AzudemSK – ein Gespräch über HipHop-Werte

"Manch­mal wird mir mei­ne ewi­ge Geis­tes­exis­tenz zu viel. Ich möch­te dann nicht mehr so ewig drü­ber­schwe­ben. Ich möch­te ein Gewicht an mir spü­ren." – Auf die­ses und wei­te­re Zita­te aus dem Film "Der Him­mel über Ber­lin" trifft man, wenn man die aktu­el­le Plat­te "6000 Fuß über Bay­reuth" von Azu­demSK und Mor­lock­ko Plus hört. Das Zitat beschreibt die Gedan­ken eines Engels, der über das alte Ber­lin schwebt und den Gedan­ken der Men­schen lau­schen kann, ohne dass sie es mit­be­kom­men. Für Azu­demSK zeigt es außer­dem, wie man sich als jun­ge Per­son auf dem Höhe­punkt der Puber­tät gefühlt hat: in der Luft schwe­bend, ohne Kon­takt zum Boden auf der Suche nach etwas, was dem Leben einen tie­fe­ren Sinn ver­leiht. Im jugend­li­chen Leicht­sinn ist er dem Bedürf­nis nach Boden­kon­takt nach­ge­kom­men, indem er drei Bett­la­ken anein­an­der kno­te­te, um aus dem Fens­ter zu stei­gen. Mitt­ler­wei­le steht der frisch geba­cke­ne Vater jedoch mit bei­den Bei­nen im Leben und reflek­tiert sei­ne Akti­vi­tä­ten von damals. Wir haben uns gefragt, ob die HipHop-​Kultur mit all ihren Wer­ten wie Respekt, Loya­li­tät und Gemein­schaft jun­ge Men­schen auf­fan­gen kann. Oder über­wiegt der schlech­te Ein­fluss durch Kraft­aus­drü­cke und Gewalt­ver­herr­li­chung, indem er den Drang zu rebel­lie­ren noch ver­stärkt? Im Inter­view erklärt Azu­demSK, was die Kul­tur für ihn bedeu­tet, wel­chen Ein­fluss sie auf sei­ne Jugend hat­te und wie er den Zusam­men­halt in der Sze­ne der­zeit wahrnimmt.

MZEE​.com​: Lass uns mit einer Defi­ni­ti­ons­fra­ge begin­nen. Der Begriff "Kul­tur" fällt häu­fi­ger auf dei­ner aktu­el­len Plat­te. Wür­dest du Hip­Hop als Kul­tur oder Sub­kul­tur bezeichnen?

Azu­demSK: Mitt­ler­wei­le hat sich das, was ich als Hip­Hop ver­ste­he, aus der Sub­kul­tur her­aus­be­wegt. Wenn man ver­sucht, dem Kind einen Namen zu geben, ist es Pop­kul­tur gewor­den. Ich ver­su­che, damit die all­ge­mei­ne Prä­senz und finan­zi­el­le Schwe­re zu benen­nen. Man hat das Gefühl, es ist mitt­ler­wei­le mehr­heit­lich die Musik, die im Radio läuft. Aber es ist Defi­ni­ti­ons­sa­che. Sprü­her haben nichts davon, wenn etwas ver­kauft wird. Sie wür­den das, was sie in ihrem All­tag leben, als Teil einer Sub­kul­tur bezeich­nen. Die gibt es in der Form, in der sie in der Bronx statt­ge­fun­den hat, nicht mehr. Es ist nicht mehr das Bild, das sie damals gezeich­net haben, als sie dem Lebens­ge­fühl, dem Tanz, dem Malen und der Musik einen Namen gege­ben haben, um es in die Geschäf­te zu brin­gen. Nach den Fil­men kam direkt die Indus­trie. Das war mit Punk sicher­lich nicht anders.

MZEE​.com​: Auf wel­che Fil­me beziehst du dich?

Azu­demSK: Ich mei­ne die Aus­strah­lun­gen von "Beat Street" in der DDR. Sowie "Wild Style" und "Style Wars" im ZDF. Das war Anfang der 80er. Die haben die Medi­en­land­schaft in Bezug auf Hip­Hop anfäng­lich geprägt. Etwas zeit­ver­setzt, spätestens zu Beginn der 90er, wur­den dann hier die ers­ten Din­ger gemacht, wie man sie in den Fil­men gese­hen hat. Mit Ghet­to­blas­ter und fun­ky Outfit.

MZEE​.com​: Was bedeu­tet der Begriff "HipHop-​Kultur" für dich?

Azu­demSK: Ich habe sie noch ana­log ken­nen­ge­lernt, wie sie in den Büchern steht. Das hört sich total pathe­tisch an, aber es ist so. Du warst damals nicht cool, son­dern eher ein Außen­sei­ter, wenn du das gemacht hast. Für mich ist es ein Ven­til gewe­sen. Und ein Wie­der­erken­nungs­merk­mal, wenn man Leu­te auf dem Bahn­hof oder auf 'ner Jam getrof­fen hat. Für mich spielt Graf­fi­ti eine gro­ße Rol­le. Des­halb hat jeder drit­te Ver­gleich etwas mit Malen zu tun. Das hat frü­her eine sehr klei­ne Grup­pe von Leu­ten aus­ge­zeich­net. Auch dadurch, dass es extrem viel Zeit und Arbeit benö­tig­te. Heut­zu­ta­ge braucht man ein iPho­ne und Reich­wei­te. Es ist viel ein­fa­cher gewor­den, denn man kann über­all nach­schau­en, wie man ein coo­les Tag macht. Die Far­be läuft nicht mehr. Jeder Idi­ot malt sein drit­tes Pie­ce und es sieht aus wie im Inter­net. Das ist viel­leicht auch nicht schlimm. Für mich ist Hip­Hop auf jeden Fall sehr viel, was heut­zu­ta­ge lei­der nicht mehr in der Form gelebt wird, um es mal runterzubrechen.

MZEE​.com​: Wel­che Wer­te asso­zi­ierst du mit dem Begriff "Hip­Hop"?

Azu­demSK: Ori­gi­na­li­tät. Die Amis benut­zen dafür Aus­drü­cke wie "The Ori­gi­nal", "The OG" oder die "Clas­sics". Es wird sich auf ein Ide­al beru­fen. Dar­um ging es ja mal. Jeder bringt etwas Eige­nes mit. Wenn es fun­ky ist und geil flowt, dann bist du jemand, auch wenn du kei­ne Koh­le hast. Du brauchst kei­ne gei­len Schu­he dafür oder du malst dir dei­ne so an, dass sie geil aus­se­hen. Es geht nicht um ein gekauf­tes Image. Retro­gott hat das mal ganz gut run­ter­ge­bro­chen: Es gibt immer nur die Kopie der Kopie der Kopie. Wenn man es reflek­tiert, ist es ein schma­ler Grat zwi­schen Biten und sich inspi­rie­ren zu las­sen. Ich tra­ge ganz viel Hip­Hop von Leu­ten um mich her­um in mir, trotz­dem ver­su­che ich, mei­nen eige­nen Style zu fin­den. Das ist der Kampf, den man dabei führt.

MZEE​.com​: Wie schafft man Mehr­wert durch das eige­ne Schaffen?

Azu­demSK: Im End­ef­fekt pro­fi­tie­ren alle davon, wenn man sich gegen­sei­tig pusht. Das kann bele­bend sein. Der Wett­be­werb geht mal so und mal so aus. Der über Ber­li­ner wie Aggro und West­ber­lin Mas­ku­lin bekannt gewor­de­ne Habi­tus ist grenz­über­schrei­tend gewe­sen. Auch dadurch, dass er durch­aus gewalt­af­fin war. Die­se Dar­stel­lung emp­fin­den man­che Leu­te als über­trie­ben. Es ist zu Tei­len auch ner­vig und zer­stö­re­risch, aber es bedient sich der Com­pe­ti­ti­on und die ist Teil des Spiels und kann durch­aus bele­bend sein. Man muss immer neu aus­lo­ten, was in wel­chem Kon­text gesagt wer­den darf. Die­se Dis­kus­si­on ist sehr wert­voll. Die Grund­la­ge ist Respekt. Du gibst Respekt und bekommst Respekt. Das macht etwas mit dir. Wenn du ein jun­ger, unsi­che­rer Bub warst, konn­te dir eine bestimm­te Hand­schrift Selbst­be­wusst­sein geben. Dann warst du halt jemand. Das fühl­te sich bes­ser an, als einer von vie­len zu sein.

MZEE​.com​: Die Refe­renz zum Repro­du­zie­ren von Wer­ten von Retro­gott fin­de ich inter­es­sant. Wie kann die Kul­tur wach­sen, wenn alle immer wie­der die­sel­ben Wer­te reproduzieren?

Azu­demSK: Die Leu­te stel­len Regeln auf, dadurch erschafft man Gren­zen. Inso­fern ist es sicher­lich das Ende der Kul­tur, wenn kei­ne Bewe­gung mehr statt­fin­det. Dann gibt es dem­entspre­chend kei­nen Fort­schritt mehr. Es ist alles im Wan­del zu begrei­fen. Rich­tig und Falsch ist nur für den Moment. Im nächs­ten Moment hast du es ver­dammt noch mal zu reflek­tie­ren. Die Welt ist super­schnell gewor­den, des­halb sind die Men­schen mit vie­len Situa­tio­nen ein­fach überfordert.

MZEE​.com​: Das gilt auch für Spra­che. Was etwa vor zehn bis zwan­zig Jah­ren noch in Tex­ten tole­riert wur­de, wird heu­te ein­deu­tig als homo­phob benannt. Mir fal­len da bei­spiels­wei­se Songs von Savas ein.

Azu­demSK: Es gibt genug Sachen, die mitt­ler­wei­le zurecht in einem ande­ren Kon­text dis­ku­tiert wer­den. Das N-​Wort ist auch immer mit­ten­drin. Ich glau­be, dass es gera­de bei Savas auf­grund sei­ner spä­te­ren Popu­la­ri­tät rela­tiv viel beackert wor­den ist. Da gibt es zeit­ge­nös­si­sche­re Künst­ler, bei denen ich mir wün­schen wür­de, dass deren schwach­sin­ni­ge Tex­te mehr auf die Tages­ord­nung der Dis­kus­si­ons­wil­li­gen kom­men. Es ist unglaub­lich komisch, was da für Wor­te benutzt wer­den. Aber guck mal, wohin wir jetzt gekom­men sind. Die Dis­kus­si­on über Sexis­mus war noch nie grö­ßer. Das ist wich­tig und richtig.

MZEE​.com​: Es zeigt auch, dass die Kul­tur wächst und sich ent­wi­ckelt. Din­ge wer­den jetzt anders gewer­tet. Spie­gelt das auch den Wan­del an vie­len Stel­len unse­rer Gesell­schaft wider?

Azu­demSK: Sicher­lich noch zu wenig. Der Wan­del geht viel zu lang­sam vor sich. Das hat auch sei­ne Grün­de in die­sem poli­ti­schen Sys­tem. Es geht unfass­bar schlep­pend vor­an. Man spürt fast nichts von Ver­än­de­rung, die man fried­voll anschiebt. Des­we­gen sind Wer­te wie Soli­da­ri­tät unglaub­lich wich­tig, um nicht depres­siv zu werden.

MZEE​.com​: Auf dem Song "Kata­stro­phe" the­ma­ti­sierst du Kul­tur in Zei­ten der Corona-​Krise. Es ist eine sehr schwe­re Zeit, in der man mehr zusam­men­hal­ten muss als vor­her. Hast du das Gefühl, dass der Zusam­men­halt inner­halb der Sze­ne sich eher zum Posi­ti­ven oder zum Nega­ti­ven entwickelt?

Azu­demSK: Ich krieg' den so gut wie gar nicht mit. Das nimmt ver­mut­lich jeder anders wahr. Ich erle­be es nicht als Push oder Glücks­fall, dass man sich jetzt für­ein­an­der Zeit neh­men kann, denn unter ver­nünf­ti­gen Leu­ten trifft man sich nicht mit vie­len ver­schie­de­nen Haus­hal­ten in geschlos­se­nen Räu­men. Ich hat­te geplant, Songs mit einer Band auf­zu­neh­men, das hat nicht geklappt. Für mich fühlt es sich an, als ob jemand einen Stock in die Spei­chen gesteckt hat. Es ist eher ein Hin­der­nis. Natür­lich tauscht man sich aus und ist gemein­sam trau­rig, das ist auch Zusam­men­halt. Aber ande­re Zusam­men­künf­te wären mir lie­ber. Man muss ein­fach gucken, dass man nicht depri wird. Ich glau­be, das geht vie­len so.

MZEE​.com​: Du hät­test auch sicher­lich nicht so einen Song geschrie­ben, wenn es dich nicht nega­tiv belas­ten wür­de, oder?

Azu­demSK: Ich habe mir am Anfang aus­ge­rech­net, wie groß das finan­zi­el­le Loch wird und völ­lig miss­ach­tet, was mir das emo­tio­nal weg­nimmt. Ich hat­te eine gei­le Plat­te, auf die ich mich gefreut habe und die habe ich ein­fach nicht live gespielt. Das hat mich ein hal­bes Jahr spä­ter in ein schwar­zes Loch geris­sen. Ich habe dann ein­fach auf­ge­hört, Plä­ne zu machen, weil die Frus­tra­ti­ons­gren­ze immer wei­ter gesun­ken ist. Jetzt habe ich eine Release-​Party vor mir und freue mich drauf. Aber Kon­zer­te im Club­be­reich wer­de ich die­ses Jahr wohl nicht mehr spielen.

MZEE​.com​: Du sagst ja auch auf dem Track, dass du die letz­te Plat­te nicht mal live gerappt hast.

Azu­demSK: Es ist wild, weil die dafür aus­ge­legt war. Die fängt mit "Mut­ter Son­ne" an, das soll­te auf der Tape­fa­brik auf der Haupt­büh­ne gesche­hen als Relea­se­par­ty und ich habe es dort rich­tig knal­len gese­hen. Pünkt­lich zur Tape­fa­brik war ja Lock­down. Ich hät­te mit mei­ner Frau zusam­men von 1 Uhr bis 3 Uhr mor­gens After­show­par­ty gespielt und noch mit zwei Kum­pels die Fas­sa­de vor­ne am Schlacht­hof gemalt. Es wäre mein Tag gewe­sen. Des­halb war es für mich wie ein Schlag ins Gesicht.

MZEE​.com​: Lass uns über Graf­fi­ti spre­chen. Beim Malen arbei­tet man oft mit ande­ren zusam­men und muss sich auf­ein­an­der ver­las­sen. Wie hast du das Gemein­schafts­ge­fühl in der Graffiti-​Szene erlebt?

Azu­demSK: Ich habe, glau­be ich, alles an Gut und Böse erlebt. Ich sprü­he gera­de weni­ger, weil ich Vater gewor­den bin. Es ist ein krass nar­ziss­ti­scher Sport, das muss man sich bewusst machen. Ich schrei­be mei­nen Namen. Obwohl ich sagen muss, dass die poli­ti­sche Agi­ta­ti­on im pro­fes­sio­nel­len Graf­fi­ti­be­reich zuge­nom­men hat. Das befür­wor­te ich. Ich fin­de es auch schön, dass die Sachen immer bes­ser aus­se­hen. Hier im Wed­ding sieht man das schon. Die Migran­ti­fa und 1UP sind echt aktiv hier und ich fei­er' das sehr. Ansons­ten ist es auch viel Wunsch­den­ken. Crews waren für mich immer Freun­des­krei­se und da herrscht oft Fluk­tua­ti­on. Mit bestimm­ten Leu­ten hat man über 20 Jah­re zu tun, mit ande­ren nach vie­len Jah­ren nichts mehr. Ich hal­te den soge­nann­ten Zusam­men­halt in der Sze­ne oft für Heu­che­lei. Es gibt viel Oppor­tu­nis­mus, das weiß jeder Metro­sprü­her. Das sind unhei­li­ge Alli­an­zen, wie wir sagen. Eine Hand frisst die ande­re, da muss man sich nichts vormachen.

MZEE​.com​: Da pral­len oft Egos auf­ein­an­der, oder?

Azu­demSK: Es ist viel Poli­tik dabei im Sin­ne von Macht­an­spruch und Diplo­ma­tie. Du lernst dich selbst immer wie­der ken­nen. Wie gehe ich damit um? Beru­fe ich mich jetzt aufs Faust­recht, obwohl ich es ver­ach­te? Wo kann ich hin­ge­hen und wo nicht? Wenn du dort hin­gehst, fein­det dich einer an. Dann gibt es aber kei­nen Ärger, weil man gemein­sa­me Freun­de hat. Es ist alles regel­bar, aber manch­mal ist es auch irra­tio­nal dumm und krass Macker-​behaftet. Das muss man ganz klar sagen. In sol­chen Momen­ten füh­le ich jede Frau, die sich da nicht auf­ge­ho­ben fühlt.

MZEE​.com​: Mitt­ler­wei­le orga­ni­sie­ren sich ja auch viel mehr Frau­en untereinander.

Azu­demSK: Zum Glück. Das ist gera­de unglaub­lich prä­sent und es gibt rich­tig gute Zugsprü­he­rin­nen. Nicht, dass es die frü­her nicht gege­ben hät­te. Lady Pink hat schon in den 80ern echt gekillt. Aber die trau­en sich jetzt alle viel mehr. Das hat lan­ge gebraucht und das lag natür­lich oft auch an den Mackern. Der Druck ist groß.

MZEE​.com​: Es gibt auf dei­nem Album eine Anspie­lung auf das Anein­an­der­kno­ten von drei Bett­la­ken, um aus dem Fens­ter zu klet­tern. Auch du warst, wie ver­mut­lich die meis­ten von uns, als Jugend­li­cher manch­mal mit der Situa­ti­on zu Hau­se über­for­dert. Was hat dich damals emo­tio­nal aufgefangen?

Azu­demSK: Sicher­lich der Freun­des­kreis. Ich hat­te damals schon vie­le Freun­de und dadurch vie­le Bezugs­punk­te. Ich war auch mal bei ande­ren Fami­li­en zum Abend­brot. Das hat mich auf­ge­fan­gen, wenn es zu Hau­se Ärger gab. Mit den Bett­la­ken woll­te ich ein­fach mal aus­pro­bie­ren, ob das geht. Das war aus dem ers­ten Ober­ge­schoss in einem Alt­bau. Drei Bett­la­ken haben gereicht, aber es war schon ordent­lich. Ich habe mich hin­ter­her selbst gewun­dert, war­um das sein muss­te. Aber es muss­te sein. Damit habe ich mir einen Weg über die lau­te Trep­pe im Flur gespart. So 'ne Trep­pe knarzt ja. Auf dem Track ist das Sam­ple: "Ich will ein Gewicht an mir spü­ren". Des­we­gen fand ich die Geschich­te mit dem Bett­la­ken pas­send. Es hat etwas davon: ein Gewicht an sich spü­ren. Das hat auch viel mit Schwer­kraft oder Boden­haf­tung zu tun. Da kann man vie­le Ver­glei­che ziehen.

MZEE​.com​: Man sagt ja auch, dass Sprüher:innen kei­ne Höhen­angst haben sollten.

Azu­demSK: In Stress­si­tua­tio­nen gut zu reagie­ren, hilft dabei, sich selbst ken­nen­zu­ler­nen. Das macht das Malen zu dem, was es ist. Des­we­gen macht man das. Wenn du in Lon­don irgend­ei­nen Zaun hoch­klet­terst und nicht weißt, was gleich pas­siert, dann stellst du dich bestimm­ten Ängs­ten. Das war Gold wert, dadurch war ich relax­ter. Man ver­bringt unglaub­lich viel Zeit mit sich selbst. Ich habe unter der Woche nachts in der west­fä­li­schen Klein­stadt gemalt und bin am nächs­ten Mor­gen in die Schu­le gegan­gen. Das hat alles geklappt, obwohl ich sehr wenig geschla­fen habe. Es hat mir ein Ven­til gege­ben. Auf der Kehr­sei­te begeg­net man die gan­ze Zeit Ängsten.

MZEE​.com​: Ich fra­ge mich, war­um man es trotz­dem immer wie­der macht, obwohl es teil­wei­se so gefähr­lich ist und man gro­ße Angst hat.

Azu­demSK: Man wird immer ruhi­ger und irgend­wann bist du bei dir. Es ist absurd. Du merkst auch, dass der Rest des Tages nur abge­spult wird und erst beim Sprü­hen der Ste­cker in die Steck­do­se gesteckt wird. Du bist in einer ande­ren Dimen­si­on, die viel puris­ti­scher ist. Ich sage auf dem Titel­track: "Hab' nur beim Stra­ßesprü­hen gera­de so ein Gefühl von Wirk­lich­keit." Bei mir ist das Malen der ein­zi­ge Moment am Tag, an dem ich an nichts den­ke. Das ist die­ser Moment, in dem du ein­fach machen musst. Du über­legst eigent­lich gar nicht. Wenn man unter Stress ist, zählt nur, ob die Ver­bin­dung am Han­dy mit dem Che­cker steht oder ob der Takt gleich kommt, wenn du im Tun­nel stehst. Die­se Stress­si­tua­tio­nen geben unglaub­lich viel her. Es ist unver­gleich­lich. Es gibt Leu­te, die für 48 Stun­den nach Sin­ga­pur flie­gen, um die­sen Thrill zu erle­ben, nur um da ein scheiß Bild zu sprü­hen, und hof­fent­lich einer Prü­gel­stra­fe ent­ge­hen. Das ist die Stei­ge­rung von dem, was ich gera­de erzählt habe.

MZEE​.com​: Du bist kürz­lich Vater gewor­den. Haben sich dei­ne Ansich­ten bezüg­lich Graf­fi­ti und jugend­li­cher Rebel­li­on verändert?

Azu­demSK: Ich weiß, was du meinst, aber ich wür­de es anders begrün­den. Ich fra­ge mich bis zum heu­ti­gen Zeit­punkt, wie mei­ne Mut­ter bei mei­ner Agi­ta­ti­on so unfass­bar ruhig und ver­trau­ens­voll blei­ben konn­te. Ich weiß nicht, ob ich das schaf­fen wür­de. Ich hat­te damals Ärger und Gerichts­ver­fah­ren mit 15, 16. Ich war kurz vor dem Aus mei­ner Schul­kar­rie­re. Dann bin ich mit mei­ner Mut­ter zum Arbeits­amt gefah­ren. Sie hat gesagt: "Wenn du arbei­ten möch­test, sag denen, was du willst." Als ich dort gewe­sen bin, woll­te ich wie­der in die Schu­le gehen. Sie hat mich getes­tet. Mei­ne Toch­ter ist frech, wach und for­dernd. Das ist sehr schön zu sehen. Die hat Bock. Aber ich hof­fe nicht, dass sie so viel Druck in sich spürt, das so inten­siv aus­drü­cken zu müs­sen. Das kann man auch kana­li­sie­ren. Es muss ja zu Hau­se nicht so laut sein. Sie kann auch geer­det und gebet­tet aufwachsen.

MZEE​.com​: Ich den­ke, dass man sich als jun­ger Mensch gegen die Eltern auf­lehnt, ist nicht unge­wöhn­lich. Aber wenn es zu krass wird, kann es ein Signal dafür sein, dass zu Hau­se etwas im Argen liegt.

Azu­demSK: Mein Stief­va­ter ist irgend­wann dem Suff ver­fal­len. Auch für mei­ne Schwes­ter war es nicht cool zu Hau­se. Trotz­dem bin ich Fan, wenn ich dar­an den­ke, wie mei­ne Mut­ter das gemacht hat, obwohl es zwi­schen­durch kacke war. Sie hat ihr Leben lang gear­bei­tet und nichts geerbt, da sie Voll­wai­se ist. Dann hat sie sich zwi­schen­durch eben falsch ent­schie­den. Aber das macht sie nicht zu einem schlech­te­ren Menschen.

MZEE​.com​: Unse­re Eltern sind auch ein Pro­dukt ihrer Umwelt.

Azu­demSK: Die Geschich­ten mei­ner Eltern sind von bei­den Sei­ten tra­gisch. Voll­wai­se auf der einen Sei­te, Selbst­mord auf der ande­ren Sei­te. Das ist alles sehr schlimm. Da fragst du nicht nach als Kind. Du willst eigent­lich Spaß haben und jeden Tag Kin­der­ge­burts­tag feiern.

MZEE​.com​: Kön­nen frü­he Schick­sals­schlä­ge einen wider­stands­fä­hi­ger machen, weil man einen Mecha­nis­mus fin­den muss, um damit klarzukommen?

Azu­demSK: Das schult einen. Ich habe letz­tens Kin­der­bü­cher von mir gese­hen, in die ich mit Wachs­mal­stif­ten schwarz und rot gekrit­zelt habe. Das sind klas­si­sche Anzei­chen von inne­rem Druck bei Kin­dern, die sich nicht arti­ku­lie­ren kön­nen. Spä­ter hat man es kana­li­siert. Du bist froh, wenn du Ruhe in dei­nem Zim­mer hast und malen oder tex­ten kannst. Irgend­wie fin­det man sei­nen Weg da raus. Des­halb ist mei­ne Musik so melan­cho­lisch und schwermütig.

MZEE​.com​: Dan­ke für dei­ne Offen­heit – damit habe ich nicht gerech­net. Ich reflek­tie­re dei­ne Musik jetzt ganz anders.

Azu­demSK: Ich bin da recht schmerz­frei und füh­le mich damit wohl. Gera­de wenn man die alten Sachen hört wie "Titel The­sen Tem­pe­ra­men­te". Da ist ganz viel Befrei­ung drin. Es sind ganz vie­le Tracks drauf, die ich heu­te anders auf­neh­men wür­de. Damals war es voll der jugend­li­che Life­style. Alle Plat­ten sind auto­bio­gra­fisch. Wie soll es auch anders sein? Man schreibt aus sei­ner Perspektive.

MZEE​.com​: Ich muss gera­de an Mor­lock­ko Plus den­ken, der durch die Mas­ke kei­ne Emo­tio­nen preis­gibt. Er hat eine Kunst­fi­gur erschaf­fen, die nicht redet.

Azu­demSK: Durch die Beats ist es unglaub­lich emo­tio­nal. Die Diver­si­tät hat mich posi­tiv über­rascht. Du hast die aktu­el­le Plat­te ja gehört. Es hört sich nach Mor­lock­ko an, ist aber trotz­dem sehr bunt. Er ist ein Platten- und Film­nerd. Ich feie­re sei­nen musi­ka­li­schen Anspruch bis ins Detail. Das ist abge­fah­ren. Der Film, aus dem wir ges­am­plet haben, heißt "Der Him­mel über Ber­lin". Ich habe vor 15 Jah­ren mal etwas davon raus­ge­schnit­ten und für eine CD ver­wen­det, die ich auf dem Schul­hof ver­teilt habe. Dann habe ich Dilem­ma die­se Sam­ples vor­ge­schla­gen und er hat sie sofort gefei­ert. Er kann­te den Film nicht, des­halb habe ich die Stel­len benannt, die mir wich­tig waren und er hat sie ins Album integriert.

MZEE​.com​: Eine Line, die mir beson­ders im Kopf geblie­ben ist, lau­tet: "Mor­lock­ko zieht vor, ich fül­le aus." – Wie hast du die Zusam­men­ar­beit erlebt?

Azu­demSK: Die Zei­le bezieht sich dar­auf, dass er auch Graf­fi­ti­be­zug hat. Er hat frü­her gesprüht, dadurch haben wir gemein­sa­me Bekann­te in Leip­zig. Die Zusam­men­ar­beit war sehr intui­tiv und freund­schaft­lich, die Arbeits­tei­lung war sehr effek­tiv. Durch den Lock­down haben wir uns nur mit FFP2-​Maske und auf Abstand getrof­fen. Den Rest haben wir uns hin- und her­ge­schickt. Das Album ging super­schnell von­stat­ten, auch für mei­ne Schreib­ge­schwin­dig­keit komi­scher­wei­se. Ich habe einen alten Beat von ihm abge­staubt, der jetzt der Titel­track gewor­den ist. Ich war nicht sicher, ob ich dem gewach­sen bin. Dann habe ich geschrie­ben, auf­ge­nom­men und wir waren bei­de sehr glück­lich damit. Das Beat­pi­cking hat sich aktua­li­siert, weil er wei­te­re Beats gebaut hat. Er hat auch einen super Press­werk­de­al gemacht, sodass wir trotz Coro­na und Kurz­ar­beit zeit­nah pres­sen konn­ten. Ein Inside-Job.

MZEE​.com​: Zum Abschluss etwas Posi­ti­ves: Was ist dein schöns­tes Erleb­nis inner­halb der Sze­ne gewesen?

Azu­demSK: Vie­len Sachen steht die­se Aus­zeich­nung zu. Ich habe mit einem mei­ner Jugend­ido­le letz­tes Jahr einen Track auf­ge­nom­men. Mit den Leu­ten Hip­Hop zu machen und in einem nähe­rem Abstand zu ste­hen, als man sich damals je hät­te vor­stel­len kön­nen – 20 Jah­re, nach­dem man die­se Tapes gehört hat … Das war ein abs­trak­ter Moment für mich. Der Track ist noch nicht releast. Ich habe in den letz­ten Jah­ren auch immer wie­der mit Graffiti-​Idolen von mir gesprüht. Jeder die­ser Momen­te ist Gold wert. Ich habe mit zwei Genera­tio­nen links und rechts von mir im Schacht gestan­den. Der eine hät­te der Vater vom ande­ren sein kön­nen. Die Stern­stun­den sind, wenn sich Krei­se schlie­ßen. Das ist Hip­Hop. Wenn ich in Büchern ste­he mit Bil­dern, die ich ver­ges­sen habe. Wenn ich gemerkt habe, ich war Teil von einem Gan­zen. Das, was man frü­her als Toy immer gehofft hat, wenn man am Rand vom Breakdance-​Circle stand, sein Black­book dabei hat­te und geguckt hat, wer dabei ist und reint­ag­gen soll. Und jetzt kom­men Kids und bit­ten um 'n Sketch in ihrem Buch. Abgefahren.

(Malin Teegen)
(Fotos von V.Raeter)