Olivers Schelle – was deutsche "Promis" halt so machen

An die­ser Stel­le möch­ten wir Gedan­ken zu aktu­el­len Gescheh­nis­sen aus dem Deutschrap-​Kosmos zum Aus­druck brin­gen. Die jeweils dar­ge­stell­te Mei­nung ist die des:der Autor:in und ent­spricht nicht zwangs­läu­fig der der gesam­ten Redak­ti­on – den­noch möch­ten wir auch Ein­zel­stim­men Raum geben.

Im Fol­gen­den setzt sich unser Redak­teur Simon mit dem Angriff auf Oli­ver Pocher am Ran­de eines Box­kamp­fes auseinander.

 

Manch­mal ver­gisst man neben den gan­zen Gos­sip­vi­de­os und Rapnews, dass sich nicht nur Rapper:innen däm­lich ver­hal­ten kön­nen, son­dern auch Leu­te, die nur ganz am Ran­de etwas mit Deutschrap zu tun haben. Die vor­ver­gan­ge­ne Woche hat das wie­der deut­lich vor Augen geführt. Doch von vor­ne: Bei einer öffent­li­chen Ver­an­stal­tung wird ein Come­di­an vor lau­fen­der Kame­ra geohr­feigt und das gan­ze Inter­net steht Kopf. Ich spre­che natür­lich von der Schel­le, die Oli­ver Pocher von Fat Come­dy am Ran­de eines Box­kamp­fes erhal­ten hat. Neben absur­den Memes und Lob­prei­sun­gen auf das voll­kom­men unbe­rühr­te Gesicht von Pochers Sitz­nach­barn Chris­toph Daum ist logi­scher­wei­se die Fra­ge ent­brannt, inwie­fern die­se Form der kör­per­li­chen Gewalt zu recht­fer­ti­gen sein kann. Hat Oli­ver Pocher die Schel­le ver­dient oder ist Fat Come­dy ein­fach nur ein stump­fer Schlä­ger, der ganz drin­gend Pro­mo braucht?

Wenig über­ra­schend schei­nen vor allem Scha­den­freu­de und Häme die über­wie­gen­den Reak­tio­nen im Inter­net gewe­sen zu sein. Das mag in die­sem Fall tat­säch­lich nicht unbe­dingt nur am ach so gefühl­lo­sen Online-​Mob lie­gen, der grund­sätz­lich alles abfei­ert, was Gewalt beinhal­tet und bei drei nicht auf dem Baum ist. Tat­säch­lich hat sich Pocher die­se feh­len­de öffent­li­che Empa­thie­lo­sig­keit ein Stück weit selbst zuzu­schrei­ben. Der schon immer scham- und humor­be­frei­te Come­di­an hat sich vor allem seit Beginn der Pan­de­mie mit zum Teil ekel­haf­ten "Wit­zen", ins­be­son­de­re auf Kos­ten von Influencer:innen, von sich reden gemacht. Wenn man es aus­hal­ten kann, sich lan­ge genug auf den Social Media-​Plattformen des Han­no­ve­r­a­ners her­um­zu­trei­ben, fin­det man auf jeden Fall genug Mate­ri­al, um jedes Mit­ge­fühl bezüg­lich der Ohr­fei­ge auf ein Mini­ma­les run­ter­fah­ren zu kön­nen. Wem das zu anstren­gend ist, dem:der sei "Klei­ne mie­se Type" von der Anti­lo­pen Gang ans Herz gelegt.

Neben aller Häme und Spott lässt sich in die­sem Fall aber auch kaum Par­tei für den Täter ergrei­fen. Zunächst ist auf­fäl­lig, wie insze­niert und "unsport­lich" das Ver­hal­ten vom aus Bochum stam­men­den Fat Come­dy ist. Schließ­lich schlägt die­ser sein kom­plett unvor­be­rei­te­tes und kör­per­lich unter­le­ge­nes Gegen­über, ohne irgend­ei­ne Abwehr­chan­ce zu las­sen. Wäre Pocher gebaut wie Farid Bang, hät­te er sich das wohl nicht getraut. Doch sogar die­ser Aspekt der Aus­ein­an­der­set­zung lie­ße sich eini­ger­ma­ßen nach­voll­zie­hen – was nicht recht­fer­ti­gen bedeu­tet –, wäre es im Vor­aus zu einer für Fat Come­dy nicht aus­zu­hal­ten­den Pro­vo­ka­ti­on gekom­men. Das scheint aller­dings bei Wei­tem nicht der Fall gewe­sen zu sein. So lässt Fat Come­dy den Angriff fil­men, um dann kurz dar­auf ein offen­sicht­lich vor­be­rei­te­tes State­ment auf Insta­gram abzu­ge­ben. Dadurch ergibt sich weni­ger das Bild einer emo­tio­na­li­sier­ten Kurz­schluss­hand­lung, son­dern viel­mehr das eines bil­lig insze­nier­ten Pro­mo­mo­ves, der das Gan­ze ist. Es gibt, wie schon ange­spro­chen, wahr­lich genug Grün­de, die eine sol­che Ohr­fei­ge den­noch zumin­dest plau­si­bel wir­ken lie­ßen. Doch die eigent­li­che Moti­va­ti­on für den Angriff des Bochu­mers ist offen­sicht­lich ähn­lich unan­ge­nehm wie Oli­vers Wit­ze. So wird aus dem Instagram-​Statement deut­lich, dass er Pocher unter ande­rem des­halb geohr­feigt habe, weil die­ser sich öffent­lich mit Nika Ira­ni soli­da­ri­siert habe. Also mit der Frau, die vor eini­ger Zeit Ver­ge­wal­ti­gungs­vor­wür­fe gegen einen bekann­ten Ber­li­ner Rap­per erhob und damit deutschrap­me­too ins Rol­len gebracht hat. Fat Come­dy scheint wie­der­um zum engen Umfeld die­ses Rap­pers zu zäh­len und dem­entspre­chend eine deut­lich ande­re Sicht auf die Situa­ti­on zu haben. Pochers Unter­stüt­zung der Ber­li­ne­rin scheint da ein will­kom­me­ner Anlass für den Angriff gewe­sen zu sein. Das eine Mal, wenn Pocher sich also nicht als miso­gy­ner Clown gibt, son­dern einem Opfer sexua­li­sier­ter Gewalt unvor­ein­ge­nom­men Glau­ben schenkt, wird ihm zum Ver­häng­nis. Wenig über­ra­schend erhält Fat Come­dy auf Social Media von den übli­chen Rap­pern aus Ber­lin und dem Ruhr­pott Zuspruch.

Wir haben hier also einen unan­ge­neh­men, sexis­ti­schen und über­grif­fi­gen Come­di­an, der von einem unan­ge­neh­men, sexis­ti­schen und über­grif­fi­gen Come­di­an geohr­feigt wird. Die ein­gangs gestell­te Fra­ge lässt sich dem­nach ein­deu­tig unein­deu­tig mit "Jein" beant­wor­ten und der gan­ze Kon­flikt stellt sich als einer dar, bei dem kei­ne Sei­te Unter­stüt­zung erfah­ren soll­te. Natür­lich sind sol­che Angrif­fe einer­seits kaum för­der­lich, um Men­schen wie Oli­ver Pocher auf irgend­ei­ne Art zum Umden­ken zu bewe­gen oder deren Ver­hal­ten zu reflek­tie­ren. Zumal es in die­sem Fall nicht ein­mal um Ver­hal­tens­wei­sen geht, die absto­ßend und umden­kens­wür­dig waren. Ande­rer­seits muss man nicht den Glau­ben ans Kar­ma bemü­hen, um fest­zu­hal­ten, dass eine der­ar­ti­ge Atta­cke nach dem jah­re­lan­gen Ver­hal­ten von Pocher abzu­se­hen war.

(Simon Back)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)