High Five: 07 /​ 19 – mit u.a. Pilz, Martin Stieber & Mädness

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

Pilz vs Nedal Nib /​/​ DLTLLY Rap­Batt­le (Tape­fa­brik /​/​ Wies­ba­den) /​/​ 2017

State­ment: Pilz

Ob es dem immer noch vor­herr­schen­den Irr­glau­ben geschul­det ist, man sei durch ver­meint­li­che Anony­mi­tät im Netz vor Kon­se­quen­zen sicher, oder ob es schlicht am immer empa­thie­lo­se­ren Mit­ein­an­der liegt: Hass­kom­men­ta­re und Drohnach­rich­ten schei­nen für uns längst all­ge­gen­wär­tig. Doch eigent­lich soll­te es uns zu den­ken geben, dass so ziem­lich jeder, der sei­ne Mei­nung oder Hal­tung – ins­be­son­de­re zu The­men wie Poli­tik oder Reli­gi­on – kund­tut, mit Gewalt­an­dro­hun­gen rech­nen muss. Und damit dies nicht geschieht und wir der­glei­chen nicht als all­täg­lich abtun, soll­ten wir uns und ande­ren die Pro­ble­ma­tik dahin­ter immer wie­der vor Augen füh­ren. Pilz hat genau das vor Kur­zem getan, als sie den Inhalt einer von Gewalt­fan­ta­si­en und Sexis­mus trie­fen­den Nach­richt eines jun­gen Man­nes an sie ver­öf­fent­lich­te. Es dürf­te außer Fra­ge ste­hen, dass der Text nicht der ein­zi­ge sei­ner Art ist und die Künst­le­rin auch heu­te noch die absur­den Nach­we­hen ihres Batt­les mit Nedal Nib bei DLTLLY von vor über zwei Jah­ren erdul­den muss. Wobei "erdul­den" hier wohl deplat­ziert wäre, da sie genau dies nicht tut, son­dern das Ver­hal­ten sol­cher Leu­te offen anpran­gert und kri­ti­siert. Dabei geht Pilz jedoch noch einen Schritt wei­ter, spricht den Ver­fas­ser direkt an und führt ihm vor Augen, dass der Scha­den, den eine sol­che Mail anrich­tet, um eini­ges weit­rei­chen­der sein kann und die Men­schen sei­nes Umfelds genau­so tref­fen könn­te. Es ist mehr als bewun­derns­wert, wie sie in einer Sze­ne, die sonst oft­mals mit impul­si­ven, unbe­dach­ten Reak­tio­nen glänzt, hier nicht nur die Ruhe und Stär­ke auf­bringt, sich mit dem Ver­fas­ser und der Nach­richt selbst aus­ein­an­der­zu­set­zen. Es ist zudem beein­dru­ckend, wie sie dazu ein­lädt, sich der Grund­pro­ble­ma­tik hin­ter sol­chen Tex­ten bewusst zu wer­den. Laut Pilz selbst habe sich der Ver­fas­ser der Nach­richt inzwi­schen – "wenn auch sehr dürf­tig" – bei ihr ent­schul­digt. Früch­te scheint das Gan­ze also in jedem Fall zu tra­gen. Ansons­ten liegt es an uns, an jedem Ein­zel­nen, sei­nen Teil bei­zu­steu­ern und Nach­rich­ten die­ser Art aktiv und bewusst ent­ge­gen­zu­wir­ken.

 

KC Rebell x RAF Camo­ra – Nep­tun (prod. By Joezee)

Video: KC Rebell x RAF Camo­ra – Nep­tun

KC Rebell hat die Pro­mo­pha­se für sein aktu­el­les Album gera­de hin­ter sich, für RAF Camo­ra geht sie dem­nächst erst los. Dazwi­schen passt aller­dings noch ein gemein­sa­mer Song der bei­den – inklu­si­ve Video von kei­nem Gerin­ge­ren als RAFs Stamm­di­rec­tor Shaho Casa­do. Die­ser ist in der deut­schen Rap­sze­ne auf­grund sei­ner auf­wän­dig pro­du­zier­ten und spek­ta­ku­lä­ren Vide­os längst kein unbe­schrie­be­nes Blatt mehr. Mit dem Video zu "Nep­tun" über­trifft er sich die­ses Mal jedoch selbst. Anstatt das Bud­get in teu­re Miet­wa­gen und aus­ufern­de Par­ties mit zahl­rei­chen Dar­stel­lern zu inves­tie­ren, ist das Kon­zept hier ein ande­res. Als Loca­ti­on die­nen islän­di­sche Glet­sch­er­land­schaf­ten. Das Span­nen­de dabei ist, dass – auf­grund der gege­be­nen Risi­ken – vor KC und RAF bis­her nur Jus­tin Bie­ber und eine ein­hei­mi­sche Band eine Dreh­ge­neh­mi­gung für die­sen Ort ergat­tern konn­ten. Com­pu­ter­ge­ne­rier­te Effek­te wie der Nacht­him­mel mit Pla­ne­ten und Ster­nen, der sich in RAF Camo­ras Son­nen­bril­le spie­gelt, zei­gen die Lie­be zum Detail, wes­halb "Nep­tun" es ver­dient, zum Video des Monats gekürt zu wer­den.

 

Song: pabl0 – Lada Niva

Um die sechs Jah­re war pabl0 von der Bild­flä­che ver­schwun­den. Nach der "wunderbart"-EP mach­te sich das 7,8-Member rar. Mit der "Lada Niva"-EP kommt er nun völ­lig uner­war­tet zurück. Bereits der ers­te Track zeigt, wie sehr ihn die Zeit ver­än­dert hat – zum Posi­ti­ven wohl­ge­merkt. Die Batt­le­at­ti­tü­de ist noch vor­han­den, aber der Ton nicht mehr so rotz­frech, son­dern erns­ter und rea­ler. Das liegt zum einen an der Art und Wei­se, in der er inzwi­schen rappt, zum ande­ren streut pabl0 nun weit (mehr oder weni­ger ernst zu neh­men­de) per­sön­li­che­re Zei­len als damals ein. Da reicht ihm eben heut­zu­ta­ge der authen­ti­sche "Lada Niva" statt dem frü­her noch gewünsch­ten "Bea­mer". Die gewis­se Pri­se Humor bleibt erhal­ten, aber alles rund­her­um wirkt erwach­se­ner, rei­fer und all­ge­mein bes­ser. Stiff Scratch am Beat sorgt für das Übri­ge, wenn er eine düs­te­re, pas­sen­de Atmo­sphä­re dazu baut, die den Kopf unter­be­wusst zum Nicken bringt. Ein star­kes Come­back und ein eben­so star­ker Ein­stieg in die vier Tracks der EP.

 

Mor­lockk Dilem­ma - Under­state­ment feat. Kool Savas (Prod. Mar­tin Stie­ber, Cuts: DJ Access)

Instru­men­tal: Mor­lockk Dilem­ma feat. Kool Savas – Under­state­ment (prod. by Mar­tin Stie­ber, Cuts by DJ Access)

Mor­lockk Dilem­ma kehrt als "Herz­bu­be" zurück und kop­pelt "Under­state­ment" als Sin­gle aus – hier­für holt er sich Ver­stär­kung von Kool Savas, DJ Access und Mar­tin Stie­ber. Den Aus­blick durch das "Fens­ter zum Hof" hat der Stie­bertwin wohl nach wie vor und bas­telt dem Song so einen Beat mit viel Herz­blut. Beim Ein­stieg fühlt man sich sofort posi­tiv bewegt und fragt sich even­tu­ell: "Ist das ein Glo­cken­beat?" Das kann man durch­aus beja­hen, doch das ist noch nicht alles. Neben den lieb­li­chen Glo­cken, die die Melo­die grund­le­gend tra­gen, gibt es ein Oldschool-​lastiges Drum­set mit prä­gnan­ter Sna­re. Trotz­dem ist das Instru­men­tal kei­nes­wegs zu sehr vom "Back in the days"-Charakter durch­zo­gen. Die ein­gän­gi­gen, jaz­zi­gen Keys schaf­fen ein eher fun­ky ange­hauch­tes Sound­bild, das Lau­ne macht und zeit­los ist. Letzt­end­lich geben die Cuts von DJ Access dem Gan­zen dann den Rest – natür­lich voll und ganz im posi­ti­ven Sin­ne betrach­tet.

 

Mäd­ness - OG (prod. von Suff Dad­dy)

Line: Mäd­ness – OG

Spar dein Geld für 'ne Roli.
Ich kauf' mir wäh­rend­des­sen Lebens­zeit mit den Homies.

Mate­ri­el­le Sta­tus­sym­bo­le waren im Hip­Hop schon immer von einer gewis­sen Wich­tig­keit. Aktu­ell aber, so scheint es, beschränkt sich der im deut­schen Rap ver­kör­per­te Lebens­stil oft­mals nur noch auf bestimm­te Luxus­ar­ti­kel. Vie­le Rap­per stüt­zen ihr kom­plet­tes Selbst­bild dar­auf. Gan­ze Songs wid­men sich dem Auf­zäh­len von Desi­gner­mar­ken und in Musik­vi­de­os dür­fen die ent­spre­chen­den Pro­duk­te natür­lich auch nicht feh­len. Mäd­ness geht da einen ande­ren Weg. In sei­nem Song "OG", der als Vor­bo­te für das gleich­na­mi­ge Album fun­giert, grenzt er sich von der Ober­fläch­lich­keit der Waren­welt ab. Geld bei­sei­te­zu­le­gen, nur um es am Ende für ein groß­kot­zi­ges Sta­tus­sym­bol aus­zu­ge­ben, kommt für ihn nicht infra­ge. Es sind ande­re Wer­te, die zäh­len: "Lebens­zeit mit den Homies" eben. Finan­zi­el­le Frei­heit bedeu­tet für Mäd­ness nicht, sich kau­fen zu kön­nen, was man will. Son­dern es sich leis­ten zu kön­nen, mög­lichst oft mit Freun­den zusam­men zu sein. Das berei­chert das eige­ne Leben deut­lich mehr als eine teu­re Uhr. Wozu auch das eige­ne Stan­ding mit dem Kon­sum mög­lichst teu­rer Pro­duk­te opti­mie­ren, wenn man genau die Men­schen, die man für sein eige­nes Glück braucht, bereits gefun­den hat? Im Gesamt­kon­text des locke­ren Songs bil­det die Zei­le eine ange­nehm unauf­ge­reg­te Gegen­be­we­gung zu vie­len gehalt­lo­sen Trends der­zeit. Weni­ger selbst­ver­lieb­tes Ego, mehr freund­schaft­li­che Gemein­schaft!

(Dani­el Fersch, Micha­el Col­lins, Lukas Päck­ert, Dzer­ma­na Schön­ha­ber, Flo­ri­an Peking)
(Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)