High Five: 10 /​ 19 – mit u.a. Tarek K.I.Z, Funkvater Frank & Mikesh

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

Die cools­te Oma in Ber­lin | Gali­leo | Pro­Sie­ben

State­ment: Irme­la Mensah-​Schramm

Schon eh und je die­nen Graf­fi­tis und Tags dazu, State­ments zu set­zen. Sei es, um sich als Künst­ler zu zei­gen oder um Bot­schaf­ten kund­zu­tun. Neben vie­len harm­lo­sen Messa­ges fin­den sich oft auch rechts­ra­di­ka­le Sym­bo­le oder Äuße­run­gen an unse­ren Wän­den wie­der. Irme­la Mensah-​Schramm hat es sich zur Auf­ga­be gemacht, dem ent­ge­gen­zu­wir­ken. Seit bereits drei­ßig Jah­ren kratzt die soge­nann­te "Sprayer-​Oma" Nazi-​Sticker ab, über­sprüht Haken­kreu­ze und wan­delt men­schen­ver­ach­ten­de Sprü­che an Wän­den in ihr Gegen­teil um. Nun wur­de die Akti­vis­tin auf­grund von Sach­be­schä­di­gung zu einer Geld­stra­fe ver­ur­teilt. Das erscheint ziem­lich unfair, wenn man bedenkt, dass der eigent­li­che Scha­den schon vor­han­den war und sie das Gan­ze ledig­lich ver­bes­sert – wenn auch ille­gal. Sol­che Paro­len sind ein gro­ßes Pro­blem und schaf­fen sich nicht von allei­ne aus der Welt, denn Lack ist hart­nä­ckig. Aber Irme­la genau­so. So wird sie trotz­dem wei­ter machen und Hass in Lie­be umwan­deln.

 

Tarek K.I.Z - Kaputt wie ich (offi­ci­al video)

Video: Tarek K.I.Z – Kaputt wie ich

Musik­vi­de­os die­nen manch­mal ein­fach nur als zusätz­li­cher, opti­scher Reiz, manch­mal visua­li­sie­ren sie den text­li­chen Inhalt des Tracks und manch­mal stel­len sie eine ganz eige­ne Geschich­te dar. Und dann gibt es noch das Video zu "Kaputt wie ich" von Tarek K.I.Z. Der One­shot zeigt die Sze­ne­rie einer Mas­sen­ka­ram­bo­la­ge und fängt dabei Moment­auf­nah­men dut­zen­der Ein­zel­schick­sa­le ein. Umge­setzt von OH MY Films spielt das Video mit teils sehr dras­ti­schen Bil­dern und dem Kon­trast, die­se erschre­ckend nüch­tern zu insze­nie­ren. Man fühlt sich iso­liert von den leb­lo­sen, pani­schen und völ­lig ver­stör­ten Gesich­tern. Glei­cher­ma­ßen fühlt man sich in die­sem Moment aber auch ver­bun­den mit ihnen. Wäh­rend sich im eige­nen Kopf eine Hin­ter­grund­ge­schich­te für eine der in den Unfall ver­strick­ten Per­so­nen ent­fal­tet, ist die Kame­ra schon wie­der zum nächs­ten Schau­platz gezo­gen. Ehe man sich ver­sieht, ist alles vor­bei, ohne dass man bewusst zuge­hört hat, was Tarek im Lau­fe des Tracks über­haupt erzählt. Nicht nur des­we­gen lädt das Video dazu ein, es immer wie­der anzu­se­hen.

 

FALK - Abend­land (prod. Tima­ha)

Song: FALK – Abend­land

Wer FALK auf Face­book folgt, dem hat es Ende Sep­tem­ber fol­gen­den Post in die Time­li­ne gespült: "Am 4.10. kommt der wich­tigs­te Song, den ich je gemacht habe." Die­sen Wor­ten lässt er Taten fol­gen und droppt mit "Abend­land" einen Track, bei dem man von der ers­ten Sil­be an die per­sön­li­che Bedeu­tung spü­ren kann. Mit gleich­zei­tig wüten­der und trau­ri­ger Stim­me hält er dem Hörer den Spie­gel vor. Er zeigt, dass man in einer Gesell­schaft, in der "der Luxus in der Sup­pe […] super gewöhn­lich" ist, zuneh­mend den Blick für das Wesent­li­che ver­liert. Außer­dem macht er deut­lich, dass so etwas wie Natio­nal­stolz "Relik­te einer frü­he­ren Zeit" sind, da es nur Glück ist, dass der Ort, "wo dei­ne Eltern sich gebumst haben", frei von "Unter­jo­chung und Elend" ist. FALK stellt sich dabei aller­dings nicht auf einen Sockel und zeigt mit dem Fin­ger auf die ande­ren. Im Gegen­teil: Er bezieht sich selbst als Teil des Pro­blems mit ein und erreicht dadurch, dass man als Hörer sein eige­nes Ver­hal­ten reflek­tiert.

 

OG Kee­mo - Geist (prod. by Funk­va­ter Frank)

Instru­men­tal: OG Kee­mo – Geist (prod. by Funk­va­ter Frank)

Es gibt der­zeit wohl kaum ein Produzenten-​Rapper-​Duo, das so gut mit­ein­an­der har­mo­niert wie Funk­va­ter Frank und OG Kee­mo. Jeder Song der bei­den ist eine sound­tech­ni­sche Wucht. Und ihr neu­er Streich "Geist" stei­gert die ohne­hin schon hohe Mess­lat­te wei­ter. Dabei sind die Zuta­ten für den Song auf den ers­ten Blick recht sim­pel: eine ein­fa­che Strei­cher­me­lo­die kom­bi­niert mit ein paar har­ten Drums. Funk­va­ter Frank kit­zelt aus den Sam­ples aber genau das her­aus, was der Track braucht. So klingt die vor­der­grün­di­ge Gei­gen­me­lo­die, als sei sie direkt aus einem Hor­ror­film ent­sprun­gen – und passt damit per­fekt zur über­be­droh­li­chen Deli­very von OG Kee­mo. Dazu kommt dann das wuch­ti­ge Drum­set, das "Geist" zum abso­lu­ten Kopf­ni­cker ver­wan­delt, aber den­noch an den rich­ti­gen Stel­len Luft für die Prä­senz des Rap­pers lässt. In der Hook ist dies beson­ders inten­siv zu hören. Hier ver­zer­ren Effek­te den Sound zusätz­lich, um die über­bor­den­de Stim­mung des Tracks auf die Spit­ze zu trei­ben. Das alles macht "Geist" dre­ckig, bru­tal und mit­rei­ßend: ein Ban­ger, wie er im Buche steht. Kein Wun­der also, dass eines der Top-​Kommentare unter dem Musik­vi­deo des Songs lau­tet: "Ich mach' grad' ein' Einmann-​Moshpit."

 

Yaram­bo vs Mikesh /​/​ DLTLLY 4th TITLE MATCH (B.Day#6 /​/​ Ber­lin) /​/​ 2019

Line: Mikesh – Batt­le gegen Yaram­bo

[…] Mach wei­ter mit dei­nen Mör­der­li­nes auf Scho­cker.
Aber die Kon­se­quen­zen dei­ner Kunst spürt der Kör­per dei­ner Toch­ter.

Jeder, der den Film "8 Mile" gese­hen hat, weiß: Im Rap spielt lyri­sches Kräf­te­mes­sen eine star­ke Rol­le. Auch in Deutsch­land erfreut sich der­zeit die Writ­ten Battle-​Szene gro­ßer Beliebt­heit – es gibt ver­schie­de­ne For­ma­te, die viel Auf­merk­sam­keit auf sich zie­hen. Dabei kommt eine zen­tra­le Fra­ge immer wie­der auf: Wie weit darf Batt­lerap als Kunst­form gehen? Wann ist eine Gren­ze über­schrit­ten? Der Bon­ner Yaram­bo ver­tritt dabei den Ansatz, dass jede Eigen­schaft des Geg­ners als Angriffs­flä­che genutzt wer­den darf und der Här­te der eige­nen Punch­li­nes dabei kein Limit gesetzt ist. Dem­entspre­chend sind bei ihm regel­mä­ßig ras­sis­ti­sche, homo­pho­be und eben auch sexis­ti­sche Zei­len vor­zu­fin­den. Genau dies greift sein Geg­ner Mikesh auf, indem er ihm einen Spie­gel vor­hält, der in der oben zitier­ten Line sei­ne Poin­te fin­det. Wenn sich ein Rap­per auf eine Büh­ne stellt und kla­re Grenz­über­schrei­tun­gen im Rah­men eines Batt­les salon­fä­hig zu machen ver­sucht, muss dar­über gespro­chen wer­den. Damit zumin­dest deut­lich wird, wo die Gren­ze zwi­schen Kunst und All­tag liegt.

(Dzer­ma­na Schön­ha­ber, Dani­el Fersch, Tho­mas Lin­der, Flo­ri­an Peking, Micha­el Col­lins)
(Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)