geil. Ich fin­de auch fast alle Boom bap-​Heads gut, Blabber­Mouf kann ich mir bei­spiels­wei­se immer geben. Super­coo­ler Typ und es ist beacht­lich, wie er das alles mit sei­ner Stim­me macht. Figub-​Beats kann ich mir auch immer anhö­ren. Aber es gibt ein­fach noch viel mehr und das ist so weit gestreut. Selbst die Argo­nau­tiks machen jetzt nicht den klas­si­schen Sound, das ist so weit von M.O.R. oder Ber­lin ent­fernt und trotz­dem ver­glei­chen die alle damit. Die haben schon ihren eige­nen Style. Das ist ein total kal­tes Mas­ter, sehr klo­big und dann kom­men die­se Jungs und knal­len so ultra vir­tuo­se Parts dahin. Ich fin­de das Form-​technisch ein­fach geil, die haben immer super Brid­ges und sind wirk­lich gute Rap­per guter Fla­vour irgend­wie. Die haben ja auch schon meh­re­re Sachen ver­öf­fent­licht, die ich mir noch gar nicht ange­hört habe, aber die­ses Gaffa-​Album ist echt über­geil. Ich höre wirk­lich weni­ger deut­schen Rap mitt­ler­wei­le, aber das hat mich total geflasht.

MZEE​.com: Du selbst hast eine rela­tiv spe­zi­el­le Art, zu beto­nen und Wor­te zu wäh­len, was sicher­lich auch dazu geführt hat, dass du mitt­ler­wei­le eine Art Geheim­tipp bist. Hat­test du es dadurch frü­her schwe­rer, Gehör zu fin­den und Leu­te für dei­ne Musik zu begeis­tern?

Lord Fol­ter: Ich kann mir ziem­lich gut Leu­te aus­su­chen, die mir ähn­lich gesinnt sind. Die haben das eigent­lich immer gemocht. Ich habe auch Con­tra bekom­men, aber ich habe sel­ten gehört, dass es ganz schlimm sei. Natür­lich hab' ich gehört, dass man nichts damit anfan­gen kön­ne oder dass ich mehr wie die 187 Stras­sen­ban­de rap­pen sol­le. Nach dem Mot­to: "Du bist ja zwei Meter groß, geh doch mehr pum­pen, bal­ler dir zwei Pis­tols auf die Brust, das kannst du auch!" Kei­ne Ahnung, ich bin halt so ein lie­ber Kerl. Ich kom­me gut behü­tet aus einem Mit­tel­stand­s­haus­halt, was soll ich jetzt einen auf G machen? Selbst, wenn ich kif­fen oder Schwarz­geld ver­die­nen wür­de. Ich hat­te ein Inter­es­se an Kunst, an Lyrik und Poe­sie, da hat mich vie­les an deut­schem Rap nicht inter­es­siert. Das ist für mich ein­fach fern­ab von lyri­scher Qua­li­tät.

MZEE​.com: Wie sieht das hin­sicht­lich der Arti­ku­la­ti­on aus? Mor­lockk Dilem­ma wird teil­wei­se dar­auf ange­spro­chen, war­um er denn auf so eine spe­zi­el­le Art rappt. Machst du dir dar­über über­haupt Gedan­ken?

Lord Fol­ter: Schon, ja. Ich mache mei­ne Musik jetzt seit einem Drei­vier­tel­jahr fast kom­plett selbst. Ich bin Mixing- und Mastering-​technisch noch nicht so gut drauf, des­halb brau­che ich noch die Hil­fe mei­ner befreun­de­ten Pro­du­zen­ten, aber der Sound, die Chords und die Drums sind von mir. Da ent­steht gera­de tat­säch­lich auch Gesang­li­ches. Ich rap­pe zwar noch immer auf ein­fa­che Sample-​Loops, aber ich mer­ke schon, dass ich ein Inter­es­se dar­an habe, nicht immer nur die­se mono­to­ne Stim­me zu nut­zen. Das war aber auch nie die Inten­ti­on. Wenn du die Zeit ein­fach Revue pas­sie­ren lässt und siehst, dass ich erst seit vier, fünf Jah­ren release, ist ja noch lan­ge nicht das letz­te Wort gespro­chen. Was in wei­te­ren fünf Jah­ren pas­sie­ren wird und wie oft sich mei­ne Stim­me in irgend­wel­che Rich­tun­gen wan­deln kann, weiß ich noch nicht. Ich kann aber sagen, dass auf jeden Fall etwas kom­men wird, das ganz anders ist. Ich wer­de heu­te (Anm. d. Red.: Inter­view wur­de kurz vor einem Auf­tritt geführt) auch etwas ande­res spie­len und habe mega Schiss davor, ehr­lich gesagt. Ich bin nicht der bes­te Sän­ger und ver­su­che, es trotz­dem sän­ge­risch zu machen. Wenn ich das für mich allei­ne auf­neh­me, dann geht das. Live zu rap­pen, ist aber etwas ganz ande­res, als live zu sin­gen, das sind zwei kom­plett ver­schie­de­ne Grund­stim­mun­gen. Im Rap geht es häu­fig dar­um, zu pres­sen und das Zwerch­fell zu benut­zen, also ordent­lich Druck hin­ter der Stim­me zu haben. Das mögen Leu­te, wenn jemand wie Gzuz rappt. Aber wirk­lich sen­si­tiv einen sehr per­sön­li­chen Track zu machen und den live zu sin­gen … (über­legt) Wenn ich ver­sucht habe, das zu machen, hat­te ich immer das Gefühl, dass Stim­men kamen, die mein­ten, ich sol­le auf­hö­ren zu sin­gen. Selbst wenn die Leu­te alle etwas ande­res wol­len, kann ich als Künst­ler selbst ent­schei­den, ob ich woan­ders rein­gu­cken oder etwas pro­bie­ren möch­te. Das ist ja auch eine Pro­gres­si­on. Man kann mich dafür fer­tig machen, aber es muss zumin­dest pro­biert wer­den. Ich bin heu­te mutig, mal sehen, was dar­aus wird. (grinst)

MZEE​.com: Bei dir läuft ja gene­rell vie­les anders ab. Du hast bei­spiels­wei­se das Cover dei­ner Brach-​EP selbst gezeich­net. Siehst du Ele­men­te wie das Art­work als Mate­ri­al, durch das ein Release erst voll­stän­dig wird?

Lord Fol­ter: Nicht zu sehr, ehr­lich gesagt. Es ist ein­fach eine per­sön­li­che Ges­te. Ich woll­te das Cover für mei­ne ers­te Plat­te machen und fand die Zeich­nung von die­ser Wolfs- oder Hun­de­fi­gur – was auch immer man da jetzt hin­ein­in­ter­pre­tie­ren möch­te – immer toll. Der wei­te­re Wer­de­gang war ein­fach eine Zusam­men­ar­beit mit befreun­de­ten Künst­lern, von denen ich ein Bild als Cover woll­te. Bei der Rouge-​LP war das Fabi­an Her­ken­hoe­ner, das ist ein Maler aus Düs­sel­dorf bezie­hungs­wei­se Ber­lin, der mitt­ler­wei­le über­all aus­stellt, in Rom et cete­ra. Der macht rich­tig gei­le Sachen und ich woll­te unbe­dingt ein Cover von ihm haben. Das Haut-​Cover hat auch wie­der eine eige­ne Geschich­te, aber das dau­ert zu lan­ge. Es muss immer eine per­sön­li­che Ver­bin­dung haben, ganz vir­tu­os. Wenn ich frü­her an das Platten- oder CD-​Regal gegan­gen bin, habe ich mir häu­fig ein­fach CDs nach dem Cover gekauft. So habe ich Oce­an­si­ze ent­deckt, eine der bes­ten Post-​Progressive Bands, die es auf der Welt gibt. Das woll­te ich auch so haben: Wenn jemand mei­ne Plat­te sieht, dann soll er oder sie sich für das Cover ent­schei­den kön­nen.

MZEE​.com: Das ist ja auch ein tol­ler Aspekt bei Vinyl, dass das Art­work so groß ist.

Lord Fol­ter: Nur des­we­gen mache ich das, glau­be ich. Die­ser Objekt-​Charakter ist ein­fach span­nend. Das ist so ein klei­nes Kunst­werk in der Hand. Natür­lich ist das auch etwas kleinstädtisch-​studentisch, wenn ich mein Cover selbst zeich­ne, aber für mich hat es ein­fach Sinn gemacht, weil ich es stu­diert habe. Ich fand die­ses san­di­ge Cover mit der Figur per­fekt für Brach. Kunst­ge­schicht­li­che Refe­ren­zen erge­ben auch Sinn irgend­wie.

MZEE​.com: Gibt es denn dort eine kon­kre­te Refe­renz?

Lord Fol­ter: Es gibt Bezü­ge aus der Roman­tik. Cas­par David Fried­rich hat beim "Wan­de­rer im Nebel­meer" zwar den Rücken der Figur dar­ge­stellt, aber ich fin­de schon, dass es ein ähn­li­cher Stand ist, eine ähn­li­che Pon­de­ra­ti­on. Pon­de­ra­ti­on ist ein ganz wich­ti­ges Wort, das könnt ihr direkt ins Inter­view auf­neh­men. (grinst) Das bezeich­net in der Kunst­ge­schich­te den Stand einer Skulp­tur oder einer Figur im All­ge­mei­nen. Es geht um den aus­ge­gli­che­nen Stand und den dabei ent­ste­hen­den gol­de­nen Schnitt.

MZEE​.com: Du bist auch in der frei­en Kunst tätig. Dabei arbei­test du unter ande­rem mit Ver­satz­stü­cken – bei­spiels­wei­se setzt du aus den Stümp­fen meh­re­rer Bäu­me einen neu­en Baum zusam­men. Gehst du bei dei­nen Tex­ten ähn­lich vor?

Lord Fol­ter: Ja, ich schrei­be skulp­tu­ral. Wenn ich Kri­tik bekom­me, dann sagen mir Leu­te: "Pass doch mal auf, dass du nicht nur Phra­sen drischst. Sag doch auch irgend­was, was nicht wich­tig ist." Ich kann tat­säch­lich kei­ne Tex­te raus­ge­ben, bei denen nicht jede Zei­le für sich steht. Das wür­de ich jetzt so frech behaup­ten.

MZEE​.com: Schreibst du dann immer nur ein­zel­ne Zei­len und ent­schei­dest spä­ter, was du zusam­men­packst?

Lord Fol­ter: Ja, genau. Was ich jeweils zusam­men­pa­cke, ent­schei­de ich nach Gefühl. Manch­mal bin ich direkt geflasht davon, was dabei raus­kommt. Seit Län­ge­rem kommt das nicht mehr so vor. Das ist ein lang­wie­ri­ger Pro­zess. Aber wor­über schreibt man schon heut­zu­ta­ge? Ich habe kei­ne Lust, poli­ti­sche Musik zu machen, das inter­es­siert mich nicht. Ich habe auch kei­ne Lust, Batt­lerap zu machen. Wie erklärt man, was man für Tex­te schrei­ben will? Ich wür­de ger­ne Impres­sio­nen und schö­ne oder auch dra­ma­ti­sche Situa­tio­nen zusam­men­pres­sen. Das sprach­lich zu erfin­den, dau­ert ein­fach. Da kommt einem manch­mal ein Geis­tes­blitz oder eine Zei­le aus einem Dia­log, den man mit irgend­wem hat und das passt dann in einen Text. Das ist aber kom­plett unter­schied­lich und man­che Tex­te brau­chen auch zwei Jah­re. Manch­mal geht es aber auch anders: Als ich mit Tor­ky Tork für "Love Of My Life" im Stu­dio saß, habe ich es tat­säch­lich geschafft, 16 Zei­len kom­plett vor Ort zu schrei­ben – in sie­ben Stun­den. (lacht) Tor­ky und Mal­te haben den Beat von Anfang an pro­du­ziert und ich habe es irgend­wie hin­be­kom­men, gleich­zei­tig zu schrei­ben. Außer­dem hat­te ich noch acht Zei­len aus einer vor­he­ri­gen Ses­si­on mit der Band von Annen­May­Kan­te­reit – vie­le Grü­ße. Sowas ist aber eher sel­ten.

MZEE​.com: Wir haben dir noch ein Zitat mit­ge­bracht. Der öster­rei­chi­sche Schrift­stel­ler und Dich­ter Hugo von Hof­manns­thal frag­te mal: "Ist der Dich­ter nicht ein Täter, den wir durchs Schlüs­sel­loch belau­schen?" – Wie wür­dest du dar­auf ant­wor­ten und war­um?

Lord Fol­ter: Mei­ne Ant­wort dazu lau­tet: "Es ist immer der Täter, der spricht." Das ist eine Zei­le von mir, die habe ich vor zwei Mona­ten geschrie­ben. (grinst)

MZEE​.com: Dei­ne Tex­te haben ja all­ge­mein einen recht phi­lo­so­phi­schen Anstrich. Du rappst bei­spiels­wei­se auf "Lich­ter­loh": "Ver­wun­de­tes Wild, fin­de mich unter dem Schilf, ver­sun­ken in Gedan­ken unter Was­ser wan­delnd." – Woher kommt die­ser Hang zum Grüb­le­ri­schen und Abs­trak­ten?

Lord Fol­ter: Ich glau­be, ich wur­de echt durch ein paar Bekannt­schaf­ten getrig­gert, dass ich irgend­wie das Gefühl habe, Leu­ten zei­gen zu wol­len, was ich sprach­lich drauf habe. Der Kol­le­ge, von dem ich eben erzählt habe, liest wirk­lich jeden Scheiß an Phi­lo­so­phie, auch den wirk­lich har­ten Tobak. Mit dem kann ich kein Gespräch dar­über füh­ren, weil ich nicht genü­gend Wis­sen dafür habe. Und ich habe irgend­wie den Anspruch, den Leu­ten etwas zu bewei­sen. Mal nicht kör­per­lich der Macker sein und zu Gzuz wer­den. Leu­te tot­schla­gen, aber mit Spra­che.

MZEE​.com: Schau­en wir zum Abschluss in die Zukunft: Könn­test du dir vor­stel­len, dei­ne Musik und dei­ne bil­den­de Kunst mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen?

Lord Fol­ter: Das ist die här­tes­te und beschis­sens­te Fra­ge, die ich immer wie­der gestellt bekom­me. Wirk­lich, ich fin­de das echt hart. Mein Pro­fes­sor hat zu mir gesagt: "Kunst und Musik? Sie kön­nen doch nicht bei­des machen, dann haben Sie immer nur Ihre hal­be Kon­zen­tra­ti­on auf bei­des ver­la­gert. Machen Sie doch lie­ber eine Sache rich­tig." Das hat auf jeden Fall geses­sen und rich­tig weh­ge­tan. Da habe ich mich gefragt, für wen ich das eigent­lich mache. Als ich ins Kol­lo­qui­um kam, hab' ich gesagt, dass ich eine Plat­te gemacht habe. Es kamen in der Zeit eben kei­ne Vide­os oder Skulp­tu­ren und er kann mit Musik nichts anfan­gen. Das hat mich echt erschla­gen. Ich weiß aber nicht, was da noch pas­siert. Ich habe oft dar­über nach­ge­dacht, Instal­la­tio­nen zu machen. Ein Auf­tritt kann auch etwas Per­for­ma­ti­ves haben und gän­gi­ge Struk­tu­ren durch­bre­chen. Ich muss ja nicht auf die Büh­ne kom­men und "Yo! Yo!" sagen, son­dern kann auch auf einem scheiß Eber ein­rei­ten, dann ist das auch wie­der etwas ande­res. Den Mit­tel­weg habe ich aber noch nicht im Kopf. Ich fin­de, dass es eine schwie­ri­ge Sache ist. Wenn ich das mache, soll die Ges­te rein­schep­pern und kon­zen­triert sein.

(Alex­an­der Hol­len­horst & Jens Paep­ke)
(Fotos von David Hen­sel­der)