Sebastian Schweizer – ein Gespräch über Marketing im Rap

Wir schrei­ben den 11. März 2009. Ein 17-​jähriger Schü­ler der Albertville-​Realschule in Win­nen­den tötet an die­sem Tag 15 Men­schen und sich selbst bei einem Amok­lauf. Weni­ger als 30 Kilo­me­ter vom Tat­ort ent­fernt muss Sebas­ti­an Schwei­zer, Geschäfts­füh­rer von Chim­pe­ra­tor, das Release­da­tum von KAAS' Debüt­al­bum wegen eines Pro­duk­ti­ons­feh­lers um eine Woche nach hin­ten ver­schie­ben – zwei Tage zuvor erschien bereits die Debüt­sin­gle "Amok­zahl­tag :D", die auch titel­ge­bend für den Lang­spie­ler war. Das Album erscheint erst am 22. Mai 2009, über zwei Mona­te spä­ter, unter neu­em Titel. In der Zwi­schen­zeit muss Schwei­zer ganz ande­ren Pro­ble­men begeg­nen: Es wird über poten­zi­el­le Ver­bin­dun­gen zur Tat gespro­chen, die "Ver­ant­wor­tung der Kunst" rückt in den Medi­en­fo­kus und mit ihr das Label Chim­pe­ra­tor, das bis dato eigent­lich nur Szenekenner:innen ein Begriff war. Erst­mals sieht man sich mit einem gro­ßen media­len Inter­es­se kon­fron­tiert und lernt auf die här­tes­te Wei­se die dar­aus resul­tie­ren­de Ver­ant­wor­tung. Heu­te exis­tiert das Label seit über 20 Jah­ren und stell­te mit CRO einen der kom­mer­zi­ell erfolg­reichs­ten Künst­ler des letz­ten Jahr­zehnts. Höchs­te Zeit, zurück­zu­schau­en: auf eine Plat­ten­fir­ma, die häu­fig unge­wöhn­li­che Wege zur Ver­mark­tung geht. CROs ers­tes Mix­tape als Free-​Download anzu­bie­ten zum Bei­spiel – ent­ge­gen aller Sze­ne­trends. Wir haben mit Sebas­ti­an Schwei­zer über die Mar­ke­ting­trends im Rap und die His­to­rie sei­ner Fir­ma gespro­chen – und war­um sich Chim­pe­ra­tor immer wie­der dafür ent­schei­det, alles, was in der Bran­che gut zu funk­tio­nie­ren scheint, zu igno­rie­ren und lie­ber den Weg des größ­ten Wider­stands zu gehen. 

MZEE​.com: Du bist einer der Grün­der und Geschäfts­füh­rer von Chim­pe­ra­tor Pro­duc­tions – heu­te möch­ten wir mit dir vor allem über Mar­ke­ting in der Rap-​Szene und eure Label­ge­schich­te spre­chen. Bevor wir tie­fer ins Detail gehen: Wie kam es zu der Ent­schei­dung, ein Label zu gründen?

Sebas­ti­an Schwei­zer: Wir waren damals ein gro­ßer Freun­des­kreis aus Rap­pern, Sprü­hern, DJs – alle so 18, 19 Jah­re alt und ent­we­der am Anfang vom Zivi oder sogar noch mit­ten im Abi oder in der Aus­bil­dung. Wir hat­ten gar nicht die Ambi­ti­on einer Grün­dung oder so – anders als heu­ti­ge 18-​Jährige, die viel mehr Plan über Busi­ness haben als wir damals. (lacht) Wir haben uns ein­fach immer gegen­sei­tig bei Auf­trit­ten unter­stützt, sind auch zusam­men dort hin­ge­fah­ren. Irgend­wann kam das Bedürf­nis dazu, unse­re Musik zu ver­öf­fent­li­chen und mehr damit zu machen. Wir haben Demos ver­schickt, sogar mal mit einem A&R von Four Music gespro­chen … (über­legt) Wobei ich mir rück­bli­ckend rela­tiv sicher bin, dass der nie ein A&R war. (lacht) Wir haben aber nur Absa­gen bekom­men. Natür­lich waren wir dar­über sau­er und haben dann beschlos­sen, das selbst in die Hand zu neh­men. So doof das klingt: Als wir ein Logo hat­ten, waren wir für uns offi­zi­ell ein Label. Wir haben unse­re Relea­ses ver­brei­tet, auch im Inter­net, was damals ja für die gan­ze Bran­che eine Kata­stro­phe war. Als ille­ga­le Down­loads immer ver­brei­te­ter wur­den und Por­ta­le wie Fett­Rap aus dem Boden sprieß­ten, war das gleich­be­deu­tend mit einer ech­ten Kri­se phy­si­scher Ver­käu­fe. Wir hin­ge­gen hiel­ten es fast schon für eine Ehre, bei Fett­Rap zu sein! Das war wie eine Modus Mio-​Platzierung. Eini­ge Jah­re spä­ter hat sich unser Den­ken da natür­lich auch geändert.

MZEE​.com: Wie war die Wei­ter­ent­wick­lung über die nächs­ten Jah­re? Wenn ihr aus einem Freun­des­kreis her­aus ent­stan­den seid, habt ihr dann zuerst auch nur Bekann­te und Freun­de gesignt? 

Sebas­ti­an Schwei­zer: Genau. Wir hat­ten natür­lich kei­ne Markt­ana­ly­sen oder haben geguckt, wer gera­de "heiß" ist – wir haben nur uns selbst ver­öf­fent­licht. Irgend­wann spä­ter mein­te Eko Fresh im Inter­view mal sinn­ge­mäß: "Wenn man als New­co­mer neu in die Sze­ne kommt, hat man das Gefühl, alle gro­ßen Rap­per sit­zen an einem Tisch und lachen die gan­zen Zeit über alle, die nicht rein­kom­men und Platz neh­men dür­fen." (lacht) Das ist natür­lich Quatsch, aber wir haben das kom­plett geglaubt – wir dach­ten, alle ande­ren akzep­tie­ren nicht, wie gut wir sind und wol­len uns unten hal­ten. Dar­aus hat sich eine Art "Wut" ent­wi­ckelt, die uns am Anfang sehr moti­viert hat. Unse­re ers­ten Relea­ses haben wir dann aus dem Kof­fer­raum her­aus vor unse­ren Auf­trit­ten ver­kauft. Der nächs­te Schritt war dann, dass die WOM in Stutt­gart (Anm. d. Red.: "World of Music", CD- und Plat­ten­la­den) uns zehn Vinyls abge­kauft hat und ein paar davon in ihre ande­ren Filia­len gebracht hat. Wir kann­ten den Ein­käu­fer dort, der moch­te uns ein­fach – aber das war das ers­te Mal, dass mir klar wur­de, dass es sowas wie Ver­trieb über­haupt gibt. Ich wuss­te nicht, dass es so einen Ser­vice gibt und ich das gar nicht alles selbst ver­kau­fen muss. Das muss so um 1999, 2000 her­um gewe­sen sein. Wir hat­ten uns spä­ter um einen Ver­triebs­de­al bemüht, aber durch die vor­hin erwähn­te Download-​Krise kei­nen bekom­men. Vom Gedan­ken, dass ich das Gan­ze wirk­lich beruf­lich machen kann, war ich noch weit entfernt.

MZEE​.com: Wann kam die Erkennt­nis? Schon weni­ge Jah­re spä­ter hast du schließ­lich dei­ne Diplom­ar­beit über die Grün­dung eines Labels geschrie­ben. Da muss es ja schon recht klar gewe­sen sein. 

Sebas­ti­an Schwei­zer: (über­legt) 2001 habe ich Infor­ma­ti­ons­wirt­schaft stu­diert, genau. Aus der Not her­aus, irgend­et­was stu­die­ren zu müs­sen, habe ich aus­ge­rech­net das ange­fan­gen, was heu­te super­in­ter­es­sant ist. Da ging es auch um die The­se, dass Infor­ma­tio­nen mal ein wirt­schaft­li­ches Gut wer­den, was sie heu­te bekannt­lich sind. Auf dem Papier also wirk­lich super­nütz­lich – für mich war es aber nichts, weil … Es war halt kei­ne Musik. (lacht) Als ich bemerkt habe, dass das gar nichts für mich ist, war ich aber schon zu tief im Stu­di­um, um noch auf­zu­hö­ren. Des­halb woll­te ich mei­nen Schwer­punkt mehr auf Musik legen, auch in mei­ner Diplom­ar­beit. Ich habe in der Arbeit ver­sucht, wis­sen­schaft­lich zu ana­ly­sie­ren, ob ich mit der "Grün­dung" von Chim­pe­ra­tor alles rich­tig gemacht habe. Die hieß dann, glau­be ich … (über­legt) "Busi­ness­plan eines Labels als …"

MZEE​.com: "Die Grün­dung eines Labels in der Theo­rie und Pra­xis" war der Titel. Jetzt mal Hand aufs Herz: Wel­chen Aspekt einer Grün­dung hast du in der Theo­rie dort beschrie­ben, bei Chim­pe­ra­tor aber nie­mals prak­tisch umgesetzt?

Sebas­ti­an Schwei­zer: Lus­ti­ge Geschich­te dazu: Bei unse­rem zwan­zig­jäh­ri­gen Jubi­lä­um habe ich in die Arbeit noch mal rein­ge­le­sen und mich kom­plett fremd­ge­schämt, was ich da alles geschrie­ben habe. (lacht) Da waren ein paar rich­ti­ge Cringe-​Momente dabei. Was ich aber damals schon drin­ste­hen hat­te: 360 Grad-​Konzepte, also nicht nur Label, son­dern auch Booking-​Agentur und so wei­ter zu sein bei­spiels­wei­se. Ich hat­te uns als Künst­ler sogar mit eige­nen Pro­fi­len ver­se­hen und geschaut, wel­che Ziel­grup­pen wir damit abde­cken. So mache ich das natür­lich nicht mehr, so wis­sen­schaft­lich. An sich aber eine gute Her­an­ge­hens­wei­se ver­packt in sehr vie­len, schwie­ri­gen Fremd­wör­tern. Ich hat­te auch Glück: Mein Pro­fes­sor war cool und unter­stüt­zend, hat­te aber mit der Musik­in­dus­trie nichts zu tun. Der hat eher dar­auf geach­tet, ob ich da wis­sen­schaft­lich rich­tig gear­bei­tet habe.

MZEE​.com: Wür­dest du sagen, ihr hat­tet in die­ser frü­hen Pha­se, auch bei der Grün­dung mit dei­ner Band, bereits Prin­zi­pi­en oder Hand­lungs­ma­xi­me, die dich bis heu­te prägen?

Sebas­ti­an Schwei­zer: Unter­be­wusst, ja. Wir haben nie Leit­li­ni­en auf­ge­stellt, aber eini­ges blieb ein­fach. Einer­seits war lan­ge Zeit die­se Wut auf den Rest ein Antrieb, vie­le Din­ge anders als alle ande­ren anzu­pa­cken. Das hat uns irgend­wann aus­ge­macht. Genau wie unser Indie-​Gedanke – die Idee, kein Major zu brau­chen und kom­plett unab­hän­gig agie­ren zu kön­nen. Wir haben auch immer Rich­tung Aggro Ber­lin geschaut. Wie sie Din­ge umset­zen, Marketing-​Kampagnen pla­nen – da haben wir uns inspi­rie­ren las­sen. Aggro war ja wahn­sin­nig krass dar­in, eige­ne "Erleb­nis­wel­ten" um ihre Künst­ler zu bau­en: Bushi­do hat­te eine eige­ne Welt, Sido hat­te eine, Fler hat­te eine. Auf unse­re Art woll­ten wir das genau­so machen, ohne eine Kopie zu wer­den. Plötz­lich stand bekannt­lich auf jeder CD: "Bla­bla prä­sen­tiert …" und auf dem Cover sah man eine Pan­zer­ket­te und einen Kampf­hund. Das hat wahn­sin­nig gut funk­tio­niert und der Zug roll­te, aber es wäre kom­plett behäm­mert gewe­sen, wenn wir da ein­fach auf­ge­sprun­gen wären. Wir wuss­ten: Wir müs­sen den nächs­ten neh­men. Das hat uns geprägt – nicht mit dem Main­stream zu schwim­men, son­dern zu gucken, was man viel­leicht anders den­ken könnte.

MZEE​.com: Ich wür­de ger­ne mit der Fir­men­chro­no­lo­gie bre­chen und sehr viel spä­ter ein­set­zen, weil die­ser Indie-​Gedanke am meis­ten bei der Geschich­te von CRO ver­sprüht wird. Damals habt ihr sein ers­tes Mix­tape "Easy" umsonst auf eurer Web­site ange­bo­ten. In Anbe­tracht des­sen, wie erfolg­reich das Pro­jekt danach wur­de: Bereut ihr die­se Ent­schei­dung im Nachhinein? 

Sebas­ti­an Schwei­zer: Zu dem Zeit­punkt war der Ansatz dahin­ter bereits gelernt. Wir hat­ten das schon häu­fi­ger gemacht, ein­fach weil wir nicht so viel Geld hat­ten. Für uns war die kos­ten­lo­se Ver­triebs­form der bes­te Weg. Wir waren mit der Idee auch nicht die Ers­ten – was wir aber bewusst gemacht haben, ist der Umgang mit dem Free-​Download. Wir behan­del­ten das als "rich­ti­ges" Release: Wir klär­ten Inter­views im Vor­aus, es gab Vorab-​Videos, eine Release-​Party. Bei "Easy" hat das alles natür­lich her­aus­ra­gend funk­tio­niert. Plötz­lich haben die Radi­os sich bei uns gemel­det statt anders­her­um. Nor­ma­ler­wei­se wer­den die förm­lich zuge­schis­sen mit Ein­sen­dun­gen für zu wenig On-​Air-​Zeit. Rück­bli­ckend hät­ten wir also natür­lich sehr viel Geld ver­die­nen kön­nen, wenn wir für das Tape etwas ver­langt hät­ten – wer weiß aber, ob dann alles so gekom­men wäre? Von Bereu­en kann da also kei­ne Rede sein.

MZEE​.com: Wann habt ihr euch erst­mals als "rich­ti­ges" Label ver­stan­den? Und habt ihr euch damals die Fra­ge gestellt, wie ihr die­sen Erfolg nun über­haupt top­pen könnt? 

Sebas­ti­an Schwei­zer: Als es mit "Easy" los­ging, gab es Chim­pe­ra­tor schon zehn Jah­re und wir haben in all der Zeit kei­nen Cent ver­dient. Alles, was rein­kam, haben wir in das nächs­te Pro­jekt inves­tiert. Kurz vor­her ging es auch mit den Orsons erst­mals in die Rich­tung, dass wir von Ver­lags­sei­ten aus mit Vor­schüs­sen rech­nen und wir uns in Voll­zeit dem Label wid­men konn­ten – das war die Jah­re davor für kei­nen von uns mög­lich. Kurz vor dem Mix­tape ging es dann irgend­wie. "Easy" war genau der rich­ti­ge Moment für eine Initi­al­zün­dung. Not­ge­drun­gen sind wir dann auch gewach­sen – wir brauch­ten neue Mit­ar­bei­ter, grö­ße­re Büro­räu­me, all die Din­ge, mit denen wir uns zuvor nie beschäf­ti­gen muss­ten. Damals dach­te ich, ich wüss­te ja schon alles, und als es dann um Pla­ka­tie­rung, TV-​Werbung und Radio ging, habe ich gemerkt, ich weiß wirk­lich gar nichts. (lacht) Des­we­gen hat­ten wir gar nicht die Zeit, um dar­über nach­zu­den­ken, das zu top­pen. Wir wuss­ten nur, dass es bescheu­ert wäre, nicht wei­ter­zu­ma­chen. Wir haben dann im Pro­zess Ent­schei­dun­gen getrof­fen, die auch bestimmt nicht immer rich­tig waren. Heu­te wür­de ich das anders ange­hen, geplan­ter. Damals war das, wäh­rend wir mit­ten­drin waren, nicht möglich.

MZEE​.com: Wel­che Ent­schei­dun­gen betrach­test du im Nach­hin­ein als Fehler? 

Sebas­ti­an Schwei­zer: Im Peak des CRO-​Hypes haben wir zum Bei­spiel ein wei­te­res Label gegrün­det – Chim­pe­ra­tor Depart­ment zusam­men mit Sony Music. Arbei­ten mit einem Major: Da haben wir schon die ers­ten Prin­zi­pi­en über den Hau­fen gewor­fen. Das Label soll­te alle ande­ren Musik­gen­res außer­halb von Rap raus­brin­gen. Ich mag natür­lich Musik gene­rell. Ich bin nicht so Rap-​engstirnig, dass ich kei­ne ande­re Musik höre, Tua oder Maeckes waren ja auch nie "nur" klas­si­sche Rap­per. Rück­bli­ckend muss ich aber sagen, dass ich bei­spiels­wei­se von Rock über­haupt kei­ne Ahnung habe. Ich kann nur sagen, ob mir ein Song etwas gibt, aber nicht wie­so, was bei Rap der Fall ist. Damals dach­ten wir offen­bar, wir wären die Kings, und wenn wir das ers­te Label gut gemacht haben, machen wir eben ein­fach noch eins auf. Das hat für mich und uns über­haupt nicht geklappt. Wenn du nicht im The­ma bist und die Musik nicht rich­tig fühlst, kommt auch nichts Geschei­tes dabei raus. Wir haben da ein Stück unse­res Fokus verloren.

MZEE​.com: Ist die­ses Gefühl, das Rap dir gibt, noch heu­te das Haupt­ar­gu­ment für ein Signing? 

Sebas­ti­an Schwei­zer: Auf jeden Fall. Wir schau­en auch, ob wir mensch­lich zuein­an­der pas­sen. Und natür­lich gucken wir mitt­ler­wei­le mehr auf die Kenn­zah­len. Das haben wir damals schon ver­sucht, aber heu­te sind die Mög­lich­kei­ten viel grö­ßer. Im ers­ten Moment zählt aller­dings immer noch, ob mich der Künst­ler irgend­wo anzeckt und etwas in mir aus­löst. Erst danach gucke ich auf die Zah­len bei Insta­gram und Spo­ti­fy – ach, und ob er even­tu­ell schon gesignt ist. Dann muss ich mir die Arbeit nicht machen. (lacht)

MZEE​.com: Ihr habt schon frü­her auf Zah­len geach­tet? Auf wel­che Zah­len habt ihr denn beim Signing von Maeckes und Plan B geschaut? (lacht)

Sebas­ti­an Schwei­zer: Ja, gut, da gab es natür­lich kei­ne Zah­len. Wobei – da gab es Zah­len aus der ech­ten Welt! Wir wuss­ten, wenn Freestyle-​Cypher ist und Maeckes auf die Büh­ne steppt, ist der Laden plötz­lich voll. Ab dem Zeit­punkt, an dem sich die Orsons gefun­den haben, war das bewuss­ter. Da waren alle ande­ren auf dem Gangs­ter­film und wir haben im gesam­ten Mar­ke­ting bewusst auf Schau­keln, Lie­be und ganz viel rosa gesetzt. Gefühlt sind alle – natür­lich immer noch in einem win­zi­gen Rah­men – in den Kom­men­ta­ren kom­plett dar­auf abge­gan­gen und frag­ten sich, was denn hier los sei. Das waren dann die ers­ten Zah­len, an denen man merk­te, dass sich etwas bewegt. Mehr als sonst.

MZEE​.com: Da klingt auch so eine gewis­se anti­zy­kli­sche Grund­hal­tung her­aus. "Alle sind Gangs­ter, dann sind wir jetzt pink." 

Sebas­ti­an Schwei­zer: Anti­zy­klisch ist schon ein biss­chen unser Ding. Das ist viel­leicht eine wei­te­re Leit­li­nie von uns. Bei den Orsons war es ein Mix aus vie­len Sachen. Ich möch­te mich hier vor allem auch nicht als den Erfin­der der Orsons hin­stel­len, vie­les kommt von den Jungs selbst. Die sind vier Cha­rak­te­re, denen ich dann gesagt habe, dass wir das doch auch noch visu­ell kom­plett über­dre­hen kön­nen, aber die Musik war schon fer­tig. Als Label haben wir da ein Stück weit von Aggro gelernt und gemein­sam die Erleb­nis­welt der Orsons entwickelt.

MZEE​.com: Wenn wir schon bei der Band sind, muss ich auch über KAAS' Debüt­al­bum spre­chen. Im März 2009 soll­te "Amok­zahl­tag :D" erschei­nen – zwei Tage nach dem Amok­lauf in Win­nen­den. Ihr habt euch gegen eine Ver­öf­fent­li­chung ent­schie­den, auch der Titel­song wur­de aus dem Inter­net ent­fernt. Wür­det ihr mit eurer heu­ti­gen Erfah­rung alle Ent­schei­dun­gen von damals genau­so treffen?

Sebas­ti­an Schwei­zer: Wahr­schein­lich schon. Ich den­ke, wir hät­ten sehr viel län­ger über das Video zum Titel­song dis­ku­tiert und es even­tu­ell nicht ver­öf­fent­licht. Im Video und im Song geht es um einen Amok­lauf an einer Schu­le. Inklu­si­ve SEK-​Einsatz und allem. Das ist damals vor Win­nen­den erschie­nen. Ich bin sen­si­bler für sol­che The­men gewor­den. Bevor die­se Tat gesche­hen ist, habe ich nicht dar­über nach­ge­dacht. Ich war dahin­ge­hend im The­ma, dass KAAS selbst Mob­bing in der Schu­le erlebt hat und zur Auf­ar­bei­tung die­sen Song geschrie­ben hat­te. Er woll­te, dass Men­schen ihre Gefüh­le in Kunst auf­ar­bei­ten, so wie er es mit "Amok­zahl­tag" selbst gemacht hat. Eigent­lich etwas Gutes: Du wan­delst die­se nega­ti­ven Gefüh­le um, machst etwas Pro­duk­ti­ves dar­aus und erhebst dich sogar ein Stück weit damit. Was dann über uns ein­ge­bro­chen ist, haben wir so natür­lich noch nie erlebt. Plötz­lich steht die BILD-​Zeitung – die wir sowie­so doof fan­den und mit denen wir nie arbei­ten woll­ten – vor der Tür und war rich­tig auf Kra­wall gebürs­tet. Die mein­ten zu uns, sie wür­den mor­gen mit dem Über­tra­gungs­wa­gen vor dem Haus unse­rer Eltern auf­schla­gen, wenn wir nicht mit ihnen spre­chen. Für ein paar Tage war das wirk­lich der Hor­ror. Und das, wo der Amok­lauf auch so schon sehr nah an uns dran war. Win­nen­den ist nur ein paar Kilo­me­ter von Stutt­gart ent­fernt. Mein Part­ner Niko (Anm. d. Red.: Niko Papado­pou­lus, Co-​Geschäftsführer von Chim­pe­ra­tor Pro­duc­tions) kommt aus der Nach­bar­stadt und hat Inte­gra­ti­ons­work­shops an besag­ter Schu­le gege­ben. Er kann­te Men­schen, die damals dort umge­kom­men sind. Für uns war die­ses The­ma daher schon unglaub­lich unan­ge­nehm. Zusätz­lich dazu die­se Gedan­ken: Viel­leicht hat der Typ wirk­lich unser Video vor­her gese­hen? Man wuss­te es nicht. Dazu kom­men dann die BILD-​Haie und machen dir Druck. Bei die­ser Talk­show "Hart aber fair" saß ein CDU-​Politiker und mein­te, KAAS müs­se zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den. Irre! Er wur­de danach auch ange­zeigt. Zu der Zeit haben wir zum Glück unse­ren Anwalt ken­nen­ge­lernt, der uns bis heu­te ver­tritt. Der war selbst Rap­per bei der Crew DCS und er hat uns her­vor­ra­gend bera­ten. Das macht die Situa­ti­on aber nicht bes­ser. KAAS ist auch erst mal abge­taucht, nach­dem auf ihn noch mehr ein­pras­sel­te als auf uns. Abschlie­ßend: Man sagt ja immer, auch schlech­te Pro­mo sei gute Pro­mo. Aber in kei­nem Fall sind wir auf die Idee gekom­men, das Album zwei Tage nach der Tat zu ver­öf­fent­li­chen. Das wür­den wir auch bis heu­te nie­mals machen.

MZEE​.com: Der Fakt, dass Win­nen­den kei­ne 50 Kilo­me­ter ent­fernt von euch liegt in Kom­bi­na­ti­on mit dem öffent­li­chen Druck, wür­de mich irre machen. Wie seid ihr damit umgegangen? 

Sebas­ti­an Schwei­zer: Irre trifft es. Was man dabei fühlt, ist zuerst ein­mal Angst. Könn­te ich wirk­lich mit­schul­dig sein? Bei KAAS noch viel mehr, bei mir aber auch. Nach­her kam raus, dass der Täter sehr viel Klas­sik und Ähn­li­ches gehört hat, das Video zu KAAS' Sin­gle wur­de nie bei ihm gefun­den, aber in dem Moment weißt du das natür­lich nicht. Ekel­haf­tes Gefühl, ein­fach ekel­haft. Plötz­lich haben sich auch noch ande­re Rap­per gemel­det und haben uns erzählt, wie wir uns zu ver­hal­ten hät­ten und dass wir eine Lan­ze für Rap bre­chen müss­ten. Es war ein­fach zu viel. Auch da wie­der vie­len Dank an unse­ren Anwalt Sebas­ti­an Möll­mann, der uns echt viel, auch in sol­chen Fra­gen, gehol­fen und bera­ten hat. Ein Rezept habe ich immer noch nicht für so eine Situation.

MZEE​.com: Aus mora­li­scher Sicht habt ihr damals sicher rich­tig gehan­delt. Ich möch­te auf kei­nen Fall einen Zusam­men­hang zu der Tat und ande­ren Rapper:innen her­aus­ar­bei­ten, mir schei­nen mora­li­sche Gren­zen im Rap all­ge­mein aber immer häu­fi­ger zu ver­schwim­men. Pro­m­obeef bis zu ech­ten Schlä­ge­rei­en oder Blut als Zuga­be in Delu­xe­bo­xen sind nur zwei Bei­spie­le von vie­len. Wie bewer­test du die­se Ent­wick­lung? Was hat dazu bei­getra­gen, dass sol­che Marketing-​Aktionen immer extre­mer werden?

Sebas­ti­an Schwei­zer: Ich wür­de das als gesell­schaft­li­ches, fast als glo­ba­les Pro­blem sehen. Die Gren­zen, was okay zu tun und zu sagen ist, ver­schie­ben sich schon seit Jah­ren in eine Rich­tung, die ein­fach nicht geil ist und nur der Auf­merk­sam­keit um jeden Preis dient. Das hat einer­seits sicher­lich auch mit Typen wie Trump zu tun, der Lügen erzählt und behaup­tet, die­se wären real. Wenn so jemand dann auch noch Prä­si­dent mit rie­si­gem Ein­fluss ist, dann macht das etwas mit uns als Gesell­schaft. Das pas­siert aber nicht nur auf so gro­ßer Ebe­ne, son­dern dann auch im Klei­nen in der Musik. Auf der ande­ren Sei­te hat das auch mit unse­rem Medi­en­kon­sum zu tun – unse­rer eige­nen Abstump­fung durch zu viel und immer zuge­spitz­te­ren Kon­sum. Mir pas­siert das selbst manch­mal: Da klickst du auf Tik­Tok oder Red­dit von einem The­ma zum nächs­ten und plötz­lich bist du bei einer Schlä­ge­rei, dann bei einer wei­te­ren, plötz­lich bekommt jemand ein Mes­ser ins Bein und so geht es wei­ter – das gab es frü­her natür­lich nicht. Dass man immer Extre­me­res braucht, um enter­taint zu werden.

MZEE​.com: Wie zieht ihr da per­sön­lich eure Gren­zen? Was wür­de nie­mals unter dem Label Chim­pe­ra­tor passieren? 

Sebas­ti­an Schwei­zer: (über­legt) Wir haben das nie im Grund­satz so auf­ge­schrie­ben, das ist, glau­be ich, auch nicht nötig. Wir machen nichts, was in irgend­ei­ner Art jemand ande­ren ver­let­zen könn­te. Sobald du in einen Bereich kommst, in dem du einer ande­ren Per­son, ob phy­sisch oder nicht, weh­tust, ist es nicht mehr cool. Über Nazi-​Scheiße, Ras­sis­mus, Homo­pho­bie und sonst was brau­chen wir gar nicht erst reden. Wir haben das aber nir­gends auf­ge­schrie­ben, das trans­for­miert sich. Wir selbst machen ja auch Feh­ler. Was Frau­en­bil­der angeht, gibt es mit Sicher­heit Vide­os von uns von vor ein paar Jah­ren, die wir so nicht mehr machen wür­den. Rol­len­bil­der, die nicht cool sind. Wir ver­su­chen jeden Tag, bes­ser zu werden.

MZEE​.com: Inwie­weit trägt das Label eine Ver­ant­wor­tung für grenz­wer­ti­ge Aktio­nen eines bei euch unter Ver­trag ste­hen­den Rappers? 

Sebas­ti­an Schwei­zer: Wir sind defi­ni­tiv in der Ver­ant­wor­tung, aller­dings mehr den Fans gegen­über. Wir ver­öf­fent­li­chen etwas, die Fans kon­su­mie­ren es und die sind meis­tens jün­ger als wir. Da bist du auto­ma­tisch in der Posi­ti­on, mit­den­ken zu müs­sen. Du musst dir im Kla­ren dar­über sein, was du Leu­ten anbie­test und was nicht. Aber auch gegen­über den Künst­lern. Wenn ein Künst­ler zu uns kommt und sagt: "Hey, ich habe hier mei­nen neu­en Track, da wird jemand umge­bracht, weil so und so", dann bin ich in der Ver­ant­wor­tung zu sagen, dass ich das nicht gut fin­de und nicht möch­te. Gleich­zei­tig wol­len wir natür­lich unse­ren Künst­lern nicht vor­schrei­ben, was in der Kunst pas­siert. In "Blan­ko" zum Bei­spiel las­sen Kee­mo und Kwam.E ein paar Lei­chen ver­schwin­den und in dem Song fin­de ich das auch völ­lig okay. Aber im Grun­de ach­ten wir da bereits beim Signing drauf. Wir hat­ten in über 20 Jah­ren kei­nen ein­zi­gen Fall, wo wir ein­schrei­ten muss­ten. Des­halb ist es so wich­tig, schon beim Start der Zusam­men­ar­beit dar­auf zu ach­ten, dass es auch mensch­lich passt – so kommst du gar nicht erst in eine sol­che Bre­douil­le. Das weiß man natür­lich nie sicher.

MZEE​.com: OG Kee­mo hat nach knapp zwei Jah­ren Arbeit ein Kon­zept­al­bum ver­öf­fent­licht. Auf Twit­ter schreibt ihr zur Ankün­di­gung von "Mann beißt Hund": "Wie wirt­schaft­lich ist ein Release, an dem man zwei Jah­re lang arbei­tet?" Wie ver­sucht ihr, die Balan­ce zwi­schen ech­ter Kunst und wirt­schaft­li­cher Ren­ta­bi­li­tät zu halten?

Sebas­ti­an Schwei­zer: Das ist viel­leicht noch eine Maxi­me von uns. Ich muss mir das nach­her auf­schrei­ben! (lacht) Wir ver­su­chen, dem Künst­ler so viel Frei­raum zu las­sen, wie er braucht. Musik ist eben nichts, was du pla­nen kannst. Du kannst nicht sagen: "Ihr geht jetzt ins Stu­dio, dann habt ihr noch mal drei Wochen und dann ist das Ding fer­tig." So funk­tio­niert das nicht bezie­hungs­wei­se ist das kei­ne Musik, die wir gut fin­den – oder zumin­dest nur in den sel­tens­ten Fäl­len. Musik ist etwas Emo­tio­na­les, Musik kannst du nicht rech­nen. Das hat etwas mit Gefüh­len zu tun und die pas­sen nicht in Ein­sen und Nul­len. Auf der ande­ren Sei­te sind wir eine Fir­ma, die Mit­ar­bei­ter und Büro­räu­me bezah­len muss, die gucken muss, dass der Laden wei­ter­läuft. Das machst du über eine Vor­aus­pla­nung, in der du über­legst, dass gegen Ende des Jah­res eine Keemo-​Platte kommt, und über die Jah­re zuvor errech­nest du, wie viel Umsatz das erge­ben könn­te. Jetzt ganz stumpf her­un­ter­ge­bro­chen. Wenn ein Album dann aber gan­ze zwei Jah­re spä­ter kommt, merkst du das irgend­wann. Da gab es auch Streit mit Fran­kie und Kee­mo, klar. Wir haben irgend­wann gesagt: "Jungs, ihr wisst, wir wol­len euch kei­nen Stress machen und geben euch den Frei­raum, aber …" und die sind natür­lich an die Decke gegan­gen. (lacht) Es ging ihnen damals schon über­haupt nicht gut, die woll­ten die Plat­te natür­lich selbst unbe­dingt fer­tig machen. Sie haben uns auch gesagt, sie füh­len sich schon schlecht, weil sie das Album nicht final bekom­men, und jetzt kom­men auch noch wir an und "dro­hen"! Wir woll­ten aber nie dro­hen. Wir hat­ten nur wirk­lich irgend­wann einen Zeit­druck, auch wegen lau­fen­der Stu­dio­kos­ten. Das ist immer ein Draht­seil­akt. Wie man da die Balan­ce hält, weiß ich auch nach all den Jah­ren nicht. Ich weiß nur, dass wir mehr Geduld haben als bei­spiels­wei­se Major Labels … Ohne sie immer als die Bösen hin­stel­len zu wol­len, aber nach zwei Jah­ren hät­ten vie­le die Stu­dio­kos­ten ver­mut­lich nicht mehr getra­gen. In dem Fall war es gut, ihnen die Zeit zu lassen.

MZEE​.com: Na gut, mit Künst­lern, die zu lan­ge für ein Album brau­chen, habt ihr echt genug Erfah­rung. (bei­de lachen) Es ist mit Sicher­heit för­der­lich, aber auch mutig, den Künst­lern so viel Frei­raum zu schaf­fen. Woher kommt die Sicher­heit, dass ein solch anti­zy­kli­sches Release wie das Kon­zept­al­bum von OG Kee­mo tat­säch­lich Erfolg bringt? 

Sebas­ti­an Schwei­zer: Ich mache zum Glück nicht das Geld bei uns! Das macht alles der Niko. Ich per­sön­lich bin da immer opti­mis­ti­scher. Ich glau­be, das habe ich von mei­nem Vater oder so. Ich den­ke immer, dass das schon irgend­wie klap­pen wird. Dass ich ins Grü­beln kom­me und alles schlecht­re­de, pas­siert eigent­lich sel­ten. Niko ist da viel rea­lis­ti­scher und guckt mehr auf die Zah­len, was super­wich­tig für uns ist, sonst wür­de das gar nicht funk­tio­nie­ren. Der muss erst mal zwei Ziga­ret­ten rau­chen, bevor er aufs Kon­to guckt. (lacht) Du hast kei­ne Sicher­heit. In der Musik­in­dus­trie hast du sie aber eigent­lich nie. Nicht ein­mal, wenn das ers­te Album super lief. Dann weißt du trotz­dem nicht, ob der Erfolg bei Num­mer zwei nicht doch aus­bleibt. Die Sicher­heit ist eine Mischung aus Hoff­nung, Fan­ta­sie und ein paar gro­ben Kennzahlen.

MZEE​.com: Das Label wird von dir, Niko und Kodi­mey "Kody" Awo­kou gelei­tetDas Gründer-​Trio von Chim­pe­ra­tor war aber ein ande­res: Chris­ti­an "Skul­ly" Schäd­le und Stef­fen Wen­del­stein, dei­ne dama­li­gen Part­ner, haben Chim­pe­ra­tor längst ver­las­sen. Gab es bei dir auch mal einen Punkt, an dem du das Label ver­las­sen wolltest? 

Sebas­ti­an Schwei­zer: Kody ist auch Grün­dungs­mit­glied, der ist von Anfang an mit dabei gewe­sen. Niko war damals DJ von Maeckes und Plan B und dadurch qua­si auch schon immer am Start. Und ja, klar, vor allem in den ers­ten zehn Jah­ren gab es den Moment öfter mal. Du musst dir über­le­gen, etwas eine Deka­de lang zu tun, jeden Tag, und kein Geld damit zu machen. Natür­lich gab es nur Stress und man fragt sich, war­um man das alles eigent­lich macht. Auch Selbst­zwei­fel, ob die ande­ren nicht bes­ser sind und war­um man selbst nie das JUICE-​Cover ziert, spie­len eine Rol­le. Unser Glück war, dass die­se Momen­te nie zeit­gleich bei allen erreicht wur­den. Unter uns drei­en gab es immer min­des­tens einen, der wei­ter­ma­chen woll­te, wenn die ande­ren bei­den kei­nen Bock mehr hat­ten. Damals haben uns die klei­nen Erfolgs­er­leb­nis­se auch schnell wie­der auf­ge­baut: "Ein Inter­view in der JUICE? Boah, krass, jetzt geht es ab!" Dann kam Car­lo, das war der rie­sigs­te Boost, aber auch bei der Tren­nung von CRO hader­te man wie­der mit sich, ob das alles wei­ter­geht. Selbst heu­te, wenn man sich über so was wie das Keemo-​Album strei­tet. Ich fin­de Streit super­doof, das macht kei­ner Sei­te Spaß. Da denkst du dir auch, ob man inzwi­schen nicht zu alt für den Scheiß ist. Was aber bleibt, ist das Gefühl, nach 20 Jah­ren einen gro­ßen Kata­log zu haben. Zu wis­sen, dass regel­mä­ßig Geld rein­kommt und es gere­gelt wei­ter­ge­hen kann.

MZEE​.com: Zum Abschluss viel­leicht noch mal genau nach­ge­hakt: Wel­che Beweg­grün­de trei­ben dich dazu an, seit über 20 Jah­ren dabeizubleiben?

Sebas­ti­an Schwei­zer: Wir leben inzwi­schen in ver­schie­de­nen Städ­ten, haben alle eine Fami­lie. Aber natür­lich schaut man regel­mä­ßig zurück, tele­fo­niert täg­lich und erin­nert sich, was man alles gemein­sam erlebt hat. Dass man sich auf­ein­an­der ver­las­sen kann. Das ist das Haupt­ge­fühl. Es geht immer wei­ter, schon seit unse­ren ers­ten gemein­sa­men Auf­trit­ten. Auch wenn das jetzt wie der klas­si­sche HipHop-​Opa klingt, aber ganz ehr­lich: Wie krass ist Hip­Hop als Kul­tur? Was man schaf­fen und errei­chen kann? Ich will Hip­Hop irgend­wie etwas zurück­ge­ben, die­se Mucke hat so viel für mich getan.

MZEE​.com: Die ein­zi­ge Mucke, wo man das, was man sagt, auch ver­kör­pern muss? 

Sebas­ti­an Schwei­zer: Genau. (lacht) Das ist das Gefühl. Seit über 20 Jahren.

(Sven Aumiller)
(Fotos von Delia Baum)