Who sampled who? – Türchen #04: "Yak Sher" von Farhot

Schon seit die HipHop-​Kultur noch in den Kin­der­schu­hen steck­te, sind Sam­ples ein essen­zi­el­ler Teil von ihr. Von alten Klas­si­kern bis hin zu aktu­el­len Chart­hits las­sen sich in unzäh­li­gen Songs Ele­men­te aus bereits exis­tie­ren­den Wer­ken fin­den. Wem erging es noch nicht so, dass er beim Musik­hö­ren über einen bekann­ten Sound gestol­pert ist und sich dar­auf­hin den Kopf über des­sen Her­kunft zer­bro­chen hat? Oft beginnt damit eine span­nen­de Suche nach der Ori­gi­nal­auf­nah­me quer durch die Musik­his­to­rie. Aus die­sem Grund stel­len wir uns in unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der die Fra­ge "Who sam­pled who?" und öff­nen täg­lich ein neu­es Tür­chen: Wir prä­sen­tie­ren Euch 24 ver­schie­de­ne deut­sche Rap­songs und betrach­ten die Sam­ples, wel­che sich dar­in verbergen.

 

 

Pan­zer, Trüm­mer, Män­ner mit Maschi­nen­ge­weh­ren, Frau­en gehüllt in Schwarz, Staub, Tris­tesse – wir alle haben durch Nach­rich­ten, die uns seit Jah­ren errei­chen, ein gewis­ses Bild von Afgha­ni­stan im Kopf. Aller­dings ein sehr ein­sei­ti­ges, das in keins­ter Wei­se alle Facet­ten die­ses Lan­des wider­spie­geln kann. Farhot woll­te dem mit sei­nem Album "Kabul Fire Vol. 2" und dem dar­in ent­hal­te­nen Song "Yak Sher" etwas Schö­nes ent­ge­gen­set­zen. Und sie­he da: Er hat es geschafft. Mit­hil­fe der hohen Kunst des Sam­plings erzählt er eine Geschich­te, die einen auf eine Rei­se in ein frem­des Land mitnimmt.

"Yak Sher", was über­setzt "ein Gedicht" bedeu­tet, beinhal­tet genau dies als Sam­ple. Und zwar vor­ge­tra­gen von dem wahr­schein­lich bekann­tes­ten mud­scha­hed­di­ni­schen Wider­stands­kämp­fer, Ahmad Shah Mas­soud. Mas­soud, der am 09. Sep­tem­ber 2001 von der ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung Al-​Qaida ermor­det wur­de, erzählt auf Dari, dem afgha­ni­schen Per­sisch, von einem Hoff­nungs­schim­mer – von "war­ten­den Augen", die einen Stern am dunk­len Him­mel ent­de­cken. Er spricht in den schöns­ten Meta­phern, die vor allem der per­si­schen Spra­che geschul­det sind und ver­deut­licht damit ver­mut­lich sei­nen Glau­ben dar­an, die Tali­ban besie­gen zu kön­nen. Der Beat von Farhot voll­endet die­se bedeu­tungs­schwe­ren Wor­te dabei mit noch mehr Schön­heit. Er selbst sagt aller­dings, er woll­te mit "Kabul Fire Vol. 2" und vor allem "Yak Sher" nicht poli­tisch sein, doch wie so oft erscheint das Per­sön­li­che eben doch auch poli­tisch. Es gibt schließ­lich Grün­de dafür, dass er sein Geburts­land bis­her nie besu­chen konn­te und nun die Sehn­sucht nach einem ihm nahe­zu frem­den Land sowie sei­nen Umgang mit dem Begriff "Her­kunft" – gehüllt in Jazz und Hip­Hop – in einem Album und die­sem Song ver­ar­bei­tet hat.

Ob poli­tisch oder nicht: Farhot hat mit "Yak Sher" ein beson­de­res Stück Kunst geschaf­fen und eine span­nen­de Geschich­te erzählt, bei der es sich lohnt, ihr auf den Grund zu gehen.

(Yas­mi­na Rossmeisl)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)