Eine kurze Geschichte wichtiger HipHop-​Alben: #03 "The Blueprint"

Da Musik bekannt­lich Geschmacks­sa­che ist, wür­de man auf die Fra­ge nach prä­gen­den HipHop-​Alben wahr­schein­lich sehr unter­schied­li­che und indi­vi­du­el­le Ant­wor­ten erhal­ten. Den­noch wür­den bestimm­te Alben wohl häu­fi­ger genannt wer­den als ande­re. Man­che Plat­ten schaf­fen es schließ­lich, bei nahe­zu jedem einen blei­ben­den Ein­druck zu hin­ter­las­sen. Sie prä­gen ihr Gen­re nach­hal­tig und wir­ken sich direkt oder indi­rekt auf die Musik ande­rer Künst­ler aus. Was aber macht die­se Alben so beson­ders? Sicher ist es vor allem wich­tig, alte Mus­ter zu durch­bre­chen und einen neu­en Weg vor­zu­ge­ben. Dabei ist es essen­zi­ell, den ganz eige­nen Sound zu fin­den. Eine stan­dar­di­sier­te Ant­wort gibt es hier­für aber wohl nicht. Ein­fluss gilt es, stets indi­vi­du­ell zu betrach­ten – und ein Blick in die Geschich­te des ein­fluss­rei­chen Raps lohnt sich. Die­ses Mal mit dem sechs­ten Stu­dio­al­bum von Jay-​Z: "The Blueprint".

 

Vor dem Release

Zu Beginn der 00er Jah­re ist Jay-​Z bereits ein Rap-​Superstar. Wäh­rend der vor­he­ri­gen fünf Jah­re wur­de jedes sei­ner Alben mit min­des­tens einer Pla­tin­plat­te aus­ge­zeich­net, drei von ihnen erklom­men die Num­mer eins der ame­ri­ka­ni­schen Charts. Trotz­dem las­tet ein rie­si­ger Druck auf Jay-​Z und sei­nem nächs­ten Release. Denn lang­sam, aber sicher wer­den Stim­men laut, wel­che behaup­ten, Jig­ga wür­de sich auf sei­nen Lor­bee­ren aus­ru­hen. Dar­über hin­aus befin­det er sich zu der Zeit seit Län­ge­rem in einer Aus­ein­an­der­set­zung mit diver­sen New Yor­ker Rap­pern wie Fat Joe, Jada­kiss und Mobb Deep. Auch bahnt sich eine Feh­de mit Nas an. Des Wei­te­ren ist die gesam­te HipHop-​Szene in tie­fer Trau­er, denn nur weni­ge Wochen vor dem Release ver­starb die R 'n' B-​Sängerin und Freun­din von Roc-​a-​Fella Records-​Mitbegründer Damon Dash, Aali­yah, bei einem tra­gi­schen Flug­zeug­ab­sturz. Sie war auch eine enge Freun­din von Jay-​Z. Als wäre all das noch nicht genug, wird Sean Car­ter – Jay-​Zs bür­ger­li­cher Name – wegen Waf­fen­be­sit­zes und Kör­per­ver­let­zung ange­klagt. Nichts­des­to­trotz erscheint Jay-​Zs sechs­tes Album "The Blue­print" am 11. Sep­tem­ber 2001. Dem Tag, der allen als der Tag der Anschlä­ge auf das World Tra­de Cen­ter in New York im Gedächt­nis bleibt. Ein unglück­li­cher Zufall, denn das Release­da­tum muss­te auf­grund von bereits auf­ge­tauch­ten Leaks vor­ge­zo­gen wer­den. In Anbe­tracht all die­ser Umstän­de steht das Release natür­lich unter einem denk­bar schlech­ten Stern. Somit ist es ein schwe­res Unter­fan­gen für Jay-​Z, sei­nen Mäk­lern und Kon­kur­ren­ten die Stirn zu bieten.

 

Die Pro­du­cer & ihre Samples

Anstatt sich jedoch, wie sei­ne Kri­ti­ker behaup­ten, auf sei­nem Ruhm aus­zu­ru­hen, such­te Jay-​Z für sein neu­es Release nach neu­en Inspi­ra­tio­nen und Sounds. So gibt er auf dem Album zwei beson­de­ren jun­gen Pro­du­zen­ten eine Chan­ce: zum einen Just Bla­ze, der zu die­sem Zeit­punkt noch recht unbe­kannt ist. Zwei der von ihm pro­du­zier­ten Songs schaf­fen es sogar, als Sin­gle aus­ge­wählt zu wer­den. Zum ande­ren fin­det sich auf der ers­ten Sin­gle des Albums in den Credits ein Name, der noch die gesam­te HipHop-​Szene auf den Kopf stel­len soll­te. Am 21. August 2001 erscheint "Izzo (H.O.V.A)", pro­du­ziert von nie­mand Gerin­ge­rem als Kanye West, der bis dahin noch kaum Auf­merk­sam­keit auf sich zie­hen konn­te. Zwar bau­te er schon im Vor­jahr auf "The Dynas­ty: Roc La Fami­lia" einen Beat, jedoch war "Izzo (H.O.V.A.)" als Lead­sin­gle für "The Blue­print" viel pro­mi­nen­ter plat­ziert und erreich­te die Top Ten der Billboard-​Charts. Damit fei­ert Kanye West sei­nen ers­ten gro­ßen Hit als Pro­du­zent und legt so den Grund­stein für eine der größ­ten HipHop-​Karrieren aller Zei­ten. Neben den bei­den New­co­mern sind auch Grö­ßen wie Tim­ba­land, die Track­mas­ters oder Bink an den Instru­men­tals beteiligt.

Kanye Tells a Sto­ry About Making JAY-Z's "Izzo HOVA"

Ins­ge­samt spielt das The­ma "Sam­pling" eine gro­ße Rol­le auf dem Album. Nach­dem in den 90er Jah­ren eini­ge Artists wie Biz Mar­kie oder A Tri­be Cal­led Quest schwe­re recht­li­che Kon­se­quen­zen wegen unge­clear­ter Sam­ples tra­gen muss­ten, wur­de der Ein­satz von ech­ten Instru­men­ten, vor allem aber Syn­the­si­zern, immer belieb­ter. Denn das Ein­ho­len von Lizen­zen für ein­zel­ne Sam­ples ist auf­wen­dig und vor allem teu­er. Jedoch ver­füg­te Jay-​Z zu die­ser Zeit schon über beacht­li­che finan­zi­el­le Mit­tel. So lässt sich auf nahe­zu jedem Song ein Sam­ple fin­den. Vor allem Vocals las­sen sich als immer wie­der­keh­ren­des Ele­ment aus­ma­chen. Aus den musi­ka­li­schen Wer­ken von The Doors, Al Green und Bad Meets Evil wer­den Songs wie "Five to One", "Blue­print (Mom­ma Loves Me)" oder "Rene­ga­de" – auch wenn eini­ge der benutz­ten Sound­schnip­sel nie­mals lizen­siert wer­den. Auf "Girls, Girls, Girls" sam­pelt Just Bla­ze Vocals von Slick Rick, Biz Mar­kie und Q-​Tip. Sogar der King of Pop, Micha­el Jack­son, trägt Vocals bei – wird aber nicht in den Credits genannt. Der Song schafft es auf Platz 18 der US-​Charts. Die Sin­gle "Song Cry" wird eben­falls von Just Bla­ze pro­du­ziert. Die­se wird sogar für den Gram­my in der Kate­go­rie "Best Male Rap Solo Per­for­mance" nomi­niert. Das ent­hal­te­ne Sam­ple stammt aus "Sounds Like a Love Song" von Bob­by Glenn. Trotz des Erfolgs erhält Glenn nie Credits für die Ver­wen­dung sei­nes Werks. Aber auch um den Song "Izzo (H.O.V.A.)" gab es recht­li­che Pro­ble­me. So behaup­tet Dem­me Ulloa, die Sän­ge­rin, die in der Hook "H to the izzo, V to the izzay" singt, nie­mals Geld für ihren Bei­trag erhal­ten zu haben.

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Die Ent­ste­hung des Covers 

Inhalt­lich strotzt das Album vor Refe­ren­zen an rea­le und fik­ti­ve Gangs­ter, wie man es von Jay-​Z gewohnt ist. So auch das Cover des Albums, das ihn vor einer Grup­pe nicht erkenn­ba­rer Män­ner auf einem Tisch sit­zend zeigt, wäh­rend er eine Zigar­re raucht. Das Foto wur­de von Jona­than Man­ni­on geschos­sen. Die­ser hat schon für die Cover­bil­der der vor­an­ge­gan­gen Alben gesorgt und soll im Lau­fe sei­ner Kar­rie­re über 300 Cover gestal­tet haben, unter ande­rem für Dr. Dre, Aali­yah, Outkast, Nas, Nicki Minaj, Bran­dy Nor­wood oder Kendrick Lamar. Das Cover zu "The Blue­print" ist einem Bild nach­emp­fun­den, das im Ori­gi­nal aus einem Foto­band von Joce­lyn Bain Hogg stammt. In die­sem wer­den ech­te bri­ti­sche Kri­mi­nel­le aus Lon­don unge­schönt und authen­tisch auf Schwarz-​Weiß-​Film por­trä­tiert. Selbst­ver­ständ­lich wird hier noch Jay-​Zs per­sön­li­che Note hin­zu­ge­fügt. So trägt er eine Jacke aus sei­ner Rocawear-​Linie, das auf dem Tisch lie­gen­de Tele­fon im Ori­gi­nal­bild wur­de durch ein Mikro­fon ersetzt. Die Dar­stel­lung auf dem Bild soll außer­dem Jay-​Zs Macht­stel­lung sym­bo­li­sie­ren. Wie eine Figur aus "Der Pate" sitzt er auf dem Tisch und gibt Anwei­sun­gen an sei­ne Gefolg­schaft. Extrem pas­send, wenn man bedenkt, dass Sean Car­ters Wan­del vom dea­len­den Hust­ler hin zum anzug­tra­gen­den Geschäfts­mann, der er heu­te ist, sich hier bereits deut­lich zeigt.

 

Der Beef mit Nas

Doch "The Blue­print" stellt auch den Start­punkt eines der größ­ten Beefs in der HipHop-​Geschichte dar. Näm­lich den von Jay-​Z und Nas, nach­dem die bei­den bereits seit 1996 wegen abge­sag­ter Fea­tures, unge­frag­tem Sam­pling und per­sön­li­cher Befind­lich­kei­ten immer wie­der Sneak-​Disses aus­tausch­ten. Dies änder­te sich auf dem Hot 97 FMs 2001 Sum­mer Jam. Dort star­te­te Jay-​Z sei­ne ers­te direk­te Atta­cke auf Nas. Er per­form­te den bis dahin unre­leas­ten Song "Take­over", der zwar haupt­säch­lich Dis­ses gegen Mobb Deep ent­hielt, jedoch mit einer sehr prä­gnan­ten Line abschloss: "Ask Nas, he don't want it with Hov. No." Die­se Pro­vo­ka­ti­on konn­te Nas nicht auf sich sit­zen las­sen und belei­dig­te Jay-​Z auf einer Rei­he von Freestyle-​Tapes. Als dann "The Blue­print" erscheint, wird "The Take­over" gleich als zwei­ter Song plat­ziert und ent­hält noch einen drit­ten Part, der sich gänz­lich gegen Nas rich­tet und gleich­zei­tig eine ver­steck­te Anspie­lung dar­auf ent­hält, dass Jay-​Z eine Affä­re mit der Mut­ter von Nas' ers­tem Kind, Car­men Bryan, hät­te. Natür­lich scha­den Dis­ses die­ser Art der Repu­ta­ti­on eines gestan­de­nen Rap­pers wie Nas. Unter Fans und Kri­ti­kern wird die Fra­ge laut, ob Nas sich davon über­haupt erho­len, geschwei­ge denn zurück­schla­gen kann. Die­ser releast aber den bis heu­te legen­dä­ren Diss­song "Ether". Dar­auf greift er Jay-​Z auf jeder erdenk­li­chen Ebe­ne an und ändert den Cho­rus von "The Take­over" von "R-​O-​C, we run­nin' this rap shit" zu "R-​O-​C, get gun­ned up and clap­ped quick". Dar­auf­hin ent­brennt ein regel­rech­ter Krieg um die Kro­ne des "King of New York" zwi­schen den bei­den. Dies ändert sich erst vier Jah­re spä­ter, als Jay-​Z bei sei­ner "I Decla­re War"-Show eini­ge Acts ein­lädt, mit denen er in der Ver­gan­gen­heit Dif­fe­ren­zen hat­te. Unter ande­rem auch Nas. So been­den sie ihren Beef im Jahr 2005 genau­so, wie er begon­nen hat­te: live on Stage.

 

Erfolg auf gan­zer Linie

Der erwähn­te Druck, der bis zum Release auf Jay-​Z las­te­te, hät­te eini­ge Artists zusam­men­bre­chen las­sen, nicht aber Hova. Mit jun­gen Talen­ten wie Just Bla­ze und Kanye West im Rücken schien er sei­nen Hun­ger aus frü­he­ren Tagen auf der Plat­te wie­der­ge­fun­den zu haben. Rap­t­ech­nisch befand sich Jay-​Z nach wie vor in sei­ner Blü­te und fes­tig­te wei­ter sei­nen Platz an der Spit­ze des New Yor­ker Raps. Der ein­zi­ge Rap­per, den Jay-​Z als Gast auf sein Album ein­ge­la­den hat, war Emi­nem, der zu die­ser Zeit am Anfang sei­ner Kar­rie­re stand und einen gigan­ti­schen Hype mit sich trug. Sein Part auf dem von ihm pro­du­zier­ten "Rene­ga­de" gilt als so gut, dass bis heu­te behaup­tet wird, Emi­nem hät­te Jay-​Z auf sei­nem eige­nen Song zur Neben­per­son degradiert.

jay-​z feat emi­nem - rene­ga­de (live)

Umsatz­tech­nisch schnitt das Album sehr stark ab. Es ver­kauf­te sich in der ers­ten Woche knapp eine hal­be Mil­li­on Mal und soll­te spä­ter den Doppelplatin-​Status in den USA errei­chen. In Deutsch­land – wo Hip­Hop in den frü­hen 2000ern kom­mer­zi­ell eher eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spiel­te – konn­te die Plat­te Platz 55 in den Charts errei­chen. Ins­ge­samt wur­den welt­weit mehr als 3,5 Mil­lio­nen Ein­hei­ten ver­kauft. Auch die Pres­se war von Jay-​Zs sechs­tem Stu­dio­al­bum mehr als begeis­tert: Das Vibe-​Magazin bezeich­ne­te "The Blue­print" als Jay-​Zs bes­tes Album, The Source erteil­te im Release­jahr ein "5-​Mic-​Rating", was die bes­te zu errei­chen­de Wer­tung dar­stellt. Der BBC-​Radiomoderator DJ Ace sag­te über das Album: "The Blue­print for me is the per­fect Album. If we think about con­sis­ten­cy, impact on gene­ral cul­tu­re – Jay-​Z might have to be num­ber one." Der Lang­spie­ler wird sogar im Jahr 2019 in die ame­ri­ka­ni­sche "Natio­nal Record­ing Regis­try" auf­ge­nom­men. In die­ser fin­den sich Sin­gles und Alben, wel­che "kul­tu­rell, his­to­risch oder ästhe­tisch bedeu­tend" sind. Aus den knapp 500 auf­ge­nom­me­nen Titeln stammt der Groß­teil aus den Gen­res Jazz, Klas­sik oder Blues. Ledig­lich acht die­ser Alben stam­men von Rap­pern, unter ande­rem 2Pac, Public Enemy – oder eben Jay-​Z. Im Übri­gen ist "The Blue­print" das ers­te Rapal­bum aus dem 21. Jahr­hun­dert, das in das Archiv auf­ge­nom­men wur­de. All das wirkt umso beein­dru­cken­der, wenn man den Gerüch­ten glaubt, dass Jay-​Z "The Blue­print" in nur zwei Wochen auf­ge­nom­men habe – ohne dabei sei­ne Lyrics aufzuschreiben.

9th Won­der Reminds Ever­yo­ne JAY Z Wro­te 7 Songs From 'The Blue­print' In A Weekend

 

War "The Blue­print" wirk­lich eine Blaupause?

Heu­te ist Jay-​Z einer der größ­ten Musi­ker der Welt. Zur Zeit, als "The Blue­print" erschien, hat­te Jig­ga zwar schon gro­ßen Erfolg, jedoch konn­te nie­mand ahnen, dass er ein­mal zum ers­ten Rap-​Milliardär wer­den soll­te. Sein der­zei­ti­ges Ver­mö­gen soll sich laut Schät­zun­gen auf 1,3 Mil­li­ar­den US-​Dollar belau­fen. Iro­ni­scher­wei­se wird er in der HipHop-​Welt finan­zi­ell nur von sei­nem ehe­ma­li­gen Schütz­ling Kanye West über­trumpft. Ins­ge­samt hin­ter­lässt das Album tief­grei­fen­de Spu­ren. Immer wie­der fin­den sich Refe­ren­zen und Hin­wei­se, die auf die Plat­te oder ein­zel­ne Songs von ihr abzie­len. Sogar gan­ze Alben wer­den in Anleh­nung an sie benannt. So bei­spiels­wei­se "The Pink­print" von Nicki Minaj oder Lar­ry Junes "Oran­ge Print". Alles in allem ist "The Blue­print" von Jay-​Z eines sei­ner ein­fluss­reichs­ten Alben und selbst­ver­ständ­lich eine Blau­pau­se, vor allem wenn man bedenkt, dass dies der Start einer Tri­lo­gie ist. Jeder Teil von "The Blue­print" setz­te meh­re­re Mil­lio­nen Ein­hei­ten ab und brach­te Welt-​Hits wie "Empi­re Sta­te Of Mind" her­vor. Und all das trotz der fins­te­ren Vor­zei­chen, unter denen der ers­te Teil von "The Blue­print" erschien.

(Nico Matu­ro)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)