History-​Adventskalender: Türchen #21 – Haftbefehl (2014)

Wenn es drau­ßen lang­sam wie­der käl­ter wird und sich das Jahr dem Ende neigt, blickt man selbst ja ger­ne mal zurück und lässt die ver­gan­ge­nen Tage Revue pas­sie­ren. Wir möch­ten mit unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der einen Blick zurück­wer­fen – von heu­te bis hin zu den Anfän­gen von Hip­Hop in Deutsch­land. Sprich: knapp ein Vier­tel­jahr­hun­dert deut­scher Rap. Eine Sze­ne, die Mit­te der 90er unter ande­rem "direkt aus Rödel­heim" kam, aus dem "Fens­ter zum Hof" klet­ter­te, sich "vom Bord­stein zur Sky­line" auf­schwang und "zum Glück in die Zukunft" reis­te, um sich letzt­lich zwi­schen ein paar "Pal­men aus Plas­tik" nie­der­zu­las­sen. Kein Ele­ment der hie­si­gen HipHop-​Kultur dürf­te in all den Jah­ren einen so gewal­ti­gen Wan­del, so vie­le Höhen und Tie­fen, so vie­le Erfol­ge und Miss­erfol­ge durch­lebt haben wie Rap. Genau die­se Ent­wick­lung inner­halb der letz­ten 24 Jah­re möch­ten wir nun für Euch skiz­zie­ren, indem wir jedes Jahr anhand eines Albums dar­stel­len, wel­ches – unse­rer Mei­nung nach – nicht nur das ent­spre­chen­de Ver­öf­fent­li­chungs­jahr, son­dern auch die Sze­ne all­ge­mein nach­hal­tig präg­te.

 

2014: Haft­be­fehl  Rus­sisch Rou­let­te

Koks­dea­ler seit Knopf­ho­sen von Adi­das.
Jetzt wird's haram, Dadash, gib ihnen den Klas­si­ker.

Dass Haft­be­fehl die Fähig­keit besitzt, Musik zu ver­öf­fent­li­chen, die sämt­li­che Gren­zen sprengt, war schon nach dem Release von sei­nem Song "Cha­bos wis­sen wer der Babo ist" klar. Nach­dem sich selbst bie­de­re Poli­ti­ker sei­nes Slo­gans annah­men, wuss­te man, dass die­ser Künst­ler das Zeug dazu hat, etwas Gro­ßes zu erschaf­fen. Als Ende 2014 dann "Rus­sisch Rou­let­te" auf den Markt kam, wur­de die­se Erwar­tung nicht nur bestä­tigt, son­dern weit über­trof­fen.

Bei "Rus­sisch Rou­let­te" han­delt es sich nicht nur um das bes­te Release aus eben­je­nem Jahr, son­dern ver­mut­lich um eines der bes­ten Alben der jün­ge­ren, wenn nicht gan­zen Rap­ge­schich­te die­ses Lan­des. Denn die Art und Wei­se, wie Haft­be­fehl hier Geschich­ten erzählt, ist beein­dru­ckend. Die Bil­der, die der Rap­per ver­bal zeich­net, drän­gen sich sofort in den Kopf des Hörers und las­sen die Welt des Prot­ago­nis­ten sehr nah wir­ken, so weit sie doch eigent­lich ent­fernt sein mag. Dies schafft er nicht nur auf Ban­gern wie dem Ope­ner "Ihr Huren­söh­ne", son­dern beson­ders auf Songs wie "Azz­lackz ster­ben jung 2". Hier ent­fal­tet sich das gan­ze Talent von Haft­be­fehl als Sto­ry­tel­ler. Dass all die­se Lie­der mit einer ein­zig­ar­ti­gen Wort­wahl und einem unnach­ahm­li­chen Flow vor­ge­tra­gen wer­den, macht die­ses Album ein­fach groß­ar­tig. Doch so fes­selnd die Geschich­ten des Rap­pers sind, so gut sind sie auch musi­ka­lisch unter­malt. Denn die Arbeit von Baz­za­zi­an als haupt­ver­ant­wort­li­cher Pro­du­zent darf hier nicht uner­wähnt blei­ben. Jeder Beat auf "Rus­sisch Rou­let­te" bie­tet dem Rap­per genü­gend Platz, um sich dar­auf zu ent­fal­ten, aber hat noch genug eige­nes Leben, sodass er auch für sich ste­hen könn­te. Die Akzen­te wer­den zu jeder Sekun­de rich­tig gesetzt und sind unglaub­lich facet­ten­reich.

"Rus­sisch Rou­let­te" war nichts ande­res als ein Game­ch­an­ger im deut­schen Rap und ist nicht umsonst ein­ge­schla­gen wie eine Bom­be. Und dass es zu der Zeit genü­gend Leu­te gab, die ver­such­ten, Haft­be­fehl jeg­li­ches Talent abzu­spre­chen, zeugt nur davon, wie fan­tas­tisch die­ses Album ist. Denn die bes­ten Din­ge lösen auch die größ­ten Gegen­re­ak­tio­nen aus …

(Sam Levin)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)