Sisterhood – ein Gespräch über Frauen in der Graffitiszene

Nachts allei­ne unter­wegs zu sein, ist nicht immer ange­nehm. Denn im öffent­li­chen Raum fühlt man sich ins­be­son­de­re als FLINTA*-Person oft nicht sicher. Aller­dings spielt sich ille­ga­les Graf­fi­ti meis­tens nachts und in ein­sa­men Gegen­den ab. Und das ist nur ein Aspekt, der den Ein­stieg in die Sze­ne erschwert. Auch die Straf­bar­keit, das hohe Ver­let­zungs­ri­si­ko und die Riva­li­tät kön­nen abschre­ckend wir­ken. Und obwohl sich vie­le die­ser Gefahr selbst nicht aus­set­zen wol­len, ist die Kunst­form auch für Außen­ste­hen­de inter­es­sant: Wer sich näher mit der Graffiti- und Streetart­sze­ne beschäf­tigt, wird mit span­nen­den Geschich­ten über geheim­nis­vol­le Per­sön­lich­kei­ten belohnt. Denn die Iden­ti­tät vie­ler Writer:innen ist für Unein­ge­weih­te nicht bekannt. Tat­säch­lich gibt es auch immer wie­der Sto­rys, die sich um Geschlech­ter­zu­wei­sun­gen von Protagonist:innen ran­ken. Die wohl bekann­tes­te Spe­ku­la­ti­on hier­zu ist, dass es sich bei Bank­sy um eine Frau han­delt. FLINTA*, wenn auch sel­te­ner ver­tre­ten, waren von Anfang an Teil der Graf­fi­ti­kul­tur. Ein Pro­jekt, das sich der Sicht­bar­keit von FLINTA* in der Sze­ne wid­met, nennt sich Sis­ter­hood. Mit einer mul­ti­me­dia­len Wan­der­aus­stel­lung sol­len FLINTA* aus unter­schied­li­chen Dis­zi­pli­nen por­trä­tiert und ein Netz­werk geschaf­fen wer­den. Was genau die Idee hin­ter dem Pro­jekt ist, wel­che Erfah­run­gen wäh­rend­des­sen gesam­melt wur­den und war­um der Netz­werk­ge­dan­ke dabei so wich­tig ist, konn­ten wir in einem Inter­view mit Sis­ter­hood erfah­ren. Es ging außer­dem um die Ver­än­de­run­gen der letz­ten Jah­re inner­halb der Sze­ne in Bezug auf die Rol­le von FLINTA*, Sicher­heit bei nächt­li­chen Aktio­nen und Selbst­er­mäch­ti­gung durch Graffiti.

(Anm. d. Red.: Der im Inter­view häu­fig genann­te Begriff FLINTA* steht für Frau­en, Les­ben, inter, nicht-​binäre, trans und agen­der Per­so­nen – also Per­so­nen, die auf­grund ihrer geschlecht­li­chen Iden­ti­tät patri­ar­chal dis­kri­mi­niert wer­den. Unter Cis-​Männern ver­steht man Män­ner, die als sol­che in ihrem Kör­per gebo­ren wur­den und sich auch so identifizieren.)

MZEE​.com: Als ers­tes wür­de ich ger­ne mit euch über die Idee hin­ter dem Sisterhood-​Projekt spre­chen. Wie ist sie ent­stan­den und was genau steckt dahinter?

Sis­ter­hood: Die Idee ist vor unge­fähr drei Jah­ren ent­stan­den. Wir haben uns zu dem Zeit­punkt alle auf ver­schie­de­ne Wei­sen mit Graf­fi­ti beschäf­tigt und haben uns durch Zufall ken­nen­ge­lernt und gemerkt, dass wir ähn­li­che Ein­stel­lun­gen haben. Graf­fi­ti hat uns ver­eint und wir haben gemerkt, dass der Zusam­men­halt uns stärkt. Wir haben über­legt, dass es nice wäre sich mit wei­te­ren FLINTA*-Personen zu ver­net­zen und ein Netz­werk zu schaf­fen, da es sowas in der Form noch nicht gab. Es gab nur den Girl Power-​Film von Sany, der erst­mals Frau­en sicht­bar gemacht hat, sowie eini­ge Fema­le Jams. Wir haben uns vor­ge­nom­men, das zu ändern. Wir woll­ten sowohl FLINTA* sicht­bar machen als auch ein Netz­werk schaf­fen und haben über­legt, dass in Form einer Aus­stel­lung umzu­set­zen, in der wir ver­schie­de­ne Sprü­he­rin­nen oder Grup­pie­run­gen in Kurz­clips inter­view­en. Vor zwei­ein­halb Jah­ren haben wir mit den ers­ten Inter­views gestar­tet. Unser Ziel ist es, am Ende 15 bis 20 Inter­views zu haben. Außer­dem wol­len wir  Diver­si­tät von Graf­fi­ti sicht­bar machen. Wir finan­zie­ren uns DIY-​mäßig durch Crowd­fun­ding und Merch. Dane­ben haben wir eine JAM und Par­tys orga­ni­siert, um zu ver­net­zen aber auch, um Geld zu sam­meln. Da steckt sehr viel eige­nes Herz­blut drinnen.

MZEE​.com: Wonach wählt ihr die Frau­en aus, die ihr porträtiert?

Sis­ter­hood: Letzt­end­lich hat es sich von ganz allei­ne ent­wi­ckelt. Man spricht, lernt sich näher ken­nen und erwei­tert dadurch das Netz­werk. Dar­aus kann sich eine Hal­tung ent­wi­ckeln, die ähn­lich ist. Es ist durch die Netz­werk­ar­beit ent­stan­den. Am Anfang war das Netz­werk noch klein und es gab noch kei­ne so gro­ße Reichweite.

MZEE​.com: Spie­len denn ande­re The­men wie kul­tu­rel­ler Hin­ter­grund, Natio­na­li­tät oder sexu­el­le Ori­en­tie­rung auch eine Rol­le bei der Auswahl?

Sis­ter­hood: Wir haben eher danach aus­ge­wählt, wer Bock hat mit­zu­ma­chen. Wenn wir 20 Prot­ago­nis­tin­nen haben, geht es um ver­schie­dens­te Iden­ti­tä­ten. Wenn wir nur wel­che gewählt hät­ten, die die­sel­be Mei­nung haben, ist es nicht reprä­sen­ta­tiv. Wir wol­len mög­lichst ver­schie­de­ne FLINTA*-Personen abbil­den, die auch auf unter­schied­li­chen Unter­grün­den Graf­fi­ti malen. Wir haben bei­spiels­wei­se recht jun­ge Male­rin­nen dabei, aber auch ech­te Old­schoo­le­rin­nen, wel­che aus dem Unter­grund genau­so wie eine Per­son, die fast hun­dert­tau­send Instagram-Follower:innen hat. Ganz gene­rell haben wir die Per­so­nen, die wir inter­viewt haben auch auf Emp­feh­lung aus­ge­sucht oder die haben sich bei uns gemel­det. Es war ganz unter­schied­lich. Zum Teil kann­ten wir die auch schon vor­her. Wir haben sie nicht nach sexu­el­ler Ori­en­tie­rung oder danach, wo sie malen, aus­ge­sucht, son­dern eher danach, wer auch Lust hat mit­zu­ma­chen. Das Gute an Graf­fi­ti ist ja auch, dass es anonym ist. Das Ein­zi­ge, was sicht­bar durch die­se Aus­stel­lung ist, ist, dass es FLINTA*-Personen sind. Teil­wei­se ist es noch nicht mal klar, unter wel­chen Namen die­se Per­son malt. Es ist ja auch eigent­lich nicht das, was im Zen­trum ste­hen soll­te, auch wenn es sehr diver­se, unter­schied­li­che Per­so­nen sind. Es kön­nen auch homo­se­xu­el­le Men­schen oder nicht-​Weiße Men­schen dabei sein, aber es ist nicht das, was im Graf­fi­ti eine Rol­le spie­len soll­te. Denn der Name ver­rät durch die Anony­mi­tät meist gar nicht das Geschlecht, die Haut­far­be oder Sexualität.

MZEE​.com: Azu­demSK hat mal in einem Inter­view über Ärger unter Sprüher:innen unter­ein­an­der gesagt: "In sol­chen Momen­ten füh­le ich jede Frau, die sich da nicht auf­ge­ho­ben fühlt." – Was denkt ihr über die­ses Zitat?

Sis­ter­hood: Natür­lich gibt es Rol­len­bil­der in der Gesell­schaft und im Graf­fi­ti. Über­all da, wo sich Män­ner­do­mä­nen eta­bliert haben, gibt es FLINTA*-Personen, die sich unwohl füh­len kön­nen. Wenn es zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Ein­zel­per­so­nen oder Grup­pen kommt, in ers­ter Linie von cis Män­nern, kann es natür­lich sein, dass man sich als FLINTA*-Person da nicht sicher fühlt. Aber auch nicht betei­lig­te cis Män­ner kön­nen sich in sol­chen Kon­flik­ten unwohl füh­len. Das betrifft also gene­rell vie­le Per­so­nen und nicht nur FLINTA*s. Ich glau­be, das Wich­tigs­te, wenn man die­se Rol­len­bil­der mit­denkt, ist, dass FLINTA*-Personen oft mit ihrer Per­spek­ti­ve allei­ne daste­hen, wenn sie kei­ne ande­ren FLINTA* bei sich haben. Oder auch, dass sie kli­schee­haft in die­sem Rol­len­bild behan­delt wer­den. Genau das ist auch ein Grund, war­um wir die­ses Pro­jekt gestar­tet haben. Aber es gibt natür­lich auch Beef unter FLINTA* und die Graffiti-​Regeln. Nicht alle FLINTA*-Personen set­zen sich in einen Rede­kreis und ver­su­chen, den Kon­sens zu fin­den, wenn es bei­spiels­wei­se um Yard-​Politik (Anm. d. Red.: Eini­gun­gen unter Sprüher:innen, die das Gelän­de betref­fen, auf dem Züge abge­stellt wer­den) geht. Es ist nicht so, dass alle FLINTA*s das dann total fried­lich regeln. Die Aus­sa­ge von Azu­demSK ist aber auch soli­da­risch, es spricht für ihn, dass er das Macker­ge­ha­be da sieht.

MZEE​.com: FLINTA* waren schon immer Teil der Graf­fi­ti­sze­ne, gefühlt sind sie heu­te aber bes­ser sicht­bar. Hat sich die Rol­le von FLINTA*s in der Kul­tur in den letz­ten Jah­ren verändert?

Sis­ter­hood: Ich glau­be, dass die Rol­le von FLINTA*-Personen in der Kul­tur gera­de dabei ist, sich zu ver­än­dern. Wenn wir die letz­ten drei Jah­re unse­res Pro­jekts neh­men, las­sen sich durch­aus schon Ver­än­de­run­gen sehen. Es gibt wesent­lich mehr FLINTA*-Jams zum 8. März (Anm. d. Red.: inter­na­tio­na­ler Frau­en­tag) als noch vor ein paar Jah­ren. Durch das Inter­net und Apps wie Insta­gram ist natür­lich auch die Sicht­bar­keit für FLINTA*-Personen, die sprü­hen, gestie­gen und die Ver­net­zung gewach­sen. Es ist aber auch etwas, was in den nächs­ten Jah­ren noch statt­fin­den wird und was man jetzt noch nicht abse­hen kann, weil man nicht weiß, was da noch kommt. Die Hoff­nung ist natür­lich durch das Pro­jekt sowohl FLINTA* zu empowern als auch vie­len nicht-​FLINTA* einen Zugang zu geben und neue Mög­lich­kei­ten zu eröff­nen. Außer­dem soll es zum Nach­den­ken über die eige­nen Rol­len­bil­der anre­gen. Denn eigent­lich soll­te Graf­fi­ti geschlechts­los sein.

MZEE​.com: Gera­de für jun­ge Men­schen spie­len Vor­bil­der eine gro­ße Rol­le. Wenn man star­ke weib­li­che Vor­bil­der hat, kann man sich natür­lich selbst bes­ser vor­stel­len, das zu machen.

Sis­ter­hood: Das sind tat­säch­lich auch alles Pro­jekt­zie­le, die wir benannt haben: Ver­net­zen, sicht­bar machen, Vor­bil­der schaf­fen, den Ein­stieg erleich­tern und über das The­ma aufklären.

MZEE​.com: Ich habe in der Recher­che einen Graffiti-​Podcast gefun­den und dort nach Inter­views mit Frau­en gesucht. Es gab in drei Staf­feln gera­de mal eins. Das hat mich erstaunt. War­um, glaubt ihr, ist die Sze­ne nach wie vor männerdominiert? 

Sis­ter­hood: Da gibt es meh­re­re Aspek­te. Zum einen ist es so, dass vie­le Frau­en, wenn sie in Graffiti-​Podcasts statt­fin­den, sich nicht als sol­che zu erken­nen geben, son­dern wirk­lich aus­schließ­lich über ihr Syn­onym agie­ren. Das heißt: Podcasthörer:innen wis­sen gar nicht, wel­ches Geschlecht sich dahin­ter ver­birgt. Wenn Stim­men ver­zerrt sind, kann man das nicht hören. Außer­dem wol­len eini­ge viel­leicht gar nicht in so einem Pod­cast statt­fin­den, weil sie Angst haben, dass sie als Frau iden­ti­fi­ziert wer­den kön­nen. Und wir krie­gen schon mit, dass weib­li­che Sozia­li­sa­ti­on auch oft jeman­den Zwei­feln lässt und eini­ge FLINTA*-Personen sich eben nicht zutrau­en, sich den Raum zu neh­men und zwei Stun­den über Graf­fi­ti zu erzäh­len. Dazu kommt auch noch ein Brotherhood-​Prinzip. Es ist nicht sel­ten, dass Typen, und das machen die noch nicht mal bös­wil­lig, mit Typen abhän­gen und ihr Netz­werk haben. Wir waren mal bei Kör­pa Klauz ein­ge­la­den (Anm. d. Red.: "Die Kör­pa Klauz Show" zum The­ma Hip­Hop inklu­si­ve Inter­views von Protagonist:innen aus unter­schied­li­chen Berei­chen), der auch mein­te, er hät­te noch nie Frau­en da gehabt. Er war total offen und bereit, das The­ma vor­an­zu­brin­gen, und hat sich vor­ge­nom­men, bewusst Frau­en zu inter­view­en. Das ist genau­so in der DJ-​Kultur oder bei HipHop-​Konzerten, dass Typen immer wie­der Typen ein­la­den. Da muss man bewusst dran arbei­ten, damit sich auf einer brei­ten Basis was ändert und es selbst­ver­ständ­li­cher wird, dass FLINTA* da Zugän­ge haben und Teil des­sen sind. Dann ist Graf­fi­ti natür­lich auch eine Unter­grund­kul­tur. Die Attri­bu­te, die dort gel­ten, kann man als stark, macht­voll und männ­lich beschrei­ben. Das ist über Jahr­zehn­te oder län­ger gewach­sen. Es ist sozu­sa­gen der Aus­gangs­punkt, war­um vie­le Kul­tu­ren erst mal von Män­nern domi­niert sind.

MZEE​.com: Könn­tet ihr noch näher dar­auf ein­ge­hen, war­um es für Sprü­he­rin­nen eine Hür­de sein kann, in einem Inter­view oder Pod­cast das eige­ne Geschlecht preiszugeben?

Sis­ter­hood: Was wir in eini­gen Inter­views und bei den Anfra­gen gemerkt haben, ist, dass FLINTA*-Personen häu­fig Angst haben, sich in den Mit­tel­punkt zu stel­len. Denn damit outen sie nicht nur ihr Geschlecht. Es kann auch sehr pola­ri­sie­rend sein, sich dar­über zu äußern, wie es ist, als FLINTA* Teil der Kul­tur zu sein. Das Feed­back muss man dann aus­hal­ten kön­nen. Es kann natür­lich posi­tiv sein, aber halt auch nega­tiv. Man ist für vie­le etwas Außer­ge­wöhn­li­ches und damit einen Umgang zu fin­den, kann schwie­rig sein. Gera­de in Pod­casts ist es so, dass Graf­fi­ti und die Kul­tur, die damit ein­her­geht, dann ein­fach zu kurz kommt, wenn man nur noch übers Frau­sein redet. Dazu kom­men dann noch die Reak­tio­nen inner­halb der Sze­ne, die man nicht abschät­zen kann, weil es natür­lich schon dar­um geht, zu bewei­sen, dass man der:die Bes­te, Stärks­te, Schnells­te und so wei­ter ist. Wenn man das noch nicht leis­ten kann oder nicht nach deren Wer­te­vor­stel­lun­gen leis­tet, kann es zu ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven kom­men. Da kann man anein­an­der­ge­ra­ten, was im Graf­fi­ti nicht unüb­lich ist.

MZEE​.com: Man ist auch eher auf dem Prä­sen­tier­tel­ler, wenn man sich als Frau in einer Män­ner­do­mä­ne bewegt. Es wird dann noch genau­er hin­ge­schaut, wie gut man etwas macht.

Sis­ter­hood: Ich wür­de sagen, das kann man auf jeden Fall auch auf Graf­fi­ti über­tra­gen. Die gan­zen Dis­kus­sio­nen, die es über Styles gibt, sind sehr indi­vi­du­ell. Dem ist man als Frau noch mal dop­pelt aus­ge­lie­fert, wenn man sich preis­gibt. Denn dann wird nicht nur dar­über dis­ku­tiert, ob man Style hat oder nicht, son­dern auch noch dar­über, dass man viel­leicht ganz schön gut für 'ne Frau malt oder wie man aussieht

MZEE​.com: Als Nächs­tes wür­de ich ger­ne über Angst spre­chen. Beim Malen ist man oft nachts unter­wegs und auf sich allein gestellt. Wie schützt man sich da vor Übergriffen?

Sis­ter­hood: Da gibt es meh­re­re Aspek­te. Zum einen wür­de ich sagen, sind wir in unse­rem Netz­werk nicht allei­ne unter­wegs. Dem­entspre­chend kön­nen wir uns gegen­sei­tig schüt­zen, egal ob Frau, Mann, FLINTA* oder was auch immer für eine Per­son. Das gilt auch außer­halb von Graf­fi­ti. Das Netz­werk bie­tet einem Sicher­heit. Damit sind wir schon beim zwei­ten Punkt: Wenn wir eine Action pla­nen, spre­chen wir im Vor­hin­ein schon über mög­li­che Beden­ken. Das beinhal­tet nicht nur Ängs­te, son­dern auch unser Sicher­heits­ge­fühl. Ein sol­ches Gefühl ist natür­lich etwas sehr Indi­vi­du­el­les. Die­se Unter­schie­de zwi­schen den Per­so­nen wer­den ganz offen bespro­chen. Wir den­ken alle Risi­ko­fak­to­ren mit, die uns in dem Moment ein­fal­len. Das kann sein, wie weit man ren­nen muss, in die Höhe geht oder Ähn­li­ches. Dann gibt es natür­lich auch Rah­men­be­din­gun­gen, die im Grun­de auch der Staat setzt. Wann tre­ten Repres­sio­nen ein? Wie ver­hal­ten wir uns bei einem Bust? Was ist, wenn jemand vor­bei­geht? Wie spre­chen wir uns gegen­sei­tig an? Da gibt es ganz vie­le Aspek­te. Wir zie­hen nicht ein­fach kopf­los los. Dadurch, dass wir vor­her all die­se Din­ge bespre­chen, füh­len wir uns in dem Moment auch sicher. Wenn tat­sach­lich einer Per­son mal was pas­siert, dann sind wir für­ein­an­der da. Die­ses Gefühl, dass man sich sicher auf der Stra­ße fühlt, wächst immer mehr, umso mehr man dar­über spricht. Es kann auch eine Form von Selbst­er­mäch­ti­gung sein, sich so die Stra­ße zurück­zu­ho­len. Man schließt sich zusam­men und nimmt sich genau das zurück, was einem von der Gesell­schaft genom­men wor­den ist. Es hat auch nicht nur Nach­tei­le, als weib­lich gele­se­ne Per­son nachts unter­wegs zu sein. Wir haben Geschich­ten erlebt, in denen es der Poli­zei dar­um ging, "den Sprü­her" zu fin­den. Man selbst passt dann erst mal nicht ins Täter­pro­fil. Dem­entspre­chend kann auch die­ses Attri­but von Weib­lich­keit in dem Moment schüt­zen, wenn man aus einer wahr­ge­nom­me­nen Schwä­che eine Stär­ke macht.

MZEE​.com: Man muss sich dabei auch sehr gut auf­ein­an­der ver­las­sen kön­nen. Wel­che Rol­le spielt Ver­trau­en und wie baut ihr es zu Leu­ten auf, die ihr vor­her nicht kann­tet? Ich den­ke da an Frau­en, mit denen ihr für das Pro­jekt zusam­men­ar­bei­tet und die ihr viel­leicht vor­her noch gar nicht so lan­ge kanntet.

Sis­ter­hood: Ich habe das Gefühl, dass uns das eigent­lich immer ganz gut gelingt, weil wir eben nicht unüber­legt in so eine Situa­ti­on rein­star­ten und ein Fein­ge­fühl für Situa­tio­nen und Per­so­nen haben. Uns ist es auch wich­tig, dass wir mit der Per­son erst mal eine Ebe­ne haben. Meis­tens geht es so los, dass wir gemein­sam 'ne Limo trin­ken, was essen, uns vor­be­spre­chen und ankom­men. Dann gehen wir die Fra­gen durch und gehen dabei auch drauf ein, ob es Unsi­cher­hei­ten oder eben Ängs­te gibt. Es gibt Leu­te, die sehr krass unter­wegs sind, aber sobald eine Kame­ra da ist, total unsi­cher werden.

MZEE​.com: So ein Pro­jekt schweißt sicher­lich stark zusam­men, oder? 

Sis­ter­hood: Mit allen Per­so­nen, die wir beglei­ten oder beglei­tet haben, haben wir auf jeden Fall eine tie­fe­re Ebe­ne. Es haben sich vie­le Freund­schaf­ten ent­wi­ckelt, die auch außer­halb die­ser einen Pro­jekt­rei­se, die wir pro Film machen, gepflegt wer­den. Die­ses Netz­werk ist auch hin­ter der Kame­ra nach oder vor der Rei­se vor­han­den. Die Men­schen sind uns über­wie­gend auch sehr ans Herz gewach­sen. Teil­wei­se kann­ten wir die Per­so­nen bereits oder waren schon zusam­men malen. Oder wir wuss­ten gar nicht, was uns begeg­net, weil wir uns mit Men­schen getrof­fen haben, bei denen gar nicht klar war, was unser gemein­sa­mes Ziel ist. Dann ist es immer sehr auf­re­gend was kommt. Den­noch ist es nie­mals nur 'ne Rei­se für einen Film, son­dern schon eine Con­nec­tion die besteht.

MZEE​.com: Hat sich das im Lau­fe der Zeit ent­wi­ckelt oder hat­tet ihr von vor­ne­her­ein die Idee, dass Sis­ter­hood etwas Lang­fris­ti­ges wer­den kann?

Sis­ter­hood: Es war von Anfang an der Wunsch, ein Netz­werk zu erschaf­fen und zu con­nec­ten. Also mehr, als nur zu doku­men­tie­ren. Am Anfang vor drei Jah­ren waren wir uns nicht bewusst, was für ein Aus­maß das anneh­men kann. Oder dass wir jetzt auch außer­halb von Deutsch­land einen Film gedreht haben. Das hat sich so erge­ben. Es hat sich auch ste­tig erwei­tert. Wir haben viel Zuspruch bekom­men. Leu­te haben uns ein­ge­la­den und woll­ten uns inter­view­en oder ein­fach so sup­por­ten. Man merkt, dass die das, was wir machen, gut fin­den. Sie wol­len uns eine Büh­ne geben oder unter­stüt­zen, das Pro­jekt zu rea­li­sie­ren. Das ist schon nice. Und auch die Sze­ne, vor allem die FLINTA*s, freu­en sich über die­sen Zusam­men­schluss. Denn letzt­end­lich ent­wi­ckeln sich dadurch auch außer­halb von uns noch mal ande­re Con­nec­tions untereinander.

MZEE​.com: Zum Abschluss wür­de ich ger­ne von euch wis­sen, was es noch braucht, um bestehen­de Struk­tu­ren in der Graf­fi­ti­sze­ne aufzubrechen.

Sis­ter­hood: Es ist nicht unser Ziel, eine bestehen­de Struk­tur auf­zu­bre­chen. Unser Ziel ist, etwas gemein­sa­mes Neu­es zu erschaf­fen. Sicher­lich meinst du mit bestehen­der Struk­tur auch Sexis­mus, der in der Graf­fi­ti­sze­ne ver­an­kert ist. Da braucht es natür­lich noch 'ne Men­ge. Wir wol­len aber in ers­ter Linie unser Ding machen und kämp­fen dabei nicht aktiv gegen irgend­wen oder fra­gen um Erlaub­nis. Es ist uns sehr wich­tig, dass wir mit dem Pro­jekt den Raum schaf­fen, über Sexis­mus, Dis­kri­mi­nie­rung und ande­re Ver­hält­nis­se zu dis­ku­tie­ren. Wir wol­len anre­gen, dass man dar­über reden kann. Es geht auch ein Stück weit dar­um, sich gegen­sei­tig Feed­back geben zu dür­fen und eben nicht nur auf Gegen­wehr zu sto­ßen, son­dern auf gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis. Wir freu­en uns natür­lich über jeden Men­schen, unab­hän­gig vom Geschlecht, der mit uns dar­über spricht. Es braucht schon alle. Es wäre natür­lich wün­schens­wert, wenn Leu­te in die Aus­stel­lung kom­men und auch ande­re Per­spek­ti­ven sehen und viel­leicht zukünf­tig anders auf Leu­te zuge­hen oder eine ande­re Art und Wei­se an den Tag legen. Aber wir wis­sen natür­lich auch, dass wir nicht alle Men­schen ver­än­dern kön­nen und das ist auch nicht das Ziel.

(Malin Teegen)