DIGGEN mit Falk Schacht

Das ers­te Kon­zert, das man ohne Eltern besu­chen durf­te. Nachts allei­ne auf der Auto­bahn und den glei­chen Song immer und immer wie­der hören, weil man nicht fas­sen kann, wie gut er ist. Der Track, den man mit den Freun­den von frü­her laut grö­lend auf jeder Par­ty mit­ge­sun­gen hat. Ver­mut­lich kennt jeder Mensch die­sen Moment: Es läuft ein bestimm­tes Lied oder Album, das einen direkt emo­tio­nal in eine Situa­ti­on zurück­ver­set­zen kann, nost­al­gisch wer­den lässt oder ein­fach nur auf­grund sei­ner Mach­art immer wie­der zum Stau­nen bringt. Und genau dar­um geht es in unse­rem neu­en For­mat "DIGGEN mit …". Wir dig­gen mit ver­schie­de­nen Protagonist:innen der Sze­ne in ihren gedank­li­chen Plat­ten­kis­ten und spre­chen über Musik, die die­se Emo­tio­nen in ihnen aus­löst. Dafür stel­len unse­re Gäs­te jeweils eine eige­ne Play­list mit Songs zusam­men, die sie bewe­gen, begeis­tern und inspirieren. 

Die­ses Mal ging es aller­dings nicht um den per­sön­li­chen Musik­ge­schmack unse­res Gas­tes, son­dern um das, wofür er von vie­len Men­schen die­ser Sze­ne geschätzt wird: sein unend­li­ches Wis­sen über Hip­Hop. Falk Schacht stell­te uns eine Play­list mit geschichts­träch­ti­gen Songs zusam­men, die aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den rele­vant für die­se Kul­tur sind. Dazu brach­te er uns ein Auf­ge­bot an Anek­do­ten mit, das kaum zu über­bie­ten ist. Doch noch viel wich­ti­ger: Bei jeder ein­zel­nen Geschich­te ließ er uns ver­ste­hen, wie­so sie heu­te noch genau­so rele­vant ist wie damals und wel­che Wur­zeln sie geschla­gen hat. Zum Bei­spiel, wie­so es Cora E. ver­mut­lich nicht ohne Roxan­ne Shan­té geben wür­de. Oder wel­che Tür die Sugar­hill Gang für Public Enemy öff­ne­te und was das für ein gan­zes Musik­gen­re zu bedeu­ten hatte.

 

 

1. The Sequence – Funk You Up (prod. by Syl­via Robinson)

Falk Schacht: The Sequence kennt lei­der nicht jeder, aber das soll­te man ändern. Das war im Grun­de die ers­te unter Ver­trag ste­hen­de weib­li­che Rap­crew. "Funk You Up" ist ein klas­si­sches, lupen­rei­nes Disco-​Groove-​Ding, auf dem sie rap­pen statt zu sin­gen. Das war damals etwas Außer­ge­wöhn­li­ches und Neu­es, des­we­gen hat das sehr gut funk­tio­niert. Ent­stan­den ist das alles, als die Sugar­hill Gang getourt hat. The Sequence hat sich bei ihnen gemel­det, weil sie unbe­dingt dabei sein woll­ten. Und dort haben sie dann im Backstage-​Bereich Syl­via Robin­son ken­nen­ge­lernt, die das Label Sugar­hill Records betrie­ben hat und im Grun­de auf die Idee gekom­men ist, die Sugar­hill Gang zu grün­den. Die drei Ladies hat sie sofort unter Ver­trag genom­men. Das hat­te damals auch Erfolg, aber es ist schon fest­stell­bar, dass die Geschich­te von den Gewin­nern geschrie­ben wird und das sind dann doch meis­tens die Män­ner. Das ändert sich ja zum Glück gera­de. Den ers­ten Arti­kel über Frau­en im Rap und ihre Pro­ble­me in der Sze­ne habe ich 1995 geschrie­ben. Und heu­te brau­che ich das gar nicht mehr, weil es so vie­le jun­ge Jour­na­lis­tin­nen gibt, die dahin­ge­hend arbei­ten. Frü­her war das lei­der sehr zäh.

 

2. The Sugar­hill Gang – Rapper's Delight (prod. by Syl­via Robinson)

Falk Schacht: "Rapper's Delight" ist im Sep­tem­ber 1979 raus­ge­kom­men und in den dar­auf­fol­gen­den Mona­ten explo­diert. Bereits im Janu­ar 1980 ist die Sugar­hill Gang nach Deutsch­land geflo­gen und in Bre­men in einer Fern­seh­sen­dung auf­ge­tre­ten. Und eine Woche spä­ter waren sie für meh­re­re Mona­te in den deut­schen Top Ten. Der wahn­sin­ni­ge Erfolg hat dann dazu geführt, dass es auch eine deut­sche Ver­si­on gab. Das war damals so üblich, weil man noch mal Geld damit machen konn­te. Die­se natio­na­len Cover-​Versionen in der jewei­li­gen Lan­des­spra­che eines Welt­hits gab es aller­dings in vie­len Län­dern, das war kei­ne rein deut­sche Sache. Bis jetzt ken­ne ich 30 Songs welt­weit – von Süd­ame­ri­ka bis zu den Phil­ip­pi­nen. Das alles ist über­wie­gend im Jahr 1980 pas­siert. Die­ser Track hat offen­sicht­lich sehr viel bei den Men­schen aus­ge­löst und damit Rap und das ers­te Lebens­zei­chen der HipHop-​Kultur um die Welt getra­gen. Irgend­wie war das auch einer der ers­ten rich­ti­gen Sün­den­fäl­le des Hip­Hops. Man kennt ja die For­de­rung nach Real­ness und Authen­ti­zi­tät von Rapper:innen und Fans – der Streit dar­über begann zu die­sem Zeit­punkt. Das war eine gecas­te­te Band, die "ech­te HipHop-​Szene" hat das gehört und sich furcht­bar auf­ge­regt, weil es nicht real war. Dem­nach gab es schon 1979 den Vor­wurf der kul­tu­rel­len Aneig­nung. Die Realness-​Diskussion ist ja im End­ef­fekt nichts anderes.

 

3. Fun­ky 4 + 1 – That's the Joint (prod. by Syl­via Robinson)

Falk Schacht: Fun­ky 4 + 1 war die ers­te Rap-​Gruppe, die einen Platten-​Deal bekom­men hat und auch die ers­te, die im bun­des­wei­ten TV auf­trat. Blon­die bat sie bei einer Satur­day Night Live-​Folge auf­zu­tre­ten, die sie mode­rier­te. Die Punk-​Szene New Yorks hieß die Rap-​Szene mit offe­nen Armen will­kom­men und sorg­te so dafür, dass die­se schnell Auf­merk­sam­keit bekam. Für vie­le Punks war Rap die schwar­ze Ver­si­on von Punk. Auch Sha-​Rock gehör­te zu Fun­ky 4 + 1. Sie gilt als eine der ers­ten Rap­pe­rin­nen, die sich auf den Block­par­tys und Jams bemerk­bar mach­te. Den Song "Thats the Joint" kennt man auch, weil er sehr oft gesam­pelt wur­de. Zum Bei­spiel von Outkast, EPMD und den Beas­tie Boys.

 

4. Grand­mas­ter Flash & The Furious Five – The Mes­sa­ge (prod. by Jigsaw Pro­duc­tions, Syl­via Robinson)

Falk Schacht: An "The Mes­sa­ge" fas­zi­niert mich so, dass man diver­se Din­ge dar­an fest­ma­chen kann. Zum einen ist inter­es­sant, dass Grand­mas­ter Flash nie direkt an dem Song betei­ligt war, aber immer zuerst genannt wird. Hip­Hop ist eine von DJs begrün­de­te Kul­tur. Sie waren damals die abso­lu­ten Stars und wur­den auch immer zuerst genannt. Vie­le den­ken bis heu­te, dass Grand­mas­ter Flash den Song getappt hat, aber das ist falsch. Trotz­dem spielt er nach wie vor die meis­ten Festival-​Gigs, obwohl er so gut wie nichts für die Songs, die unter sei­nem Namen berühmt wur­den, getan hat. Des­we­gen gibt es auch heu­te noch viel Streit zwi­schen ihm und den Mit­glie­dern der Furious Five. Außer­dem signa­li­siert der Song den Über­gang von der Disco-​Rap-​Phase mit Live-​Band in das Zeit­al­ter der Drum Machi­nes. Eine Per­son allei­ne kann jetzt kom­plet­te Beats bau­en. In die­sem Fall war das Duke Boo­tee, der ursprüng­lich nichts mit der Band zu tun hat­te. Er hat auch den Text geschrie­ben und Syl­via Robin­son dann sein Demo gezeigt. Sie sah viel Poten­zi­al dar­in und woll­te einen Song mit Grand­mas­ter Flash dar­aus machen. Den Furious Five gefiel das aber über­haupt nicht. Die­ser Song klang nicht nur anders, er war auch wesent­lich lang­sa­mer als das, was man bis dahin pro­du­zier­te. Dazu war der Text auch noch poli­tisch. Bis­her hat­ten sie eher Party- oder Battlerap-​Texte pro­du­ziert. Also, den Eskapismus-​Sound bedient. Und nun soll­ten sie vom Ghet­to erzäh­len, wovon sie eigent­lich mit ihren Tex­ten ablen­ken woll­ten. Syl­via Robin­son wuss­te aller­dings, dass Mel­le Mel rela­tiv sim­pel über Geld moti­vier­bar war und bezahl­te ihn. Das war eine Beson­der­heit, weil die Artists meis­tens nur Geld für Live-​Auftritte vom Label beka­men. Mel­le Mel nahm das Geld, hat­te aber kei­nen Bock, einen neu­en Text zu schrei­ben, und rapp­te des­we­gen ein­fach einen alten Text von sich. Und so kam es, dass außer Duke Boo­tee und Mel­le Mel nie­mand invol­viert war. Als "The Mes­sa­ge" plötz­lich so ein Hit wur­de, woll­ten natür­lich doch alle dabei sein. Im Video sieht man sogar die ori­gi­nal Crew. An der Sto­ry merkt man schon wie­der, dass in der Musik­in­dus­trie der dama­li­gen Zeit sehr viel kon­stru­iert und mani­pu­liert wur­de. Es wur­den Leu­te gegen­ein­an­der aus­ge­spielt und es gab ein Macht­ge­fäl­le. Und das, obwohl der Song so sozi­al­kri­tisch war. Trotz­dem war er extrem wich­tig, weil er eine Tür auf­ge­macht hat, durch die dann etwas spä­ter Public Enemy gehen konn­te. Erst ab die­sem Zeit­punkt wur­de Rap auch in den Tex­ten poli­tisch und sozialkritisch.

 

5. Public Enemy – Rebel Without A Pau­se (prod. by Chuck D, Hank Shock­lee, Bill Stephney)

Falk Schacht: Public Enemy sind die­je­ni­gen, die Black Con­scious­ness im Rap groß gemacht haben. Das liegt, glau­be ich, dar­an, dass die Begrün­der der HipHop-​Kultur die Kin­der der Bür­ger­rechts­be­we­gung der 60er Jah­re sind. Und die wur­de ja im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes gegen Ende der 60er Jah­re zusam­men­ge­schos­sen. Mar­tin Luther King und Mal­colm X wur­den ermor­det. Und die Black Pan­thers wur­den stark kri­mi­na­li­siert und in Tei­len getö­tet sowie vie­le ande­re schwar­ze revo­lu­tio­nä­re Grup­pen und Ein­zel­per­so­nen auch. In den 70er Jah­ren brach die­se Bür­ger­rechts­be­we­gung dann zusam­men. Chuck D war immer wich­tig, dass die­ser revo­lu­tio­nä­re Spi­rit wei­ter hoch­ge­hal­ten wird, aber das hat ein­fach nie­man­den inter­es­siert. Die Ghet­tos wur­den mit bil­li­gen Dro­gen über­flu­tet und der Kampf gegen den sys­te­ma­ti­schen Ras­sis­mus ver­wan­del­te sich in den Kampf um lukra­ti­ve Ver­kaufster­ri­to­ri­en, Geld und den nächs­ten H-​Fix. Als ihm dann 1986 der Deal von Def Jam ange­bo­ten wur­de, war er der Ansicht, dass er eh schon zu alt ist, um Pop­star zu wer­den. Rick Rubin hat ihn aber so lan­ge genervt, bis er, unter einer Bedin­gung, zuge­sagt hat. Und zwar, dass er das so hard­core durch­zie­hen kann, wie er will. Damit war Rick Rubin ein­ver­stan­den, aller­dings fand er Fla­vor Flav unpas­send, weil er für ihn zu unpo­li­tisch war. Chuck D mein­te aber: "Nein, wir brau­chen den. Ohne den mache ich es nicht." Und Chuck D hat­te Recht. Die Musik von Public Enemy ist sehr hart und auch tro­cken auf eine Art. Fast schon aka­de­misch, was die Inhal­te betrifft. Und Fla­vor Flav bringt eine Unter­hal­tungs­ebe­ne mit rein, die enorm wich­tig ist und einen ent­schei­den­den Unter­schied macht. Was Chuck D sich da kon­zep­tio­nell aus­ge­dacht hat, war extrem beein­dru­ckend. Es gibt zum Bei­spiel einen Minis­ter of Infor­ma­ti­on, wie bei den Black Pan­thers. Nicht jeder war Rap­per, aber jeder hat­te eine Funk­ti­on und einen Titel. So gab es auch die Secu­ri­ty of the First World. Das waren Leu­te in Army-​Outfits, die auf der Büh­ne Drill-​Routinen durch­führ­ten, die wie mili­tä­ri­sche Tanz-​Choreos aus­sa­hen. Das geschah in Anleh­nung an die Black Pan­thers und ihre Funk­ti­on als Secu­ri­tys in den Ghet­tos, die sie über­nom­men hat­ten, weil man der wei­ßen Poli­zei damals schon nicht ver­trau­en konn­te. All das war unfass­bar neu, beein­dru­ckend und kraft­voll. Dank Public Enemy gab es Ende der 80er rich­tig vie­le poli­ti­sche Rap­crews. Und sie push­ten die Afrocentricity-​Bewegung der frü­hen 90er Jah­re. Sie sind eine der wich­tigs­ten HipHop-​Bands aller Zeiten.

 

6. Roxan­ne Shan­té – Roxanne's Reven­ge (prod. by Mar­ley Marl)

Falk Schacht: Das habe ich gepickt, weil Roxan­ne Shan­té die ers­te rich­tig gro­ße Batt­ler­ap­pe­rin war, die wie­der­um sehr vie­le Frau­en inner­halb der HipHop-​Kultur welt­weit inspi­rier­te. Auch für Cora E. war sie ein extrem wich­ti­ger Ein­fluss. Sie rappt in "Schlüs­sel­kind": "Ich woll­te rap­pen wie Shan­té." Zum Hin­ter­grund des Songs: Die Crew UTFO hat­te einen klei­nen Hit mit dem Song "Roxan­ne Roxan­ne", in dem sie Slut-​Shaming betrie­ben. Die Producer-​Legende Mar­ley Marl hat­te die Idee, Shan­té einen Antwort-​Song machen zu las­sen, in dem sie den Her­ren von UTFO erzähl­te, was für arme Würst­chen sie sind. Des­halb nahm sie auch den Vor­na­men "Roxan­ne" an. Weil sie UTFO so bril­lant zer­leg­te, wur­de die­ser Song zu einem extrem popu­lä­ren Hit, der sich über 250 000 Mal ver­kauf­te. Und danach began­nen die soge­nann­ten "Roxanne-​Wars". Immer mehr Rapper:innen misch­ten sich ein und es ent­stan­den inner­halb der nächs­ten zwölf Mona­te bis zu 35 Antwort-​Songs, die sich mit der Figur "Roxan­ne" aus­ein­an­der­setz­ten. Sie sel­ber kämpf­te immer wie­der wäh­rend ihrer Kar­rie­re gegen enor­me Wider­stän­de und die vor­herr­schen­den patri­ar­cha­len und ras­sis­ti­schen Struk­tu­ren. Dadurch blie­ben ihr vie­le Türen ver­schlos­sen. Es gibt ein Bio­pic über ihr Leben, das "Roxan­ne, Roxan­ne" heißt und auf Net­flix zu sehen ist. Drin­gen­de Empfehlung!

 

7. Stetsa­so­nic – Tal­kin' All That Jazz (prod. by MC Delite)

Falk Schacht: Stetsa­so­nic habe ich aus­ge­wählt, weil sie sehr sel­ten erwähnt wer­den und ich ein bru­ta­ler Fan die­ses Albums bin. "Tal­kin' All That Jazz" ist inter­es­sant, weil sie sich mit Sam­pling aus­ein­an­der­set­zen. Es wur­de ihnen näm­lich vor­ge­wor­fen, dass sie nicht krea­tiv sei­en. Des­we­gen erklä­ren sie, wie­so sie Sounds sam­peln. Dabei haben sie eine mei­ner Lieb­lings­zei­len geschrie­ben: "Rap brings back old R 'n' B. And if we would not, peop­le could've for­got." Und das ist genau der Punkt. Sam­pling trans­for­miert alte in neue Infor­ma­tio­nen. Heu­te macht jeder aus irgend­wel­chen Sachen auf sei­nem Han­dy ein Meme und lädt das hoch. Die­se "Remix-​Kultur" ist heu­te nor­mal, aber damals war das etwas sehr Außer­ge­wöhn­li­ches. Der Kon­flikt war zu die­ser Zeit auch weni­ger auf das Urhe­ber­recht bezo­gen, son­dern lag mehr im Vor­wurf der Krea­tiv­lo­sig­keit. "In Full Gear" gehört zu den Alben, in denen die ganz hohe Kunst des Sam­plings zu hören ist. Spä­ter wur­den in den meis­ten Rap-​Songs ein oder zwei Sam­ples genutzt. Bei Stetsa­so­nic sind in einem Song teil­wei­se 15, 20 oder 30 unter­schied­li­che Tracks mit­ein­an­der ver­bun­den. Und sowas lie­be ich extrem. Die­se Fähig­keit, zu hören, was aus unter­schied­li­chen Quel­len zusam­men­passt, ist wirk­lich hoch­span­nend. Prince Paul war einer ihrer DJ und er führ­te spä­ter die­se kom­ple­xe Sample-​Kunst bei De La Soul wei­ter. Das war die Hoch­zeit des Sam­plings. Ab den 90ern begann das mit den gro­ßen Urhe­ber­rechts­kla­gen und es wur­de immer weni­ger gesampelt.

 

8. Beas­tie Boys – Shake Your Rump (prod. by Beas­tie Boys, Dust Brothers)

Falk Schacht: "Paul's Bou­tique" von 1989 ist wahr­schein­lich auch eins der kom­ple­xes­ten HipHop-​Alben, die je pro­du­ziert wur­den. Es sind hun­der­te Sam­ples auf die­sem Album und es pas­siert stän­dig etwas in den Beats und Arran­ge­ments. Ich muss zuge­ben, dass mir das heu­te ein wenig fehlt. Wenn man sich die­ses Album von vor­ne bis hin­ten anhört, wird es nie lang­wei­lig, weil alle drei­ßig Sekun­den irgend­et­was pas­siert. Man­che Songs sind teil­wei­se nur eine Minu­te lang – so, wie ich mir ein Mix­tape oder eine Radio­sen­dung wün­sche. Es ist für mich purer HipHop-​Sound, weil die­se Musik der DJ-​Kultur ent­stammt. Und ich will die­se DJs arbei­ten hören.

 

9. Advan­ced Che­mi­stry – Fremd im eige­nen Land (prod. by Torch)

Falk Schacht: "Fremd im eige­nen Land" habe ich aus­ge­wählt, weil es einer der wich­tigs­ten Deutschrap-​Songs aller Zei­ten ist. Aus unter­schied­lichs­ten Grün­den. Zum einen hat der Song ein Pro­blem so gut und per­fekt auf die Kar­te gebracht wie kein ande­rer zuvor. Zum ande­ren war er auch eine Art Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt. Damals haben sich vie­le dar­in bestärkt gefühlt, dass Hip­Hop mehr als nur alber­ner Par­ty­spaß ist. "Wir haben was zu sagen. Wir haben eine Stim­me." Das galt für eine gan­ze HipHop-​Generation. Aber für Advan­ced Che­mi­stry noch mal im Spe­zi­el­len, weil sie für BIPoC gespro­chen haben. Zu die­ser Zeit sind sie auch in einen Kon­flikt mit den Fan­tas­ti­schen Vier gekom­men. Sie haben ihnen Aus­ver­kauf vor­ge­wor­fen. Und da haben wir wie­der die Fra­ge nach der Real­ness. Es geht um den Aus­ver­kauf der Kul­tur. Im Alter von 18 Jah­ren habe ich nicht ver­stan­den, wo das Pro­blem liegt. Aber damals konn­te einem auch kaum einer ver­nünf­tig erklä­ren, dass es eigent­lich um kul­tu­rel­le Aneig­nung geht. Und auch wenn das Kon­zept heu­te bes­ser ver­stan­den wird, muss man genau­so über kul­tu­rel­le Ver­eh­rung spre­chen. Aber das ist eine ande­re Story.

 

10. Cora E. – Schlüs­sel­kind (prod. by Busy)

Falk Schacht: Cora E. hat mit "Schlüs­sel­kind" im Grun­de den Sound­track der HipHop-​Kultur geschrie­ben. Der größ­te Teil der HipHop-​Aktiven sind vater­lo­se Schlüs­sel­kin­der auf der Suche nach Aner­ken­nung und Sinn im Leben. Heu­te fra­ge ich mich, wie­so es Schlüs­sel­kin­der eigent­lich gibt. Natür­lich denkt man an ver­nach­läs­sig­te Kin­der, aber der Song bringt auch zum Aus­druck, dass Single-​Mütter benach­tei­ligt wer­den. Schlüs­sel­kin­der sind ein kapi­ta­lis­ti­sches Pro­dukt von patri­ar­cha­len Struk­tu­ren, die Frau­en benach­tei­li­gen. Und vie­le der Pro­ble­me, die Rapper:innen arti­ku­lie­ren, basie­ren am Ende des Tages auf der sys­te­ma­ti­schen Benach­tei­li­gung von Frau­en. Lei­der erken­nen vie­le männ­li­che Rap­per die­sen Zusam­men­hang nicht. Des­halb spre­che ich jedes mal dar­über, wenn ich über "Schlüs­sel­kind" spreche.

 

11. Sho­goon – Pos­ter (prod. by Shogoon)

Falk Schacht: Das ist jetzt ein gro­ßer zeit­li­cher Sprung, aber ich woll­te auch ein paar moder­ne­re Sachen mit­brin­gen. Sho­goon fin­de ich des­we­gen so span­nend, weil er ein Mul­ti­ta­lent ist. Er pro­du­ziert und rappt. Er ist sehr geschichts­in­ter­es­siert, ohne dabei anstren­gend hän­gen­ge­blie­ben zu sein. Und er arbei­tet sich in Berei­che ein, die ihn inter­es­sie­ren. Zum Bei­spiel in den Westcoast-​Sound der 90er Jah­re oder den Neptunes-​Sound der 00er Jah­re. Und am bes­ten wird es, wenn er das Gan­ze anfängt, zu ver­bin­den. Des­halb soll­te man defi­ni­tiv ein Auge auf ihn wer­fen. Da wird noch eini­ges pas­sie­ren in den nächs­ten Jahren.

 

12. NOEL & End­zo­ne – Akti­en (prod. by Endzone) 

Falk Schacht: Das­sel­be gilt für NOEL. Sie ist für mich eine der span­nends­ten jun­gen Rap­pe­rin­nen, die wir haben. Ihr Vater ist Teil der Fly­ing Steps. (Anm. d. Red.: eine Breakdance-​Crew aus Ber­lin) Das heißt, sie wur­de von Anfang an in der HipHop-​Kultur sozia­li­siert. Es ist span­nend, zu sehen, wie die­se Genera­ti­on die HipHop-​Kultur wei­ter­ent­wi­ckelt. Wenn man sich die Modus Mio-​Playlist anguckt, kann man das Gefühl bekom­men, dass die Musik heu­te sehr ein­tö­nig und ober­fläch­lich ist. Es geht oft um Sta­tus­sym­bo­le. Der eigent­li­che kul­tu­rel­le Wert, die Bedeu­tung und das Berei­chern­de der Kul­tur geht ger­ne mal unter. NOEL und Sho­goon sind zwei Bei­spie­le dafür, wie man es anders machen kann und trotz­dem am Puls der Zeit agiert. Sehr fresh.

 

All die­se Tracks fin­det ihr hier in unse­rer "DIGGEN mit Falk Schacht"-Playlist auf Spotify.

(Yas­mi­na Rossmeisl)
(Fotos von San­dra Müller)