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Kico

In 89 Minu­ten kann man viel erle­ben. Man kann es sich für einen gan­zen Spiel­film vor dem Fern­se­her gemüt­lich machen, von Ham­burg nach Mün­chen flie­gen oder fast ein gan­zes Fuß­ball­spiel gucken. Oder man führt mal eben ein "kur­zes" Inter­view mit einem net­ten jun­gen Her­ren namens Kico, der nicht müde wird, Gegen­fra­gen zu stel­len und kur­ze Fra­gen mit sei­ten­lan­gen Mono­lo­gen zu beant­wor­ten. So erging es mir kürz­lich – und das, obwohl ich zu Beginn schon dar­auf hin­wies, dass das Inter­view am bes­ten "nicht län­ger als 30 Minu­ten" gehen soll­te. Pus­te­ku­chen. Das Gute dar­an: Das ein­zi­ge Inter­view, das der Kas­se­ler Rap­per zu sei­nem neu­en Album "Grand Line" gab, han­delt so ziem­lich alle The­men ab, die man sich nur wün­schen kann. So spra­chen wir nicht nur über die aktu­el­le Plat­te, son­dern auch über die kom­men­de Gene­ra­ti­on und mög­li­cher­wei­se anste­hen­de Spal­tung der deut­schen Rap­sze­ne. Es ging um Ani­mes – titel­ge­bend für "Grand Line" –, schlech­te Albumtitel-​Ideen, aktu­el­le Batt­ler­ap­for­ma­te und Kicos Anfän­ge des Rap-​Hörens und -Machens. Und zu guter Letzt kamen auch Rap-​ferne The­men wie die anste­hen­de Bun­des­tags­wahl, Heimat-​Verbundenheit sowie das The­ma Rei­sen zur Spra­che.


Pro­log.

Kico: Bevor wir anfan­gen, möch­te ich dich ger­ne etwas fra­gen … Ist es nicht der­be läs­tig, das Inter­view hin­ter­her abzu­tip­pen?

MZEE​.com: (lacht) Ernst­haft gemein­te Fra­ge?

Kico: Ja. Lass uns doch ein­fach die Auf­nah­me als Audio-​Interview hoch­la­den. Dann hast du gar kei­ne Arbeit mehr.

MZEE​.com: Das haben wir vor Jah­ren tat­säch­lich so gemacht. Und es war rich­tig ner­vig: Du hast alle Außen­ge­räu­sche mit auf der Auf­nah­me und kannst kei­nen Unsinn wäh­rend dem Inter­view machen, weil man spä­ter alles hört. Das nimmt einem die Frei­hei­ten, die man durch die Tran­skrip­ti­on ja bewusst hat. Und dann arten man­che The­men aus und man muss alles neu zusam­men­schnei­den … (über­legt) Aber – um dei­ne Fra­ge wirk­lich zu beant­wor­ten: Ja, ich has­se Inter­views abtip­pen.

Kico: Wie lan­ge dau­ert das denn? Das Inter­view mit Pimf ging ja zum Bei­spiel schon etwas län­ger.

MZEE​.com: Ja, das ging 47 Minu­ten.

Kico: Und wie lan­ge tippt man da?

MZEE​.com: Mal drei. Und dann lese ich es noch cir­ca vier Mal, um es zu kür­zen … War­um inter­viewst du mich eigent­lich gera­de? Was ist denn hier los?!

Kico: (lacht) Ich hab' mein Dik­tier­ge­rät schon an!

 

MZEE​.com: Lass uns mit einem klei­nen Gedan­ken­spiel begin­nen. Du hast kürz­lich einen Track namens "Kein Bock" ver­öf­fent­licht. Wenn du dir mal die aktu­el­le Lage der deut­schen Rap­sze­ne vor­nimmst: Auf wel­ches The­ma hast du zur­zeit gar kei­nen Bock mehr?

Kico: Es gibt eigent­lich kei­ne bestimm­te The­ma­tik, die mir im Deutschrap auf den Sack geht – mir gehen mehr die Leu­te selbst auf den Sack. Mich nervt die­se extre­me Selbst­dar­stel­lung von vie­len. Und das mitt­ler­wei­le jeder Schwanz rappt. Vie­le dre­hen die hef­tigs­ten Hol­ly­wood­fil­me, aber tref­fen den Takt noch nicht mal. Ich glau­be, vor eini­gen Jah­ren hat man noch mehr geübt, bevor man sich gezeigt hat. Irgend­wie ist das gene­rell so mit der Gene­ra­ti­on, die jetzt her­an­wächst: Like-​geil, jeder muss sich zei­gen und vie­le Leu­te hin­ter­fra­gen sich dabei gar nicht. Denen ist irgend­wie nichts pein­lich. Viel­leicht hat das mit der Rap­sze­ne an sich aber weni­ger zu tun …

MZEE​.com: Das hat schon etwas damit zu tun. Im End­ef­fekt stellt sich doch die Fra­ge, ab wann man Teil der Sze­ne ist. Ver­mut­lich ist jeder, der rappt, schon Teil der Sze­ne – vor allem, wenn die Leu­te sich sel­ber dem Gan­zen auch zuord­nen.

Kico: Es gibt halt vie­le Leu­te, die zwar rap­pen und Auf­merk­sam­keit bekom­men, aber zum Bei­spiel kei­ne Auf­trit­te haben und in der Rap­sze­ne auch gar nicht statt­fin­den. Die rap­pen dann halt in ihrem Parallel-​Universum. Ich bin auch nicht der kras­ses­te Szene-​Typ, aber durch die vie­len Auf­trit­te in den letz­ten Jah­ren habe ich mich auto­ma­tisch mehr dar­in bewegt.

MZEE​.com: Vor kur­zem wur­de in einer Dis­kus­si­on fol­gen­de The­se auf­ge­stellt: "In zehn Jah­ren wird es die alte HipHop-​Szene mit ihren Wer­ten und vier Ele­men­ten nicht mehr geben, da sich nach und nach alles Rich­tung Main­stream ent­wi­ckelt." Wie siehst du das?

Kico: Ich kann mir gut vor­stel­len, dass sich die Sze­ne wei­ter in Rich­tung Main­stream ent­wi­ckelt. Und den­noch den­ke ich, dass es die ande­ren, alten Krei­se auch immer geben wird. Ich glau­be, die Leu­te, die jetzt plötz­lich ohne jeg­li­chen Hin­ter­grund Rap hören und machen, wer­den sich gar nicht erst in die­se Krei­se bewe­gen. Die machen Vide­os für ihren YouTube-​Channel, um irgend­wen zu unter­hal­ten. Die alte Sze­ne kann sich davon schon ein Stück weit abkap­seln. Ich den­ke nicht, dass es in dem Bereich irgend­wann nichts mehr gibt – es gibt immer noch Leu­te, die spray­en und tan­zen. Und denen die Wer­te wich­tig sind. Ich den­ke, dass dadurch gewis­se Sachen auch erhal­ten blei­ben.

MZEE​.com: Ich glau­be, dass es sich noch sehr viel stär­ker spal­ten wird. In ver­schie­dens­te Sub­gen­res, von denen man­che Wert auf die­ses HipHop-​Ding legen und ande­re kei­ne Ahnung haben, wovon wir hier eigent­lich reden.

Kico: Das siehst du ja auch jetzt schon: Labels, die Main­stream auf­fah­ren und bei denen es mehr um Unter­hal­tung als um die Mucke oder gar irgend­wel­che Wer­te dahin­ter geht. Da gibt es dann vor Release zig Pro­mo­blogs: "Ich ver­kau­fe mich, bin ein lus­ti­ger Typ. Guck mal: Ich hab' hier einen wit­zi­gen Post. Ach und nicht ver­ges­sen: Mein Album kommt." Kommt halt drauf an, wie man sich sel­ber plat­zie­ren möch­te. Ich hab' bei mei­nem neu­en Album zum Bei­spiel auf Blogs und sowas bewusst ver­zich­tet und ein­fach nur Mucke gemacht. Der Rest soll­te in der Musik auch nicht so wich­tig sein wie das Pro­dukt, was man am Ende hört.

MZEE​.com: Wo du gera­de dein neu­es Album ansprichst: War­um hast du so lan­ge gebraucht, um mit einer neu­en Plat­te nach­zu­le­gen? Was ist nach "Reboot" pas­siert und dach­test du zwi­schen­zeit­lich dar­an, nie wie­der ein Album zu drop­pen?

Kico: Ja, dar­an dach­te ich auf jeden Fall. Die Ant­wort dar­auf gibt es wit­zi­ger­wei­se in mei­nem Book­let. (grinst) Es gab echt eine Pha­se, in der ich nicht mehr geglaubt hab', dass ich noch­mal release. Mich hat mei­ne Bezie­hung damals ziem­lich aus der Rap-​Sache raus­ge­ris­sen. Am Anfang der Bezie­hung war ich viel Rap-​mäßig unter­wegs. Doch mit der Zeit habe ich mich sehr zurück­ge­nom­men. Ich war mehr zu Hau­se, hab' ander­wei­tig gear­bei­tet und den Fokus nicht mehr auf die Musik gelegt. Eigent­lich hat­te ich aber immer Bock drauf. Als ich mich dann getrennt hab', hat­te ich plötz­lich wie­der das Gefühl, das ich ursprüng­lich hat­te. Ich war ziem­lich gefickt, als mei­ne Bezie­hung aus­ein­an­der gegan­gen ist und ich hat­te den Drang, das irgend­wie raus­zu­las­sen. Dar­um sind auf mei­nem Album auch vie­le nach­denk­li­che­re Songs … Vor einem drei­vier­tel Jahr kam dann irgend­wie ganz schnell eins zum ande­ren: Die Part­ne­rin war weg, ich hat­te wie­der Zeit und total Bock, Mucke zu machen. Jetzt bin ich wie­der dabei und hab' rich­tig Spaß dran.

MZEE​.com: Wo liegt der größ­te Unter­schied zwi­schen "Reboot" und dei­nem neu­en Album?

Kico: "Reboot" war halt ein Tape. Ich wür­de behaup­ten, das neue Album ist in allen Belan­gen rei­fer und vom Sound her ein­heit­li­cher, weil ich den Groß­teil mit dem glei­chen Pro­du­zen­ten gemacht hab'. Zwei Aus­rei­ßer sind ein biss­chen trap­pi­ger ange­haucht. Aber ansons­ten haben vie­le Tracks knal­len­de Drums und sind HipHop-​lastig … (über­legt) Grund­sätz­lich hat­te ich halt auch kei­nen Bock auf Theater-​Entertainer-​Rap, den es auf "Reboot" noch mehr gab. Ich woll­te ein­fach was machen, von dem man sagen kann: "Ich nehm' den für voll." – Egal, ob man was damit anfan­gen kann oder nicht. Das ist Mucke, die ernst genom­men wer­den soll. Nicht jeder Track ist ver­kopft und voll nega­ti­ver Lau­ne. Aber grund­sätz­lich ist der Ton ein biss­chen erns­ter als frü­her und ich glau­be, dass man mir das auch abneh­men kann.

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MZEE​.com: Dein neu­es Album trägt den Titel "Grand Line" – han­delt es sich dabei um eine Anspie­lung auf die Anime­se­rie "One Pie­ce"?

Kico: Ja, genau.

MZEE​.com: Ich bin bei mei­ner Recher­che auf ein Anime-​Wiki gesto­ßen und da stand, dass es sich bei der "Grand Line" um eine Mee­res­rou­te han­delt. Kannst du mir kurz erklä­ren, wor­um es dabei genau geht und war­um du die­sen Titel für dein Album gewählt hast?

Kico: Letz­ten Endes hat­te ich meh­re­re Arbeits­ti­tel. Ich hab' Jonas (Pimf, Anm. d. Red.) zwan­zig Titel von mei­ner Lis­te vor­ge­le­sen, aber den nicht. Irgend­wann guckt er in das Doku­ment auf mei­nen Rech­ner und sieht "Grand Line": "Das ist ja geil! Was ist das denn?!" Und ich hab' gesagt: "Ja, das ist aus One Pie­ce … Das ist der Name der Mee­res­rou­te, auf der die Pira­ten ent­lang rei­sen." Jonas fand den Titel cool und ich dach­te mir: "Eigent­lich ist der schon geil – und ich hab' 'nen Bezug dazu." Und den kann man halt ganz gut auf mich über­tra­gen – indem die Grand Line dafür steht, dass ich mit dem Mucke machen wie­der eine Linie für mich gefun­den hab'.

MZEE​.com: Möch­test du mir den schlech­tes­ten Album-​Titel von dei­ner Lis­te ver­ra­ten?

Kico: (lacht) Ein Titel war zum Bei­spiel "Vier von fünf".

MZEE​.com: Wie­so denn das?!

Kico: Das soll­te sagen: Ist gut, aber nicht per­fekt. (bei­de lachen) Dann könn­te man sich den­ken: Der Typ ist wenigs­tens ehr­lich, er weiß, da ist noch Poten­zi­al. (grinst) Da habe ich mir dann aber sel­ber gedacht, dass ich das nicht brin­gen kann …

MZEE​.com: Ich hab' mir dein Cover ges­tern mal genau­er ange­se­hen. Wo wur­de das auf­ge­nom­men – in New York?

Kico: Ja, das Foto hab' ich sel­ber geschos­sen. Auf dem Cover siehst du oben die Brook­lyn Bridge. Und guckst du gera­de­aus, blickst du auf Man­hat­tan – bist aber in Brook­lyn … Ich fand das Bild ganz cool, wie der Jun­ge da auf der Stra­ße Schnee schip­pt. Ich hat­te für das Cover meh­re­re Ent­wür­fe. Aber sie sind nicht das gewor­den, was ich mir vor­ge­stellt hab'. Am Ende hab' ich dann das Foto von mei­ner New York-​Reise gefun­den und dach­te mir: "Ja, war­um nicht? Sieht doch gut aus."

MZEE​.com: Ande­re machen ein rie­si­ges Kon­zept, über­le­gen sich: "Okay, was muss da drauf? Wo kön­nen wir hin, um so ein Foto zu machen? Der Titel muss sich von irgend­was ablei­ten las­sen …" Und du so: "Der Titel war in 'nem Word-​Dokument, hat Pimf gefun­den, und das Foto war in mei­nem Foto-​Ordner und sah am bes­ten aus." (bei­de lachen)

Kico: Am Anfang woll­te ich ein Cover machen, das wegen dem Titel eine Affi­ni­tät zu Ani­mes hat. Aber das sah so Kinderbuch-​mäßig aus und hat ein­fach nicht seri­ös gewirkt. Son­dern so, dass man den­ken könn­te: "Okay, was ist das denn für ein Kin­der­hör­spiel?" Dann gab's noch einen ande­ren Ent­wurf: Wegen Grand Line dach­ten wir, wir neh­men einen U-​Bahn-​Plan und machen die Lini­en schnör­ke­lig über­ein­an­der. Ich fand das Ergeb­nis in Ord­nung, aber wirk­lich geil war es halt nicht. Und dann dach­te ich, wenn eh schon alles so per­sön­lich ist, dann guck ich mal, ob ich irgend­ein gutes Foto geschos­sen hab'. Und das fand ich irgend­wie cool.

MZEE​.com: Lass uns mal über das Zitat von dir spre­chen: "Ich rapp' seit zehn Jah­ren, viel­leicht ein Feh­ler – denn: Wenn Rap nicht mein Weg ist, kam ich durch Rap von meim Weg ab!" – Es ist kein Geheim­nis, dass du nach dem Abitur kei­ne Aus­bil­dung und kein Stu­di­um gemacht hast, son­dern als Lebens­künst­ler mit Rap und Jobs unter­wegs bist. Ist das gan­ze "den rich­ti­gen Weg fin­den" – auch beruf­lich gese­hen – ein The­ma für dich?

Kico: Beruf­lich gese­hen war das in mei­ner letz­ten Bezie­hung ein ganz gro­ßes The­ma. Für mich ist ziem­lich klar, dass ich kei­ne Aus­bil­dung machen wer­de. Es sei denn, ich sehe den abso­lu­ten Sinn dar­in. Ich wür­de aber kei­ne Aus­bil­dung machen, nur um eine gemacht zu haben. Oder stu­die­ren, um die Zeit rum­zu­krie­gen. Ich muss schon das Gefühl haben: Das ist abso­lut das, was ich machen will. Es ist so, dass ich eigent­lich ziem­lich locker mit mei­ner Situa­ti­on umge­he. Ich muss mit mir sel­ber klar­kom­men und hab' ein­fach Bock, was aus mir zu machen. Und Mucke ist halt das, was ich gera­de lei­den­schaft­lich, aber auch mit Fleiß mache. Wenn ich irgend­wann mer­ke: Das ist jetzt doch ein­fach nur ein Hob­by – dann ist es eben nur ein Hob­by. Und dann ver­su­che ich, mich in einer ande­ren Sache zu ver­wirk­li­chen. Ich den­ke, dass da die Selbst­stän­dig­keit mein Weg ist. Nach der Schu­le war ich schon direkt selbst­stän­dig. Klar hät­te ich auch was ande­res machen kön­nen, aber ich bin in diver­se Sachen so rein­ge­rutscht und hab' ver­sucht, sel­ber mein Ding zu machen. Und das wer­de ich, glau­be ich, mein gan­zes Leben so machen.

MZEE​.com: Was sagen denn Eltern zu einem Kind, das meint: "Einen gera­den Lebens­weg wer­de ich nie­mals gehen"?

Kico: Na ja, ich sag' ja nicht, ich wer­de kei­nen gera­den Lebens­weg gehen. Es heißt ja nur, dass der Weg ein gewis­ses Risi­ko mit sich bringt. In Deutsch­land ist man halt sehr sicher­heits­ori­en­tiert – und das bin ich ein­fach gar nicht. Ich will heu­te nicht dar­über nach­den­ken, was in 50 Jah­ren mal ist. In 50 Jah­ren ist eh alles anders, als es heu­te pro­pa­giert wird. Ich ver­su­che, alles zu machen, dass das was ich mir vor­neh­me, klappt. Aber wenn es nicht hin­haut, sit­ze ich nicht heu­lend in der Ecke. Mein Umfeld kommt eigent­lich ziem­lich gut damit klar. Mein Vater fin­det das zum Bei­spiel nur geil – der hat selbst kei­ne Aus­bil­dung gemacht, aber mitt­ler­wei­le ein sehr gro­ßes Unter­neh­men am Lau­fen. Er sup­por­tet mich da nur und sagt: "Ja, geh dei­nen Weg!" Mei­ne Mut­ti ist da ein biss­chen kon­ser­va­ti­ver – aber sie steht dahin­ter. Ich habe aber auch nie nach Geld gebet­telt oder so. Sie haben gese­hen, dass ich klar­kom­me und ver­su­che, was zu errei­chen. Und dann ist doch alles in Ord­nung … Ich ver­ur­tei­le auch nie­man­den dafür, der das anders macht. Wenn jemand einen her­kömm­li­che­ren Weg geht, fin­de ich das auch völ­lig in Ord­nung. Aber ich mag es nicht, wenn ich dafür ver­ur­teilt wer­de, dass es bei mir halt nicht so ist.

MZEE​.com: Hast du das Gefühl, dass viel­leicht noch was voll­kom­men ande­res auf dei­nem Weg auf dich war­tet?

Kico: ich kann mir das schon vor­stel­len, aber das steht in den Ster­nen. Ich bin der fes­ten Mei­nung, wenn du Kon­tak­te pflegst und dich bei dem, was du machst, gut anstellst, wird dir immer irgend­wo eine Tür offen­ste­hen. Es gibt immer wie­der Leu­te, die über tau­send Umwe­ge in ihren Beru­fen lan­den. Nicht, weil sie eine Aus­bil­dung dafür gemacht haben. Viel­leicht ist es auch was ganz ande­res, als sie geplant haben, aber sie sind trotz­dem hap­py mit ihrer Situa­ti­on. Viel­leicht sogar glück­li­cher als sie mit dem gewor­den wären, was sie eigent­lich stu­diert haben … Ich glau­be, wenn man ein biss­chen furcht­los ist und die Sachen ein­fach angeht, kann einen nichts so schnell brem­sen.

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MZEE​.com: Im Zuge mei­ner Recher­che habe ich auch gese­hen, dass du vor eini­ger Zeit immer wie­der klei­ne Comedy-​artige Clips auf Face­book ver­öf­fent­licht hast.

Kico: (lacht) Ja.

MZEE​.com: Da habe ich mich gefragt, ob du dir auch vor­stel­len kannst, mal in eine ganz ande­re künst­le­ri­sche Rich­tung zu gehen?

Kico: Das kommt drauf an. Ich hab' schon Bock auf sol­che Sachen, aber das müss­te man halt von Rap tren­nen. Ich wür­de das nicht mehr so krass ver­mi­schen. Wenn ich die­se Mucke ernst­haft betrei­ben will, fin­de ich es schwie­rig, sich hin­zu­stel­len und gleich­zei­tig Stand-​Up zu machen. Wenn ich aber sage, das eine Kapi­tel funk­tio­niert nicht und gibt mir nichts mehr – dann könn­te ich mir durch­aus vor­stel­len, ande­re Sachen zu machen. Auch sowas. Aber die Vide­os, die du da gese­hen hast, sind schon drei oder mehr Jah­re alt. Da liegt auf jeden Fall gera­de kein Fokus drauf. (grinst)

MZEE​.com: Apro­pos ande­re künst­le­ri­sche Rich­tung: Dazu gehör­te vor ein paar Jah­re auch dei­ne Teil­nah­me an diver­sen Battle­for­ma­ten. Du hast ja recht abrupt damit auf­ge­hört. Ver­misst du das Batt­len manch­mal?

Kico: Grund­le­gend ja. Ich wür­de so ein Batt­le auch noch mal machen. Aber wenn, dann nur ein­mal. Und mich nicht wie­der in einen Tur­nier­ab­lauf bege­ben. Manch­mal den­ke ich schon noch dran. Ich hat­te viel Spaß dabei und weiß, dass ich das kann – ich hab' das ja tau­send Mal gemacht … Ja, ich ver­mis­se das schon manch­mal ein biss­chen. Und trotz­dem fin­de ich es ganz wich­tig, mich davon zu lösen. Weil ich in vie­len Augen und Ohren immer noch nur der Batt­lerap­per bin – was ja auch logisch ist, nach so einer inten­si­ven Zeit. Es ist für mich aber jetzt erst­mal wich­tig, dass ich mei­ne Mucke an den Start brin­ge und nicht so viel Kram drum­her­um mache.

MZEE​.com: Wie nimmst du den Stand der deut­schen Batt­le­sze­ne heu­te war, wenn du von außen einen Blick drauf wirfst – sei es online oder die Live-​Acapella-​Formate?

Kico: Das Acapella-​Format mein­te ich damit – wenn ich über­haupt noch­mal wo batt­len wür­de, wür­de ich zu so einem gehen. Internet-​Battle-​Formate sind ein­fach tot für mich. Das reizt mich per­sön­lich nicht mehr. Und bei den Acapella-​Formaten hab' ich das Gefühl, dass die ihre Sache schon echt gut machen und das Niveau da recht hoch ist.

MZEE​.com: Wo wir bei der Ver­gan­gen­heit sind: Kannst du mir mal von dei­nen Rap-​Anfängen erzäh­len? Wie bist du in einer Stadt wie Kas­sel dazu gekom­men, zu rap­pen?

Kico: (lacht) Wie ist denn Jonas in einer Stadt wie Hof­geis­mar dazu gekom­men, zu rap­pen …?! Es gab ja damals Camps wie Optik und Aggro. Ich war mehr der Aggro-​Junge. Ich hab' ein­fach Aggro- oder Bushido-​Sachen gehört, mir ein paar Beats run­ter­ge­la­den und drauf los­ge­schrie­ben. Ich hab' mit ein paar Kum­pels aus Spaß ein­fach rum­ge­rappt, bin ein biss­chen akri­bi­scher dran­ge­blie­ben und hab' nach der Schu­le jeden Tag ein oder zwei Songs gemacht. Ich hab' bestimmt ein­ein­halb Jah­re mit dem Head­set gerappt, bis ich mir mein ers­tes Mikro­fon gekauft hab'. Ich konn­te mein Head­set per­fekt abmi­schen, echt den best­mög­li­chen Sound raus­ho­len. Und dann bin ich öfter auf Ver­an­stal­tun­gen gelan­det. Wie das damals so war, gab es DEN Rap­per in jedem Freun­des­kreis. Heut­zu­ta­ge ist das wahr­schein­lich jeder zwei­te. (lacht) Heut­zu­ta­ge ist jeder Freun­des­kreis schon ne Crew!

MZEE​.com: Und wer war dein Lieb­lings­rap­per in dei­nen ers­ten Jah­ren als Rap-​Konsument?

Kico: Ich hab' ganz klas­sisch Emi­nem gehört und, was Deutschrap angeht, war es wahr­schein­lich Bushi­do. "Vom Bord­stein bis zur Sky­line" ist für mich auf jeden Fall eines der bes­ten Deutschrap-​Alben. Das war halt was völ­lig Neu­es. Wahr­schein­lich hat mich irgend­was dar­an fas­zi­niert. Dann hab' ich schnell ange­fan­gen, sel­ber zu schrei­ben.

MZEE​.com: Das geht aber vie­len in dem Alter so … Ver­folgst du denn heu­te noch jeden Tag, was in der deut­schen Rap­sze­ne so geht?

Kico: Ich bin in der Regel schon auf dem neus­ten Stand. Und wenn wir zu Auf­trit­ten fah­ren, machen wir oft Rap-​Quizes. Eigent­lich müss­te ich mitt­ler­wei­le ziem­lich erfah­ren sein, was Rap-​Themen angeht, weil wir uns rich­tig viel dar­über aus­tau­schen. Aber wenns rein ums Musik hören geht, hör ich mitt­ler­wei­le viel mehr Ami- als Deutschrap. Das war frü­her genau umge­kehrt. Heu­te gibt mir Ami­rap mehr, was die Inspi­ra­ti­on angeht – von den Amis kann man sich irgend­wie viel mehr abgu­cken. Ich mein', ich höre heu­te J. Cole-, Logic- oder Skepta-​Alben an – was ich frü­her nie gemacht hät­te. Da hat­te Jonas schon 'nen gro­ßen Ein­fluss auf mich. Der ist ja ne lau­fen­de Plat­ten­kis­te …

MZEE​.com: Kom­men wir mal auf ein ande­res The­ma zu spre­chen: Ich rede in fast jedem Inter­view kurz mit dem Künst­ler über Poli­tik. Ehr­lich gesagt habe ich lan­ge nach­ge­dacht und konn­te mich nicht dran erin­nern, dass du dich je öffent­lich poli­tisch geäu­ßert hät­test. Stimmt das oder habe ich da etwas über­se­hen?

Kico: Nee, da hast du tat­säch­lich etwas über­se­hen. Ich glaub', ich hab' mich mal poli­tisch in einem Facebook-​Post geäu­ßert. Aber ich muss dazu sagen: Ich hab' mich nur sel­ten mal seri­ös geäu­ßert. (bei­de lachen) Ich bin meis­tens sehr sar­kas­tisch und kann anhand der Ant­wor­ten auch aus­sor­tie­ren, wer den Sar­kas­mus checkt und wer wohl eher nicht.

MZEE​.com: Bist du denn jemand, der sich mit dem poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen aus­ein­an­der­setzt?

Kico: Nicht so, dass ich irgend­wel­che Wahl­pro­gram­me lese oder mich inten­siv mit der Welt­po­li­tik beschäf­ti­ge. Aber ich hal­te mich gene­rell dar­über auf dem Lau­fen­den, was in der Welt pas­siert. Das kannst du ja schon, wenn du auf Face­book ein paar bestimm­te Sei­ten abon­nierst. Du kriegst dann ja stän­dig irgend­wel­che Updates. Ich gucke aller­dings fast kein Fern­se­hen mehr, son­dern bewe­ge mich fast aus­schließ­lich im Inter­net.

MZEE​.com: Und im Bezug auf die anste­hen­de Bun­des­tags­wahl: Wirst du wäh­len gehen?

Kico: Ja, ich wäh­le schon. Aber es ist für mich, wie für die meis­ten eigent­lich die Ent­schei­dung über das gerings­te Übel. Ich fin­de es aber grund­sätz­lich bes­ser, eine Stim­me abzu­ge­ben, als das Gan­ze kom­plett irgend­wel­chen Affen zu über­las­sen. Es besteht halt immer die Gefahr, dass irgend­wel­che Hohl­brat­zen Schei­ße bau­en, wenn du sel­ber auf alles 'nen Fick gibst.

MZEE​.com: Zum Abschluss des Inter­views wür­de ich noch ger­ne auf das The­ma Rei­sen zu spre­chen kom­men. Du bist stän­dig unter­wegs, viel inner­halb Deutsch­lands, aber letz­tens auch in Aus­tra­li­en. Spielt Fern­weh in dei­nem Leben eine gro­ße Rol­le?

Kico: Nö. Gar nicht.

MZEE​.com: Was?!

Kico: (lacht) Nö. Du musst es so sehen: Ich lie­be mei­ne Leu­te hier. Aber Kas­sel ist für mich vor allem des­we­gen der per­fek­te Wohn­ort, weil er der bes­te Ort zum Weg­fah­ren ist. Es ist einer der zen­trals­ten Orte in Deutsch­land. Egal, wo du hin willst: Du bist gleich da.

MZEE​.com: Das ist gar nicht mal so ein tol­les Kom­pli­ment für die Stadt.

Kico: (grinst) Das stimmt. Es ist so: Ich woh­ne ger­ne hier und ich mag Kas­sel. Aber Ham­burg fei­er' ich zum Bei­spiel tau­send Mal mehr als Kas­sel. Und es gibt noch ande­re Städ­te, die ich mehr fei­er'. Ich hab' hier mei­nen Job und mein Umfeld, das mir nahe steht. Aber ich hab' auch in ande­ren Städ­ten Leu­te, die mir was bedeu­ten oder Orte, wo ich ger­ne noch­mal hin­möch­te. Ich fahr' nie zurück nach Kas­sel, weil ich den Her­ku­les, der hier steht, so toll fin­de oder ich mich da von der Stadt selbst beson­ders hin­ge­zo­gen füh­le. Und wann hast du mich mal rap­pen hören: "Ey yo, Kas­sel, ich häng' hier am Königs­platz …"? (lacht) Gar nicht! Ich hab' auch wenig mit den Szene-​Leuten hier zu tun. Nicht, weil ich die nicht mag, son­dern weil ich hier wirk­lich wenig unter­wegs bin.

MZEE​.com: Spielt denn der Hei­mat­be­griff bei dem Gan­zen eine Rol­le für dich?

Kico: Ja, aber Ham­burg ist mehr Hei­mat. Ich bin ein Schei­dungs­kind und in ver­schie­de­nen Städ­ten groß­ge­wor­den. Mei­ne Mut­ter hat in Kas­sel gelebt und mein Papa ist nach Ham­burg gezo­gen. Das heißt, ich war in mei­ner Kind­heit in den Feri­en viel in Ham­burg. Und wenn ich da am Hafen ste­he, hab' ich mehr das Gefühl, dass es sich rich­tig anfühlt. Kas­sel ist ne schö­ne Stadt, aber es ist nicht die Super­la­ti­ve. Ich ver­brin­ge jede Woche auch nur ein paar Tage hier. Den Rest bin ich im Stu­dio in Hof­geis­mar oder tin­gel' durch die Gegend. Ich bin im Monat viel­leicht ein Drit­tel der Zeit in mei­ner Woh­nung.

MZEE​.com: Als Abschluss pas­send dazu: Wohin geht dei­ne Rei­se dem­nächst? Sei es gedank­lich, musi­ka­lisch oder aus­lands­tech­nisch gese­hen.

Kico: Die nächs­te "rich­ti­ge" Rei­se wird Anfang nächs­ten Jah­res im asia­ti­schen Raum sein, weil ich da unbe­dingt mal hin will. Asi­en ist eigent­lich der ein­zi­ge Kon­ti­nent, auf dem ich noch nicht war. Und durch die Ani­mes habe ich ja auch eine Affi­ni­tät dazu. Da hab' ich total Bock drauf. (über­legt) Zur musi­ka­li­schen Rei­se: Pimf und ich sind jetzt bei­de mit unse­ren Alben durch und wir wer­den wei­ter Mucke machen. Und was mein Leben all­ge­mein betrifft, möch­te ich ein­fach nur, dass es vor­an­geht. Wohin es letzt­end­lich geht, weiß ich nicht. Ich ste­cke mir nach und nach ein Ziel, aber wo ich in drei Jah­ren bin, kann ich dir nicht sagen.

MZEE​.com: Möch­test du zum Abschluss des bis­her 89-​minütigen, ein­zi­gem Inter­view zu dei­nem Album noch irgend­et­was los­wer­den?

Kico: Ja. Ich möch­te mich auf­rich­tig dafür ent­schul­di­gen, dass du so ne lan­ge Tipp­ar­beit vor dir hast … (lacht) Und ich freue mich auf das nächs­te Inter­view zu mei­nem nächs­ten Album.

(Flo­rence Bader)
(Fotos von Mar­cel Krufft)