D-​Bo – ein Gespräch über 20 Jahre deutschen Rap

Deut­scher Rap ist so viel­sei­tig wie nie zuvor. Andau­ernd schwap­pen neue Strö­mun­gen aus ande­ren Län­dern her­über und bekom­men hier­zu­lan­de ein eige­nes Gesicht ver­lie­hen, sodass sie sich längst nicht mehr an einer Hand abzäh­len las­sen. Waren Aus­rich­tun­gen und Protagonist:innen zur Jahr­tau­send­wen­de noch recht über­schau­bar, hat sich spä­tes­tens Anfang der 2010er eine Viel­falt ein­ge­stellt, die es schwie­rig macht, deutsch­spra­chi­gen Rap noch als ein ein­zel­nes Gen­re zu fas­sen. Ent­spre­chend ist es nicht leicht, eine Per­son aus die­sem Kos­mos her­aus­zu­grei­fen, die all das zu umfas­sen in der Lage ist. Um zumin­dest ein paar Aspek­te die­ser Sze­ne und deren Ursprün­ge ein­fan­gen zu kön­nen, haben wir D-​Bo zum Gespräch gebe­ten, der das Musik­busi­ness sowohl als Künst­ler als auch als Mana­ger kennt und all sei­ne Ent­wick­lun­gen mit­er­lebt hat. Wir haben uns dar­über unter­hal­ten, was in den letz­ten 20 Jah­ren im deut­schen Rap um ihn her­um gesche­hen ist: von sei­nem per­sön­li­chen Wer­de­gang als Musi­ker über den Wech­sel vom Rap­per zum Label­ma­na­ger bis hin zum Samra-​Signing bei iGroove. 

MZEE​.com: Vor 20 Jah­ren – im Jahr 2001 – hast du dein ers­tes Album "Deutscha Playa" ver­öf­fent­licht. Wie ord­nest du dein dama­li­ges Schaf­fen in der Sze­ne ein? 

D-​Bo: Im Febru­ar hat­te ich sogar 25-​jähriges Künst­ler­ju­bi­lä­um. Ich hat­te vor­her schon Songs gemacht, "Deutscha Playa" war dann mein ers­tes Album, auf dem wir alles auf Tape zusam­men­ge­fasst haben. Kurz vor der Jahr­tau­send­wen­de habe ich ange­fan­gen, mich deutsch­land­weit zu ver­net­zen. Wir haben den jet­zi­gen Ver­trieb dis­tri gegrün­det – damals noch Dis­tri­bu­ti­onz – und waren maß­geb­lich dafür ver­ant­wort­lich, dass sich die Underground-​Artists aus ver­schie­den Städ­ten unter­ein­an­der ver­netzt haben. Dar­aus ist eine sehr star­ke Dyna­mik ent­stan­den, weil gleich­zei­tig eine Art kul­tu­rel­le Eman­zi­pa­ti­on in Deutsch­land statt­ge­fun­den hat. Men­schen, die sonst eher mar­gi­na­li­siert wur­den, haben Iden­ti­fi­ka­ti­ons­flä­chen gesucht. Rap war eine, aber es gab in Deutsch­land nicht die Vor­bil­der dafür. Durch unser Enga­ge­ment haben wir das befeu­ert. Des­halb sind Din­ger wie Aggro Ber­lin oder Bozz Music in Frank­furt zu die­ser Zeit auch groß gewor­den. Wir haben die nicht groß gemacht, aber durch die­se Über­schnei­dung von sich eman­zi­pie­ren­der Sub­kul­tur und Bedarf an Leu­ten, die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren gesucht haben, hat das statt­ge­fun­den. Des­halb war das so maß­geb­lich für deut­schen Rap.

MZEE​.com: Um 2001 her­um gab es aus Ber­lin eine Art Gegen­be­we­gung zum Con­scious Rap aus Städ­ten wie Ham­burg und Stutt­gart. Auf "Deutscha Playa" fin­den sich inhalt­lich aller­dings bei­de Strö­mun­gen. Wie passt das zusammen? 

D-​Bo: Das Album ist nicht in einem Pro­zess ent­stan­den, son­dern ist ein Pot­pour­ri aus Stu­dio­ter­mi­nen aus den vor­an­ge­gan­ge­nen zwei Jah­ren. Dar­aus wur­de im wei­tes­ten Sin­ne ein Span­nungs­bo­gen gestal­tet. Es gab natür­lich Leu­te wie Bushi­do oder auch Orgi, die ihre Musik damals schon sehr ernst genom­men haben. Hengzt und ich zum Bei­spiel haben ein­fach nur Spaß gehabt und mit einer viel gerin­ge­ren Ernst­haf­tig­keit Musik gemacht. Wir haben im Stu­dio nur Zeit für uns bean­sprucht, wenn die ande­ren nichts zu tun hat­ten. Als wir unge­fähr zehn Songs hat­ten und die Fra­ge im Raum stand, ob nicht ein Album dar­aus wer­den soll, hat man noch ziel­ge­rich­tet Songs gemacht. Da wur­de dann über­legt, was noch fehlt, um das Kli­schee zu bedie­nen. Ein Posse-​Track zum Bei­spiel. Aber über das Gesamt­bild des Albums haben wir uns damals noch kei­ne Gedan­ken gemacht. Das hat sich erst geän­dert, als ich mein zwei­tes Album "Deo Volen­te" gemacht hab'. Das ist in einem Stu­dio­pro­zess ent­stan­den und ist sehr in sich geschlos­sen. "Deutscha Playa" ist in unter­schied­li­chen Stu­di­os ent­stan­den, unter ande­rem in Han­no­ver, Osna­brück und Ber­lin. Dadurch hat sich die­ser von unter­schied­li­chen Leu­ten beein­fluss­te Sound ent­wi­ckelt. Die Gemein­sam­keit ist das Selbst­ver­ständ­nis als Außen­sei­ter der eta­blier­ten Szene.

MZEE​.com: Dei­ne fol­gen­den drei Alben sind bei ers­guter­jun­ge erschie­nen, das du mit­ge­grün­det hast. Im Main­stream der Sze­ne gab es zur Zeit der Grün­dung neben euch nur Aggro Ber­lin. Wie war es für dich, in einem Umfeld statt­zu­fin­den, in dem der Fokus eher auf Gangs­ter­rap lag?

D-​Bo: Man muss sich auf einen gewis­sen See­len­strip­tease ein­las­sen. Wenn man wie ich damals gewis­se Kon­flik­te in sich trägt, die tie­fer gehen als die eines typi­schen Stra­ßen­rap­pers, kommt da trotz­dem eine Ehr­lich­keit und Ener­gie mit, die auch die Hörer von Stra­ßen­rap füh­len kön­nen. Das ent­steht nicht durch kon­stru­ier­te Hook­li­nes wie "Wir sind die Cools­ten, wenn wir crui­sen", die zwar gut im Ohr lie­gen und abso­lut legi­tim sind. Aber man durch­schaut schnell, dass das Flos­keln sind, die nicht über ein gewis­ses Level an Deep­ness gehen. Was Bushi­do, Aggro Ber­lin und ich gemacht haben, war, mit einer ganz ande­ren Kon­se­quenz über The­men wie Hass und Lie­be zu rap­pen. Sol­che Songs sind ja auch auf Bushi­dos ganz alten Alben zu fin­den. Bei mir war das anders, da hat sich der Fokus hin zu sol­chen Sachen ver­scho­ben. Das Tief­grün­di­ge war das, was mei­nen dama­li­gen Fans bezie­hungs­wei­se den ersguterjunge-​Fans gefehlt hat und von mei­nen Sachen am bes­ten ange­nom­men wurde.

MZEE​.com: Ihr wart bei ers­guter­jun­ge zwi­schen­zeit­lich ins­ge­samt 13 Künst­ler. Damals war auch Eko Fresh dabei. Er hat ein­mal gesagt, dass er anfangs Schwie­rig­kei­ten damit hat­te, für einen Labelsam­pler mit Künst­lern zusam­men­zu­ar­bei­ten, die er musi­ka­lisch nicht grei­fen konn­te. Ging es dir ähnlich? 

D-​Bo: Nö. Bushi­do und ich haben die Leu­te ja unter Ver­trag genom­men, weil wir ihre Mucke geil fan­den. Es macht sowie­so total Spaß, mit Leu­ten zusam­men­zu­ar­bei­ten, wenn man sie musi­ka­lisch fei­ert. Eine ande­re Geschich­te ist, wie man sich mensch­lich ver­steht. Man hat ja spä­ter gemerkt, dass ich mit Leu­ten wie Nyze und Cha­ku­za per­sön­lich viel bes­ser klar­ge­kom­men bin als mit eini­gen ande­ren. Prin­zi­pi­ell waren wir aber musi­ka­lisch von allen Fans. Natür­lich haben wir gemerkt, dass sich unter­ein­an­der nicht immer alle zu 100 Pro­zent bei allem gefei­ert haben. Für mich hat es auch einen Reiz, mit jeman­dem ins Stu­dio zu gehen, bei dem das eine Her­aus­for­de­rung ist. "Zeit­ma­schi­ne" mit Kay One ist so ein Bei­spiel. Kay fand mei­ne Mucke immer schei­ße, mich als Typ aber groß­ar­tig. Irgend­wann hat er gesagt: "Komm, lass mal einen Song zusam­men machen." Wir waren bei­de gut in dem, was wir gemacht haben, und muss­ten nur einen Kon­sens fin­den. Den haben wir glück­li­cher­wei­se gefun­den und dann ist dar­aus ein extrem kras­ser Track ent­stan­den. Ein ande­res Bei­spiel ist Har­ris, der nur Par­ty­mu­cke macht. Wir haben einen Song über Wod­ka gemacht, in dem es dar­um geht, dass ich Wod­ka schei­ße fin­de und er mich des­we­gen aus­lacht. (lacht)

MZEE​.com: Im Jahr 2009 hast du über dein zuvor gegrün­de­tes Label Wolf­pack Enter­tain­ment dein fünf­tes Album "Die Lüge der Frei­heit" ver­öf­fent­licht. CD-​Käufer haben einen Code für ein kos­ten­lo­ses Shirt bekom­men, man konn­te das Album aber auch kos­ten­los her­un­ter­la­den und frei­wil­lig einen Betrag spen­den. Siehst du in die­sem Modell Par­al­le­len zum Delu­xe Boxen-​Trend oder sogar zum Streaming-Markt? 

D-​Bo: Wir waren mit ers­guter­jun­ge im deutsch­spra­chi­gen Bereich die ers­ten, die Fan­bo­xen gemacht haben. Das gab's vor­her nur im Metal-​Bereich, wo Fans 200 Euro bezahlt haben und zum Bei­spiel irgend­wel­che lebens­gro­ßen Papp­fi­gu­ren der Künst­ler bekom­men haben. Wir woll­ten das auf ein hand­li­ches For­mat für die Fans brin­gen und haben das mit Uni­ver­sal so ent­wi­ckelt. Spä­ter hat es sich eta­bliert, krea­ti­ve Ansät­ze zu suchen, um ers­tens für Auf­merk­sam­keit zu sor­gen und zwei­tens den Markt zu son­die­ren. Um Din­ge zu fin­den, die noch nicht gedacht wur­den. Das war für mein Album eine Idee, die im Nach­hin­ein nicht so gut funk­tio­niert hat, aber die mir ein­fach wich­tig war. Ich hät­te das auch mit Pro­duk­ten von ande­ren Künst­lern, die ich betreut habe, pro­bie­ren kön­nen, aber das macht man ja nicht. Wenn man schon ein Risi­ko ein­geht, dann mit dem eige­nen Pro­dukt. Ich hab' zwar viel Respekt dafür bekom­men, glau­be aller­dings, dass der Markt damals und eben­so danach noch nicht in der Lage war, so eine krea­ti­ve Idee geil umzu­set­zen. Heut­zu­ta­ge gibt es die Mög­lich­keit, über Patre­on oder get­next unkom­pli­ziert und wirt­schaft­lich Premium-​Produkte zu ver­kau­fen. Die Idee war cool, aber die Umset­zung hat mir als Künst­ler nicht viel gebracht.

MZEE​.com: Nach­dem du dei­ne akti­ve Kar­rie­re 2013 been­det hast, hast du dich voll und ganz auf dein Label Wolf­pack Enter­tain­ment kon­zen­triert. Was hat dich zu die­sem Schritt bewegt? 

D-​Bo: Ich hab' erst über Wolf­pack noch zwei wei­te­re Alben raus­ge­bracht. Musik hat mir nach wie vor tie­risch Spaß gemacht, aber ich hab' gemerkt, dass die Ent­wick­lung sta­gniert. Zu der Zeit, als ich auf­ge­hört habe, war der Markt auch nicht mehr so inter­es­siert an HipHop-​Produkten. Es ist unheim­lich schwer, sich zu moti­vie­ren, wenn wenig Ertrag rum­kommt. Für den Auf­wand, den man betrie­ben hat, war das ermü­dend. Ich habe sie­ben Alben raus­ge­bracht, war auf meh­re­ren Sam­plern am Start und hab' alles gesagt, was ich sagen woll­te. Ich hat­te nicht den Sta­tus als Legen­de, der mir garan­tiert, immer wie­der Alben raus­zu­brin­gen, die mich bis ans Lebens­en­de finan­zie­ren. Ich hab' mich dann ent­schie­den, auf das ande­re Pferd zu set­zen, näm­lich Label­ma­nage­ment. Das kann ich bis ins hohe Alter machen. Das wei­ter­hin par­al­lel zur Musik zu machen, hät­te dazu geführt, dass man an den eige­nen Erfol­gen gemes­sen wird. Ich woll­te nicht, dass mei­ne Künst­ler dar­un­ter lei­den, wenn ein Album von mir auf Platz 60 char­tet. Als ich selbst nicht mehr aktiv war, hat es noch maxi­mal ein Jahr gedau­ert, bis sol­che Argu­men­te kei­ne Rol­le mehr gespielt haben. Heu­te wer­de ich als Instanz im Label­ma­nage­ment wahr­ge­nom­men. Ich bin nicht ganz hap­py, dass ich kei­ne Musik mehr mache, aber kann sehr gut damit leben.

MZEE​.com: Was müss­te pas­sie­ren, damit du noch mal Musik machst? 

D-​Bo: Wir hat­ten zum 25-​jährigen Jubi­lä­um die Idee, dass ich ein paar mal ins Stu­dio gehe und Songs fer­tig mache. Mit Coro­na ist das aller­dings ein blö­des Timing gewe­sen. Ich woll­te wäh­rend der Pan­de­mie nie­man­den aus mei­nem Team schmei­ßen, des­we­gen haben wir sehr hart arbei­ten müs­sen, damit die Gehäl­ter rein­kom­men. Das war mir wich­ti­ger, als Mucke zu machen. Dadurch ist zumin­dest ein klei­ner Fun­ke über­ge­sprun­gen und ich gucke schon die gan­ze Zeit, ob ich doch noch ein bis zwei Stu­dio­ter­mi­ne wahr­neh­me. Ich wür­de mich nicht mehr als voll­stän­di­gen Künst­ler insze­nie­ren und ver­mark­ten, aber soll­ten die Songs fer­tig wer­den, wer­de ich die auch ver­öf­fent­li­chen für die Leu­te, die sich dafür inter­es­sie­ren. Bock ist da, aber es ist kein pri­mä­rer Wunsch, der unbe­dingt umge­setzt wer­den muss.

MZEE​.com: Was hat sich ver­än­dert, seit­dem du die deut­sche Rap­sze­ne aus der Rol­le des Mana­gers betrachtest? 

D-​Bo: Im deut­schen Rap hat sich der Ein­fluss von Social Media ver­än­dert. Schnell­le­big­keit hat sich durch­ge­setzt, auch wenn ich das Wort schwie­rig fin­de, weil es den Kern nicht trifft. Es ist durch die Digi­ta­li­sie­rung unheim­lich schnell mög­lich gewor­den, die Kon­su­men­ten abzu­len­ken und ihre Auf­merk­sam­keit auf etwas Neu­es zu len­ken. Das hat dazu geführt, dass sich "lau­te" Sachen durch­ge­setzt haben. Laut heißt, einen schnel­len Rhyth­mus bei der Ver­öf­fent­li­chung zu haben, eine Schlag­zei­le zu pro­du­zie­ren … Sin­gles sind wich­ti­ger gewor­den als Alben, Out­fits sind wich­ti­ger gewor­den als 'ne Mes­sa­ge. Ober­fläch­lich­kei­ten sind wich­ti­ger für die Auf­merk­sam­keit. Wenn die Leu­te aber dei­ne Fans sind, sind immer noch die essen­zi­el­len Sachen wich­tig. Wie sehr kann ich mich mit jeman­dem iden­ti­fi­zie­ren? Nur dar­über kau­fen die Leu­te Fan­bo­xen und kom­men auf Kon­zer­te. Zum einen hat sich also eine gan­ze Men­ge an der Her­an­ge­hens­wei­se ver­än­dert, zum ande­ren hat sich recht wenig dar­an ver­än­dert, wie man aus einem Kon­su­men­ten einen Fan macht. Dann gibt es im Markt die ganz gro­ße Ver­än­de­rung, wer die Macht dar­über hat, wo die Musik plat­ziert wird. Jetzt geht es dar­um, Reich­wei­te zu erzeu­gen. Wie man Algo­rith­men trig­gert zum Bei­spiel. Für mich ganz per­sön­lich bedeu­tet das, dass die Din­ge, in denen ich extrem gut bin, unwich­tig gewor­den sind, und die Din­ge, die ich eigent­lich als Künst­ler immer ver­mie­den habe, jetzt unheim­li­che Rele­vanz haben. (lacht) Dadurch wer­de ich auch ein biss­chen als Exot wahr­ge­nom­men, weil ich mich nicht in die­sen Bling Bling-​Kosmos ein­rei­he, son­dern mit einer gewis­sen Beharr­lich­keit wei­ter auf bestimm­te Din­ge poche. Zum Bei­spiel, dass Künst­ler, mit denen ich arbei­te, eine Mei­nung haben. Oder dass sie live gut funk­tio­nie­ren. Die müs­sen kei­ne Agen­da ver­tre­ten, aber wenn Fans nach­fra­gen, müs­sen bestimm­te Wer­te vor­han­den sein.

MZEE​.com: Was bräuch­te es dei­ner Mei­nung nach, um die Ent­wick­lung in Rich­tung Schnell­le­big­keit zu ändern? 

D-​Bo: Mein Emp­fin­den ist, dass Din­ge in Wel­len pas­sie­ren. Die Ten­denz wird noch wei­ter in die­se Rich­tung gehen. In die­ser Ver­schär­fung gibt es auch Spit­zen und Täler, wo es in die Rich­tung aus­schla­gen wird, die ich gut fin­de. Ich glau­be, dass wir gera­de durch Coro­na eine Art Rück­be­sin­nung auf Inhal­te haben. Dass wie­der Ruhe ein­ge­kehrt ist. Ich den­ke trotz­dem, dass das aktu­el­le Niveau an Ober­fläch­lich­keit noch eine Wei­le blei­ben wird, bis eine Über­sät­ti­gung ein­tritt. Man sieht ja in Ame­ri­ka, wie Rap­per sich einen Dia­man­ten in die Stirn ein­set­zen las­sen. Ich den­ke, solch absur­de Sachen ste­hen uns in Euro­pa noch bevor. Erst, wenn das durch ist, gibt es viel­leicht eine Par­al­lel­struk­tur, die stark genug wird, dass man sich wie­der auf ande­re Wer­te besinnt.

MZEE​.com: Bei Wolf­pack Enter­tain­ment sind zunächst Plat­ten aus dei­nem erwei­ter­ten Umfeld erschie­nen, zum Bei­spiel von RAF Camo­ra oder den Künst­lern von Freun­de von Nie­mand. Spä­ter kamen Newcomer:innen wie Anti­fuchs dazu. Wie hat sich dei­ne Her­an­ge­hens­wei­se an dei­ne Label­ar­beit im Lau­fe der Jah­re entwickelt? 

D-​Bo: Dadurch, dass ich das zunächst bei ers­guter­jun­ge gemacht habe, hat­te ich ein super Stan­ding als Label­ma­na­ger. Dann kamen, wie du gesagt hast, Leu­te aus dem Umfeld dazu, die Plat­ten ver­öf­fent­li­chen woll­ten, aber bei ers­guter­jun­ge kei­ne Mög­lich­keit dazu hat­ten. Das war erst RAF und dann haben das ande­re mit­be­kom­men, denen RAF gesagt hat, sie könn­ten zu mir kom­men. Dann kamen KC Rebell und PA Sports und spä­ter Cha­ku­za, der gera­de von ers­guter­jun­ge weg und in Gesprä­chen mit Four Music war, aber noch ein Album zwi­schen­durch raus­brin­gen woll­te. Ich hat­te vor allem ein gutes Timing und ein biss­chen Glück. Plötz­lich hat­te ich ein paar coo­le Alben, die für viel Auf­merk­sam­keit gesorgt haben. Dadurch kamen immer mehr Leu­te auf mich zu. Ich hab' es als Lear­ning betrach­tet, wenn jemand mit mir arbei­ten woll­te. So ist es zu der Freun­de von Niemand-​Zusammenarbeit gekom­men, auch wenn ich an das Pro­jekt anfangs gar nicht wirk­lich geglaubt habe. Hadi El-​Dor hat­te mir das damals emp­foh­len und war ent­schei­dend für die ers­ten Erfol­ge die­ses Camps ver­ant­wort­lich. Wenn man gar nicht groß nach­denkt, son­dern ein­fach macht, enste­hen manch­mal groß­ar­ti­ge Din­ge, die sonst viel­leicht unter­ge­gan­gen wären.

MZEE​.com: Du hast vor­hin davon gespro­chen, dass Künstler:innen, mit denen du arbei­test, eine gewis­se Wert­vor­stel­lung haben müs­sen. Du bist als A&R bei iGroo­ve tätig. Nach­dem Uni­ver­sal die Arbeit mit Sam­ra auf­grund der öffent­li­chen Dis­kus­si­on um sei­ne Per­son hat ruhen las­sen, ist von ihm eine Sin­gle über iGroo­ve erschie­nen. Was ist dei­ne kon­kre­te Rol­le in die­sem Fall und was ist dei­ne Sicht­wei­se auf die Situation? 

D-​Bo: Die­se Aus­sa­ge bezieht sich auf Signings bei Wolf­pack, bei iGroo­ve gibt es meh­re­re auto­nom agie­ren­de A&Rs und natür­lich auch die Inha­ber der Fir­ma, die Deals machen. Ich hab' die­se Samra-​Single jeden­falls nicht gesignt. Ich bin bedingt durch die öffent­li­che Debat­te ganz froh, dass ich nicht in der Situa­ti­on war, das ent­schei­den zu müs­sen. Ich hal­te mich des­halb lie­ber mit einem kon­kre­ten Urteil über die­sen unge­klär­ten Sach­ver­halt zurück. Was ich bru­tal wich­tig fin­de und sehr ein­deu­tig unter­stüt­ze, ist, dass gene­rell eine Struk­tur geschaf­fen wird, bei der Per­so­nen empowert wer­den, die wesent­lich sen­si­ble­re Anten­nen und offe­ne­re Ohren haben als die aktu­el­len Platz­hir­sche im Busi­ness. So wer­den die Aus­sa­gen, Sor­gen und Bedürf­nis­se der Opfer unmit­tel­ba­rer ernst oder viel­leicht durch Empa­thie auch ohne direk­te Ankla­ge irgend­wie von jeman­dem wahr­ge­nom­men. Und dass danach ziel­ge­rich­tet agiert wird, um für eine Auf­klä­rung zu sor­gen und sich alle Markt­teil­neh­mer bemü­hen, Feh­ler aus der Ver­gan­gen­heit nicht zu wie­der­ho­len. Das gilt eben­so für ande­re The­men wie Frem­den­feind­lich­keit und jeg­li­ches ande­re toxi­sche Ver­hal­ten. Und, das möch­te ich noch mal ganz deut­lich beto­nen, das gilt vor allem auch außer­halb der Stell­ver­tre­ter­de­bat­te in der Musik­bran­che. Denn lei­der fehlt den Opfern von sexua­li­sier­ter Gewalt, Mob­bing, Ras­sis­mus, Igno­ranz gegen­über Depres­sio­nen und und und eigent­lich über­all die nöti­ge Lob­by, um signi­fi­kant etwas bewe­gen zu können.

MZEE​.com: Was müss­te pas­sie­ren, damit du die Zusam­men­ar­beit mit Künstler:innen beendest? 

D-​Bo: Wenn ich weiß: Jemand hat einen Feh­ler gemacht und lernt nicht dar­aus. Wenn ich das so ver­werf­lich fin­de, sei es mora­lisch oder juris­tisch, dann wür­de ich die Zusam­men­ar­beit auf­kün­di­gen. Wer es glaub­wür­dig bereut und zukünf­tig bes­ser machen möch­te, für die oder den wür­de ich die Her­aus­for­de­rung anneh­men, zu hel­fen. Das haben die Men­schen dann auch ver­dient. Man ver­dient mit den Leu­ten Geld, aber wenn sie das Eigen­in­ter­es­se belas­ten, wer­den sie fal­len­ge­las­sen. Das ist nicht mein Anspruch, das geht besser.

MZEE​.com: Zurück zu 20 Jah­ren deut­schem Rap. 2001 war es "D-​Bo, Deutscha Playa", 2021 ist es "D-​Bo, Wolf­pack Enter­tain­ment". Wer hat neben dir die­se 20 Jah­re "über­lebt"?

D-​Bo: Alle der wesent­li­chen Prot­ago­nis­ten von "Deutscha Playa" haben sich eta­bliert und sind zu Legen­den gewor­den. Bushi­do, Orgi, Hengzt … Fler war auf dem Album nicht drauf, aber war zu der Zeit auch in dem Umfeld. Die sind alle noch da und wer­den noch 20 wei­te­re Jah­re in die­sem Busi­ness blei­ben. Alle, die in die­sem Kos­mos irgend­wie mit­ge­dacht wur­den, sind zu Säu­len gewor­den, die für Ber­li­ner Rap ste­hen. Alles, was wir gemacht haben, hat für eine ein­zig­ar­ti­ge Sta­bi­li­tät in der Wahr­neh­mung gesorgt. Der Ein­zi­ge, der da noch mit­hal­ten kann, der zu der Zeit schon aktiv war, ist Azad. Eigent­lich noch Savas, aber den sehe ich eher im Batt­ler­ap als im Streetrap.

MZEE​.com: Abschlie­ßend stellt sich die Fra­ge, wie die nächs­ten 20 Jah­re deut­scher Rap aus­se­hen. Sind die Artists, die du suchst und fin­dest, die­je­ni­gen, die deut­schen Rap in den nächs­ten Jah­ren ent­schei­dend mit­ge­stal­ten werden? 

D-​Bo: Nimm zum Bei­spiel Anti­fuchs. In einer Sze­ne, die funk­tio­niert wie zu der Zeit, als ich ange­fan­gen habe, wäre sie wahr­schein­lich jetzt eine Legen­de. Wir machen rela­tiv viel im Feuil­le­ton. Sie hat vier Sei­ten im SPIEGEL bekom­men, der zum 100-​jährigen Jubi­lä­um des Frau­en­wahl­rechts raus­kam. Sie hat den Sound­track zu einem Netflix-​Film gemacht. Jetzt ist sie enga­giert im Volks­thea­ter Mün­chen, wo gera­de eine Trap-​Oper ent­steht, die im Novem­ber Pre­mie­re fei­ert. So ein­zig­ar­ti­ge Din­ge haben wir mit­ge­stal­tet. Wir machen kei­nen Eis­tee und ver­kau­fen kein Par­füm, aber der kul­tu­rel­le Bei­trag, den wir leis­ten, ist gigan­tisch. Auf dem Niveau, auf dem wir Erfolg mes­sen, haben wir mit Anti­fuchs etwas Ver­gleich­ba­res geschafft wie ersguterjunge-​Künstler, die nicht in der aller­ers­ten Liga spie­len. Genau­so wol­len wir das auch für Juno030 und McLu­vin machen. Da haben wir unse­re ganz spe­zi­el­len Plä­ne und sehen die in einer gewis­sen Ein­zig­ar­tig­keit im deut­schen Rap. Wir sind der Mei­nung, dass wir auf die rich­ti­gen Künstler:innen set­zen in Hin­blick auf die Wer­tig­keit, die sie in fünf Jah­ren auch inhalt­lich haben kön­nen. Das sagt natür­lich jedes Manage­ment, aber gera­de das Bei­spiel Anti­fuchs macht das für uns deutlich.

(Malin Tee­gen & Micha­el Collins)