Primatune – ein Gespräch über die Leistungsgesellschaft

Wir sind es von klein auf gewohnt, dass wir nach unse­ren Leis­tun­gen bewer­tet wer­den – sei es im Kin­der­gar­ten, in der Schu­le oder im Job. Schließ­lich ist in Deutsch­land auch von einer Leis­tungs­ge­sell­schaft die Rede. Doch nicht sel­ten wird die Leis­tung, die wir erbrin­gen, unver­hält­nis­mä­ßig gemes­sen – denn wor­an misst man Leis­tung eigent­lich? Und ist sie auch ein Garant für Erfolg? Durch die­se Fra­gen ent­steht Druck und so kommt es oft vor, dass man die Welt um sich her­um als sehr schnell­le­big wahr­nimmt – alle sind beschäf­tigt, nie­mand hat Zeit, jeder guckt gehetzt auf die Uhr. Immer öfter bre­chen Men­schen unter dem Druck zusam­men oder sind unzu­frie­den mit dem, was sie machen, wis­sen aber gar nicht, was zu ihnen passt. Das liegt wohl unter ande­rem dar­an, dass es vie­le Mög­lich­kei­ten gibt und einem gesagt wird, dass man eine gro­ße Aus­wahl hat. Das ist im deut­schen Rap nicht anders – denn auch hier hat man vie­le Mög­lich­kei­ten und es wird ger­ne von oben gepre­digt, dass man alles schaf­fen kann, wenn man nur genug arbei­tet und Leis­tung erbringt. P.A.T., Fid Al und Mikzn70 von Pri­ma­tu­ne sind seit Lan­gem Bestand­teil der Rap­sze­ne und haben sich schon vor eini­ger Zeit auf dem Track "ZEIT" gegen die Leis­tungs­ge­sell­schaft und Schnell­le­big­keit aus­ge­spro­chen. Des­halb frag­ten wir die Mün­che­ner Rap­per, wor­in sie die Vor- und Nach­tei­le die­ser Art von Gesell­schaft sehen, ob es Chan­cen­gleich­heit gibt und wor­an Leis­tung genau gemes­sen wird. Außer­dem haben wir dar­über gere­det, ob man sich heut­zu­ta­ge über­haupt noch eine Aus­zeit neh­men kann und wie sie den Leis­tungs­druck im deut­schen Rap wahr­neh­men.

MZEE​.com: In Deutsch­land ist oft von einer Leis­tungs­ge­sell­schaft die Rede. Zu Beginn wür­de ich ger­ne von euch wis­sen, ob ihr das auch so erlebt.

Mikzn70: Ich per­sön­lich erle­be das schon so. Was ich davon hal­te, ist eine ande­re Sache. Über­all, wo etwas gemes­sen und gewer­tet wird, geht es um Leis­tung.

P.A.T.: Sehe ich auch so.

Mikzn70: Das Wort Leis­tung kommt in vie­len Sachen vor. Ich ken­ne das von mei­ner Arbeit. Wir schlie­ßen mit der Stadt Mün­chen immer einen Leis­tungs­ver­trag ab. Das heißt, dass die Stadt uns finan­ziert und wir denen im Vor­lauf garan­tie­ren, bestimm­te Din­ge zu machen. Das wird auch geprüft. Ich den­ke, in der Arbeits­welt ist es völ­lig nor­mal, dass es um Leis­tung geht.

MZEE​.com: Wor­in seht ihr die Vor- und Nach­tei­le einer Leis­tungs­ge­sell­schaft?

Mikzn70: Der Vor­teil ist, dass du Din­ge nach­mes­sen und dem­entspre­chend Güter ver­tei­len kannst. Dein Gehalt ist abhän­gig von dei­ner Leis­tung. Das ist ja die Idee dahin­ter. Das Pro­blem ist aber, dass jeder eine ande­re Defi­ni­ti­on von Leis­tung hat. Eine Schu­le hat bei­spiels­wei­se völ­lig ande­re Kri­te­ri­en dafür. Die Fra­ge ist immer: Was ist mehr und was weni­ger Leis­tung?

P.A.T.: Wenn ich mehr Leis­tung brin­ge, hab' ich im End­ef­fekt mehr davon – meis­tens Geld oder Frei­zeit. Ich arbei­te fünf Tage die Woche, kann aber auch nur vier Tage arbei­ten, wenn ich will. Hab' ich in letz­ter Zeit immer gemacht. (lacht) Vie­le sagen, dass sie das dumm fin­den, weil ich dadurch weni­ger Geld ver­die­ne. Aber ich habe dadurch mehr Frei­zeit. Ich bin jetzt seit zwei­ein­halb Jah­ren Vater und da ist mir die Frei­zeit tau­send­mal mehr wert.

Fid Al: Einer der größ­ten Nach­tei­le ist, dass in jeder Bran­che Leis­tung gefor­dert wird, aber das, was dabei raus­kommt, extrem unter­schied­lich ist. Das Ziel, durch mehr Leis­tung mehr Erfolg zu bekom­men, erreicht man in vie­len Jobs ein­fach nicht. Allei­ne, wenn du den Unter­schied zwi­schen einem Fili­al­lei­ter und einem Lager­ar­bei­ter siehst. Die brin­gen zwar bei­de Leis­tung, aber dadurch, dass der Lei­ter eine höhe­re Posi­ti­on hat, muss er weni­ger leis­ten, um mehr zu ver­die­nen.

P.A.T.: Na ja, dafür hat er wahr­schein­lich län­ger gear­bei­tet.

MZEE​.com: Das kommt auch auf die Aus­bil­dung an. Oft wird dar­an gemes­sen.

Mikzn70: Es gibt gewis­se Kri­te­ri­en. Das Pro­blem ist aber, dass du schon zwei Lager­ar­bei­ter nicht mit­ein­an­der ver­glei­chen kannst. Der eine ist viel­leicht 1,50 Meter groß und schleppt sich einen ab, wäh­rend dane­ben ein Arnold Schwar­zen­eg­ger steht, dem das wesent­lich leich­ter fällt. Wenn bei­de 20 Päck­chen tra­gen, ist es für den einen die Mega­an­stren­gung, für den ande­ren ist es aber ein Klacks. Haben bei­de die glei­che Leis­tung gebracht? Muss man das unter­schied­lich ein­schät­zen? Da wirst du nie auf einen gemein­sa­men Nen­ner kom­men, weil jeder Mensch anders ist. Ich fin­de aber ein ganz ande­res Pro­blem viel gru­se­li­ger. Die Leis­tungs­ge­sell­schaft wei­tet sich immer mehr aus. Mitt­ler­wei­le funk­tio­niert gar nichts mehr ohne Leis­tung. Wenn du nur etwas bekommst, wenn du Leis­tung bringst, was ist dann mit denen, die nicht die Mög­lich­keit haben, etwas zu leis­ten? Die krie­gen ein­fach gar nichts. Es ist kein schö­nes Men­schen­bild, wenn immer nur die Leis­tung und nicht der Mensch im Vor­der­grund steht.

MZEE​.com: In der west­li­chen Gesell­schaft wird vie­len Men­schen von klein auf gesagt, dass man wer­den kann, was man will. Gibt es eine sol­che Chan­cen­gleich­heit eurer Mei­nung nach wirk­lich?

P.A.T.: Theo­re­tisch, wenn man Fami­li­en­ver­hält­nis­se und Etwai­ges außen vor lässt, ja. Es gibt genug Bei­spie­le von Leu­ten, die aus ganz ande­ren Ver­hält­nis­sen kom­men und super­viel erreicht haben. Prak­tisch wür­de ich aber nein sagen. Wenn du gut situ­ier­te Eltern hast, die dich finan­zi­ell unter­stüt­zen kön­nen, hast du mehr Zeit, dich um die Schu­le oder dein Stu­di­um zu küm­mern.

Mikzn70: Seh' ich genau­so. Von Chan­cen­gleich­heit kann über­haupt nicht die Rede sein. Die Men­schen haben so unter­schied­li­che Start­chan­cen. Wenn du auf die Welt kommst und ein Start­ka­pi­tal von fünf Mil­lio­nen Euro hast, musst du es nur ver­zin­sen las­sen und es wird von allei­ne mehr. Wenn du aber mit fünf Euro star­test, kannst du lan­ge auf die Zin­sen war­ten. So ist es mit allen Res­sour­cen. Ich arbei­te im Kinder- und Jugend­be­reich und sehe das jeden Tag. Die Kin­der kom­men mit unter­schied­li­chen Vor­aus­set­zun­gen zu uns. Wenn sie aber in der Schu­le sind, wird bei allen der glei­che Maß­stab gesetzt – ohne, dass man den Hin­ter­grund berück­sich­tigt.

Fid Al: Ich fin­de, das Pro­blem ist, dass den Kids nicht gesagt wird, dass man im Leben hart ver­sa­gen kann. (grinst) Es ist voll okay, wenn mal etwas nicht funk­tio­niert. Man kann aus jeder Lebens­la­ge etwas Sinn­vol­les machen. Jeder defi­niert anders, was es heißt, alles zu errei­chen. Für den einen ist es der Por­sche, für den ande­ren die Fami­lie und Gesund­heit. Wenn Letz­te­res für dich alles ist, kannst du das auf jeden Fall errei­chen.

MZEE​.com: Außer­dem wird einem oft bei­gebracht, dass es gut ist, viel zu arbei­ten. Vie­le Men­schen ver­mit­teln durch Social Media, dass sie immer beschäf­tigt sind. Wel­che Aus­wir­kung hat das eurer Mei­nung nach auf die Gesell­schaft?

Mikzn70: Dass man kei­ne Pau­se mehr machen darf. Wenn man nichts macht, ist man ein Fau­len­zer. Das Pro­blem ist, dass die Leu­te uner­müd­lich wei­ter­ma­chen, in einen Trott gera­ten und sich nie eine kur­ze Aus­zeit neh­men, um Din­ge zu hin­ter­fra­gen und über sich und das Leben nach­zu­den­ken. Sol­che Pau­sen sind mega­wich­tig. Ganz über­spitzt gesagt, sind die Leu­te, die die gan­ze Zeit ihren Stie­fel wei­ter­ma­chen, die eigent­li­chen Fau­len­zer, weil sie nicht vor­wärts kom­men und sich nicht wei­ter­ent­wi­ckeln. So haben wir irgend­wann einen tota­len Still­stand in der Gesell­schaft und sind ein Hau­fen Robo­ter.

MZEE​.com: Kann man in der heu­ti­gen Zeit noch mit gutem Gewis­sen ein­fach mal faul sein?

P.A.T.: No way.

Fid Al: Auf jeden, man. Ich mach' das jeden Tag. (alle lachen)

Mikzn70: Ich bin der Mei­nung, dass man sich das Fau­len­zen hart erar­bei­ten muss. Ich hab' auch eine Vier­ta­ge­wo­che. Jeden Mon­tag habe ich mor­gens frei und fan­ge mit­tags an, zu arbei­ten. Ich ste­he nicht mor­gens um sie­ben Uhr auf. Dafür schä­me ich mich nicht. Das ist mein Leben und ich kann gut ein­schät­zen, wie ich am meis­ten schaf­fe. Mir kann die Arbeit vor allem auch Spaß machen. Manch­mal wirkt es gar nicht wie Arbeit. Das ist voll okay. Sie ist trotz­dem sehr anspruchs­voll und kann ver­dammt anstren­gend sein, aber mir macht es Spaß. Den Leu­ten wird immer ein­ge­re­det, dass Arbeit anstren­gend sein muss.

MZEE​.com: Frü­hes Auf­ste­hen wird oft mit Pro­duk­ti­vi­tät gleich­ge­setzt.

Mikzn70: Der frü­he Vogel fängt den Wurm, aber die zwei­te Maus kriegt den Käs'.

MZEE​.com: Auf eurem Track "ZEIT" rappt ihr fol­gen­de Zei­le: "Ich bewe­ge mich mit Licht­ge­schwin­dig­keit durch das Nichts, ver­wirrt, auto­ma­ti­siert. Friss, stirb, kei­ne Zeit für mich, kei­ner­lei Ver­zicht." – Glaubt ihr, dass der Mensch sich in unse­rer Gesell­schaft auf­grund des Leis­tungs­drucks leicht ver­lie­ren kann?

Mikzn70: Auf jeden Fall.

P.A.T.: Mega. Der Track ist sechs Jah­re alt und es ist noch viel, viel schlim­mer gewor­den. Vor sechs Jah­ren war Insta­gram noch nicht so im Hype, da ging das gera­de erst los. Wie Mikzn vor­hin gesagt hat: Es gibt kei­nen Stopp. Es geht immer wei­ter. Ich mer­ke das ja schon bei mir und ich bin 20 Jah­re älter als die Ziel­grup­pe.

Mikzn70: Ich glau­be, dass sich ganz vie­le Leu­te bereits ver­lo­ren haben. Du musst dich nur im Urlaub oder an einem schö­nen Spot umse­hen. Die Leu­te ste­hen so der­ma­ßen neben sich. Die foto­gra­fie­ren sich eine Stun­de lang dabei, wie sie einen Son­nen­un­ter­gang foto­gra­fie­ren und krie­gen gar nichts mit. Nur, um Bil­der hoch­zu­la­den und dafür irgend­wel­che Likes zu bekom­men. Die Men­schen beschäf­ti­gen sich viel zu wenig mit sich selbst.

P.A.T.: Alle haben auf Insta­gram ein per­fek­tes Leben. Alles ist toll. Es pos­tet ja kei­ner ein Bild davon, wie er sich beim Zwie­beln schnei­den 'nen Fin­ger abge­schnit­ten hat. Das ist wie ein Wett­kampf, vor allem zwi­schen den Kids.

Fid Al: Es kann auch sein, dass du die Leis­tung, die du brin­gen möch­test, nicht brin­gen kannst. Dann bist du ent­täuscht und fällst in eine Art Depri-​Phase. Du kommst da nicht mehr so leicht raus. Das willst du nach außen natür­lich nicht ver­mit­teln. Auf Insta­gram hast du das per­fek­te Leben, aber in Wahr­heit gibt es vie­le Leu­te, die eigent­lich total unzu­frie­den sind. Das ist einer der gro­ßen Nach­tei­le einer Leis­tungs­ge­sell­schaft. Die­ses Hän­gen­blei­ben, obwohl man­che viel mehr aus ihrem Leben machen könn­ten – nicht im Sin­ne von Geld oder Erfolg, son­dern Din­ge, die ihnen Spaß machen.

MZEE​.com: Im Gegen­satz dazu gibt es vie­le Men­schen, die fast schon ziel­los durchs Leben gehen und gar nicht wis­sen, was sie machen sol­len. War­um, denkt ihr, gibt es sol­che extre­men Gegen­bei­spie­le?

Mikzn70: Es gibt heut­zu­ta­ge krass vie­le Mög­lich­kei­ten. Die Leu­te wer­den davon ein­fach erschla­gen. Wenn du unzäh­li­ge Mög­lich­kei­ten hast, musst du dich ent­schei­den und mit jeder Ent­schei­dung geht eine ande­re Mög­lich­keit flö­ten. Du kannst ja schon eine hal­be Stun­de vorm Joghurt-​Regal im Super­markt ste­hen, weil es hun­dert ver­schie­de­ne Sor­ten gibt. Und jetzt sollst du für dich her­aus­fin­den, was für dich der rich­ti­ge Beruf ist, nach­dem du die Schu­le durch­ge­zo­gen hast und kei­ne Zeit hat­test, dir die Fra­ge zu stel­len, wer du bist und was du willst. Ich kann mir vor­stel­len, dass vie­le in ein Loch fal­len und der Druck, end­lich etwas zu Ende zu brin­gen, immer grö­ßer wird. Es fühlt sich ja auch nicht gut an, Sachen nie zu been­den. Irgend­wann ver­lierst du den Mut und machst dann eben irgend­et­was, nur um etwas zu machen.

Fid Al: Ich glau­be, es feh­len auch Vor­bil­der. In den 90ern hat­test du ganz ande­re Sen­dun­gen und kein Inter­net. Du konn­test dir nicht fünf Stun­den lang rein­zie­hen, wie irgend­wel­che Leu­te belang­lo­ses Zeug in die Kame­ra labern. Alles, was du online machst – Vide­os dre­hen und so wei­ter – kannst du heu­te für 'nen Appel und 'n Ei machen. Für uns war das damals unmög­lich. Dem­entspre­chend war die Chan­ce, online Bull­shit zu machen, viel gerin­ger. Wir haben ande­ren Bull­shit gemacht. (lacht) Es gibt sehr vie­le Men­schen, die nichts mit sich anfan­gen kön­nen, weil sie ein­fach kei­ne Ahnung haben. Viel­leicht ver­mit­teln die Eltern auch nichts.

P.A.T.: Das ist ein Pro­blem im Schul­sys­tem. Die Leu­te wis­sen gar nicht, was sie machen kön­nen, weil sie die gan­ze Zeit nur mit Sachen gefüt­tert wer­den, die sie machen müs­sen. Die wer­den ja nicht gefragt, was sie wol­len. Das ist scheiß­egal, die müs­sen machen, was gefor­dert ist, ob sie es mögen oder nicht.

Fid Al: Der typi­sche Move, den man aus der Schu­le kennt, ist doch, dass den Schü­lern am Ende gesagt wird, dass Lehr­plät­ze frei sind und man eine Leh­re machen soll. Ich kann mich noch dar­an erin­nern, dass vie­le mei­ner Mit­schü­ler damals über­haupt kei­ne Ahnung davon hat­ten, was sie machen wol­len und vie­le irgend­et­was gemacht haben, weil da noch ein Platz frei war. Da gab es nie­man­den, der dich fragt, was du willst.

MZEE​.com: Reden wir mal über Rap. Habt ihr das Gefühl, dass die Musik euch ermög­licht, dem Leis­tungs­druck zu ent­flie­hen?

Mikzn70: Mega.

P.A.T.: Wir machen das, weil wir Bock dar­auf haben. Wenn wir uns tref­fen, ist es eine Aus­zeit. Wir haben Spaß und machen unser Ding.

Mikzn70: Ich wür­de da in wei­ten Tei­len zustim­men. Aller­dings emp­fin­de ich schon manch­mal Druck, den ich mir aber aus­schließ­lich selbst mache. Ich will nicht ein­fach irgend­et­was machen, es soll schon cool sein. Das ist aber noch mal ein Unter­schied zur Arbeits­welt. Da kommt der Druck immer von außen.

MZEE​.com: Im deutsch­spra­chi­gen Rap geht es oft­mals um Erfolg und dar­um, mög­lichst viel Geld zu ver­die­nen. Dadurch kann natür­lich auch der Druck ent­ste­hen, ablie­fern zu müs­sen. Wie bewer­tet ihr das aus eurer Posi­ti­on her­aus?

Mikzn70: Die Leu­te, die aktu­ell vor­ne­dran sind und immer von Geld spre­chen, sind ja die abso­lu­ten Pro­to­ty­pen die­ser Gesell­schaft. Die geben doch genau das vor, wor­um es in der Gesell­schaft geht. Du sollst viel Koh­le machen, dei­nen Reich­tum zei­gen, musst dir das erar­bei­ten und am Wochen­en­de ins Stu­dio – das ist natür­lich tota­ler Bull­shit. Dafür ist Musik nicht da. Wenn du Musik zu dei­nem Job machst und damit Geld ver­die­nen willst, musst du dich an die gan­zen Mecha­nis­men hal­ten, die da grei­fen. Das ist ein Wirt­schafts­zweig und durch­öko­no­mi­siert. Ent­we­der du machst die Mucke, auf die du Bock hast, und ver­dienst damit kein Geld …

P.A.T.: … oder du machst das, was die Leu­te hören wol­len.

Mikzn70: Genau. Und wenn du Pech hast, wird dei­ne größ­te Lei­den­schaft zum abso­lu­ten Hass, weil du gezwun­gen bist, jeden Tag Musik zu machen, und dem Druck nicht stand­hal­ten kannst.

P.A.T.: Eigent­lich ist Mainstream-​Rap in Deutsch­land wie die BILD-​Zeitung. Die geben den Leu­ten, was sie wol­len. Capi­tal Bra hat so vie­le Nummer-​eins-​Hits, weil es Kids gibt, die das hören wol­len. Denen sagt das natür­lich zu – der hat die Frau­en, der hat die Koh­le, der hat Kar­ren, das ist ja voll toll. Wenn die Dose ein­mal auf­ge­macht ist, kriegst du die nicht mehr zu. Das wird eini­ge Zeit so blei­ben.

Mikzn70: Das ist halt seich­te Kost. Da muss man nicht so viel drü­ber nach­den­ken. Seich­te Kost hat schon immer gut gezo­gen. Sehr vie­le Leu­te hören gar nicht bewusst Musik, son­dern haben im Hin­ter­grund das Radio an. Da ist im Grun­de genom­men scheiß­egal, was läuft.

P.A.T.: Haupt­sa­che, die Hook stimmt und der Vibe ist gut.

MZEE​.com: Oft­mals wird in den Tracks auch Dro­gen­kon­sum geson­dert her­vor­ge­ho­ben.

P.A.T.: Ja, stimmt. Frü­her war Koks in der Öffent­lich­keit noch nicht so krass in Mode.

Mikzn70: Ich fin­de es bezeich­nend, dass Koks wie­der in Mode ist, weil es eine leis­tungs­stei­gern­de Dro­ge ist. Da bist du direkt auf der Über­hol­spur. Das Gegen­teil ist Tili­din. Das ist die Voll­brem­sung.

Fid Al: Als wir jung waren, war das nicht ganz anders. Damals war es haupt­säch­lich Weed. Natür­lich ist es kein Ver­gleich zu Koka­in. Der ein­zi­ge Vor­teil von Koka­in ist, dass es ver­dammt teu­er ist. (lacht) Damals konn­te sich jeder Lap­pen für 'nen Fün­fer an der Ecke Weed kau­fen. Wenn du jetzt Capi­tal Bra hörst und meinst, du müss­test Koka­in rot­zen, musst du erst mal zwei Weih­nach­ten dafür spa­ren.

Mikzn70: Eine wich­ti­ge Fra­ge ist, war­um sich die Leu­te das über­haupt rein­pfei­fen. Die sind wohl auch ziem­lich fer­tig und von irgend­et­was abge­fuckt. Die Mucke ist nur ver­herr­li­chend, es wird nie reflek­tiert. Die­ses Gewalt­ver­herr­li­chen­de und die Frau­en­bil­der schrei­en mir ent­ge­gen, dass das die aller­letz­te Grüt­ze ist. Ich fin­de das super­ge­fähr­lich.

MZEE​.com: Zu die­ser The­ma­tik habe ich euch ein Zitat aus dem Song "Genera­ti­on May­be" von Tee­sy und Mega­loh mit­ge­bracht: "Wir zie­hen nichts durch, nein, wir hören auf. Wir haben kei­nen Schnup­fen, wir haben Bur­nouts." – Was hal­tet ihr von die­sem Zitat?

P.A.T.: Das ist genau das, was Mikzn gera­de gesagt hat. Die Leu­te neh­men kei­ne Dro­gen, weil sie sams­tags einen drauf­ma­chen wol­len, son­dern auf­grund von tief ver­an­ker­ten Pro­ble­men.

Mikzn70: Ich will das nicht allen unter­stel­len, aber den meis­ten wird das so erge­hen. Koks als Sym­bol für eine sich immer wei­ter stei­gern­de Leis­tungs­ge­sell­schaft trifft das ganz gut. Irgend­wann bist du der­ma­ßen zu, dass nichts mehr geht und du zusam­men­brichst. Und was kommt dann? Das Bur­nout. Leis­tungs­ver­wei­ge­rung, weil man ein­fach nicht mehr kann. Das ist 'ne echt gei­le Zei­le.

MZEE​.com: Zum Abschluss möch­te ich noch von euch wis­sen, was man eurer Mei­nung nach tun kann, um sich von dem gesell­schaft­li­chen Druck ein wenig zu befrei­en.

P.A.T.: Weni­ger Arbeit, mehr Frei­zeit. Das ist jetzt leicht gesagt. Wenn jemand die Koh­le wirk­lich braucht, ist das natür­lich super­schwie­rig. Man muss ein­fach schau­en, dass man nicht sein gan­zes Leben für die Arbeit auf­op­fert. Irgend­wann ist das alles vor­bei und du denkst dir: "Schei­ße, hät­te ich mal mehr gelebt." Schau, dass du so wenig wie mög­lich arbei­test. (lacht)

Mikzn70: Würd' ich auf jeden Fall so unter­schrei­ben.

Fid Al: Schreib drü­ber. Reflek­tie­re und frag dich, wie du dich mit dem, was du hast, fühlst und ob das, was du willst, über­haupt sinn­voll ist. Meis­tens sind Träu­me nur noch mehr Arbeit, wenn man sie erreicht hat. Es macht viel mehr Sinn, auf ein Ziel hin­zu­ar­bei­ten, das nicht nur rea­lis­tisch ist, son­dern einem mehr bie­tet als Geld.

Mikzn70: Ich ver­su­che, mir bei ganz vie­len Din­gen die Fra­ge zu stel­len, ob ich das über­haupt brau­che und will. Ein­fach mal zwi­schen­drin ste­hen­blei­ben. Ab und zu mal 'ne Run­de spa­zie­ren gehen. War­um nicht? Klingt viel­leicht lang­wei­lig, ist aber eigent­lich ganz geil. Ich bin der Mei­nung, dass man nie Zeit für irgend­et­was hat, son­dern dass man sie sich ein­fach neh­men muss.

(Kira Fech­ner)
(Fotos von Pri­mat City TV)