History-​Adventskalender: Türchen #22 – Audio88 & Yassin (2015)

Wenn es drau­ßen lang­sam wie­der käl­ter wird und sich das Jahr dem Ende neigt, blickt man selbst ja ger­ne mal zurück und lässt die ver­gan­ge­nen Tage Revue pas­sie­ren. Wir möch­ten mit unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der einen Blick zurück­wer­fen – von heu­te bis hin zu den Anfän­gen von Hip­Hop in Deutsch­land. Sprich: knapp ein Vier­tel­jahr­hun­dert deut­scher Rap. Eine Sze­ne, die Mit­te der 90er unter ande­rem "direkt aus Rödel­heim" kam, aus dem "Fens­ter zum Hof" klet­ter­te, sich "vom Bord­stein zur Sky­line" auf­schwang und "zum Glück in die Zukunft" reis­te, um sich letzt­lich zwi­schen ein paar "Pal­men aus Plas­tik" nie­der­zu­las­sen. Kein Ele­ment der hie­si­gen HipHop-​Kultur dürf­te in all den Jah­ren einen so gewal­ti­gen Wan­del, so vie­le Höhen und Tie­fen, so vie­le Erfol­ge und Miss­erfol­ge durch­lebt haben wie Rap. Genau die­se Ent­wick­lung inner­halb der letz­ten 24 Jah­re möch­ten wir nun für Euch skiz­zie­ren, indem wir jedes Jahr anhand eines Albums dar­stel­len, wel­ches – unse­rer Mei­nung nach – nicht nur das ent­spre­chen­de Ver­öf­fent­li­chungs­jahr, son­dern auch die Sze­ne all­ge­mein nach­hal­tig präg­te.

 

2015: Audio88 & Yas­sin – Nor­ma­ler Samt

Das ist nor­ma­ler Samt in dei­nem Mund drin.
Der Beweis dafür, dass alle andern Schmutz sind.

Audio88 & Yas­sin waren schon längst eine Grö­ße des Unter­grunds. Mit ihrer "Herrengedeck"-Reihe rapp­ten sich die Ver­fech­ter der Mis­an­thro­pie schon um 2010 in die Her­zen der Untergrundrap-​Fans. Fünf lan­ge Jah­re soll­te es dann dau­ern, bis der lang ange­kün­dig­te "Nor­ma­le Samt" den Weg in unse­re Mün­der fand. Aber dafür war er umso bekömm­li­cher – oder eben gera­de nicht.

Denn "Nor­ma­ler Samt" war gera­de des­halb so wich­tig für die deut­sche Rap­sze­ne, weil das Duo damit schaff­te, was nur die wenigs­ten meis­tern: in den Main­stream gelan­gen, ohne an Kre­di­bi­li­tät ein­zu­bü­ßen. So hol­ten sich Audio88 & Yas­sin mal eben Tor­ky Tork und Bre­aque mit ins Boot und feil­ten an einem Sound­bild, das weit­aus zugäng­li­cher war, als es Fans der ers­ten Stun­de gewohnt waren. Gleich­zei­tig gelang es Tor­ky aber, kei­nes­falls zu weit vom ursprüng­li­chen Sound abzu­wei­chen. Ein wei­te­rer Plus­punkt des Albums waren zudem die zahl­rei­chen Refe­ren­zen auf all­seits bekann­te HipHop-​Größen, wel­che man allein schon im Intro fin­den konn­te. Fort­ge­führt wur­de dies mit der Neu­in­ter­pre­ta­ti­on eines Savas-​Klassikers und einem gera­de­zu monu­men­ta­len Untergrund-​Klassentreffen auf "Nor­ma­le Freun­de". Das alles moch­te zunächst klin­gen, als hät­te man sich doch sehr dem Main­stream ange­passt. Doch am Ende han­del­te es sich ein­fach um eine kon­se­quen­te Fort­set­zung der "Herrengedeck"-Teile. Purer Hass gegen die Mensch­heit und Zynis­mus vom Feins­ten, gepaart mit wohl­über­legt gewähl­ten Fea­ture­gäs­ten, was unter ande­rem Hits wie "Mann im Mond" mit Mäd­ness & Döll bewie­sen.

"Nor­ma­ler Samt" mag damals nicht den Weg in die Mün­der aller Schmüt­ze gefun­den haben. Aber es hat Men­schen­hass auf Alb­um­län­ge salon­fä­hig gemacht und all­täg­li­che Wor­te wie "nor­mal" und "Schmutz" zu zeit­lo­sem Jugend­slang empor­ge­ho­ben. Und all das, ohne dass man Audio88 & Yas­sin inzwi­schen als abge­ho­ben oder Sell-​out bezeich­nen könn­te. Statt­des­sen mun­kelt man jetzt – drei Jah­re spä­ter – über das nächs­te Album. Und nach dem Ein­schlag der letz­ten EP kann man da nur Gro­ßes erwar­ten …

(Lukas Päck­ert)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)