Fabian Römer

"Kalen­der­blät­ter" lie­gen lose im "Zim­mer ohne Zeit" zwi­schen schier unend­li­chen Men­gen an Text­skiz­zen und wir­ren Reim­bü­chern ver­teilt. So unge­fähr kann man sich wohl die Woh­nung von Fabi­an Römer vor­stel­len, der seit eini­gen Jah­ren für ver­schie­de­ne Pop-​Größen an Tex­ten feilt, wäh­rend er par­al­lel am eige­nen, musi­ka­li­schen Wer­de­gang arbei­tet. Sein "L_​BENSLAUF" ist zu gro­ßen Tei­len geprägt von der Musik­sze­ne. Dar­um haben wir im Inter­view mit ihm nicht nur über sein gleich­na­mi­ges Album gespro­chen, son­dern auch über das Gefühl, in der zwei­ten Rei­he des Erfolgs hin­ter Platin-​Künstlern zu ste­hen und wie man eigent­lich mit der Erwar­tungs­hal­tung an einen 13-​jährigen Rap-​Wunderknaben umgeht. 

MZEE​.com​: Seit dem Erschei­nen dei­nes letz­ten Albums sind vier Jah­re ins Land gezo­gen. Dass du kei­nen nor­ma­len "L_​BENSLAUF" hast, wird in der gleich­na­mi­gen Sin­gle deut­lich. Wie hat denn dein All­tag in der Zwi­schen­zeit aus­ge­se­hen?

Fabi­an Römer: Mein All­tag hat­te eigent­lich ziem­lich viel mit Musik zu tun, auch wenn das nach außen nicht so gewirkt hat. Schon zum Release von "Kalen­der­blät­ter" ent­deck­te ich das Song­wri­ting für mich, wes­we­gen ich nicht jede Idee, die mir zufliegt, für mich selbst und mein eige­nes Schaf­fen ver­wen­de. Das war vor grob acht, neun Jah­ren – alles an krea­ti­vem Out­put habe ich für mich ver­wurs­tet. Mitt­ler­wei­le picke ich für mei­ne eige­nen Releases nur noch die The­men, die mich auch wirk­lich per­sön­lich beschäf­ti­gen. Daher auch der neue Vier-​Jahres-​Rhythmus mei­ner eige­nen Plat­ten. Das scheint sich lang­sam ein­zu­pen­deln. (schmun­zelt)

MZEE​.com​: Seit­dem du Tex­te für ande­re schreibst, wir­ken dei­ne Alben strin­gen­ter, aber auch sehr viel melan­cho­li­scher.

Fabi­an Römer: (über­legt) Ich wür­de eigent­lich sagen, dass "L_​BENSLAUF" weni­ger melan­cho­lisch ist als "Kalen­der­blät­ter". Aber ja, das ist jetzt nicht so der kras­se Bruch wie damals von "Ganz Nor­ma­ler Wahn­sinn" zu "Kalen­der­blät­ter". Für das neue Album habe ich auch den Rap-​Anteil nach oben geschraubt, obwohl in die Refrains wie­der mehr Pop­pi­ness und Ein­fach­heit ein­flie­ßen. Ich wür­de mei­ne Musik gar nicht als so melan­cho­lisch beschrei­ben, mer­ke aber auch selbst, dass es mir nicht beson­ders leicht fällt, kom­plett befrei­te Songs zu schrei­ben. Es ist ein­fa­cher, Din­ge zu schrei­ben, die eine emo­tio­na­le Schwe­re haben.

MZEE​.com​: Wie­so fal­len dir sol­che Songs leich­ter als bei­spiels­wei­se der sehr befreit wir­ken­de Titel­song "L_​BENSLAUF"?

Fabi­an Römer: Wenn ich für mich selbst schrei­be, bin ich kom­plett allei­ne im Raum und iso­liert. Wenn man nicht unter ande­ren ist, kom­men ja bei vie­len Men­schen die Momen­te, in denen man reflek­tier­ter über sich selbst nach­denkt. Da kommt das für mich auto­ma­tisch. Mit fünf Homies und Cham­pa­gner­fla­schen im Stu­dio wür­de die Musik ver­mut­lich auch anders klin­gen. (lacht)

MZEE​.com​: Wenn du so über dich selbst reflek­tierst, kann dich Ghost­wri­ting doch auch in eine Bre­douil­le brin­gen: Ich kann mir vor­stel­len, dass du da Gefüh­le in Tex­ten dar­stel­len musst, die du selbst viel­leicht ganz anders emp­fin­dest. Wie gehst du mit die­sem Zwie­spalt um?

Fabi­an Römer: Das kann ich eigent­lich ganz gut tren­nen. Das Schöns­te ist ja eigent­lich, wenn man mit dem jewei­li­gen Künst­ler bei­sam­men sitzt und gemein­sam an Tex­ten arbei­tet. Sobald ich mit denen spre­che, kann ich ihre Emo­tio­nen zumeist auch ganz gut nach­voll­zie­hen, ohne Ähn­li­ches erlebt zu haben. Ich glau­be, ich hab' noch nie einen Song geschrie­ben, der für mich emo­tio­nal kom­plett tot oder unzu­gäng­lich war – auch wenn er viel­leicht nicht direkt mit mei­nem Leben zu tun hat­te. Ich zie­he da immer ger­ne eine Ana­lo­gie zu Dreh­buch­au­toren, die ja auch ihre eige­nen Emo­tio­nen in die Fik­ti­on ein­flie­ßen las­sen. Das geht mir genau­so. Es muss nicht immer mei­ne Geschich­te sein, damit ich einen Text mit Gefüh­len anrei­chern kann.

MZEE​.com​: Bist du mit den meis­ten Künst­lern, für die du schreibst, auch befreun­det? Ansons­ten stel­le ich mir das schwie­rig vor, sich nach nur weni­gen Gesprä­chen tief in das Gegen­über hin­ein­zu­ver­set­zen.

Fabi­an Römer: Das ist ganz unter­schied­lich. Natür­lich ist es der schöns­te Weg, wenn man mit dem Artist eine Ebe­ne fin­det oder sogar befreun­det ist. Da kann man viel schnel­ler eine inhalt­li­che Tie­fe errei­chen. Es gibt aber auch Fäl­le, bei denen man ein­fach ange­fragt wird und ins Blaue hin­ein­schreibt. Manch­mal sogar, ohne sich mit dem jewei­li­gen Sän­ger zu bespre­chen. Das ist natür­lich schwie­ri­ger, kommt dann aber immer auf den Auf­trag an – auch wenn ich das Wort "Auf­trag" über­haupt nicht mag. (lacht) Zum Glück habe ich meis­tens Song-​Ansätze her­um­flie­gen, die auf das Brie­fing pas­sen. Lie­ber ist mir aber die per­sön­li­che Ebe­ne, klar.

MZEE​.com​: Wenn du schon vie­le sol­cher Song-​Konzepte rum­flie­gen hast, sei mal ehr­lich: Schreibst du manch­mal Zei­len für ande­re Künst­ler, die du so gut fin­dest, dass du sie lie­ber für dei­ne eige­nen Alben ver­wen­dest?

Fabi­an Römer: (lacht) Das Gute ist, dass man ja in den The­men schreibt, die der Künst­ler vor­gibt. Dadurch kommt man sel­te­ner in die Bre­douil­le, sich zu über­schnei­den. Wenn der Sän­ger eine Idee hat, die ich ver­voll­stän­di­gen soll, dann gebe ich mein abso­lut Bes­tes und stel­le mein eige­nes Ego ziem­lich weit zurück. Das wirkt auch befrei­end: Es geht ein­mal nicht um mich. Ich hel­fe nur. Es gibt aber auch Song-​Konzepte, bei denen ich mer­ke, dass das kei­ne Idee für jemand ande­ren ist, son­dern dass ich jetzt einen Track dar­über schrei­ben muss. Da ist die Musik schluss­end­lich immer noch mein Ven­til. Bei sowas muss ich dann zum Glück kei­ne Kom­pro­mis­se ein­ge­hen.

MZEE​.com​: Auf dei­nem Titel­song sagst du sogar selbst: "Schrei­be Songs für ande­re – bun­des­wei­te Tro­phä­en. Schrei­be Songs für mich – Kunst, die kei­ner ver­steht." – Nagt es an dir, dass ande­re Künst­ler für dei­ne Wor­te gefei­ert wer­den, wäh­rend die eige­ne Musik einen deut­lich klei­ne­ren Hörer­kreis anspricht?

Fabi­an Römer: Bei dem Zitat sind die nach­fol­gen­den Zei­len fast noch wich­ti­ger: "Nein, da gibt es kein Umver­tei­lungs­pro­blem. In der zwei­ten Rei­he zu ste­hen, fin­de ich unbe­schreib­lich bequem." Das mei­ne ich genau­so, wie ich es sage. Ich genie­ße es total, mein nar­ziss­ti­sches Künst­ler­ding manch­mal abzu­strei­fen. Meis­tens beschäf­tigt man sich nur mit der eige­nen Kunst und mit der eige­nen Dar­stel­lung nach außen. Und weil ich selbst auch nicht wirk­lich die Ram­pen­sau schlecht­hin bin, schät­ze ich mich glück­lich, nicht das gro­ße Spot­light auf mir zu haben.

MZEE​.com​: Inter­es­sant, dass du das sagst – ich fin­de, bei dei­nen Live-​Shows bist du schon auch ger­ne die Ram­pen­sau, die du selbst ja nicht sein willst.

Fabi­an Römer: Wenn du mich fra­gen wür­dest, ob ich in noch grö­ße­ren Loca­ti­ons spie­len will, wür­de ich das auch beja­hen. Wenn du mich aber fra­gen wür­dest, ob ich ein Star sein will, wäre die Ant­wort defi­ni­tiv "Nein". Ich habe gemerkt, dass es in einem sol­chen Leben viel zu vie­le Din­ge gibt, die mich frei­heit­lich zu sehr ein­schrän­ken wür­den. Aber ja, schön, wenn du das so bemerkst. Die Fuß­no­te sei erlaubt: Bei Live-​Shows kommt sofort das Adre­na­lin dazu. Das hilft wahn­sin­nig, aus mir raus­zu­kom­men. Da mache ich eben auch aktiv Musik und damit genau das, was mir Spaß macht und womit ich mich wohl­füh­le. Vie­le Bekann­te sagen, dass sie auf der Büh­ne einen ganz ande­ren Fabi­an erle­ben. Ich habe aller­dings ein rie­si­ges Pro­blem mit Kame­ras. Das fühlt sich für mich immer unna­tür­lich an. Da gibt es auch kein Adre­na­lin und ich fan­ge statt­des­sen an, zu schau­spie­lern.

MZEE​.com​: Auf der Büh­ne bist du ja auch ein alter Hase, immer­hin erschien dein ers­tes Album "Mund­werk" vor inzwi­schen 15 Jah­ren. Du warst unge­fähr genau­so alt, als die­se Plat­te erschien. Wann hast du dein Erst­lings­werk zuletzt gehört?

Fabi­an Römer: Das muss eine gan­ze Wei­le her sein. Manch­mal wird einem so ein Quatsch bei You­Tube vor­ge­schla­gen und man erwischt sich selbst dabei, wie man die eige­nen, ille­gal hoch­ge­la­de­nen Songs anklickt. (lacht) Das dürf­te das letz­te Mal gewe­sen sein, dass ich zumin­dest den ein oder ande­ren Song der Plat­te gehört habe. Aber das gan­ze Album? Das ist rich­tig, rich­tig lan­ge her. Das gibt es ja nicht auf Spo­ti­fy und ich glau­be, ich habe auch kein Exem­plar in mei­ner Woh­nung rum­flie­gen.

MZEE​.com​: Du hast dein eige­nes Album nicht mehr selbst zu Hau­se lie­gen? Ich hät­te dich jetzt als einen klei­nen Musik­nerd und Samm­ler ein­ge­schätzt, der sowas nicht weg­wer­fen kann.

Fabi­an Römer: Das war frü­her auch total so! Ich hat­te drei rie­si­ge, rap­pel­vol­le CD-​Ständer, die man dre­hen konn­te. Aber mit jedem Umzug – und ich bin wirk­lich oft in mei­nem Leben umge­zo­gen – sind es weni­ger gewor­den. Auch, weil CDs eigent­lich ein häss­li­ches For­mat sind. Plas­tik­schrott, nicht wie Vinyl, das du dir schön in den Schrank stellst. Daher bin ich auch mit den eige­nen Alben nicht so sorg­fäl­tig umge­gan­gen. Ich müss­te mal gucken, viel­leicht liegt es noch in irgend­wel­chen Sofa­rit­zen oder so. (lacht) Mein Sammler-​Gen ist nach der Kind­heit und den Poké­mon­kar­ten gestor­ben.

MZEE​.com​: Aber die Kar­ten hast du bestimmt lan­ge auf­ge­ho­ben, in der Hoff­nung, die wer­den irgend­wann rich­tig viel wert? (lacht)

Fabi­an Römer: Das dach­te man immer, oder? Damals dach­te man, dass vor allem die­se Glit­zer­kar­ten mal rich­tig teu­er sein wer­den. In Wirk­lich­keit sind die in einem rie­si­gen Ord­ner, der im Kel­ler mei­ner Eltern in Braun­schweig liegt. (über­legt) Eigent­lich lus­tig, wie viel Weihnachts- und Taschen­geld ich für die­sen Quatsch ver­geu­det habe. Auf der ande­ren Sei­te hat­te man damals sowie­so noch kei­nen Bezug zu Geld und es hat einen sehr glück­lich gemacht, die Kar­ten zu sam­meln. Also: No Reg­rets, was das Pokémonkarten-​Game anging!

MZEE​.com​: Jetzt sind wir aber auch total abge­schweift. Eigent­lich woll­te ich fra­gen, was du aus heu­ti­ger Sicht denkst, wenn du ab und an mal was von "Mund­werk" abspielst.

Fabi­an Römer: Ich fin­de das Album immer noch cool. Auch wenn ich es ewig nicht gehört habe. Ein­fach aus dem Gesichts­punkt, dass es wahn­sin­nig pur und roh war. "Mund­werk" ent­stand total autis­tisch in mei­nem Kin­der­zim­mer – im zur Gesangs­ka­bi­ne umge­bau­ten Klei­der­schrank. Und die Beats bekam ich von Pro­du­zen­ten, die ich nur aus dem Inter­net kann­te. Das sind ein­fach die schöns­ten Erin­ne­run­gen und ers­ten Erfolgs­er­leb­nis­se, gemein­sam mit der RBA-​Zeit. Da gab es Leu­te, die mei­ne Songs moch­ten und mit denen ich auf Jams abge­hen konn­te. Das war schon cool und frei.

MZEE​.com​: Und par­al­lel fickst du in der RBA die Müt­ter von dir unbe­kann­ten Geg­nern.

Fabi­an Römer: Genau. Geg­ner, die deut­lich älter waren als ich. Das macht die Müt­ter auch älter – umso bes­ser! (lacht)

MZEE​.com​: Auch wenn wir jetzt Wit­ze dar­über machen: War das für den 13-​jährigen Fabi­an nicht wahn­sin­nig sur­re­al?

Fabi­an Römer: Abso­lut. Es war mir auch super­wich­tig, was die dama­li­ge Jury über sowas dach­te. Das hat­te schon etwas von Autis­mus. Man hat dafür gebrannt, in den 48 Stun­den, die man für eine RBA-​Runde Zeit hat­te, den Geg­ner zu zer­stö­ren und alle zu über­zeu­gen. Schon eine ziem­lich wit­zi­ge Zeit.

MZEE​.com​: Hast du heu­te noch irgend­ei­ne Ver­bin­dung zu Batt­lerap? Cro hat ja vor eini­gen Jah­ren bei­spiels­wei­se sei­nen alten RBA-​Account wie­der­be­lebt.

Fabi­an Römer: Das war ein total coo­ler Move von ihm! Ich ver­fol­ge die Sze­ne immer noch und fin­de es erstaun­lich, wie oft man Leu­ten über den Weg läuft, die schon damals aktiv waren. Egal, ob man davon hört, dass jemand irgend­ei­ne Hin­run­de gegen XY gut fand, oder von Leu­ten, die selbst gebatt­let haben. Das bricht ein­fach nicht ab. Die Platt­form selbst scheint mehr Wir­bel gemacht zu haben, als man es selbst so ein­schätzt.

MZEE​.com​: Die Batt­le­sze­ne ent­wi­ckelt sich eben ste­tig wei­ter, auch wenn die Aus­prä­gun­gen mitt­ler­wei­le anders sind. Aktu­ell erle­ben ja A cap­pel­las ihre klei­ne Renais­sance. Ver­folgst du das? Kannst du dir vor­stel­len, da selbst mal mit­zu­ma­chen?

Fabi­an Römer: Ich ver­fol­ge das total inten­siv, aber kann mir nicht vor­stel­len, selbst mit­zu­ma­chen. Klar, sag nie­mals nie – aber aus der aktu­el­len Per­spek­ti­ve reizt es mich nicht so wirk­lich. Ich habe das Gefühl, so früh und inten­siv im Batt­le­ding gewe­sen zu sein, dass es für mich inzwi­schen abge­früh­stückt ist. Was nicht heißt, dass ich die kras­se Wei­ter­ent­wick­lung nicht sehe oder mich über die aktu­el­len Künst­ler stel­len will. Ich habe das damals nur so krass mit Löf­feln gefres­sen, dass mir heut­zu­ta­ge der Anreiz fehlt. Des­halb schrei­be ich auch kei­ne Batt­le­tracks mehr.

MZEE​.com​: Rein text­lich gese­hen: Was ist der größ­te Unter­schied zwi­schen dei­nen RBA-​Runden und heu­ti­gen Batt­les?

Fabi­an Römer: Die soge­nann­te Punchline-​Dichte ist heut­zu­ta­ge deut­lich höher. Damals war es schon krass, dass man über­haupt Mehr­fach­rei­me hat­te. Mitt­ler­wei­le kommt es natür­lich auf so viel mehr an. Das Niveau ist unglaub­lich. Wer was rei­ßen will, muss Dop­pel­deu­tig­kei­ten brin­gen, gute Rei­me haben und – was in der RBA zum Glück kei­ne Rol­le spielt – das alles auch nach außen hin ver­kör­pern. Dein Auf­tre­ten, dein Aus­se­hen, dei­ne Deli­very all­ge­mein. Das fing mit dem VBT an und jetzt musst du eben live ablie­fern und dei­ne Tex­te rüber­brin­gen. Man könn­te sogar sagen, das sei fast ein ande­rer Sport.

MZEE​.com​: Du meinst also, der klei­ne, 13-​jährige F.R. hät­te heu­te bei DLTLLY oder Top­Tier Take­over ver­sagt?

Fabi­an Römer: Das weiß ich gar nicht. Ich bin aber im Nach­hin­ein sehr froh, bei­spiels­wei­se nie bei "Feu­er über Deutsch­land" gewe­sen zu sein. Da wur­de ich für ange­fragt und ich weiß, wie vie­le Kol­le­gen ihre Auf­trit­te mitt­ler­wei­le ger­ne löschen wür­den. (lacht) Das hät­ten sie sich ger­ne gespart. Es guckt sich kei­ner ger­ne an, wie er frü­her mal war. Wobei da eini­ges dabei ist, das man sich noch heu­te angu­cken kann – Greg­pipe gegen Basic bei­spiels­wei­se. Aber um das zu sehen, müss­te ich die DVD raus­kra­men, die in der glei­chen Ecke wie mei­ne CD-​Sammlung liegt.

MZEE​.com​: Haben dich dei­ne dama­li­gen Mit­schü­ler eigent­lich auf dei­ne Anfän­ge in der RBA und dei­ne ers­ten Rap­songs ange­spro­chen?

Fabi­an Römer: Ganz ver­ein­zelt. Nach der RBA-​Phase aber erst, vor­her war ich kom­plett anonym unter­wegs. Als mein ers­tes Album kam, wur­de ich unge­wollt zu mei­nem ers­ten Auf­tritt auf die Büh­ne gezo­gen – am nächs­ten Tag stand das dann in der Braun­schwei­ger Tages­zei­tung auf der Titel­sei­te. Unglaub­lich unan­ge­nehm. Ich woll­te das nicht und ich habe damals auch nicht hin­ter die­sem Hob­by gestan­den. Ich war noch gar nicht eins mit dem, was ich gemacht habe. Egal, ob mich Leu­te dafür gelobt oder belä­chelt haben – alles gleich unan­ge­nehm. Ich war ein Mensch, der nicht gese­hen wer­den woll­te – als klei­ner Jun­ge war das dann nicht so ein­fach. Der Umzug nach Ber­lin war des­we­gen total befrei­end, weil man da unsicht­ba­rer war als in einer Stadt mit 260 000 Ein­woh­nern.

MZEE​.com​: Eini­ge Medi­en haben dich damals sehr früh zur "neu­en Genera­ti­on Rap" geadelt. Dazu kam noch der Druck, den du eben aus dei­nem Umfeld gespürt hast. Was hat die Erwar­tungs­hal­tung mit dir gemacht?

Fabi­an Römer: Mich haben eher die Ansprü­che und die Erwar­tungs­hal­tung gegen­über mir selbst getrie­ben. Ich woll­te immer alles top­pen, immer bes­ser wer­den, bei­spiels­wei­se, was den tech­ni­schen Aspekt angeht. Irgend­wann war das gede­ckelt und ich habe mich mehr in das Musi­ka­li­sche rein­ge­stei­gert. Der Druck kam also weni­ger von außen, son­dern mehr aus mir selbst her­aus. Ich hab' über die Jah­re ver­sucht, das zurück­zu­fah­ren. Weni­ger ver­krampft sein, gelas­se­ner sein, sich selbst nicht zu ernst neh­men – das sind Din­ge, die ich auf mei­nem Weg erst ler­nen muss­te.

MZEE​.com​: Wür­dest du sagen, du hast dei­nem eige­nen Anspruch über die Jah­re hin­weg genügt?

Fabi­an Römer: Man ist sich selbst nie zu 100 Pro­zent genug. Des­halb geht es immer wei­ter. Im End­ef­fekt ist das ein gene­rel­les The­ma, nicht nur auf die Musik bezo­gen. Hast du die Fähig­keit, Situa­tio­nen auch ein­fach mal zu genie­ßen? Das habe ich gelernt – schö­ne Momen­te ein­fach mal zu leben, nicht zu opti­mie­ren.

MZEE​.com​: In eine ähn­li­che Rich­tung geht auch eine Zei­le auf "L_​BENSLAUF": Du sagst, dass "herz­lo­ses Umher­ge­het­ze so schlecht fürs Herz ist". Woher kommt die­ses Bewusst­sein, im Hier und Jetzt zu leben und den Moment zu genie­ßen, wie du sagst?

Fabi­an Römer: Das ist eben ein Bedürf­nis, das irgend­wann immer grö­ßer gewor­den ist, weil ich total von Per­fek­tio­nis­mus getrie­ben war. Mir wur­de klar, dass das zu nichts Gesun­dem führt. Es gibt immer ein mit­schwin­gen­des Lebens­ge­fühl und ich hat­te zuneh­mend den Ein­druck, dass sich das auf­hellt, wenn ich mich ein­fach mal eine Stun­de zum Nichts­tun zwin­ge. Häu­fi­ger mal in den Park gehen, ohne Han­dy, sich dort auf eine Bank set­zen und mit sich selbst und sei­nen Gedan­ken beschäf­ti­gen. Ich rech­ne die­sen Pha­sen mitt­ler­wei­le die­sel­be Prio­ri­tät an wie denen, in denen ich hoch­pro­duk­tiv bin.

MZEE​.com​: Gab es einen aus­schlag­ge­ben­den Punkt, an dem du das beschlos­sen hast?

Fabi­an Römer: Nein, aber eine Art Zäsur war auf jeden Fall der Abschluss von "F.R." bei mei­nem zehn­jäh­ri­gen Jubi­lä­um. Als ich mei­nen bür­ger­li­chen Namen zu mei­nem Künst­ler­na­men gemacht habe. Das war für mich ein ent­schei­den­der Punkt, um zu über­le­gen, wie es wei­ter­geht. Am Ende war das auch eine Alters­fra­ge – mit Mit­te 20 pas­siert bei vie­len Leu­ten noch mal so etwas.

MZEE​.com​: Ich fin­de tat­säch­lich die Musik von Fabi­an Römer auch sehr viel selbst­re­fe­ren­zi­el­ler als die von F.R. Bei­spiels­wei­se in "32. Dezem­ber": Da berich­test du über die fünf schlimms­ten Erleb­nis­se eines ver­gan­ge­nen Jah­res.

Fabi­an Römer: Was denkst du denn, was der Zeit­raum war, in dem ich die­sen Track geschrie­ben habe?

MZEE​.com​: Ver­mut­lich redest du da nicht über das ver­gan­ge­ne Jahr – aber vom Zeit­raum her kann ich mir vor­stel­len, dass du ihn wirk­lich an einem Sil­ves­ter­abend ver­fasst hast. 

Fabi­an Römer: Ganz genau. Der Song ist für mich ein Zoom zurück ins "Zim­mer ohne Zeit". Ich weiß gar nicht, um wel­ches Jahr es genau ging – ich muss damals 17 oder 18 gewe­sen sein. Das Inter­es­san­te für mich ist, wenn ich die­se Songs erst mit eini­gen Jah­ren Abstand ver­fas­se. Das habe ich auf "Kalen­der­blät­ter" mit "Nach dir (Anna)" auch gemacht. Da gehe ich immer mal wie­der tief rein und ich selbst mer­ke dann, dass es viel­leicht doch noch nicht zu 100 Pro­zent ver­ar­bei­tet ist. Da flutscht ein Song raus, der jetzt ganz anders klingt, als er damals geklun­gen hät­te.

MZEE​.com​: Wie fühlt es sich an, all die­se schlim­men Emo­tio­nen wie­der hoch­ko­chen zu las­sen, um so einen Song zu schrei­ben?

Fabi­an Römer: (über­legt) Es gibt Momen­te, da fühlt sich das wahn­sin­nig nah an. Ein zwei­tes Erle­ben. In man­chen Momen­ten ist es aber auch so, als wür­de man ein Dreh­buch ver­fas­sen. Als wür­de man einen Film mit allen Höhen und Tie­fen noch ein­mal nach­er­le­ben, aber eben mit dem nöti­gen Abstand.

MZEE​.com​: Wenn du heu­te dein 17-​jähriges Ich am "32. Dezem­ber" aus der Retro­spek­ti­ve betrach­test: Hast du damals kon­kret etwas ver­än­dert, um dich selbst zu schüt­zen?

Fabi­an Römer: Es haben eher eini­ge Pro­zes­se ange­fan­gen. Ich las­se das auch im Song offen, mei­ne eige­ne Lösung habe ich mit dem Umzug nach Ber­lin ja auch erst ein, zwei Jah­re spä­ter gefun­den. Das war aber durch­aus ein Moment, in dem mir klar wur­de: "Hier ist mei­ne Zeit jetzt abge­lau­fen. Es ist Zeit, wei­ter­zu­ge­hen."

MZEE​.com​: Der letz­te Song dei­nes neu­en Albums heißt "Bevor ich dich kann­te". Du rappst dort über eine Lie­be, die dei­nen Cha­rak­ter grund­le­gend ver­än­dert hat. Wenn du den Fabi­an von damals spre­chen könn­test, bevor er die­ser Lie­be begeg­net ist: Wel­chen Rat­schlag wür­dest du ihm geben?

Fabi­an Römer: Puh. Ich wür­de mei­ne cha­rak­ter­li­che Ver­än­de­rung nicht nur die­ser einen Per­son zuschrei­ben – zwar zu gro­ßen Tei­len ihr, aber eben auch all den ande­ren Din­gen, über die wir heu­te gere­det haben. Des­we­gen wür­de ich dem Fabi­an von damals ein­fach nur eine ein­zi­ge Sache mit auf den Weg geben: "Ent­spann dich."

(Sven Aumil­ler)
(Fotos: Ramon Haindl)