History-​Adventskalender: Türchen #08 – Curse (2001)

Wenn es drau­ßen lang­sam wie­der käl­ter wird und sich das Jahr dem Ende neigt, blickt man selbst ja ger­ne mal zurück und lässt die ver­gan­ge­nen Tage Revue pas­sie­ren. Wir möch­ten mit unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der einen Blick zurück­wer­fen – von heu­te bis hin zu den Anfän­gen von Hip­Hop in Deutsch­land. Sprich: knapp ein Vier­tel­jahr­hun­dert deut­scher Rap. Eine Sze­ne, die Mit­te der 90er unter ande­rem "direkt aus Rödel­heim" kam, aus dem "Fens­ter zum Hof" klet­ter­te, sich "vom Bord­stein zur Sky­line" auf­schwang und "zum Glück in die Zukunft" reis­te, um sich letzt­lich zwi­schen ein paar "Pal­men aus Plas­tik" nie­der­zu­las­sen. Kein Ele­ment der hie­si­gen HipHop-​Kultur dürf­te in all den Jah­ren einen so gewal­ti­gen Wan­del, so vie­le Höhen und Tie­fen, so vie­le Erfol­ge und Miss­erfol­ge durch­lebt haben wie Rap. Genau die­se Ent­wick­lung inner­halb der letz­ten 24 Jah­re möch­ten wir nun für Euch skiz­zie­ren, indem wir jedes Jahr anhand eines Albums dar­stel­len, wel­ches – unse­rer Mei­nung nach – nicht nur das ent­spre­chen­de Ver­öf­fent­li­chungs­jahr, son­dern auch die Sze­ne all­ge­mein nach­hal­tig präg­te.

 

2001: Cur­se – Von Innen nach Außen

Rap war immer schon tiefs­te Emo­ti­on und der Rest sind Lügen.

Zwi­schen 2000 und 2001 war deut­scher Rap zum ers­ten Mal im Main­stream ange­kom­men. In der Öffent­lich­keit herrsch­te von die­sem Zeit­punkt an jedoch noch lan­ge die weit­ver­brei­te­te Mei­nung, dass es sich bei Hip­Hop ledig­lich um das niveau­lo­se Gestam­mel der prol­li­gen Unter­schicht han­de­le. Cur­se lie­fer­te mit sei­nem zwei­ten Album "Von Innen nach Außen" das "Gegen­gift" dazu.

Der­art tief­sin­ni­ge Tex­te, wie es sie auf dem zwei­ten Album des Min­de­ners zu hören gibt, waren für einen Rap­per, der es in die Top Ten der Charts schaff­te, bis dato unge­hört. Cur­se' lyri­sche Qua­li­tä­ten nimmt man nach wie vor auf jedem ein­zel­nen Track wahr. Bereits der Ope­ner "Denk an mich" und das hym­ni­sche "Soul­mu­sic" unter­mau­ern, mit wel­chem Selbst­ver­ständ­nis hier Rap gemacht wur­de, der weit­aus mehr sein will als stump­fes Ange­ben und Unter­hal­ten. Auf dem über 75 Minu­ten lan­gen Werk gibt es neben aller­lei Nach­denk­li­chem sowie Oden an Frau­en, Freun­de und Fami­lie auch Sto­ry­tel­ling und bra­chia­len Batt­lerap zu hören. Ob Cur­se dabei auf but­ter­wei­chen Beats über sei­nen per­sön­li­chen Strugg­le rappt oder mit Tone und Azad um die Wet­te flext – immer ste­cken die Tex­te vol­ler Meta­phern und wohl­durch­dach­ter Bil­der. Die Lyrics sind jedoch nur ein Grund, war­um das Album bis heu­te nichts von sei­ner Fas­zi­na­ti­on ein­ge­büßt hat. Auch die durch­wegs groß­ar­ti­gen Beats, die unter ande­rem von Busy und Roey Mar­quis II. stam­men, sind essen­ti­ell für den Hör­ge­nuss des Werks. Beson­ders sei hier Sasch­liq erwähnt, der, lan­ge bevor es hier­zu­lan­de eine aus­ge­präg­te Beat-​Kultur gab, bereits Instru­men­tals pro­du­zier­te, die denen von US-​Amerikanischen Legen­den wie DJ Pre­mier oder Pete Rock in nichts nach­stan­den.

"Von Innen nach Außen" eta­blier­te mit sei­ner inhalt­li­chen und musi­ka­li­schen Fül­le eine intel­lek­tu­el­le Kom­po­nen­te im deut­schen Rap, die in der Öffent­lich­keit bis heu­te schänd­lich unter­re­prä­sen­tiert ist. Die­sem Klas­si­ker merkt man die Lie­be zu und den Respekt vor unse­rer Kul­tur jeden­falls zu jeder Sekun­de an – und das macht Spaß!

(Stef­fen Bau­er)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)