24 Jahre deutscher Rap in Tracks: Türchen #24 (2020)

Es ist kalt, es ist grau, es gibt immer noch Coro­na. Die idea­le Zeit also, um heu­te zum letz­ten Mal bei unse­rem Advents­ka­len­der mit­zu­fie­bern. In den vor­an­ge­gan­ge­nen 23 Tagen haben wir eine Zeit­rei­se in die deut­sche Rap-​Vergangenheit unter­nom­men und die für uns rele­van­tes­ten Songs der letz­ten 23 Jah­re – ange­fan­gen 1997 – gekürt. Dabei ist natür­lich zu beach­ten, dass Rele­vanz anhand unter­schied­li­cher Gesichts­punk­te beur­teilt wer­den kann. Unse­re Defi­ni­ti­on davon ist, wel­che Künst­ler mit ihrer Musik Inno­va­ti­on bewie­sen und somit nach­hal­tig Ein­fluss auf die Sze­ne genom­men haben.

Da man erst rück­bli­ckend beur­tei­len kann, ob ein Künst­ler prä­gend für das gan­ze Gen­re war, haben wir zusam­men­ge­stellt, wer in die­sem Jahr beson­ders inno­va­ti­ve und inter­es­san­te Musik her­aus­ge­bracht hat, wer viel­leicht Vor­rei­ter in bestimm­ten Aspek­ten war und wer uns nach­hal­tig beein­druckt hat.

 

Hai­y­ti

Scheiß mal auf die gan­zen Fake News, ich bin Deutschraps Zukunft.
Dass ich nie wie­der zurück­komm', war ein Trugschluss.

Es gibt eine Prot­ago­nis­tin der Sze­ne, die von Anfang an ihr ganz eige­nes Ding gemacht hat, sich dabei immer wie­der neu erfin­det und damit diver­se Künst­ler beein­flusst: Hai­y­ti. Auch in die­sem Jahr hat sie es wie­der geschafft, ihren spe­zi­el­len und unver­wech­sel­ba­ren Sound auf ein neu­es Level zu brin­gen. Ange­fan­gen mit ihrem Album "SUI SUI" im Som­mer und nun im Win­ter mit "influ­en­cer". Ihre Palet­te reicht von Pop-​Hits wie "LA LA LAND", auf denen sie unge­wöhn­lich viel singt, bis zu Repre­sen­tern wie "sweet", bei dem sie ganz klar gemacht hat, wie fake die meis­ten Rap­per sei­en. An 16er wird sich sowie­so nicht mehr gehal­ten, der Flow wech­selt manch­mal alle vier Zei­len und ihre Punch­li­nes sind erfri­schend krea­tiv und lus­tig wie immer. Bei­de Alben wur­den haupt­säch­lich von Pro­ject X pro­du­ziert, einem Kol­lek­tiv aus fünf Pro­du­zen­ten, von denen man sonst nur wenig weiß. Neben der stil­vol­len Ästhe­tik bekommt man wie gewohnt Rap, dem es kei­nes­falls an Skills fehlt. Die gebür­ti­ge Ham­bur­ge­rin hat nicht umsonst ihr "come­back" angekündigt.

 

Ero­tik Toy Records

Wir sind ech­te Mother­fu­cker, kei­ne Kunstfiguren.

Wenn man an indi­vi­du­el­len Sound aus die­sem Jahr denkt, kommt einem sicher mit als ers­tes die Bre­mer Crew Ero­tik Toy Records in den Sinn. Mit ihrem Labelsam­pler "Hafen­wind" haben Tigh­till, doubt­boy, Flo­ri­da Jui­cy, Jay Pop, Skin­nyb­lack­boy und Young Mey­er­lack spä­tes­tens die­ses Jahr unter Beweis gestellt, wie ein­zig­ar­tig sie ihre Musik und das Drum­her­um gestal­ten. Vor allem durch die Mocku­men­ta­ry "Stadt­mu­sik­ban­de (Bre­men, 1992)" haben sie vor­ab Auf­se­hen erregt und ihren ganz eige­nen Kos­mos im Rap ergänzt. Denn Flo­ri­da Jui­cys Pro­duk­tio­nen sind unein­ge­schränkt und facet­ten­reich – regel­recht getränkt in Ein­flüs­sen ande­rer Gen­res. Der Musik sind schlicht­weg kei­ne Gren­zen gesetzt. Damit haben sie vie­len Kunst­schaf­fen­den eini­ges vor­aus und ebnen hof­fent­lich den Weg für mehr Expe­ri­men­te und mehr Mut zu Unge­wöhn­li­chem. Ihr Song "Klin­gel­ton" zeigt genau das mit den fast schon stres­si­gen Videospiel- und Tele­fon­tö­nen gut auf. Die­ser hat die sof­te Punk-​Attitüde, die bei ETR immer mit­schwingt, und ihre beson­de­ren Stim­men und Beto­nun­gen sind stets on point. Es bleibt natür­lich die Fra­ge, wie vie­le Nach­ah­mer ihr indi­vi­du­el­ler Klang in Zukunft fin­den wird – oder ob sie prä­de­sti­niert dafür sind, ein Uni­kat zu bleiben.

 

Tor­ky Tork

Ich mein­te: 'Tor­ky, kannst du mir 'n Grime Beat machen?'
Zwei Minu­ten spä­ter war das Ding in mei­nem Briefkasten.

Doch nicht nur Flo­ri­da Jui­cy, son­dern Pro­du­zen­ten im All­ge­mei­nen bekom­men mehr Auf­merk­sam­keit denn je – und das völ­lig zurecht. Es gehört selbst­ver­ständ­lich zum guten Ton, ein Auge auf die Pro­du­cer zu wer­fen, wenn man von Inno­va­ti­on spricht. Womit wir auch schon zu unse­rem nächs­ten Anwär­ter kom­men. Denn die Beats lan­de­ten die­ses Jahr nicht nur bei Galv. Egal, ob das die Mit­ar­beit auf dem Lord Fol­ter-Album "1992day", die Zusam­men­ar­beit mit elo­quent für "Modus Minus", die T9-Relea­ses mit Rapper-​Kollege Doz9 oder sein Solo-​Projekt "Dopo­so­le" war – Tor­ky Tork hat die­ses Jahr ein­fach nur abge­lie­fert. Er wird kon­ti­nu­ier­lich bes­ser und ist Jahr für Jahr auf immer mehr bedeu­ten­den Alben aus dem Unter­grund ver­tre­ten. Man muss es erst mal hin­krie­gen, eine so unver­kenn­ba­re Sound­äs­the­tik zu schaf­fen und sich dabei trotz­dem wei­ter aus­zu­pro­bie­ren. Tor­ky hat das erreicht, was einen rich­tig guten Pro­du­zen­ten aus­macht: Man hört, wenn eine Pro­duk­ti­on von ihm stammt. Er ver­sieht jeden Beat mit sei­ner Hand­schrift. Sei­nen Peak hat er die­ses Jahr wohl mit "Hans Dampf" von T9 erreicht, doch am Ende ist sei­ne Viel­falt entscheidend.

 

Lugat­ti & 9ine

Häng' im Stu' und ich fühl' mich wie im Baumarkt:
Über­all nur Bret­ter und der Smo­ke wird immer lauter.

Die Namen Lugat­ti & 9ine waren schon seit letz­tem Jahr über­all zu lesen und zu hören. Ob Boom bap- oder Trap-​Hörer, jung oder alt, Old- oder New­schoo­ler – nahe­zu jeder kann den jun­gen Köl­ner Rap­pern etwas abge­win­nen. Denn sie sind anpas­sungs­fä­hig im posi­tivs­tem Sin­ne. Ein biss­chen Stra­ße, ein biss­chen Studi-​Swag, ein biss­chen Par­ty und Dro­gen, ein biss­chen poli­tisch, ein biss­chen Bad Boys. Das hört sich im ers­ten Moment viel­leicht nega­tiv an, aber sie sind nicht umsonst da, wo sie sind. Sie haben eini­ges auf dem Kas­ten und haben mit ihrem Haus-​Produzenten Tra­ya oder auch gemein­sam mit Funk­va­ter Frank für die "Tempo"-EP etwas ganz Eige­nes geschaf­fen, das es so noch nicht gab. Sie fin­den in der Mit­te der Sze­ne statt und gehö­ren zu der neu­en Wel­le Rap mit Straßen-​Einfluss, die gera­de so viel Anklang fin­det. Auch auf dem Song "Dop­pel C" mit OG Kee­mo von ihrem neu­en Album "MKS 4.0" zei­gen sie gekonnt ihre ver­schie­de­nen Facetten.

 

Play­boys­ma­fia

Ori­gi­nal Ber­li­ner Boys, nein, wir sind nicht wie du.

Die Play­boys­ma­fia, bestehend aus den Rap­pern Pas­h­anim und Sym­ba, dem DJ Abu­g­litsch und RB, ver­kör­pert art­sy Stra­ßen­rap aus der Haupt­stadt, der unter­grun­dig scheint und trotz­dem die gro­ßen Millionen-​Klickzahlen erreicht. Ihre Art der Rebel­li­on durch Igno­ranz erin­nert ein biss­chen an Aggro Ber­lin. Auch, wenn die The­men heu­te ande­re sind und über Lacos­te, Louis-​Taschen und Tri­kots mit Zine­di­ne Zidane-​Aufschrift gerappt wird. Wäh­rend Sym­ba zuletzt mit "Battle­field Free­style" erneut über­zeug­te, lan­de­te Pas­h­anim mit "Air­wa­ves" zwei­fels­oh­ne den Som­mer­hit 2020. Der Track mit dem 4-​to-​the-​floor-​Beat von stick­le ist ein rich­ti­ger Ohr­wurm. Es gibt wahr­schein­lich kei­nen deut­schen Jugend­li­chen, der das Lied nicht kennt. Doch nicht nur ihre Musik, son­dern auch die Art und Wei­se, wie sie die­se ver­mark­ten, ist modern und beein­flusst die Sze­ne. Wer braucht schon all-​you-​can-​eat, wenn man auch ein 3-​Gang-​Menü an Fines­se bekom­men kann?

 

Grund­sätz­lich sei gesagt, dass Hai­y­ti, Ero­tik Toy Records, Tor­ky Tork, Lugat­ti & 9ine und die Play­boys­ma­fia jeweils etwas ande­res ver­kör­pern. Den­noch wird jeder von ihnen auf sei­ne Art und Wei­se die Ent­wick­lung von deut­schem Rap prä­gen, da sie das Gesche­hen inner­halb die­ser Sze­ne unge­mein berei­chern. Wir wer­den in ein paar Jah­ren ja sehen, ob wirk­lich einer der genann­ten Künst­ler am rele­van­tes­ten für 2020 war – oder es viel­leicht jemand ganz ande­res gewe­sen sein wird.

(Yas­mi­na Rossmeisl)
(Fotos von Rober­to Cas­si­an, Jonas Höschl, Jero­me Reich­mann, Der Lars und Playboysmafia)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)