Lance Butters – ein Gespräch über Isolation

Wäh­rend ande­ren Men­schen in der aktu­el­len Lage die Decke auf den Kopf fällt, sitzt Lan­ce But­ters gemüt­lich zu Hau­se und genießt sei­ne Ruhe. Der selbst ernann­te "Meis­ter im Allein­sein" nutz­te die Zeit, um sich der Musik zu wid­men und ver­öf­fent­lich­te ganz über­ra­schend die neue "LONER"-EP. Wie der Titel der EP schon andeu­tet, befasst sich Lan­ce dar­auf mit sei­nem Life­style und Mind­set als Ein­zel­gän­ger. Auf sei­nem letz­ten Album "ANGST" hat man bereits deut­lich gemerkt, dass der Rap­per ger­ne Zeit mit sich selbst ver­bringt und eine eher nega­ti­ve Sicht auf die Gesell­schaft hat. Sei­ne Wer­ke und düs­te­ren Tracks las­sen ver­mu­ten, dass hin­ter Lan­ce But­ters viel mehr steckt als ein­fach nur ein Kif­fer, der ger­ne allei­ne ist. Doch wo zieht er die Gren­ze zwi­schen Ein­sam­keit und dem Allei­ne­sein? Im Inter­view spra­chen wir mit ihm dar­über, wie wich­tig es ist, Zeit mit sich selbst zu ver­brin­gen und ob man sich an den Zustand der Iso­la­ti­on gewöh­nen kann. Außer­dem ging es um sei­ne Sicht­wei­se auf zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen und die Her­an­ge­hens­wei­se an Musik.

MZEE​.com: Star­ten wir mit etwas Wis­sen­schaft­li­chem. Einem Bericht von "Quarks" zufol­ge macht sozia­le Iso­la­ti­on auf Dau­er kör­per­lich sowie men­tal krank. Kannst du dem zustim­men?

Lan­ce But­ters: Kann ich mir gut vor­stel­len. Man hat mal Ver­su­che an Neu­ge­bo­re­nen unter­nom­men und denen Nah­rung, aber kei­ne kör­per­li­che Nähe gege­ben – die sind alle gestor­ben. Das ist der Beweis dafür, dass Men­schen die­se Nähe brau­chen. Die Fra­ge ist, über wel­ches Zeit­al­ter wir reden. Sozia­le Kon­tak­te bedeu­ten nicht immer, zusam­men in einem Raum zu sit­zen, son­dern auch Aus­tausch mit Men­schen zu haben. Den hast du auch durch das Inter­net, gera­de in die­ser Quarantäne-​Zeit. Ich frag' mich bei jedem Men­schen, der gera­de auf die Stra­ße geht, die Fres­se auf­reißt und Coro­na als Lüge dar­stellt, wor­an es ihm fehlt. Wir haben das Inter­net, wir haben Mes­sen­ger wie Whats­App und Face­Time, wir kön­nen online mit­ein­an­der zocken – es gibt genug Aus­tausch mit ande­ren Men­schen. Ich glaub', das ist das Min­des­te, was du an Kon­takt brauchst. Man darf nicht ver­ges­sen, dass ich auch sozia­le Kon­tak­te habe. Ich mei­ne nur, dass ich sie nicht jeden Tag brau­che. Klar gibt es Tage, an denen ich sage: "Lass mal in unse­re Lieb­lings­piz­ze­ria gehen." Dann machen wir das, sind nach zwei Stun­den drau­ßen und alles ist cool. Ich will trotz­dem Iso­la­ti­on, weil ich die­se Zeit für mich brau­che. Aber wenn du mir das Inter­net und mei­ne sozia­len Kon­tak­te weg­neh­men wür­dest, wäre es sehr, sehr schwie­rig. Guck dir den Film "Cast Away" an. Der Typ redet irgend­wann mit einem Ball. (lacht) Aber das ist ja nicht die Iso­la­ti­on, von der ich in mei­nen Tracks rede. Wenn etwas ist, bin ich am Start, ansons­ten sit­ze ich mit mir selbst rum und füh­le mich super enter­taint.

MZEE​.com: Denkst du, dass es für man­che Men­schen von Vor­teil wäre, mehr Zeit mit sich selbst zu ver­brin­gen?

Lan­ce But­ters: Auf jeden Fall. Wahr­schein­lich bräuch­ten das 70 Pro­zent der Men­schen, die mir spon­tan ein­fal­len. Ich krie­ge das schon seit lan­ger Zeit in mei­nem Umfeld mit. Man­che Leu­te machen sich jeden Sonn­tag­abend einen Plan für die gan­ze Woche, damit sie nicht allei­ne sein müs­sen, weil sie das nicht kön­nen. Das merkt man doch zum Bei­spiel schon bei einer Mas­sa­ge. Je nach­dem, was du für einen Tarif gekauft hast, bekommst du eine 60- oder 90-​minütige Mas­sa­ge. Du wirst schön mas­siert, hast eso­te­ri­sche Klän­ge im Hin­ter­grund und alles, was du machen kannst, ist die Augen zu schlie­ßen und dich durch­kne­ten zu las­sen. Du kommst da nicht weg und dein Han­dy ist auch nicht in der Nähe. Du musst dich in die­sen 90 Minu­ten mit dir selbst beschäf­ti­gen. Das krie­gen vie­le schon nicht hin, weil sie nicht auf sich selbst ver­trau­en. Das sage ich auch auf "Loner": "Dann holen dich dei­ne Geis­ter, wenn da kei­ner ist." Natür­lich gibt es Men­schen, die mit sich im Rei­nen sind und trotz­dem fei­ern gehen. Ich sage nicht, dass jeder, der fei­ern geht, nicht mit sich allei­ne sein kann. Aber vie­le arbei­ten eben von Mon­tag bis Frei­tag, gehen abends bes­ten­falls zum Mann­schafts­sport oder ins Fit­ness­stu­dio und trin­ken dann noch ein Feierabend-​Bierchen. Am Wochen­en­de gehen sie aus, weil sie sich nicht mit sich selbst befas­sen kön­nen. Ich kenn' unglaub­lich vie­le Men­schen, die das nicht kön­nen. Das müs­sen sie auch nicht, aber ich habe im Kon­takt mit die­sen Men­schen gemerkt, dass ich mit ihnen nicht über mei­ne Pro­ble­me reden kann. Die kön­nen damit nichts anfan­gen, weil ich mitt­ler­wei­le ein Gedan­ken­mus­ter habe, in dem ich mich superoft reflek­tie­re und fra­ge, wie es mir geht und wie mein Gemüts­zu­stand ist. Das fällt bei denen weg. Man hat dann irgend­wann so eine Kluft zwi­schen sich und merkt, dass man nicht zu denen durch­drin­gen kann. Man muss das aber auch nicht so machen wie ich. Durch mei­ne Selbst­stän­dig­keit und krea­ti­ve Arbeit bin ich in der Zeit, in der ich kre­iere, allei­ne. Das musst du gar nicht so ver­schärft machen. Es birgt auch Pro­ble­me, wenn du über­all den Feh­ler suchst und alles inspi­zierst. Du brauchst ein gesun­des Mit­tel­maß. Du sollst auch mal sagen: "Ey, ich set­ze mich heu­te Abend ein­fach hin und lese vier Stun­den lang ein Buch." Das ist fuck­ing Qua­li­ty Time. Du beschäf­tigst dich ja trotz­dem und bist im Kopf bei dem Buch – aber du bist mit dir bei dem Buch. Das brau­chen ganz vie­le.

MZEE​.com: Du hast gesagt, dass bei­spiels­wei­se Fei­ern­ge­hen ein Aus­weg ist, um sei­nen Geis­tern nicht begeg­nen zu müs­sen. Was könn­ten die­se Geis­ter sein?

Lan­ce But­ters: Wenn du von der Gesell­schaft auf­er­legt bekommst, dass du immer nach vor­ne bli­cken sollst und ein posi­ti­ves Mind­set haben musst, beschäf­tigst du dich nicht mit dei­nen Pro­ble­men. Das the­ma­ti­sie­re ich auch auf mei­nem Track "Riot". Aber es kann alles sein. Ein Ver­lust in der Fami­lie oder im Freun­des­kreis, eine Krank­heit – alles. Ich kann tau­send Bei­spie­le nen­nen. Jeder Mensch geht anders mit Pro­ble­men um. Der eine befasst sich damit, der ande­re nicht. Wenn du es run­ter­spielst, bekommst du nicht mit, was für ein Mensch du bist. Du weißt gar nicht, ob du es inten­si­ver ver­ar­bei­ten und bei­spiels­wei­se mit Freun­den dar­über reden musst. Wenn du sowas nicht von dir weißt, hast du dei­ne Geis­ter und das nagt an dei­nem Selbst­wert­ge­fühl. Vie­le bemer­ken die­se Geis­ter nicht, weil sie sich ablen­ken, wenn es ihnen schlecht geht. Dann gehen sie zu Freun­den und das machen sie immer wie­der, über Mona­te oder sogar Jah­re hin­weg, anstatt das Stück für Stück auf­zu­ar­bei­ten. Wir leben im Jahr 2020 – dir pas­siert ganz schnell etwas Beschis­se­nes, weil die Welt ein­fach am Arsch ist. Die ist jetzt nicht kom­plett hän­gen­ge­blie­ben, aber sie gibt dir viel Fut­ter dafür, dass Din­ge nicht rich­tig lau­fen.

MZEE​.com: Man sagt ja, dass der Mensch ein Gewohn­heits­tier ist. Glaubst du, dass man sich so sehr an den Zustand der Iso­la­ti­on gewöh­nen kann, dass man irgend­wann zufrie­den damit ist und ihn ande­rem vor­zieht?

Lan­ce But­ters: Ich den­ke, dass man das sehr schnell glau­ben kann. Es gibt kein Gerät, das ich an mei­ne Venen anschlie­ßen kann und mir sagt, ob ich zufrie­den bin. Ich glau­be aber, dass die Illu­si­on super­schnell da ist und man sich ein­re­det, es wür­de einem gut gehen. Viel­leicht geht das bei man­chen auf. Das ist bei mir im klei­nen Sin­ne auch so. Ich habe mir mein Nest gemacht und reflek­tiert, was ich erlebt habe, wie ich mich ver­hal­te und durch den All­tag kom­me. Ich ste­cke die Gren­zen ab und habe einen Raum, in dem ich mich bewe­ge. Dann erwei­te­re ich mei­ne Gren­zen und gucke, wie weit ich aus die­sem Raum kann, ohne mei­ne Kom­fort­zo­ne zu ver­las­sen. Wenn ich vor zehn Jah­ren einen ande­ren Weg gegan­gen und frem­den Men­schen posi­tiv begeg­net wäre, wür­de ich viel­leicht kei­ne Woh­nung abste­cken, son­dern eine gan­ze Stadt. Mag sein. Ich fra­ge mich die gan­ze Zeit: "Wie geht es Lan­ce But­ters? Wel­che opti­mis­ti­sche­ren oder abge­fuck­te­ren Ver­sio­nen gibt es von mir?" Ich komm' damit aber ganz gut klar. Ich weiß, dass ich mir dadurch auch etwas ver­baue und viel im Leben ver­pas­se. Die Fra­ge ist jedoch, wor­aus man sowas zieht. Wenn mir jemand sagt, dass ich einen gei­len Abend mit Freun­den ver­pas­se, fra­ge ich mich, ob dein gei­ler Abend mit Freun­den auch einer für mich wäre. Die­se Loner-​Thematik und die Hal­tung, die ich all­ge­mein an den Tag lege, ist ja mein Mind­set. Manch­mal sit­ze ich zu Hau­se und den­ke mir, dass nicht alles geil ist – aber wenn ich in einem Raum bin, wo sich vie­le Leu­te befin­den, fühl' ich mich ein­sa­mer denn je. Das kann man natür­lich für sich selbst abwä­gen. Ich glau­be, dass es Men­schen gibt, die wirk­lich allei­ne sind. Man­che Leu­te wur­den aus fal­schen Grün­den zum Loner und es gibt intro­ver­tier­te Men­schen, denen das wesent­lich leich­ter fällt. Es gibt Men­schen, die extro­ver­tiert sind und sagen, sie sei­en intro­ver­tiert. Da liegt schon das Pro­blem. Du denkst, du wärst ein intro­ver­tier­ter Mensch, obwohl du eigent­lich extro­ver­tiert bist. Du wur­dest von der Gesell­schaft hier und da ent­täuscht und redest dir ein, dass du zu Hau­se blei­ben musst, obwohl dein Cha­rak­ter danach schreit, raus­zu­ge­hen.

MZEE​.com: Zu der The­ma­tik habe ich dir fol­gen­des Zitat von Tarek K.I.Z aus dem Track "Kaputt wie ich" mit­ge­bracht: "Kannst du die Lei­chen in mei­nem Kel­ler zum Schwei­gen brin­gen? Ich bin in schlech­ter Gesell­schaft, wenn ich allei­ne bin." – Was hältst du davon?

Lan­ce But­ters: Das klingt wie jemand, der raus­geht und bei­spiels­wei­se fei­ert, weil er die Lei­chen in sei­nem Kel­ler nicht ver­scharrt bekommt, Pro­ble­me hat und sich nicht damit befas­sen möch­te. Kein Front, aber im End­ef­fekt bit­tet er dar­um, dass sich eine ande­re Per­son um sei­ne Lei­chen küm­mert. Nee, Dig­ger, du musst dei­ne Lei­chen selbst zum Schwei­gen brin­gen. Wenn du des­halb in schlech­ter Gesell­schaft bist, wenn du allei­ne rum­sitzt, dann küm­me­re dich dar­um. Ruf nicht dei­nen Kum­pel an und frag, ob er mit einer lau­ten Musik­an­la­ge zu dir kommt und dei­ne Lei­chen zum Schwei­gen bringt. Jeder kennt das Gefühl, wenn man merkt, dass irgend­was nicht in Ord­nung ist. Die Fra­ge ist nur: Willst du dich ablen­ken oder willst du dich selbst drum küm­mern? Was hast du davon, dass sich ande­re Leu­te dar­um küm­mern? War­um soll ich dei­ne Lei­chen weg­schaf­fen, Dig­ger? Wenn du Hil­fe brauchst, sag Bescheid, aber ich kann das nicht für dich machen. Jeder kennt das aus dem Freun­des­kreis – jemand hängt durch und man ist am Start. Die Fra­ge ist jedoch, inwie­weit man jeman­dem hel­fen kann. Du kannst nicht erwar­ten, dass Leu­te immer Ver­ständ­nis für dei­ne Pro­ble­me haben, wenn sie sehen, dass du dich nicht dar­um küm­merst. Wenn jemand eine schwie­ri­ge Pha­se hat und sich falsch ver­hält, wird immer erwar­tet, dass man Ver­ständ­nis dafür hat. Oft hat man das Gefühl, dass dar­auf bei einem selbst kein Wert gelegt wird, weil die ande­re Per­son nicht die benö­tig­te Empa­thie besitzt. Irgend­wann hört das Ver­ständ­nis auf und die Per­son muss sich selbst mit ihren Lei­chen befas­sen.

MZEE​.com: Reden wir mal über dich und dei­ne Musik. Kannst du bes­ser Musik machen, wenn du iso­liert bist?

Lan­ce But­ters: Ja, safe. Wenn mei­ne Jungs mit mir abhän­gen wol­len, wis­sen sie, dass ich sage: "Alles cool, wir kön­nen bis 19, maxi­mal 20 Uhr abhän­gen und danach gehst du bit­te nach Hau­se." (lacht) Ich brau­che dann mei­ne Ruhe und gehe in mei­nen Tun­nel. Das bedeu­tet, dass ich run­ter­fah­re, chil­le und mir einen baue. Dann sit­ze ich da und höre ein paar Instru­men­tals. Das müs­sen nicht unbe­dingt Beats sein. Ich ver­su­che, mich selbst run­ter­zu­be­kom­men. Das ist nichts Medi­ta­ti­ves mit eso­te­ri­schen Räu­cher­stäb­chen oder so einem Scheiß. Ich ver­su­che ein­fach, weni­ger Input von außen ran­zu­las­sen und mich lang­sam abzu­schot­ten. Nach einer Wei­le schrei­be ich mei­ne Gedan­ken auf – dazu brau­che ich natür­lich einen pas­sen­den Beat. Man­che Rap­per schrei­ben ihre Tex­te auf und suchen sich anschlie­ßend einen Beat. Mei­ner Mei­nung nach fehlt dabei der Vibe. Ich brau­che einen Pro­du­cer, der mir einen Beat mit Vibe vor­gibt, aber nicht die The­ma­tik. Du brauchst eine Grund­at­mo­sphä­re, dadurch spre­che ich dann. Das klingt krass mys­tisch. (lacht) Der Beat gibt mir ein Gefühl vor und wenn ich das grei­fen und damit etwas anfan­gen kann, nut­ze ich die Nacht für mich. Ich mer­ke, dass ich ger­ne zwi­schen elf oder zwölf Uhr schla­fen gehen wür­de, weil man am nächs­ten Tag aus­ge­ruh­ter ist. Man schläft ein­fach bes­ser, wenn es dun­kel ist, aber ich lie­be die Nacht. Das Tele­fon klin­gelt nicht, nie­mand klopft an die Tür, ich bin bei mir. Leu­te, die the­ma­tisch oder atmo­sphä­risch nicht die Musik machen, die ich mache, kön­nen eher mit ihren Jungs im Stu­dio rum­hän­gen und sich gegen­sei­tig bil­li­ge Lines an den Kopf wer­fen. Das funk­tio­niert bei mir nicht. Ich kann höchs­tens vor mei­nen Jungs auf­neh­men, wobei das nicht nötig ist, weil mei­ne Freun­de nicht aus dem Rap-​Business sind. Ich habe maxi­mal ein oder zwei Freun­de aus dem Busi­ness. Auf­neh­men ist nicht das Pro­blem – aber lasst mich beim krea­ti­ven Arbei­ten und Schrei­ben ver­fickt noch mal in Ruhe.

MZEE​.com: Auf "The­ra­pie" sprichst du an, dass du dich vor Ent­täu­schun­gen schüt­zen willst. Sol­che Andeu­tun­gen gab es auch auf dei­nem vor­he­ri­gen Album "ANGST". War­um hast du auf­ge­hört, dich auf ande­re Men­schen ein­zu­las­sen?

Lan­ce But­ters: Der Grund ist, dass ich viel erlebt habe. Ich bin schon als Jugend­li­cher so gewe­sen. Die Leu­te müs­sen mir erst bewei­sen, dass sie es wert sind. Nicht, weil ich der Kras­ses­te bin – ich stel­le mich nicht über die. Ich bin ein­fach vor­sich­tig und sehe kei­nen Grund dafür, unvor­sich­ti­ger zu sein. Die Leu­te kön­nen sagen: "War­um nimmt er sich so viel raus? War­um muss ich mich erst mal bewei­sen?" Das müs­sen sie gar nicht. Nur, wenn sie mit mir abhän­gen wol­len und ich ihnen ver­trau­en soll. Wenn jemand das nicht will und ihm das zu viel ist, soll er sich ficken. Ich for­de­re das nicht, alles cool. Aber wenn du mit mir befreun­det sein willst, musst du akzep­tie­ren, dass ich ein biss­chen län­ger brau­che, um jeman­dem zu ver­trau­en. Das hat damit zu tun, dass ich auf der einen Sei­te gemerkt habe, dass es sehr vie­le Schlan­gen gibt, und auf der ande­ren Sei­te, dass ich ande­re Wert­vor­stel­lun­gen habe. Ich habe kei­ne 50 Leu­te an der Hand. Ich ken­ne meh­re­re Men­schen und bin mit denen cool, aber mei­ne engs­ten Freun­de sind fünf Leu­te. Die kennt man nicht aus der Öffent­lich­keit. War­um soll­te ich neue Leu­te ken­nen­ler­nen? Ich brau­che das nicht. Ich habe eine Infra­struk­tur an Freun­den und was die mir geben kön­nen, reicht mir. Natür­lich ler­ne ich durch mei­ne Freun­de auch ande­re Leu­te ken­nen. Wenn mein Kum­pel kommt, mich jeman­dem vor­stel­len will und er für die Per­son ein­steht, dann bin ich dabei. Das ist der Vor­schuss an Ver­trau­en, den ich jeman­dem aus­hän­di­gen kann. Wenn die Fra­ge nach mei­nem Beruf kommt, muss ich nicht erzäh­len, dass ich Kfz-​Mechatroniker wäre, um mich zu ver­stel­len und mei­ne Per­son zu schüt­zen. Fehlt aber die­ser klei­ne Vor­schuss, wür­de ich ein Geheim­nis dar­aus machen und nicht dar­über spre­chen wol­len. Nicht, weil ich nicht dazu ste­he, Lan­ce But­ters zu sein, son­dern weil du ein­fach anders behan­delt wirst, wenn du eine Per­son der Öffent­lich­keit bist. Das ist jeden­falls die ein­zi­ge Mög­lich­keit, die man hat, auf einer erns­ten Grund­la­ge – freund­schaft­lich, sowie geschäft­lich – an mich her­an­zu­tre­ten. Ich rede hier also nicht von Small­talk, den ich mit Fans habe. Ich ken­ne die nicht. Die ken­nen mich von der Büh­ne, mehr nicht. Wie gesagt: Ich habe mei­nen Kreis, der mir alles gibt, was ich brau­che und den Rest gebe ich mir selbst. Ande­re Leu­te sind nicht schlecht, aber ich habe kein Inter­es­se an denen.

MZEE​.com: Glaubst du, dass du gene­rell eine ande­re Sicht auf zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen hast?

Lan­ce But­ters: Die Men­schen, die ich in mei­nem Leben habe, will ich auch in mei­nem Leben haben. Wenn man sich aus­ein­an­der lebt oder der ande­re sich nach zehn Jah­ren dazu ent­schei­det, dass er das nicht mehr will, ist das okay. Die bes­te Bezeich­nung für zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen ist mei­ner Mei­nung nach "Lebens­ge­fähr­te". Ein treu­er Beglei­ter. Ich lau­fe einen Weg und die­ser Weg ist mein Leben. Irgend­wann kommt von rechts eine leich­te Gabe­lung, die zu mir auf die Stra­ße führt, und da läuft ein Mensch. Ob es ein Kum­pel ist, ein Geschäfts­part­ner oder eine Freun­din. Wir lau­fen neben­ein­an­der, ich gucke die Per­son an und sage: "Was geht? Ich muss in die glei­che Rich­tung." Dann kommt eine wei­te­re Gabe­lung und wenn wir bei­de nach links müs­sen, ist das cool. Wir lau­fen noch ein Stück zusam­men. Aber irgend­wann kommt man zur nächs­ten Gabe­lung und die Per­son muss ehr­lich sein und sagen, dass sie nach rechts muss. Du musst auch ehr­lich sein und sagen, dass du nach links musst. Das ist okay. Ein Lebens­ge­fähr­te – bis zu dem Punkt, an dem es nicht mehr geht. Das muss man sich ein­ge­ste­hen. Den Weg kann man ger­ne zusam­men lau­fen, aber man muss sich dar­über im Kla­ren sein, dass die Per­son viel­leicht irgend­wann einen ande­ren lau­fen muss. Hal­te dich nicht an den Leu­ten fest, son­dern erken­ne sie. Du kannst auch auf die­se Gabe­lung zulau­fen und hof­fen, dass die Per­son den glei­chen Weg geht, weil du dich auf sie ver­las­sen kannst und ihr euch auf dem Weg gehol­fen habt. Du kannst die­se Per­son aber nicht dazu über­re­den, dei­nen Weg zu gehen. Wenn die Per­son seit Jah­ren weiß, dass sie an die­ser Gabe­lung rechts abbie­gen muss, dann lass sie ver­fickt noch mal nach rechts lau­fen. Fang nicht an, dir ein­zu­re­den, dass du auch nach rechts musst, oder der ande­ren Per­son ein­zu­re­den, dass sie nach links muss. Schät­ze die Leu­te, die mit dir die­sen Weg lau­fen, aber hal­te sie nicht bei dir, wenn sie sich für einen ande­ren ent­schei­den. Mei­ne Erfah­rung ist, dass du dann ein ganz ruhi­ges Gefühl im Umgang mit Men­schen bekommst. Das ist mei­ne Her­an­ge­hens­wei­se. Ich klam­me­re nicht und weiß des­we­gen die Leu­te zu schät­zen, die eben­so nichts von mir for­dern.

MZEE​.com: Denkst du, dass Allei­ne­sein eher zu einer per­sön­li­chen Ent­wick­lung führt? Oder braucht man dazu ande­re Men­schen?

Lan­ce But­ters: Es gibt ja Leu­te, die sagen, sie wären ein ande­rer Mensch, wenn sie in Gesell­schaft sind. Mei­ner Mei­nung nach gibt es nur ein "Ich", kein "Wir". Dei­ne Ent­wick­lung ist die ein­zi­ge, auf die es ankommt. Ich fin­de, du musst mit Leu­ten rum­hän­gen und Grup­pen­ver­an­stal­tun­gen mit­ma­chen, damit du dich selbst erlebst. Du musst alles aus­pro­bie­ren, um dich zu prä­sen­tie­ren und dich in jede Situa­ti­on brin­gen, ob es ein Urlaub allei­ne oder ein Par­ty­ur­laub ist. Auch, wenn es mal unan­ge­nehm wird. Du lernst dar­aus immer etwas über dich. Wenn du mehr über dich her­aus­fin­den willst, beschäf­ti­ge dich mit dir. Das heißt aber nicht, dass du allei­ne sein musst. Neh­men wir mal an, du hät­test im Leben nur zwei­mal das Haus ver­las­sen – dann lernst du nicht so viel über dich. Ich glau­be, am meis­ten lernst du, wenn du dich reflek­tierst. Dar­aus ent­steht die bes­te Ver­si­on dei­ner selbst.

MZEE​.com: Gibt es Momen­te, in denen du das Allein­sein als nega­tiv emp­fin­dest und es in Rich­tung Ein­sam­keit kippt?

Lan­ce But­ters: Dazu muss ich erst mal sagen, dass ich den Stand, den ich seit Jah­ren besit­ze, Situa­tio­nen zu ver­dan­ken habe, die mich hier­hin gebracht haben. Ich glau­be, dass ich schon immer ein rela­tiv ver­schlos­se­nes Kind war. Ich war schon immer skep­tisch. Aber war­um war ich das? Auf "So Schön" rap­pe ich: "Das Glas nie halb voll, son­dern leer – Mama sagt, ich hab's von Papa geerbt." Das ist ein Fakt. Ich glau­be, dass ich das ein­fach in mei­ner DNA habe. Ich weiß aber auch, dass die Din­ge, die pas­siert sind, dazu geführt haben, dass ich so bin. Die­ses Gefühl, ein­sam zu sein, ken­ne ich nicht aus den Situa­tio­nen, in denen ich allei­ne bin. Wie ich vor­hin sag­te, ich habe mei­ne Leu­te, ich bin nicht ein­sam. Die sind da. Viel­leicht auch öfter, als ich will. Das ist nicht nega­tiv gemeint. Wenn ich mit denen ein­mal die Woche rum­hän­ge, weiß ich genau, dass ich auch drei- oder vier­mal mit denen abhän­gen könn­te. Aber ich will halt nur ein­mal in der Woche mit denen rum­hän­gen, ohne das jetzt fest aus­zu­ma­chen. Ich füh­le mich nicht ein­sam. Ich füh­le mich manch­mal ein biss­chen ver­lo­ren in die­ser Welt, aber nicht, weil ich allei­ne zu Hau­se rum­sit­ze. Ein­sam­keit muss ja nichts mit sozia­len Kon­tak­ten zu tun haben. Wenn ich mich ein­sam oder ver­lo­ren füh­le, dann weil ich mich mit mei­ner Den­ke über die Gesell­schaft und die Welt füh­le, als wür­de ich gegen eine Wand reden. So geht es ganz vie­len da drau­ßen. Wenn ich mich allei­ne füh­le, habe ich Men­schen um mich her­um, mit denen ich mich gemein­sam allei­ne füh­le. Das, was wir auf der Welt machen, lohnt sich nicht, weil die Welt am Arsch ist. Des­we­gen füh­le ich mich oft ver­lo­ren. Ich füh­le mich dann ein­sam gegen­über einer Gesell­schaft, nicht im sozia­len Leben.

MZEE​.com: Kom­men wir zur letz­ten Fra­ge. Was sind die wich­tigs­ten Erkennt­nis­se, die du durch das Allein­sein bekom­men hast?

Lan­ce But­ters: Schwie­rig. Mei­ne gan­ze Den­ke, die ich gera­de erläu­tert habe, habe ich aus dem Allein­sein gezo­gen. Eine gro­ße Erkennt­nis ist, dass wir alle nichts wert sind. Das ist nicht nega­tiv gemeint. Die Peri­ode, in der ein Mensch lebt, ist nich­tig. Das ist eine trau­ri­ge Erkennt­nis, erleich­tert aber auch vie­les. Das heißt nicht, dass du unbe­schwert durchs Leben gehen kannst, weil es end­lich ist. Mir geht es dar­um, dass ich dadurch erkannt habe, in die­ser kur­zen Zeit auf der Welt mehr auf mich zu ach­ten. Ich bin nicht lan­ge hier. Ich will etwas machen, was mich glück­lich macht und arbei­te an mei­nem Glück. Damit mei­ne ich nicht die gesell­schaft­li­che Bedeu­tung von Glück. Es gibt 16 ver­schie­de­ne Per­sön­lich­keits­ty­pen, jeder hat eine ande­re Her­an­ge­hens­wei­se und eine ande­re Defi­ni­ti­on von Glück. Ich habe kei­ne Ellenbogen-​Mentalität. Ich inspi­rie­re die Leu­te, die ich inspi­rie­ren kann und fin­de es toll, wenn ich an bestimm­te Men­schen eine Mes­sa­ge sen­den kann. Aber was ich mache, mache ich auch für mich. Mach, was dich erfüllt. Was mich erfüllt, ist nicht die Musik, son­dern krea­tiv zu arbei­ten. Ich schot­te mich ab. Ich mache es eben anders und bin der Mei­nung, dass ich ruhig schla­fen kann, weil ich nie­man­dem etwas antue. Ich ent­schei­de für mich, dass ich die­ses Leben so füh­ren möch­te. Das ist mei­ne Erkennt­nis. Die Welt ist beschis­sen genug. Ich muss mir nicht von Leu­ten anhö­ren, dass sie kein Ver­ständ­nis dafür haben, wie ich mein Leben lebe. Wenn sie nicht akzep­tie­ren kön­nen, dass ich mei­ne Zeit für mich brau­che, dann sol­len sie gehen. Ich weiß abzu­wä­gen, wo ich einen Punkt set­ze. Jeder geht anders mit Pro­ble­men um. Ich rede mit zwei, drei Freun­den dar­über und mel­de mich bei den ande­ren nicht. Wenn jemand ein Pro­blem damit hat, dann ist es sein Pro­blem. Wenn ich dir nicht schrei­be, neh­me ich mir die Zeit für mich. Ein Nein zu dir ist ein Ja zu mir. Das klingt so dumm, aber es stimmt. Alles ist end­lich und ich habe weder Zeit noch Lust, mir vor­schrei­ben zu las­sen, wie ich zu sein habe. Es geht eigent­lich nur dar­um, sich selbst in sei­nem Den­ken zu per­fek­tio­nie­ren und sich eine Welt zu schaf­fen, in der dich jeder machen lässt, was du möch­test, und du selbst zufrie­den bist.

(Kira Fech­ner)
(Fotos von Dani­el Hoff­mann)