Who sampled who? – Türchen #19: "Chabos wissen wer der Babo ist" von Haftbefehl

Schon seit die HipHop-​Kultur noch in den Kin­der­schu­hen steck­te, sind Sam­ples ein essen­zi­el­ler Teil von ihr. Von alten Klas­si­kern bis hin zu aktu­el­len Chart­hits las­sen sich in unzäh­li­gen Songs Ele­men­te aus bereits exis­tie­ren­den Wer­ken fin­den. Wem erging es noch nicht so, dass er beim Musik­hö­ren über einen bekann­ten Sound gestol­pert ist und sich dar­auf­hin den Kopf über des­sen Her­kunft zer­bro­chen hat? Oft beginnt damit eine span­nen­de Suche nach der Ori­gi­nal­auf­nah­me quer durch die Musik­his­to­rie. Aus die­sem Grund stel­len wir uns in unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der die Fra­ge "Who sam­pled who?" und öff­nen täg­lich ein neu­es Tür­chen: Wir prä­sen­tie­ren Euch 24 ver­schie­de­ne deut­sche Rap­songs und betrach­ten die Sam­ples, wel­che sich dar­in verbergen.

 

 

Um direkt mit dem Tür­chen ins Haus zu fal­len: Haft­be­fehls "Cha­bos wis­sen wer der Babo ist" ist ein Klas­si­ker. Und immer wie­der fin­den sich neue Grün­de dafür, die von Unter­grund­fo­ren bis in die Feuil­le­tons die­ses Lan­des schon zahl­reich bespro­chen wur­den. Was jedoch auf den ers­ten und viel­leicht auch auf den zwei­ten Blick nicht auf­fällt, sind die Details, die im Zusam­men­spiel zwi­schen den Lyrics und dem Instru­men­tal liegen.

Farhot wur­de schon an vie­len Stel­len voll­kom­men zurecht für den Ban­ger gelobt, den er Haf­ti für die Sin­gle kre­denzt hat, wel­che des­sen end­gül­ti­gen Durch­bruch ent­schei­dend vor­be­rei­tet hat. Denn noch heu­te erkennt jede:r die schep­pern­den Bäs­se sofort, auf die die legen­dä­re Hook und Stro­phe fol­gen. Doch das ent­schei­den­de Detail liegt im Vocal-​Sample, das nach etwa 14 Sekun­den das ers­te Mal zu hören ist. Dabei han­delt es sich um einen Aus­schnitt aus "Pil­ent­ze Pee" – einem bul­ga­ri­schen Volks­lied, das vom Frau­en­chor des dor­ti­gen Staats­fern­se­hens vor­ge­tra­gen wird. Der Titel des zugrun­de­lie­gen­den Stücks lässt sich etwa als "Ein klei­ner Vogel singt" über­set­zen – ein "Chabo", wenn man so möch­te. Das Span­nen­de dabei ist, dass die wohl­be­kann­te und inzwi­schen weit­rei­chend ana­ly­sier­te Wort­wahl Haft­be­fehls – "Chabo" und "Babo" – aus dem Roma­ni bezie­hungs­wei­se sei­nen Dia­lek­ten stammt. Und die­se Sprach­fa­mi­lie kommt eben unter ande­rem auch in Bul­ga­ri­en vor. Was also gera­de vie­len Außen­ste­hen­den vor acht Jah­ren zunächst wie Kau­der­welsch auf dem nächst­bes­ten schep­pern­den Instru­men­tal vor­kam, ist in Wahr­heit ein tief durch­dach­tes Stück Musik, das sei­nem legen­dä­ren Sta­tus in jeder Hin­sicht gerecht wird.

"Cha­bos wis­sen wer der Babo ist" taucht bei uns gera­de nicht zum ers­ten Mal auf. Und wird es wohl auch nicht zum letz­ten Mal. Der Song hat so vie­le Facet­ten, die wahr­schein­lich noch längst nicht alle beleuch­tet wor­den sind. Und das ist es, was einen wah­ren Klas­si­ker ausmacht.

(Micha­el Collins)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)