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Interview

Anna Fröhlich und Steffen Krüger – ein Gespräch über die Veranstaltungsbranche

"Live­kon­zer­te sind mein Leben. Kein Virus der Welt bringt mich aus der Bran­che raus." – Stef­fen Krü­ger, Geschäfts­füh­rer des Ska­ters Palace, und Anna Fröh­lich, Ver­an­stal­te­rin bei Polar­kon­zer­te, im Inter­view über die Bran­che und die Aus­wir­kun­gen der Pandemie.

Bei der Recher­che zu die­sem Inter­view über den Sta­tus quo der Ver­an­stal­tungs­bran­che wur­de ich weh­mü­tig, als ich auf die Start­sei­te von Even­tim schau­te: Hier flim­mer­ten die Promo-​Plakate zahl­lo­ser Ver­an­stal­tun­gen über den Bild­schirm. Guns N' Roses' oder Metal­li­cas Euro­pa­tour­nee, aber auch deut­sche Acts wie Apa­che 207 oder Prinz Pi kann man nun nach drei lan­gen Pandemie-​Jahren end­lich wie­der live und ohne Ein­schrän­kun­gen genie­ßen. Es wirkt, als wür­de die gesam­te Ver­an­stal­tungs­bran­che kol­lek­tiv auf­at­men – und als Konsument:in steht man vor der Qual der Wahl: Auf wel­ches Kon­zert möch­te man wann gehen und wel­ches muss man auf­grund der vie­len Mög­lich­kei­ten ver­pas­sen? Der ein­zi­ge Wer­muts­trop­fen sind die Prei­se, die sofort ins Auge sprin­gen. Muss das denn so teu­er sein?! Ja, lei­der, wie ich im Inter­view mit Anna Fröh­lich, Ver­an­stal­tungs­lei­te­rin bei Polar­kon­zer­te, und Stef­fen Krü­ger, Geschäfts­füh­rer und Betrei­ber des Ska­ters Palace in Müns­ter, erfuhr. Die Grün­de für die Preis­stei­ge­rung sind viel­schich­tig und nur das ers­te Erken­nungs­merk­mal eines viel tie­fe­ren, struk­tu­rel­len Pro­blems in der Ver­an­stal­tungs­bran­che. Gemein­sam spra­chen wir über die ver­gan­ge­nen Jah­re und den Sta­tus quo einer Indus­trie, die immer noch grö­ße­re Pro­ble­me hat, als es der ers­te Anschein vermittelt. 

MZEE​.com: Wir wol­len heu­te über den Sta­tus quo der Ver­an­stal­tungs­bran­che spre­chen. Könnt ihr kurz skiz­zie­ren, was die ent­schei­den­den Schrit­te sind, die es braucht, damit man Künstler:innen live erle­ben kann? Was sind die wich­tigs­ten Auf­ga­ben von Veranstalter:innen oder Location-Betreiber:innen?

Anna Fröh­lich: Zuerst bekom­me ich "The­men", also Kon­zert­rei­hen, Fes­ti­vals, Comedy-​Gigs und so wei­ter, von einer Booking-​Agentur zuge­wie­sen. Dann wer­den vie­le Din­ge mit eben­je­ner Agen­tur abge­steckt: Ist das The­ma eher für jün­ge­re Leu­te oder eine älte­re Ziel­grup­pe? Wel­che Kapa­zi­tät hat man sich vor­ge­stellt? Was ist der Preis des The­mas und han­delt es sich dabei um ein rei­nes Akustik-​Duo, einen DJ, eine kom­plet­te Band oder wie ist der gro­be Rah­men? Wenn die­se Fra­gen geklärt sind, einigt man sich recht schnell auf eine Loca­ti­on, sagt "Yes, Ska­ters Palace in Müns­ter, das ist der place to be!" und geht auf die Loca­ti­on mit dem abge­steck­ten Zeit­rah­men der Tour zu, um Ter­mi­ne fest­zu­ma­chen. Dann bekommt man von dem:der Inhaber:in, hier also Stef­fen, hof­fent­lich schnell eine Ant­wort. (lacht)

Stef­fen Krü­ger: Genau! Im letz­ten hal­ben Jahr war die sogar sehr schnell: Alles voll. (grinst) In der Regel gibt es dann einen Ter­min für den:die Veranstalter:in und man beginnt mit der Orga­ni­sa­ti­on. Rider (Anm. d Red.: "Rider" sind Anfor­de­rungs­lis­ten an jede Loca­ti­on, die für einen opti­ma­len Ablauf erfüllt wer­den müs­sen) für Musik, Cate­ring und Ähn­li­ches wer­den bear­bei­tet …  Es wird alles in die Wege gelei­tet, dass sich jeder bei uns ent­spre­chend wohlfühlt.

Anna Fröh­lich: Für mich ist im Zwi­schen­schritt auch die Ver­öf­fent­li­chung wich­tig. Wenn ein The­ma kon­tin­gen­tiert ist, wir also wis­sen, wie vie­le Leu­te dabei sein kön­nen und die Prei­se kal­ku­liert sind, geben wir es in den Vor­ver­kauf. Dann machen wir Wer­bung über Social Media, Pla­ka­tie­rung und wei­te­re Mög­lich­kei­ten, bevor es in die Vor­pro­duk­ti­on geht. Da kommt dann Stef­fen als Club­be­trei­ber wie­der ins Spiel und idea­ler­wei­se ist alles final, wenn der Ver­an­stal­tungs­tag vor der Tür steht.

MZEE​.com: In vie­len Fäl­len star­tet der Vor­ver­kauf über gro­ße Ticketing-​Websites wie Even­tim oder Ticket­mas­ter, die eine kla­re Mono­pol­stel­lung in der Live­bran­che inne­ha­ben, spe­zi­ell die CTS Even­tim AG im deutsch­spra­chi­gen Raum. Was machen sol­che Unter­neh­men genau und wel­chen Anteil haben sie an der deut­schen Konzertkultur?

Anna Fröh­lich: Ich kann von unse­rer Fir­ma behaup­ten, dass wir ein unge­bun­de­ner, frei­er Ver­an­stal­ter aus Mün­chen sind. Wir haben ent­spre­chend auch kei­ne Ver­trä­ge mit gro­ßen Ticket­sys­te­men, in denen wir uns ver­pflich­ten, den Vor­ver­kauf über die­se Por­ta­le ein­zu­rich­ten. Da kommt es auf Produktions- und Ver­an­stal­tungs­sei­ten natür­lich zu Mehr­kos­ten, weil auch die­se Unter­neh­men an Kon­zer­ten etwas ver­die­nen müs­sen. Man kommt an die­sem gro­ßen Sys­tem recht schwer vor­bei, auch wenn es mit Kras­ser Stoff oder Merch­cow­boy klei­ne­re Sys­te­me gibt, mit denen man ver­sucht, dies aus­zu­glei­chen. Das gestal­tet sich natür­lich sehr schwie­rig auf­grund der enor­men Markt­macht die­ser rie­si­gen Kon­zer­ne. Dahin­ter ste­hen eben rie­si­ge und gro­ße The­men. Wir bekom­men nicht die Chan­ce, die­se zu ver­an­stal­ten, da sie an gro­ße Part­ner gebun­den sind, was schon ein wenig unge­recht ist.

MZEE​.com: Was genau meinst du mit den Unge­rech­tig­kei­ten, die dei­ner Mei­nung nach von die­sen gro­ßen Fir­men ausgehen?

Anna Fröh­lich: Spe­zi­ell die­se bei­den Fir­men ste­hen hin­ter gro­ßen Fes­ti­vals und haben die Mit­tel, dort inter­na­tio­nal bekann­te Acts für Headliner-​Slots zu buchen. Dadurch ent­steht eine Ver­bind­lich­keit, mit der man auch eine kom­plet­te Tour für die­se Künstler:innen ver­an­stal­ten kann. Dabei arbei­tet ein Kon­zern mit fes­ten Part­nern in den ein­zel­nen Städ­ten, die die­se gro­ßen The­men für sie aus­rich­ten dür­fen. Damit ein­her geht der Irr­glau­be, dass ich immer Gewinn mache, wenn ich ein Kon­zert aus­rich­te. Wir spre­chen hier von einem kom­mer­zi­el­len, wenig sub­ven­tio­nier­ten Bereich, bei dem es sehr schwer ist, Gewinn zu erwirt­schaf­ten – vor allem ein Gewinn, der eine kom­plet­te Fir­ma trägt. Das macht Sinn ab Kapa­zi­tä­ten von 1 500, mitt­ler­wei­le eher 2 000 Tickets. Alles dar­un­ter ist finan­zi­ell gese­hen irrele­vant. Daher sind inter­na­tio­na­le Acts, wie die Foo Figh­ters, Machi­ne Gun Kel­ly oder wie sie alle hei­ßen, rele­vant. Dort ent­ste­hen die gro­ßen Gewin­ne. Wenn die­se Acts aber alle­samt bei den gro­ßen Kon­zer­nen blei­ben, ist das ein Pro­blem für klei­ne­re Veranstalter:innen.

Stef­fen Krü­ger: Aus mei­ner Sicht sieht das noch mal etwas anders aus. Wir als Ska­ters Palace machen kaum noch eige­ne Ver­an­stal­tun­gen und jede:r Veranstalter:in, mit dem:der wir arbei­ten, geht sei­nen eige­nen Weg. Mei­ne Mei­nung ist, dass für Gäs­te das bes­te Ergeb­nis erzielt wer­den muss – also der bil­ligs­te Ticket­preis wird anvi­siert, trotz einer mög­li­chen Vor­ver­kaufs­ge­bühr. Das ist für mich als Venue-​Betreiber aber gar nicht steu­er­bar und wir sehen auch vie­le ver­schie­de­ne Herangehensweisen.

Anna Fröh­lich: Das Pro­blem ist auch, dass der oder die "unwis­sen­de" Kund:in auf Goog­le nach Tickets sucht und dort zual­ler­erst – neben Viago­go, aber das ist noch mal ein ganz ande­res The­ma (grinst) – bei­spiels­wei­se CTS Even­tim oder ande­re gro­ße Platt­for­men fin­det. Dabei könn­te er:sie Tickets über die Band-​Seite oder ande­re Optio­nen viel­leicht sogar bil­li­ger krie­gen. Das sehen wir ganz oft: Selbst wenn wir wie bei bekann­ten Pop- oder HipHop-​Themen bei­spiels­wei­se ein gro­ßes Kon­tin­gent über Kras­ser Stoff anbie­ten, kau­fen die meis­ten wei­ter­hin bei "den Gro­ßen" – obwohl die Tickets durch Buchungs­ge­bühr und Ver­sand weit­aus teu­rer sind.

MZEE​.com: Sind die Buchungs­ge­büh­ren von even​tim​.de bei­spiels­wei­se ein Grund, war­um Ticket­prei­se in den letz­ten Jah­ren deut­lich teu­rer wurden? 

Stef­fen Krü­ger: Da gibt es vie­le wei­te­re Grün­de. Von der Venue aus muss man beden­ken, dass der Min­dest­lohn ange­stie­gen ist und die Ener­gie­kos­ten in die Höhe schnel­len. Das sind ech­te Unsum­men. Selbst eine nor­ma­le Pro­duk­ti­on oder gar Night­li­ner vor der Tür – das kannst du nicht mehr kom­pen­sie­ren. Braue­rei­en haben die Prei­se eben­so ange­zo­gen. Um kos­ten­de­ckend zu arbei­ten, müss­test du das 0,3 Liter Bier für sechs Euro anbie­ten. Das bringst du als Gastronom:in nicht übers Herz. Ich habe ges­tern als Restau­rant­be­su­cher sechs Euro für eine Cola bezahlt, das tut weh. (lacht) Was ich damit sagen will: Du musst anders kal­ku­lie­ren. Wenn du Gäs­ten statt­des­sen zwei Euro mehr beim Ticket­preis zumu­test, hast du als Veranstalter:in schon mal mehr Spiel­raum. Da muss man sich annä­hern, was der rich­ti­ge Weg ist. Klar, alles wird teu­rer: Ein Super­markt­ein­kauf kos­tet nicht mehr 50 Euro, son­dern 80. Den Inhalt des Wagens brauchst du aber. Ein Kon­zert­ti­cket ist ein Luxus­gut, des­sen Preis du dir, wenn er mal von 20 auf 30 Euro steigt, nicht leis­ten musst.

Anna Fröh­lich: Von unse­rer Sei­te aus sind aktu­ell die vor Coro­na kal­ku­lier­ten Shows das Haupt­pro­blem. Vie­le Hal­len und Venues sind nicht so kulant, zu sagen, ihr bekommt die vor der Pan­de­mie ver­han­del­ten Prei­se. Es gibt klei­ne­re Clubs, die sich das auch schlicht­weg nicht leis­ten kön­nen. Da sitzt man erst mal auf den Mehr­kos­ten. Von Tarif­kos­ten für Secu­ri­ty oder Sanitäter:innen ganz zu schweigen.

Stef­fen Krü­ger: Ich fin­de, wir sit­zen hier alle im sel­ben Boot: Es kann nicht die Lösung sein, dass die Venue alles an Mehr­kos­ten schluckt. Genau­so wenig kön­nen Veranstalter:innen oder Booker:innen dafür auf­kom­men. Gäs­te müs­sen da mit ins Boot sprin­gen. Für wäh­rend Coro­na gebuch­te Shows die neu­en Prei­se gel­ten zu las­sen, hal­te ich dahin­ge­hend für eine abso­lu­te Unmensch­lich­keit. Das wür­de gar nicht mei­nem Natu­rell ent­spre­chen. Ich möch­te mit jeman­dem über Jah­re gut zusam­men­ar­bei­ten, also höre ich mir sei­ne Pro­ble­me auch genau an und wir fin­den gemein­sam eine Lösung. Ich kann mir das doch auch nicht leis­ten – ich weiß aber, dass das für eine Über­gangs­zeit gilt und hier müss­te jeder mitziehen.

Anna Fröh­lich: Da gibt es so viel Gesprächs­be­darf zwi­schen Betreiber:innen, Agen­tur, Veranstalter:innen … Es gibt Agen­tu­ren, die es nicht ein­se­hen, dass wir die Prei­se erhö­hen müs­sen. Nach dem Mot­to: "Wir haben 2019 Preis XY ver­ein­bart …" Ja, ok, dann blei­ben wir dabei und du hast halt kei­ne Hei­zung. (lacht) Da muss man drin­gend über die Pro­ble­me reden. Wir kön­nen nicht an der Abend­kas­se von jeder und jedem noch mal drei Euro abneh­men, das wird nicht pas­sie­ren. Da müss­ten viel­leicht eher staat­lich sub­ven­tio­nier­te Clubs in die Bre­sche sprin­gen, damit ande­re Hal­len nicht kom­plett plei­te­ge­hen, weil sie Shows zu alten Kon­di­tio­nen fahren.

MZEE​.com: Das sind bekannt­lich alles Nach­wir­kun­gen der Pandemie-​Hochphase, in der gar kei­ne oder nur weni­ge Kon­zer­te mit hohen Ein­schrän­kun­gen statt­fin­den konn­ten. Sprin­gen wir doch mal chro­no­lo­gisch in den März 2020: Was war eure ers­te Reak­ti­on auf den Lock­down? Und mit wel­chen Maß­nah­men habt ihr ver­sucht, euch über Was­ser zu halten? 

Stef­fen Krü­ger: Mein ers­ter Gedan­ke war: Du hast einen Laden und der Kos­ten­ap­pa­rat muss sofort auf null geschraubt wer­den. Lock­down heißt für uns: alles aus­ma­chen. Du rennst durch die Hal­le, machst Was­ser­häh­ne dicht, ver­sie­gelst Lei­tun­gen und Kabel und am nächs­ten Tag fal­len dir die nächs­ten Din­ge ein. Nach zwei Wochen atmest du das ers­te Mal wie­der. Zu dem Zeit­punkt kom­men dei­ne Mit­ar­bei­ten­den: Wir haben cir­ca 60 Aus­hil­fen, die erst mal kein Geld bekom­men kön­nen. Wie hältst du die­ses Team zusam­men? Wir haben ver­sucht, da schnellst­mög­lich zu reagie­ren – und das neben mei­nen Fix­kos­ten. Ich habe eine Frau und drei Kin­der. Mir ging der Arsch auf Grund­eis. Fei­er­abend. Und die­se Feierabend-​Situation hat­te ich gera­de eben wie­der. Wir haben die letz­ten Mona­te abge­ris­sen – bei­spiels­wei­se mit 28 Shows im Okto­ber – und da rennst du wie mit Scheu­klap­pen durch. Daher habe ich erst im Janu­ar rea­li­siert, dass all mei­ne lau­fen­den Ver­trä­ge mit Zulie­fe­rungs­un­ter­neh­men aus­ge­lau­fen sind. Mein Laden war auf Reset, ein­fach auf null.

Anna Fröh­lich: Das ist ein wirk­lich tie­fes The­ma: Man kam in Situa­tio­nen, über die man nie­mals vor­her nach­ge­dacht hät­te. Ich wur­de damals in Kurz­ar­beit geschickt, was die Fra­ge auf­warf, wer über­haupt die gan­zen Shows ver­legt oder absagt. Wer sagt Kund:innen und Hal­len Bescheid und vor allem: Wer geht ans Tele­fon? Es haben gefühlt Mil­lio­nen von Men­schen ange­ru­fen und woll­ten wis­sen, was mit ihrem 17,50 Euro-​Ticket ist. Was weiß ich denn?! Nicht ein­mal die Regie­rung wuss­te, was Pha­se ist, woher dann ich? Und über­haupt: Wie geht es mit mir selbst wei­ter? Wie lan­ge machen wir das mit? Anfangs haben wir Shows vom März 2020 in den Juni 2020 ver­scho­ben. Wie absurd rück­bli­ckend. (lacht) Die­ses Jahr im Novem­ber fin­det unse­re letz­te Show von den Corona-​Verlegungen statt. Die wur­de inzwi­schen vier Mal ver­scho­ben und wäre zu Beginn in einem Club gewe­sen, den es inzwi­schen nicht ein­mal mehr gibt! Vie­le Hal­len gibt es nicht mehr. Vie­le Kon­tak­te und Leu­te sind nicht mehr in der Bran­che, weil sie kei­nen Bock mehr hat­ten. Solo-​Selbstständige, auf die du dich jah­re­lang ver­las­sen konn­test – alle weg. Mal abge­se­hen von der psy­chi­schen Lage. Bei dir, Stef­fen, ist das noch mal kras­ser mit drei Kin­dern und Frau, aber auch ich saß zu Hau­se und wuss­te nicht, wie es wei­ter­geht. Mei­ne Mama hat sich tie­ri­sche Sor­gen gemacht. All ihre Kin­der arbei­ten im Hotel-, Gastro- oder Kon­zert­be­reich. Sie hat uns zwi­schen­drin gefragt, ob sie für uns kochen oder waschen soll. (lacht) Das ist ein wahn­sin­nig übles Gefühl – und für die Solo-​Selbstständigen war es noch schlim­mer. Die wuss­ten über­haupt nicht, wie ihnen geschieht. Plötz­lich kamen dann Sofort­hil­fen, die man aber nicht aus­ge­ben durf­te, weil sie nur für Betriebs­aus­ga­ben gelten.

Stef­fen Krü­ger: Eben! Was haben Selbst­stän­di­ge denn für Betriebs­aus­ga­ben? Die haben jetzt alle neu­es Werk­zeug, aber nichts zu fressen.

Anna Fröh­lich: Das ist wirk­lich übel. Wenn Freund:innen dir sagen, sie sind mit ihrem Kon­to 3.000 Euro im Minus und kön­nen die Mie­te nicht zah­len. In einem Sozi­al­staat im Jahr 2021. Das kann doch nicht sein.

Stef­fen Krü­ger: Schön waren da auch die Begeg­nun­gen mit ande­ren. Ich war in den Vor­ort gezo­gen und habe Leh­rer als Nach­barn. Wir hat­ten ab und an eine "Zaun-​Runde", ein gemüt­li­ches Bier­chen mit zwei Metern Abstand zwi­schen den Fami­li­en genie­ßen. Die erzäh­len uns da: "Eigent­lich fin­den wir das total geil. Den gan­zen Tag zu Hau­se bei vol­ler Bezah­lung. Jetzt kön­nen wir das Haus fer­tig­ma­chen!" Da stehst du auch und denkst dir: Cool. Schön für dich. Ich gönn' dir das, aber lass uns über etwas ande­res reden, sonst wird es emotional.

Anna Fröh­lich: Mei­ne Mut­ter woll­te natür­lich, dass ich nach der Schu­le stu­die­re und "etwas Sinn­vol­les, was mit Medi­zin oder so" mache. Ich habe mich damals durch­ge­setzt. Ich habe gesagt, ich wol­le etwas mit Kon­zer­ten machen und habe hart für die­sen Traum gear­bei­tet. Und dann sitzt du da und … hm. Was erzählst du dei­ner Mut­ter dann? Wenn du kei­ne Ahnung hast, wie es wei­ter­ge­hen soll. Ob es über­haupt wei­ter­geht. Trotz aller Peti­tio­nen, der Laut­stär­ke der gesam­ten Bran­che. Wir haben uns igno­riert gefühlt. Mes­sen, Gastro- und Konzert-​Branche – Mil­lio­nen von Men­schen, ein­fach ignoriert.

MZEE​.com: Das ist ein Maß an Exis­tenz­angst, das man sich nicht vor­stel­len möch­te. Ihr habt auch davon gespro­chen, wie vie­le Leu­te die­se Indus­trie des­we­gen ver­las­sen haben. Hat­tet ihr auch Momen­te, in denen ihr aus­stei­gen wolltet? 

Anna Fröh­lich: Man denkt dar­über nach. Es gab Men­schen im Umfeld, die dem psy­chi­schen Druck nicht stand­hal­ten konn­ten. Men­schen, die gebro­chen wur­den und aus die­sem Loch nicht mehr her­aus­kom­men. Wenn du die­se Geschich­ten hörst, möch­test du nicht nur hel­fen, son­dern es ent­steht auch ein wahn­sin­ni­ger Zusam­men­halt. Man hat mit Leu­ten aus der Bran­che Kon­takt gehal­ten und sich Mantra-​artig gegen­sei­tig vor­ge­be­tet, dass alles gut wird. Irgend­wann geht es wei­ter. Dadurch wächst man anein­an­der und mit­ein­an­der. Man erlebt Men­schen, die mit so viel Herz­blut und Lei­den­schaft die­ser Arbeit nach­ge­hen, und mit ihrem Zuspruch hältst du dich selbst in der Bran­che. Das Gefühl, nicht allein zu sein, war wich­tig. Man hat sich Grün­de gesucht, war­um es wei­ter­ge­hen muss. Man muss­te sich an das gei­le Gefühl erin­nern, in eine aus­ver­kauf­te Hal­le vol­ler glück­li­cher Leu­te zu kom­men und zu wis­sen: Man hat hier­an einen Anteil. Ich kann mit mei­nem Gewis­sen nicht ver­ein­ba­ren, dass eine gan­ze Gene­ra­ti­on jun­ger Men­schen das nicht mehr erle­ben könn­te. In Kon­zer­te, in die all mein Herz­blut, mei­ne Kraft, mei­ne Lei­den­schaft geflos­sen sind. Ich woll­te das nie enden sehen. Das war mein Antrieb. Dass jeder wie­der die­sen inne­ren Frie­den genie­ßen kann, ein gei­les Live­kon­zert mit Tau­sen­den ande­ren Men­schen zu erle­ben. Ein ande­rer Grund war die Zeit, die schon rein­ge­flos­sen war. Natür­lich war uns allen bewusst, dass es nie wie­der wie vor der Pan­de­mie wird. Mein per­sön­li­ches Kryptonit-​Thema dies­be­züg­lich ist das Abschluss­kon­zert eines Solo-​Künstlers, der im Lau­fe der Ver­schie­bun­gen auch noch einen absur­den Song pas­send zum The­ma geschrie­ben hat. (lacht) Wir haben die­ses Kon­zert vier Mal vor­pro­du­ziert und ver­legt, bis es im Sep­tem­ber statt­fand. Als die Shows gelau­fen waren, war ich auch völ­lig fer­tig. Sol­che Sisyphos-​Aufgaben hat­te jeder. Auf­ga­ben, in die schon so wahn­sin­nig viel Arbeit rein­floss, dass du sie jetzt auch zu Ende brin­gen willst. Nach dem Mot­to: Das kann nicht alles umsonst gewe­sen sein.

Stef­fen Krü­ger: Für mich stand nie­mals im Raum, ein­fach auf­zu­hö­ren. Was mich in der Bran­che hielt, war mein Team. Ich habe ihnen von Anfang an ver­spro­chen, dass es wei­ter­geht. Ich habe Ende 2020, Anfang 2021 sogar ein sehr gutes Job­an­ge­bot im Event-​Bereich bekom­men, über das ich abends mit mei­ner Frau sprach. Sie mein­te nur zu mir: "Denkst du da gera­de wirk­lich drü­ber nach? Kannst du wirk­lich noch in den Spie­gel schau­en, wenn du das annimmst? Nach­dem dein Team ein Jahr lang für dich da war und es jetzt an der Zeit wäre, für sie da zu sein?" Das war für mich die letz­te Bestär­kung, die ich brauch­te. Da wuss­te ich: Ich kämp­fe. Egal, wie lan­ge es dau­ert, ich wer­de kämp­fen. Zu sehen, wie mein Team funk­tio­niert, wie glück­lich Künstler:innen und Gäs­te in unse­rer Loca­ti­on sind – das gibst du nicht auf. Live­kon­zer­te sind mein Leben. Kein Virus der Welt bringt mich aus der Bran­che raus.

Anna Fröh­lich: Genau das ist es. Machen wir uns nichts vor: Der Job selbst ist stres­sig und schei­ße. Du machst ihn, weil du all das liebst.

Stef­fen Krü­ger: Frag mal mei­ne Frau, wie sie den Job fin­det. Die kotzt, wäh­rend sie mir den Rücken stärkt. (alle lachen)

MZEE​.com: Hele­ne Fischer trat im August 2022 vor 130 000 Fans in Mün­chen auf, ein Welt­star wie Ed Sheeran füll­te weni­ge Wochen zuvor in der glei­chen Stadt das Olym­pia­sta­di­on drei­mal an drei auf­ein­an­der­fol­gen­den Tagen. Als Außen­ste­hen­der ver­mit­teln sol­che Events ein Gefühl, als wür­de die Ver­an­stal­tungs­bran­che wie­der auf­at­men. Was ist die Rea­li­tät und was sind die größ­ten Pro­ble­me, denen ihr euch aktu­ell stel­len müsst? 

Stef­fen Krü­ger: Die Rea­li­tät vom Kon­zert­busi­ness, wie sie 2019 aus­sah, gibt es schlicht­weg noch gar nicht wie­der. Im letz­ten hal­ben Jahr gab es vie­le Shows, ja – aber die No-​Show-​Rate (Anm. d. Red.: Die No-​Show-​Rate bezif­fert die nicht erschie­ne­nen Per­so­nen in Abhän­gig­keit von der maxi­ma­len Teilnehmer:innenzahl) war jeder­zeit ein The­ma, weil die Leu­te wei­ter­hin Angst hat­ten, auf Ver­an­stal­tun­gen zu gehen. Beim Ska­ters Palace pas­sen 1 500 Leu­te rein, wir sind von der Gas­tro­no­mie abhän­gig – wenn dir 500 Leu­te feh­len, dann trägst du die Voll­last der Kos­ten unter 60, maxi­mal 70 Pro­zent der übli­chen Ein­nah­men. Wirt­schaft­lich war das abso­lut nicht rosig.

Anna Fröh­lich: Rückläufer-​Tickets mach­ten es auch nicht bes­ser. Du kannst ja nicht pau­schal ein­fach mehr Tickets ver­kau­fen, weil du erwar­test, dass sowie­so nicht alle kom­men. Was machst du denn, wenn es doch so weit ist? Das geht nicht. Vie­le Medi­en erzäh­len mun­ter wei­ter, dass Tickets auch nach drei Jah­ren noch zurück­ge­nom­men wer­den müs­sen und der Ver­brau­cher­schutz kommt da kei­nen Mil­li­me­ter auf uns zu oder passt Bedin­gun­gen an. Das ist eine Frech­heit! Jedes Finanz­amt wür­de dir auf den Tisch schei­ßen, wenn du ihnen sagst, dass du dei­ne Steu­ern erst in drei Jah­ren abge­ben kannst. An Pro­duk­tio­nen und Kos­ten hän­gen Men­schen, die kannst du nicht erst drei Jah­re spä­ter bezah­len, wenn du das Geld sicher hast.

Stef­fen Krü­ger: Und mit die­ser Unsi­cher­heit kam auch der Moment, an dem einem alles egal wur­de. Als der psy­chi­sche Druck so groß wur­de und man nicht mehr woll­te. Irgend­wann mein­te ich zu mei­nem Team, dass ich sofort in eine pogen­de Mas­se Men­schen sprin­gen will, auch wenn ich viel zu alt dafür bin. Ich möch­te das ein­fach wie­der kön­nen. (über­legt) Man, bei der gan­zen Schei­ße wer­de ich gera­de wie­der total emotional.

MZEE​.com: Wir wol­len hier nicht nur auf die letz­ten Jah­re zurück­bli­cken, son­dern auch vor­aus­schau­en: Gibt es Ent­wick­lun­gen in der Bran­che, die euch zuver­sicht­lich in die Zukunft bli­cken lassen? 

Anna Fröh­lich: (über­legt) Ich den­ke, der Zusam­men­halt in der Bran­che lässt einen auch posi­tiv in die Zukunft bli­cken. Ich glau­be aber, dass sich vie­le Din­ge grund­le­gend ändern müs­sen, sonst wird es zuneh­mend schwe­rer. Die Kul­tur­bran­che ist ein Luxus­gut, das immer teu­rer wird. Im Bal­lett oder Staats­thea­ter ist es Gang und Gäbe, sub­ven­tio­nier­te Tickets anzu­bie­ten. Da kommt es dar­auf an, ob man für unse­re Bran­che so was auch will. Sonst lei­den bei­spiels­wei­se Nachwuchskünstler:innen stark dar­un­ter. Für 20 Euro gehe ich ger­ne spon­tan auf das Kon­zert eines:einer Künstler:in, den:die ich eben im Radio gehört habe, aber für immer mehr Geld? Eher nicht.

Stef­fen Krü­ger: Das möch­te ich genau so unter­schrei­ben. Wenn der Staat die­sen kul­tu­rel­len Zweig nicht erkennt und för­dert, bleibt der Auf­preis am Gast hän­gen und der Preis wird wei­ter stei­gen. Wir haben ein Café mit Platz für 350 Per­so­nen und die Büh­ne dort dient als Sprung­brett für Künstler:innen, die eben nicht als YouTube-​Star bekannt wer­den. Das ist als Veranstalter:in wirt­schaft­lich längst nicht mehr dar­stell­bar und wird weg­bre­chen, wenn nichts geän­dert wird.

MZEE​.com: Ehr­lich gesagt fand ich eure Beschrei­bung davon, was euch im Job hält, zu schön, um nicht noch mal dar­über spre­chen zu wol­len. Daher mei­ne Abschluss­fra­ge: Was sind die prä­gends­ten Erleb­nis­se, die ihr ohne euren Job viel­leicht nie mit­er­lebt hättet? 

Anna Fröh­lich: Ich war letz­tes Jahr in der Situa­ti­on, dass mei­ne Vor­gän­ge­rin kün­dig­te und ich plötz­lich Din­ge zu tun hat­te, die vor­her nie Teil mei­ner Arbeit waren. In der Vor­be­rei­tung zu einem der grö­ße­ren Kon­zer­te fiel der Satz: "Wenn du es nicht allei­ne schaffst, dann such dir jeman­den, der dich da unter­stützt." Das hat mich wahn­sin­nig getrig­gert. Ich bin zu weit gekom­men, um das jetzt abzu­ge­ben. Das hat mich noch mal so sehr gepusht, weil ich die­ses The­ma, wel­ches mich durch die Pan­de­mie beglei­te­te, durch­zie­hen woll­te. Als das Kon­zert vor­bei war, habe ich mich ein­fach nur wahn­sin­nig gut gefühlt. Ich habe noch nie so viel allei­ne gestemmt wie im ver­gan­ge­nen Jahr und der Stolz, das zu schaf­fen, hat mei­nen Ehr­geiz stark geweckt. Nach dem Mot­to: "Was soll jetzt noch kom­men? Was wollt ihr noch?" (lacht)

MZEE​.com: Der HipHop-​Moment! Jetzt erst recht!

Stef­fen Krü­ger: (lacht auch) Gut gemacht hast du das! Spon­tan kom­me ich selbst immer wie­der auf die Momen­te mit mei­nem Team zurück. Wir arbei­ten dann, wenn ande­re Spaß haben, und zeit­lich bedingt kommt es da immer wie­der zu Extrem­si­tua­tio­nen. Da steht plötz­lich dein Azu­bi vor dir, der das gan­ze Team moti­viert. Das habe ich noch nie erlebt. Die­se Momen­te haben mich immer schon wei­ter­ma­chen lassen.

(Sven Aum­il­ler)
(Foto Stef­fen Krü­ger von Joa­chim Hendrich)