Curse – ein Gespräch über Trauer

Jeder kennt sie und frü­her oder spä­ter trifft sie nahe­zu alle: die Trau­er. Mal sind es nur kur­ze Augen­bli­cke, mal lan­ge Zeit­räu­me, in denen sie Men­schen beglei­tet. Manch einer kommt sehr gut damit klar, ande­ren fällt es eher schwer, mit der eige­nen Trau­er umzu­ge­hen. Zwei Begrif­fe ste­hen dabei stets in enger Ver­bin­dung zu die­sem Gefühl: Ver­lust und Erin­ne­rung. Der Ver­lust umfasst dabei ver­schie­dens­te Din­ge. Zum Bei­spiel den Tod eines gelieb­ten Men­schen, das Ver­schwin­den mate­ri­el­ler Din­ge mit Sym­bol­cha­rak­ter oder die Ver­än­de­rung bezie­hungs­wei­se das Abhan­den­kom­men sozia­ler Bezie­hun­gen. Bei der Erin­ne­rung an die­se Ver­lus­te tritt dann zumeist das Gefühl der Trau­er auf. Nicht vie­le Men­schen sind bereit dazu, offen über ihre trau­ri­gen Lebens­mo­men­te zu spre­chen oder sich all­ge­mein die­sem The­ma zu wid­men. Umso mehr freut es uns, dass sich Cur­se die Zeit genom­men hat, mit uns über die­se The­ma­tik zu sprechen.

MZEE​.com: Trau­er betrifft nahe­zu jeden min­des­tens ein­mal im Leben. Oft merkt man sei­nen Mit­men­schen ihre Trau­er im all­täg­li­chen Leben aber gar nicht an. Erst mit der Zeit fällt auf, wie sehr sie sich ver­än­dert haben und sich immer mehr iso­lie­ren. Ver­lus­te und Trau­er kön­nen zu Depres­sio­nen und ande­ren psy­chi­schen Krank­hei­ten füh­ren. Ab wann, denkst du, wird Trau­er zur Krankheit?

Cur­se: Gute Fra­ge. Ich habe dar­auf, glau­be ich, weder eine kli­ni­sche noch eine defi­ni­ti­ve Ant­wort, denn ich den­ke, dass das sehr indi­vi­du­ell ist. Ich bin kein Psych­ia­ter, der ein kli­ni­sches Krank­heits­bild defi­nie­ren könn­te. Des­we­gen kann ich nur bei mir selbst gucken und mich fra­gen: Wo wäre bei mir oder bei einem Bekann­ten der Punkt, an dem man sagen wür­de: "Jetzt muss man sich der Sache viel­leicht mal ein biss­chen anders wid­men." Wenn ich ver­su­che, mich der Sache anzu­nä­hern, wür­de ich wahr­schein­lich sagen: Bist du für Zeit­raum X – das ist wahr­schein­lich auch indi­vi­du­ell – mit einer so star­ken Inten­si­tät in der Trau­er, dass dein Leben über einen län­ge­ren Zeit­raum auf eine gewis­se Art und Wei­se, die eben­falls indi­vi­du­ell zu defi­nie­ren ist, so sehr ein­ge­schränkt wird, dass es zu Schwie­rig­kei­ten kommt … Dann ist ver­mut­lich der Punkt gekom­men, an dem man das zwar nicht unbe­dingt als Krank­heit betrach­ten, aber sich ent­schei­den muss, ob man sich Hil­fe holt. Dadurch kann man die­sen Zustand viel­leicht anders ver­ar­bei­ten, sodass er nicht mehr so ein­schrän­kend ist bezie­hungs­wei­se zu einem inte­grier­ten Teil eines nor­ma­len Lebens wer­den kann.

MZEE​.com: Es gibt sehr unter­schied­li­che Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien. Man­che sind der Mei­nung, dass es beson­ders heil­sam ist, mit ande­ren über den Schmerz zu reden und ande­re, dass man vor allem viel Zeit mit sich selbst ver­brin­gen und in sich gehen soll­te. Denkst du, dass eine von die­sen bei­den Vari­an­ten intrinsisch sinn­vol­ler bezie­hungs­wei­se hilf­rei­cher ist?

Cur­se: Ich glau­be, da ist Mensch zu Mensch ver­schie­den. Bei­des ist gut, wenn man es auf eine gesun­de, pro­ak­ti­ve und hilf­rei­che Art und Wei­se macht. Wenn ich mich viel mit ande­ren Men­schen umge­be und mit ihnen spre­che, kann mir das wahn­sin­nig dabei hel­fen, mich von einer Last zu befrei­en und mir Din­ge von der See­le zu spre­chen. Wenn ich das aber mache, um mich abzu­len­ken und mich mei­nen Gefüh­len nicht stel­len zu müs­sen, ist es natür­lich nicht sehr hilf­reich. Die Fra­ge ist daher nicht so leicht zu beant­wor­ten. Natür­lich kann Ablen­kung manch­mal völ­lig in Ord­nung sein. Man kann sich nicht 24 Stun­den in bestimm­ten Gefüh­len und Situa­tio­nen auf­hal­ten. Also, kann man schon, aber ist eben nicht immer opti­mal. Im Stil­len ist es genau­so. Natür­lich ist es ganz wich­tig, sich selbst gegen­über sen­si­bel zu sein, Auf­merk­sam­keit zu ent­wi­ckeln und auf die eige­nen Gefüh­le zu schau­en. Aber auch da kommt irgend­wann ein Punkt, an dem man sich nicht nur in den eige­nen Gefüh­len dre­hen und immer wie­der ver­stri­cken, son­dern außer­dem irgend­ei­ne Form von Trans­for­ma­ti­on durch­ma­chen und mit die­sen Gefüh­len arbei­ten soll­te. Ich glau­be, es ist eine Kom­bi­na­ti­on aus bei­dem und wahr­schein­lich sehr indi­vi­du­ell, was wem in wel­cher Pha­se bes­ser hilft. Bei mir ist das zum Bei­spiel so: Ich bin kein Trauer-​Experte, aber für mich war der Tod eines guten Freun­des damals eine drei­glei­si­ge Geschich­te. Auf der einen Sei­te war es mei­ne ganz eige­ne inne­re Beschäf­ti­gung mit dem Ver­lust die­ses Men­schen. Damit zusam­men hing auf der ande­ren Sei­te mei­ne per­sön­li­che Beschäf­ti­gung mit Fra­gen wie: Was ist eigent­lich der Tod und wie gehe ich damit um?, "Wie gehe ich mit Ver­gäng­lich­keit um? Wie gehe ich damit um, dass Ster­ben zum Leben und zur Exis­tenz dazu­ge­hört? Was bedeu­tet es, dass es ein abso­lut unab­wend­ba­res Ele­ment ist und in wel­chem Ver­hält­nis ste­he ich dazu? Ich habe nach­ge­forscht, wie wach­sam und bei mir selbst ich sein konn­te. Wie fühlt sich das eigent­lich an? Hab' ich so etwas wie einen Glau­ben, der mir einen Halt gibt? Oder hab' ich viel­leicht über­haupt kei­nen Glau­ben? Und tut mir das gut oder nicht? Es ging dar­um, was das mit mir macht – grund­sätz­lich. Die zwei­te Ebe­ne ist mein Ver­lust die­ses Men­schen in mei­nem Leben. Was hat die­se Per­son für mich bedeu­tet? Was bedeu­tet es, dass die Per­son nicht mehr da ist? Die drit­te Ebe­ne ist die Fra­ge danach, wie ich für die­je­ni­gen da sein kann, denen die­ser Mensch noch näher stand. Was genau ist mei­ne Rol­le als ihr Freund? Gibt es eine oder gibt es kei­ne? Kann ich sei­ner Fami­lie oder sei­ner Part­ne­rin Trost spen­den oder ein­fach für sie da sein? Was ist mein Kom­pe­tenz­be­reich? Was ist okay und was nicht? Für mich hat sich auch die Fra­ge danach gestellt, was genau es für uns als Freun­de bedeu­tet hat – nicht nur in Bezug auf ihn, son­dern dar­auf, wie wir mit­ein­an­der umge­hen. Das war sicher­lich hilf­reich und hei­lend für alle von uns im Freun­des­kreis. Wie wol­len wir eigent­lich mit­ein­an­der sein, wenn wir mer­ken, dass es abso­lut rea­lis­tisch ist, dass jeder­zeit jemand von uns nicht mehr da sein könn­te? Wel­che Bedeu­tung hat Streit und wie ehr­lich sind wir unter­ein­an­der mit dem, was uns bewegt? Wie oft neh­men wir uns mal in den Arm und sagen, dass wir uns lie­ben? Die Fra­ge danach, was das dafür bedeu­tet, wie ich mein Leben leben möch­te, hat mir bei mei­ner "eige­nen" Trau­er extrem gehol­fen. Was bedeu­tet die­ser Ver­lust für mich in Bezug dar­auf, wie ich mit Men­schen umge­he, wenn ich weiß, dass sie ster­ben könn­ten? Was ist wirk­lich wich­tig und wor­auf kommt's an? Das hat mir sehr gehol­fen. Es hat mir nicht das Gefühl gege­ben, dass es einen höhe­ren Sinn hat­te, dass er gestor­ben ist. So ego­is­tisch habe ich das nicht gese­hen. Aber dadurch, dass er gestor­ben ist, haben wir gemerkt, dass der Tod ein Teil des Lebens ist. Das hat in unse­rem Freun­des­kreis dafür gesorgt, dass wir näher zusam­men­ge­rückt sind und mehr für­ein­an­der da waren – sowohl in Bezug auf die Trau­er als auch auf unser gan­zes Leben. Es war bereits ein paar Jah­re vor­her so, als ein ande­rer Freund von mir gestor­ben ist. Wir haben gemerkt, dass es nicht garan­tiert ist, dass es ewig so wei­ter­geht, dass wir den Klein­scheiß über­win­den und bes­ser für­ein­an­der da sein wol­len. Es sind lei­der nicht nur zwei Freun­de von mir, son­dern meh­re­re gestor­ben. Aber es hat jedes Mal die­sen Effekt bei uns gehabt.

MZEE​.com: Lei­der kann sich nicht jeder so glück­lich schät­zen, einen gefes­tig­ten Freun­des­kreis zu haben. Oft hat man das Gefühl, Men­schen, die kürz­lich jeman­den ver­lo­ren haben, nicht zu nahe tre­ten zu wol­len und scheut des­halb ein Gespräch über das The­ma. Wie gehst du als Außen­ste­hen­der mit einer sol­chen Situa­ti­on um?

Cur­se: Ich fin­de es total nach­voll­zieh­bar, dass man vor die­ser Situa­ti­on einen Hei­den­re­spekt hat. Man bemerkt die eige­ne Unzu­läng­lich­keit. Nach dem Mot­to: "Ach du Schei­ße, was soll ich zu der Per­son sagen? Wie soll ich damit umge­hen? Ich will nichts Fal­sches machen und sage des­we­gen lie­ber gar nichts." Ich fin­de das zunächst mal ver­ständ­lich. Auf der ande­ren Sei­te kann man sich sagen: "Mei­ne Unsi­cher­heit ist in die­ser Situa­ti­on nicht so wich­tig wie das, was der ande­re fühlt und braucht." Was man immer machen kann – und auch das erfor­dert schon Mut – ist, zu dem Betrof­fe­nen zu sagen: "Es tut mir leid, das zu hören. Ich bin kom­plett ver­un­si­chert und weiß nicht, was ich machen soll. Ich möch­te dir aber ger­ne hel­fen. Gibt es etwas, das du brauchst? Möch­test du reden oder lie­ber dei­ne Ruhe haben?" Viel­leicht sagt die­se Per­son dann: "Ey, dan­ke, dass du fragst. Ja, ich wür­de wirk­lich ger­ne reden." Oder: "Dan­ke, dass du fragst, ich bin aber über­haupt nicht in der Lage, dar­über zu reden." Das ist eine Mög­lich­keit. Die ande­re besteht dar­in, den Leu­ten durch klei­ne Ges­ten zu ver­mit­teln, dass man für sie da ist. Man kann zum Bei­spiel sagen: "Hey, ich bin mor­gen bei dir in der Nach­bar­schaft. Ich hab' Pas­ta gemacht und wenn du möch­test, brin­ge ich dir einen Pott vor­bei." Oder: "Ich bin eh bei dir in der Nähe und hät­te mor­gen zwei, drei Stun­den Zeit. Ich weiß nicht, ob du Stress hast, aber wenn du willst, kom­me ich mal vor­bei und räu­me dei­ne Küche auf." Als vor vie­len Jah­ren die Mut­ter eines Freun­des ver­stor­ben ist, sind wir zu Hau­se bei denen vor­bei. Ein paar Jungs haben Play­Sta­ti­on gespielt und zwei, drei von uns haben völ­lig unauf­fäl­lig sei­ne Woh­nung auf­ge­räumt, die Küche und die Wäsche gemacht. Ein­fach, um ihn ein biss­chen zu ent­las­ten. Ich bin kein Exper­te, was das The­ma angeht und kann nur aus mei­ner per­sön­li­chen Erfah­rung spre­chen. Ich glau­be, wenn so etwas jetzt bei mir im Freun­des­kreis pas­sie­ren wür­de und eine Per­son trau­ern wür­de, wür­de ich sie wahr­schein­lich fra­gen, ob sie etwas braucht, ohne ihr die Ver­ant­wor­tung zu geben. Das ist auch so eine Sache, zu sagen: "Ich weiß nicht, wie ich damit umge­hen soll. Sag du mir doch, was ich machen soll." Das ist natür­lich schwie­rig. Viel bes­ser ist es, zu fra­gen, ob der­je­ni­ge etwas braucht, ob man etwas für ihn tun kann und zu sagen, dass man für ihn da ist. Manch­mal benö­tigt es viel­leicht ein­fach nur die Offen­heit, für den­je­ni­gen da zu sein und sich nicht der Situa­ti­on zu ent­zie­hen, weil man sich zu sehr sei­ner eige­nen Angst hingibt.

MZEE​.com: Spielt das The­ma "Trau­er" in dei­ner Tätig­keit als Coach mit­un­ter eine Rolle?

Cur­se: Im Grun­de genom­men sind Coa­ching, Coun­se­ling und gewis­se The­ra­pie­for­men offe­ne Fel­der. Die Men­schen wol­len über Pro­ble­ma­ti­ken spre­chen, brau­chen Inspi­ra­ti­on oder was auch immer. Das heißt, es gibt kein The­ma, das aus­ge­schlos­sen wäre. Natür­lich begeg­net mir dort auch das The­ma "Trau­er". Aber Trau­er ist wahn­sin­nig indi­vi­du­ell, so wie sie mir begeg­net. Wenn fünf Leu­te kom­men, die über einen Trau­er­fall spre­chen wol­len, ent­wi­ckeln sich die Gesprä­che ver­mut­lich inner­halb von zwei Minu­ten in völ­lig unter­schied­li­che Rich­tun­gen. Es gibt da kei­ne Scha­blo­ne. Es ist jedes Mal so, dass man sich fra­gen muss: "Was ist mit dem Men­schen, der gera­de vor mir sitzt? Wie geht es der Per­son damit? Wie wirkt sich das in die­sem Moment auf die­se Per­son aus? Was spürt die­se Per­son gera­de und über wel­che Aspek­te möch­te sie spre­chen?" Das ist so indi­vi­du­ell. Man­che Leu­te den­ken zum Bei­spiel dar­über nach, was sie dem Ver­stor­be­nen nicht sagen konn­ten und haben Schuld­ge­füh­le. Dann bewegt sich das Gespräch in die­se Rich­tung. Ande­re stel­len ihr eige­nes Leben grund­sätz­lich in Fra­ge und sind sehr mit ihrer eige­nen Ver­gäng­lich­keit beschäf­tigt. Dann bewegt sich das Gespräch dahin. Wie­der ande­re bekom­men Angst um ihre ande­ren Freun­de oder ihre Fami­lie. Viel­leicht sagt jemand: "Als ich 15 war, hat­te ich einen Trau­er­fall. Heu­te bin ich 35, aber das hat mich nach­hal­tig geprägt. Ich traue­re zwar nicht mehr um die­sen Men­schen, aber die Kon­se­quen­zen, die das für mich hat­te, beglei­ten mich bis heu­te." Es muss nicht immer etwas sein, das vor Kur­zem pas­siert ist. Nach einem ein­schnei­den­den Erleb­nis kön­nen sich gewis­se Ver­hal­tens­mus­ter oder Denk­struk­tu­ren fest­set­zen. Wir spre­chen ja gera­de gar nicht so sehr von Trau­er, son­dern vom Tod. Aber Trau­er ist auch der Ver­lust einer Freund­schaft oder einer Ver­bin­dung. Wir kön­nen trau­ern, wenn wir einen Teil von uns selbst ver­lie­ren: unse­re Unbe­darft­heit, unse­re Unschuld, was auch immer es ist. Trau­rig­keit, Trau­er und Trau­er­ar­beit hängt nicht nur mit dem Tod zusam­men, son­dern eben­so mit dem Ver­lust von ande­ren Dingen.

MZEE​.com: Wenn man über emo­tio­na­len Schmerz spricht, fällt oft der Spruch: "Die Zeit heilt alle Wun­den." Man­che Men­schen glau­ben aber auch, dass men­ta­le Wun­den nie­mals kom­plett ver­hei­len und man sich nur an den Schmerz gewöhnt. Was, denkst du, führt dazu, dass man­che nie­mals dar­über hin­weg­zu­kom­men scheinen?

Cur­se: Wir müs­sen dar­auf ach­ten, wie wir dar­über reden. Wir sagen gera­de: "Da ist eine Wun­de und ent­we­der muss die ver­hei­len oder man muss sich an den Schmerz gewöh­nen." Aber ich glau­be, wir sehen es zu eng, wenn wir so dar­über reden. Es gibt nicht nur die­se zwei Optio­nen. Es kann auch sein, dass über der Wun­de eine gewis­se Schicht vor­han­den ist oder dass sie noch exis­tiert, aber nicht mehr schmerzt. Oder aber die Wun­de ist ver­heilt und es schmerzt immer noch. Es gibt vie­le Mög­lich­kei­ten. Ich benut­ze ja oft das Wort "Hei­lung". Aber das bedeu­tet in die­sem Fall nicht, dass irgend­et­was ver­schwin­det. Neh­men wir bei­spiels­wei­se ein trau­ma­ti­sches, ein­schnei­den­des Erleb­nis – es kann auch etwas aus der Kind­heit sein. Das ist ja pas­siert. Das heißt: Es geht nie weg. Denn die­ses Erleb­nis ist immer Teil dei­ner Bio­gra­fie. Es kann also gar nicht dar­um gehen, irgend­et­was los­zu­wer­den. Statt­des­sen geht es immer dar­um, wel­che Bedeu­tung man der Sache gibt. Und nicht "Bedeu­tung" im Sin­ne von "Wich­tig­keit auf einer Ska­la von eins bis zehn", son­dern die Kon­se­quenz die­ses Erleb­nis­ses für mein Leben. Das kann sich ver­än­dern, trans­for­mie­ren und erwei­tern. Es kann sein, dass man ein trau­ma­ti­sches Erleb­nis hat, das der abso­lu­te Hor­ror für einen ist. Da geht es manch­mal viel­leicht gar nicht dar­um, zu sagen: "Wie schaff' ich es, dass das nicht mehr der Hor­ror ist?" Son­dern: "Kann das zusätz­lich noch mehr sein als abso­lu­ter Hor­ror? Kann es etwas ande­res sein? Ja, es ist schei­ße. Es ist der abso­lu­te Hor­ror. Aber darf es auch mehr sein?" Beim The­ma "Tod" ist es bei man­chen Leu­ten sicher­lich gar nicht gewünscht, das zu ver­ges­sen oder nicht mehr dran zu den­ken, da vie­le sagen: "Die­ser Mensch war mir so wich­tig. Wenn ich anfan­gen wür­de, ihn zu ver­ges­sen, wür­de ich mir das selbst nie­mals ver­zei­hen." Da geht es nicht so sehr dar­um, zu ver­ges­sen und sich gedank­lich abzu­len­ken. Statt­des­sen fragt man sich: "Wie kann man die­sen Men­schen, die­sen Tod oder die­se Sache ehren? Wie kann man das Bedürf­nis, nicht zu ver­ges­sen, erfül­len und gleich­zei­tig sein Leben wei­ter­ge­stal­ten?" Da geht es nicht dar­um, dass der Schmerz nie vor­bei­ge­hen und immer gleich blei­ben wird oder die Wun­de zu ver­ges­sen, nach­dem sie ver­heilt ist. Das ist zu schwarz-​weiß. Eigent­lich will ich damit leben und einen posi­ti­ven Umgang damit fin­den, der all mei­ne Bedürf­nis­se erfüllt und nicht nur mei­ne Bedürf­nis­se danach, nicht zu ver­ges­sen oder die Per­son bezie­hungs­wei­se die Erin­ne­rung an die­se zu ehren. Statt­des­sen muss man einen Umgang fin­den, mit dem man trotz allem glück­lich, gesund und lebens­froh sein kann. Die­se Din­ge müs­sen sich nicht unbe­dingt gegen­sei­tig im Weg ste­hen. Die kön­nen durch­aus gleich­zei­tig exis­tie­ren und sind mit­ein­an­der ver­ein­bar. Das ist auch ein Ansatz. Der ist natür­lich wie­der völ­lig indi­vi­du­ell. Denn man weiß nicht, wer einem gegen­über sitzt. Aber ich glau­be, dass es nie­man­den gibt, bei dem da grund­sätz­lich die Hoff­nung ver­lo­ren ist. Oder Men­schen, bei denen man sagt: "Du wirst die nächs­ten 30, 40 Jah­re immer den­sel­ben Schmerz erlei­den, wenn es um die­ses The­ma geht und da wird nie Platz für etwas ande­res sein." Das ist kein Urteil für immer, son­dern eine Pha­se und das ist dein bis­he­ri­ger Umgang damit. Der ist auch in Ord­nung. Denn das ist die Stra­te­gie, die du erschaf­fen hast, um mit die­ser schwie­ri­gen Situa­ti­on umzu­ge­hen. Das war das Best­mög­li­che, das dir zu dem Zeit­punkt zur Ver­fü­gung stand. Du hast gesagt: "Die­ses trau­ma­ti­sche Erleb­nis ist pas­siert und ich muss jetzt irgend­wie damit umge­hen." Dann hast du dein Wer­te­sys­tem und dei­ne per­sön­li­chen Eigen­schaf­ten genutzt, um erst mal dei­ne eige­ne Stra­te­gie dafür zu fin­den. Und das ist gut, denn das ist ein intel­li­gen­ter Umgang mit einer her­aus­for­dern­den Situa­ti­on. Das Pro­blem ent­steht erst dann, wenn du irgend­wann merkst, dass die­se Stra­te­gie in dem Moment zwar das bes­te war, das dir zur Ver­fü­gung stand und genau rich­tig war, dir aber nach ein paar Wochen, Mona­ten, Jah­ren oder Jahr­zehn­ten in ande­ren Lebens­be­rei­chen im Weg steht und ande­re Bedürf­nis­se nicht erfül­len kann. Dann kann man sagen: "Die­se Stra­te­gie ist wahn­sin­nig gut und intel­li­gent, aber jetzt haben sich mei­ne Bedürf­nis­se ver­än­dert." Und dann kann man sich über­le­gen, ob eine neue Stra­te­gie Sinn macht, die die neu­en Bedürf­nis­se erfüllt – ohne, dass die alte schlecht ist und man sie los­wer­den muss. Man kann sich dann fra­gen: "Gibt es etwas, das bei­des oder alles berück­sich­tigt? Gibt es ein Lear­ning, das man dadurch erlangt?" Beim Ressourcen-​orientierten Arbei­ten ist es so, dass man eben nicht sagt: "Der Umgang damit ist falsch. Das ist schlecht und für immer." Auch bei Trau­rig­keit oder "schlech­tem" Umgang mit Situa­tio­nen kann man immer sagen, dass es im Kern eigent­lich intel­li­gen­te Stra­te­gien sind, die man in der Ver­gan­gen­heit zur Pro­blem­lö­sung auf­ge­stellt hat. Wenn man sich das unter dem Aspekt anschaut, soll­te man sich sagen: "Gut, du kannst also intel­li­gen­te Stra­te­gien und hast das auch schon getan. Du hast da Res­sour­cen und bist smart. Wie kann man dar­auf aufbauen?"

MZEE​.com: Du hast bereits erwähnt, dass es durch­aus Stra­te­gien gibt, die zunächst hilf­reich sind, auf lan­ge Sicht aber nicht den gewünsch­ten Zweck erfül­len. Vie­le Men­schen ver­su­chen, sich bewusst von ihren inten­si­ven Gefüh­len abzu­len­ken, qua­si vor ihnen zu flie­hen, wäh­rend ande­re sich nahe­zu dar­in ver­lie­ren. Bei­des kann dazu füh­ren, dass man sich das eige­ne Leben zur Höl­le macht. Was, denkst du, führt zu die­sen Extremen?

Cur­se: Die­se Stra­te­gien sind eben meis­tens in dem Moment die best­mög­li­chen, die einem zur Ver­fü­gung ste­hen. Wenn du nicht die Res­sour­cen hast, dich der Sache anders zu wid­men, und anfängst, jeden Tag acht Bier zu trin­ken, ist das natür­lich von außen betrach­tet abso­lut nicht gesund. Aber in dem Moment ist es für dich viel­leicht das Best­mög­li­che, das dir zur Ver­fü­gung steht. Wenn man aner­kennt, dass die­ses Ver­hal­ten in dem Moment für etwas gut war, fin­det man eine ganz ande­re Her­an­ge­hens­wei­se. Dann denkt man sich nicht: "Jetzt bin ich ein schlech­ter Mensch, weil ich es nicht hin­ge­kriegt habe, rich­tig mit mei­nem Schmerz umzu­ge­hen. Dafür muss ich mich auch noch ver­teu­feln. Jetzt kommt das nächs­te Pro­blem und der nächs­te Schmerz." Man soll­te bes­ser sagen: "Das ist der Umgang, den du damit hast. Das ist das Bes­te, das dir zur Ver­fü­gung stand. Lass uns doch mal gucken, ob das wirk­lich so ist oder ob es nicht noch ande­re Din­ge gibt, die dir zusätz­lich zur Ver­fü­gung ste­hen und sich da mit­ein­bin­den las­sen." Genau­so ist es, wenn man sich total in einen Schmerz hineinbegibt.

MZEE​.com: Kom­men wir noch mal etwas ein­ge­hen­der auf dei­ne Pro­fes­sio­nen zu spre­chen. Du hast einen Pod­cast, bei dem es unter ande­rem um Medi­ta­ti­on geht. Die hat ja erwie­se­ner­ma­ßen sehr vie­le posi­ti­ve Effek­te auf die­je­ni­gen, die sie prak­ti­zie­ren. Denkst du, dass sie auch in einer Trau­er­pha­se hilf­reich sein kann?

Cur­se: Ja und nein. Auch hier gibt es kei­ne pau­scha­le Lösung. Medi­ta­ti­on ist erst mal dafür da, die Funk­ti­on des eige­nen Geis­tes zu erken­nen. Sie ist qua­si die Medi­zin dafür. Dar­über hin­aus hat Medi­ta­ti­on noch ganz vie­le posi­ti­ve Neben­wir­kun­gen, wie zum Bei­spiel ein biss­chen mehr Klar­heit und Aus­ge­gli­chen­heit. Es gibt eine gan­ze Rei­he von Effek­ten, die kli­nisch bewie­sen sind. Aber es ist nicht so, dass man sagen kann: "Wenn du das und das hast, dann mach mal die­se Medi­ta­ti­on." Denn auch Medi­ta­ti­on – wie du und dein Geist sich in einem Moment ver­hal­ten – ist extrem indi­vi­du­ell. Es gibt Momen­te und Zustän­de, bei denen ich nicht pau­schal sagen wür­de: "Setz dich ein­fach mal hin und medi­tie­re!" Denn eine Medi­ta­ti­on, die dich ja ganz nah an dei­ne Gefüh­le und Gedan­ken bringt, kann in einer schwie­ri­gen Situa­ti­on Din­ge erst mal inten­si­vie­ren. Des­we­gen gibt es sicher­lich Momen­te, in denen man nicht pau­schal sagen kann, dass eine halb­stün­di­ge Medi­ta­ti­on wei­ter­hilft – vor allem bei Men­schen, die nicht seit Jah­ren medi­tie­ren, sehr geübt dar­in sind und die­se Zustän­de ken­nen. Medi­ta­ti­on ist erst mal das Erken­nen des eige­nen Geis­tes, der eige­nen Gefühls- und Gedan­ken­welt und des eige­nen Selbst. Das ist immer gut und hilf­reich, da es gene­rell dabei hel­fen kann, mit schwie­ri­gen Situa­tio­nen bes­ser umzu­ge­hen und mehr Aus­ge­gli­chen­heit, Klar­heit und Schär­fe in Sachen hin­ein­zu­brin­gen. Natür­lich wür­de ich es jedem emp­feh­len, sich mit sich selbst aus­ein­an­der­zu­set­zen und zu medi­tie­ren. Aber in aku­ten Situa­tio­nen kann es auch sein, dass vor­erst etwas ganz ande­res wich­tig ist oder viel bes­ser hel­fen wür­de, als sich irgend­wo still hin­zu­set­zen und sich mit dem eige­nen Geist zu beschäf­ti­gen. Prin­zi­pi­ell ist Medi­ta­ti­on immer etwas Groß­ar­ti­ges und fan­tas­tisch. Aber in ganz spe­zi­el­len und spe­zi­fi­schen Situa­tio­nen gibt es oft ande­re Din­ge, die wich­ti­ger sind und eine Grund­la­ge dafür schaf­fen, dass man zu sich kommt und nach einer trau­ma­ti­schen Situa­ti­on ruhi­ger wird. Anschlie­ßend kann man dann Medi­ta­ti­on nut­zen, um her­aus­zu­fin­den, wie man grund­sätz­lich ist und wie man sich sei­ne Welt konstruiert.

MZEE​.com: Musik spricht man eine sehr heil­sa­me Rol­le zu. Wel­che Rol­le spielt Musik für dich in der Bewäl­ti­gung von schwie­ri­gen Lebensphasen?

Cur­se: Eine rie­si­ge. Musik ist für mich wie eine Art Gefühls­be­schleu­ni­ger. Bestimm­te Musik wirkt auf mich wahn­sin­nig beru­hi­gend, ande­re wie­der­um auf­put­schend. In man­chen Situa­tio­nen, in denen es mir nicht gut geht, will ich mich ablen­ken oder hoch­pu­shen. Dann weiß ich genau, wel­che Plat­te ich auf­le­gen wer­de. In ande­ren Situa­tio­nen möch­te ich viel­leicht zu mir selbst fin­den und brau­che Ruhe, Wär­me, Sicher­heit oder ein Gefühl von Lie­be und Gebor­gen­heit. Da weiß ich eben­falls, wel­che Plat­te ich auf­le­gen muss. Musik ist wun­der­schön und eine rie­si­ge Hil­fe bei inten­si­ven emo­tio­na­len Zustän­den. Wir spre­chen gera­de viel über Gedan­ken und Stra­te­gien. Aber auch kör­per­li­che Bewe­gung ist wahn­sin­nig hilf­reich. Bei mir ist es zum Bei­spiel so, dass die Kom­bi­na­ti­on aus Musik und dem Kör­per­li­chen Wun­der bewirkt. Manch­mal leg' ich mich hin und spü­re in mei­nen Kör­per hin­ein, ob es viel­leicht eine Stel­le gibt, die total ver­spannt ist. Dann mas­sier' ich mir bei­spiels­wei­se die Schul­tern und ver­su­che, Kon­takt mit dem Kör­per auf­zu­neh­men. Oder ich mach' mir Mucke an und beweg' mich ein­fach ein biss­chen und tan­ze. Ich mach' die Jalou­sien run­ter – dann sieht mich kei­ner und erklärt mich für kom­plett bescheu­ert. (schmun­zelt) Dabei kann ich super den Frust raus­las­sen. Über Kör­per und Musik kann ganz viel pas­sie­ren. Und das steht uns jeder­zeit zur Ver­fü­gung. Wir alle ken­nen das. Du läufst durch die Stra­ßen, hast Kopf­hö­rer auf und auf ein­mal ver­än­dert sich die gan­ze Welt. Das ist wie ein Film-​Soundtrack. Dann hast du ein Album lau­fen, das dir ein ganz bestimm­tes Gefühl gibt. Musik ist super­hilf­reich dabei, die eige­nen Gefüh­le zu mana­gen. Megagut!

MZEE​.com: Das kann ich so abso­lut unter­schrei­ben! Zum Schluss noch eine recht per­sön­li­che Fra­ge: Ist es schon mal vor­ge­kom­men, dass dir jemand erzählt hat, dass dei­ne Musik ihr oder ihm in einer Trau­er­pha­se gehol­fen hat? Wenn ja, was macht das mit dir? 

Cur­se: Das pas­siert tat­säch­lich häu­fi­ger. Was das mit mir macht? (über­legt) Das ist immer eine Mischung aus Freu­de und Demut. Ich weiß, was Musik mit mir selbst macht und in wel­chen kras­sen Kri­sen­si­tua­tio­nen sie mir schon gehol­fen hat – auch Bücher und Kunst all­ge­mein. Dann reflek­tiert zu bekom­men, dass das, was ich mache – mit all den Fil­men, die ich mir fah­re, wie "das ist nicht gut genug …" und "hier hab' ich nicht cool genug ein­ge­rappt" und bla bla bla – ande­ren Men­schen gehol­fen hat, lässt mei­nen eige­nen Stress, den ich mir mache, völ­lig über­flüs­sig erschei­nen. Da merk' ich, dass ich gar nicht so wich­tig bin und das find' ich echt gut! Das mei­ne ich mit "Demut". Da geht's unterm Strich eben nicht um mich, son­dern um die Mucke und um das, was durch sie hin­durch­fließt. Denn ich hab' den Song ja nicht über die spe­zi­fi­sche Situa­ti­on der ande­ren Per­son geschrie­ben, sodass ich mir den­ke: "Ich hab' den Song kor­rekt geschrie­ben, dass er genau da hilft!" Ich hab' ein­fach Mucke gemacht und jemand ande­res hört das zum rich­ti­gen Zeit­punkt im Leben, befin­det sich am rich­ti­gen Ort und es pas­siert etwas. Da geht's nicht um mich und ob ich jetzt ein coo­ler Typ bin oder so, son­dern um die Kraft von Musik, von Melo­dien und Wor­ten. Das bringt mich immer wie­der dazu, mir zu sagen: "Ganz ehr­lich, nimm dich nicht so wich­tig. Mach ein­fach!" Und zum ande­ren eben die­se Freu­de. Das Schöns­te, das Musik mir geben kann – näm­lich Unter­stüt­zung in mei­nem Leben – kann mei­ne Musik anschei­nend auch ande­ren Men­schen geben. Und das ist für mich das schöns­te Kom­pli­ment und die größ­te Freu­de am Musik­ma­chen. Es ist ganz schwer, die­se Mischung zu beschrei­ben. Es ist Freu­de dar­über, dass ich in mei­nem Zim­mer etwas gemacht habe, das so eine Emo­ti­on bei jemand ande­rem aus­löst. Und es ist das Wis­sen, dass es nicht dar­an liegt, dass ich das so geil gemacht habe und voll der kras­se Typ bin, son­dern weil es mit Musik ein­fach so passiert.

(Stef­fen Bauer)
(Fotos von Kreuz­ber­ger Kind)