EstA – ein Gespräch über Erfolg

Wie man Erfolg wahr­nimmt, ist ver­mut­lich sehr sub­jek­tiv. Man­che lie­ben es, sich im Ram­pen­licht zu son­nen, ande­re wie­der­um kön­nen nicht schnell genug vor den Schein­wer­fern weg­lau­fen. Dass man auf dem Weg zum Erfolg eini­ge Rück­schlä­ge erlei­det und fal­sche Ent­schei­dun­gen trifft, ist kein unbe­kann­tes Phä­no­men. Wie auch bei EstA, der auf sei­nem aktu­el­len Track "Allein gegen alle Pt.2" die gan­ze Geschich­te rund um den Plat­ten­deal im Jahr 2013 mit Baba Saad auf­ar­bei­tet und die Fol­gen des Signings retro­spek­tiv betrach­tet. Trotz­dem hat er sich nicht unter­krie­gen las­sen und wei­ter gerappt, sei­nen Kopf unab­läs­sig oben gehal­ten und ist wei­ter­hin vehe­ment gegen den Strom geschwom­men. Für ihn ist "Allein gegen alle" nicht nur ein Song­ti­tel, son­dern auch ein Lebens­mot­to. Des­halb haben wir mit EstA im Inter­view über sei­ne per­sön­li­chen Gedan­ken zu Erfolg, die Aus­wir­kun­gen der Zeit beim VBT auf sei­ne musi­ka­li­sche Kar­rie­re und den wei­te­ren Weg nach dem Plat­ten­ver­trag mit der Halun­ken­ban­de gespro­chen. Außer­dem ging es um wei­te­re The­men wie Song­wri­ting, sei­nen Wer­be­track für die AOK und den dar­aus resul­tie­ren­den TV-​Auftritt bei Jan Böh­mer­mann.

MZEE​.com: Eine Stu­die besagt, dass Erfolg zufäl­lig auf­tritt und nicht vor­her­seh­bar ist – unab­hän­gig davon, wie viel Arbeit man in sei­ne Kar­rie­re steckt. Was denkst du dar­über?

EstA: Krass. Da wäre das Zitat "Erfolg ist kein Glück" von Kon­tra K ja weit her­ge­holt. Ich seh' das aber so wie er, muss ich sagen. Ich mer­ke das auch bei mir. Irgend­wann setzt sich eine gewis­se Hart­nä­ckig­keit und Bestän­dig­keit immer durch. Ich glau­be schon, dass das am Ende die­ses posi­ti­ve Ereig­nis ist, auf das man hin­ge­ar­bei­tet hat … Was ist Erfolg? Im End­ef­fekt geht es dar­um, sich sei­ne Träu­me zu erfül­len, Wün­sche wahr wer­den zu las­sen und Zie­le zu errei­chen. Natür­lich gehört die­ses Quänt­chen Glück dazu, aber für mich sind es zu 80 Pro­zent Hart­nä­ckig­keit, Eifer und Fleiß.

MZEE​.com: Bli­cken wir auf den Anfang dei­ner musi­ka­li­schen Bio­gra­fie. Die meis­ten ken­nen dich ver­mut­lich noch aus dem VBT. War die Zeit für dich Fluch oder Segen?

EstA: (lacht) Bei­des. Es war ein gro­ßer Segen, defi­ni­tiv. Mei­ne "Kar­rie­re" wur­de mehr oder weni­ger dar­auf auf­ge­baut. Ich bekam ziem­lich schnell vie­le Klicks und wur­de "erfolg­reich", wenn man das so nen­nen mag. Aber ich konn­te die­sen Segen nie wirk­lich genie­ßen. Ich habe erst spä­ter gemerkt, was das für eine gei­le Zeit war – der splash!-Auftritt, die Inter­views, ein Teil die­ser Sze­ne zu sein. Ich habe auf dem splash! 2013 mit A$AP Rocky und Action Bron­son im Back­stage gechillt. Das habe ich über­haupt nicht gerafft. Auf der ande­ren Sei­te war es natür­lich auch ein Fluch, weil ich jetzt häu­fig auf das VBT redu­ziert wer­de. Es war eine Bla­se, die irgend­wann geplatzt ist. Aber ich glau­be, dass ich es nicht mis­sen wol­len wür­de und auf jeden Fall wie­der gemacht hät­te. Das war der rich­ti­ge Weg. Ich habe ja auch ein paar Mal teil­ge­nom­men und glück­li­cher­wei­se die­se Hoch-​Zeit mit­ge­nom­men, 2012, 2013, 2014. Ich habe Glück, ein Teil davon gewe­sen zu sein.

MZEE​.com: Du hast nach dem VBT 2013 den Track "Allein gegen alle" ver­öf­fent­licht. Wie viel ist Erfolg für dich wert, wenn man allei­ne damit ist?

EstA: Die­ses "Allein gegen alle"-Motto resul­tier­te dar­aus, dass ich mich der Sze­ne nie wirk­lich zuge­hö­rig gefühlt habe. Ich bin immer ein biss­chen mit dem Kopf durch die Wand gegan­gen. Im VBT habe ich ja schon kom­plett mein eige­nes Ding durch­ge­zo­gen und mich von allen abge­grenzt. Ich habe auch erst am Ende Fea­tures gemacht und war immer der Gegen­part zu den gan­zen Camps. Ich glau­be, Erfolg macht dann erst wirk­lich Spaß, wenn man ihn mit sei­nen Freun­den und sei­ner Fami­lie tei­len kann. Mir ist es viel mehr wert, mei­nen Jungs mal einen aus­ge­ben zu kön­nen, wenn Geld rein­ge­kom­men ist. Das ist im End­ef­fekt das, wor­auf es ankommt – dass du die­se Freu­de und den Spaß am Leben mit ande­ren tei­len kannst.

MZEE​.com: Kannst du dir erklä­ren, wor­in dei­ne "Allein gegen alle"-Haltung begrün­det war?

EstA: Das hat­te sicher­lich auch viel mit Saad zu tun. Aber es ging ja schon vor­her los, dass ich ein biss­chen auf alles geschis­sen habe, auf gut Deutsch gesagt. Ich habe das alles nicht so ernst genom­men, muss ich sagen. Zu mei­ner Hoch-​Zeit hät­te ich ein­fach nur "Hal­lo" pos­ten kön­nen und inner­halb von fünf Minu­ten 2 000 Likes dar­auf gehabt, das war kom­plett geis­tes­krank. Und das als Stu­dent, der ein­fach sein Ding durch­ge­zo­gen und ein biss­chen gerappt hat. Ich habe immer mehr die Hal­tung ent­wi­ckelt, so viel zu pro­vo­zie­ren, wie es geht und die­ses "Hurensohn"-Ding kom­plett durch­ge­zo­gen. (lacht) Das hat die Leu­te extrem auf­ge­regt und pola­ri­siert – in genau die Ker­be habe ich geschla­gen. Dann kam Saad, der das noch mal unter­stützt hat. Er hat uns qua­si unter­sagt, dass wir Kon­takt mit ande­ren auf­neh­men. Der woll­te nicht, dass ich beim splash! auf­tre­te, weil er Angst hat­te, dass wir uns mit der Sze­ne anfreun­den … Viel­leicht hat er auch ein­fach befürch­tet, dass irgend­wel­che Sto­ries über ihn raus­kom­men. Ich glau­be, er hat uns ganz gut abge­schot­tet und woll­te das Label so auf­zie­hen, dass es ein Gegen­pol zur Sze­ne wird und pro­vo­ziert.

MZEE​.com: Vor Kur­zem hast du "Allein gegen alle Pt.2" ver­öf­fent­licht. Du redest davon, dass es ein Feh­ler war, bei Baba Saad zu unter­schrei­ben. Hen­ry Ford hat gesagt: "Unse­re Fehl­schlä­ge sind oft erfolg­rei­cher als unse­re Erfol­ge." – Kannst du die­ser Aus­sa­ge zustim­men?

EstA: Da bin ich hin- und her­ge­ris­sen. Auf der einen Sei­te war es im Nach­hin­ein ein Feh­ler, er hat mich locker um 25.000 bis 30.000 Euro betro­gen. Ich durf­te ewig nichts relea­sen. Das hat einen enor­men Rat­ten­schwanz nach sich gezo­gen. Auf der ande­ren Sei­te bekam ich sehr viel Auf­merk­sam­keit. Ich habe natür­lich auch davon pro­fi­tiert, dass die gan­zen Medi­en wie 16BARS, BACKSPIN oder ihr durch das Signing auf mich auf­merk­sam gewor­den sind. Die Sze­ne hat das VBT ein biss­chen belä­chelt und sich dar­über auf­ge­regt. Viel­leicht war es mein erfolg­reichs­ter Fehl­schlag. Aber der Stress, den ich danach hat­te, wiegt mehr als das Gute dar­an.

MZEE​.com: Hast du etwas Posi­ti­ves dar­aus gezo­gen? Vie­le Men­schen sagen nach sol­chen Fehl­schlä­gen, dass sie dadurch an Stär­ke gewon­nen haben.

EstA: Ja, auf jeden Fall. Wenn man nicht dar­auf vor­be­rei­tet ist, ist es krass, was für ein dickes Fell man sich aneig­nen muss – im posi­ti­ven wie nega­ti­ven Sin­ne. Vie­le Leu­te wol­len plötz­lich etwas von dir, was ja eigent­lich cool ist, aber ein­fach zu viel wer­den kann. Aus der Battlerap-​Szene kam der Shit­s­torm von der Gegen­sei­te. Die einen haben mich gefei­ert, die ande­ren haben mich des Todes gehasst. Das ist immer noch so. Dadurch habe ich viel gelernt. Ich habe so erst gemerkt, was für einen guten Rück­halt ich habe – von mei­ner Fami­lie und mei­nen Freun­den. Auf die konn­te und kann ich immer zäh­len. Man ent­wi­ckelt sich auch cha­rak­ter­lich wei­ter. Ich glau­be, Shin­dy hat mal so einen Satz gesagt: "Star gewor­den über Nacht – frag nicht, was das mit der Psy­che macht." Man muss super­vie­le Sachen mit sich selbst aus­ma­chen und ich war ja nur ein klei­ner Fisch. Guck dir die­se gan­zen DSDS-​Leute an, die einen kur­zen Hype haben und dann extrem tief abstür­zen. Wenn man da kei­nen Rück­halt oder eine star­ke Per­sön­lich­keit hat, ist das schwie­rig. Ich ken­ne eini­ge, die im Musik- und Rap-​Business depres­siv gewor­den sind.

MZEE​.com: Mit dem Erfolg kom­men auch häu­fig fal­sche Freun­de. Denkst du, dass man sich davor schüt­zen kann?

EstA: Das pas­siert ein­fach. Man kann sich weder dar­auf ein­stel­len, noch davor schüt­zen. Es kommt drauf an, was für ein Typ man ist. Ich bin jemand, der immer noch an das Gute im Men­schen glaubt, aber ich wur­de auch aus­ge­nutzt. Man will die Leu­te nicht ver­är­gern, aber irgend­wann muss man "Nein" sagen. Das muss­te ich erst ler­nen. Aber wie gesagt, ich bin kein Sido, um Got­tes Wil­len. Das muss man dif­fe­ren­ziert betrach­ten. Ich glau­be, Künst­ler wie er haben ein ganz ande­res Leben.

MZEE​.com: Vie­le Men­schen muss­ten wie du im Lau­fe ihrer Kar­rie­re Rück­schlä­ge ein­ste­cken. Gab es einen Punkt, an dem du über­legt hast, auf­zu­hö­ren?

EstA: Klar, natür­lich. Das war bei Saad, weil ich nichts relea­sen konn­te. 2015, glau­be ich, habe ich ihn mit den gan­zen Lügen und gefälsch­ten Unter­la­gen kon­fron­tiert. Ich habe gemerkt, dass da irgend­was nicht stim­men kann. Das muss ich auch noch mal expli­zit beto­nen: Ich war der Ein­zi­ge auf dem Label – wir wuss­ten das alle – der die Eier gehabt hat, damit zu Saad zu gehen. Das war das ers­te Mal, dass ich gedacht habe: "Okay, was machst du jetzt?" Ich konn­te nichts relea­sen, wur­de sehr hef­tig bedroht, betro­gen und mensch­lich ent­täuscht. Ich habe mich gefragt: "War­um machst du das über­haupt noch?" Klar, ich hat­te da noch eine gro­ße Fan­ba­se. Ich habe täg­lich Nach­rich­ten bekom­men, was cool war und mir Halt gege­ben hat, aber der gan­ze Spaß und die Leich­tig­keit sind kom­plett ver­flo­gen. Ich war mega­froh, dass mich mein ehe­ma­li­ges Label Nur!Musik. aus Ham­burg auf­ge­fan­gen und moti­viert hat. Ich muss aber dazu sagen, dass ich nie wirk­lich auf Rap ange­wie­sen war. Ich glau­be, für vie­le Gangs­ter­rap­per, die nur das haben, ist das kras­ser. Ich wuss­te, dass ich mein Stu­di­um durch­zie­hen und Rap aus mei­nem Leben strei­chen kann, wenn ich Bock habe. Aber zum Glück hat sich die Hart­nä­ckig­keit durch­ge­setzt, sodass ich dann gesagt habe: "Nee, Dig­ga, das kannst du nicht so machen. Du machst jetzt das Album fer­tig und dann kommt es halt erst in einem Jahr."

MZEE​.com: Du hast unter ande­rem einen Song für die AOK auf­ge­nom­men und bist beim Neo Maga­zin Roya­le auf­ge­tre­ten. Wel­che Aus­wir­kun­gen hat­te das auf dei­ne Kar­rie­re?

EstA: (lacht) Ich glau­be, ihr habt auch einen super Arti­kel dar­über geschrie­ben. Ich habe ihn sogar erwähnt in einem mei­ner Songs. Rap und Wer­bung ist immer schwie­rig. Auf der einen Sei­te bewer­ben die Leu­te irgend­wel­che Gucci-​Klamotten in ihren Refrains und dann mache ich halt einen Song für eine Kran­ken­kas­se. Ich wuss­te vor­her, wor­auf ich mich da ein­las­se. Im Nach­hin­ein hat es mir einen gro­ßen Shit­s­torm ein­ge­bracht. Ich wür­de das auf jeden Fall als Fehl­schlag beti­teln, aber dar­aus wur­de dann der Auf­tritt bei Jan Böh­mer­mann und wer kann das von sich behaup­ten? Das muss man auch ein­fach mal sagen. Der Fern­seh­auf­tritt war schon eine coo­le Erfah­rung und ich konn­te es damit wie­der gera­de­bie­gen. Böh­mer­mann hat wit­zi­ger­wei­se auch zu mir gesagt: "Da hast du mal dei­ne Eier auf den Tisch gepackt, find' ich klas­se, dass du hier bist." Aber wie gesagt, ich wür­de es nicht noch mal machen. (lacht) Ich glau­be, der Song ist auch gar nicht mehr online.

MZEE​.com: Hast du durch den Auf­tritt wie­der posi­ti­ve Reso­nanz bekom­men?

EstA: Ja, auf jeden Fall. Das hat die Wogen geglät­tet. Am Anfang kamen Sellout-​Vorwürfe, auch von Redak­teu­ren. Auf sowas stürzt man sich immer ger­ne. Guck mal, Samy hat sowas gemacht, Eko auch, ich bin ja nicht der Ein­zi­ge. Das ist echt so ein The­ma im Rap, was scha­de ist. Ein Song ist doch viel coo­ler als so ein dum­mer Jing­le. Wenn das die Spra­che der Jugend ist, was spricht dage­gen? Wenn du eine Ziel­grup­pe so bes­ser errei­chen kannst als auf ande­ren Wegen, kann ich das aus Sicht der Unter­neh­men kom­plett ver­ste­hen. Aber ja, die­ser Böhmermann-​Auftritt hat das noch mal ein biss­chen rela­ti­viert. Es hat mir jetzt nicht mega­viel gebracht, um Got­tes Wil­len, aber ich glau­be, die Leu­te haben ver­stan­den, dass ich mich dafür gera­de gemacht und es mit Humor genom­men habe. Die­sen AOK-​Song habe ich auch nicht ernst genom­men. Das ist für mich ein Auf­trag, den mache ich und schreib' 'nen mög­lichst coo­len Text, das war's.

MZEE​.com: Die Posi­ti­on als "Sprach­rohr der Jugend" kann man natür­lich auch aus­nut­zen und Wer­bung für ein schlech­tes Pro­dukt machen, um mehr Erfolg oder Geld zu bekom­men.

EstA: Das war nie mei­ne Inten­ti­on. Wir haben den Auf­trag bekom­men. Man muss dazu auch sagen, dass ich noch eine Fir­ma habe und das ein­fach zu unse­rem Port­fo­lio gehört. Ich schreib' alles. Die meis­ten wis­sen gar nicht, dass ich für ande­re arbei­te. Ich schreib' für jedes Gen­re – Wer­be­tex­te, Sachen, die im Fern­se­hen lau­fen. Ich wür­de da nicht immer mei­nen Namen drun­ter­schrei­ben. Die Geschich­te war noch am Anfang der Unter­neh­mens­grün­dung und eine gute Refe­renz. Ich hat­te nicht das Ziel, dadurch media­le Auf­merk­sam­keit zu gene­rie­ren. Mir geht das leicht von der Hand, ich schrei­be sowas in zwei Stun­den run­ter.

MZEE​.com: Hast du als Song­wri­ter kar­rie­re­tech­nisch mehr Mög­lich­kei­ten und Chan­cen bekom­men?

EstA: Auf jeden Fall. Es ist mein Ziel, als Song­wri­ter wei­ter­zu­kom­men. Das ist ein­fach Busi­ness. Es gibt so einen Songwriter-​Kreis in Ber­lin, das sind 400 bis 500 Leu­te und irgend­wann kennt man sich. Dann führt das eine zum ande­ren und man lernt immer mehr Leu­te ken­nen, kommt in gei­le­re Ses­si­ons rein und kann sei­ne Skills ver­bes­sern. Ich habe musi­ka­lisch noch nie so viel gelernt wie in den letz­ten zwei Jah­ren. Allei­ne, was Pop-​Lines angeht. Das ist eine ganz ande­re Her­an­ge­hens­wei­se als bei Rap. Es fällt mir sogar teil­wei­se schwe­rer, weil ich mich run­ter­fah­ren muss, was die Lyrik angeht. Ich rei­me im Pop ja ganz anders. Das ist Haus-​Maus. Oder bei Schla­ger. Da muss man sich aber nicht ver­ste­cken. Sido hat bei­spiels­wei­se mal eine Bea­tri­ce Egli-​Single geschrie­ben. Seit­dem ist klar, dass das eher ein zusätz­li­cher Skill ist.

MZEE​.com: Könn­test du dir auch vor­stel­len, sel­ber Pop-​Musik oder Schla­ger zu machen?

EstA: Was ist denn für dich Apa­che 207? (lacht) Für mich ist das Pop-​Schlager, bei aller Lie­be. Es gab doch neu­lich bei 16BARS eine Show dar­über: "Rap oder Schla­ger?" Allei­ne, dass es so eine Show gibt, zeigt doch, dass die Gren­zen immer mehr ver­schwim­men. Rap ist mitt­ler­wei­le Pop und Pop ist Schla­ger.

MZEE​.com: Ich fin­de, es kommt dar­auf an, was man kon­su­miert. Könn­test du dir denn vor­stel­len, Musik wie bei­spiels­wei­se Apa­che zu machen?

EstA: Es gibt pop­pi­ge Songs von mir, die ich nie ver­öf­fent­licht habe. Die­sen Zwie­spalt hat­te ich auch mit dem jet­zi­gen Album. Der Sound war zu Beginn pop­pi­ger. Dann habe ich das kom­plet­te Ding, an die 16 Tracks, wie­der ver­wor­fen. Ich habe davon text­lich maxi­mal zehn Pro­zent mit in das neue Album genom­men. Ich habe für mich gemerkt, dass ich das nicht bin. Ich bin ein strai­gh­ter Rap­per, es darf ger­ne eine gesun­ge­ne Hook sein, aber ich sin­ge sie nicht. Ich habe auch melo­di­sche Ansät­ze drin, der Zeit­geist muss immer mit­schwin­gen, dafür bin ich offen. Ich weiß, dass mei­ne Stim­me rela­tiv geil klingt, wenn ein Autotune-​Preset drauf­ge­legt wird. Das ist schon nice, ich fei­er' das selbst, aber das bin nicht ich. Ich habe neu­lich einen Kom­men­tar gele­sen, da hat einer geschrie­ben: "Dig­ga, du rappst wie 2015." Ja, dann ist es halt so. Damit füh­le ich mich wohl und das kann ich für mich ver­ant­wor­ten. Dazu ste­he ich. Das ist mir mehr wert, als mich für irgend­was zu ver­stel­len und damit krass Erfolg zu haben, weil das der aktu­el­le Zeit­geist ist. Ich will nur noch das machen, wor­auf ich Bock habe und ich glau­be, dass mir das mit dem jet­zi­gen Album sehr gut gelun­gen ist.

MZEE​.com: Hast du im Lau­fe dei­ner Kar­rie­re Ent­schei­dun­gen nur um des Erfolgs Wil­len getrof­fen?

EstA: Das ist immer die Fra­ge. Guck dir die Single-​Auskopplungen von ande­ren Rap­pern an. Du musst natür­lich in Betracht zie­hen, was in einer Play­list lan­den könn­te, wenn du nicht gera­de ein Major-​Signing bist, das sich in die Modus Mio gekauft hat. (über­legt) Du wählst das aus, was am bes­ten passt. Lass mich mal über­le­gen … Bei "Allein gegen alle Pt.2" war es klar. Da wuss­te ich: Wenn ich die Nost­al­gie noch mal auf­kom­men las­se, mit dem Beat-​Sample von 2Bough, dass die alten Fans noch mal zurück­kom­men wür­den. Das war natür­lich kal­ku­liert, das muss ich zuge­ben. Dass es dann die Saad-​Story wird, hat sich erst ent­wi­ckelt, als ich den Beat zum ers­ten Mal gehört habe. Aber sonst … Ich hat­te mal ein paar Ausreißer-​Songs, bei denen ich mich aus­pro­biert habe, weil ich merk­te, dass die­se gan­zen RINs – oder wie sie alle hei­ßen – am Start sind. Ich mei­ne, guck dir Fler an. Fler hat sich um 180 Grad gedreht. Der hat von sei­ner alten Fan­ba­se maxi­mal 20 Pro­zent mit­ge­zo­gen und sich mit sei­nem neu­en Sound eine kom­plett neue auf­ge­baut. Das woll­te ich nicht und des­halb habe ich mich schnell dazu ent­schie­den, den nor­ma­len EstA-​Stuff durch­zu­zie­hen.

MZEE​.com: In einem Bericht in der Saar­brü­cker Zei­tung über dich hieß es, dass dein gro­ßer Durch­bruch noch auf sich war­ten lässt. Wie stehst du zu die­ser Aus­sa­ge?

EstA: Ich hab' ein Level, das okay ist. Ich kann mich nicht bekla­gen und bin auch dank­bar dafür. Aber ich bin kein Capi, Sam­ra, Sido oder Sum­mer Cem – kein Big Play­er. Ich glau­be, das war ich auch nie. Auf der ande­ren Sei­te muss ich sagen, dass mir lyrisch im deut­schen Rap viel­leicht noch fünf Leu­te was vor­ma­chen. Das soll jetzt gar nicht arro­gant klin­gen, aber allei­ne reim­tech­nisch ist das so. Dar­auf liegt momen­tan lei­der nicht mehr der Fokus, das the­ma­ti­sie­re ich auch auf mei­nem Album. Es geht nur um Vibe, Drip, Beats und 808s. Des­halb hab' ich das Samy Deluxe-​Album mega gefei­ert. Er hat zeit­ge­mä­ße Beats benutzt, aber trotz­dem sei­nen Rap­stil durch­ge­zo­gen und vor allem mit Inhal­ten gear­bei­tet. Alles ist so ein Ein­heits­brei gewor­den, ich bin es so leid. Ich guck' mir bei Rap­Up­date die neu­en Songs an und 80 Pro­zent davon hören sich ein­fach gleich an. Das ist nur noch Pro­mo, Plat­zie­run­gen und Mar­ke­ting. Das ist echt krass. Wie hei­ßen die Jungs aus Ber­lin? BHZ? Die fin­de ich zum Bei­spiel cool, weil ich es denen ein­fach noch abkau­fe. Die sind für mich real, sie sind aus dem Unter­grund gewach­sen und haben jetzt einen Hype. Sowas fin­de ich dann viel gei­ler als – jetzt muss ich auf­pas­sen, was ich sage – die fünf­zigs­te Le-​Le-​Le-​Geschichte. Die Leu­te erfin­den sich alle nicht mehr neu.

MZEE​.com: Es gibt ja auch Men­schen, die mit Hype und so einem Erfolg nicht klar­kom­men. Glaubst du, dass Erfolg süch­tig machen kann?

EstA: Wenn man Erfolg hat­te, ist es schwie­rig, ihn nicht mehr zu haben. Das macht was mit einem. Man will die­ses Level hal­ten. Das ist ja auch bei rei­chen Leu­ten so. Die ver­wal­ten ihr Geld und sind superoft gei­zig, weil sie kei­nen Bock haben, die­sen Stan­dard zu ver­lie­ren. Ich glau­be, so ist es auch mit Erfolg. Man kann sehr, sehr tief fal­len, wenn man ihn nicht mehr hat. Du kannst mir nicht erzäh­len, dass ein Bushi­do da drü­ber steht. Guck dir die Ver­kaufs­zah­len an. Man muss kein Genie sein, um zu che­cken, dass der aktu­ell viel weni­ger Plat­ten ver­kauft oder Streams gene­riert als frü­her. Um den muss man sich kei­ne Sor­gen mehr machen, um Got­tes Wil­len, der hat sein Ding gemacht. Aber ich glau­be, das macht schon was mit einem.

MZEE​.com: Wel­che Art von Erfolg wünschst du dir für die Zukunft?

EstA: Das ist schwie­rig. Ich hab' nicht so hohe Ansprü­che. Auf jeden Fall hät­te ich ger­ne weni­ger Sor­gen. (lacht) Ich wün­sche mir, dass ich, mei­ne Freun­de und Fami­lie gesund blei­ben und dass ich den Draht, den ich aktu­ell zu ihnen habe, bei­be­hal­te. Ich habe ja gera­de noch mal ein biss­chen Schwung bekom­men durch "Allein gegen alle Pt.2", das war für mich ein Push. Per­sön­lich ist es auch cool, zu sehen, dass die Leu­te noch am Start sind und das fei­ern. Ich spre­che auf dem Album klar an, dass ich nicht weiß, ob das nicht viel­leicht mein letz­tes Release sein wird. Aus den Grün­den, die ich vor­hin beschrie­ben habe. Es lang­weilt mich, was im deut­schen Rap pas­siert. Das ist halt nicht mehr mein Film. Es wäre natür­lich mega, wenn das Album gut ankommt. Ansons­ten wün­sche ich mir ein lan­ges, erfüll­tes Leben. Wünscht sich ja jeder irgend­wie, oder? Man muss aber auch was dafür tun, da sind wir wie­der bei der ers­ten Fra­ge. Für mich ist es kein Zufall, das muss man sich ein­fach erar­bei­ten.

(Kira Fech­ner)
(Fotos von Mathi­as Blum)