Pimf – ein Gespräch über Fernweh

Fern­weh. Eine immer­wäh­ren­de Sehn­sucht nach einem ande­ren Ort. Nach dem Neu­en, nach dem Ent­de­cken, nach dem Erle­ben. Über­rascht wer­den, Erfah­run­gen machen und Erkennt­nis­se sam­meln. Man sagt, wer reist, erwei­tert sei­nen Hori­zont. Wer reist, erobert neue Wel­ten, zumin­dest für sich selbst. Und wer reist, der lernt das Zuhau­se, das Gewohn­te und viel­leicht sogar den All­tag erst wie­der zu schät­zen.

Zumin­dest sagen wir das in Euro­pa. Oder in der west­li­chen Welt. Doch was ist mit denen, die nicht rei­sen kön­nen – ganz gleich, ob hier oder irgend­wo sonst auf der Welt? Emp­fin­den sie eben­falls Fern­weh? Oder ist Fern­weh gar ein Gefühl, das erst ent­steht, wenn man schon weg war? Also ein Gefühl der pri­vi­le­gier­ten Welt, ein Gefühl derer, die es sich leis­ten kön­nen?

Der Hof­geis­ma­rer Rap­per Pimf ist nicht nur viel gereist, son­dern hat auch viel übers Rei­sen gerappt. Über frem­de Orte, über die Fer­ne, über die Sehn­sucht, die das Ent­de­cken mit sich bringt. Es lag auf der Hand, mit ihm übers Rei­sen zu spre­chen. Noch bes­ser: über Fern­weh – und die ver­schie­de­nen Aspek­te, die das The­ma mit sich bringt. Und über eine ganz gro­ße Lei­den­schaft, die bei ihm mit dem Rei­sen Hand in Hand geht: das Besu­chen von so vie­len Fuß­ball­sta­di­en und -spie­len an so vie­len ver­schie­de­nen Orten wie mög­lich.

MZEE​.com​: Wir spre­chen ja heu­te über das The­ma Fern­weh. Lass uns dafür mal mit einem klei­nen Gedan­ken­spiel begin­nen: Wenn du jetzt die Augen zumachst und in Bezug auf Fern­weh an einen ganz bestimm­ten Ort denkst – wel­chen siehst du dann als ers­tes vor dei­nem inne­ren Auge?

Pimf: Ich hab' einen vor Augen … aber der ist völ­lig ran­dom. (lacht) Ich habe gera­de an die mon­te­ne­gri­ni­sche Mit­tel­meer­küs­te gedacht. Da war ich letz­tes Jahr mit zwei Kum­pels. Ich hab' gese­hen, wie wir da am Meer sit­zen und gei­le Ceva­pes geges­sen haben. Ich lie­be ja sowie­so den Balkan-​Lifestyle, die­ses lie­bens­wer­te Cha­os.

MZEE​.com​: Hät­test du lie­ber von einem ande­ren Ort erzählt?

Pimf: Nee, aber es war jetzt schon sehr ran­dom. Ich war letz­tes Jahr halt auch in Indi­en und in Gam­bia, aber den­ke als ers­tes an Mon­te­ne­gro und Cevap­ci­ci …

MZEE​.com​: Ist Fern­weh für dich ein eher dif­fu­ses Gefühl oder immer kon­kret mit einem ganz bestimm­ten Ort ver­bun­den?

Pimf: Bei­des. Manch­mal ist es so kon­kret wie: "Ich muss jetzt nach Hol­land fah­ren und 'ne Fri­kan­del essen." Ich den­ke, bei Sachen, die nah und greif­bar sind, ist es ein kon­kre­tes Gefühl. Ansons­ten eher: "Ich war jetzt drei Wochen zu Hau­se, mir fällt die Decke auf den Kopf. Ich muss raus – ganz egal, wohin. Haupt­sa­che, irgend­wo in die Welt." Aber natür­lich möch­te ich irgend­wann mal nach Süd­ame­ri­ka und nach Asi­en. Man hat tau­send Sachen auf einer Lis­te, die man nicht wirk­lich ernst meint. Und ich habe oft die­ses Gefühl: "Ich set­ze mich jetzt in mein Auto und fah­re genau an die­sen einen Ort, weil ich jetzt die­se eine Brat­wurst in die­sem einen Sta­di­on essen möch­te." Fern­weh gibt es bei mir also sowohl kon­kret als auch unbe­stimmt.

MZEE​.com​: Bist du schon immer viel gereist oder kam das erst, als du allei­ne rei­sen konn­test?

Pimf: Tat­säch­lich erst, seit­dem ich allei­ne rei­sen kann. Mei­ne Eltern hat­ten nicht so viel Geld und haben das Bes­te dar­aus gemacht. Ich war mal in der Tür­kei und ansons­ten 15 Jah­re am Tim­men­dor­fer Strand. Das war auch geil. Aber als ich in das Alter kam, selbst­stän­dig zu rei­sen, hat sich das gefühlt ver­hun­dert­facht. Ich hab' dann eine Vor­lie­be für außer­ge­wöhn­li­che­re Zie­le ent­wi­ckelt. Eben nicht nur Mal­le und Ägyp­ten, son­dern Alba­ni­en. Damit bin ich aber nicht auf­ge­wach­sen und es gab auch nie­man­den in mei­nem Umfeld, der aben­teu­er­lus­tig war und mich ani­miert hat, die Welt zu erkun­den. Das war alles schon selbst­in­iti­iert.

MZEE​.com​: Bist du eigent­lich ein Zelt­rei­sen­der?

Pimf: Gar nicht. Ich bin eine klei­ne Diva beim Rei­sen. So viel ich auch unter­wegs bin – hau mir ab mit Acht­bett­zim­mern und Hostel-​Mist. Ich brau­che schon ein Dop­pel­zim­mer, ein biss­chen Kom­fort muss sein. Das war zum Bei­spiel letz­ten Novem­ber in Indi­en etwas chao­tisch, weil die Ver­hält­nis­se dort ein­fach ande­re sind. Ich war nur mit Jungs unter­wegs, die irgend­wo für 5 Euro pen­nen woll­ten. Und da zah­le ich dann lie­ber 20 Euro und schla­fe wie Gott in Frank­reich. Es kommt aber natür­lich mal vor, dass das nicht gege­ben ist. Zum Bei­spiel auf dem Jakobs­weg in Pil­ger­her­ber­gen. Da schläft man mit 30 sich in der Midlife-​Crisis befin­den­den, öko­lo­gi­schen Hol­län­de­rin­nen schnar­chend ein­ge­pfercht in irgend­ei­ner Kir­che …

MZEE​.com​: Wel­cher Ort in der Fer­ne hat dich denn am meis­ten berührt?

Pimf: Gam­bia. Ich war da letz­tes Jahr im April und es war ein völ­li­ger Schock. Danach habe ich erst mal ein paar Wochen gebraucht, bis ich wie­der klar­kam. Wir haben spon­tan ein Ange­bot von einer gro­ßen Hotel­an­la­ge gese­hen. Da dach­ten wir uns, dass wir ein paar Tage am Strand chil­len und dann auf eige­ne Faust los­zie­hen könn­ten. Das hat sich auch als gut her­aus­ge­stellt, weil ich ja was von den Leu­ten und der Kul­tur ken­nen­ler­nen will. Gam­bia ist, glau­be ich, das kleins­te Land West­afri­kas und total hin­ter­her und chao­tisch. Dort herrscht eine Armut, die man sich nicht vor­stel­len kann. Ein Dude, mit dem ich jetzt noch Kon­takt habe und mich gut ver­ste­he, ver­dient im Monat 25 Euro. Und davon muss er drei Kin­der ernäh­ren. Die Ver­hält­nis­se sind natür­lich ande­re, aber die kom­men ein­fach gar nicht klar. Flie­ßend Was­ser ist da ein Pro­blem. Gleich­zei­tig wer­den aber fünf Hotel­bun­ker an die Küs­te gezau­bert und alle lächeln dich an und machen auf "Sun­ny Coast of Afri­ca". Dann spie­len sie dir irgend­was vor, haben schö­ne Hotel­an­la­gen und der Rasen­spren­ger läuft den gan­zen Tag – aber auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te gibt es kein flie­ßend Was­ser. Das hat mir kom­plett den Boden unter den Füßen weg­ge­zo­gen. Da waren auch vie­le Pauschal-​Urlauber am Start. Ich sag' mal böse: die Ü50-​Fraktion, die nor­ma­ler­wei­se nach Ägyp­ten fliegt, aber einen güns­ti­gen Gambia-​Deal geschos­sen hat. Mit denen geht es schon am Flug­ha­fen los. Der Urlaub besteht nur aus Pla­nen und da wird dann in schlech­tem Eng­lisch geme­ckert: "I'll never come back to Afri­ca. This is shit here." Da muss man sich auch echt für sei­ne Lands­leu­te schä­men, weil die das ein­fach nicht ein­ord­nen kön­nen. Das war wirk­lich eine kras­se Rei­se.

MZEE​.com​: Ihr wart dann nicht die gan­ze Zeit im Hotel?

Pimf: Doch, wir haben schon jede Nacht im Hotel gepennt. Aber jeder Mensch dort fun­giert auch als Gui­de und für 10 Euro fährt er dich den gan­zen Tag rum. Ganz absurd war es dann zum Bei­spiel am Grenz­über­gang in den Sene­gal. Dort wur­de ich in ein Hin­ter­zim­mer geholt, weil die Pro­ble­me mit Stem­peln in mei­nem Pass hat­ten … Grund­sätz­lich brauchst du eine Gelbfieber-​Impfung, wenn du von Gam­bia in den Sene­gal willst. Und ein Typ neben mir hat­te die nicht. Also hat er 10 Dol­lar in den Rei­se­pass gelegt und konn­te dann wei­ter. Auch wenn ich schon wil­de Sachen auf ande­ren Rei­sen im Bal­kan oder in Indi­en erlebt habe – die gebün­del­te Armut in Gam­bia hat mich ein­fach mit­ge­nom­men.

MZEE​.com​: Wel­ches Land hat dich mehr beein­druckt – Gam­bia oder Indi­en?

Pimf: Schwie­rig zu sagen. In Indi­en war ich wesent­lich län­ger – drei Wochen. Ich habe vie­le Orte bereist und viel mehr gese­hen. In Gam­bia war ich deut­lich kür­zer und habe dem­entspre­chend nicht so viel sehen kön­nen. Ich habe zwar eini­ge Zie­le und Orte besucht, aber es wur­de einem auch dort noch viel vor­ge­spielt. In Indi­en war ich mit einem Kum­pel, der da Fami­lie hat. Ich war also viel näher an der Kul­tur, habe die Fami­lie auch ken­nen­ge­lernt und war viel tie­fer drin. Des­halb habe ich dazu eine ganz ande­re Bezie­hung und wür­de mich da auf jeden Fall viel schnel­ler ein­groo­ven und zurecht­fin­den als in Gam­bia.

MZEE​.com​: Glaubst du, es gibt einen Ort auf der Welt, an den du zie­hen könn­test und von dem aus du nie wie­der Fern­weh hät­test?

Pimf: Nein. Wenn du auf Bali wohnst, ist es ja auch dein All­tag. Es gibt immer eine Sehn­sucht nach dem Unge­wis­sen und neu­em Input. Auch auf Bali fällt dir irgend­wann die Decke auf den Kopf und du hast genug davon. Klar, hier und da lässt es sich bes­ser aus­hal­ten – Leu­te aus ande­ren Regio­nen wür­den das bestimmt unter­schrei­ben. Aber ich als pri­vi­le­gier­ter, wei­ßer Cis-​Mann, der wohl­be­hü­tet auf­ge­wach­sen ist, habe eigent­lich kei­nen Anspruch dar­auf, dass es einen noch bes­se­ren Ort gibt, an den es unbe­dingt gehen muss.

MZEE​.com​: Es gibt Men­schen, die noch nie weit weg waren. Ein Freund von mir aus Ber­lin war zum Bei­spiel noch nie außer­halb der Stadt. Er hat aber nicht das Gefühl, dass ihm etwas fehlt. Kannst du das nach­voll­zie­hen?

Pimf: Ja, voll. Sol­che Leu­te ken­ne ich auch aus der Klein­stadt. Nicht jeder kennt die gan­zen Mög­lich­kei­ten, die einem zur Ver­fü­gung ste­hen oder ist so offen. Ich kann das aber nach­voll­zie­hen, weil man ja oft ein­fach mit Situa­tio­nen und Lebens­ab­schnit­ten zufrie­den ist. Und es kann dir genau­so als Rei­sen­der pas­sie­ren, dass du in einen Trott gerätst. Erst kommt das "Ich muss jetzt wie­der rei­sen" und dann wird das Gan­ze eher zur Ein­tö­nig­keit, zu einer Beschäf­ti­gung. Plötz­lich fehlt die­se Adrenalin-​Dröhnung, die es viel­leicht bei einem von zehn Malen gibt. Des­we­gen kann ich nach­voll­zie­hen, wenn Leu­te zum Bei­spiel Com­pu­ter zocken und sich dadurch in eine frem­de Para­dies­welt bege­ben, die für sie Glück bedeu­tet. Ich per­sön­lich bin nicht so, aber das hat auch alles Vor- und Nach­tei­le. Vie­le tun immer so, als hät­ten sie das Leben ver­stan­den, weil sie rei­sen und die gan­ze Welt ken­nen. Das ist es halt auch nicht. Rei­sen ist nicht die Lösung für alle Pro­ble­me. Zock Com­pu­ter, wenn du Bock drauf hast und es dich glück­lich macht. (über­legt) Was man noch dazu sagen muss: Rei­sen bringt auch nega­ti­ve Sachen mit sich. Umwelt­ver­schmut­zung, Bil­lig­flie­ger­wahn – man kann das auf so vie­len Ebe­nen kri­ti­sie­ren und als dumm abstem­peln. Aber vie­le tun immer so, als wäre Rei­sen das ulti­ma­ti­ve Ziel. Nach dem Mot­to: "Geld macht nicht glück­lich, es sind ja die Momen­te." Doch Rei­sen allein macht auch nicht glück­lich. Des­halb kann ich es auf jeden Fall nach­voll­zie­hen, wenn es einem nicht fehlt.

MZEE​.com​: Glaubst du denn, dass man Fern­weh erst ent­wi­ckelt, wenn man schon weg war?

Pimf: Ja, schon. Du hast ja einen Hori­zont. Und wenn du immer nur da hin­guckst, ver­än­dert er sich nicht. Aber wenn du ein­mal hin­gehst und siehst, dass dahin­ter noch mehr ist, denkst du dir beim nächs­ten Mal: "Okay, jetzt geh' ich mal woan­ders hin und schaue, was dort ist." Ich den­ke, je mehr man sieht, des­to grö­ßer wird das Fern­weh und des­to mehr Lust bekommt man auch auf Neu­es. Es gibt aber auch Leu­te, die sich mit ihrem Sta­tus quo ein­fach zufrie­den­ge­ben. Mei­ne Eltern zum Bei­spiel. Seit ich begon­nen habe, umher­zu­rei­sen, machen mei­ne Eltern das jetzt auch. Man braucht schon so einen Kick-​Off. Ich habe ja auch Freun­de, die arbei­ten, seit­dem sie 16 sind. Die sind aus­ge­lernt, neh­men im Jahr drei Wochen Urlaub, flie­gen viel­leicht nach Mal­le und trin­ken ein paar Bier­chen – und das passt für die, weil sie nichts ande­res ken­nen. Das ist ihr Hori­zont und da gehen sie nicht drü­ber hin­aus.

MZEE​.com​: Du hast vor­hin gesagt, dass du pri­vi­le­giert bist. Meinst du, dass die Sehn­sucht nach der Fer­ne ein Gefühl der pri­vi­le­gier­ten Welt ist? Ein Gefühl derer, die sich Rei­sen über­haupt leis­ten kön­nen?

Pimf: Kras­se Fra­ge. Da gibt es natür­lich auch meh­re­re Ebe­nen. Zurück zu Gam­bia. Der Kol­le­ge, mit dem ich noch in Kon­takt bin, hat so eine kras­se Sehn­sucht danach, mich in Deutsch­land zu besu­chen. Die Leu­te dort stel­len sich Euro­pa wie den Him­mel vor. Das ist halt deren Sehn­sucht. Men­schen, die aus wel­chen Grün­den auch immer flüch­ten, haben auch eine Sehn­sucht nach dem guten Leben. Wohin­ge­gen ich eine Sehn­sucht danach habe, ein paar gute Wochen zu haben, Land und Leu­te ken­nen­zu­ler­nen – aber dann bin ich auch wie­der froh, in mei­nen fixen deut­schen Struk­tu­ren zu sein. Das ist halt ein ande­res Fern­weh.

MZEE​.com​: Eigent­lich ist es doch das tota­le Gegen­teil: Er sehnt sich nach einer neu­en Hei­mat, einem ande­ren All­tag, wäh­rend wir davon eine Pau­se haben wol­len. Er möch­te nicht mehr zurück und wünscht sich ein neu­es Leben in der Fer­ne – wir möch­ten immer wie­der nach Hau­se kom­men.

Pimf: Ja, total. Und unse­re Sehn­sucht kommt natür­lich daher, dass uns die Türen offen­ste­hen und Mög­lich­kei­ten gege­ben sind, unse­ren Hori­zont über­haupt erwei­tern zu kön­nen. Er wird nie­mals nach Deutsch­land kom­men kön­nen, weil er sich den Flug nicht leis­ten kann. Aber er zieht total viel Kraft dar­aus, dass es da noch etwas gibt. Und irgend­wann ist es viel­leicht bes­ser. Das ist eine Sehn­sucht, die die Men­schen auch teil­wei­se funk­tio­nie­ren lässt, wäh­rend es für mich hin­ge­gen nur eine Art Endorphin-​Spritze ist. Wären uns die­se Mög­lich­kei­ten nicht gege­ben, hät­ten wir pri­vi­le­gier­ten Men­schen sicher nicht so ein Fern­weh. Es wird ja auch ein­fach immer kras­ser. Wenn du 20, 30 Jah­re zurück­blickst, war es nichts Unge­wöhn­li­ches, dass Men­schen nur in Deutsch­land waren. Aber durch Mög­lich­kei­ten wie Bil­lig­flie­ger, Urlaub­spi­ra­ten, Bahn-​Plus-​Angebote, dadurch, dass uns die­se Türen geöff­net wur­den und wir ein­fach nur mal neu­gie­rig rein­ge­guckt haben, ent­wi­ckelt sich so eine Reise-​Sehnsucht.

MZEE​.com​: Glaubst du, dass Social Media da eine Rol­le spielt – bei­spiels­wei­se im Ver­gleich zur Genera­ti­on unse­rer Eltern?

Pimf: Auf jeden Fall – allen vor­an Insta­gram. Good life ist immer top Con­tent: "Schaut her, wie geil ich am Pool chil­le oder indi­vi­du­ell durch Indi­en rei­se." Da ist ja für jeden was dabei. Man sieht, dass es bei allen ande­ren immer krass ist. Es ist defi­ni­tiv ein Wett­kampf, der dem Gan­zen nicht gut­tut und das krass anfeu­ert. Ich ken­ne das ja auch von mir sel­ber. Ich den­ke schon, dass das ein ganz gro­ßer Fak­tor­bei der Sache ist. Nicht nur, dass es uns mög­lich ist, son­dern auch, dass es in der Gesell­schaft dadurch einen Wett­kampf gibt.

MZEE​.com​: Kom­men wir mal zum Gegen­teil von der Fer­ne – dem Zuhau­se. Wie wich­tig ist es für dich, dass es einen Ort gibt, der dei­ne Hei­mat dar­stellt?

Pimf: Ich fin­de gar nicht so sehr, dass es der Ort aus­macht, son­dern Men­schen oder bestimm­te Sachen, die dir ein Gefühl von Hei­mat geben. Wenn du dich mit dei­nen Freun­den oder dei­ner Fami­lie umgibst, fühlst du dich ein­fach wohl und gebor­gen. Dabei geht es mir nicht dar­um, ob das in Ham­burg, Ber­lin oder Hof­geis­mar ist. Da sind ein­fach mei­ne Leu­te, des­we­gen geht es mir gut, füh­le ich mich zu Hau­se und hal­te es lan­ge dort aus. Es gibt nicht den einen "place to be". Hof­geis­mar kann etwas, das Ber­lin nicht kann und umge­kehrt. Für mich ist es dann ein­fach immer ein Kon­trast. Klein­stadt – alles ruhig. Und dann halt raus in die gro­ße Welt … Die­sen Kon­trast zu haben, ist mir sehr wich­tig. Hier kannst du abschal­ten, dort kannst du auf­dre­hen.

MZEE​.com​: Wenn dei­ne Hei­mat an Men­schen hängt, kann sie sich auch kon­ti­nu­ier­lich ver­än­dern, oder?

Pimf: Ja, ich habe ja auch Freun­de aus Ham­burg, Würz­burg und dem Ruhr­pott und besu­che die da. Ich kom­me zum Bei­spiel nach Würz­burg und füh­le mich dort zu Hau­se. Ich könn­te zwar nicht den Pen­ny fin­den, aber ich weiß, wo der Kiosk vor der Haus­tür ist. Da sind Freun­de von mir und des­we­gen füh­le ich mich dort zu Hau­se, auch wenn da nicht mein Bett steht. In Ham­burg füh­le ich mich genau­so zu Hau­se wie in Hof­geis­mar, selbst wenn ich da nur noch drei Wochen im Jahr bin. Aber ich habe dort mei­ne Wohl­fühl­zo­ne und die hängt mit den Leu­ten zusam­men.

MZEE​.com​: Wenn du sagst, dass es sehr an den Men­schen statt an Orten an sich liegt, dann hast du dich bei­spiels­wei­se in Indi­en nicht zu Hau­se gefühlt, rich­tig?

Pimf: Ich fin­de, da muss man noch mal zwi­schen Euro­pa und einem Land wie Indi­en oder Gam­bia dif­fe­ren­zie­ren. Das sind natür­lich ganz ande­re Lebens- und Infra­struk­tu­ren. Und ich lebe seit 27 Jah­ren in der euro­päi­schen Struk­tur. Wenn ich nach Indi­en kom­me, ist das natür­lich etwas Befremd­li­ches, dass es so eine Über­do­sis an allem ist. Dort anzu­kom­men und sich mit vol­lem Her­zen dar­auf ein­zu­las­sen, dau­ert wesent­lich län­ger. Aber ich habe ja in Indi­en auch die Fami­lie mei­nes Freun­des besucht – und dann füh­le ich mich dort eben­falls zu Hau­se. Wir waren bei denen, haben zusam­men geges­sen und gesof­fen. Dabei füh­le ich mich als Teil des Gan­zen und nicht als der Wei­ße, der in einem Vier­tel unter­wegs ist und schief ange­guckt wird. An einem Abend hat­te der Gott der Sikh-​Religion, Guru Nanak, sei­nen 550. Geburts­tag und wir sind in eine Art Moschee gegan­gen, in der eine rie­si­ge Par­ty gefei­ert wur­de. Wir waren die ein­zi­gen Euro­pä­er unter den gan­zen Sikhs. Es war eine rich­tig gute Stim­mung und wir wur­den total akzep­tiert. Alles war ganz bunt geschmückt und man konn­te Ker­zen anzün­den – in dem Moment fühlt man sich da auch ein­fach wohl. Aber genau­so gibt es Momen­te, in denen du in einem Vier­tel unter­wegs bist, schief ange­guckt und stän­dig ange­quatscht wirst. Da denkst du dir schon, dass das in Deutsch­land anders ist.

MZEE​.com​: Ich habe dir zum The­ma "Fern­weh" ein Zitat von Cur­se mit­ge­bracht: "Doch das bes­te Buch beschreibt auch nicht das, was ich letzt­lich such'. So buch' ich den nächs­ten Flug, weil ich hör', wie die Fer­ne ruft. Zieh' mich zurück aus dem bedrü­cken­den Leben zwi­schen Ver­rück­ten und redu­zier' mich auf Hüt­ten aus Lehm und Dächern mit Lücken. In Anbe­tracht des­sen, dass Strand und Was­ser mir wei­ter­hel­fen, mein Haupt­pro­blem zu ver­ste­hen, muss ich fest­stel­len, dass ich es sel­ber bin." – Kennst du das Gefühl, zu ver­rei­sen, weil man vor sich sel­ber oder einem Pro­blem weg­läuft?

Pimf: Voll. Das habe ich die letz­ten ein­ein­halb Jah­re gemacht. Nicht vor einem Pro­blem, son­dern vor mir sel­ber. Ich war völ­lig am durch­dre­hen, weil ich dach­te, dass mir die Zeit weg­läuft. Ich dach­te: "Ich bin jetzt jung. Jetzt ist die Zeit, jetzt muss ich rei­sen, weil ich sonst nicht glück­lich auf mei­nem Ster­be­bett lie­ge." Ich will ja auch Musik machen und dafür braucht man Input. Also bin ich los. Und dann kommst du nach Hau­se und merkst, dass alles wie immer und nichts pas­siert ist. Also musst du wie­der los und was Kras­se­res fin­den. Und jedes Mal kommst du nach Hau­se und merkst, dass das eine kur­ze Dröh­nung war, aber nichts, was dich lang­fris­tig heilt. Das Gefühl, das Cur­se beschreibt, ken­ne ich jeden­falls zu gut.

MZEE​.com​: Apro­pos "weg­ge­hen": Es gibt Rap­per, die für ihre Album­pro­duk­ti­on weg­fah­ren, weil sie das Gefühl haben, woan­ders bes­ser Musik machen zu kön­nen. War­um hilft es beim Musik­ma­chen über sein Leben, nicht an dem Ort zu sein, an dem man es eigent­lich ver­bringt?

Pimf: Ich glau­be, man kann dort ein­fach kon­zen­triert und unab­ge­lenkt arbei­ten und ist für sich. Wenn du zu Hau­se bist, kann mal ein Kum­pel anru­fen und dann fährt man noch schnell hier und da hin. Das geht natür­lich nicht, wenn du woan­ders bist. Ich den­ke, es ist ein ganz gro­ßer Punkt, dass man sich nur auf eine Sache fokus­siert und alles ande­re aus­blen­det.

MZEE​.com​: Es ist ja kein Geheim­nis, dass du ein rie­si­ger Fuß­ball­fan bist und letz­tes Jahr sehr vie­le Sta­di­en und Spie­le gese­hen hast. Kannst du mir kurz dei­ne Sta­tis­tik nen­nen: Wie vie­le Sta­di­en waren es und warst du dabei aus­schließ­lich in Euro­pa unter­wegs?

Pimf: Ich woll­te letz­tes Jahr 50 Fuß­ball­sta­di­en in zehn ver­schie­de­nen Län­dern besucht haben. Ganz egal wo, auch wenn es größ­ten­teils Euro­pa war. Ich habe letzt­end­lich 94 Spie­le in 74 Sta­di­en in 18 Län­dern gese­hen. Das war wirk­lich irre.

MZEE​.com​: Wel­ches war das abge­fah­rens­te Sta­di­on, in dem du warst?

Pimf: Schwie­rig zu sagen. Ich glau­be aber, die Balkan-​Nummern. Ich war im Sta­di­on in Teto­vo. Das ist eine Grenz­stadt in Nord­ma­ze­do­ni­en hin zum Koso­vo. Es ist wirk­lich alles kom­plett aus­ein­an­der­ge­fal­len. Die­ses Sta­di­on war kom­plett zer­trüm­mert. Das Cover von mei­nem Song "Wo ist die Lie­be" ist da ent­stan­den – das sind Sitz­scha­len aus dem Sta­di­on. Irgend­wann muss­te ich auf Toi­let­te und habe gefragt, wo ich pin­keln kann. Und dann wur­de mir gesagt: "Ja, ein­fach hier." Also habe ich in der Ecke eines Kas­ten­häus­chens gepin­kelt, weil die kei­ne Toi­let­ten da hat­ten. Es lag auch über­all Müll her­um.

MZEE​.com​: War dort auch das ver­rück­tes­te Spiel?

Pimf: Nee, das ver­rück­tes­te Spiel war das Belgrad-​Derby. Roter Stern gegen Par­tizan, die zwei gro­ßen Clubs aus der ser­bi­schen Haupt­stadt. Das Der­by lockt jedes Jahr Tau­sen­de Fuß­ball­fans von über­all an und ist eines der spek­ta­ku­lärs­ten Der­bys auf der Welt. Die Leu­te dre­hen da 90 Minu­ten kom­plett durch. Es gibt die gan­ze Zeit Cho­re­os, Pyro, Pöbe­lei­en, Sit­ze flie­gen aufs Spiel­feld. Das ist das kras­ses­te Spiel, das ich jemals gese­hen hab'. Für vie­le, die sich für Fußball-​Fankultur inter­es­sie­ren, ist es auch das Spiel über­haupt.

MZEE​.com​: Und wel­ches Sta­di­on war am wei­tes­ten weg von zu Hau­se?

Pimf: In Nepal habe ich ein Spiel im Hima­la­ya gese­hen. Das war rich­tig geil. Von der Tri­bü­ne aus hat­test du einen Blick über das Gebir­ge, es war total gutes Wet­ter und der Platz war ein­fach nur aus Asche, weil es kei­nen Rasen gab. Wir haben das Spiel dann mit nepa­le­si­schen Kids geguckt, Erd­nüs­se ges­nackt und 10 Prozent-​Bier aus Nepal getrun­ken. Ein­fach am ande­ren Ende der Welt im Hima­la­ya, wo ich nie gedacht hät­te, dass wir da Fuß­ball gucken könn­ten – total geil. Wenn du Fuß­ball­rei­sen machst, dann weißt du zum Bei­spiel, dass in Deutsch­land am nächs­ten Wochen­en­de um 15:30 Uhr gespielt wird. Das gibt es so im Bal­kan und auch in Nepal nicht. Da wird auch bei Erstliga-​Spielen einen Tag vor­her auf Face­book gepos­tet, dass mor­gen um 11:30 Uhr Anstoß ist – das ist dann ein­fach mal mitt­wochs. Du kannst dir also nie sicher sein, ob das wirk­lich hin­haut, und planst total ins Blaue. In Nepal war ich da mega­ver­zwei­felt und habe die gan­zen Clubs ange­schrie­ben und auf Insta­gram gesucht, ob die in der Zeit ein Spiel haben und es kam nichts zurück. Und einen Tag vor Abrei­se mel­de­te sich dann der nepa­le­si­sche Rekord­meis­ter bei mir auf Insta­gram und schrieb, dass mor­gen Anstoß ist. Wir sind natür­lich hin. Am Abend haben sie mir noch mal geschrie­ben, dass sie sich gefreut haben, dass wir da waren. Die sind sogar noch zum Hotel gekom­men und haben mir ein Tri­kot und einen Schal geschenkt – obwohl das Spiel, zu dem sie mich hin­ge­schickt hat­ten, nicht mal eins von denen war, son­dern von irgend­wel­chen ande­ren Teams.

MZEE​.com​: Was bedeu­tet denn das Besu­chen von Fuß­ball­sta­di­en in ande­ren Län­dern für dich?

Pimf: Es kommt mir dabei gar nicht nur auf das Geki­cke auf dem Rasen an – das ist oft ganz unter­ir­disch. Aber du lernst die Men­schen und die Kul­tur beim Fuß­ball total unver­fälscht ken­nen. Du hast im Sta­di­on vom Hartz IV-​Empfänger bis hin zum Mana­ger die gan­ze Band­brei­te in ihrer reins­ten Emo­ti­on. Du kannst die Kul­tur ein­fach rich­tig auf­sau­gen. In Ser­bi­en dre­hen die Leu­te zum Bei­spiel völ­lig durch, weil das ihre Art ist – in Indi­en ste­hen sie eher total schüch­tern da und gucken sich das Spiel an. Du bekommst ganz kon­kre­te Ein­drü­cke und kommst mit Leu­ten in Kon­takt. Vor allem, wenn vie­le Men­schen da sind und du auf­fällst. Auf die Idee kommt man viel­leicht nicht, wenn man sich nicht für Fuß­ball inter­es­siert. Aber ich wür­de es jedem emp­feh­len, ein­fach mal irgend­wo auf der Welt Fuß­ball zu gucken. Es pas­sie­ren total span­nen­de Sachen im und ums Sta­di­on, weil die Men­schen da eben sind, wie sie sind. Am Big Ben in Lon­don oder auch in einer Hotel­an­la­ge in Gam­bia sind die Men­schen ganz anders – dort rech­net man mit Tou­ris­ten und die Leu­te spre­chen Eng­lisch mit dir. Bei einem Zweitliga-​Spiel in Nepal rech­net aber nie­mand mit Tou­ris­ten. Es ist also für dich und die Leu­te ein­fach cool. Wie gesagt, wir haben das Spiel dort mit nepa­le­si­schen Kids geguckt. Die saßen die gan­ze Zeit bei uns, haben mit uns gespielt, geju­belt und die Mann­schaft ange­feu­ert – das wür­de sonst nie pas­sie­ren, wenn wir ein­fach vor der Haupt­at­trak­ti­on in Kath­man­du ste­hen wür­den.

MZEE​.com​: Für dich ist es auch völ­lig egal, in wel­cher Liga die spie­len?

Pimf: Je exo­ti­scher, umso ega­ler. In Deutsch­land wür­de ich jetzt nicht 300 Kilo­me­ter für ein Fünftliga-​Spiel fah­ren. Beim Groundhop­ping (Anm. d. Red.: das Hob­by, Fuß­ball­spie­le in mög­lichst vie­len Städ­ten zu besu­chen) plant man zum Bei­spiel, zum Belgrad-​Derby zu fah­ren und schaut dann, was man auf dem Weg noch so mit­neh­men könn­te. Da nimmt man dann auch ein Zweitliga-​Spiel in Ungarn mit. Dafür wür­de ich aber nicht extra nach Ungarn fah­ren. Ich will jeden­falls nicht nur die Cham­pions League sehen und bin offen für alles. Gera­de in exo­ti­sche­ren Län­dern ist die ers­te Liga wie bei uns die Kreis­li­ga – dann ist das auch ein­fach egal.

MZEE​.com​: Zum Abschluss noch eine letz­te Fra­ge: Kennst du es, dass bestimm­te Gerü­che, Gege­ben­hei­ten oder auch Beats bei dir Fern­weh aus­lö­sen kön­nen?

Pimf: Auf jeden Fall. Dazu gibt's auch 'ne Geschich­te … Die kannst du eigent­lich nicht abdru­cken, aber egal. Kennst du das Lied "Mons­ter" von Robin Schulz? Ich war im Janu­ar mit Wee­kend und ein paar ande­ren in Mala­ga und hab' gese­hen, dass Levan­te gegen Sevil­la im spa­ni­schen Pokal spielt. Ich woll­te hin­fah­ren, aber nie­mand woll­te mit­kom­men. Wir hat­ten aber einen Miet­wa­gen, also bin ich allei­ne hin. Drei Stun­den hin, Spiel ange­guckt und drei Stun­den zurück – ich war völ­lig über­mü­det. Auf dem Hin­weg lief schon die­ser Robin Schulz-​Song. Rich­tig schlim­me Radi­o­num­mer. Ich hab's schön laut gemacht, Fens­ter run­ter und war voll drin. Dann habe ich mich ins Sta­di­on rein­ge­kämpft und das Spiel geschaut. War auch total geil. Und auf dem Rück­weg war ich kurz vorm Ein­schla­fen und dann lief nachts um zwei wie­der die­ser Song. Der hat mich total moti­viert, dass ich die­se Rück­fahrt noch schaf­fe – und jetzt hab' ich halt eine Ver­bin­dung zu die­sem ganz schlim­men Song. Ich höre mir den mitt­ler­wei­le manch­mal sogar auf Spo­ti­fy an … (grinst) Aber ich ken­ne es natür­lich auch, wenn ich Evi­dence oder Dila­ted Peo­p­les höre und Sehn­sucht nach dem son­ni­gen Kali­for­ni­en habe. Wenn ich Musik aus New York höre, bin ich im Kopf unter­wegs in den Stra­ßen von Brook­lyn. Das gibt einem immer eine Sehn­sucht mit. Ich höre auch in jeder Lebens­la­ge Musik und ver­bin­de Sachen dann nicht nur mit Beats, son­dern eben auch mit Songs. Ey, aber bring das mit dem Robin Schulz-​Song nicht.

MZEE​.com​: Wie? Das ist das Ende unse­res Inter­views, natür­lich brin­ge ich das.

Pimf: Okay … Leu­te, dann sor­ry. Aber was soll ich sagen – es ist, wie es ist.

(Flo­rence Bader)
(Fotos von Fried­rich Van­Z­andt und Pimf)