Hiob

Hiob lässt sich defi­ni­tiv als leben­de Untergrund-​Legende des deut­schen Raps bezeich­nen. Vor mitt­ler­wei­le fast zwei Jahr­zehn­ten dropp­te er das ers­te Tape "Piz­za und Por­nos", damals noch unter dem Pseud­onym "V-​Mann", das 2011 erschie­ne­ne Album "Dra­ma kon­kret" hat szenein­ter­nen Klas­si­ker­sta­tus. Nach Kollabo-​Releases mit sei­nem Bru­der im Geis­te Mor­lockk Dilem­ma und Pierre Sona­li­ty sowie Tou­ren durch das gan­ze Land wer­den jetzt, rund sie­ben Jah­re spä­ter, die Rufe nach einem Solo-​Nachfolger erhört: Am 08. Novem­ber lie­fert Hiob "Abge­sän­ge" für die käl­te­re Jah­res­zeit, noch im glei­chen Monat star­tet die dazu­ge­hö­ri­ge Tour. Im Inter­view mit uns sprach der Rap­per über den Sound und die Inhal­te der neu­en Plat­te, die städ­ti­sche Ver­än­de­rung Ber­lins, das Leben in Hams­ter­rä­dern und gro­tes­ke Begeg­nun­gen mit Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten in einer Knei­pe im Prenz­lau­er Berg.

MZEE​.com: Die Ver­öf­fent­li­chung dei­ner neu­en Plat­te "Abge­sän­ge" steht an. Um wes­sen Abge­sang genau geht es denn dabei?

Hiob: In ers­ter Linie ist es ein Abge­sang auf einen bestimm­ten Lebens­stil, auf die­ses exzes­si­ve "Fear and Loat­hing in Las Vegas"-Dasein.

MZEE​.com: Siehst du die­sen Lebens­stil mitt­ler­wei­le kri­ti­scher?

Hiob: Ich habe die kri­ti­schen Aspek­te in mei­nen Tex­ten ja schon immer the­ma­ti­siert. Ich wür­de nicht sagen, dass ich Dro­gen­kon­sum und "Par­ty & Bull­shit" durch­ge­hend glo­ri­fi­ziert hät­te. Dass die neue Plat­te jetzt die­sen kon­kre­ten Titel "Abge­sän­ge" trägt, hat auch mit Ereig­nis­sen in mei­nem Leben zu tun – ver­bun­den mit einer sehr exzes­si­ven Pha­se, in der vie­le Kon­zep­te des Albums ent­stan­den sind. Die Aus­ar­bei­tung ist dann eher in der Kathar­sis von­stat­ten­ge­gan­gen. Man sieht auch ein­fach, dass man älter wird.

MZEE​.com: Dein letz­tes Album "Dra­ma kon­kret" erschien 2011. Woher kam die Moti­va­ti­on bezie­hungs­wei­se der Wunsch, jetzt wie­der eine Solo­plat­te zu machen?

Hiob: Erst mal war ich ja jah­re­lang vor allem mit Dilem­ma sehr viel unter­wegs und habe auch viel Musik gemacht. So ab Mit­te 2015 war bei mir ein biss­chen die Luft raus und ich war etwas unin­spi­riert. Dann hab' ich mit Pierre Sona­li­ty noch die "Die Zampanos"-LP gemacht, das war ein lan­ge geplan­tes Pro­jekt. Par­al­lel schrei­be ich eigent­lich immer an Solo­ge­schich­ten. Jetzt hat­te sich irgend­wie viel Stoff ange­sam­melt und ich hat­te wie­der etwas zu erzäh­len.

MZEE​.com: Du hast gera­de erwähnt, dass du in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vor allem mit Mor­lockk Dilem­ma Musik gemacht hast. Auch eure Sti­le sind ver­gleich­bar. Wodurch unter­schei­det sich denn ein Hiob-​Soloalbum von einem Hiob & Dilemma-​Projekt?

Hiob: Ich den­ke, dass wir auf den Kollabo-​Platten immer ver­su­chen, das gro­ße Gan­ze zu umrei­ßen. Da geht es auch um gesell­schaft­li­che The­men. Ein Solo­al­bum ist ein­fach pri­va­ter, das ist bei Dilem­ma ver­mut­lich genau­so wie bei mir.

MZEE​.com: Dilem­ma ist auf "Abge­sän­ge" drei­mal als Fea­ture ver­tre­ten, auf der Tour dabei und küm­mert sich auch um dei­ne Label-​Angelegenheiten. Denkst du, dass du ohne dei­nen "Part­ner in Crime" über­haupt noch Lust auf die­se gan­ze Musik­cho­se hät­test?

Hiob: Dilem­ma ist natür­lich nicht nur mein musi­ka­li­scher Part­ner und Freund, son­dern küm­mert sich – wie du gesagt hast – auch um alles beim Label, die Pro­mo und so wei­ter. Um die­se Sachen möch­te ich mich als Künst­ler ein­fach nicht küm­mern. Ich geh' ja auch noch arbei­ten et cete­ra. Ich möch­te schrei­ben und Beats machen. Wenn es nur nach mir gin­ge, wür­de ich mich mit dem gan­zen Drum­her­um gar nicht befas­sen. Es inter­es­siert mich nicht und ich habe da kei­nen Hang zur Selbst­dar­stel­lung.

MZEE​.com: Unge­ach­tet von Label-​Verbandlungen und so wei­ter gehört Dilem­ma aber selbst bei einer Hiob-​Soloplatte und Tour schon ein­fach dazu, oder?

Hiob: Natür­lich. Die Kollabo-​Alben mit ihm haben für mich auch den­sel­ben Stel­len­wert wie ein Solo­re­lease, wenn nicht sogar einen teil­wei­se höhe­ren. Es ist ja nicht so, dass ich bei unse­ren Alben gro­ße Kom­pro­mis­se ein­ge­hen müss­te. Sti­lis­tisch sind wir eh auf einer Wel­len­län­ge. Inso­fern hat es sich für mich auch nie so ange­fühlt, als wäre ich irgend­wie weg gewe­sen, weil ich sie­ben Jah­re lang kein Solo­al­bum releast habe. In der äuße­ren Wahr­neh­mung kann das natür­lich anders sein.

MZEE​.com: Spre­chen wir über "Abge­sän­ge". Mir war schon beim Hören des ers­ten Tracks klar: Ich bekom­me hier genau das, was ich von Hiob erwar­te. Der Track "Alles wie immer" greift dies sogar direkt zu Beginn des Albums auf. Ist es dir wich­tig, dir selbst so treu zu blei­ben?

Hiob: Also, das ist defi­ni­tiv kei­ne Kal­ku­la­ti­on. Es ist ein­fach die Musik, die ich machen möch­te. Natür­lich hast du als Künst­ler musi­ka­lisch einen roten Faden. Es gibt zwar auch Beats mit 'ner 808 drin, über die ich ger­ne rap­pe, aber das hät­te ein­fach nicht auf das Album gepasst. Trotz­dem wür­de ich sowas für die Zukunft nicht aus­schlie­ßen. Für das Album habe ich eben auf bestimm­te Loops und Beats geschrie­ben, so ist die­ses Sound­bild ent­stan­den. Das ist wahr­schein­lich auf irgend­ei­ne Art und Wei­se "kon­ser­va­tiv", aber ich habe nicht dar­auf geach­tet, nie­man­den aus der Hörer­schaft zu ver­prel­len. Es ist ein­fach die Musik, die ich selbst ger­ne höre. Gleich­zei­tig zitie­re ich mich natür­lich auch mal selbst und neh­me in den Songs Bezug auf älte­re Tracks, also gehört das in mei­nem Text­uni­ver­sum irgend­wie schon alles zusam­men. Aber es ent­steht nichts am Reiß­brett.

MZEE​.com: Ele­men­te wie die Sam­ple­aus­wahl und Film­zi­ta­te fin­den sich bei dir bei­spiels­wei­se immer wie­der …

Hiob: Auf dem Album sind gar kei­ne Film­zi­ta­te. (grinst) Das sind tat­säch­lich Tex­te, die ich geschrie­ben und von einem Schau­spie­ler habe ein­spre­chen las­sen.

MZEE​.com: Ich war mir sicher, es sei­en Zita­te aus sehr alten Fil­men gewe­sen, die ich nie gese­hen habe.

Hiob: Dann haben wir alles rich­tig gemacht, so soll­te es auch klin­gen. Ich habe ja eine gewis­se Vor­stel­lung davon, was gesagt wer­den soll. Da habe ich mir die­ses Mal ein­fach gedacht: Wie­so soll ich nach den Zita­ten suchen, wenn ich die Sachen auch selbst schrei­ben kann? Dann brauch­te ich eben noch einen guten Spre­cher, der die Sachen so klin­gen las­sen kann, wie sie klin­gen sol­len. Auf dem Album spricht die Skits übri­gens Mike Fic­tion, der ist ja auch kein Unbe­kann­ter.

MZEE​.com: Krass, ich hab's nicht erkannt.

Hiob: Das freut mich. (grinst) Wir haben auch fast gar nicht sound­tech­nisch dar­an rum­ge­wer­kelt, er ist ein­fach ein guter Spre­cher. Sol­che "Spo­ken Word"-Akzente gab es ja auch auf "Dra­ma Kon­kret". Ich dach­te zuerst dar­an, die Skits selbst ein­zu­spre­chen. Aber die Tex­te sind so iro­nisch und selbst­be­weih­räu­chernd. Es hät­te sich etwas komisch ange­fühlt, so eine Ode auf sich selbst ein­zu­spre­chen.

MZEE​.com: Apro­pos "Spo­ken Word": Dein Vater war Schrift­stel­ler. Hat dich das dahin­ge­hend beein­flusst, selbst lyrisch aktiv zu wer­den?

Hiob: Ich hat­te gar nicht so viel Kon­takt zu mei­nem Vater. Wenn über­haupt, dann ist es viel­leicht ein unter­be­wuss­ter Fak­tor, dass man irgend­et­was bewei­sen will oder Sons­ti­ges. In der Schu­le sind natür­lich auch Leu­te auf einen zuge­kom­men, die einen dar­auf ange­spro­chen haben. Viel­leicht hat es eine Rol­le gespielt, aber mir hat mein Vater nie Gedich­te vor­ge­le­sen oder so. Ich war zwar immer von Spra­che und Lite­ra­tur umge­ben, aber gera­de Rap wur­de eher von außen an mich her­an­ge­tra­gen.

MZEE​.com: Als Rap­per machen dich neben dei­nem Flow und der Sound­äs­the­tik aber gera­de die Wort­wahl und die Bild­spra­che aus. Du benutzt ande­re Begrif­fe als die meis­ten in der Sze­ne.

Hiob: Ich samm­le ein­fach sehr vie­le Wor­te und Halb­sät­ze um der Ästhe­tik Wil­len. Das ist so ein Spleen und etwas Nerd­tum. Eine Zeit lang hab' ich auch rela­tiv viel gele­sen, in letz­ter Zeit lei­der nicht mehr so.

MZEE​.com: Bei Face­book pos­test du häu­fi­ger Tracks von Künst­lern, die aus der düs­te­ren, ame­ri­ka­ni­schen Boom bap-​Ecke kom­men. Fei­erst du es eher, wenn Künst­ler ihrem Sound treu blei­ben, statt sich ste­tig neu zu erfin­den?

Hiob: Also, wenn die Neu­erfin­dun­gen von Künst­lern bei jeder Plat­te dope sind, dann habe ich damit kein Pro­blem. Mir fällt aller­dings gera­de kein Bei­spiel dafür ein. Ich will jetzt auch kei­ne Lan­ze für die Sta­gna­ti­on bre­chen. Aber ich den­ke, dass Künst­ler und ihre Musik immer bes­ser wer­den, wenn sie ihren Stil aus­fei­len. Mir fal­len eigent­lich nur Nega­tiv­bei­spie­le dafür ein, dass Musi­ker ihren Stil radi­kal geän­dert haben. Sei­en es Nas oder Wu-​Tang. Da war es kein Gewinn, die Sound­äs­the­tik zu erneu­ern.

MZEE​.com: Auch wenn du dir von der all­ge­mei­nen Sound­äs­the­tik her treu geblie­ben bist, mei­ne ich, bei der aktu­el­len Plat­te eini­ge neue Ein­flüs­se aus­ge­macht zu haben. In eini­gen Beats kom­men bei­spiels­wei­se Gitar­ren­ele­men­te vor. Wel­che Musik hat dich wäh­rend der Ent­ste­hung des Albums inspi­riert?

Hiob: Tat­säch­lich hät­te ich frü­her nie eine E-​Gitarre ges­am­plet, auf der neu­en Plat­te sind, glau­be ich, zwei ent­spre­chen­de Sam­ples. Inso­fern bin ich da musi­ka­lisch wohl etwas offe­ner gewor­den. Zwi­schen­zeit­lich habe ich sogar Coun­try gehört, aller­dings den mit den har­ten, kon­kre­ten Tex­ten, die es ja in den USA durch­aus gibt. Ich hab' auch viel Psy­che­de­lic Rock gehört. Das ganz ursprüng­li­che Sound­kon­zept ging noch viel mehr in die­se Psych-​Rock-​Richtung, fast 90 Pro­zent der Sam­ples kamen aus der Ecke. Davon bin ich dann etwas abge­kom­men, aber es war tat­säch­lich so der Grund­ge­dan­ke. Ansons­ten hab' ich ziem­lich viel gehört, das Album ist ja unge­fähr inner­halb von ein­ein­halb Jah­ren ent­stan­den. Rap­mä­ßig habe ich viel Con­way, The Machi­ne, Ben­ny The But­cher und Alchemist-​Produktionen gehört, eher so düs­te­re Sachen. Das ist in mei­ner Wahr­neh­mung auf der Plat­te gar nicht so durch­ge­schla­gen. Am Ende habe ich dann auch viel 80s-​Kram gehört. Das Album ist sound­tech­nisch ja auch breit gefä­chert, "Net­tel­beck­platz Blues" ist fast 'ne Dis­co Funk-​Nummer, klas­si­sche ita­lie­ni­sche Library-​Samples sind drauf. Da bin ich auf jeden Fall ziem­lich open min­ded gewor­den.

MZEE​.com: Der Track "Net­tel­beck­platz Blues" ist qua­si eine klei­ne Hym­ne an eben­die­sen. Ich hab' den Platz mal gegoo­gelt, die ers­ten drei Rezen­sio­nen, die mir ange­zeigt wur­den, sind fol­gen­de: "Kein schö­ner Platz, da sit­zen nur Tür­ken und Alkis rum", "Soll­te sau­be­rer sein, sonst ganz nett zum Ver­wei­len", und: "Unan­ge­neh­me Atmo­sphä­re, Döner und Lauf­bier 24/​7, merk­wür­di­ge Gestal­ten." Trifft es das oder wür­dest du die­sen Kom­men­ta­ren etwas ent­ge­gen­set­zen?   

Hiob: Die beschrei­ben eigent­lich das Ber­lin, in dem ich groß­ge­wor­den bin und das ich auch mag, ziem­lich genau. Na ja, "unan­ge­neh­me Atmo­sphä­re" … Für mich ist es eine inspi­rie­ren­de Umge­bung.

MZEE​.com: Im Grun­de sind das ja Kom­men­ta­re mit zumin­dest einem nega­ti­ven Unter­ton. Wie zieht man aus die­ser Umge­bung Inspi­ra­ti­on?

Hiob: Ich weiß nicht … Der Track "Net­tel­beck­platz Blues" ist erst mal ein klei­ner bio­gra­fi­scher Bruch, ich bin ja im Ber­li­ner Osten groß­ge­wor­den. Aller­dings in den 80ern, mit vie­len alko­hol­kran­ken und armen Men­schen, die im Prenz­lau­er Berg gewohnt haben. Für mich sind exis­ten­zi­el­le Geschich­ten die span­nen­de­ren. Wenn ich jetzt in mei­nem alten Bezirk unter­wegs bin, ist alles viel Fas­sa­de. Da geht es nicht mehr um die gro­ßen Fra­gen des Lebens. Die fin­de ich im Wed­ding, in dem ich jetzt schon eine Wei­le woh­ne, eher. Das erin­nert mich mehr an das alte Ber­lin.

MZEE​.com: Bist du des­halb mehr oder weni­ger aus dem Prenz­lau­er Berg geflüch­tet oder wie­so bist du von dort weg­ge­zo­gen?

Hiob: Na ja, die Ent­wick­lung im Prenz­lau­er Berg war ja auf einem nied­ri­gen Niveau schon um die Jahr­tau­send­wen­de abge­schlos­sen. Damals war ich schon viel in Mit­tel­deutsch­land und Leip­zig unter­wegs, sodass sich mein Lebens­mit­tel­punkt immer mehr ver­scho­ben hat. Ich konn­te mich mit der Gegend dann ein­fach nicht mehr so gut iden­ti­fi­zie­ren.

MZEE​.com: Du hast den Prenz­lau­er Berg auch oft in dei­nen Tex­ten erwähnt. Ver­misst du das alte Vier­tel?

Hiob: Mei­ne Erin­ne­run­gen hän­gen ja mit der ver­gan­ge­nen Zeit und auch mei­nem dama­li­gen Alter zusam­men. Ich weiß nicht, ob ich noch mal 16 sein und die Erfah­run­gen erneut machen wol­len wür­de, was ja damit zusam­men­hängt. Ich sehe, dass Din­ge in Bewe­gung sind, wie es immer im Leben ist. Das betrifft ja nicht nur Ost­ber­lin, son­dern immer mehr auch den Wes­ten. Kei­ne Ahnung, wie sich das ent­wi­ckeln wird. Die sozia­len Aspek­te fin­de ich schon nega­tiv. Es bil­den sich sehr homo­ge­ne Stadt­tei­le her­aus, in denen du nur einen bestimm­ten Men­schen­schlag antriffst, was irgend­wann eine Ghet­toi­sie­rung zur Fol­ge haben kann. Das ist sicher­lich kri­tisch zu sehen. Aber so, wie ich jetzt in Wed­ding woh­ne, könn­te ich wohl auch in Leip­zig oder Ham­burg leben. Ich bin nicht wirk­lich an einen Ort gebun­den. Mit einem Track wie dem "Net­tel­beck­platz Blues" schwen­ke ich auch nicht die Fah­ne für den Wed­ding, son­dern beschrei­be ein­fach mein Lebens­um­feld.

MZEE​.com: Du könn­test dir also auch vor­stel­len, aus Ber­lin weg­zu­zie­hen.

Hiob: Ja, klar. Es ist halt die Fra­ge, inwie­fern das wirk­lich pas­siert. Ber­lin ist für mich schon immer eine Hass­lie­be gewe­sen. Wer weiß, wohin es mich irgend­wann ver­schlägt. Viel­leicht ster­be ich auch in Ber­lin, kei­ne Ahnung.

MZEE​.com: Was Ber­lin angeht, spricht es ja aber schon für sich, dass du nach rund 20 Jah­ren Rap auf dei­ner aktu­el­len Plat­te im Jahr 2018 immer noch "Ber­li­ner Geschich­ten" erzäh­len kannst. Das wür­de viel­leicht nicht funk­tio­nie­ren, wenn du aus Castrop-​Rauxel kämst.

Hiob: Das glau­be ich tat­säch­lich nicht. Ich den­ke, dass du aus dem Ort, in dem du groß wirst, immer etwas machen kannst. Natür­lich wäre es anders. Mich wür­den auch ande­re Plat­ten inter­es­sie­ren. Aktu­ell sind ja alle in Ber­lin und erzäh­len ähn­li­che Geschich­ten über ähn­li­che Orte. Eine Plat­te aus Güs­trow, Baut­zen oder Ost­fries­land wäre bestimmt auch inter­es­sant. Es ist ja fast schon der Kern von Lyrik, aus wenig viel zu machen. Du kannst auch einen Baum auf Alb­um­län­ge beschrei­ben.

MZEE​.com: Spre­chen wir trotz­dem noch kurz über Ber­lin: Was macht dei­ne Hei­mat­stadt heu­te für dich aus?

Hiob: Es ist auf jeden Fall sehr, sehr voll gewor­den. Ber­lin ist ein­fach ein Magnet für vie­le Leu­te aus der gan­zen Welt, ich hat­te jetzt auch eine Zeit lang einen fran­zö­si­schen Mit­be­woh­ner. Es ist sehr auf­ge­regt, alle müs­sen auf merk­wür­di­ge Wei­se irgend­et­was dar­stel­len und hip sein. Die­se Atti­tü­de fin­de ich unan­ge­nehm, die ist aber auch nur dort prä­sent, wo der gan­ze Tou­ris­mus und das Highli­fe statt­fin­den. Du hast natür­lich auch immer noch das ver­penn­te Ber­lin. Das Ber­lin, in dem ich groß­ge­wor­den bin, war immer ziem­lich ver­ka­tert und das hing nicht nur mit mei­nem Zustand zusam­men, vor allem als Kind nicht. Es war frü­her alles ein biss­chen ent­spann­ter, fin­de ich.

MZEE​.com: Du lässt auf dem Album immer wie­der Kri­tik am bür­ger­li­chen Leben auf­blit­zen. Da geht es bei­spiels­wei­se um den jun­gen Mann, "der das Gewand der Gos­se abge­streift hat, um im Hams­ter­rad der Bana­li­tät zu leben". Hast du das Gefühl, dass das auf immer mehr Men­schen zutrifft?

Hiob: Das ist natür­lich auch eine iro­ni­sche For­mu­lie­rung, die sich vor allem auf mich selbst als Kunst­fi­gur bezieht. Ich weiß nicht, ob die­ses Hams­ter­rad für mich der pas­sen­de Lebens­ent­wurf ist, will es aber ande­ren nicht abspre­chen, dass sie ihr Glück in die­sen Struk­tu­ren fin­den. Ich mei­ne damit vor­der­grün­dig die­ses "Täg­lich grüßt das Murmeltier"-Leben und die vie­len Bana­li­tä­ten, mit denen sich Men­schen in die­sem Zusam­men­hang beschäf­ti­gen. Ich bin ja auch noch ab und zu in mei­ner "alten Hei­mat". Dort ist schon alles sehr neu­ro­tisch. Ich den­ke, wo die Leu­te kei­ne Pro­ble­me haben, machen sie sich wel­che.

MZEE​.com: Hast du es denn dei­ner Mei­nung nach geschafft, die­sem Hams­ter­rad zu ent­kom­men?

Hiob: Puh. Also, ich befin­de mich auf jeden Fall nicht im Hams­ter­rad. Ich habe ja die Mög­lich­keit, zu sagen, dass ich heu­te arbei­ten und mor­gen auf Tour gehe. Das ist natür­lich auch eine Luxus­po­si­ti­on. Vie­le haben nicht die Mög­lich­keit, auf ihren Nine-​to-​five-​Job zu ver­zich­ten. Also habe ich eine Men­ge Glück gehabt. Ande­rer­seits ist so eine Exis­tenz ohne Netz und dop­pel­ten Boden auch nicht ein­fach. Zusam­men­fas­send lässt sich sagen: Der Hust­le ist hart, aber irgend­wie klappt es immer. Es war finan­zi­ell nie ein­fach, aber es muss auch nicht immer alles ein­fach sein.

MZEE​.com: Wenn wir über Bana­li­tät und Hams­ter­rä­der spre­chen: Was erfüllt dich im Leben?

Hiob: Ich glau­be, es ist tat­säch­lich das Schrei­ben. Das ist die wich­tigs­te Kon­stan­te für mich. Ers­tens bedeu­tet es, sich ste­tig aktiv zu reflek­tie­ren. Und zwei­tens schaffst du etwas, das Bestand hat. Sobald du etwas auf­ge­nom­men hast, ist es mani­fes­tiert. Wenn ich zum Bei­spiel auf der Arbeit als Hand­wer­ker irgend­was baue, ist das oft eine tem­po­rä­re Geschich­te oder etwas, mit dem ich im Nach­hin­ein nichts mehr zu tun habe. Man ver­dient halt Geld, das man wie­der aus­gibt. Und für mich hat Geld kei­nen beson­ders hohen Stel­len­wert, ich sehe kei­nen gro­ßen Sinn dar­in.

MZEE​.com: The­ma­tisch taucht auf "Abge­sän­ge" immer wie­der der Alko­hol­kon­sum auf. Auf dem letz­ten Song heißt es etwa: "Wir haben gesof­fen mit Freund oder Feind, hoben die Glä­ser auf die ver­geu­de­te Zeit. Am Mor­gen wie­der aus allen Wol­ken gefal­len, doch kei­ne Reue, denn heut' sind wir gleich." Hast du dich schon häu­fi­ger in kurio­sen Situa­tio­nen am Knei­pen­tisch wie­der­ge­fun­den?

Hiob: Eine wei­te­re Poin­te zum Album­ti­tel ist, dass ich seit der Abga­be nicht mehr trin­ke. Inso­fern ist es auch ein Abge­sang auf den Alko­hol an sich. (lacht) Gera­de die­se Ver­hal­tens­wei­sen habe ich also durch­aus geän­dert. Wir hat­ten mal eine Stamm­knei­pe in einer Zeit, in der ich sehr viel gear­bei­tet habe. Da war der Rhyth­mus: sechs Uhr auf­ste­hen, bis 18 Uhr arbei­ten und danach in die Knei­pe. Da gab es teil­wei­se sehr gro­tes­ke Kon­stel­la­tio­nen. Dort ver­kehr­te eben das gesam­te gesell­schaft­li­che Spek­trum, das zu die­sem Zeit­punkt im Prenz­lau­er Berg gewohnt hat. Außer­dem war es ein offe­nes Geheim­nis, dass die Knei­pe ein Umschlag­platz für Koka­in war. Somit saßen da nachts auch CDU-​Politiker am Tisch. (grinst) Da saß die Kampf­les­be neben dem ver­kapp­ten CDU-​Nazi und irgend­wel­chen Antifa-​Leuten. Das war schon ein span­nen­des Zusam­men­tref­fen von Leu­ten, die um fünf Uhr mor­gens alle irgend­wie gleich erbärm­lich aus­sa­hen. Das war auch immer eine Inspi­ra­ti­ons­quel­le. Es ist auf jeden Fall gro­tesk, sich nachts mit Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten zu unter­hal­ten, die in dei­ner Knei­pe offen­sicht­lich Dro­gen kau­fen.

MZEE​.com: Auch wenn du den Kon­sum und den Lebens­stil durch­aus kri­tisch beleuch­test, hast du auch ein Talent dafür, die­se Knei­pen­äs­the­tik sehr melancholisch-​romantisierend dar­zu­stel­len. Was meinst du, woher die­se gesell­schaft­li­che Begeis­te­rung für den gemein­sa­men Alko­hol­kon­sum stammt?

Hiob: Das ist auf jeden Fall alles nicht ganz unpro­ble­ma­tisch. Ich mache mir auch schon Gedan­ken dar­über, ob man Alko­hol teil­wei­se glo­ri­fi­ziert hat. Wenn du dir die jun­ge Genera­ti­on ansiehst, die sich kom­plett weg­schießt, wie man es ja auch selbst gemacht hat … Viel­leicht wäre es sinn­voll, da mal ein­zu­ha­ken. Trotz­dem den­ke ich, wie gesagt, dass ich auch immer die nega­ti­ven Aspek­te betont habe. Aber an sich glau­be ich sogar, dass die­se gesell­schaft­li­che Bedeu­tung von Alko­hol etwas vom Aus­ster­ben bedroht ist oder war. Frü­her war es so, dass sich Men­schen unab­hän­gig von ihrem sozia­len Back­ground dadurch gleich­ge­macht haben. Zumin­dest in Ber­lin haben eben alle Men­schen zusam­men getrun­ken. Jetzt hast du halt irgend­wel­che Cock­tail­bars. Die Leu­te sit­zen eher nicht mehr zusam­men und eigent­lich wäre es ja sogar wich­tig, dass sie sich mit­ein­an­der unter­hal­ten.

MZEE​.com: Tat­säch­lich kann so eine Knei­pen­ge­mein­schaft – wenn auch nur für einen Abend – in einer Gesell­schaft, die immer wei­ter aus­ein­an­der­drif­tet, ver­mut­lich auch etwas Gutes sein. Obwohl es die Pro­ble­ma­tik des Alko­hol­kon­sums gibt.

Hiob: Ja, ich den­ke auch, dass es irgend­wie eine sozia­le Ein­rich­tung ist. Viel­leicht war oder ist die auch wich­tig. Aber ich will es eben auch nicht über­ro­man­ti­sie­ren. Das Wort "Stamm­tisch" hat nicht ohne Grund einen nega­ti­ven Bei­geschmack. Ich will es gar nicht so ein­deu­tig wer­ten. Mei­ne Erfah­run­gen hän­gen, glau­be ich, auch ein­fach mit Ber­lin zusam­men. Viel­leicht ist das in Nürn­berg oder Frei­burg anders. Im Wed­ding kannst du auch jetzt noch nachts in der Knei­pe mit zwei Rus­sen, drei Paki­sta­nis und 'ner Oma über Reli­gi­on reden.

(Alex­an­der Hol­len­horst)
(Fotos von Jero­me Reich­mann)