Witten Untouchable

Die Stadt Wit­ten fliegt im Ruhr­ge­biet schon immer etwas unter dem Radar. Im Gegen­satz zu den gro­ßen Nach­bar­städ­ten Dort­mund und Bochum gibt es hier kei­nen strah­len­den Fuß­ball­ver­ein, kei­nen Flug­ha­fen und kei­ne iko­ni­sche Hym­ne von Her­bert Grö­ne­mey­er. Die­se Außen­sei­ter­rol­le neh­men Wit­ten Untouch­a­ble ger­ne an: Vor sechs Jah­ren setz­ten Lak­mann, AL Kare­em und Mess ihre Hei­mat mit einem lau­ten "Aaaah!" auf die deut­sche Rap-​Karte. Statt aktu­el­ler Trends und melo­diö­ser Hooks bie­ten die drei "Aus­nah­me­ta­len­te" auch auf ihrem vor Kur­zem erschie­ne­nen drit­ten Album "Tri­ni­ty" jah­re­lang per­fek­tio­nier­tes Rap-​Handwerk sowie ehr­li­che und unge­schön­te Geschich­ten aus dem eige­nen Leben. Dazu kommt wei­ter­hin die maß­ge­schnei­der­te Instru­men­tie­rung von Haus­pro­du­zent Rooq. Im Inter­view spra­chen wir mit Lak­mann und AL Kare­em über die neue Plat­te, die Bedeu­tung von musi­ka­li­scher Iden­ti­tät, ihre eige­ne künst­le­ri­sche Wei­ter­ent­wick­lung und die Con­nec­tion zum IMMER.READY-Kollektiv aus Ber­lin.

MZEE​.com: Eure Ruhrpott-​Verwurzelung ist ein wich­ti­ger Bestand­teil von Wit­ten Untouch­a­ble. Wenn ihr den Ruhr­pott in drei Wor­ten beschrei­ben müss­tet, wel­che wären das?

Lak­mann: Hart, unge­recht und düs­ter. (lacht)

AL Kare­em: Dre­ckig, grau … und Hei­mat natür­lich, um auch mal was Posi­ti­ves zu sagen.

MZEE​.com: Habt ihr eine Hass­lie­be zum Ruhr­ge­biet?

Lak­mann: Nee. Es ist mehr Lie­be als Hass. Sol­che Fra­gen sind bei uns auch immer vom Gefühl und der Moment­auf­nah­me abhän­gig. Wenn man einen schö­nen Tag hat­te und einem die Son­ne aus dem Arsch scheint, sagt man "Ver­bun­den­heit, Ver­trau­en und Hei­mat". Wenn man gera­de zwi­schen Tür und Angel steht, sagt man "dun­kel, schmut­zig und grau".

MZEE​.com: Als ers­tes Wort hast du "hart" genannt. Was macht die Ruhrpott-​Härte aus?

Lak­mann: Die Arbei­ter­men­ta­li­tät. Die Beton-​Plätze, das weni­ge Grün, das wir haben, die schlim­men, fre­chen Auto­fah­rer, der Streit mit der Nach­bar­schaft, die Pommesbuden-​Klischees – das gehört alles dazu.

MZEE​.com: Und wofür steht "düs­ter"?

Lak­mann: Für den grau­en All­tag im Pott. Für ver­dun­kel­te, kli­schee­haf­te Hoch­öfen, die den Him­mel ver­dun­keln. Das ist ein Bild aus mei­ner Jugend, das gibt's eben tat­säch­lich.

AL Kare­em: Es ist ja auch ein biss­chen grau zur­zeit. Es geht immer dar­um, wie man sich gera­de fühlt. Ich hät­te auch noch schlim­me­re Wor­te sagen kön­nen. Das war das Posi­tivs­te, das mir ein­ge­fal­len ist.

MZEE​.com: Fin­det sich die­ser Ruhr­pott aus eurer Sicht im Sound der aktu­el­len Plat­te wie­der?

Lak­mann: Eher nicht. Von der musi­ka­li­schen Sei­te ist es bis jetzt unser chil­ligs­tes Album, das wahr­schein­lich ange­nehms­te, souligs­te und melo­diö­ses­te. Viel­leicht erkennt man da die Wei­ter­ent­wick­lung. Wir picken die Beats ja auch teil­wei­se nach Moment­auf­nah­men und einem bestimm­ten Fee­ling. Es geht immer dar­um, die­ses Gefühl zu kon­ser­vie­ren und auf einem Track zu ver­ewi­gen. Vor dem Hin­ter­grund ist es im Ver­gleich zu den ande­ren Alben und dem Bild vom Ruhr­pott, das wir gera­de gezeich­net haben, die chil­ligs­te Plat­te gewor­den. Und auch die erwach­sens­te.

MZEE​.com: Das habe ich ähn­lich wahr­ge­nom­men. Neben den erns­ten, nach­denk­li­chen Songs, die sich auch die­ses Mal fin­den, gibt es eini­ge Tracks, die nach vor­ne gehen und posi­tiv sind – bei­spiels­wei­se "Bin immer dran" oder auch "Weed geschenkt".

Lak­mann: Bei "Weed geschenkt" sehe ich das auch so. "Bin immer dran" war für mich immer ein Live-​Song. Den kann man auf jeden Fall als Par­ty­num­mer bezeich­nen.

MZEE​.com: In dem Song geht es ja dar­um, sich immer wei­ter zu stei­gern.

Lak­mann: In einem 16er wer­den bei uns häu­fig meh­re­re The­men behan­delt. Der Kon­sens wird da viel­leicht eher im Beat oder der Hook gefun­den – die trans­por­tie­ren dann ein posi­ti­ves Fee­ling und bie­ten einen Kon­tra­punkt zu den depres­si­ven, düs­te­ren Sachen. Trotz­dem kann jeder von uns in sei­nem Part zwei oder drei Lines haben, die den all­täg­li­chen Hust­le in einen melan­cho­li­schen Kon­text set­zen. Das macht das Zusam­men­spiel aus und ist viel­schich­ti­ger als nur auf einen Happy-​Beat Happy-​Lyrics zu rap­pen.

MZEE​.com: Kann man die­sen selbst­be­wuss­te­ren, erwach­se­ne­ren Vibe auf eure aktu­el­le Situa­ti­on zurück­füh­ren? Seid ihr in einer ange­neh­me­ren Posi­ti­on als bei­spiels­wei­se bei der ers­ten Wit­ten Untouchable-​Platte?

AL Kare­em: Man lernt, immer bes­ser damit umzu­ge­hen, was man hat oder was einem schein­bar zusteht und arran­giert sich mit der Situa­ti­on. Es war all­ge­mein ein­fach unser Ziel, eine Plat­te zu machen, die etwas souli­ger ist. Sowohl von den Beats als auch von den The­men her. Es wur­de uns häu­fig ange­krei­det, dass sich unser The­men­spek­trum viel auf das Meckern beschränkt, gera­de auf Rap und die Sze­ne bezo­gen. Ich den­ke, wir sind gedank­lich alle etwas wei­ter als vor fünf Jah­ren. Das Album knüpft an Songs wie "Das hier ist mein Leben" an. Natür­lich hast du die düs­te­ren Num­mern wie "Fremd im Revier" oder "Tag­aus, Tag­ein". "Zum Glück" oder "Für immer hier" bie­ten den posi­ti­ven Gegen­pol. Im Unter­ton hörst du zwar immer, dass es die glei­chen Leu­te mit den glei­chen Pro­ble­men sind, aber wir gehen erwach­se­ner damit um. Wir woll­ten unse­re Per­sön­lich­keit, die sich ent­wi­ckelt hat, in den Tex­ten wie­der­ge­ben. Und nicht wie­der ein Album machen, auf dem wir nur schimp­fen, weil wir Wit­ten Untouch­a­ble sind.

Lak­mann: Das kann ich so unter­schrei­ben, aber ich möch­te noch eine Sache hin­zu­fü­gen: Es könn­te natür­lich immer bes­ser lau­fen. Für drei Leu­te in einer Band und einen Pro­du­cer müss­te noch viel mehr gehen. Natür­lich haben wir eine treue Fan­ba­se, die vor­be­stellt und die Plat­ten erwar­tet. Aber bei­spiels­wei­se beim Boo­king merkst du, wie du die Ver­an­stal­ter jedes Mal von vor­ne anschrei­ben musst. Sicher gibt es vier, fünf Leu­te, die dich immer buchen. Aber wäh­rend der Orga­ni­sa­ti­on, bei Video­drehs oder wenn du eine Plat­te in den Laden stel­len willst, ist es bei Grup­pen, die auch außer­halb der Sze­ne eben nicht so einen Durch­bruch haben, immer wie ein Anfang von Null. Das kotzt einen als Band auch an. Hät­ten wir noch ein Jahr gewar­tet, hät­ten die Leu­te ja schon wie­der von einem Come­back gere­det. Das wirkt dann so, als wür­den wir nichts geba­cken krie­gen. Wenn du drei Jah­re nichts releast, den­ken die Leu­te, du wärst weg vom Fens­ter. Das ist total Bana­ne und falsch. Natür­lich hofft man, dass man auf Erfol­gen auf­bau­en und mit der Zeit auch mehr Plat­ten ver­kau­fen kann, aber mög­li­cher­wei­se spricht man eben immer nur eine gewis­se Schnitt­men­ge an Leu­ten an. Die­se Stei­ge­rung gelingt viel­leicht ande­ren Acts bes­ser, die eben auch vie­les bedie­nen, das wir nicht abde­cken.

MZEE​.com: Vie­le Hörer sind gera­de eher dar­an gewöhnt, dass alle zwei Tage ein neu­er Track kommt als alle zwei Jah­re ein Album.

Lak­mann: Wir müs­sen uns fra­gen, ob das rich­tig ist, nur weil es alle machen. Eigent­lich ist es infla­tio­när – wie Fast Food. Und Fast Food ist auf Dau­er nicht gesund. Viel­leicht ist es auf Dau­er auch für den Künst­ler nicht gesund, jeden zwei­ten Tag einen Song zu releasen. Viel­leicht fällst du nach einem gewis­sen Hype, der dich in die Top drei gebracht hat, auch wie­der her­un­ter … Wobei das natür­lich immer noch ein sanf­te­res Fal­len ist wie bei einem Untergrund-​Künstler. Wenn du die­sen Sta­tus ein­mal erreicht hast, fällst du nicht unter eine bestimm­te Stu­fe und ver­kaufst immer dei­ne 20 000, 30 000 Schei­ben oder hast im ent­spre­chen­den Sin­ne die Streams. Die Mecha­nis­men in der Sze­ne und in der Indus­trie sind nicht kon­stant mit den Wer­ten von Hip­Hop ver­ein­bar und deckungs­gleich. Die rich­ten sich nach der Schnell­le­big­keit in der Gesell­schaft und danach, was gera­de ange­sagt ist. Frü­her waren es CDs und mp3s, jetzt sind es halt Down­loads und Spo­ti­fy. Die bedie­nen das kom­plett und rich­ten sich nach deren For­meln. Aber nach Wer­ten wie Lang­le­big­keit schaut nie­mand. Wären die Industrie-​Mechanismen kon­stan­ter, bei­spiels­wei­se nach den HipHop-​Werten aus­ge­rich­tet, hät­te man immer eine gewis­se Diver­si­tät und ver­schie­de­ne, gleich­be­rech­tigt neben­ein­an­der ste­hen­de Acts in der Sze­ne. Weil es nicht so ist, gibt es ja so vie­le Rap­per, die das machen, was der aktu­el­le Trend vor­gibt. Wie vie­le Künst­ler kennst du, die kei­ne eige­ne Hand­schrift haben? Die gehen von Gangs­ter­rap über Con­scious Rap über Trap zu MC Fit­ti und wie­der zurück. Deren Style ist es, das mit­zu­rei­ten, was gera­de am erfolg­reichs­ten ist.

MZEE​.com: Kom­men wir zurück zu eurer Plat­te: Ihr habt euren Stil durch­aus wei­ter­ent­wi­ckelt und auch moder­ner klin­gen las­sen, wäh­rend ihr euch gleich­zei­tig treu geblie­ben seid. Denkt ihr, dass jün­ge­re Hörer, die bei­spiels­wei­se Kare­em aus dem IMMER.READY-Umfeld ken­nen, so an die­ses Sub­gen­re von Rap her­an­ge­führt wer­den könn­ten?

AL Kare­em: Dan­ke erst mal, das sehe ich auch so. Ich habe sowie­so das Gefühl, dass die jün­ge­ren Hörer viel eher bereit sind, auch älte­ren Rap zu hören und in der Ver­gan­gen­heit zu gra­ben, als die älte­ren Hörer dazu bereit sind, einen neu­en Wit­ten Untouchable-​Sound zu hören. Ich mer­ke das auch an dem Feed­back von Leu­ten, die eigent­lich nur mei­ne Solo-​Sachen ken­nen. Die sind voll hyped auf die Wit­ten Untouchable-​Sachen und geben sich das. Ich konn­te die mit­neh­men. Anders­her­um hat­te ich das Gefühl, dass eini­ge eher woll­ten, dass ich "mal wie­der sowas wie frü­her" machen sol­le … Das muss aber nicht der Rea­li­tät ent­spre­chen, viel­leicht waren das auch nur fünf Kom­men­ta­re oder so. Vie­le Jün­ge­re haben ein­fach viel mehr Bock auf Musik und wol­len alles hören.

Lak­mann: Das muss man ja auch rela­ti­vie­ren. Wenn du 16 Jah­re alt bist, ist Musik von frü­her etwas, das du mit 14 gehört hast. Ich hät­te die Eng­stir­nig­keit und die Scheu­klap­pen fifty-​fifty auf die älte­re und die neue­re Genera­ti­on ver­teilt. Das Pro­blem dabei ist, dass die älte­re Genera­ti­on auf ein Zehn-​Jahres-​Spektrum zurück­guckt … Da sind die Jün­ge­ren halt sechs Jah­re alt gewe­sen. Das kann man nur schlecht in Ver­bin­dung set­zen. Die ver­schie­de­nen Arten von Musik zu ver­glei­chen, fin­de ich auch eher falsch. Aller­dings ist es natür­lich mög­lich, die alten Wer­te mit moder­ne­rer Musik zu ver­mit­teln. Du kriegst bei uns immer Bars, Bars, Bars – drei Rap­per, die mit 'ner Men­ge Lyrics ankom­men. Das ist ein Allein­stel­lungs­merk­mal unse­rer Crew. Dazu kommt noch die Instru­men­tie­rung von Rooq, die die Musik auch nur schwer mit unse­ren jewei­li­gen Solo-​Releases ver­gleich­bar macht. Die­se Grup­pe ist mehr als die Sum­me ihrer Ein­zel­tei­le. Du kannst nicht sagen, dass du eine Por­ti­on vom Mess-​Album, eine vom Kareem-​Album und eine vom Lakmann-​Album nimmst und das Ergeb­nis wie Untouch­a­ble klingt. Es beginnt immer mit dem Beat von Rooq, den wir zu dritt bear­bei­ten. Wir über­le­gen uns nie ohne den Beat, jetzt mal einen The­men­song über Dach­zie­gel zu machen. (lacht) Wir ver­su­chen immer, uns auf das musi­ka­li­sche Gerüst von Rooq ein­zu­stim­men. Dadurch bewe­gen wir uns auch unab­hän­gig von irgend­wel­chen Sze­nehy­pes und fin­den eher in unse­rem eige­nen Mikro­kos­mos statt. Viel­leicht ist es auch nicht so vor­teil­haft, auf jeden Zug auf­zu­sprin­gen, nur weil er ver­meint­lich erfolg­reich ist. Vie­le Leu­te träu­men ja davon, ein Klassiker-​Album zu machen – mit einem Pro­du­zen­ten, der dir den Sound auf dei­ne Per­son maß­schnei­dert und so wei­ter. Wenn man die­sen eige­nen Sound ein­mal gefun­den und erreicht hat, ist es doch eigent­lich falsch, die­sen stief­müt­ter­lich zu behan­deln. Wenn du bei­spiels­wei­se Emi­nem als Nega­tiv­bei­spiel nimmst: Wenn ich ein­mal wie Emi­nem klin­ge, war­um pro­bie­re ich dann nicht ein­fach, das zu kon­ser­vie­ren und mich trotz­dem noch neu zu erfin­den? Oder wenn ich ein­mal wie 50 Cent klin­ge, wie­so pro­bie­re ich nicht auf die­se Art, ande­re Sachen zu machen? Es geht dar­um, eine musi­ka­li­sche Iden­ti­tät zu fin­den. Wenn du die ein­mal hast, bist du viel gelas­se­ner und auch expe­ri­men­tier­freu­di­ger. Du kannst mehr aus­pro­bie­ren, ohne dass es heißt, dass du die Sei­ten wech­seln, auf Züge auf­sprin­gen und Hypes jagen wür­dest. Das machen eher Leu­te, die ihre Iden­ti­tät noch nicht gefun­den haben.

MZEE​.com: Da ihr eben "Das hier ist mein Leben" vom Vor­gän­ger­al­bum ange­spro­chen habt: Das ist auch der Song, den ich von der Plat­te noch am häu­figs­ten höre. Der fällt ein biss­chen raus, läuft viel über den Vibe und funk­tio­niert auch live extrem gut.

AL Kare­em: Das ist das Gei­le, Mann. Das hat uns ein gutes Gefühl für die­se Art von Rhythm und Musik gege­ben. Ich den­ke, dass auch eini­ge Songs vom neu­en Album uns ande­re Live-​Momente besche­ren wer­den. So ent­wi­ckeln wir uns durch die Alben auch auf der Büh­ne wei­ter. Dadurch mer­ken wir, dass wir mit der rich­ti­gen Geschwin­dig­keit auf der rich­ti­gen Rou­te unter­wegs sind. Wir pro­bie­ren gera­de auch, in unse­rem Live-​Programm die rich­ti­ge Mischung aus den drei Plat­ten zu schaf­fen. Zum Glück müs­sen wir nur noch gucken, wel­che neu­en Songs wir dazu packen. Der Kata­log, den wir schon haben, knallt live immer und kommt krass an – egal, ob wir vor 100, 400 oder 5 000 Leu­ten spie­len.

Lak­mann: "Das hier ist mein Leben" stell­te echt einen Wen­de­punkt dar. Wir haben gemerkt, dass das funk­tio­niert und woll­ten davon noch mehr haben. Es war der ers­te etwas moder­ne­re, expe­ri­men­tier­freu­di­ge­re Song und wir waren alle end­glück­lich, als der live gezün­det hat. Es gibt nichts Schlim­me­res, als einen fet­ten Song im Stu­dio zu machen, es aber live nicht geba­cken zu bekom­men, dass der Fun­ke über­springt. Das ist für mich eine Hor­ror­vor­stel­lung und ich hof­fe, dass das bei den neu­en Songs gar nicht der Fall ist.

MZEE​.com: "Das hier ist mein Leben" ist ja der letz­te Song auf "Repu­blic of Untouch­a­ble". Auch von eurem ers­ten Album habe ich das Outro "Aeon" als den Song im Gedächt­nis, den ich am häu­figs­ten und sehr ger­ne gehört habe. Ich fin­de, es gibt einer Plat­te total viel, wenn das Outro ein beson­de­rer Song ist, der sie abrun­det.

Lak­mann: Wenn es eine Gemein­sam­keit in der Kon­zi­pie­rung unse­rer Alben gibt, ist es auf jeden Fall so, dass wir bewusst ein Outro wäh­len. Wir neh­men da jetzt nicht irgend­ei­nen Battlerap- oder Live­song. Es gibt immer die­sen abschlie­ßen­den, alles umfas­sen­den Schluss-​Track. Und genau die­se Songs haben über die Jah­re auch die Live­kon­zer­te über­lebt. Du merkst ja, wel­che Tracks live nicht so gut ankom­men, anstren­gend zu per­for­men sind oder nur im Stu­dio funk­tio­nie­ren … Die Outros spie­len wir immer noch. Meis­tens hau­en wir die direkt nach­ein­an­der raus.

AL Kare­em: Wir haben bei jeder Show zwei Outros. Ab jetzt sind's drei. (lacht)

Lak­mann: Wir ste­hen eben in die­ser Tra­di­ti­on und müs­sen auch über­le­gen, wie wir das drit­te Outro jetzt in unser Pro­gramm ein­bet­ten. Die Songs sind uns wich­tig gewor­den. Natür­lich vor allem – wie vor­hin bereits gesagt – "Das hier ist mein Leben", weil das für uns eine ganz neue Art von Song war, die wir so vor­her noch nie gemacht haben. Da haben wir mit der Erwar­tungs­hal­tung gebro­chen und es ist ange­kom­men. Und dar­über sind wir echt glück­lich.

AL Kare­em: Ich bin gespannt, ob das neue Outro der letz­te Song der Show wird. "Das hier ist mein Leben" ist schon immer ein sehr gran­dio­ses Fina­le. Viel­leicht bet­ten wir den auch zwi­schen­durch ein.

Lak­mann: Der hat ja auch Cuts in der Hook, das ist eher so ein chil­li­ger Moment für die Crowd.

MZEE​.com: Ihr bleibt bis­her als Wit­ten Untouch­a­ble bewusst unter euch. Gab es bei­spiels­wei­se durch die Con­nec­tion über Kare­em schon mal Über­le­gun­gen, mit den IMMER.READY-Leuten oder zumin­dest mor­ten zu arbei­ten?

Lak­mann: Erst mal wol­len wir uns natür­lich immer wei­ter­ent­wi­ckeln. Still­stand ist der Tod für einen Künst­ler. Man muss nur mit­ein­an­der ver­ein­ba­ren, sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und sich gleich­zei­tig treu zu blei­ben. Das ist die gro­ße Kunst des Erwach­sen­wer­dens in der Musik, das kann ich dir nach 20 Jah­ren auf jeden Fall sagen. Dar­auf kann man im End­ef­fekt alles redu­zie­ren und zurück­füh­ren. Wenn du auf eine musi­ka­li­sche Kar­rie­re schaust, muss an ers­ter Stel­le ste­hen: "Keep it real." Sich selbst treu zu blei­ben und sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, ohne den "Keep it real"-Gedanken im Hin­ter­kopf zu haben – egal, wie der kon­kret für jeman­den aus­sieht oder wie jeder den für sich defi­niert – ist nur das Wei­ter­ent­wi­ckeln einer Rol­le, qua­si einer ande­ren Figur. Und da ist Still­stand der Tod. Stell dir vor, ich wür­de vier Alben machen, die alle gleich klin­gen. Mit den glei­chen Mus­tern, den glei­chen Beats und der glei­chen Erzähl­wei­se. Ich glau­be, bei Untouch­a­ble merkt man eine ganz kla­re Wei­ter­ent­wick­lung vom ers­ten zum drit­ten Album. Die Ent­wick­lung vom zwei­ten zum drit­ten Album lässt sich viel­leicht noch bes­ser ver­fol­gen und nach­voll­zie­hen, weil die zeit­lich näher anein­an­der sind. Wenn wir es als Grup­pe schaf­fen, immer wie­der Schei­ben zu ver­öf­fent­li­chen, die anders klin­gen als die davor, bin ich mit mei­ner krea­ti­ven Kar­rie­re eigent­lich hoch­zu­frie­den. Mehr kannst du nicht erwar­ten. Ich weiß, dass wir uns dar­in treu blei­ben, mit wem wir Musik machen und wie wir das tun. Rooq kann uns jeden Beat schi­cken, den er will. Wenn wir dar­auf zün­den und es schaf­fen, einen gei­len Track dar­aus zu machen, erfül­len wir schon zwei Kri­te­ri­en für das Untouchable-​Gerüst: den Rooq-​Beat und drei Parts von uns. Somit haben wir eine gro­ße Spiel­wie­se, auf der wir uns frei ent­fal­ten kön­nen. Wir müs­sen uns nicht nach Boom bap anhö­ren, aber auch nicht nach dem neu­es­ten Trend, Mum­ble Crum­ble, was auch immer da jetzt kom­men mag. Wir kön­nen immer von allem los­ge­löst und befreit arbei­ten. Und viel­leicht hat man Glück und erschafft einen eige­nen Trend. Das ist ja auch nicht ver­kehrt. Stell dir vor, wir wür­den so einen Wit­ten Untouchable-​Vorzeigesong machen, der voll durch die Decke geht. Dann wür­den auf ein­mal alle Beats von Rooq haben wol­len. Das ist ja dann immer der Fall. Leu­te kämen zusam­men, die Songs nach dem glei­chen Sche­ma machen wür­den – meh­re­re Rap­per, jeder 16 Bars, zwei Hooks und am Ende irgend­ein Outro. Unse­re eige­ne Scha­blo­ne fül­len wir in dem Sinn immer bes­ser aus.

AL Kare­em: Wir sind ein­fach näher an uns selbst dran, an unse­ren Per­so­nen und Cha­rak­te­ren. Die Musik wird immer rea­li­täts­ge­treu­er, es sind weni­ger Fik­ti­on und ima­gi­nä­re Sze­na­ri­en.

Lak­mann: Und dadurch, dass wir uns selbst treu blei­ben, sind wir viel­leicht nicht die ober­er­folg­reichs­ten, aber auch nicht so sehr von Trends und Hypes abhän­gig, genau­so wenig wie von irgend­wel­chen Fea­ture­kon­stel­la­tio­nen. Wie vie­le Leu­te fea­turen sich gegen­sei­tig, damit sie immer prä­sent und in aller Mun­de blei­ben? Sobald der Nächs­te mit einer Top Ten-​Single raus­kommt, ruft das Manage­ment da an und fragt, ob man mal was gemein­sam machen könn­te. Ver­steh mich nicht falsch, das ist total wert­frei gemeint. Jeder Mana­ger und jedes Label wür­de sich so einen Act wün­schen. Aber ich weiß nicht, wie lan­ge sowas funk­tio­niert.

AL Kare­em: Um auf dei­ne Fra­ge nach Koope­ra­tio­nen mit den IMMER.READY-Jungs zurück­zu­kom­men: Ich kann dir auf jeden Fall sagen, dass mor­ten da rich­tig Bock drauf hat. Der fragt mich voll oft nach A cap­pel­las und will Remi­xe machen, ich werd' ihm da auch wel­che zukom­men las­sen. Es gibt nur das Pro­blem, dass ich der schlech­tes­te Wei­ter­lei­ter in die­sem Camp bin. (lacht) Die haben auf jeden Fall Bock. Es ist nur all­ge­mein inzwi­schen so, dass kei­ne ande­ren Musi­ker wirk­lich in die­sen Film rein­pas­sen, wenn wir ein Wit­ten Untouchable-​Album machen. Wir suchen ja nach nichts, das in der Musik irgend­wie feh­len wür­de. Die ist so, wie sie ist, ein­fach kom­plett. Des­we­gen hörst du da kei­ne ande­ren Pro­du­zen­ten oder Rap­per.

Lak­mann: Wir sind ohne Fea­tures schon sehr lyri­c­las­tig mit drei Rap­pern mit je 16 Bars. Da ist ein Fea­ture auf einem Album viel­leicht zu viel. Aber ein­zel­ne Songs und Pro­jek­te haben wir ja schon gemacht. Wir machen seit "Vier gewinnt" mit Mar­vin Game Musik. Wie vie­le Fea­tures hat Kare­em da ange­schleppt … Wenn Mess dabei gewe­sen wäre, wäre es ja jedes Mal die kom­plet­te Untouchable-​Besetzung gewe­sen. Auf dem "Kiffer"-Remix von Mar­vin waren wir auch ver­tre­ten.

AL Kare­em: Laki war auch auf dem "d.m.t."-Album von mor­ten.

Lak­mann: Wir haben die immer sup­por­tet, seit Tag eins. Ich kann mich noch dar­an erin­nern, als Kare­em mit denen in Wit­ten auf­ge­taucht ist.

AL Kare­em: Baba Music war auf unse­rer ers­ten Release-​Party am Start.

Lak­mann: Da war noch gar nicht abzu­se­hen, wie bei­spiels­wei­se Mar­vin heu­te klingt. Der ist ja noch jung und wird sich in fünf Jah­ren noch mal anders anhö­ren.

AL Kare­em: Wenn wir auf Tour oder in Ber­lin sind, sieht man sich immer. Da ist auf jeden Fall eine Con­nec­tion am Start. Aber noch viel eher auf einer per­sön­li­chen und mensch­li­chen Ebe­ne als auf der musi­ka­li­schen. Das kön­nen wir über vie­le Leu­te sagen. Es wäre mit Musi­kern in ganz Deutsch­land mög­lich, Mucke zu machen, egal ob Under­ground oder Main­stream. Auf Lakis nächs­tem Solo-​Projekt wird in der Hin­sicht sehr viel los sein, da freu' ich mich mega drauf, auch ein­fach als Lakmann-​Fan. Das wird aus dem Ras­ter fal­len.

MZEE​.com: Zum Abschluss wür­de ich ger­ne noch Fol­gen­des von euch wis­sen: Was ist eure jewei­li­ge Lieb­lings­li­ne auf der neu­en Plat­te?

Lak­mann: Das ent­wi­ckelt sich bei uns eigent­lich immer erst. So zwei Mona­te nach Release, wenn wir geprobt und Auf­trit­te gespielt haben, bli­cken wir zurück, wel­che Songs und wel­che Lines live am bes­ten gezün­det oder nach­hal­tig Ein­druck hin­ter­las­sen haben. Natür­lich hat man so sei­ne Favou­rites, aber wel­che Line wirk­lich über­dau­ert und in den Köp­fen bleibt, ist die Fra­ge. Dafür brauchst du auch das ehr­li­che Feed­back von den Leu­ten. Von daher hab' ich noch kei­ne Lieb­lings­li­ne und bin gespannt dar­auf, wel­che sich auf Tour her­aus­kris­tal­li­sie­ren wird.

AL Kare­em: Ich hab' eine Lieb­lings­li­ne von dir. (grinst) "Zu viel zum Ster­ben und zu wenig zum Leben", die fin­de ich super­krass.

Lak­mann: Das ist nicht mal mei­ne Original-​Line. Schulz Nice hat mal irgend­wann gesagt: "Was wir hier machen, das Boo­king, der Hust­le, das, was mit der Musik so rein­kommt … Das ist zu viel zum Ster­ben und zu wenig zum Leben." – Das muss­te ich rap­pen, ich fand das auch ober­krass. Er hat das gar nicht ver­stan­den, das war ein­fach Real­talk von ihm. Wir waren mit­ten im Album­pro­zess und hat­ten uns ein Auf­tritts­ver­bot auf­er­legt. Da ist natür­lich wenig Money rein­ge­kom­men. Da merkst du, dass es gera­de so zum Über­le­ben reicht. Die Line bedeu­tet mir viel, da hat Schulz den Nagel auf den Kopf getrof­fen.

AL Kare­em: Schulzi-​Credits! Find' ich super­krass.

(Alex­an­der Hol­len­horst)
(Foto: ziryshots)