"It was all about Versace …" – über HipHop und Fashion

"Mas­si­mo Dut­ti, CARLO COLUCCI, PRADA und Guc­ci – BALENCIAGA, guck' auf mein Arm­band, Nino Cer­ru­ti", rappt Miami Yaci­ne auf sei­nem Song "Desi­gner". Zei­len wie die­se sind durch­aus kei­ne Sel­ten­heit. Augen­schein­lich hört man in Rap­songs der letz­ten Jah­re immer wie­der die Namen diver­ser Fashionbrands. Teil­wei­se wer­den Tracks sogar nach die­sen benannt. "BALENCIAGA" von Ufo361, "SAINT LAURENT" von Kalim, "Ver­sace" von den Migos oder "Tom Ford" von Jay-​Z sind dabei nur ein paar von schein­bar unend­lich vie­len Bei­spie­len aus der deut­schen und inter­na­tio­na­len Rap­sze­ne. Doch auch abseits der Songs beein­flus­sen sich die Musik- und Mode­in­dus­trie gegen­sei­tig. Mitt­ler­wei­le gibt es unzäh­li­ge Kol­la­bo­ra­tio­nen in genau­so vie­len For­men: vom Rap­per mit eige­nem Snea­ker bis hin zum Designer-​kreierten Album­co­ver. Das Phä­no­men ist so stark aus­ge­prägt, dass teil­wei­se hef­ti­ge Kri­tik auf­kommt: Die HipHop-​Szene – ins­be­son­de­re die jün­ge­re Trap-​Generation – sei zu sehr auf Trends und Clot­hing als Sta­tus­sym­bol fokus­siert. Aber ist das wirk­lich eine neue Erschei­nung? Hat Klei­dung in der HipHop-​Kultur nicht schon immer eine gro­ße Rol­le ein­ge­nom­men? Und wovon wer­den die Styles von damals und heu­te beein­flusst? Wer­fen wir also einen Blick auf die Ent­wick­lung des Ver­hält­nis­ses zwi­schen Hip­Hop und Fashion.

 

"My Adi­das"

In der HipHop-​Kultur spie­len Klei­dung und Style von der ers­ten Sekun­de an eine gro­ße Rol­le, denn sie ent­steht in den 70er Jah­ren auf den Block Par­tys um Kool DJ Herc – und auf die­sen will man sich zei­gen. So tra­gen Rap­per und DJs vor­nehm­lich auf­fäl­li­ge und teils tra­di­tio­nell inspi­rier­te Out­fits. Gleich­zei­tig ori­en­tie­ren sich Artists äußer­lich an den New Yor­ker B-​Boys der dama­li­gen Zeit, wes­halb locke­re Klei­dung, in wel­cher man sich gut bewe­gen kann, und vor allem gutes Schuh­werk an der Tages­ord­nung ste­hen. Aus die­sem Grund hal­ten Trai­nings­an­zü­ge und Snea­ker Ein­zug in die HipHop-​Kultur, was einem deut­schen Sport­ar­ti­kel­her­stel­ler einen fes­ten Platz in die­ser sichern soll: Im Jahr 1985 erscheint der Track "My Adi­das" von Run-​DMC. Dar­auf heißt es: "We make a mean team, my adi­das and me – we get around tog­e­ther, we down fore­ver." Der Song wur­de ein ech­ter Hit und folg­lich erwächst der besun­ge­ne "adi­das Super­star" zum regel­rech­ten Sym­bol für Hip­Hop, wel­ches mil­lio­nen­fach ver­kauft wird. Dafür revan­chiert sich adi­das groß­zü­gig mit einer Wer­be­ko­ope­ra­ti­on über eine Mil­li­on Dol­lar und eige­ner Run-​DMC-​Auflagen des Snea­kers. DMC selbst sagt über "My Adi­das": "It was a song that was about our snea­kers, but it was big­ger than just tal­king about how many pairs of snea­kers we had. […] It came from the place whe­re peop­le would look at the b-​boys, the b-​girls and go, 'Oh, tho­se are the peop­le that cau­se all the pro­blems in here.' And, 'Tho­se young peop­le are not­hing but trou­ble­ma­kers and tho­se young peop­le don't know not­hing.' So they was [sic!] jud­ging the book by its cover, without see­ing what was insi­de of it." Somit geht es nicht nur um die Schu­he als It-​Piece oder Mar­ken­zei­chen. Viel­mehr soll hier über Klei­dung Bezug auf die eige­nen Wur­zeln genom­men wer­den. Zeit­gleich zeigt sich bei Acts wie KRS-​One und Public Enemy optisch ein gro­ßer Ein­fluss der Black Panther-​Bewegung. Aus die­sem Grund sind auch immer wie­der mili­ta­ris­tisch ange­hauch­te Out­fits mit Camouflage-​Muster oder den Far­ben der Bür­ger­rechts­be­we­gung – Rot, Gelb, Schwarz und Grün – zu sehen.

 

"Dap­per Dan yel­low, I'm always in Guc­ci"

Schon zu die­ser Zeit fin­den ein­zel­ne Mode­ma­cher einen beson­de­ren Platz in der Sze­ne. Denn auch wenn ein gewis­ser Dress­code vor­herrscht, stre­ben vor allem kom­mer­zi­ell erfolg­rei­che Artists, wel­che über­wie­gend aus ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen stam­men, nach Luxus und Extra­va­ganz. Din­ge, die Men­schen wie Eric B. & Rakim oder Bob­by Brown in ihrer Ver­gan­gen­heit nicht zugäng­lich waren. Das pro­mi­nen­tes­te Bei­spiel für einen sol­chen Mode­ma­cher ist wohl Dani­el Day ali­as Dap­per Dan. Die­ser besitzt zu Beginn der 80er Jah­re eine Bou­tique in Har­lem, wel­che 24 Stun­den am Tag geöff­net ist. Er selbst beschreibt sei­nen Stil als "macho type of eth­nic ghet­to clot­hing". Gro­ße Auf­merk­sam­keit bekommt der Laden, als nie­mand Gerin­ge­res als Mike Tyson nach einem Ein­kauf vor der Bou­tique eine Schlä­ge­rei anzet­telt und dar­auf­hin in die Medi­en gerät. Dar­über hin­aus ist Dap­per Dan der Aus­stat­ter von Gangs­ter­boss Alpo Mar­ti­nez, wel­cher zu die­ser Zeit als der ein­fluss­reichs­te Kri­mi­nel­le in Har­lem gilt. Er ordert eigens design­te Schutz­wes­ten und kugel­si­che­re Hüte bei ihm. Doch auch HipHop-​Artists wer­den auf den Desi­gner auf­merk­sam. So zäh­len Grö­ßen wie LL Cool J, Big Dad­dy Kane oder Salt 'n' Pepa zu sei­nem Kun­den­stamm. Das Beson­de­re an der Mode von Dap­per Dan sind die ver­wen­de­ten Mate­ria­li­en. So nutzt er oft Arti­kel euro­päi­scher Luxus­mar­ken wie DIOR, Lou­is Vuit­ton, Fen­di oder Guc­ci und auch Nach­dru­cke ihrer Logos. Aus die­sen schnei­dert er aller­hand extra­va­gan­te Klei­dungs­stü­cke. Sogar ein gan­zes Fahrzeug-​Interieur im Gucci-​Look hat Dap­per Dan für einen Kun­den ent­wor­fen. Für das, was er tut, fin­det Rachel Lif­ter, Pro­fes­so­rin für Fashion Stu­dies, den Aus­druck "blacki­ni­ze fashion": Er ver­wen­det Ele­men­te teu­rer Brands, die ansons­ten nur von Wei­ßen Gut­ver­die­nern getra­gen wer­den und über­nimmt sie in der Ästhe­tik der Black Com­mu­ni­ty. Die beson­de­re Ver­bin­dung zwi­schen Dani­el Day und der HipHop-​Kultur beginnt also schon in sei­ner Arbeits­wei­se: Er ver­wen­det Stü­cke aus Wer­ken, die für sich bereits fer­tig sind, nimmt die­se aus­ein­an­der und setzt sie wie­der zu etwas Neu­em zusam­men – genau­so, wie es beim Sam­pling geschieht. All das miss­fällt den euro­päi­schen Mode­schöp­fern aller­dings. Denn dass Schwar­ze plötz­lich Zugang zu solch "exklu­si­ven" Klei­dungs­stü­cken haben, ist zu die­sem Zeit­punkt – offen­sicht­lich aus ras­sis­ti­schen und klas­sis­ti­schen Moti­ven – qua­si ein Tabu. Zu Beginn der 90er Jah­re muss Dap­per Dan sei­ne Bou­tique unter ande­rem wegen eines Rechts­streits mit dem ita­lie­ni­schen Mode­la­bel Fen­di schlie­ßen. Den­noch bleibt er wei­ter als Desi­gner tätig und arbei­tet mitt­ler­wei­le mit eini­gen Mar­ken, deren Arti­kel er damals gegen ihren Wil­len ver­wen­de­te, zusam­men. Bis heu­te wird er immer wie­der von ver­schie­dens­ten Künst­lern erwähnt. Che­vy Woods, Ski Mask the Slump God und Ami­né wid­men dem Fashion-​Artist sogar eige­ne Songs – eben­so wie Micha­el Jack­son. Auch hier­zu­lan­de wünscht sich Shin­dy auf sei­nem Song "Dodi" "Guc­ci by Dap­per Dan" und zwar in "3XL wie Doug Hef­fer­n­an"

Insi­de the Multi-​Million Dol­lar Guc­ci Ate­lier in Har­lem with Dap­per Dan | HYPEBEAST Visits

 

"Got on my but­ter­cream silk shirt and it's Ver­sace"

Mit dem wach­sen­den kom­mer­zi­el­len Erfolg von Hip­Hop und Rap bekom­men Mode­mar­ken eine immer grö­ße­re Bedeu­tung. Sie ste­hen nicht nur für Stil­be­wusst­sein, son­dern auch für sozia­len Auf­stieg. Denn wie bereits erwähnt ist High End Fashion für den größ­ten Teil der Schwar­zen Bevöl­ke­rung nicht erschwing­lich. Rap­per wie 2Pac, Puff Dad­dy, The Noto­rious B.I.G. oder Mase adap­tie­ren die Styles der Gangs­ter und King­pins aus den spä­ten 80er Jah­ren. Bei­spiels­wei­se zäh­len nun Desi­gner­an­zü­ge und Pelz­män­tel zur Stan­dard­gar­de­ro­be der Rap­stars. So rückt der Fokus noch mehr auf Edel­mar­ken und Custom-​Anfertigungen à la Dap­per Dan. Auch wenn vie­le Brands im Grun­de dage­gen sind, ein Teil der HipHop-​Kultur zu wer­den, sprin­gen doch eini­ge auf den Zug mit auf. So wird 2Pac bereits in frü­hen Jah­ren sogar von der ita­lie­ni­schen Edel­mar­ke Ver­sace gespon­sert und läuft auf einer ihrer Mode­schau­en mit. Hip­Hop war zu die­ser Zeit etwas Neu­es und Urba­nes – also die per­fek­te Inspi­ra­ti­ons­quel­le. Dona­tel­la Ver­sace sagt in einem VOGUE-​Interview dazu: "Den­ken Sie an den Rap oder Hip-​Hop von damals. Ver­sace hat mit Tupac gear­bei­tet, bevor Hip-​Hop oder Rap die Welt beherrsch­ten, ein­fach weil wir sahen, dass dort etwas ande­res und Stö­ren­des pas­sier­te, und wir dar­an glaub­ten." Mit die­ser Ent­wick­lung erhal­ten opti­scher Stil und Indi­vi­dua­li­tät einen Stel­len­wert, der grö­ßer ist als je zuvor. 2Pac disst sei­nen ehe­ma­li­gen Freund Big­gie auf "Hit 'Em Up" neben schwer belei­di­gen­den Din­gen auch mit der Line "Now it's all about Ver­sace, you copied my style" und unter­streicht damit, wie wich­tig eige­ner Stil im Rap damals schon gewor­den ist. Noch heu­te erfreut sich Ver­sace weit über den ein­gangs erwähn­ten Song der Migos hin­aus einer gro­ßen Beliebt­heit in der HipHop-Szene.

Doch auch weni­ger klas­si­sche und pres­ti­ge­träch­ti­ge Mar­ken beob­ach­ten die Ent­wick­lung im Rap. Sie wol­len eben­falls am kom­mer­zi­el­len Erfolg teil­ha­ben und von der Authen­ti­zi­tät der HipHop-​Kultur pro­fi­tie­ren. Als Snoop Dogg wäh­rend einer Per­for­mance bei "Satur­day Night Live" ein blau-​weiß-​rotes Rugby-​Shirt trägt, auf dem in gro­ßen Let­tern der Schrift­zug "TOMMY" prangt, bricht ein regel­rech­ter Hype um Tom­my Hil­fi­gers Mar­ke Tom­my Jeans aus. Die­ser bleibt natür­lich von den Mode­ma­chern nicht unbe­merkt und so machen sie im Jahr 1996 die damals sehr erfolg­rei­che R 'n' B-​Sängerin Aali­yah kur­zer­hand zum Gesicht ihrer Mar­ke­ting­kam­pa­gne. Die jun­ge und sport­li­che Mar­ke eta­bliert sich rasend schnell in der HipHop-​Szene und wird zu einem ech­ten Statussymbol.

2Pac - Ver­sace Fashion Show in Milan, Ita­ly (June 1996)

 

HipHop-​Couture

Gegen Ende der 90er und Anfang der 2000er wol­len HipHop-​Artists nicht mehr nur Kun­den oder Gesich­ter von Mode­mar­ken sein, son­dern sel­ber in die Fashion-​Industrie ein­stei­gen. Denn die­se ist zwar an der neu­en Reich­wei­te von Hip­Hop, jedoch weni­ger an der Sze­ne, den Artists oder gar der Kul­tur inter­es­siert. Jian DeLe­on, Edi­to­ri­al Direc­tor bei Highsno­bie­ty, sagt dazu: "You had a lot of labels being star­ted spe­ci­fi­cal­ly by rap­pers who saw this gap in the mar­ket that was essen­ti­al­ly, 'Alright, fashion brands won't speak to our lis­teners and to our audi­ence, so let's crea­te some­thing that's authen­ti­cal­ly of that world.'" Als Vor­bild für die­se Labels gilt Rap-​Mogul Jay-​Z, wel­cher bereits 2003 eine mehr­jäh­ri­ge Koope­ra­ti­on mit dem Sport­ar­ti­kel­her­stel­ler Ree­bok ein­geht und so sei­ne eige­ne Schuh­kol­lek­ti­on mit dem Namen S. Car­ter auf den Markt bringt. Ree­bok kann danach einen Anstieg ihres Akti­en­werts von gan­zen 11 % ver­zeich­nen. Spä­ter zieht auch 50 Cent mit der G-​Unit-​Line nach. Zwar haben bereits vor­her eini­ge Rap­per mit Fashion Brands koope­riert, jedoch nie in einer sol­chen Grö­ßen­ord­nung. So sprie­ßen Rapper-​Marken wie Pil­ze aus dem Boden oder gewin­nen zusätz­lich an Auf­merk­sam­keit: bei­spiels­wei­se die bei­den eben genann­ten Artists mit Roca­we­ar und G-​Unit Clot­hing, Puff Dad­dy mit Sean John, der Wu-​Tang Clan mit Wu Wear oder Nel­ly mit Vokal. Auch spe­zia­li­sie­ren sich eini­ge Desi­gner auf HipHop- und Street­fa­shion wie Karl Kani, des­sen Mar­ke lan­ge Zeit eine der erfolg­reichs­ten der HipHop-​Szene war. Damit ist es Hip­Hop gelun­gen, nicht nur als Kon­su­ment oder Wer­be­flä­che zu die­nen, son­dern die Mode­bran­che aktiv mitzugestalten.

Par­al­lel dazu eta­bliert sich der soge­nann­te "Baggy-​Style". Tief­sit­zen­de Hosen und zu gro­ße T-​Shirts wer­den zur Uni­form für Rap­per und Fans. Ins­ge­samt wird weni­ger Wert auf teu­re Mar­ken als auf Authen­ti­zi­tät gelegt. So ori­en­tiert sich die HipHop-​Szene mehr an tat­säch­li­cher "Street"-Wear, wie sie bei­spiels­wei­se in den New Yor­ker Ghet­tos getra­gen wird. Die "White Tees" – schlich­te wei­ße und zu wei­te Shirts – wer­den immer häu­fi­ger getra­gen. Ursprüng­lich basiert die­ser Style dar­auf, dass vie­le jun­ge, vor­nehm­lich Schwar­ze Män­ner in pro­blem­be­haf­te­ten Vier­teln von bei­spiels­wei­se L.A., etwa das­sel­be tra­gen, sodass die Poli­zei sie schwe­rer erken­nen kann. Dar­über hin­aus wird sich auch hier wie­der an Brea­kern ori­en­tiert. Die wei­ten Anzieh­sa­chen und Baggy-​Hosen kaschie­ren klei­ne Fehl­be­we­gun­gen beim Tan­zen und bie­ten zudem die nöti­ge Bewe­gungs­frei­heit. Außer­dem zählt auch hier wie­der der Anony­mi­täts­ge­dan­ke, denn die wei­ten Kla­mot­ten geben wenig von der Sta­tur einer Per­son preis.

Um das Jahr 2010 taucht dann eine neue Genera­ti­on von Rap­pern auf und ver­än­dert das HipHop-​interne Fashiongame erneut. Mit Artists wie Mac Mil­ler und Wiz Kha­li­fa hal­ten locke­re Karo­hem­den von Car­hartt und Snapback-​Caps von Mit­chell & Ness Ein­zug in die HipHop-​Kultur. Da eben­die­se dar­auf basiert, sich Inspi­ra­ti­on in ande­ren Sub­kul­tu­ren zu suchen, ist es nicht wei­ter ver­wun­der­lich, dass neben Car­hartt auch Mar­ken wie Stüs­sy oder Clep­to­ma­nicx, die eher der Surf- oder Ska­te­kul­tur zuge­ord­net wer­den, an Bedeu­tung gewin­nen. Zeit­gleich gera­ten "alte" Mar­ken wie Phat Farm oder Ecko Unltd. lang­sam in Ver­ges­sen­heit und machen Platz für Namen wie Dope Cou­ture, die man bei­spiels­wei­se bei Tyga immer wie­der sieht. Ins­ge­samt muss Klei­dung nicht mehr authen­tisch wir­ken, son­dern auf­fäl­lig sein und "Swag" haben. Spä­ter kom­men dann durch Lil Peep oder XXXTen­ta­ci­on sogar modi­sche Ein­flüs­se aus Rock und Punk dazu. Zwar sind all die­se Ein­flüs­se in ver­ein­zel­ten Strö­mun­gen der HipHop-​Kultur schon lan­ge vor­her zu fin­den, jedoch erle­ben sie zu die­ser Zeit eine Renais­sance – wenn nicht sogar einen Peak.

Jay-​Z - Star­ting Rocawear

 

"Rap ist Sport"

Schon seit der ers­ten Sekun­de ori­en­tiert sich die HipHop-​Kultur auch am Sport. Dies ist nicht wei­ter ver­wun­der­lich, wenn man bedenkt, dass es nir­gend­wo sonst so um Com­pe­ti­ti­on geht wie hier. Zu Beginn geht es – ähn­lich wie beim Tan­zen, das damals noch viel enger mit Hip­Hop ver­knüpft war – eben­falls um das Frei­ma­chen von Zwän­gen. Spä­ter, als dann die ers­ten gro­ßen Labels auf Hip­Hop auf­merk­sam wer­den und Rap­per es plötz­lich von pre­kä­ren Lebens­si­tua­tio­nen zu Mil­lio­nen auf dem Kon­to schaf­fen, rückt der sozia­le Auf­stieg in den Vor­der­grund. Vor allem Bas­ket­ball­spie­ler wie Micha­el Jor­dan, die als jun­ge Schwar­ze Ame­ri­ka­ner den­sel­ben Auf­stieg schaf­fen wie Musi­ker der dama­li­gen Zeit, wer­den von Rap­pern sogar zu ech­ten Sti­li­ko­nen erho­ben. Aus die­sem Grund erhal­ten die Caps von New Era und Mit­chell & Ness auch einen solch gro­ßen Zuspruch – schließ­lich sind sie offi­zi­el­ler Part­ner der NBA. Des Wei­te­ren spielt Lokal­pa­trio­tis­mus im Hip­Hop eben­falls eine gro­ße Rol­le. Und wie könn­te man die­sen bes­ser ver­kör­pern als mit dem Logo sei­nes jewei­li­gen Teams geschmückt.

Eben­so sieht man immer wie­der Rap­per in Fuß­ball­tri­kots ver­schie­dens­ter Ver­ei­ne. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wo der Sport eher weni­ger ver­brei­tet ist, zwar nur ver­ein­zelt, aller­dings exor­bi­tant oft in Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich und Deutsch­land, wel­che als ech­te Fuß­ball­na­tio­nen gel­ten. Ganz beson­ders sticht dabei das Tri­kot des Clubs Paris St. Ger­main her­vor. Wohl durch den Fran­zo­sen MHD zu Berühmt­heit gekom­men, trägt die bri­ti­sche Rap­pe­rin M.I.A. bei­spiels­wei­se im Video zu ihrem Song "Bor­ders" das Tri­kot und in Deutsch­land wird die­sem sogar ein gan­zer Song gewid­met: "Tri­kot von Paris" von Sugar MMFK. Nimo, der sel­ber oft Out­fits ver­schie­de­ner Mann­schaf­ten trägt, sagt dazu: "Ame­ri­ka­ni­sche Rap­per woll­ten Bas­ket­bal­ler wer­den, bevor sie ange­fan­gen haben zu rap­pen. Deutschrap­per woll­ten meis­tens Fuß­bal­ler wer­den, weil sie auf dem Bolz­platz groß wur­den." Dies ist nicht wei­ter ver­wun­der­lich, wenn man bedenkt, dass in öko­no­misch schwä­che­ren Schich­ten teils weni­ger Ver­trau­en in Bildungs- und Arbeits­an­ge­bo­te herrscht. Dar­um hof­fen eini­ge Men­schen dort auf das gro­ße und schnel­le Geld und den damit ein­her­ge­hen­den öko­no­mi­schen Auf­stieg bis an die Spit­ze – so wie er eben auch bei einer plötz­li­chen Sport- oder Musik­kar­rie­re geschieht.

Sugar MMFK - Tri­kot von Paris (prod. by Pena­cho) [4K VIDEO]

 

"I told Vir­gil wri­te 'Brick' on my brick"

In der heu­ti­gen Zeit ist Fashion in der Rap­welt so wich­tig wie nie. Qua­si jeder Rap­per, der etwas auf sich hält, hat sei­ne eige­ne Mode-​Linie oder zumin­dest eine Kol­la­bo­ra­ti­on mit einem bekann­ten Label – sowohl in Deutsch­land als auch inter­na­tio­nal. Wie Dap­per Dan zu sei­ner Zeit hat ein bestimm­ter Desi­gner auch heu­te einen gro­ßen Ein­fluss auf die HipHop-​Szene. Die­ser Desi­gner ist Vir­gil Abloh. Bereits zu Beginn sei­ner Kar­rie­re im Jahr 2009 arbei­te­te er eng mit nie­mand Gerin­ge­rem als Kanye West zusam­men. 2011 war er dann sogar Artis­tic Direc­tor beim Collabo-​Album "Watch The Thro­ne" von Kanye West und Jay-​Z. Bei Vir­gil Ablohs Arbeits­stil lässt sich eine Par­al­le­le zu Dap­per Dan zie­hen, denn auch sei­ne Mode basiert auf den Schöp­fun­gen ande­rer. Abloh kauft bei­spiels­wei­se aus­ver­kauf­te Ralph Lauren-​Stücke auf, bedruckt die­se und bie­tet sie dann für mehr als das Zehn­fa­che des Prei­ses an. Mitt­ler­wei­le ist er der Artis­tic Direc­tor für Lou­is Vuit­tons men's wear und Grün­der der Edel­mar­ke Off-​White. Doch neben sei­ner Arbeit als Mode­schöp­fer arbei­tet Abloh auch regel­mä­ßig mit ver­schie­de­nen HipHop-​Artists zusam­men. Bei­spiels­wei­se hat er an Musik­vi­de­os von A$AP Rocky, Lil Uzi Vert, Future oder Qua­vo mit­ge­wirkt. Mit einem Rap­per scheint Alboh eine beson­ders inni­ge Bezie­hung zu haben. Der Gri­sel­da Records-​Leader West­side Gunn lässt sich für sein Album "Pray for Paris" aus dem Jahr 2020 laut eige­ner Aus­sa­ge von einer Fashion Show von Off-​White inspi­rie­ren. Auf dem erfolg­reichs­ten Song "327" mit Tyler, the Creator und Joey Bada$$ heißt es in der Hook: "I swe­ar Paris will be pray­ed for – unre­leased Off-​White to the ankles." Dar­über hin­aus designt Abloh das Cover eben­je­nen Albums. Auch hier nutzt er ein frem­des Werk als "Sam­ple": Gezeigt wird eine Remon­ta­ge des Gemäl­des "David mit dem Haupt des Goli­ath" von Michel­an­ge­lo Meri­si da Caravaggio.

West­side Gunn & Joey Bada$$ - 327 (ft. Tyler, The Creator & Bil­lie Ess­co) (Audio)

 

Ist die Kri­tik berechtigt?

Wie zu Beginn erwähnt wird die All­ge­gen­wär­tig­keit von Edel­de­si­gnern in der HipHop-​Szene häu­fig kri­ti­siert. Dies ist zum einen ver­ständ­lich, da die Erwäh­nun­gen in den letz­ten Jah­ren expo­nen­ti­ell gestie­gen sind. Zum ande­ren ste­hen Style, Com­pe­ti­ti­on und Auf­stieg schon von Anfang an mit im Zen­trum der HipHop-​Kultur. Des Wei­te­ren ist es nach­voll­zieh­bar, dass Men­schen, die auf­grund von Armut sozia­le Aus­gren­zung erle­ben muss­ten, ihren Erfolg zei­gen wol­len, um die gemach­ten nega­ti­ven Erfah­run­gen zu kom­pen­sie­ren und ihren Auf­stieg zu zele­brie­ren. Dies stößt bei der soge­nann­ten Ober­schicht aller­dings auf Unmut, denn gera­de die­se grenzt sich ger­ne mit teu­rer Klei­dung vom Rest der Gesell­schaft ab. Gleich­zei­tig wird oft ver­ges­sen, dass auch euro­päi­sche Luxus­mar­ken immer wie­der nega­tiv durch schlech­te Arbeits­be­din­gun­gen oder gar Ras­sis­mus in Erschei­nung tre­ten. Somit muss sich die Fra­ge nach der Ver­tret­bar­keit der HipHop-​Szene und auch sei­ner eige­nen Moral gegen­über jeder selbst stel­len. Denn so fas­zi­nie­rend und flas­hy das alles sein mag, es wäre scha­de, wenn Hip­Hop nach und nach zu einer ein­zi­gen bunt-​glitzernden Wer­be­flä­che ver­kom­men wür­de – und das auch noch für mehr als frag­wür­di­ge Konzerne.

(Nico Matu­ro)
(Titel­bild von Dani­el Fersch)