High Five: 11 /​ 18 – mit u.a. Lance Butters, OG Keemo & Yassin

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

EstA - AOK Rheinland-​Pfalz/​Saarland Gesund­heits­rap (Offi­zi­el­les Musik­vi­deo)

State­ment: EstA

Deut­scher Rap spricht eine gro­ße Mas­se an: Er ist Jugend­kul­tur, über wei­te Tei­le sogar Pop­mu­sik. Und das bringt neben vie­len posi­ti­ven Fol­gen auch sei­ne Schat­ten­sei­ten mit sich. Denn der Erfolg lockt selbst­ver­ständ­lich Geschäfts­leu­te an, die sich an der Brei­ten­wirk­sam­keit des Gen­res berei­chern wol­len. Rap­per, die dem nach­ge­ben, wer­den oft mal mehr, mal weni­ger gerecht­fer­tigt als "Sell­out" ver­schrien. Doch was EstA mit sei­nem neu­en Song – oder eher Wer­be­spot – für die AOK ablie­fert, brennt sich ein­deu­tig als Nega­tiv­bei­spiel ins Gedächt­nis. "Die AOK ist fresh, nicht wie ande­re alt­ba­cken und voll kit­schig" – die­ser Ein­stieg kann im Ange­sicht des­sen, was in den nächs­ten zwei­ein­halb Minu­ten gesagt und gezeigt wird, nur iro­nisch gemeint sein. Von den Background-​Tänzerinnen im Krankenpfleger-​Outfit bis zu den gesund­heits­the­ma­ti­schen Wort­spie­len, die der Batt­ler­ap­per aus dem Hut zau­bert, wirkt alles der­art kon­stru­iert, dass es einem die Fuß­nä­gel hoch­rollt. Das gesam­te, unan­ge­neh­me Video scheint wie der feuch­te Traum einer Mar­ke­ting­ab­tei­lung vol­ler Ü50-​Werbetexter, die sich vor­stel­len, was "die Jugend" gera­de cool fin­det. So erreicht der Clip genau das Gegen­teil sei­ner Inten­ti­on: EstA lie­fert ein Para­de­bei­spiel dafür, wie das Kon­zept "Rap als Jugend­sprach­rohr" nach hin­ten los­ge­hen kann.

 

Lan­ce But­ters - Wake Up Fucked Up (Offi­ci­al Video)

Video: Lan­ce But­ters – Wake Up Fucked Up

Ja, das Video ist kein Feu­er­werk der Ide­en und Effek­te – eigent­lich sehen wir über drei Minu­ten lang nur Lan­ce But­ters selbst und Kat­zen­ba­bys. Aber es sind eben zucker­sü­ße Kat­zen­ba­bys! Chris­ti­an Alsan und sein Video­team schaf­fen es, ein Tier­vi­deo als Musik­vi­deo umzu­set­zen, ohne dass es unpas­send oder gar kit­schig wirkt. Statt­des­sen erle­ben wir einen typisch abge­fuck­ten Lan­ce But­ters, wel­cher sich über den "Ever­y­day Strugg­le" aus­kotzt und wäh­rend­des­sen Kat­zen strei­chelt. Und wenn dann das Biggie-​Sample in der Hook ein­setzt, bekommt der Zuschau­er nur wun­der­schö­ne Tier­bil­der zu sehen. Kurz und knapp: Das Kon­zept ist sim­pel, auf den ers­ten Blick völ­lig wider­sprüch­lich, doch am Ende ein­fach pas­send. Denn manch­mal braucht man ein­fach sol­che süßen Sze­nen, um vom täg­li­chen Abfuck wie­der run­ter­zu­kom­men.

 

OG Kee­mo - Vor­wort (Offi­ci­al Video 4k)

Song: OG Kee­mo – Vor­wort

Wer unser Inter­view mit Crys­tal F gele­sen hat, wird auch über die Stel­le stol­pern, als er über Tua spricht: Ein Jun­ge von der Stra­ße, der auf "Grau" auch mal ech­ten Gefüh­len frei­en Lauf ließ und damit dem Gen­re sprich­wört­lich einen neu­en Farb­an­strich gab. Ein ähn­li­cher Vibe kommt auf, wenn man das Intro von OG Kee­mos Plat­te "Skalp" hört. Der Mann­hei­mer rappt nur all­zu gern von sei­ner Ver­gan­gen­heit vol­ler Ein­brü­che, Alko­hol­ex­zes­se und Schlä­ge­rei­en. Umso authen­ti­scher und ehr­li­cher wirkt es da, wenn der Rap­per auch mal sei­nen Emo­tio­nen frei­en Lauf lässt. Ein ruhi­ges Instru­men­tal lei­tet sein "Vor­wort" ein, indem er nicht nur den Tod sei­ner Mut­ter ver­ar­bei­tet, son­dern auch offen über sein Innen­le­ben spricht. Die­se Momen­te sei­ner Kar­rie­re bebil­dert OG Wan Keno­bi zudem mit einer solch außer­ge­wöhn­li­chen tech­ni­schen Fines­se, dass er es mir nicht beson­ders schwer macht, mei­nen Song des Monats Novem­ber zu wäh­len.

 

Die Herr­schaft der Kaker­la­ken

Instru­men­tal: Lemur – Die Herr­schaft der Kaker­la­ken (prod. by Lemur)

Lemur ist bekannt für sei­ne beson­de­ren Beats, die sich stil­tech­nisch nicht in Kate­go­ri­en ein­ord­nen las­sen – so auch das Instru­men­tal zum Titel­track sei­ner EP "Die Herr­schaft der Kaker­la­ken". Ein­ge­lei­tet wird es von einem sanf­ten Pia­no, wel­ches Raum für ein Voice-​Sample, eine drü­cken­de Kick und Synthie-​Sounds macht, um sich dann wäh­rend des Parts gekonnt wie­der ein­zu­schlei­chen. Was die­sen Beat so inter­es­sant macht, sind die teils ver­frem­de­ten Sounds: So klingt etwa die Hi-​Hat fast wie Schreib­ma­schi­nen­ge­räu­sche. Dadurch, dass immer mehr Ele­men­te dazu­kom­men, ent­wi­ckelt sich der Beat in der Hook­li­ne zu einem rich­ti­gen Spek­ta­kel, ohne dass dabei ein unde­fi­nier­ba­rer Sound­tep­pich ent­steht. Durch die äußerst gute Abmi­schung lässt sich trotz des mäch­ti­gen Auf­ge­bots jedes Ele­ment her­aus­hö­ren. Die Über­gän­ge zu den Parts und den somit weni­ger "vol­len" Pas­sa­gen sind mehr als gelun­gen, man wird stets über­rascht und erhält vie­le uner­war­te­te Hör­mo­men­te. Und das macht die­ses Lemur-Instru­men­tal zu etwas ganz Beson­de­rem.

 

Yas­sin - ABENDLAND [Offi­ci­al 4K Video]

Line: Yas­sin – ABENDLAND

Doch was nüt­zen die schöns­ten Meta­phern …
Wenn's die Dümms­ten nicht raf­fen? Es wird dun­kel im Abend­land.

Wäh­rend die Ankün­di­gung eines Yas­sin-Solo­al­bums rela­tiv über­ra­schend kam, war abzu­se­hen, dass die ers­te Single- und Video­aus­kopp­lung zu "YPSILON" ent­spre­chend groß­ar­tig wer­den dürf­te. Und so war­tet "ABENDLAND" nicht nur mit einer viel­leicht etwas unge­wohn­ten, aber in jedem Fall stim­mi­gen Sound­äs­the­tik auf, son­dern auch der Rap­per zeigt sich inhalt­lich von sei­ner bes­ten Sei­te. Obwohl gefühlt jede Zei­le des Tracks eine Line des Monats dar­stel­len könn­te, ist es vor allem eine, die her­aus­sticht. Yas­sin the­ma­ti­siert das Gefühl, gegen eine Wand zu reden, wenn man Ver­tre­ter rech­ter Ideo­lo­gi­en mit der eige­nen Kunst kon­fron­tiert, die sich ent­schie­den gegen Ras­si­mus posi­tio­niert. Dabei schei­nen zu vie­le längst zu ver­bohrt in ihren fal­schen Welt­an­schau­un­gen, als dass Soli­da­ri­täts­kon­zer­te oder ander­wei­ti­ge Pro­jek­te gegen Aus­gren­zung und Faschis­mus sie von ihrem Weg abbrin­gen könn­ten. Doch gera­de des­halb ist es umso wich­ti­ger, sich von Men­schen, die so falsch den­ken (wol­len), nicht davon abhal­ten zu las­sen, für das Rich­ti­ge ein­zu­ste­hen. Damit es, selbst "wenn's die Dümms­ten nicht raf­fen", nie­mals ganz dun­kel wird im Abend­land.

(Flo­ri­an Peking, Lukas Päck­ert, Sven Aumil­ler, Dzer­ma­na Schön­ha­ber, Dani­el Fersch)
(Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)