Disarstar – ein Gespräch über Mut

Hal­tung. Es mag an der Sicht­wei­se lie­gen, an der poli­ti­schen Ein­stel­lung. Es mag an Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten und Wer­te­vor­stel­lun­gen lie­gen, die Iden­ti­fi­ka­ti­on ermög­li­chen. Wor­an auch immer es liegt: Disar­star ist bestimmt bei vie­len der ers­te deut­sche Rap­per, der einem zum The­ma "Hal­tung" ein­fällt.

Wir sind zum vier­ten Inter­view seit 2017 ver­ab­re­det – jedes Jahr gibt es ein Gespräch mit dem Ham­bur­ger Rap­per und jedes Mal ist er noch etwas offe­ner, noch etwas per­sön­li­cher, noch etwas nah­ba­rer. Trotz­dem ken­nen wir uns eigent­lich nicht, sind kei­ne Freun­de und haben nie etwas mit­ein­an­der zu tun. Bis auf jedes Jahr an einem ein­zi­gen Abend im Früh­ling. Und des­halb sind wir in der Lage, distan­ziert und trotz­dem per­sön­lich mit­ein­an­der zu spre­chen. Heu­te über Mut. War­um? Weil es Mut beweist, sich in der Öffent­lich­keit so poli­tisch zu äußern. Sich nicht ver­bie­gen zu las­sen, um mehr Kar­rie­re, mehr Geld zu machen. Sich beim G20-​Gipfel in der "Wel­co­me to Hell"-Demonstration weit vor­ne im Block auf­ge­hal­ten zu haben. Anzu­ecken. Aus­zu­pro­bie­ren. Ehr­lich zu sein.

Hal­tung – das, was dein Den­ken und Han­deln prägt. Dei­ne Wer­te, dei­ne Ein­stel­lun­gen, dei­ne Moral. Ich bin mir sicher, dass auch dar­über stun­den­lang mit Disar­star hät­te gespro­chen wer­den kön­nen. Gleich­zei­tig aber auch, dass die­ses The­ma schon unter­schwel­lig in all unse­ren Inter­views statt­fand. Und er sei­ne Hal­tung, sei­ne inners­te Ein­stel­lung immer wie­der mani­fes­tiert und ein­leuch­tend dar­ge­stellt hat. Doch was folgt aus mei­ner Hal­tung? Was, wenn ich sie ändern will? Was, wenn ich weiß, was ich tun müss­te, weil es ihr ent­spricht, ich mich aber nicht traue? Was, wenn ich mehr Erfolg haben könn­te – und die­ser aber mei­ner Inte­gri­tät ent­ge­gen­ste­hen wür­de? Was, wenn die Gesell­schaft von mir Erwar­tun­gen hat, die ich nicht erfül­len kann – oder will? Was, wenn ich Neu­es ler­ne, was, wenn mei­ne Über­zeu­gun­gen auf ein­mal nicht mehr so klar für mich sind?

Und so haben wir mit Disar­star in die­sem Früh­ling über die Kon­se­quenz aus all die­sen Fra­gen gespro­chen: ein Gespräch über Mut.

MZEE​.com​: Zu Beginn des Inter­views wür­den wir ger­ne von dir wis­sen, wie du Mut defi­nierst.

Disar­star: Da fangt ihr ja gut an. (grinst) Man könn­te mei­nen, ich hät­te mir in den letz­ten Tagen schon Gedan­ken dar­über gemacht … Ich den­ke, vie­le Men­schen sind glei­cher­ma­ßen ängst­lich und mutig – es hat aber für jeden eine ande­re Bedeu­tung. Was dich viel­leicht Mut kos­tet, kos­tet mich über­haupt kei­nen. Es hat immer etwas damit zu tun, sich was zu trau­en und ist mit einem unan­ge­neh­men Gefühl ver­bun­den. Wenn es kein biss­chen unan­ge­nehm ist, passt das Wort "Mut" nicht. Aber es geht oft nur um ganz klei­ne Zeit­räu­me, die die Spreu vom Wei­zen tren­nen … Grund­sätz­lich glau­be ich nicht, dass Mut immer da ist oder es per se muti­ge Men­schen gibt. Es gibt Situa­tio­nen, in denen ist man mutig oder nicht. Aber das ver­än­dert sich. Mut hat viel mit Ener­gie zu tun, was nicht heißt, dass du sofort über­mü­tig oder risi­ko­be­reit bist. Der Moment, in dem Mut zum Tra­gen kommt, ist immer anstren­gend und es gehört dazu, mit die­ser Anstren­gung umzu­ge­hen.

MZEE​.com​: Wie schon erwähnt, hat jeder vor ande­ren Din­gen Angst und muss in ande­ren Momen­ten Mut auf­brin­gen. Was ist für dich das größ­te Aus­maß an Mut, das man haben kann?

Disar­star: (seufzt) Alter, die Fra­ge ist ja noch schwie­ri­ger … Ich glau­be, es gibt Men­schen, die haben der­be Platz­angst und es kos­tet sie mehr Mut, ins Fuß­ball­sta­di­on zu gehen, als es mich kos­tet, Bun­gee zu sprin­gen. Und ich den­ke, da das Gan­ze so rela­tiv ist, ist es schwer zu defi­nie­ren. Es ist ein­fach ganz indi­vi­du­ell. Bei mei­nen ers­ten Kon­zer­ten zum Bei­spiel hat­te ich so über­trie­be­nes Lam­pen­fie­ber, dass ich nur irgend­wann genü­gend CDs ver­kau­fen woll­te, um kei­ne Kon­zer­te mehr spie­len zu müs­sen. Das Lam­pen­fie­ber war dabei rich­tig wesens­ver­än­dernd. So, dass ich mir vor­her über­legt habe, mich zu ver­let­zen. Beim splash! habe ich neben der Büh­ne dar­über nach­ge­dacht, mir eine Gabel ins Bein zu ram­men, damit ich den Auf­tritt nicht machen muss. Aber ich habe es trotz­dem immer gemacht. Im Ver­gleich zu so etwas wie Zivil­cou­ra­ge ist das aber natür­lich etwas ganz Bana­les.

MZEE​.com​: Von außen betrach­tet viel­leicht. Aber wenn man so eine extre­me Angst vor etwas hat und es trotz­dem tut, zeigt das star­ke Dis­zi­plin und Wil­lens­kraft.

Disar­star: Es gab eine Zeit in mei­nem Leben, in der ich mich wirk­lich viel geprü­gelt und zum Teil böse auf die Schnau­ze gekriegt hab'. Ich habe mich mit Typen gehau­en, die zwei Klas­sen über mir waren. Aber viel­leicht ist das dann auch gar nicht mehr Mut. Für mich war die Vor­stel­lung, zu knei­fen und am Ende zu Hau­se zu sit­zen und etwas nicht gemacht zu haben, immer schlim­mer. Egal, ob bei Kon­zer­ten oder Prü­ge­lei­en. Ein biss­chen wäre das ver­mut­lich heu­te noch so. Also könn­te man das Gan­ze auch umdre­hen und sagen, dass es fast muti­ger wäre, wenn ich mir in so man­cher Situa­ti­on die­se Angst ein­ge­stan­den und das Kon­zert ein­fach mal nicht gespielt hät­te.

MZEE​.com​: Ver­än­dert sich denn so eine Angst, indem sie bei­spiels­wei­se durch Rou­ti­ne weni­ger wird? Oder ist die Panik immer die glei­che, man weiß aber ein­fach, wie es aus­geht?

Disar­star: Mitt­ler­wei­le gibt es nichts Grö­ße­res für mich – ich bin ein kras­ser Live-​Künstler gewor­den. Bei der Tour, die jetzt lei­der nicht statt­fin­den kann, hät­te ich gro­ße Hal­len gefüllt und das ist mir inzwi­schen wich­ti­ger als alles ande­re. Das hat mir mal wie­der gezeigt, dass ich mit einem kon­fron­ta­ti­ven und muti­gen Umgang mit mei­nen Ängs­ten immer posi­ti­ve Erfah­run­gen mache. Ich habe zum Glück noch nie die Erfah­rung gemacht, mutig zu sein und dafür nicht belohnt zu wer­den. Aber ich weiß, dass es das auch gibt. Bei mir hat es sich glück­li­cher­wei­se immer aus­ge­zahlt.

MZEE​.com​: Apro­pos gro­ßes Aus­maß an Mut: Wie viel Mut braucht es für ech­te Lie­be – egal, ob in Freund­schaft, Fami­lie oder Part­ner­schaft?

Disar­star: Das ist eine gute Fra­ge. (über­legt) Ich glau­be, über­trie­ben viel. Wie viel, mer­ken die meis­ten Leu­te im schlimms­ten Fall ihr Leben lang nicht. Vor Kur­zem war ich bei einem Kol­le­gen, der schon lan­ge mit sei­ner Freun­din zusam­men ist. Wir haben über irgend­was Per­sön­li­ches gespro­chen, das aber nicht wirk­lich krass war. Und ich habe gemerkt, dass es ihm unan­ge­nehm war, weil sei­ne Freun­din im Neben­zim­mer saß und er nicht woll­te, dass sie das mit­be­kommt. Ich war total scho­ckiert, weil es mir gezeigt hat, dass es The­men gibt, über die man nach so vie­len Jah­ren immer noch nicht spricht … obwohl man den Mut auf­bringt, so lan­ge mit jeman­dem zusam­men zu sein. Aber für mich ist Lie­be auch ech­te Hin­ga­be, man ris­kiert ja der­be viel. Das ist wahr­schein­lich auch der wesent­li­che Unter­schied zwi­schen Lie­be und Ver­liebt­sein: Wenn man ver­liebt ist, gibt man ein sehr zen­sier­tes Bild von sich ab. Man über­legt ewig, was man zu den Dates anzieht, geht zum Fri­seur und ver­sucht, das bes­te Bild von sich abzu­ge­ben. Aber zu lie­ben heißt ja, genau das nicht zu tun – son­dern so zu sein, wie man ist und das Gegen­über auch so zu akzep­tie­ren, wie es ist. Ich fin­de es zwar per­vers, wenn es in Bezie­hun­gen gar kei­ne Geheim­nis­se gibt. Aber ganz grund­sätz­lich heißt Lie­be für mich schon, sein tiefs­tes Inne­res mit jeman­dem zu tei­len. Eini­ge Leu­te sind vie­le Jah­re ver­hei­ra­tet, ohne den Mut auf­zu­brin­gen, die­se Art der Lie­be je zu erfah­ren. Ich glau­be, um so rich­tig zu lie­ben, braucht man wirk­lich viel Mut. Weil man in sei­nen tiefs­ten Über­zeu­gun­gen und sei­nem tiefs­ten Sein ris­kiert, ent­täuscht zu wer­den und einen Dämp­fer für das zu bekom­men, was man ist.

MZEE​.com​: Glaubst du, dass du jemand bist, der so viel Mut auf­brin­gen kann?

Disar­star: Jein. Das ist aber auch schwer über sich selbst zu sagen. Ich kann das mit dem schlau Daher­quat­schen ja ganz gut. (grinst) Aber das heißt lei­der nicht, dass man sei­nen Scheiß auf die Ket­te kriegt. Wenn ich eine Fra­ge­run­de in mei­ner Insta-​Story star­te, fra­gen die Leu­te oft, wie ich irgend­was geschafft habe oder mache. Die Wahr­heit ist: Ich habe kei­ne Ahnung. Das geht mir bei Mut und Lie­be nicht anders. Aber es ist ein Ziel und ich glau­be, dass da gesamt­ge­sell­schaft­li­che Para­dig­men mit­rein­spie­len, die das schwer machen. Ich bin kein Fan von klas­si­schen Bezie­hungs­mo­del­len im Sin­ne von: Ich hei­ra­te und wir blei­ben dann ver­flucht noch mal auf Bie­gen und Bre­chen 50 Jah­re zusam­men. Wenn das das Kon­zept von Lie­be ist, ist es nicht zwin­gend mei­ne Defi­ni­ti­on.

MZEE​.com​: Wir leben in einer Zeit, in der man sich eigent­lich alles aus­su­chen kann: Mit wem man zusam­men ist und auch wie man leben will. Aber die wenigs­ten Men­schen suchen sich ein Bezie­hungs­kon­zept aus, das zu ihnen passt. War­um kön­nen wir da nicht krea­ti­ver sein?

Disar­star: Da habe ich mir direkt einen schlau­en Spruch aus dem Buch "Der Pro­phet" von Kha­lil Gibran gegrif­fen. Und zwar "Von der Ehe". (schlägt das Buch auf und liest vor) "Aber lasst Raum zwi­schen euch. Und lasst die Win­de des Him­mels zwi­schen euch tan­zen. Liebt ein­an­der, aber macht die Lie­be nicht zur Fes­sel: Lasst sie eher ein wogen­des Meer zwi­schen den Ufern eurer See­len sein. Füllt ein­an­der den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher. Gebt ein­an­der von eurem Brot, aber esst nicht vom sel­ben Laib. Singt und tanzt zusam­men und seid fröh­lich, aber lasst jeden von euch allein sein, so wie die Sai­ten einer Lau­te allein sind und doch von der­sel­ben Musik erzit­tern. Gebt eure Her­zen, aber nicht in des ande­ren Obhut. Denn nur die Hand des Lebens kann eure Her­zen umfas­sen. Und steht zusam­men, doch nicht zu nah: Denn die Säu­len des Tem­pels ste­hen für sich und die Eiche und die Zypres­se wach­sen nicht im Schat­ten der ande­ren." – Ich fin­de ehr­lich gesagt, dass Men­schen ihre frei ste­hen­de Per­sön­lich­keit mit eige­nen Bedürf­nis­sen und Ansprü­chen oft für eine Bezie­hung weg­schmei­ßen. Es ist nicht mei­ne Defi­ni­ti­on von Lie­be, die Hälf­te von mir mei­nem Gegen­über zu geben, im Return die Hälf­te von ihm zu bekom­men und nie wie­der ohne die­se Per­son voll­stän­dig zu sein. Aber so lau­fen vie­le Bezie­hungs­kon­zep­te. Die meis­ten Men­schen sind krass besitz­ergrei­fend und haben ein gro­ßes Ego. Wenn man mal ver­sucht, Treue ratio­nal zu betrach­ten, merkt man, dass sie das nicht ist. Ganz ehr­lich: Dass man sich fremd­geht, ist die ältes­te Geschich­te der Mensch­heit. Und die Mensch­heit ist aber in den letz­ten 3 000 Jah­ren gesamt­ge­sell­schaft­lich nicht dahin­ter­ge­kom­men, dass es viel­leicht nicht das opti­ma­le Kon­zept ist, ein Leben lang nur mit einer Per­son zusam­men zu sein.

MZEE​.com​: Wenn man nicht glaubt, dass man für immer mit einer Per­son zusam­men sein wird: Braucht man dann mehr Mut, um Bezie­hun­gen ein­zu­ge­hen?

Disar­star: (über­legt) Ich glau­be nicht, dass man mehr Mut braucht, um sich wie­der auf jeman­den ein­zu­las­sen, wenn eine Bezie­hung in die Brü­che geht. Man kann ja eine wun­der­schö­ne Zeit gehabt und sich gegen­sei­tig das Leben auf dem Weg berei­chert haben, den man gemein­sam gegan­gen ist. Das ist doch eine schö­ne Erfah­rung.

MZEE​.com​: Wir haben dir noch ein Zitat einer Psy­cho­lo­gin mit­ge­bracht: "Nur der­je­ni­ge kann Ver­bun­den­heit erfah­ren, der Ver­letz­lich­keit zeigt." – Kannst du dem zustim­men?

Disar­star: Ja, auf jeden Fall. Man muss sich mal die Bezie­hungs­kon­zep­te unse­rer Eltern anschau­en, die noch extre­mer waren als die, die wir heu­te haben. Vie­les von der Genera­ti­on unse­rer Eltern mei­nen wir, assi­mi­lie­ren zu müs­sen. Eini­ge in unse­rem Alter kom­men aus Fami­li­en kon­ser­va­ti­ver star­ker Män­ner, die Häu­ser gebaut und Schuss­waf­fen beses­sen haben. Und ich glau­be nicht, dass sie je inni­ge Bezie­hun­gen zu ihren Frau­en auf einer emo­tio­na­len Ebe­ne hat­ten. Weil kein Raum dafür war, dass man abends daliegt und heu­len muss oder sich schwach und schlecht fühlt. Wenn man die­se Kom­po­nen­te immer aus­spart, kann man sich gar nicht wirk­lich nah wer­den. Das gehört dazu.

MZEE​.com​: Auch im poli­ti­schen Kon­text spielt die The­ma­tik "Mut" eine gro­ße Rol­le. Es gibt weni­ge Poli­ti­ker, die Unkon­ven­tio­nel­les umset­zen und gegen die Mas­se ange­hen wol­len. Glaubst du, dass es deut­scher Poli­tik an Mut fehlt?

Disar­star: Es ist ja so, dass in die­ser Form der Poli­tik auch Din­ge wie Par­tei­zwang bestehen. Das heißt: Wenn du eine poli­ti­sche Kar­rie­re hin­le­gen möch­test und bei den Jusos anfängst, irgend­wann in die SPD ein­trittst und mit 25 beginnst, die gan­ze Zeit anders zu stim­men als dei­ne Par­tei­ge­nos­sen, kommst du am Ende in eine Situa­ti­on, in der du nie­mals die Chan­ce haben wirst, auf­zu­stei­gen oder poli­ti­sche Macht zu erlan­gen. Weil du dich nicht in einem Kon­sens bewegst. Ich glau­be, es wird zu wenig bespro­chen, wie extrem das am Ende ist und ich glau­be auch nicht, dass das so viel mit Mut zu tun hat. Ehr­lich gesagt ver­ein­ba­ren sich Idea­lis­mus und Par­la­men­ta­ris­mus oder bür­ger­li­che Poli­tik mei­nes Erach­tens sowie­so nur sehr schwer.

MZEE​.com​: Hast du in der deut­schen Poli­tik schon etwas erlebt oder gese­hen, bei dem du dir im Posi­ti­ven dach­test, dass jemand Mut bewie­sen hat?

Disar­star: Ich habe mich ja mit Gre­gor Gysi getrof­fen. Und auch, wenn ich aus der radi­ka­len Lin­ken mei­nes Erach­tens völ­lig unbe­grün­det Kri­tik dafür bekom­men habe, weil er ein bür­ger­li­cher Poli­ti­ker ist und sein gan­zes poli­ti­sches Schaf­fen ein ein­zi­ger Kom­pro­miss ist, sehe ich das anders. Ich fin­de, dass Gysi mit sei­nem Cha­ris­ma und Poten­zi­al trotz­dem immer in der Oppo­si­ti­on sein Ding gemacht hat. Ob man das gut fand oder nicht, sei dahin­ge­stellt. Er ist schon ein Typ, der in sei­ner poli­ti­schen Kar­rie­re Mut bewie­sen hat. Aber eine kon­kre­te Hand­lung fällt mir auf die Schnel­le nicht ein.

MZEE​.com​: Vor ein paar Wochen ist eine poli­ti­sche Akti­vis­tin in der Tür­kei gestor­ben, weil sie fast ein Jahr lang im Hun­ger­streik war. Fin­dest du, dass es Mut beweist, wenn Men­schen sol­che Wege auf­grund von poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen gehen?

Disar­star: Ja, ich fin­de, das ist Mut mit einer ande­ren Kon­se­quenz. Das hat sowie­so eine ande­re Trag­wei­te, aber die­ses Umkeh­ren – wie bei einem Kon­zert, bei dem man mehr Mut beweist, wenn man es nicht spielt – gibt es ja an die­ser Stel­le nicht, weil sie tot ist. Es ist auf jeden Fall ein end­gül­ti­ger Mut. Man kann bestimmt poli­tisch dis­ku­tie­ren, wie schlau das ist und wie viel Sinn es macht, aber für sei­ne per­sön­li­che Über­zeu­gung so weit zu gehen, ist für mich das End­le­vel an Mut.

MZEE​.com​: Was emp­fin­dest du als muti­ger: das radi­ka­le Ver­tre­ten sei­ner Mei­nung trotz Gegen­wind oder das Ändern sei­ner Mei­nung in einer Dis­kus­si­on?

Disar­star: Das hängt sehr von der Dis­kus­si­on ab. Es gibt Kon­tex­te, in denen es Mut beweist, bei sei­nen Über­zeu­gun­gen zu blei­ben. Aber es gibt auch das genaue Gegen­teil. Ich bin ein Typ, der oft igno­rant und ziem­lich stur ist, aber ich mer­ke auch, dass es manch­mal gut­tut, nach­zu­ge­ben. Obwohl es dazu Mut braucht, ist es oft eine posi­ti­ve Erfah­rung, wenn man ande­ren Men­schen recht gibt. Die Fra­ge ist für mich nicht defi­ni­tiv zu beant­wor­ten.

MZEE​.com​: Kannst du dich denn an eine Situa­ti­on erin­nern, in der du dei­ne Mei­nung auf­grund einer Dis­kus­si­on geän­dert hast?

Disar­star: Gre­gor Gysi hat bei unse­rem Gespräch ein sehr schla­gen­des Argu­ment vor­ge­bracht. Dass er natür­lich nicht mit dem Anspruch im Bun­des­tag sitzt, den Kapi­ta­lis­mus zu über­win­den, son­dern eher in einer refor­ma­to­ri­schen Posi­ti­on ist. Aber aus die­ser her­aus ist er für vie­le gute Din­ge ver­ant­wort­lich, zum Bei­spiel, dass Kin­der flä­chen­de­ckend in Schul­kan­ti­nen im Nach­mit­tags­un­ter­richt Essen bekom­men. Dahin­ge­hend habe ich mei­ne Mei­nung schon ein biss­chen geän­dert und den Sinn dahin­ter gese­hen. Wer bin ich denn als Lesekreis-​Linker, der dir sagt, dass das nicht das Maß aller Din­ge ist, wenn du etwas Real­po­li­ti­sches mit so einer Trag­wei­te durch­ge­setzt hast?

MZEE​.com​: Kom­men wir mal zu deut­schem Rap. Vega sagt auf sei­nem Track "Nie auf­ge­ben": "Ich stell' Prin­zi­pi­en über Vor­tei­le." – Ist das bei dir ähn­lich?

Disar­star: Auf jeden Fall. Objek­tiv und neu­tral betrach­tet – wenn man von Aus­se­hen, Stim­me und Raps­kills aus­geht – hät­te ich mehr Erfolg, wenn ich mich weni­ger aneckend äußern und das mit der Poli­tik mal sein las­sen wür­de. Zu hun­dert Pro­zent. Aber ich habe immer die Ent­schei­dung dage­gen getrof­fen. Auch wenn ich oft Kom­pro­mis­se ein­ge­he, weil ich mit dem, was ich mache, rich­tig erfolg­reich wer­den will, mache ich das nicht um jeden Preis. Das habe ich die letz­ten Jah­re auch bewie­sen. Mei­ne Musik hat sich natür­lich ver­än­dert, aber die letz­ten zwei Alben hät­ten auch belang­los und vol­ler Love­songs wer­den kön­nen. Ich könn­te Poli­tik auch mal kom­plett weg­las­sen. Bezie­hungs­wei­se: Hät­te ich sie in der Ver­gan­gen­heit weg­ge­las­sen, wäre mein Erfolg heu­te ein ande­rer. Ich stel­le also auf jeden Fall auch Prin­zi­pi­en über Vor­tei­le.

MZEE​.com​: Was ist der Grund dafür, dass du Poli­tik immer in dei­ne Musik mit­ein­ge­bracht hast?

Disar­star: Ich bin ein­fach mar­xis­tisch gebrain­wa­sht. Mei­ne Ideo­lo­gie ist Teil mei­ner Per­sön­lich­keit. Für mich ist das ein biss­chen wie: Blaue oder rote Kap­sel? Ich kom­me aus der Num­mer nicht mehr raus und kann die Welt nicht mehr anders sehen. Es ist da drin­nen und natür­lich beweg­lich. Aber wenn man so poli­tisch ist, wie ich es bin, kann man sich nicht nur auf ein paar Kon­sens­mei­nun­gen eini­gen und in einer Talk­show sit­zend sagen: "Ras­sis­mus ist voll schei­ße." – Ja, nice, dass du es sagst, Dig­gi. Aber kos­tet dich jetzt nicht wirk­lich viel. Die Leu­te den­ken dann, dass sie krass Pro­fil zei­gen mit dem, was sie sagen. Ich bin ein­fach durch und durch poli­tisch. Alles, was ich sehe und wahr­neh­me, durch­läuft die­se Fil­ter. Es wür­de mir mitt­ler­wei­le schwer­fal­len, das raus­zu­schnei­den. Frü­her war das ein­fa­cher und ich wünsch­te, ich könn­te da manch­mal zurück. Ihr kennt viel­leicht mei­nen Song "Bewe­gung". Eigent­lich ein schö­ner Song und auch gut gelun­gen, nicht in eine neo­li­be­ra­le Erfolgs­ge­schich­te abzu­drif­ten. Aber die­ses Kollegah'sche Ver­spre­chen: "Ihr könnt alles schaf­fen und alle glück­lich wer­den." Das sind die Geschich­ten, die die Leu­te lie­ben und hören wol­len. Ich kann die­se Sto­ry aber nicht mehr erzäh­len, weil ich weiß, dass sie tota­ler Quatsch ist.

MZEE​.com​: Glaubst du nicht, dass das Poli­ti­sche inzwi­schen auch för­der­lich für dei­ne Kar­rie­re ist, da dei­ne Hörer wis­sen, wie sie dich ein­zu­ord­nen haben und dich dafür schät­zen?

Disar­star: Bis zu einem gewis­sen Punkt, ja. Ich bin der erfolg­reichs­te kon­kret poli­ti­sche Rap­per, den es über­haupt jemals in Deutsch­land gege­ben hat. Kor­ri­giert mich, wenn ich falschlie­ge. Ich neh­me Afrob mit der CDU-​Wahlkampfkampagne da mal raus. In einem gewis­sen Maß ist das sicher­lich mein Pro­fil. Das Absur­de ist ja, dass der Kapi­ta­lis­mus so funk­tio­niert, dass er mei­nen Pro­test und mein Unbe­ha­gen mit die­sem Sys­tem aus­gleicht und es ver­kauft. In einem gewis­sen Maße kann man den Wider­stand ver­kau­fen. Nicht nur, wenn H&M Che Gue­va­ra auf T-​Shirts druckt. Irgend­wann kann man die­sen Punkt aber nicht mehr über­schrei­ten. Also ja: Es ist auf jeden Fall auch kar­rie­re­för­der­lich. Aber es ist für mehr dann doch zu spe­zi­ell, weil nun mal auch nicht so vie­le Leu­te mit mei­ner poli­ti­schen Hal­tung da drau­ßen rum­lau­fen.

MZEE​.com​: Kom­men wir noch mal zurück zu den Prin­zi­pi­en: Gab es eine Situa­ti­on dei­ner Kar­rie­re, in der du dei­ne Prin­zi­pi­en aus den Augen ver­lo­ren hast und das heu­te bereust?

Disar­star: Wisst ihr, es ist ein ewi­ger Kom­pro­miss. Ich bin ein facet­ten­rei­cher Typ und habe das Gefühl, dass mei­ne Kar­rie­re eine ein­zi­ge Kor­rek­tur ist. Meis­tens füh­le ich mich mit mei­nem letz­ten Pro­jekt miss­ver­stan­den und ver­su­che dann, mit dem nächs­ten wie­der dage­gen­zu­steu­ern. Es ist ein lau­fen­der Pro­zess und Kom­pro­miss. Aber das bin ich ein­ge­gan­gen, als ich mich dazu ent­schie­den habe, beruf­lich Musik zu machen. Natür­lich hat man immer wie­der Momen­te, in denen einem das poli­ti­sche Ding auf die Füße fällt, weil es zum Teil so anstren­gend ist. Und da sind wir auch wie­der bei Mut: Immer und immer wie­der kon­tro­vers zu sein, sich Kri­tik aus­zu­set­zen, zu ver­tei­di­gen und all das dis­ku­tie­ren zu müs­sen. Das sind Situa­tio­nen, in denen mich der Mut manch­mal ver­lässt und ich kei­nen Bock mehr habe, auch nur ein wei­te­res poli­ti­sches Wort öffent­lich zu äußern. Ich bin momen­tan auch wie­der am Über­le­gen, ein kom­plett unpo­li­ti­sches Pro­jekt zu machen, weil es so anstren­gend ist …

MZEE​.com​: Mut ist oft in unschö­nen Situa­tio­nen wie Aus­ein­an­der­set­zun­gen gefragt. Fällt es dir dabei leich­ter, für dein eige­nes Wohl oder für das Wohl ande­rer ein­zu­ste­hen?

Disar­star: Für jemand ande­ren ein­zu­ste­hen, ist leich­ter für mich. Ich kann gar nicht genau sagen, war­um. Auf jeden Fall bin ich durch mei­nen bes­ten Freund, der mich inzwi­schen schon den Groß­teil mei­nes Lebens beglei­tet, in Situa­tio­nen gekom­men, in die ich mich für mich nicht bege­ben hät­te …

MZEE​.com​: Apro­pos "unschö­ne Situa­tio­nen": Gibt es denn eine bes­te fal­sche Ent­schei­dung in dei­nem Leben?

Disar­star: Ja, da kann ich lei­der wirk­lich sagen, dass es mit Mucke so ist. Die Kosten-​Nutzen-​Rechnung bei Musik geht nicht immer auf – was das mit einem emo­tio­nal macht und abver­langt. Das fängt schon damit an, dass ich oft ein unsi­che­rer Typ bin und mir einen Job aus­ge­sucht habe, bei dem ich mich per­ma­nen­ter Kri­tik aus­set­ze. Das ist halt über­trie­ben anstren­gend, aber ich lie­be es auch und kann mir nichts ande­res vor­stel­len. Ich bin dank­bar, wie die Din­ge in den letz­ten Jah­ren ver­lau­fen sind. Frei­be­ruf­ler zu sein, hat immer viel mit Mut zu tun … Du könn­test dich auch in ein Groß­raum­bü­ro set­zen. Das kos­tet viel­leicht weni­ger Mut, aber ande­rer­seits viel­leicht auch mehr Mut, weil du eine scheiß Per­spek­ti­ve hast. Kann man so und so sehen. Ich habe voll Schiss vor einem Büro­job und dass das gan­ze Living your Dream-​Ding nur so lan­ge cool ist, wie es auch funk­tio­niert. Und wenn es nicht mehr funk­tio­niert, ist man der Ange­schmier­te. Und dann den­ke ich mir: Hät­te ich doch mal lie­ber den Büro­job gemacht … (über­legt) Ist man glück­li­cher, wenn man es ver­sucht und ver­kackt? Oder wenn man es nicht ver­sucht und das, was man macht, irgend­wie läuft? Das ist so eine ätzen­de Zwick­müh­le. Mit dem Gedan­ken quä­le ich mich krass in den letz­ten Tagen.

MZEE​.com​: Aber du wirst doch immer erfolg­rei­cher. Gibt dir das nicht auch Sicher­heit?

Disar­star: Nein, ich habe der­be einen an der Waf­fel. Viel­leicht ist das ein­fach eine trau­ri­ge Erkennt­nis, die ich mit 26 Jah­ren habe. Ich habe mei­ne Issu­es aus der Ver­gan­gen­heit, auch wenn das blöd klingt. Ich habe lan­ge gehofft, dass sie irgend­wann weg sind und man die­se Pro­ble­me behe­ben kann. Viel­leicht merkt man ein­fach mit dem Alter, dass man ler­nen kann, damit umzu­ge­hen, aber es immer mit sich rum­schlep­pen wird. "Klas­sen­kampf & Kitsch" war noch erfolg­rei­cher als "Bohe­mi­en" und die Tour wäre noch kras­ser gewor­den. Ich dach­te immer, dass Selbst­zwei­fel, Ängs­te und Depris auf­hö­ren, wenn der Erfolg kommt. Aber lang­sam mache ich die Erfah­rung, dass ich ver­mut­lich auch die Barclaycard-​Arena spie­len und Gold gehen könn­te und mich trotz­dem nur tem­po­rär anders füh­len wür­de. Obwohl sol­che Pha­sen wie jetzt, in denen ich alles hin­ter­fra­ge, viel sel­te­ner gewor­den sind. Aber ich glau­be nicht, dass ich irgend­wann an den Punkt kom­me, an dem das kom­plett auf­hört.

MZEE​.com​: Kom­men wir zum Abschluss des Inter­views: Wir wür­den sehr ger­ne noch von dir erfah­ren, wozu du ande­re Men­schen grund­sätz­lich im Leben ermu­ti­gen möch­test.

Disar­star: Oh, da kann ich noch mal was rich­tig Schö­nes zu sagen. Wenn ich eine Erfah­rung aus den letz­ten 26 Jah­ren her­aus­de­stil­lie­ren kann, dann, dass von nichts nichts kommt. Wenn man sich zu Hau­se ver­gräbt oder auf der Stel­le tritt und still­steht, dann pas­siert nichts Gutes. Und wozu ich Men­schen ermu­ti­gen möch­te: von Zeit zu Zeit auch mal was zu ris­kie­ren und anders zu machen. Dann lernt man Men­schen ken­nen, die einen inspi­rie­ren und auf neue Ideen brin­gen. Man sieht neue Orte und es erge­ben sich neue Din­ge. Das pas­siert nicht, wenn man immer die glei­chen Krei­se zieht. Die Men­schen brin­gen in der Regel nicht den Mut auf, die­se Krei­se zu ver­las­sen. Manch­mal fra­gen mich Leu­te, was ich jetzt mit Abi und Stu­di­um will. Ob man es glaubt oder nicht: Ich habe mein Stu­di­um nicht ange­fan­gen, weil ich kei­ne Musik mehr oder einen bestimm­ten Job machen möch­te. Ich mache das alles, weil ich die gan­ze Zeit in Bewe­gung sein möch­te. Ich wer­de ein Stu­di­um machen und das wird nicht die End­hal­te­stel­le sein. Und da kommt mir dann wie­der eine neue Idee, man weiß ja nie … Bleibt in Bewe­gung und traut euch auch mal, etwas anders zu machen!

(Flo­rence Bader & Yas­mi­na Ross­meisl)
(Fotos von Andre­as Hor­n­off)