CML – Abteil 30.06

"Was?! Du kennst das nicht? Sekun­de, ich such' dir das mal raus." Und schon öff­net sich die Plat­ten­kis­te. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man redet über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal ob von einem Song, einem Künst­ler oder einem Album – mit dem man nicht so recht etwas anzu­fan­gen weiß. Und plötz­lich hagelt es Lob­prei­sun­gen, Hass­ti­ra­den oder Anek­do­ten. Gera­de dann, wenn der Gesprächs­part­ner ins Schwär­men ver­fällt und offen zeigt, dass ihm das The­ma wich­tig ist, bit­tet man nicht all­zu sel­ten um eine Kost­pro­be. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Per­son so sehr am Her­zen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Her­zen liegt: Ein Aus­zug aus der Musik, mit der wir etwas ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns berührt. Ein Griff in unse­re Plat­ten­kis­te eben.

 

Die Fra­ge nach den prä­gends­ten Künst­lern der eige­nen HipHop-​Leidenschaft scheint für die meis­ten eine ein­fa­che zu sein. Rou­ti­niert fal­len oft die gro­ßen Namen – von den Begin­nern über Samy Delu­xe bis hin zu Aggro Ber­lin. In mei­nem Fall ist es anders. Bei mir ist beson­ders ein Künst­ler bis heu­te prä­sent, den man beim bes­ten Wil­len nicht zu den Gro­ßen zäh­len kann: der Köl­ner Rap­per CML.

Irgend­wann 2013 ging es los. Sein Release-​Debüt "Cou­sin", eine unfass­bar locke­re Hym­ne auf sein Vier­tel Köln-​Nippes, hat mein puber­tä­res Ich damals kom­plett abge­holt. Wo ein Eko Fresh zu weit weg oder ein Retro­gott zu kom­plex war, konn­ten mich CML und Stamm­pro­du­zent Hie­ro­ny­mus Cas­par aka R.O.N. direkt begeis­tern. Mit den eigens ein­ge­spiel­ten Jazz-​Trompeten und der ent­spann­ten Mischung aus Fran­zö­sisch und Deutsch schla­gen sie hier die Brü­cke zwi­schen Easy Lis­tening und unpein­li­chem Lokal­pa­trio­tis­mus. Zwei Jah­re spä­ter kam dann "Abteil 30.06" – ein Album, das bis heu­te in kei­ner Sekun­de der rund 40 Minu­ten Lauf­zeit über­holt oder alt­ba­cken klingt. Das Geheim­nis kann man schon im Intro "Secret Spi­rits" aus­ma­chen: stil­si­che­re Flow­pat­terns mit char­man­tem fran­zö­si­schen Akzent sei­tens des Rap­pers, dazu Beats mit Jazz-​Klavier und gedämpf­ten Trom­pe­ten auf­sei­ten der Pro­du­zen­ten Juli­Juice und R.O.N.. Das Album strotzt nur so vor ent­spann­ten Hood-​Representern, aber der Rap­per scheut sich eben­so wenig, über sich zu erzäh­len. So wer­den die Bezie­hung zu sei­nem Vater oder Aus­flüch­te in sei­ne "Traum­welt" the­ma­ti­siert. Das gibt die­sen Tracks eine zwei­te, tie­fe­re Ebe­ne, ohne dass es erzwun­gen oder gewollt wirkt.

Sicher habe ich eine Nostalgie-​Brille auf, wenn ich über "Abteil 30.06" spre­che. Den­noch ist das Album ein Meis­ter­werk, das kaum jemand kennt. Das liegt nicht zuletzt dar­an, dass es aus vie­len Ele­men­ten besteht, die damals wie heu­te zeit­los sind: CML lie­fert ent­spann­ten Sound – mal mehr, mal weni­ger per­sön­lich –, dafür immer mit Gras- und Köln-​Bezug. Also qua­si Lugat­ti & 9ine, nur mit Jazz.

(Jakob Zim­mer­mann)