High Five: 08 /​ 19 – mit u.a. Deichkind, Die Orsons & KUMMER

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

State­ment: Absz­trakkt

Es ist ein wenig trau­rig, dass man das The­ma noch ein­mal auf­grei­fen muss. Im Dezem­ber 2016 haben wir uns das ers­te Mal mit der Kehrt­wen­de von Absz­trakkt beschäf­tigt. Und seit­dem hat man gehofft, es kommt noch eine plau­si­ble Erklä­rung und eine Abwen­dung der Vor­wür­fe. Weg­ge­fähr­ten wur­den gefragt, was sie davon hal­ten. Und eini­ge haben sich sogar distan­ziert. Doch Absz­trakkt selbst trifft kei­ne abschwä­chen­den Aus­sa­gen bezüg­lich sei­ner rech­ten Ten­den­zen und Wutbürger-​gleichen Inhal­te wie in "Walt­her". Statt­des­sen lan­de­te er mit einem Track, der den Todes­fall des Dani­el H. letz­ten Jah­res in Chem­nitz the­ma­ti­siert hat, erneut auf einem Sam­pler natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Musi­ker. Ein Jahr spä­ter setzt Absz­trakkt nun im Rah­men sei­ner Album-​Promo noch einen oben drauf. Mit Chris Ares fea­turet er einen dem Rechts-​Rap zuge­ord­ne­ten Künst­ler. Die zur sel­ben Zeit ver­öf­fent­lich­te Sin­gle "Ehre über Ruhm" steu­ert mit erneut frag­wür­di­gen Lyrics dem Ver­dacht auch alles ande­re als ent­ge­gen. Man­cher Fan wünscht sich ver­mut­lich immer noch, dass irgend­wo der über­ra­schen­de Twist kommt. Doch am Ende drif­tet Absz­trakkt völ­lig in die rech­te Ecke ab und ver­dient damit kei­ne Platt­form mehr für sei­ne Musik. Maxi­mal für eine kri­ti­sche Betrach­tung sei­ner rech­ten Inhal­te.

 

Deich­kind - Kei­ne Par­ty (Offi­ci­al Video)

Video: Deich­kind – Kei­ne Par­ty

Klar, auch die Jungs von Deich­kind wer­den älter. Aber dass des­we­gen "Schluss mit Rem­mi­dem­mi" sein soll, kann man den HipHop-​Urgesteinen aus dem Nor­den dann doch nicht wirk­lich glau­ben. Auch Lars Eidin­ger scheint sich damit im neu­es­ten Video zum Track "Kei­ne Par­ty" nicht so recht abfin­den zu wol­len. Bewaff­net mit Kopf­hö­rern stampft die­ser näm­lich als Ein-​Mann-​Party-​Army durch ganz Ber­lin. Egal, ob beleb­te Kreu­zung am Alex­an­der­platz, Spiel­platz oder Super­markt – wo Deich­kind ist, ist Par­ty und Par­ty ist mit Deich­kind über­all. Pro­du­ziert wur­de das Gan­ze vom Ham­bur­ger Regie-​Kollektiv Auge Alto­na. Die Idee stammt aller­dings vom fran­zö­si­schen Elektropunk-​Duo Kap Bam­bi­no, die genau­so stamp­fend ihren Track "Hey!" visu­ell umge­setzt haben. Was den Unter­hal­tungs­fak­tor betrifft, steht die Deich­kind-Ver­si­on dem Ori­gi­nal jedoch in nichts nach. Und so kann man sich jetzt schon vor­stel­len, wie die Crowd bei der Liveper­for­mance kol­lek­tiv den Lars Eidin­ger macht.

 

John­ny Rake­te - 1 oder 10 (prod. by Haw­kO­ne)

Song: John­ny Rake­te – 1 oder 10

John­ny Rake­tes Songs han­deln meist vom grü­nen Kraut. Es gibt inner­halb der Sze­ne gefühlt nur weni­ge Rap­per, die in ihren Tracks mehr Dübel geraucht haben als er. Somit ist es auch kei­ne gro­ße Über­ra­schung, dass er in sei­nem Song "1 oder 10" die­se The­ma­tik wie­der auf­greift. In dem Track rappt John­ny sou­ve­rän mit läs­si­gem Stimm­ein­satz und bringt die ein oder ande­re Flowva­ria­ti­on an pas­sen­der Stel­le. Neben den für ihn typi­schen Lines, die Kif­fen nahe­zu roman­ti­sie­ren, fin­det man aber auch klei­ne Andeu­tun­gen in eine ande­re Rich­tung. Denn Rake­te setzt sich auf humor­vol­le Wei­se auch mal kri­tisch mit sei­nem über­mä­ßi­gen Kon­sum aus­ein­an­der. Haw­kO­ne hat dazu einen abso­lut ent­spann­ten Beat gelie­fert, der pas­sen­der nicht sein könn­te. Somit ist der gan­ze Song von einer Atmo­sphä­re durch­zo­gen, die den Kif­fer­li­fe­style genau auf den Punkt bringt. Selbst wenn man kei­nen geraucht hat, so wird man musi­ka­lisch wun­der­voll in die­se Stim­mung ver­setzt.

 

Instru­men­tal: Die Orsons – Sog

Wenn die Orsons eines ganz sicher nicht sind, dann ist das lang­wei­lig. In ihrer bun­ten Dis­ko­gra­fie pro­bier­ten sich die vier Künst­ler immer aufs Neue aus – und ihre aktu­el­le Plat­te "Orsons Island" stellt einen Höhe­punkt die­ses Schaf­fens dar. Das liegt an Num­mern wie "Sog". Denn der Track ist nicht nur in sich und im Kon­zept des Albums extrem stim­mig, er ver­folgt auch eine ganz eige­ne Dra­ma­tur­gie. Und der Dreh- und Angel­punkt der­sel­ben ist das Instru­men­tal. Der Beat beginnt mit leicht­fü­ßi­gen Gitar­ren­riffs, im Hin­ter­grund scheint noch ein lau­er Som­mer­re­gen zu plät­schern. Alles arbei­tet dar­auf hin, eine ver­träum­te Atmo­sphä­re zu erzeu­gen, die Maeckes' Gesang opti­mal unter­streicht. Die­ses Mus­ter wird im Lau­fe des Songs dann mehr­fach gebro­chen. Das The­ma des Tracks, Sucht in all ihren Aus­prä­gun­gen, spitzt sich text­lich immer wei­ter zu – und genau das spie­gelt auch der Beat wider. Von der Ein­stiegs­dro­ge geht es bis in den Abgrund. Dort steht KAAS und spit­tet sich die See­le aus dem Leib. Pas­send dazu bret­tert das Instru­men­tal mit har­ten Drums nach vorn. Der "Sog" endet klang­lich mit einem Feu­er­werk. Bis zu die­sem Moment war es eine Rei­se. Eine Rei­se, die sich Dank der stim­mi­gen Pro­duk­ti­on von Tua und Maeckes authen­tisch und mit­rei­ßend ange­fühlt hat.

 

KUMMER - Nicht die Musik (offi­ci­al video)

Line: KUMMER – Nicht die Musik

Ich hab' kei­ne Ahnung von Ket­ten und Blau­licht, […]
Doch ich mach' Rap wie­der weich, ich mach' Rap wie­der trau­rig.

"Rap? Nee, hör' ich nicht. Da hagelt es nur Belei­di­gun­gen. Oder es heißt, laut die­sen Kol­le­gahs und Capi­tal Bras, du musst ein Gewin­ner­typ sein oder Mar­ken tra­gen." – Ein Kli­schee, das man so oder so ähn­lich sicher öfter zu hören bekommt. Ein­schlä­gi­ge Play­lists wie "Modus Mio" oder sol­che, die zum Work­out pas­sen sol­len, bestä­ti­gen der­ar­ti­ge Vor­wür­fe. Die­ser Trend hat in den letz­ten Jah­ren dazu geführt, dass deut­scher Rap in der Öffent­lich­keit oft so wahr­ge­nom­men wird, als gäbe es ledig­lich eine Sei­te: mit­tel­al­ter­li­che Männ­lich­keits­fan­ta­si­en und Ver­ro­hung in der Spra­che. Doch KUMMER wider­spricht dem ent­schie­den. Der Kraftklub-​Frontmann zeigt auf, dass es eben noch eine ande­re Sei­te gibt: Man kann auch Erfolg in der Musik und im Leben haben, wenn man nicht alle Mar­ken auf­zählt, die mög­li­cher­wei­se im Schrank hän­gen. Er signa­li­siert Men­schen, die bis­her auf­grund von "Modus Mio" & Co. nichts mit die­ser Musik anfan­gen konn­ten, dass auch sie will­kom­me­ne Hörer im Rap sind. Und damit ist er mit uns kom­plett auf einer Linie.

(Lukas Päck­ert, Tho­mas Lin­der, Dzer­ma­na Schön­ha­ber, Flo­ri­an Peking, Micha­el Col­lins)
(Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)