Figub Brazlevic – ein Gespräch über den Balkan

Der Bal­kan ist ein omi­nö­ses Gebiet, bei dem man gefühlt nicht genau weiß, wo er eigent­lich anfängt und auf­hört – irgend­wo im Osten Euro­pas halt. Um genau zu sein, beschreibt der Bal­kan den Süd­os­ten Euro­pas und die Län­der, aus denen er besteht, sind Bosnien-​Herzegowina, Ser­bi­en, Kroa­ti­en, Alba­ni­en, Nord­ma­ze­do­ni­en, Mon­te­ne­gro, Slo­we­ni­en und der Koso­vo. Eigent­lich gehö­ren Grie­chen­land, Bul­ga­ri­en, Rumä­ni­en, Mol­dau und die Tür­kei eben­falls dazu und Ungarn gefühlt ein biss­chen, aber das war es dann auch. Unser aktu­el­les Inter­view dreht sich vor allem um die Staa­ten, die zu Jugo­sla­wi­en gehör­ten. Ein Teil der Fami­lie unse­res Gas­tes Figub Brazle­vič kommt näm­lich aus Bosnien-​Herzegowina, wes­we­gen er einen gro­ßen Bezug zu der Kul­tur hat und sich lan­ge mit den Krie­gen, die dort von 1991 bis 2001 herrsch­ten, aus­ein­an­der­setz­te. Um auf die Geschich­te der Kon­flik­te im ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en ein­zu­ge­hen, muss man bei Tito anfan­gen. Tito, genau­er Josep Broz Tito, war lan­ge Staats­chef der Volks­re­pu­blik und wur­de sogar zum Prä­si­den­ten auf Lebens­zeit beru­fen. Zu sei­nen größ­ten Erfol­gen zähl­te wohl, dass er sich gegen Sta­lin, die Sowjet­uni­on und den Kom­mu­nis­mus stell­te – für einen Sozia­lis­mus, der dem Volk zugu­te­kam. Man konn­te frei rei­sen, Arbeiter:innen durf­ten ihre Vor­ge­setz­ten selbst wäh­len, da die Betrie­be ihnen gehör­ten, und man war sozi­al abge­si­chert sowie vor Armut beschützt. So zumin­dest die Theo­rie. Die Pra­xis sah dann doch ein wenig anders aus. Hin­ter der Fas­sa­de des gefei­er­ten Sozia­lis­mus fing es an zu brö­ckeln, Stu­den­ten­be­we­gun­gen und das Wie­der­auf­le­ben des Natio­na­lis­mus muss­ten bekämpft wer­den. Spä­tes­tens mit Titos Tod 1980 war der Zer­fall des Viel­völ­ker­staats sicher. Als Ers­tes woll­ten Kroa­ti­en und Slo­we­ni­en im Jahr 1991 nicht mehr Teil der Volks­re­pu­blik Jugo­sla­wi­en sein, was der Beginn eines Kriegs war, der bis 2001 anhielt. Über 200 000 Men­schen star­ben, wobei es zusätz­lich zu ver­hee­ren­den Völ­ker­mor­den und Kriegs­ver­bre­chen kam, wel­che vor allem von Ser­bi­en aus­gin­gen. Mit Figub spra­chen wir ins­be­son­de­re dar­über, wie sich die­ser Krieg für die Bevöl­ke­rung bis heu­te aus­wirkt, wel­che Fol­gen er für ihn und sei­ne Fami­lie hat­te, aber auch, was für wun­der­vol­le Aspek­te die Kul­tur des Bal­kans sowie ihre klei­ne, aber beson­de­re HipHop-​Szene zu bie­ten hat.

In die­sem Inter­view wird unter ande­rem aus­führ­lich über Krieg und Kriegs­ver­bre­chen gespro­chen und das aus nur einer Per­spek­ti­ve der Betei­lig­ten. Trotz ver­schie­de­ner Per­spek­ti­ven gibt es Fak­ten, die indis­ku­ta­bel und bewie­sen sind, wie zum Bei­spiel der Völ­ker­mord an den Bosniak:innen.

MZEE​.com: Lass uns mit Asso­zia­tio­nen anfan­gen: Wenn du an den Bal­kan denkst, was kommt dir als Ers­tes in den Kopf?

Figub Brazle­vič: Was mir als Ers­tes in den Kopf schießt? Pro­ble­me. Zwi­schen den Ser­ben und Alba­nern gab es kürz­lich wie­der vie­le Kon­flik­te, weil mei­nem Gefühl nach eini­ges nicht auf­ge­ar­bei­tet wur­de. Man hat ein­fach wei­ter­ge­macht. Der Bür­ger­krieg, die Reli­gio­nen, wo man her­kommt – das alles spielt immer noch eine Rol­le. In den 70ern und 80ern war der Bal­kan sehr inter­es­sant sowie fort­schritt­lich und Jugo­sla­wi­en war ein sehr wich­ti­ges Land, weil der dama­li­ge Prä­si­dent Tito mit so vie­len Natio­nen zusam­men­ge­ar­bei­tet hat. (Anm. d. Redak­ti­on: Die Natio­nen Bosnien-​Herzegowina, Ser­bi­en, Kroa­ti­en, Nord­ma­ze­do­ni­en, Mon­te­ne­gro, Slo­we­ni­en und der Koso­vo gehör­ten zu Jugo­sla­wi­en.) Selbst wel­chen, die im Kon­flikt mit­ein­an­der stan­den, wie zum Bei­spiel den USA und Russ­land. Wahr­schein­lich hät­te er sich für eine Sei­te ent­schei­den sol­len. Durch die Block­frei­en Staa­ten, die von Jugo­sla­wi­en, Ägyp­ten und Indi­en gegrün­det wur­den und sich gegen den Kal­ten Krieg aus­ge­spro­chen haben, hat­ten sie auch eine gewis­se Macht und wur­den vie­le Jah­re umwor­ben. Als der Jugo­sla­wi­en­krieg los­ging, stand aber nie­mand so wirk­lich auf ihrer Sei­te, weil sie nie rich­ti­ge Ver­bün­de­te hat­ten. Die Kon­flik­te zwi­schen Mus­li­men, Ortho­do­xen und Chris­ten sind damals sehr hoch­ge­kocht. Aktu­ell sehe ich das wie­der ein biss­chen mit Beden­ken. Wenn man dort ist, hat man manch­mal das Gefühl, nicht mehr in Euro­pa zu sein. Es ist aber auch wahn­sin­nig schön und das Essen ist echt gut. Auf­grund der Minen­si­tua­ti­on ist die Natur unglaub­lich gewach­sen, weil vie­le Orte immer noch nicht ganz berei­nigt und dadurch ver­las­sen sind. Einer­seits ist es so natur­be­las­sen und schön, ande­rer­seits gibt es kei­ne Kon­junk­tur und gute Wirt­schaft. Gera­de in Bos­ni­en gibt es viel Kor­rup­ti­on. Es läuft viel falsch. Der gan­ze Vibe dort ist sehr spe­zi­ell und man hat hier wenig mit­be­kom­men in den letz­ten Jah­ren, vor allem aus Bos­ni­en. Inzwi­schen, sagt man, ist es eine Salafisten-​Hochburg gewor­den und vie­le die­ser Sala­fis­ten kri­ti­sie­ren die Bos­ni­er dafür, dass sie eine mode­ra­te Hal­tung haben und in ihren Augen kei­ne wirk­li­chen Mus­li­me sind. Das sorgt vor Ort natür­lich für einen Clash und zeich­net sich durch ver­schie­den gepräg­te Land­stri­che ab.

MZEE​.com: Das ging jetzt direkt uner­war­tet tief in das The­ma. Du hat­test aber neben den Pro­ble­men, die omni­prä­sent sind und auf die wir spä­ter noch näher ein­ge­hen, auch ange­spro­chen, dass die Natur und das Essen total berei­chernd sind. Wel­che kul­tu­rel­len Beson­der­hei­ten ver­bin­dest du mit dem Balkan?

Figub Brazle­vič: Wenn man nach Sara­je­vo kommt, fühlt es sich ähn­lich an wie in Jeru­sa­lem. Auf dem Baščaršija-​Platz, also im Stadt­kern, hast du mit der Begova-​Moschee eine der ältes­ten Moscheen der Welt, aber auch die jüdisch-​orthodoxe und die katho­li­schen Kir­chen. Das ist schon inter­es­sant und hat eine ähn­li­che Ener­gie. Das Essen ist wun­der­voll und die Men­schen sind inter­es­sant. Sport ist dort auch sehr groß und wich­tig, vor allem Fuß­ball und Bas­ket­ball. Außer­dem gibt es eine zwar klei­ne, aber auch tol­le HipHop-​Szene. Mit den meis­ten Leu­ten bin ich zum Glück sogar con­nec­tet. Zu Koo­la­de aus Zagreb, der schon für Masta Ace pro­du­ziert hat, habe ich zum Bei­spiel einen guten Draht. Die Sze­ne ist auch unab­hän­gig vom Land gut mit­ein­an­der ver­netzt. Es ist eine schwie­ri­ge Situa­ti­on, weil alles sehr west­lich, aber trotz­dem so her­un­ter­ge­wirt­schaf­tet ist. Das ist nur mein Gefühl, aber ich kann sagen, dass die Kul­tur vor allem in den 70ern und 80ern sehr inter­es­sant war – man hat die Jugo­sla­wen "die Ame­ri­ka­ner Euro­pas" genannt. Die gan­ze Adria-​Küste ist wun­der­schön. Es gibt weni­ge Hotels und Indus­trie am Meer, man ist mehr mit den Leu­ten vor Ort in Kon­takt und bekommt viel mit. Die Leu­te ver­kau­fen aus ihrem Gar­ten her­aus Schnaps, Gemü­se und Öle – das haben die ein­fach drauf. Das ist schon der Wahn­sinn. Was das angeht, fin­de ich es wun­der­schön unten.

MZEE​.com: In wel­chen Punk­ten hat dich die­se Kul­tur als Per­son beeinflusst?

Figub Brazle­vič: Ich bin vor allem von mei­nem Vater geprägt, der 1971 mit 19 Jah­ren allein nach Deutsch­land gekom­men ist, eine deut­sche Frau gehei­ra­tet und irgend­wann auch einen deut­schen Pass bekom­men hat. Er ist nicht reli­gi­ös und ich durf­te immer sehr frei leben. Ich habe auch nicht Bos­nisch von ihm bei­gebracht bekom­men. Alles, was ich kann, habe ich mir selbst bei­gebracht oder mei­ne Freun­de. Es war also prä­sent, aber ich muss­te kein Teil davon sein. Was ich aber sagen muss: Letz­tens war ich wie­der unten und habe mei­ne Tan­te besucht, die den gan­zen Tag gekocht hat. Vor allem die­se gan­zen hand­ge­mach­ten Sachen wie Pita sind sehr viel Arbeit. Aber das habe ich zum Teil gelernt, als ich jün­ger war, und sowas taugt mir ohne Ende. Es gibt auch viel mehr fami­liä­res Gefü­ge dort, wäh­rend wir hier sehr indi­vi­dua­lis­tisch sind. Im Bal­kan ist es nach wie vor so, dass die meis­ten Men­schen einen gro­ßen Bezug zu ihrer Fami­lie haben und sie oft sehen.

MZEE​.com: Und trotz­dem hast du ein sehr zwie­ge­spal­te­nes Ver­hält­nis zu die­sem Teil dei­ner Her­kunft, oder?

Figub Brazle­vič: Es ist oft beklem­mend, wenn man sich vor Augen führt, was pas­siert ist und dass man Fami­lie dort hat. Ich habe im Nach­hin­ein viel auf­ge­ar­bei­tet und mir das rein­ge­zo­gen, um auch Wis­sen dar­über zu haben und kei­ne Schei­ße zu labern. Ich sehe mich aber nicht in der Ver­ant­wor­tung, mich zu posi­tio­nie­ren. Klar, ich habe einen bos­ni­schen Vater und Wur­zeln in Bos­ni­en, aber ich habe gera­de jetzt auch wie­der oft ein unwoh­les Gefühl, wenn ich über das Land nach­den­ke. Die­ser Kon­flikt ist so absurd und die Leu­te kön­nen sich bis heu­te nicht eini­gen. Es gibt immer noch die­sen Schmerz. Das Pro­blem ist auch, dass die meis­ten den Ser­ben nicht mehr trau­en, weil vor­ge­fal­len ist, was vor­ge­fal­len ist. Allei­ne in Bos­ni­en mit Mla­dić und Kara­džić – die bei­den bos­ni­schen Ser­ben­füh­rer –, die für Geno­zid und Mor­de ver­ant­wort­lich sind. Das kann man ja nicht leug­nen, das haben wir alle im Fern­se­hen gese­hen. Die Leu­te wur­den in den Nach­rich­ten inter­viewt und am nächs­ten Tag waren unzäh­li­ge Men­schen tot. (Anm. d. Red.: Hier ist die Rede vom Völ­ker­mord von Sre­bre­ni­ca, bei dem auf den dar­auf­fol­gen­den Tagen des 11. Juli 1995 unter Füh­rung des Mili­tär­chefs Rat­ko Mla­dić mehr als 8 000 vor allem männ­li­che Bosniak:innen ermor­det wur­den, nach­dem das Gebiet von den Ver­ein­ten Natio­nen zur UNO-​Sicherheitszone erklärt wur­de, in der nie­der­län­di­sche Trup­pen Sicher­heit gewähr­leis­ten soll­ten. Rado­van Kara­džić war der poli­ti­sche Füh­rer der bos­ni­schen, natio­na­lis­ti­schen Ser­ben, die bald zwei Drit­tel Bos­ni­ens und Her­ze­go­wi­nas kon­trol­lier­ten. Aus die­sen Gebie­ten ver­trie­ben sie Ange­hö­ri­ge ande­rer Bevöl­ke­rungs­grup­pen. Unter­stützt wur­den sie dabei von der ser­bi­schen Repu­blik unter Prä­si­dent Slo­bo­dan Miloše­vić.) Das sind Sachen, die man natür­lich nicht ein­fach wie­der ver­gisst, vor allem weil jede ein­zel­ne Fami­lie davon betrof­fen war. Es gibt selbst­ver­ständ­lich vie­le tol­le Men­schen, die dar­über hin­weg­se­hen, woher man kommt. Mein Vater hat mir auch nicht bei­gebracht, dass die Ser­ben alle schei­ße sind. Aber das sind alles Din­ge, die Pro­ble­me machen. Als ich das ers­te Mal in Kroa­ti­en war, hat­te ich total Stress, weil ich erzählt habe, dass ich Sohn eines Bos­ni­ers bin und man auto­ma­tisch annahm, dass mein Vater vor dem Krieg nach Deutsch­land geflüch­tet sei. Ich las­se mich von sowas nicht beein­flus­sen, aber sol­che Erfah­run­gen sind natür­lich unan­ge­nehm. Man hat das Gefühl, dass dort alles total unbe­re­chen­bar ist.

MZEE​.com: Auf so einem kon­flikt­rei­chen Boden fruch­ten natür­lich auch Ideo­lo­gien und Natio­na­lis­mus, was aktu­ell die Situa­ti­on der geflüch­te­ten Men­schen im Bal­kan zum Bei­spiel auch sehr schwie­rig gestal­tet. Es gibt jede Men­ge ille­ga­le Push-​Backs und Flüch­ten­de wer­den aggres­siv von der Grenz­po­li­zei ange­gan­gen. Die zu Tei­len nega­ti­ve und kri­ti­sche Ein­stel­lung der Bevöl­ke­rung dort den Flüch­ten­den gegen­über ist viel­leicht ein Stück weit inso­fern erklär­bar: Wer selbst wenig hat, teilt nur ungern. Kann gut sein, dass die Lage bald wie­der mehr eskaliert.

Figub Brazle­vič: Ja, voll. Es ist auf jeden Fall so, wie du es beschreibst. Dadurch, dass in den letz­ten Jah­ren ver­mehrt Geflüch­te­te, vor allem mus­li­mi­scher Her­kunft, gekom­men sind, war das für vie­le eine Her­aus­for­de­rung. Die Leu­te haben selbst nicht viel. Man bekommt ja mit, dass das alles schwie­ri­ge Zonen sind und es gibt für die flüch­ten­den Men­schen nicht mal eine Garan­tie, dass sie lebend durch­kom­men. Ich fin­de das schreck­lich, mei­ne Fami­lie hat ja selbst Flucht­er­fah­rung. Mei­ne deut­schen Groß­el­tern haben im Zwei­ten Welt­krieg alles ver­lo­ren und auf­ge­ben müs­sen. Und von mei­ner bos­ni­schen Fami­lie leben nur noch weni­ge dort, die ande­ren sind vor allem in die USA aus­ge­wan­dert. Mein lei­der bereits ver­stor­be­ner Onkel hat sich in sei­nem Hei­mat­dorf sein Haus wie­der­auf­ge­baut, nach­dem er Kron­zeu­ge in Den Haag war. (Anm. d. Red.: In Den Haag wur­de im Mai 1998 der Inter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof für das ehe­ma­li­ge Jugo­sla­wi­en ins Leben geru­fen, um gegen die Kriegs­ver­bre­chen vor­zu­ge­hen. Auch die Pro­zes­se gegen Rat­ko Mla­dić, Slo­bo­dan Miloše­vić und Rado­van Kara­džić wur­den dort geführt – ins­ge­samt waren es 161 Ange­klag­te, fast 11 000 Pro­zess­ta­ge, über 4 000 Zeu­gen und sechs Mal die Höchst­stra­fe: lebens­lang.) Er war also rich­tig tief drin­nen und ist sel­ber in einem KZ gefan­gen gehal­ten und aus­ge­hun­gert wor­den, bis er flie­hen konn­te. Er war wirk­lich gezeich­net von den Fol­te­run­gen. Er konn­te zuerst nach Deutsch­land flüch­ten und ist spä­ter in die USA gegan­gen. Danach war er sehr ver­bit­tert und ist nir­gend­wo mehr rich­tig hei­misch gewor­den. Als ich ein biss­chen älter wur­de, habe ich rea­li­siert, dass mein Vater, als das alles pas­siert ist, viel jün­ger als ich jetzt war. Er half sei­nen Geschwis­tern, nahm sie bei uns auf und muss­te gro­ße Ver­ant­wor­tung tra­gen. Damit gab es auch fami­liä­ren Stress. Mei­ne Mut­ter hat sich natür­lich auch sehr gesorgt und jeden Abend kamen Anru­fe. Man bekommt als Kind selbst­ver­ständ­lich mit, dass etwas nicht stimmt. Des­we­gen ergreift mich das Leid die­ser Men­schen auch sehr. Man hat da viel­leicht ein ande­res Gerech­tig­keits­emp­fin­den. Vie­le Leu­te kön­nen gar nicht begrei­fen, wie gut ihr Leben eigent­lich ist. Kurz bevor der Krieg los­ging, bin ich in den Som­mer­fe­ri­en noch mit mei­nem Onkel nach Jugo­sla­wi­en gefah­ren und dann hieß es plötz­lich, dass ich zurück muss. Ein Jahr spä­ter sind die ers­ten Schüs­se gefal­len. (Anm. d. Red.: 1991 began­nen die Bal­kan­krie­ge. Nach­dem Slo­we­ni­en und Kroa­ti­en im Juni ihre Unab­hän­gig­keit aus­rie­fen, kam es zum zehn­tä­gi­gen Krieg zwi­schen slo­we­ni­schen Ein­hei­ten und der Jugo­sla­wi­schen Volks­ar­mee (JNA), der mit dem Abzug der letz­te­ren ende­te. In Kroa­ti­en brach der Krieg zwi­schen der ent­ste­hen­den kroa­ti­schen Armee und loka­len bewaff­ne­ten Ser­ben aus, die von der zer­fal­len­den JNA unter­stützt wur­den.) Das weiß ich alles noch. Ein hal­bes Jahr, bevor der Krieg ende­te, stand plötz­lich der 14-​jährige Cou­sin mei­nes Vater an Sil­ves­ter vor der Tür und hat erzählt, dass er durch den bekann­ten Tun­nel am Flug­ha­fen in Sara­je­vo geflo­hen ist. (Anm. d. Red.: Wäh­rend des Bos­ni­en­kriegs ver­band ein Tun­nel den von ser­bi­schen Trup­pen bela­ger­ten Teil von Sara­je­vo mit dem von der bos­ni­schen Armee kon­trol­lier­ten Stadt­teil But­mir. Am 29. Febru­ar 1996 ende­te die Bela­ge­rung der bos­ni­schen Haupt­stadt nach 1 425 Tagen.) Der hat teil­wei­se in Bäu­men geschla­fen und ist über einen sehr lang­wie­ri­gen Weg zu uns gekom­men. Wenn man sich das mal vor­stellt … Mit mei­ner dama­li­gen Freun­din habe ich eine Doku gedreht, als wir unten waren, in der er sehr viel dar­über erzählt. Es gibt in Deutsch­land vie­le Regeln, aber wir kön­nen sehr froh sein, hier zu leben.

MZEE​.com: Weil du gera­de das mit der Doku erzählst: Ist dir eine künst­le­ri­sche Con­nec­tion zum Bal­kan wichtig? 

Figub Brazle­vič: Ja, ich arbei­te auch schon mit vie­len Musi­kern von dort zusam­men. Und dar­auf, dass so jemand wie Koo­la­de bei uns ver­öf­fent­licht, bin ich sehr stolz. Er ist wirk­lich krass und hat sowohl in Ame­ri­ka als auch in Deutsch­land, unter ande­rem für Samy Delu­xe und Max Her­re, pro­du­ziert. Auf dem ASD-​Album war er bei­spiels­wei­se gemein­sam mit Dash ver­tre­ten. In Ost­eu­ro­pa war das Stu­dio halt auch viel bil­li­ger. Als ich ange­fan­gen habe, gab es die­se Con­nec­tion also schon, und als ich dann begon­nen habe, mit Koo­la­de zu arbei­ten, habe ich vie­le Geschich­ten erzählt bekommen.

MZEE​.com: Im ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en gab es schon in den 80ern die ers­ten HipHop-​Gehversuche und das Gen­re hat sich qua­si zeit­gleich mit dem Bür­ger­krieg ent­wi­ckelt. Zumin­dest in Euro­pa gibt es das so sonst nicht. Was macht das wohl mit der Musik? Hast du dich mal damit auseinandergesetzt? 

Figub Brazle­vič: Es gab schon vor dem Krieg Labels wie Jugo­ton, die sehr kras­se Musik pro­du­ziert haben. Die meis­ten Blä­ser­sät­ze, die in den Staa­ten pro­du­ziert wur­den, sind von Duš­ko Goj­ko­vić und sol­chen Leu­ten abge­schaut. Die­ser Eas­tern Jazz war ja wahn­sin­nig popu­lär damals. Da gibt es tol­le Musi­ker, die wirk­lich kran­ke Musik gemacht haben. Das lege ich inzwi­schen sehr ger­ne auf, auch wenn das kein Schwanz kennt. Damals gab es aber nicht nur Jazz, es gab Rock, Pop, Hip­Hop, alles. Das ist total span­nend und dar­aus hat sich natür­lich vie­les ent­wi­ckelt. Rock­mu­sik ist auch ein gro­ßes The­ma, vor allem in Kroa­ti­en. Und im Rap gibt es zum Bei­spiel Smo­ke Mar­del­ja­no – kommt aus Bel­grad, sieht aus wie ein Hoo­li­gan, ist aber ein kras­ser Rap­per, der nur auf Boom bap-​Beats rappt. Es gibt nach wie vor sehr viel puris­ti­sche Musik, das fin­de ich span­nend. Ich kann nicht beur­tei­len, was der Krieg genau mit den Tex­ten und der Musik dort gemacht hat, aber es ist auf jeden Fall etwas pas­siert. "Obe­ca­na Rijec" von Edo Maaj­ka mag ich auch sehr ger­ne. Er war einer der ers­ten Rap­per vom Bal­kan, die ich ent­deckt habe, und ich war direkt hin und weg. Der Text ist wahn­sin­nig und das Video hat viel von "La Hai­ne". In dem Video wird er in ein leer­ste­hen­des Haus geru­fen und dis­ku­tiert mit jeman­dem über die Zeit wäh­rend des Kriegs. Der Typ ist sicht­lich ange­fasst und will nicht dar­über spre­chen. Es ist so hoff­nungs­los und beschreibt, wie jun­ge mit alten Jugo­sla­wen spre­chen. Am Ende läuft er run­ter und erschießt sich. Das ist total krass gemacht, auch wenn die Qua­li­tät nicht die bes­te ist. Also, es gibt auf jeden Fall Musik, die die­se The­men inhalt­lich auf­greift, es wird aber auch viel ver­drängt und die ent­spre­chen­de Musik dazu gemacht. Und dann gibt es auch noch eine inter­na­tio­na­le Com­mu­ni­ty, die das auf­greift und sich vernetzt.

MZEE​.com: Die Jugo­sla­wi­en­krie­ge fin­den aus mei­ner Erfah­rung her­aus im deut­schen Schul­un­ter­richt eigent­lich gar kei­nen Platz, obwohl es genü­gend Kin­der und Jugend­li­che gibt, deren Fami­li­en aus dem ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en stam­men und auch oft auf­grund die­ses Kriegs flie­hen muss­ten. Hast du das wäh­rend dei­ner Schul­zeit genau­so wahrgenommen? 

Figub Brazle­vič: Klar, vol­le Kan­ne. Man hat­te ja schon wäh­rend des Kriegs das Gefühl, dass die Kon­flik­te als zu kom­pli­ziert wahr­ge­nom­men wer­den und die das mit sich allei­ne aus­ma­chen sol­len. Und dar­aus resul­tiert dann auch die wei­te­re Auf­ar­bei­tung. Jedes Land in Euro­pa muss sich einen gewis­sen Vor­wurf machen. Zumin­dest die, die in irgend­ei­ner Form betei­ligt waren. Es gibt ja auch ganz tol­le Fil­me, die das alles erklä­ren könn­ten. Zum Bei­spiel "Under­ground", der schon wäh­rend des Kriegs von Emir Kus­tu­ri­ca gedreht wur­de. Oder auch "Black Cat, White Cat" von ihm. Das ist Bal­kan. Er zeigt den typi­schen Jugo­sla­wen in sei­nem All­tag. Und der kras­ses­te, am ehes­ten zum Nach­den­ken brin­gen­de Film ist "No Man's Land" von Danis Tano­vić. Der gan­ze Film spielt haupt­säch­lich in einem ein­zi­gen Schüt­zen­gra­ben, in dem ein alter Bos­nia­ke der Bür­ger­wehr und ein jun­ger ser­bi­scher Sol­dat sym­bo­lisch die­sen Kon­flikt aus­tra­gen. Es wer­den aber auch alle außen­ste­hen­den Par­tei­en sowie Gemein­sam­kei­ten dabei auf­ge­grif­fen. Das lässt einen ver­ste­hen und weckt das Inter­es­se nach­zu­for­schen. Sowas fin­de ich total span­nend und hat mich auch sehr dar­in beein­flusst, mehr wis­sen zu wol­len. Davor habe ich immer nur Din­ge auf­ge­schnappt. Zum Bei­spiel habe ich mit Ser­ben Fuß­ball gespielt und mal einen dum­men Spruch gedrückt bekom­men und sol­che Sachen. Auf sowas habe ich mich aber nie ein­ge­las­sen. Und das ist auch gut so.

MZEE​.com: Ich kann mich auch an genug Strei­te­rei­en auf dem Schul­hof zwi­schen Bosnier:innen und Serbo-Kroat:innen erin­nern – was ver­mut­lich ganz nor­mal ist, da die jah­re­lan­gen Kon­flik­te nach wie vor nicht rich­tig auf­ge­ar­bei­tet wur­den. Aber viel­leicht könn­te eine unemo­tio­na­le, fak­ten­ba­sier­te Dar­stel­lung von Sei­ten der Schu­len ihren Bei­trag dazu leis­ten, das Ver­hält­nis jün­ge­rer Genera­tio­nen zu verbessern.

Figub Brazle­vič: Das ist ein Pro­blem, das es, glau­be ich, in ganz vie­len Län­dern gibt. Das es gibt, sobald Bür­ger­krie­ge oder Kon­flik­te inner­halb eines Lan­des ent­ste­hen. Wenn sich bestimm­te Gebie­te und Pro­vin­zen, die benach­tei­ligt sind, gegen die eige­ne Regie­rung wen­den und Reprä­sen­tan­ten die Macht für ihr Gebiet über­neh­men wol­len. Das ist schwer zu erklä­ren. Vie­le jun­ge Men­schen haben ja gar kei­nen Bock auf die­se Span­nun­gen. Aber es gibt immer noch vie­le, auch jun­ge Leu­te, die erfah­ren, was los war, und Din­ge zu bemän­geln haben. Aber alle Regie­rungs­chefs sind befleckt und haben Dreck am Ste­cken. Und es wird schwie­rig sein, die Leu­te von die­sen Vor­ur­tei­len zu lösen. Denn es gibt immer noch die eine Sei­te, die sich Jugo­sla­wi­en zurück­wünscht, und die ande­re Sei­te, die das nie­mals wie­der möch­te. Vie­le Ser­ben fin­den das nicht gut, weil es durch den Ver­lust des Bünd­nis­ses auch einen Macht­ver­lust gab. Es ging ihnen ver­dammt gut, es gab eine gro­ße Indus­trie und es wur­de dort viel pro­du­ziert. Schluss­end­lich hat sich Slo­we­ni­en als ers­tes von Jugo­sla­wi­en getrennt, Kroa­ti­en hat ihnen das nach­ge­macht und Bos­ni­en soll­te dar­auf­hin auf­ge­teilt wer­den. Auch der dama­li­ge kroa­ti­sche Par­tei­vor­sit­zen­de Tuđ­man war beken­nen­der Natio­na­list und kein Heils­brin­ger. Der hat nur dar­auf geach­tet, dass Kroa­ti­en nicht zu viel abbe­kommt. Aus bos­ni­scher Sicht ist das ver­dammt schwie­rig, weil sie nie­man­den ange­grif­fen haben. Weil die bos­ni­schen Ser­ben ihr Gebiet wie­der zu ser­bi­schem machen woll­ten, ist es eska­liert. Die Ser­ben hat­ten näm­lich die jugo­sla­wi­sche Armee hin­ter ihrem Rücken, da es ja nur einen Prä­si­den­ten der ver­schie­de­nen Repu­bli­ken gab. In Deutsch­land gibt es natür­lich auch Auf­ar­bei­tung und Men­schen, die Ahnung haben, aber die meis­ten Leu­te in mei­nem Alter haben kei­nen blas­sen Schim­mer. Die könn­ten ver­mut­lich nicht mal die Län­der auf der Welt­kar­te auseinanderhalten.

MZEE​.com: Aber ist es nicht aktu­ell – vor allem mit einem Ser­bi­en, das sehr "freund­schaft­lich" mit Putin agiert – umso wich­ti­ger, dass die deut­sche Bevöl­ke­rung ein geschicht­li­ches Grund­wis­sen dahin­ge­hend mit­bringt und Zusam­men­hän­ge erken­nen kann?

Figub Brazle­vič: Genau aus sol­chen Grün­den soll­te man da ein biss­chen Plan haben. Dass man weiß, dass der Rus­se schon lan­ge ein Freund der Bul­ga­ren und Ser­ben ist. Als der Krieg in der Ukrai­ne los­ging, hat Vučić ja qua­si eine Para­de gefei­ert. (Anm. d. Red.: Alek­san­dar Vučić ist der amtie­ren­de Prä­si­dent Ser­bi­ens.) Die Warn­zei­chen dafür müss­ten wir schon lan­ge vor­her gese­hen haben. Ich bin halt der Mei­nung, dass wir gene­rell eine viel zu wenig euro­päi­sche Gemein­schaft haben und wenig euro­pä­isch den­ken. Das, was die EU vor fast 30 Jah­ren umge­setzt hat, ist für die meis­ten von uns eine wun­der­ba­re Sache. Ich habe kei­nen Bock, in jedem Nach­bar­land mit ande­rem Geld zah­len zu müs­sen und ich habe viel Respekt vor der Idee. Ich fin­de es schlimm, dass Leu­te die­ses gan­ze Sys­tem als geschei­tert anse­hen. Ja, vie­le Deut­sche mei­nen, dar­un­ter gelit­ten zu haben, weil wir angeb­lich immer die Pro­ble­me lösen müs­sen. Aber wir neh­men doch gar nicht wahr, was um uns her­um los ist. Wenn wir als Euro­pa auf­tre­ten wür­den, hät­ten wir auch mehr Macht. Wir leben in dem Glau­ben, dass wir in Frie­den leben, aber wir könn­ten uns nicht mal rich­tig verteidigen.

MZEE​.com: In der GERMANIA-​Ausgabe, in der du zu Gast warst, hast du gesagt, dass Iden­ti­tät und Hei­mat nicht das­sel­be für dich sind. Die Aus­sa­ge wird aber lei­der nicht mehr erläu­tert. Inwie­fern unter­schei­det sich das für dich? 

Figub Brazle­vič: Hei­mat ist für mich der Ort, an dem man gebo­ren und auf­ge­wach­sen ist. Jetzt lebe ich gera­de in der Schweiz und ler­ne Schwei­zer­deutsch, weil es mir wich­tig ist, dass ich mei­ne Hei­mat nicht mit her­brin­ge und das akzep­tiert wer­den muss. Durch eine ande­re Kul­tur oder Gegend kann sich mei­ne Iden­ti­tät ver­än­dern. Mei­ne Iden­ti­tät ist dabei zu ler­nen, mei­ne Hei­mat ist eine gege­be­ne Sache. Mit die­sem Ort ist man auf eine spe­zi­el­le Art und Wei­se ver­bun­den, egal wie weit man weg­geht, die Hei­mat ver­misst man manch­mal. Die Iden­ti­tät ist für mich die Ent­wick­lung aus der Her­kunft her­aus. Das fängt an, wenn man das Zuhau­se ver­lässt. Ich weiß, was ich an mei­ner Ver­gan­gen­heit gut fin­de, aber damit iden­ti­fi­zie­re ich mich nicht. Ich bin nicht "Schaf­fe, schaf­fe, Häus­le baue". Theo­re­tisch könn­te ich sogar eine fal­sche Iden­ti­tät annehmen.

MZEE​.com: Was lässt dich am meis­ten zu Hau­se fühlen? 

Figub Brazle­vič: Fami­lie … Hei­mat bedeu­tet Fami­lie und Freun­de. Und viel­leicht auch ver­gan­ge­ne Erfolge.

(Yas­mi­na Rossmeisl)
(Fotos von Mar­cus Har­telt und Yann Cressent)