Lea-​Won

Obwohl Lea-​Won schon seit vie­len Jah­ren ein Teil die­ser Rap­sze­ne ist, dürf­te sein Name eher Insi­dern ein Begriff sein. Neben jün­ge­ren Aus­flü­gen in die A cappella-​Battleszene gibt es in sei­nem musi­schen Schaf­fen kaum ein The­ma, das er noch nicht ver­ar­bei­te­te: von kri­ti­scher Selbst­re­fle­xi­on bis hin zu kla­rer Kan­te in diver­sen poli­ti­schen The­men. Und nie kann man behaup­ten, dem Künst­ler läge das Herz dabei nicht auf der Zun­ge. Trotz nicht all­zu hoher Bekannt­heit pola­ri­siert er außer­dem wie kein Zwei­ter. Auf­grund deut­li­cher Mei­nungs­äu­ße­run­gen, die er gern über Soci­al Media kom­mu­ni­ziert, gerät er immer wie­der in offe­ne Dis­kur­se. Wir haben uns im Her­zen Mün­chens mit Lea-​Won getrof­fen, um über sei­ne aktu­el­le EP "Karma­bo­la­ge", Ver­än­de­run­gen im HipHop-​Genre und Beweg­grün­de für all die­se Debat­ten zu spre­chen. 

MZEE​.com​: Du bist qua­si ein Urge­stein der Münch­ner HipHop-​Szene, dein Out­put ist aller­dings recht unre­gel­mä­ßig. Wor­an liegt es, dass Wer­ke wie dei­ne neu­es­te EP "Karma­bo­la­ge" nicht regel­mä­ßi­ger erschei­nen?

Lea-​Won: (über­legt) Gute Fra­ge. Wir sind mit "Karma­bo­la­ge" jetzt erst­mals bei Spo­ti­fy. Das ist ein Schritt, den wir erst gehen woll­ten, als wir wuss­ten, dass die EP ordent­lich auf­ge­nom­men und rich­tig gemischt ist. Die kann qua­si auch mal ein paar Jah­re so ste­hen­blei­ben. Davor war es häu­fi­ger so, dass ich in beson­ders inspi­rier­ten Pha­sen eine Men­ge an Tex­ten geschrie­ben hab', die ich total schnell auf­ge­nom­men und raus­ge­hau­en habe. Bei dem letz­ten Ding hat­te ich gar kei­nen Nerv, noch mal in einem rich­ti­gen Stu­dio unter guten Bedin­gun­gen auf­zu­neh­men. Das waren sehr per­sön­li­che Text­skiz­zen, zum Teil ohne Song-​Strukturen, das ist dann noch mal unter dem Unter­grund. Sowas kommt schon regel­mä­ßig und mit gewis­ser Kon­stanz. Doch in bestimm­ten Abschnit­ten habe ich ein­fach kei­nen, der genau­so viel Lie­be und Moti­va­ti­on, auch in der Post-​Produktion, rein­steckt wie ich. Um es kurz zu machen: Das liegt genau­so an ande­ren Per­so­nen wie an eige­nen Lebens­kri­sen, die einen zurück­wer­fen – trotz aller Inspi­ra­ti­on. Wenn man nicht finan­zi­ell dar­auf ange­wie­sen ist, Musik zu machen, muss man sie zum Glück auch nur auf­neh­men, wenn man wirk­lich etwas zu sagen hat.

MZEE​.com​: Hast du bei sol­chen Text­skiz­zen ohne Song-​Strukturen nicht den per­fek­tio­nis­ti­schen Drang, sie soweit fer­tig zu machen, dass du sie auch auf Spo­ti­fy packen könn­test?

Lea-​Won: Dem­entge­gen steht, dass ich es mit dem Spotify-​Upload zu einem Pro­dukt mache, das ich zu ande­ren ins Regal stel­le. Die EP vor "Karma­bo­la­ge" war "Zu schön um falsch zu sein", die an zwei Aben­den Freestyle-​mäßig aus mir raus­kam. Die war mir ein­fach per­sön­lich wich­tig. Natür­lich ist es schön, wenn ande­re der Musik auch etwas abge­win­nen kön­nen, aber sol­che Releases sind eher bedingt etwas, womit ich mich bei­spiels­wei­se auf die Büh­ne stel­le. Dazu kommt die Fra­ge: Wie viel Geld will man in sowas rein­ste­cken? Stu­dio­zeit, Abmi­schen, Mas­tern – das kos­tet nicht gera­de wenig für ein Release, bei dem du auch noch über­le­gen musst, wann du die Musik wie raus­haust. Das ist jetzt kei­ne fal­sche Beschei­den­heit, aber da inves­tie­re ich mein Geld auch ger­ne in wich­ti­ge­re Din­ge auf der Welt. Blöd gesagt: Ich spen­de lie­ber etwas für einen sinn­vol­len Zweck, statt in einem Video zur neu­en EP auf Hoch­glanz getrimmt beson­ders cool rüber­zu­kom­men. Ich fin­de, das ist fast eine roman­ti­sche Vor­stel­lung, dass Leu­te mei­ne Musik hören, obwohl sie nicht die per­fek­te Mische für den Club oder sonst etwas hat. Und ich selbst bin auch schon sehr glück­lich damit, eine auf dem Han­dy ein­ge­spro­che­ne Text­skiz­ze zu fin­den. Wenn die Ali­ens in 200 Jah­ren auf die Erde kom­men und mit ihren Scan­nern alle Über­res­te unter­su­chen, wer­den die auch das fin­den und hören. (grinst)

MZEE​.com​: Kurz gesagt stellst du die Per­fek­ti­on bei Kunst hin­ten an, weil es dir mehr um das Gefühl dabei geht.

Lea-​Won: Bei vie­lem kann ich das Gefühl der ers­ten Auf­nah­me zumin­dest nicht in einem pro­fes­sio­nel­len Stu­dio wie­der­ho­len oder so. Das will man dann auch nicht repro­du­zie­ren. Noch etwas ande­res dazu: Die Leu­te, die es geschafft haben, Musik zum Beruf zu machen – die Anti­lo­pen Gang, Fato­ni, um mal ein paar Bei­spie­le aus mei­ner Genera­ti­on zu nen­nen – da ist es eine Fra­ge des Talents, ganz klar. Auf der ande­ren Sei­te aber auch des Glücks, zur rich­ti­gen Zeit die rich­ti­gen Leu­te gekannt zu haben, die das Ding mit dir in dem Moment durch­zie­hen woll­ten. Sol­che Men­schen gab es bei mir auch, aber zu einem ganz ande­ren Zeit­punkt. Mitt­ler­wei­le bin ich in einem Alter, in dem die meis­ten Musik ent­we­der pro­fes­sio­na­li­siert oder auf­ge­ge­ben haben. Ich mache das alles not­falls allei­ne aus Mün­chen her­aus.

MZEE​.com​: Wie stehst du denn zur heu­ti­gen HipHop-​Szene in Mün­chen?

Lea-​Won: Schwer zu sagen. Es gibt in Mün­chen eine Men­ge an Men­schen, die unter­schied­lichs­tes Zeug machen. Ich wür­de sagen, dass sich Bewe­gun­gen, die man in ganz Rap-​Deutschland fin­det, auch in Mün­chen wider­spie­geln. Ich ent­de­cke im Netz immer wie­der Leu­te aus Mün­chen mit vie­len Klicks, die ich noch nicht von irgend­wel­chen Ses­si­ons kann­te. Bei vie­len merkt man auch gar nicht, dass sie aus Mün­chen kom­men – Fel­ly zum Bei­spiel, den ich erst­mals in Falk Schachts Pod­cast gehört habe. Der hat in einer ganz ande­ren Zeit ange­fan­gen als ich, schnell Con­nec­tions zu den Drun­ken Mas­ters auf­ge­baut und ist jetzt plötz­lich mit Cas­per und sonst wem unter­wegs. Was ich damit sagen will: Du hast in Mün­chen nicht mehr nur zwei, drei Orte, wo Rap statt­fin­det und sich alle ken­nen. Als ich ange­fan­gen habe, war das noch deut­lich über­schau­ba­rer. Es pas­sie­ren aber immer mehr span­nen­de Sachen. Wobei ich – wie in ganz Rap-​Deutschland – bei 80 Pro­zent aller Rap­per eher Unbe­ha­gen wegen deren Inhal­te ver­spü­re und nicht so recht weiß, ob ich mit denen etwas zu tun haben will. Ein­fach auf­grund des­sen, dass die inhalt­lich für etwas ande­res ste­hen und oft auch gar nicht ver­ste­hen oder wis­sen, was ich im Gegen­satz zu ihnen will oder an ihren Inhal­ten kri­ti­sie­ren wür­de.

MZEE​.com​: Auch auf dei­ner neu­en EP bist du – neben mehr per­sön­li­chen Anek­do­ten – wie­der viel in poli­ti­schen Gefil­den unter­wegs. War Rap in Deutsch­land in dei­nen Anfän­gen poli­ti­scher als heu­te?

Lea-​Won: (über­legt) Nein. Ich wür­de sagen, Rap ist heut­zu­ta­ge poli­ti­scher denn je, nur hat das eben auch viel mit den Zei­ten zu tun, in denen wir leben. Als ich ange­fan­gen habe, zu rap­pen, war in Deutsch­land für die brei­te Mas­se noch alles eine hei­le Welt. Da hat man allen­falls mit dem 11. Sep­tem­ber 2001 gesamt­po­li­ti­sche Zusam­men­hän­ge erken­nen wol­len. Die Finanz­kri­se oder die Griechenland-​Thematik haben auch noch nicht so viel bewirkt. Spä­tes­tens seit 2015, als die The­men Flucht und Migra­ti­on stär­ker gewor­den sind, wur­den aber die Leu­te immer lau­ter, die ent­we­der in ihrem eige­nen Leben damit zu tun hat­ten oder sich auf die Genera­ti­on ihrer Eltern rück­be­sin­nen, die neu nach Deutsch­land kamen. Ich glau­be, das spielt in vie­len Songs im Hin­ter­grund eine Rol­le. Viel­leicht fällt mir das aber auch auf, weil es eben all­ge­mein mehr Rap gibt und dabei logi­scher­wei­se mehr Poli­ti­sches. Und da stellt sich die Fra­ge, wie sich "poli­tisch" defi­niert: Wenn sich jemand über sei­ne Lebens­si­tua­ti­on beschwert und erzählt, dass er dank Rap end­lich Geld macht, kannst du das rein aus sozio­lo­gi­scher Sicht natür­lich auch so deu­ten. Man weiß nur nie, inwie­weit die Musi­ker da ein bewuss­tes Ver­ständ­nis für haben und dem­entspre­chend Kon­se­quen­zen zie­hen.

MZEE​.com​: Du meinst, dass man nicht ein­schät­zen kann, inwie­weit das tat­säch­li­che Selbst­re­fle­xi­on oder rei­ne Prah­le­rei mit dem aktu­el­len Sta­tus ist?

Lea-​Won: Ja, genau. Ich wür­de mir einer­seits auch wün­schen, dass Rap­per die­se Kri­tik auf gesell­schaft­li­che Umstän­de über­tra­gen. Dass es eben nicht um die Beschwer­de über den ein­zel­nen "Bul­len" geht oder die eine Gang, die einer ande­ren ihr Revier strei­tig machen will. Natür­lich weiß ich auch, was für ein Glück ich hat­te, in einem poli­ti­schen Eltern­haus auf­zu­wach­sen, in dem ich deut­lich bewuss­ter mit sol­chen The­men umge­hen konn­te und nie viel Druck gespürt habe. Ich konn­te in Ruhe Abi machen, ein Stu­di­um begin­nen und sowas. Das kön­nen ande­re halt nicht, die arbei­ten müs­sen, seit sie 16 sind. Ich bin in mei­ner eige­nen, pri­vi­le­gier­ten Posi­ti­on eben vor­sich­tig, mich über die Dumm­heit sol­cher Künst­ler zu beschwe­ren. Denn die hat­ten eben ganz ande­re Aus­gangs­la­gen in ihren Leben, aus denen her­aus sich ihre Gedan­ken und Lebens­sti­le ent­wi­ckelt haben.

MZEE​.com​: Das ist dahin­ge­hend span­nend, dass du sol­che Zwie­späl­te nicht nur in der Musik, son­dern auch als Autor bei diver­sen Maga­zi­nen beschreibst. Hat dich die­ser ste­tig kri­ti­sche Blick auf Rap dazu bewegt, selbst Musik zu machen?

Lea-​Won: Eine Zeit lang woll­te ich mich nur in der Musik damit aus­ein­an­der­set­zen. In den letz­ten Jah­ren habe ich aber immer häu­fi­ger gemerkt, dass mei­ne Stand­punk­te in der Musik vie­le Men­schen gar nicht errei­chen oder es sich für sie zu kom­pli­ziert dar­stellt. Mucke ist für vie­le eben Abschal­ten und da reicht es den meis­ten schon, wenn sie viel­leicht mal am Ran­de auf ande­re The­men hin­ge­wie­sen wer­den. Da dach­te ich mir, ob es nicht Sinn machen wür­de, sol­che Gedan­ken auch ver­schrift­licht und nüch­ter­ner fest­zu­hal­ten. Musik hin­ge­gen sehe ich mitt­ler­wei­le mehr als einen Ort, an dem es erst mal mehr um Gefüh­le geht, wo man viel­leicht ein­zel­ne Sachen ansto­ßen kann. Ich bil­de mir aber nicht mehr ein, auf ein­zel­nen Songs die kom­plet­te Welt bis ins Detail erklä­ren zu kön­nen oder gar zu wol­len.

MZEE​.com​: Du schal­test dich auch in den sozia­len Medi­en ger­ne in gesell­schaft­li­che Dis­kus­sio­nen ein – gera­de unter Posts ande­rer Künst­ler – und ver­trittst dei­ne Mei­nung offen­siv. Wie­so nimmst du so oft die Rol­le der Oppo­si­ti­on ein?

Lea-​Won: Die Fra­ge beant­wor­tet sich von selbst, oder? (grinst) Ich neh­me die dann ein, wenn ich es für not­wen­dig erach­te. Soweit ich das selbst beur­tei­len kann, kri­ti­sie­re ich nicht nur des Kri­ti­sie­rens Wil­len und pro­vo­zie­re nicht der Pro­vo­ka­ti­on wegen. Ich mache das, wenn mich etwas stört oder mir etwas auf­fällt. Das ist meis­tens gar nicht fron­tal oder aus einer abso­lu­ten Anti-​Haltung her­aus gemeint, son­dern aus Inter­es­se. Wenn man dann schon einen Raum wie das Inter­net hat, macht man das halt auch öffent­lich, damit ande­re Men­schen sich dazu­schal­ten kön­nen. Für mich ist das eine nor­ma­le demo­kra­ti­sche Debat­te. Ich wür­de mir wün­schen, dass das mehr Leu­te wie ich machen. Viel­leicht fehlt ande­ren aber wirk­lich die Zeit. Viel­leicht kann ich das nur machen, weil ich nicht sau­fe, nicht kif­fe, kei­ne Freun­de und zu viel Zeit habe. (grinst) Das beein­flusst natür­lich auch mei­ne Rap-​Tätigkeiten. Ich den­ke schon, dass da etwas dran ist, was mir ein­zel­ne alte Weg­ge­fähr­ten aus der Sze­ne sagen: Dass ich es mir durch die­se Art mit eini­gen "ver­scherzt" habe und heu­te ein ande­res Stan­ding hät­te, wäre ich nicht so oft die über­kri­ti­sche Ner­ven­sä­ge gewe­sen. Dar­über bin ich mir aber im Kla­ren. Es war mir trotz­dem wich­tig genug, die Leu­te zu fron­ten oder zu kri­ti­sie­ren für das, was sie tun oder sagen.

MZEE​.com​: Ich ver­ste­he zwar, was du sagst, fra­ge mich aber, ob das nicht irgend­wann ner­vig für die eige­ne Psy­che wird. Vie­le Dis­kus­sio­nen sind repe­ti­tiv oder bewe­gen sich in ähn­li­chen Gefil­den, wo man immer wie­der auf Gra­nit stößt.

Lea-​Won: Da müss­test du jetzt ein kon­kre­tes Bei­spiel nen­nen, weil ich fin­de, dass es genü­gend unter­schied­li­che The­men gibt, sodass es da für mich per­sön­lich auch genug Abwechs­lung beim Debat­tie­ren gibt. In vie­le Dis­kus­sio­nen gehe ich auch nicht mit einer beson­de­ren Ein­stel­lung rein, son­dern beschäf­ti­ge mich zuerst mit dem The­ma und ver­su­che die Ursa­chen einer Wort­wahl oder der Pro­ble­ma­tik auf­zu­zei­gen. Das ist eine Mini-​Recherche, die zu einem Ergeb­nis führt – wel­ches auch wie­der dis­ku­tiert wer­den kann, das stimmt.

MZEE​.com​: Ich glau­be ein­fach, dass es auf vie­le sehr pene­trant wirkt. Selbst ein Rap­per wie form, der bekannt­lich sehr dis­kus­si­ons­er­probt ist, stößt da an sei­ne Gren­zen.

Lea-​Won: Ich erklä­re es mal so: Vor zehn, fünf­zehn Jah­ren war ich noch deut­lich dog­ma­ti­scher und unbe­lehr­ba­rer. Da war ich in sek­ten­ähn­li­chen Zusam­men­hän­gen mit Gleich­ge­sinn­ten. Die ande­ren waren für uns Dep­pen, die nichts kapiert haben. Ich bin da durch­aus offe­ner gewor­den. Zumin­dest wür­de ich mich selbst so wahr­neh­men. Ich will ja ver­ste­hen, was das Pro­blem der Leu­te ist – nur stö­re ich mich dar­an, wenn es so all­ge­mein bleibt wie: "Es ist anstren­gend, mit dir zu dis­ku­tie­ren." Ja, okay – das ist Arbeit, die wir hier machen. Arbeit an uns selbst. Und wenn wir etwas ansto­ßen oder die Welt ändern wol­len, kann das müh­sam sein. Das kommt nicht nur im Inter­net auf, son­dern auch beruf­lich und pri­vat. (über­legt) Viel­leicht kön­nen ande­re Leu­te den Impuls, sich zu einem The­ma zu äußern, bes­ser unter­drü­cken – aus wel­chen Grün­den auch immer. Ich neh­me es den Leu­ten auch nicht übel, wenn sie gera­de kei­ne Zeit haben, zu ant­wor­ten. Ich fin­de das zwar scha­de, aber poche nicht dar­auf.

MZEE​.com​: Wir wür­den ger­ne noch einen ande­ren Aspekt anspre­chen. Im DLTLLY-​Kosmos merkt man von eini­gen Sei­ten schon eine Anti­pa­thie dir gegen­über. Ein Yaram­bo bei­spiels­wei­se …

Lea-​Won: (unter­bricht) Da sind die Lines ja lei­der wie­der weni­ger gewor­den! Bin wohl doch nicht auf­fal­lend genug. (grinst)

MZEE​.com​: Das mein­te ich eher damit, als ich über immer wie­der­keh­ren­de, ähn­li­che Dis­kus­sio­nen gespro­chen habe.

Lea-​Won: Du meinst also, ich soll­te mir lie­ber Grüpp­chen suchen, in denen mehr Leu­te mei­ner Mei­nung sind, weil das ein­fa­cher für mich wäre?

MZEE​.com​: Nein, ganz und gar nicht. Ich wür­de mich ein­fach nicht ger­ne von wild­frem­den Leu­ten belei­di­gen las­sen, weil ich mei­ne pola­ri­sie­ren­de Mei­nung immer wie­der in ver­schie­de­nen The­men ver­tre­ten muss. 

Lea-​Won: Vie­le von denen haben inhalt­lich eine ande­re Mei­nung und fin­den mich des­halb schei­ße, das ist völ­lig okay. Ande­re hän­gen sich aber ein­fach nur an die Grup­pen­dy­na­mik und sehen mich als Stö­ren­fried, der von außen rein­kommt und sie in ihrem "Wir sind hier eine ver­ein­te Community"-Feeling bedroht. Ich bil­de mir schon ein, die­se sozia­len Dyna­mi­ken dort zu durch­schau­en. Indoor Stan kommt Jah­re spä­ter zu mir und bedankt sich sogar bei mir, weil er unter ande­rem durch mein Zutun man­che Din­ge anders sieht. Mit Kar­ma hat­te ich auch vor Jah­ren Stress, wir haben uns trotz der über­trie­be­nen gegen­sei­ti­gen Reak­tio­nen mitt­ler­wei­le aus­ge­spro­chen. So ler­ne ich auch selbst dazu. Ich wür­de nicht sagen, dass ich so uner­bitt­lich bin wie vor zehn Jah­ren.

MZEE​.com​: Also machst du das eher, weil die Erfah­rung zeigt, dass du damit im ent­spre­chen­den Rah­men auch tat­säch­lich etwas ändern kannst?

Lea-​Won: Es geht mir nicht nur dar­um, etwas zu ändern. Ich sehe mich da manch­mal als eine Art Sozi­al­for­scher, der in der Feld­for­schung gewis­se Din­ge anspricht, um Ant­wor­ten zu sam­meln. Mei­ne Dis­kus­si­ons­part­ner müs­sen dann auch nicht zu 100 Pro­zent mei­ner Mei­nung sein. Natür­lich hät­te ich eine uni­ver­si­tä­re Lauf­bahn ein­schla­gen, mich auf die aka­de­mi­sche Schie­ne bege­ben und Inter­net­fo­ren und Ähn­li­ches hin­ter mir las­sen kön­nen. Dann wür­de ich die­se For­schung nur beruf­lich und sto­ckernst machen. Statt­des­sen brin­ge ich jetzt das, was ich gelernt habe, in sol­chen Berei­chen mit ein. In Berei­chen, die mir auch per­sön­lich wich­tig sind.

MZEE​.com​: Das ist aber ein biss­chen kon­trär. Vor­hin mein­test du, du pro­vo­zierst nicht der Pro­vo­ka­ti­on wegen. Jetzt sagst du, du wür­dest auch Din­ge sagen, nur um "Ant­wor­ten zu sam­meln".

Lea-​Won: Das war viel­leicht ein wenig schwam­mig. Ich stel­le manch­mal Nach­fra­gen gegen­über Kom­men­tie­ren­den, obwohl ich deren Grund­in­ten­ti­on durch­aus bereits zu ver­ste­hen glau­be. Ich hake aber noch mal nach, um es genau zu wis­sen. Das mein­te ich eher. Ich schlüp­fe jetzt nicht in eine kom­plett ande­re Rol­le, nur um Reak­tio­nen zu erfah­ren.

MZEE​.com​: Wir sind ein wenig vom The­ma abge­kom­men. Eigent­lich woll­te ich das DLTLLY-​Forum nur anspre­chen, um auf dei­ne eige­ne Batt­le­gra­phie zu spre­chen zu kom­men: Reizt es dich nicht, selbst mal wie­der anzu­tre­ten?

Lea-​Won: Das musst du den Chief fra­gen. (grinst) Das ist ja das The­ma. Jamie und Han­no ken­nen mich noch von Freestyle-​Sessions und ver­ste­hen ver­mut­lich eher, was ich mache. Da ist aber der Chief noch als "Szene-​Beschützer" mit drin. Der sieht, dass da einer ver­meint­lich von außer­halb kommt, der nahe­zu alle Batt­ler­ap­per kri­ti­siert und mit kei­nem von denen befreun­det sein will. "Was will der hier? Der macht unse­re Kul­tur kaputt." So sieht er das wahr­schein­lich, ohne sich kon­kret dazu zu äußern. Es juckt mich durch­aus in den Fin­gern, aber in den bei­den Batt­les, in denen ich mei­ne alter­na­ti­ven Sicht­wei­sen auch ein­ge­bracht habe, muss­te ich mer­ken, wie wenig das funk­tio­niert. Ande­rer­seits glau­be ich aber schon, dass ich es mal wie­der aus­pro­bie­ren soll­te. Ers­tens den­ke ich, dass ich heu­te man­ches treff­si­che­rer for­mu­lie­ren und bes­ser per­for­men wür­de und zwei­tens hat sich die Sze­ne durch­aus wei­ter­ent­wi­ckelt seit mei­nem letz­ten Batt­le. Leu­te wie Mikesh oder Rob­scu­re kön­nen mit ihren kri­ti­schen Ansät­zen heu­te auch Erfolg haben.

MZEE​.com​: Eine Sache fand ich gera­de sehr span­nend: Siehst du dich selbst als jeman­den, der "von außen" in die Sze­ne kommt?

Lea-​Won: Als Sozi­al­for­scher wür­de ich sagen, dass es da kei­nen Blick­win­kel gibt, der ent­we­der nur von innen oder von außen kommt. Ich mei­ne damit, dass sich mein Blick­win­kel auch in Bezug dar­auf ändert, wie ich mich selbst in der Sze­ne sehe. Das hat viel mit Feed­back von ande­ren zu tun: Wie neh­men die mich aktu­ell wahr? Ein Bei­spiel dafür wäre die­se Ansicht: "Nichts im Batt­le hat mit den Pri­vat­per­so­nen dahin­ter zu tun." Ich ver­ste­he, dass sich Leu­te auf sol­che Stand­punk­te eini­gen, die für sie klar sind. So klar, dass es wie eine geschlos­se­ne Par­al­lel­ge­sell­schaft ist. Ich will eini­ge Din­ge wie eben­je­nes nicht mit­ma­chen. Das ist dann eine Defi­ni­ti­ons­fra­ge, ob das ein Blick­win­kel "von außen" ist. Als Rap­fan, der ich bin, wür­de ich das nicht so sagen. Ich beschäf­ti­ge mich viel mit Batt­lerap, auch aus den Staa­ten. Ich sup­por­te das mit mei­nem Ein­tritt bei DLTLLY-​Events oder so. Ich bin also kein Ver­rück­ter, der nur irgend­et­was stu­diert hat und jetzt Jugend­li­che in einer Sub­kul­tur erzie­hen will.

MZEE​.com​: Die­se Grund­re­gel bezüg­lich kei­ner Gren­zen im Batt­le wird von den meis­ten Heads ja für bare Mün­ze genom­men – inwie­weit siehst du das anders?

Lea-​Won: Ich glau­be man­chen Leu­ten nicht, wenn sie sich nur auf ihre Kunst­frei­heit beru­fen wol­len. Ich glau­be vie­len nicht, dass es da nur um einen Cha­rac­ter geht, aus des­sen Sicht sie etwas dar­stel­len, als wür­den sie in eine Rol­le schlüp­fen. Trotz­dem beru­fen sich vie­le dar­auf. Da wol­len sich eini­ge nicht ein­ge­ste­hen, wie nah dran die­se Rol­le an ihren eige­nen Sicht­wei­sen auf die Welt ist. Das aktu­ells­te Bei­spiel ist Jig­zaw. Da hat die Kunst­fi­gur das Den­ken so beein­flusst, dass er wirk­lich so drauf ist. Ich bin Sozi­al­wis­sen­schaft­ler genug, um nicht nur zu sagen: "Der Typ ist ein Voll­idi­ot." Ich stel­le eher die Fra­ge, war­um er so ein Video als Waf­fe benutzt, anstatt Sexua­li­tät als Sache auf Augen­hö­he zu ver­ste­hen. Ich glau­be, man kann sol­che The­men durch­aus in der Battlerap-​Szene auf­brin­gen. Mikesh zeigt das in letz­ter Zeit ziem­lich gut. Das kann ich dann auch aner­ken­nen. Ich muss das The­ma nicht selbst noch mal in einem eige­nen Batt­le von mir auf­brin­gen – da kann ich mein eige­nes Ego auch zurück­stel­len, mich dar­über freu­en und sein Video tei­len. Um aber noch mal auf die Kunst­frei­heit zurück­zu­kom­men: Jeder darf im Inter­net natür­lich sagen, was er will. Ich sage bloß, dass Leu­te dann auch damit klar­kom­men müs­sen, wenn man nach­fragt, was das soll. Ich bil­de mir ein, den Unter­schied zu sehen, wenn Mikesh etwas Komi­sches rappt oder wenn Yaram­bo das macht. Es geht dann halt um den Dreh und die Poin­te dahin­ter.

MZEE​.com​: Zum Abschluss wol­len wir dir noch eine all­ge­mei­ne­re Fra­ge stel­len: Man­che sagen, man soll­te so wenig wie mög­lich aus der Sze­ne kon­su­mie­ren, in der man selbst tätig ist. Was sagst du dazu?

Lea-​Won: In wel­cher Sze­ne emp­fin­dest du mich denn als tätig?

MZEE​.com​: In die­sem Bei­spiel wäre das natür­lich die Rap­sze­ne.

Lea-​Won: (über­legt) Es ist nicht mehr so, dass ich auf dem Weg zur Schu­le Rap auf der Mini-​Disc höre. Von Leu­ten, die ich als Gleich­ge­sinn­te emp­fin­de und die mich – nicht alpha­mä­ßig – moti­vie­ren für den Tag. Es ist sel­te­ner gewor­den, dass ich Rap nur noch aus Ver­gnü­gen höre. Ich schaue mir fast alle neu­en Releases an, um kein Sozio­lo­ge zu sein, der die gesam­te Welt betrach­ten will, son­dern expli­zit nur die­se Kul­tur. Die gan­ze Welt wäre als Quel­le für Mate­ri­al zu umfang­reich. 

MZEE​.com​: Das klingt für mich gera­de mehr nach dem empi­ri­schen Cha­rak­ter von Rap für dich. Blöd gefragt: Bist du noch Fan?

Lea-​Won: Wie gesagt: Zwi­schen all dem Zeug, das ich nur aus Inter­es­se anschaue, gibt es immer noch genug Sachen, die ich sel­ber total füh­le. Die Beschäf­ti­gung mit dem Rap ande­rer ist für mich nicht nur Maso­chis­mus. (grinst) 

(Sven Aumil­ler und Sam Levin)
(Fotos von Kai Neu­nert)