Dexter – ein Gespräch über Arbeitsethos

Dex­ter ist ohne Fra­ge ein Mul­ti­ta­lent. Wäh­rend er sei­ner Fach­arzt­aus­bil­dung nach­ging, mach­te er sich einen Namen als einer der bedeu­tends­ten Pro­du­zen­ten der Deutschrap-​Szene. Gleich­zei­tig hat er sich auch als Rap­per bewährt. Sei­ne größ­ten Erfol­ge durf­te er als Pro­du­cer mit Rap­pern wie Casper, Fato­ni und Cro fei­ern. Von Lieb­ha­bern wird er jedoch unter ande­rem für legen­dä­re Beatfight-​Runden oder den "H.A.F.T. (Dex­ter RMX)" geschätzt. Nahe­zu jeder wird in Dex­ters Dis­ko­gra­fie eine Per­le ent­de­cken – bei so vie­len ver­schie­de­nen Pro­jek­ten mit defi­ni­ti­vem Signature-​Sound. Sobald man sich inten­si­ver mit den ver­schie­de­nen Rich­tun­gen sei­ner Kar­rie­re aus­ein­an­der­setzt, fragt man sich, wie ein Mensch allein das alles schaf­fen kann. Es gibt vie­le The­men, über die man mit Dex­ter spre­chen möch­te. Doch da sei­ne Lauf­bahn ver­mu­ten lässt, dass sich sein Arbeits­ethos von dem vie­ler Leu­te abhebt, baten wir ihn zu genau die­sem The­ma zum Inter­view. Gepaart mit der Lei­den­schaft und Lie­be für Musik, auf die er in unse­rem Gespräch immer wie­der zurück­kam, ergibt das wohl sein Erfolgs­re­zept, wel­ches ihn immer wei­ter vor­an­treibt.

MZEE​.com: Du warst bis vor Kur­zem Pro­du­cer, Rap­per und Kin­der­arzt gleich­zei­tig – letz­te­res hast du nun auf­ge­ge­ben. Zudem hast du aber auch eine Fami­lie. Wie wich­tig ist Zeit­ma­nage­ment in dei­nem All­tag?

Dex­ter: Das ist schon wich­tig. Ich habe kürz­lich in der Kli­nik gekün­digt, weil es ein­fach zu viel wur­de. Irgend­wie kriegt man es mit der Zeit hin. Das Pro­blem bei krea­ti­ver Arbeit ist aller­dings, dass du dir zwar eine bestimm­te Zeit dafür frei­räu­men kannst, die Krea­ti­vi­tät aber nicht auf Knopf­druck kommt. Manch­mal sitzt du ein paar Stun­den da und es kommt ein­fach nichts dabei her­um. Dann ärgert man sich und kriegt schlech­te Lau­ne. Es ist ein biss­chen schwie­rig, aber ich muss zu fes­ten Zei­ten Musik machen. In der Zubettbring-​Zeit geht das nicht. Ich schla­ge mir oft die Näch­te um die Ohren und bin am nächs­ten Tag wie­der schlecht aus­ge­schla­fen.

MZEE​.com: Ist es nicht auch anstren­gend, die Zusam­men­ar­beit mit den ande­ren Künst­lern zusätz­lich zu orga­ni­sie­ren?

Dex­ter: Ja, schon. Oft haben die Sachen der ande­ren Prio­ri­tät, weil sie ihre Abga­ben haben. Ich habe irgend­wie immer sel­te­ner Zeit, was für mich zu machen. Des­we­gen kam auch schon län­ger kein Solo-​Album mehr. Die Arbeit mit Fato­ni zum Bei­spiel ist super zeit­in­ten­siv, weil ich da sehr invol­viert bin. Mitt­ler­wei­le kommt Toni ein­fach 'ne Woche zu mir und muss alles mit­ma­chen. (lacht) Er pennt dann bei uns und schreibt, wenn ich gera­de kei­ne Zeit habe. Das funk­tio­niert schon, aber es ist nicht mehr so wie frü­her, als man ein­fach drauf­los gemacht hat und kei­ne Ver­ant­wor­tung hat­te. Ich bin inner­lich so getrie­ben, Musik zu machen, dass letzt­end­lich doch immer irgend­was pas­siert. Alle ande­ren Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten, wie in Clubs zu gehen, Sport zu machen und Seri­en zu schau­en, fal­len aus. Ich habe dafür kei­ne Zeit.

MZEE​.com: Wie setzt du denn dei­ne Prio­ri­tä­ten? So wie sich das anhört, steht die Arbeit – nach der Fami­lie – an einer der ers­ten Stel­len, oder?

Dex­ter: Ach, das ist ja mei­ne Pas­si­on und fühlt sich gar nicht so krass nach Arbeit an. Aber seit ich nur noch das mache, muss ich mei­nen kom­plet­ten Lebens­un­ter­halt damit bestrei­ten. Da muss man schon Sachen erle­di­gen, die einem unterm Strich ein biss­chen Geld ein­brin­gen. Mei­ne Arbeit hat sich dahin­ge­hend ver­än­dert, dass ich vie­le Mixing- und Mas­te­ring­jobs mache. Bis jetzt funk­tio­niert das gut und ich bin sehr froh, dass ich den Schritt gewagt habe. Ich neh­me ja auch durch Live-​Auftritte, DJ-​Bookings, Pro­duk­tio­nen und Events, die ich in Stutt­gart ver­an­stal­te, Geld ein. Jetzt fal­len die Live-​Gagen zwar erst mal weg, aber wenn ich irgend­wann mer­ke, dass es finan­zi­ell nicht mehr läuft, kann ich jeder­zeit auf mei­nen ande­ren Beruf zurück­grei­fen. Das ist eine Luxus­po­si­ti­on. Auf der Stra­ße wer­de ich nicht lan­den. Ande­re Künst­ler aus mei­nem Umfeld und auch Freun­de, die Clubs und Bars besit­zen, haben es jetzt deut­lich schwe­rer.

MZEE​.com: Mit dei­ner Musik läuft es ja schon län­ger gut, trotz­dem hast du bis vor Kur­zem noch dei­nen Beruf als Arzt aus­ge­übt. Beein­flusst das Bedürf­nis nach Sicher­heit dei­ne beruf­li­chen Ent­schei­dun­gen stark?

Dex­ter: Ja, abso­lut. Ich bin kein Künst­ler, der aufs Gan­ze geht und war das auch nie. Die finan­zi­el­le Situa­ti­on muss­te so sicher sein, dass ich von der Musik zu hun­dert Pro­zent gut leben und mei­ne Fami­lie ernäh­ren kann. Auf den Stress, am Exis­tenz­mi­ni­mum zu krat­zen, habe ich kei­ne Lust. Es ist ja nicht so, dass mir die Arbeit im Kran­ken­haus kei­nen Spaß gemacht hät­te. Ich habe ein­fach gemerkt, dass ich mit mei­ner wirk­li­chen Lei­den­schaft Musik genug Geld ver­die­ne. Ich hät­te den Schritt auch frü­her machen kön­nen, das stimmt. Aller­dings habe ich erst noch mei­ne Fach­arzt­prü­fung gemacht, damit ich aus­bil­dungs­tech­nisch so gut auf­ge­stellt bin, dass ich jeder­zeit zurück­könn­te.

MZEE​.com: Sowohl Arzt als auch Musi­ker sind bei­des auf ihre Art Beru­fe, mit denen Bewun­de­rung ein­her­geht. Spielt das für dich eine Rol­le?

Dex­ter: (lacht) Ich mer­ke natür­lich, dass die Leu­te dar­auf ansprin­gen und eine gewis­se Bewun­de­rung dafür da ist, dass ich Arzt bin und Musik mache. Aber für mich war das über­haupt kein Grund dafür, das zu machen. Natür­lich freue ich mich, wenn die Plat­ten gekauft wer­den und man live spie­len kann, aber ich bin kein Fame-​orientierter Mensch. Über­haupt nicht. Ich ver­bie­ge mich auch musi­ka­lisch nach wie vor nicht. Es kom­men immer wie­der Anfra­gen von irgend­wel­chen Leu­ten, die sehr bekannt sind, aber frag­wür­di­ge Musik machen. Selbst wenn dabei eine gro­ße Sum­me rum­kom­men wür­de, leh­ne ich die trotz­dem ab. Für mich ist ein­fach wich­tig, dass ich das machen kann, wor­auf ich per­sön­lich Lust habe, was mir etwas bringt und mir musi­ka­lisch Freu­de macht.

MZEE​.com: Ich den­ke, wenn man sich die Künst­ler anschaut, mit denen du zusam­men­ar­bei­test, merkt man, dass du dir treu geblie­ben bist.

Dex­ter: Es gab sehr vie­le Momen­te in der Kar­rie­re, in denen man eine ande­re Abzwei­gung hät­te neh­men kön­nen und alles wäre anders gelau­fen. Ich ver­su­che, das lie­ber lang­sam und gesund wach­sen zu las­sen. Es ist viel span­nen­der, mit kan­ti­gen Under­dogs zusam­men­zu­ar­bei­ten und aus Leu­ten noch etwas her­aus­zu­kit­zeln, die am Anfang ihrer Kar­rie­re ste­hen. Wie zum Bei­spiel mit MC Smook oder Jui­cy Gay. Die haben in der Sze­ne ihren Sta­tus, sind aber weit ent­fernt von Mas­sen­ruhm. Wenn ich mich mit den Leu­ten ver­ste­he, man mit ihnen gut rum­hän­gen und coo­le Ses­si­ons machen kann, bringt mir das Spaß – und der ist mir wich­ti­ger. Ich wür­de behaup­ten, dass ich für einen bestimm­ten Sound ste­he. Man­che Men­schen ste­cken mich immer noch in die Boom bap-​Oldschool-​Schublade und da bin ich auch irgend­wie zu Hau­se, aber ich bin schon immer offen für ande­re Sachen gewe­sen. Es gibt so vie­le span­nen­de neue Artists, die ich tau­send­mal mehr feie­re als irgend­wel­che alten Sachen. Ich bin tota­ler Fan von Lugat­ti & 9ine und Sym­ba. Die Sachen fin­de ich geil, weil die nicht so glatt­ge­bü­gelt, son­dern DIY sind. Sie haben aber trotz­dem eine kras­se Reich­wei­te und machen ein­fach ihr Ding.

MZEE​.com: Wür­dest du dich als Per­fek­tio­nis­ten bezeich­nen?

Dex­ter: (über­legt) Was Klang­äs­the­tik, Vibe und so wei­ter betrifft, ja. Aber rein tech­nisch nicht. Wenn ich etwas rap­pe, das ich noch ver­bes­sern könn­te, den­ke ich oft: "Ach, komm, egal, lass lie­ber was ande­res machen." Ich bin Fan von Moment­auf­nah­men. Die Magie des Moments ist mir meis­tens wich­ti­ger als ein super­per­fek­ter Track. Da habe ich eher den HipHop-​Approach, dass Sachen aus einer Ses­si­on ent­ste­hen, da muss nicht jede Line per­fekt sein. Beim Vibe, der trans­por­tiert wird, und den Sam­ples und Sounds, die benutzt wer­den, bin ich aber sehr per­fek­tio­nis­tisch. Wenn die Pro­duk­ti­on, die ent­steht, nicht ganz mei­ne Rich­tung ist, höre ich eigent­lich auf.

MZEE​.com: Bei dei­ner Musik spielt der Vibe eine gro­ße Rol­le. Sie hat die­se gewis­se Unbe­schwert­heit. Woher kommt das?

Dex­ter: Jeder Mensch hat natür­lich sein Päck­chen zu tra­gen, aber ich habe zum Glück nicht so vie­le per­sön­li­che Issu­es. Und wenn, klä­re ich sol­che Din­ge eigent­lich immer in Gesprä­chen. Ich habe nicht das Bedürf­nis, das in der Musik aus­zu­drü­cken. Wenn ich mich kacke füh­le, mache ich kei­ne Musik. Und wenn man nur Songs macht, wenn man sich gut fühlt, wer­den vor allem die Unbe­schwert­heit und die guten Zei­ten beleuch­tet. Aller­dings ist mir natür­lich auch klar, dass auf der Welt viel Schei­ße pas­siert und das beschäf­tigt mich extrem. Mein neu­es Album ist fast fer­tig. Es wird ein, zwei Tracks geben, bei denen ich ein biss­chen erns­ter wer­de, das aber in mei­nen Humor ver­pa­cke. Auf dem letz­ten Album kann man zwi­schen den Zei­len auch lesen, dass nicht alles nur lol-​mäßig und kla­mau­kig gemeint ist, wür­de ich mal behaup­ten. Bei der neu­en Plat­te kommt das noch mehr zuta­ge. Da das Rap­pen immer ein Neben­ding war und ich das gemacht habe, weil ich Bock drauf hat­te, Scheiß zu reden, ging es auch immer nur um die Momen­te. Wenn es um tie­fe­re Gefüh­le geht, kann ich mich bes­ser in den Pro­duk­tio­nen aus­drü­cken. Vie­le mei­ner Las­ten kana­li­sie­re ich in den Beats und des­we­gen brin­ge ich nach wie vor viel Instru­men­tal­mu­sik raus. Da ist der Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum natür­lich sehr groß, aber da habe ich auch kein Bedürf­nis nach Wor­ten. Ich muss sagen, ich habe mir noch nicht so vie­le Gedan­ken dar­über gemacht, weil ich mit sehr wenig Kal­kül ans Musik­ma­chen ran­ge­he. Es kommt ein­fach raus, wie es raus­kommt. Ich bin aber jemand, der viel nach­denkt und poli­tisch sehr inter­es­siert ist. Man müss­te sei­ne Stim­me häu­fi­ger gegen Rechts­po­pu­lis­mus erhe­ben. In der Musik schaf­fe ich das lei­der noch nicht so gut, dass es mich zufrie­den­stellt, aber ich sehe das als wich­tig an. Ich arbei­te ja auch mit vie­len Künst­lern zusam­men, die sich klar posi­tio­nie­ren. In Zukunft wer­de ich schon Mit­tel und Wege fin­den, das auch zu tun. Man soll­te sei­ne Stim­me nut­zen, wenn man eine grö­ße­re Hörer­schaft hat.

MZEE​.com: Rap­per wie Fato­ni oder Edgar Was­ser, mit denen du viel zusam­men­ar­bei­test, haben das natür­lich über die Jah­re per­fek­tio­niert.

Dex­ter: Die schrei­ben ein­fach sau­gut. Sie fin­den die rich­ti­gen Wor­te und kön­nen Sach­ver­hal­te so dar­stel­len, dass es musi­ka­lisch cool ist und einen trotz­dem zum Nach­den­ken anregt. Mir fehlt die­se Fähig­keit. Mei­ne Stär­ke liegt eher in Wohlfühl-​Momentaufnahmen. Das kann ich, glau­be ich, gut ver­mit­teln. Beim Schrei­ben von poli­ti­schen Tex­ten kom­me ich an mei­ne Gren­zen und den­ke mir, dass ande­re es viel bes­ser kön­nen. Die kann ich immer­hin musi­ka­lisch unter­stüt­zen. Man kann ja nicht alles kön­nen. (lacht)

MZEE​.com: Es ist ja auch eine Stär­ke, erken­nen zu kön­nen, wo die eige­nen Schwä­chen und Stär­ken lie­gen.

Dex­ter: Ja, voll. Schau dir zum Bei­spiel die neu­en Leu­te an, die viel Mode mit rein­brin­gen, total fresh aus­se­hen und sich gut bewe­gen. Da den­ke ich mir manch­mal: "Ach, Mann, das ist schon cool, was die ver­kör­pern." Nicht, dass ich Mode-​Rap so geil fin­de. Aber vie­le Sachen, die einen gewis­sen Style haben und swag­gy rüber­kom­men, gefal­len mir, muss ich ehr­lich sagen. Wenn ich mich für ein Video vor eine Kame­ra stel­le, weiß ich genau, dass ich das nie­mals so machen könn­te. (lacht) Das wür­de mir kei­ner abneh­men. Ich dre­he sehr ungern Vide­os, weil ich mich dann has­se. Mich selbst dar­zu­stel­len, kann ich ein­fach nicht so gut. Das ver­su­che ich gar nicht erst, das wird immer pein­lich.

MZEE​.com: Eher im Hin­ter­grund blei­ben zu wol­len, ist doch aber auch so ein Produzenten-​Ding, oder?

Dex­ter: Seit ich Tou­ren gespielt habe, ist es nicht mehr so krass. Vor "Haa­re nice, Socken fly" war ich immer total auf­ge­regt, bevor ich auf die Büh­ne bin. Das habe ich inzwi­schen zum Glück abge­legt. Vie­le Produzenten-​Kollegen haben kei­nen Bock dar­auf und wür­den das nie machen. Allein der Vor­gang, die Songs live zu rap­pen und die Ener­gie der Leu­te mit­zu­be­kom­men, hat die Zwei­fel been­det, sodass ich gar nicht mehr so viel dar­über nach­den­ke. Wenn ich das über­haupt nicht wol­len wür­de, wür­de ich es auch nicht machen. Hin­ter einem DJ-​Pult füh­le ich mich aber immer noch etwas woh­ler. Vor allem, wenn man allei­ne ist. Da kom­men wir wie­der zum The­ma Per­fek­tio­nis­mus: Auf der Büh­ne will ich das schon so dar­bie­ten, dass es gut ist. Ich will das live rap­pen und kei­ne Tex­te ver­ges­sen, was lei­der immer noch sehr oft pas­siert. (lacht)

MZEE​.com: Lass uns noch etwas über die aktu­el­le Lage spre­chen. Men­schen in bestimm­ten Berufs­grup­pen wie bei­spiels­wei­se der Pfle­ge bekom­men gera­de sehr viel Aner­ken­nung für ihre Arbeit. Du warst beruf­lich auch im Gesund­heits­we­sen tätig. Was kann die­se Situa­ti­on für Men­schen mit sol­chen Beru­fen zum Posi­ti­ven ver­än­dern?

Dex­ter: Die Aner­ken­nung der Bevöl­ke­rung hat­ten die­se Men­schen schon vor­her zu gro­ßen Tei­len. Vom Gesund­heits­we­sen und der Poli­tik lei­der weni­ger. Was die­se Men­schen leis­ten, wird erst in so einer Situa­ti­on klar. Mei­ner Mei­nung nach müss­ten die ein Viel­fa­ches mehr ver­die­nen. Der Poli­tik müs­sen das Gesund­heits­we­sen und die Men­schen, die dar­in arbei­ten, viel mehr wert sein. Die Bevöl­ke­rung hät­te sicher nichts dage­gen, wenn Pfle­ger mehr Geld ver­die­nen. Man muss eigent­lich aus die­ser Sache mit dem Wis­sen raus­ge­hen, dass sich sehr viel tun muss. Das kos­tet dann natür­lich Geld. Wenn ich aber in die­ser Kri­se Mil­li­ar­den locker­ma­chen kann, hät­te ich auch vor­her mehr inves­tie­ren kön­nen. Ich könn­te mir vor­stel­len, dass letzt­end­lich ein biss­chen was pas­siert – aber nicht so, dass es aus­reicht und alle zufrie­den­stellt. Das ist natür­lich nur eine Pro­gno­se. Nach die­ser Zeit ist aber ver­mut­lich erst mal wie­der Spar­kurs ange­sagt. Und ob die Bereit­schaft zu bes­se­rer Bezah­lung da ist, wenn es alle wie­der ver­ges­sen haben, kann ich nicht sagen. Ich wür­de es mir natür­lich wün­schen, weil das wahr­schein­lich irgend­wann wie­der pas­sie­ren wird. Dann soll­te man anders vor­be­rei­tet sein. Viel­leicht ist der wirt­schaft­li­che Druck so groß, dass man sich von vorn­her­ein bes­ser auf­stel­len muss.

MZEE​.com: Viel­leicht schaf­fen wir es ja, dass die Men­schen auch danach noch für ande­re ein­ste­hen und laut sind, selbst wenn sie nicht zu die­ser Berufs­grup­pe gehö­ren.

Dex­ter: Die­se Klatsch­ak­tio­nen waren schon irgend­wie rüh­rend. Die Fra­ge ist, ob der Ein­satz der All­ge­mein­heit erhal­ten bleibt, wenn die­se Sache wie­der vor­bei ist. Die Aner­ken­nung ist zwar schön, aber letzt­end­lich haben die Pfle­ge­kräf­te und Ärz­te davon nicht viel. Die fan­den das bestimmt toll, aber wür­den sich natür­lich mehr finan­zi­el­le Aner­ken­nung wün­schen. Ich glau­be nicht, dass sich die All­ge­mein­be­völ­ke­rung an Streiks und Gehalts­for­de­run­gen betei­li­gen wird, weil dann wie­der jeder sein eige­nes Päck­chen zu tra­gen hat. In die­sem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem ist das lei­der so. Das ist auch nicht ver­werf­lich. Es gibt so vie­le Sachen, für die man sich eigent­lich ein­set­zen müss­te, denn es läuft so viel ver­kehrt. Grund­sätz­lich ist das natür­lich ein gutes Zei­chen und ich wür­de mir wün­schen, dass es sich wei­ter fort­pflanzt. Müll­ab­fuhr, Post, Ein­zel­han­del – die könn­ten alle ein biss­chen mehr Geld krie­gen. Das ist halt das Ding am Kapi­ta­lis­mus. Es funk­tio­niert so lan­ge, bis ein Crash kommt. Das ist aber so tief­grei­fend und kom­plex, das wird sich nicht ohne Wei­te­res ändern.

MZEE​.com: Glaubst du, dass das Gesund­heits­sys­tem momen­tan schüt­zens­wer­ter ist als unser Wirt­schafts­sys­tem?

Dex­ter: Ich glau­be nicht, dass das eine schüt­zens­wer­ter ist als das ande­re. Das Ver­hält­nis soll­te stim­men, irgend­wie soll­te man die Balan­ce fin­den. Ich hab' da auch kei­ne guten Ideen, muss ich ehr­lich sagen. Dafür bin ich zu wenig bewan­dert in die­sen The­men. Ich habe nur mei­ne Mei­nung. Die Wirt­schaft ist natür­lich wich­tig und auch, dass die Kul­tur wie­der­kommt. Ohne ist es ganz schön trist. Das muss bald wie­der funk­tio­nie­ren, sonst wer­den alle unglück­lich. Wir gehen mit den Kin­dern ein­mal am Tag spa­zie­ren und dann sind wir wie­der drin­nen. Das ist schon schwie­rig. Ich kann das eine Wei­le aus­hal­ten, weil ich eh viel drin­nen und im Stu­dio bin, ich will mich gar nicht beschwe­ren. Wir kom­men wahr­schein­lich ganz gut aus der Sache raus. Die Gesamt­si­tua­ti­on belas­tet einen halt, auch wenn ich erst mal kei­nen grö­ße­ren Scha­den davon­tra­gen wer­de. Aber man hat ja auch ande­re Men­schen in sei­nem Umfeld, für die die­se Situa­ti­on sehr viel schlim­mer ist. Man kann sich noch gar nicht vor­stel­len, was das für Aus­ma­ße anneh­men wird. Auf wirt­schaft­li­cher, per­sön­li­cher und kul­tu­rel­ler Ebe­ne. Es wird sehr vie­le Ver­lie­rer geben.

MZEE​.com: Wir kön­nen wahr­schein­lich nur hof­fen, dass sich 2020 mehr zum Posi­ti­ven ent­wi­ckelt.

Dex­ter: Ja, ich hof­fe es. Ich woll­te die­ses Jahr noch mein Album raus­brin­gen und nächs­tes Jahr auf Tour gehen. Mal schau­en, ob das bis dahin wie­der mög­lich ist.

MZEE​.com: Lass uns zum Schluss noch über etwas Posi­ti­ves spre­chen. Nach all der Arbeit muss man ja auch irgend­wie wie­der Kraft tan­ken. Was machst du am liebs­ten, um dich zu ent­span­nen?

Dex­ter: Musik. Tat­säch­lich bin ich sehr froh, dass Musik mei­ne Arbeit ist, weil es zwar auf der einen Sei­te anstrengt, aber auf der ande­ren Sei­te ent­spannt. Wenn ich mich wirk­lich ent­span­nen will, trin­ke ich ger­ne Alko­hol. (lacht) Kli­schee­haft sich irgend­wo hin­set­zen, Plat­te anma­chen, Wein trin­ken und an nichts den­ken. Die­se Momen­te sind lei­der nicht so häu­fig. Man lenkt sich ja doch wie­der durch die­ses ver­fluch­te Inter­net ab. Alles ist viel ent­spann­ter, wenn man mal sein Han­dy ver­gisst und ohne Hin­ter­ge­dan­ken Zeit mit sei­ner Fami­lie ver­bringt. Die­se Momen­te neh­me ich mir. Sonst wür­de das fami­liä­re Zusam­men­le­ben gar nicht funk­tio­nie­ren. Das war einer der Grün­de, wie­so ich zu dem Ent­schluss gekom­men bin, dass ich einen der bei­den Jobs been­den muss. Und Musik zu been­den, ging ein­fach nicht. Das hat wie­der sehr viel Ent­span­nung zurück­ge­bracht.

(Yas­mi­na Ross­meisl)
(Fotos von Urs Mader & Sae­ed Kaka­vand)