Deutschrap hört euch – 45 Stimmen gegen Sexismus im Rap

Wäh­rend die deut­sche HipHop-​Szene von außen häu­fig aus­sichts­los sexis­tisch scheint, wis­sen wir, dass sich ein gro­ßer Teil von ihr gegen Sexis­mus stellt. Die­se Men­schen ste­hen hin­ter den Betrof­fe­nen. Sich als Ein­zel­per­son stark gegen Miso­gy­nie zu machen und auf Miss­stän­de hin­zu­wei­sen, ist wich­tig und rich­tig – oft aber nicht laut genug. deutschrap­me­too zeigt, wie laut und stark man jedoch als Kol­lek­tiv sein kann. Betrof­fe­ne kön­nen im Schutz der Anony­mi­tät gemein­sam mit FLINTA*, die Ähn­li­ches erlebt haben, ihre Erfah­run­gen tei­len. Die Initia­ti­ve ver­deut­licht außer­dem, wie schwer­wie­gend das Pro­blem ist und dass sich drin­gend etwas ändern muss. Wir möch­ten daher mit Akteur:innen der deut­schen HipHop-​Szene laut sein und uns deut­lich gegen Hass und Aus­gren­zung sowie phy­si­sche und psy­chi­sche – ins­be­son­de­re sexua­li­sier­te – Gewalt gegen­über FLINTA* posi­tio­nie­ren. Die fol­gen­den State­ments sol­len kei­nen Raum für Sexis­mus und Miso­gy­nie las­sen und ver­deut­li­chen, für wel­che Wer­te wir im Hip­Hop ein­ste­hen. Gemeinsam.

(Anm. d. Red.: Der genann­te Begriff FLINTA* steht für Frau­en, Les­ben, inter, nicht-​binäre, trans und agen­der Per­so­nen – also Per­so­nen, die auf­grund ihrer geschlecht­li­chen Iden­ti­tät patri­ar­chal dis­kri­mi­niert werden.)

Nach­trag der Redak­ti­on (30.12.2021): Uns haben eini­ge Nach­rich­ten zu die­sem Arti­kel erreicht. Auch wenn wir kei­ne akti­ve Hil­fe für Betrof­fe­ne leis­ten kön­nen, so möch­ten wir ihnen das Gefühl geben, dass sie gehört wer­den und wir ihre Anmer­kun­gen ernst neh­men. Uns ist vor allem wich­tig, dass die Akti­on nicht als State­ment für sich allei­ne steht, son­dern dazu anregt, sexis­ti­sche Verhaltens- und Denk­wei­sen zu reflek­tie­ren und zu ändern. Da unse­re Gesell­schaft wie auch die HipHop-​Szene sexis­tisch geprägt sind, kön­nen eige­ne sexis­ti­sche Ver­hal­tens­wei­sen in der Ver­gan­gen­heit oder Gegen­wart nicht voll­stän­dig aus­ge­schlos­sen wer­den. Des­halb set­zen wir sowohl bei Betei­lig­ten die­ser Akti­on als auch bei Lesen­den die Bereit­schaft vor­aus, aktiv am eige­nen Ver­hal­ten zu arbeiten.

3Plusss: Wir hat­ten im Rap schon immer Platz für Faschos, Ras­sis­ten, Anti­se­mi­ten und Frau­en­fein­de. Es darf nicht nur dar­um gehen, ihnen nicht das Feld zu über­las­sen, son­dern es erst­mals von ihnen zu erobern. Das hat gera­de erst begonnen.

Ace Tee: Was mich stört, ist der feh­len­de Zusam­men­halt und die Tole­ranz man­chen Grup­pen gegen­über. Sexis­mus, Ras­sis­mus und Dis­kri­mi­nie­rung jeg­li­cher Art müs­sen aus den Gedan­ken jedes Men­schen verschwinden.

Ana Ryue (HipHop-​Journalistin): Hip­Hop war schon immer poli­tisch. Und ein Bewusst­sein zu ent­wi­ckeln, war schon immer ein Pro­zess. Was frü­her cool war, darf hin­ter­fragt wer­den. Über­las­sen wir unse­re gro­ße Lie­be doch nicht denen, die sie im Kern nicht ver­stan­den haben und sich krampf­haft von jeg­li­cher Ver­än­de­rung bedroht füh­len. Machen wir die Sze­ne lie­ber zu einem Ort, an dem sich alle wohl­füh­len kön­nen – und an dem wir trotz­dem nicht auf kras­se Punch­li­nes ver­zich­ten müssen.

Anti­fuchs: Mei­ne volls­te Soli­da­ri­tät mit den Opfern sexua­li­sier­ter Gewalt und natür­lich auch mit all den Men­schen, die sol­che Taten sicht­bar machen. Das Pro­blem, das von deutschrap­me­too ange­spro­chen wird, ist auch kein Phä­no­men, das es nur im Rap­kos­mos gibt. Aber gera­de im Deutschrap sind die Form von männ­li­cher Selbst­dar­stel­lung und der Umgang mit Frau­en lei­der noch viel zu oft von einer toxi­schen Kon­di­tio­nie­rung der Geschlech­ter­rol­len und dem, was die­se sich erlau­ben oder aber nicht erlau­ben dür­fen, durch­drun­gen. Frau­en soll­ten jedoch weder Angst vor dem Backstage-​Bereich eines Kon­zerts haben müs­sen, noch davor, egal zu wel­chem Zeit­punkt, zu sexu­el­len Hand­lun­gen "Nein" zu sagen. Sie soll­ten empowert wer­den, sich mit­zu­tei­len, wenn ihnen etwas wider­fah­ren ist. Gleich­zei­tig hof­fe ich, dass die­se Bewe­gung kei­ne unre­flek­tier­te Stig­ma­ti­sie­rung von sexua­li­sier­ten Tex­ten för­dert, son­dern Kunst­frei­heit berück­sich­tigt und, soweit das mög­lich ist, dif­fe­ren­ziert über ein­zel­ne Sach­ver­hal­te urteilt, Per­so­nen zur Rechen­schaft zieht, wenn erwie­sen. Und außer­dem Frau­en einen siche­ren und dis­kre­ten Raum bie­tet, sich mit­zu­tei­len, Der­ar­ti­ges zu ver­ar­bei­ten und, wenn nötig, Hilfs­an­ge­bo­te vermittelt.

AVERY: Es ist so krass, wie viel noch zu tun ist und ich wer­de bis zum Ende kämp­fen. Ich will wie­der Deutschrap hören, ohne an Dis­kri­mi­nie­rung oder sexua­li­sier­te Gewalt zu denken.

Baby­lit (PALAS): Ich bin immer wie­der aufs Neue scho­ckiert, wütend und trau­rig, dass Men­schen ande­re Men­schen mit Absicht und vol­lem Bewusst­sein Schmer­zen und Leid zufü­gen, anschei­nend nur für "den Spaß an der Sache". Sexua­li­sier­te Gewalt und Dis­kri­mi­nie­rung auf unter­schied­lichs­ten Ebe­nen im Hip­Hop und der rest­li­chen Gesell­schaft kann und ist für vie­le FLINTA* wie auch uns eine Trau­ma­ti­sie­rung, die ein Leben lang anhal­ten kann. Ich spre­che mich klar und deut­lich gegen jeg­li­ches sexis­ti­sches Ver­hal­ten und jeg­li­che sexis­ti­sche Mei­nun­gen aus. Ich glau­be dar­an, dass wir uns gegen­sei­tig Schutz und Halt bie­ten kön­nen und damit etwas verändern.

Chao­ze One: Sexua­li­sier­te Gewalt ist kein iso­lier­tes Phä­no­men der HipHop-​Szene. Aber nur sel­ten gehört es so zum akzep­tier­ten All­tag wie dort. Doch es sind nicht nur die Künst­ler, die ihren toxi­schen Hass auf Frau­en* in Songs arti­ku­lie­ren, es ist der gan­ze Appa­rat: die Künst­ler, die Labels, die Boo­ker, die Ver­an­stal­ter und eben auch die Fans, die ihr Geld dafür ausgeben.

David Pe: Sexis­mus ist wider­lich, da jede Form von Gewalt wider­lich ist. Kla­re Abgren­zung zu allen, die Sexis­mus pro­pa­gie­ren oder ver­harm­lo­sen. Dabei spielt HipHop-​Zugehörigkeit kei­ne Rol­le, denn wider­lich bleibt widerlich.

Der Plot: Vol­le Soli­da­ri­tät mit allen Betrof­fe­nen, die sich im Rah­men von deutschrap­me­too geäu­ßert haben. Wir als cis-​männliche Akteu­re der Deutschrap-​Szene sind uns abso­lut bewusst, dass es jetzt an uns liegt, kla­re Kan­te gegen Sexis­mus und sexua­li­sier­te Gewalt sowohl in unse­rer Musik als auch in den sozia­len Medi­en zu zeigen.

DISSY: Das Pro­blem mit Sexis­mus im Deutschrap betrifft lei­der nicht nur Künstler:innen, son­dern auch die Indus­trie dahin­ter. Wir soll­ten anfan­gen, auch die Leu­te und Ent­schei­dun­gen in den Chef­eta­gen zu hin­ter­fra­gen, sodass Sexis­mus irgend­wann nicht mehr Teil des Geschäfts­mo­dells füh­ren­der Musik­un­ter­neh­men ist.

DJ Pho­no (Deich­kind): Wen wun­dert es, dass toxi­sche Männ­lich­keit und sexua­li­sier­te Gewalt in der Deutschrap-​Szene weit ver­brei­tet sind? Bei man­chen Song­tex­ten bleibt einem die Spu­cke weg. Spra­che schafft Rea­li­tät. In was für einer Gesell­schaft wollt ihr leben? Es wird Zeit, dass sich Labels vor dem Release und auch Hörer:innen vor dem Kon­sum die­se Fra­ge stel­len und ein kla­res Stopp-​Zeichen set­zen. Unse­re Soli­da­ri­tät gilt all jenen, die sexua­li­sier­te Gewalt erfah­ren mussten.

DLTLLY (Battlerap-​Format): Es ist deut­lich an der Zeit, dass auch DLTLLY Soli­da­ri­tät mit der wich­ti­gen Arbeit der deutschrapmetoo-​Initiative zeigt und nach außen trägt. Die­se Debat­te ist über­aus wich­tig – sowohl für Deutschrap im All­ge­mei­nen als auch für Batt­ler­ap sowie für die gesam­te Gesell­schaft. Außer­dem ist es längst über­fäl­lig, sich die­sem The­ma gewis­sen­haft anzu­neh­men. Eben­so möch­ten wir unse­re Ableh­nung gegen­über dem unvor­stell­ba­ren Hass kund­tun, dem sich die Initiator:innen und Betrof­fe­nen aus­ge­setzt sehen. Dan­ke für eure wert­vol­le Arbeit und euren Mut. Unse­ren Rücken habt ihr sicher.

Duzoe: Wäh­rend der letz­ten Mona­te ist die Debat­te über deutschrap­me­too immer grö­ßer gewor­den. Sehr vie­le betrof­fe­ne Per­so­nen haben sich zu Wort gemel­det, um über ihre Erfah­run­gen mit sexua­li­sier­ter Gewalt zu spre­chen. Geg­ner die­ser Bewe­gung spre­chen von einem Angriff auf die Rap-​Kultur. Doch Rap soll nicht Sexis­mus und Gewalt gegen Frau­en als ele­men­ta­re Bestand­tei­le haben. Das Pro­blem liegt in viel tie­fe­ren Struk­tu­ren ver­an­kert und es ist an der Zeit, dass wir ent­schie­den dage­gen vor­ge­hen. Was wir gera­de brau­chen, sind Zusam­men­halt und der Mut, um uns laut gegen pro­ble­ma­ti­sche Per­so­nen aus­zu­spre­chen und Kon­se­quen­zen zu for­dern. Es bedarf einer kla­ren Kan­te gegen Sexis­mus und alle, die ihn repro­du­zie­ren. Dar­um herrscht von mei­ner Sei­te vol­le Soli­da­ri­tät mit Betroffenen.

fal­ki: Hip­Hop darf und muss unbe­quem sein, aber nicht zum Leid­we­sen von Per­so­nen, die in der Gesell­schaft, war­um auch immer, ohne­hin schon kei­ne Akzep­tanz erfah­ren, weni­ger Pri­vi­le­gi­en genie­ßen und dadurch in ihrem täg­li­chen Leben deut­lich ein­ge­schränkt wer­den. Als Kul­tur müs­sen wir uns offen, laut und geschlos­sen soli­da­risch zei­gen mit all denen, die ange­fein­det und bedroht wer­den. Hal­tung und Posi­tio­nie­rung darf nicht nur im Pri­va­ten hin­ter ver­schlos­se­nen Türen statt­fin­den. Also teilt Erfah­run­gen und Mei­nun­gen von FLINTA*, ver­netzt Euch, sup­por­tet Euch und lasst Euren Stand­punkt in die Kunst ein­flie­ßen. Hip­Hop soll und muss Schutz­raum für Dis­kri­mi­nier­te sein, nicht für Miso­gy­nie und sexua­li­sier­te Gewalt.

Falk Schacht (HipHop-​Journalist): Ich bin Teil der HipHop-​Kultur, weil es für mich eine Gemein­schaft ist, die gegen Dis­kri­mi­nie­rung und für die Gleich­be­rech­ti­gung kämpft. Und das gilt nicht nur für einen aus­ge­wähl­ten Teil oder ein Geschlecht, son­dern für alle Benach­tei­lig­ten und Betrof­fe­nen von Gewalt jeder Form.

Fet­tes Brot: Wir sind schwu­le Mädchen!

Füf­fi: Wer Hip­Hop vor­schiebt, um sei­ne sexis­ti­sche Agen­da zu schüt­zen, der hat in die­ser Sze­ne nichts zu suchen. Die­se Kul­tur war schon immer ein Tool, Men­schen zu empowern, die in unse­rer Gesell­schaft zu kurz kom­men: Wer sich daher mit "Anti-metoo"-Idioten soli­da­ri­siert, claimt sich nicht nur als tota­ler Null-​Mensch, son­dern sup­por­tet Idea­le, gegen die ich mich durch Hip­Hop immer abgren­zen wollte.

Frehn Hawel (Pres­se­spre­cher beim Ree­per­bahn­fes­ti­val): Sexis­mus ist nicht nur im deut­schen Rap inak­zep­ta­bel, son­dern grund­sätz­lich. Es ist höchs­te Zeit, hier einen gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Kon­sens dar­über zu errei­chen, der über die Musik hin­aus­geht. Es kann nicht sein, dass die Sti­li­sie­rung sexua­li­sier­ter Gewalt in unse­ren Charts wei­ter­hin Dul­dung erfährt.

Fri­dl Ach­ten (Musik-​Journalist): Sexua­li­sier­te Gewalt und Macht­miss­brauch müs­sen wir gemein­sam ver­ur­tei­len und bekämp­fen. Das ist aber nicht nur ein Pro­blem im deut­schen Rap. Sexis­mus ist genau­so ein Teil von Pop, Indie, Punk, Metal … einer gesam­ten Indus­trie. Denn Sexis­mus ist ein Pro­blem unse­rer Gesell­schaft. Lasst uns end­lich anfan­gen, den Betrof­fe­nen zu glau­ben. Lasst uns zuhö­ren und uns soli­da­ri­sie­ren. Wir müs­sen zusam­men­hal­ten, damit wir das Feld nicht denen über­las­sen, die von die­sem Sys­tem pro­fi­tie­ren. Auf geht's jetzt!

Helen Fares (Jour­na­lis­tin): Ich for­de­re Soli­da­ri­tät mit Betrof­fe­nen von sexua­li­sier­ter Gewalt im ers­ten Schritt auf eine Art und Wei­se, die vor­aus­setzt, dass Men­schen sich zu die­sem The­ma wei­ter­bil­den, um kei­ne pro­ble­ma­ti­schen For­de­run­gen, Täter­schutz und Vor­ur­tei­le zu reproduzieren.

Hubi Koch (Jour­na­list): deutschrap­me­too hat eine gan­ze Sze­ne auf­ge­for­dert, sich aus­ein­an­der­zu­set­zen und zu posi­tio­nie­ren. Ins­be­son­de­re in HipHop-​Medien, For­ma­ten und Inter­views müs­sen Betrof­fe­ne Gehör fin­den, damit ein Flä­chen­brand kein Stroh­feu­er bleibt. Ob Labels, Manage­ments, Boo­ker oder Künst­ler: Schwei­gen ist Zustimmung.

John (ODMGDIA): Soli­da­ri­tät mit den Betrof­fe­nen! Wenn Ihr der­ar­ti­ge Situa­tio­nen mit­be­kommt: Schrei­tet ein oder holt Hil­fe. Wer­det irgend­wie aktiv und helft ein­an­der. Seht nicht weg oder igno­riert das Pro­blem. Über­denkt die Musik, die ihr hört. Über­denkt die Leu­te, denen ihr folgt. Über­denkt euer Ver­hal­ten und das eurer Freun­de. Auch wir haben in der Ver­gan­gen­heit viel Blöd­sinn in unse­ren Tex­ten erzählt und haben uns damit aus­ein­an­der­ge­setzt. Selbst­re­fle­xi­on macht manch­mal kei­nen Spaß, ist aber drin­gend not­wen­dig. Beschäf­tigt Euch mit der The­ma­tik. Redet drü­ber. Seid bes­se­re Men­schen oder ver­sucht, sol­che zu werden.

Juri Stern­burg (HipHop-​Journalist): Jour­na­lis­ten und Jour­na­lis­tin­nen, die seit Jah­ren von der HipHop-​Kultur pro­fi­tiert und gelebt haben, es aber jetzt nicht schaf­fen, offen, selbst­kri­tisch und ehr­lich über deutschrap­me­too zu berich­ten und die Stim­men derer zu ver­brei­ten, die Opfer die­ser Sze­ne wur­den – kön­nen wir die nicht ein­fach in Zukunft Rap-​Influencer nennen?

Kong (Forcki9ers): Als Mit­glied einer Crew, die aus wei­ßen Cis-​Männern besteht, ist es mir beson­ders wich­tig, mich bezüg­lich des The­mas deutschrap­me­too nicht aus der Ver­ant­wor­tung zu neh­men. Ich ver­ur­tei­le jede Form von Dis­kri­mi­nie­rung, Aus­gren­zung und Igno­ranz gegen­über FLINTA*. Auch wir dür­fen nicht zulas­sen, dass ver­ab­scheu­ungs­wür­di­ge Ver­fech­ter des Patri­ar­chats mit ihrer Agi­ta­ti­on noch auf frucht­ba­ren Boden stoßen.

KUSO GVKI: Sich expli­zit gegen Betrof­fe­ne von sexua­li­sier­ter Gewalt zu posi­tio­nie­ren, ist in mei­nen Augen abso­lut inak­zep­ta­bel. Aber auch künst­le­ri­sche Inhal­te soll­ten reflek­tiert wer­den. Hip­Hop ist kei­ne Sub­kul­tur mehr, son­dern längst im Main­stream ange­kom­men. Was einst Pro­vo­ka­ti­on war, ist mitt­ler­wei­le ein mas­sen­taug­li­ches Nar­ra­tiv und somit stump­fe Wie­der­ho­lung sexis­ti­scher Denk­wei­sen. Wer dar­auf auf musi­ka­li­scher Ebe­ne nicht ver­zich­ten möch­te, soll­te zumin­dest die Kunst­fi­gur von der Pri­vat­per­son abgren­zen und abseits der Musik klar Stel­lung gegen Sexis­mus bezie­hen. Künst­ler haben viel­leicht kei­nen Bil­dungs­auf­trag, aber zu glau­ben, als erfolg­rei­cher Musi­ker habe man kei­nen Ein­fluss auf die Gesell­schaft, ist ignorant.

Mal Éle­vé: Sexua­li­sier­te Gewalt ist ein rie­sen­gro­ßes Pro­blem in unse­rer Gesell­schaft. Ein Pro­blem, das meist tot­ge­schwie­gen wird. Da sich in die­ser Gesell­schaft toxi­sche Männ­lich­keit lei­der nor­ma­li­siert hat, ist es umso schwe­rer, die­se zu durch­bre­chen. Im Rap fin­det sie ihren ver­ba­len Höhe­punkt, ist aber letzt­end­lich ein Spie­gel der Gesell­schaft. Gera­de in der Musik­sze­ne soll­ten sich alle über ihre Rol­le als Vor­bil­der bewusst sein und dem­entspre­chend auch für ihre Äuße­run­gen und ihr Ver­hal­ten geradestehen.

Mar­cus Stai­ger (HipHop-​Journalist): Hip­Hop war für mich immer eine Kul­tur, in der sich die Aus­ge­schlos­se­nen, die Aus­ge­grenz­ten, die Benach­tei­lig­ten und Unter­drück­ten laut­stark zu Wort mel­den kön­nen. In die­sem Sin­ne ist es für mich auch selbst­ver­ständ­lich, dass Hip­Hop anti­ras­sis­tisch ist, sich dar­über hin­aus aber auch gegen Frau­en­ver­ach­tung, gegen Sexis­mus, gegen Homo­pho­bie, gegen Trans­feind­lich­keit und gegen jede Form von Dis­kri­mi­nie­rung stark machen muss. Wir sind erst frei, wenn alle frei sind. Wir sind so lan­ge unter­drückt, solan­ge es Unter­drü­ckung gibt. Schaf­fen wir die Unter­drü­ckung ab. Auch im Rap.

Marz: Es ist Armuts­zeug­nis und Warn­ruf zugleich, am Zenit unse­rer sozia­len Ent­wick­lung sich noch immer für Basics wie Gleich­be­rech­ti­gung oder den Respekt gegen­über jeder Indi­vi­dua­li­tät ein­set­zen zu müssen.

MC Smook: Vol­le Unter­stüt­zung für deutschrap­me­too und alle wei­te­ren Kam­pa­gnen und Orga­ni­sa­tio­nen gegen sexua­li­sier­te Gewalt sowie Soli­da­ri­tät mit den Betrof­fe­nen. Geg­ner die­ser für mich nor­mals­ten Ansich­ten haben in der HipHop-​Kultur nichts verloren.

Micha Fritz (Mit­be­grün­der von Viva con Agua): Hip­Hop hat sich immer für Men­schen ein­ge­setzt, die unter­drückt wor­den sind. Von daher macht aus mei­nem Ver­ständ­nis jeg­li­che Unter­drü­ckung oder Gewalt inner­halb der Com­mu­ni­ty und selbst­ver­ständ­lich all­ge­mein über­haupt kei­nen Sinn. Wer im Hip­Hop Gewalt säht, hat Hip­Hop nicht verstanden.

Mona Lina (A&R von 365XX Records, HipHop-​Journalistin): Hip­Hop dreh­te sich von Beginn an um Empower­ment, die gan­ze Bewe­gung wur­de von Anfang an maß­geb­lich von Frau­en mit­ge­prägt. Dass wir im Jahr 2021 noch immer über Sexis­mus im Rap reden müs­sen, wider­spricht allem, wofür Hip­Hop steht. Es braucht vol­le Soli­da­ri­tät mit Gen­der Mino­ri­ties – und das nicht nur unter­ein­an­der, son­dern vor allem von den Typen, die bis heu­te zu der Debat­te schweigen.

MZEE​.com Redak­ti­on: Wir ste­hen für eine offe­ne HipHop-​Kultur, in der Sexis­mus und vor allem sexua­li­sier­te Gewalt kei­nen Platz haben und in der FLINTA* nicht als Objek­te behan­delt wer­den, son­dern einen Teil der Com­mu­ni­ty darstellen.

Pilz: Es ist wich­tig, dass die Täter Ver­ant­wor­tung über­neh­men, statt sich selbst in der Opfer­rol­le zu sehen. Da ich selbst Teil der Deutschrap-​Szene bin, möch­te ich per­sön­lich bei allem Groll gegen jeden ein­zel­nen Täter aber auch nicht ver­ges­sen, die Betrof­fe­nen aktiv zu unter­stüt­zen. Des­halb möch­te ich an die­ser Stel­le Betrof­fe­nen anbie­ten, mich gern jeder­zeit zu kon­tak­tie­ren, falls ich mit ihrem Täter in Ver­bin­dung zu ste­hen scheine.

Pimf: Gera­de in unse­rer tes­to­ste­ron­ge­la­de­nen Sub­kul­tur dür­fen wir Frau­en im Kampf gegen Miso­gy­nie und patri­ar­cha­le Struk­tu­ren nicht im Stich las­sen. Auch wenn es unan­ge­nehm ist, die eige­ne toxi­sche Männ­lich­keit immer wie­der auf den Prüf­stand zu stel­len. Auch wenn es oft unbe­quem ist, eine kla­re Posi­ti­on in unse­rem sexis­ti­schen Kos­mos zu bezie­hen. Soli­da­ri­tät mit allen Betrof­fe­nen sexua­li­sier­ter Gewalt muss mit jeg­li­chen Kon­se­quen­zen zum Kon­sens unse­res Han­delns werden.

Ralf Kott­hoff (MZEE Grün­der): Die Lei­dens­ge­schich­ten, die unter deutschrap­me­too an die Öffent­lich­keit kom­men, sind erschüt­ternd. Die Opfer ver­die­nen unser Mit­ge­fühl und Par­tei­nah­me. Und unse­ren Respekt. Das ändert nicht, was ihnen wider­fah­ren ist. Aber es ist das Min­des­te, was wir tun kön­nen und wozu wir uns alle ver­pflich­tet füh­len soll­ten. Bei mir mischt sich dazu auch die per­sön­li­che Scham dar­über, eine Kul­tur mit auf­ge­baut zu haben, die ver­sucht hat, so vie­les bes­ser zu machen als die Mainstream-​Kultur, und trotz­dem offen­sicht­lich dar­in ver­sagt hat, die­se gräss­li­che Form von Gewalt nicht von der Gesell­schaft zu übernehmen.

Robert Win­ter (Foto­graf): Die aktu­el­len Dis­kus­sio­nen und die Unver­ständ­lich­keit gegen­über den Betrof­fe­nen zei­gen wie­der, wie wich­tig es ist, die männ­lich domi­nier­te "Mono­kul­tur" im Deutschrap wei­ter auf­zu­bre­chen und dass wir mehr weib­li­che und diver­se Mei­nun­gen sowie Sicht­wei­sen brau­chen. Den Leu­ten fehlt es an Ver­ständ­nis. Each one teach one.

Roger Rekless: Die HipHop-​Kultur war immer eine gesell­schaft­li­che Gegen­be­we­gung. Vor allem war sie immer eine Bewe­gung gegen Unter­drü­ckung. Wer Sexis­mus mit Hip­Hop ver­tei­digt, hat Hip­Hop nicht ver­stan­den. Ich ste­he soli­da­risch mit allen Opfern und den Aktivist*innen in und um deutschrap­me­too. Ich bin mir hier­bei sehr bewusst, dass auch ich an mir arbei­ten muss, um erlern­te Sexis­men abzulegen.

Skin­ny (HipHop-​Journalist): Rap­per spie­len sich als Hel­den auf, indem sie einen Feld­zug gegen die Opfer sexua­li­sier­ter Gewalt star­ten. Mei­ne bedin­gungs­lo­se Soli­da­ri­tät mit allen Betrof­fe­nen und nichts als Ver­ach­tung für die Täter und deren Stiefellecker-Bros.

Soo­kee: Ich habe nach Jah­ren der sich im Kreis dre­hen­den Debat­ten kei­ne Kraft mehr dafür, mit ein­zel­nen Artists ihre als Kunst­frei­heit getarn­ten Pseudo-​Argumente für Rape Jokes zu dis­ku­tie­ren. Aber ich erwar­te von den Entscheidungsträger*innen der Musik­in­dus­trie, dass sie end­lich Ver­ant­wor­tung über­neh­men und die­se Schei­ße nicht mehr zu Geld machen.

Taha: Men­schen wie ich, die nicht betrof­fen sind, müs­sen sich doch erst recht gegen Sexis­mus stark machen, sich auf­klä­ren las­sen und dann sel­ber auf­klä­ren. Jeder von uns ist Täter. Ob bewusst oder nicht.

Tapefabrik-Veranstalter:innen: Wenn wir als Sze­ne nicht auf die Grau­sam­keit, die Respekt­lo­sig­keit und die Dreis­tig­keit der Täte­rIn­nen reagie­ren, schüt­zen wir sie und för­dern das Ver­hal­ten und damit die Gewalt gegen­über den Opfern der Zukunft. Kein Fuß­breit für sexua­li­sier­te Gewalt. Kei­ne Grau­zo­ne. Kei­ne Ver­harm­lo­sung. Vol­le Soli­da­ri­tät mit den Opfern.

Tigr­rez Punch: Wir haben im Rap, aber auch gene­rell in der Musik­sze­ne und unse­rer Gesell­schaft eine Umge­bung geschaf­fen, in der sexua­li­sier­te Gewalt mehr Nor­ma­li­tät ist als ein siche­rer Raum, in dem wir uns bewe­gen kön­nen. Ich will in einer Rea­li­tät ankom­men, in der wir auf­hö­ren, Täter*innenschaft und Gewalt zu idea­li­sie­ren und zu ent­schul­di­gen. Ich kämp­fe für eine Umge­bung, in der die Ver­ant­wor­tung für jeg­li­che Art von Grenz­über­schrei­tung bei den Täter*innen und unse­re Soli­da­ri­tät bei den Betrof­fe­nen liegt.

Tina Turnup (PALAS): Ich lie­be Hip­Hop. Es ist an der Zeit, dass sich end­lich etwas ändert. Dafür brau­chen wir die Unter­stüt­zung unse­rer männ­li­chen Kol­le­gen: Macht bit­te den Mund auf! Ich soli­da­ri­sie­re mich voll mit allen Betroffenen.

Tobi­as Wilin­ski (Musik-​Journalist): Wir hören gera­de mehr muti­ge Stim­men denn je, die uns klar­ma­chen, wie prä­sent Sexis­mus und Dis­kri­mi­nie­rung in unse­rer Gesell­schaft sind. Die uns die Chan­ce geben, unser eige­nes Ver­hal­ten zu reflek­tie­ren und es zu ändern, und die uns zei­gen, wie wir uns mit Betrof­fe­nen soli­da­ri­sie­ren. Ich wün­sche mir, dass die Stim­men gehört wer­den, die (Musik-)Welt nach­denk­li­cher und ein­fühl­sa­mer wird und wir gemein­sam für Gleich­be­rech­ti­gung kämpfen.

Van­da­lis­mus: Medi­en­hype geht schnell und muss nicht falsch sein. Bloß die Kater­stim­mung ist ent­schei­dend und ob aus einem schnel­len Insta-​Lippenbekenntnis auch eta­blier­ter Aktio­nis­mus und Soli­da­ri­tät mit deutschrap­me­too wird, ist wich­tig. Nur mal drei Tage lang nichts pos­ten oder ein­mal im Quar­tal einen haus­ar­bei­ti­gen Leit­ar­ti­kel, dann aber trotz­dem wie­der die gan­ze Zeit toxi­schen Schmod­der sup­por­ten, geht jetzt lei­der nicht mehr. Sor­ry, Karma.

Waving The Guns: Wir möch­ten, dass sich Frau­en bei unse­ren Kon­zer­ten und in unse­rem Umfeld wohl­füh­len kön­nen, ohne Angst zu haben, von irgend­wem – in wel­cher Form auch immer – respekt­los behan­delt zu wer­den. Das ist unse­re kul­tu­rel­le Vorstellung.

(die MZEE​.com Redaktion)
(Titel­bild von Studiobierotte)